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Mein Name ist Robicheaux

In Dankbarkeit gewidmet

Barbara Theroux und McKenna Jordan

für ihre langjährige Unterstützung meiner Arbeit

JAMES LEE BURKE

Mein Name ist
Robicheaux

Ein Dave-Robicheaux-Krimi
Band 21

Als Bonus die Erzählung

The Wild Side of Life

Aus dem Amerikanischen
von Jürgen Bürger

1

In melancholischen Momenten, wenn ich das Gefühl habe, dass das Leben auf dieser Erde zu viel für uns ist und wir schon bald von unserer Macht, alles zu bekommen und zu verschwenden, ausgelöscht werden, fühle ich mich wie ein Dichter des frühen 19. Jahrhunderts dazu genötigt, eine Pause einzulegen und meine Erfahrungen mit den Toten zu reflektieren und wie sie unser Leben beeinflussen.

Dies mag wie eine makabre Sichtweise auf das eigene Leben erscheinen, doch ab einem bestimmten Punkt scheint es die einzige zu sein, die wir haben. Sterblichkeit ist nichts Nettes, und lasst euch von keinem etwas anderes einreden. Falls es so etwas wie Weisheit gibt, und soweit es mein eigenes Leben betrifft, hege ich diesbezüglich ernsthafte Zweifel, liegt sie in der Akzeptanz des menschlichen Daseins und vielleicht noch in dem Wissen, dass jene, die von uns gegangen sind, immer noch bei uns sind, irgendwo dort draußen im Nebel, dass sie uns den Weg weisen und manchmal aus den Schatten heraus auch leise zur Vorsicht mahnen, uns manchmal in unseren Träumen besuchen, so hell wie eine Kerze, die in einem fensterlosen Keller brennt.

An einem Wintermorgen, zwischen weißen Nebelwolken draußen auf dem Spanish Lake, sah ich die Jungs der Konföderierten in ihren nussbraunen Uniformen, wie sie durch die überfluteten Zypressen platschen, die Musketen hoch über den Kopf erhoben, die Ausrüstung mit Lumpen umwickelt, damit nichts klappert. Ich stand keine drei Meter von ihnen entfernt und doch nahmen sie keine Notiz von mir, als ob sie wüssten, dass ich noch nicht geboren war und ihre Mühen und Opfer nicht von mir geschultert werden mussten.

Ihre Gesichter waren ausgezehrt von den Entbehrungen, wachsbleich, das Haar nicht geschnitten und die Risse in ihren Uniformen nur unbeholfen mit Schnur geflickt. Ihre Münder waren zusammengekniffen, in den Augen leuchtete die Vorsicht. Der jüngste Soldat, ein Trommler, konnte nicht älter als zwölf gewesen sein. Einmal ging ich ins Wasser, um mich zu ihnen zu gesellen. Selbst da nahm niemand meine Anwesenheit wahr. Der Trommler-Junge stolperte und konnte sich nicht mehr aufrichten, kämpfte mit dem Lederriemen um seinen Nacken und dem Gewicht der Trommel. Ich streckte die Hand aus, um ihm zu helfen, und spürte, wie sie durch seine Schulter glitt. Ein Sonnenstrahl stach durch die Baumkronen und verwandelte den Nebel in weiße Seide; in weniger als einer Sekunde war die Kolonne verschwunden.

Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, mir oder anderen solche Ereignisse zu erklären. Wie viele meines Alters glaube ich, dass man Menschen in Gruppen aus dem Weg gehen sollte, dass es töricht ist, sich mit anderen zu streiten, und dass das Wissen einer Generation nicht an die nächste weitergegeben werden kann. Das mögen zynische Ansichten sein, doch es gibt gewisse Wahrheiten, die man für sich behält und nicht verteidigt, aus Furcht, sie sonst herabzuwürdigen und dann ganz zu verlieren. Solche Wahrheiten haben weniger mit den Toten zu tun, als eher mit der Erkenntnis, dass wir nicht anders sind als sie, dass sie immer noch bei uns sind und wir immer noch bei ihnen, und dass es kein Leben nach dem Tod gibt, sondern nur ein einziges Leben, ein Kontinuum, in dem alle Zeit zugleich ist, wie ein Traum im Kopf Gottes.

Warum sollte ein alter, dreimal verwitweter Mann sich mit Dingen aufhalten, die nicht beweisbar sind und nichts mit einer vernünftigen Weltvorstellung zu tun haben? Denn erst gestern, auf einem kaputten Bürgersteig in einer heruntergekommenen Gegend am unteren Ende der St. Claude Avenue im Lower Ninth Ward des St. Bernard Parish, unter einer Kolonnade, die nach Katrina immer noch völlig verbogen war, gegenüber eines Spirituosenladens mit verrammelten Fenstern, der unter einer Virginia-Eiche stand, die mindestens 200 Jahre alt war, sah ich zur Melodie von Darling Nelly Gray einen Zug der Konföderierten-Infanterie aus einem Feld marschieren und durch die Wand eines ausgebrannten Hauses verschwinden, ohne auf der anderen Seite wieder herauszukommen.

* * *

Der Mann, wegen dem ich hergekommen war, hieß Fat Tony Nemo, auch bekannt als Tony the Nose, Tony Squid oder Tony Nine Ball … Letzteres allerdings nicht etwa, weil er ein so ausgebuffter Billardspieler wäre, sondern weil er mal einem Barkeeper mit dem Endstück eines Poolqueues eine Neuner-Kugel in den Mund gestopft hatte. Das war natürlich in einem früheren Leben passiert, als er noch als Geldeintreiber für Didoni Giacano gearbeitet hatte und die zwei immer in Didis Cabrio mit einem blutverschmierten Baseballschläger auf dem Rücksitz durch New Orleans kutschiert waren und jedem eine Scheißangst eingejagt hatten, der die wöchentliche Buchmachergebühr nicht zahlen konnte. Zurzeit war Fat Tony in der Politik unterwegs, im Drogenhandel, Prostitution, Casinos, Hollywoodfilmen und in der Betonbranche. Außerdem hatte er in Hongkong für die Triaden Geld gewaschen und Somozas Schmalzlocken geholfen, Crack und Kokain in Amerikas Innenstädten zu etablieren. Was sein Revier betrifft, so hatte er überall in Louisiana, Mississippi und Florida seine Finger im Spiel. Falls er auch nur einen Hauch von Anstand oder Angst vor dem Gesetz hatte, so hatte ich davon bisher nichts mitbekommen.

Warum sollte also nun ein halbpensionierter Sheriff Detective aus dem Iberia Parish bei einem Psychopathen wie Tony Squid vorbeischauen? Ganz einfach. Die meisten Polizeiermittler orientieren sich an Niccolò Machiavellis mahnenden Worten, meist ohne zu wissen, wer er war, dass man seine Freunde nahe bei sich halten solle, seine Feinde jedoch noch näher. Weniger unkompliziert ist die Tatsache, dass wir mit dem Bodensatz der Gesellschaft viel derselben Kultur teilen und es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen uns gibt, und die Informationen, die wir von ihnen erhalten, sind unentbehrlich.

Als ich sein Büro betrat, saß Fat Tony auf einem Drehstuhl hinter seinem Schreibtisch. Nein, das stimmt so nicht. Tony saß nicht; er war auf einen Stuhl oder ein Sofa gehäuft, wie ein gallertartiger Berg Walsperma, der an einen Strand angeschwemmt worden war, nur dass er einen blauen Anzug trug mit einer roten Blume am Revers. Quer über seinem Stempelkissen lag ein Schwert in einer schlichten Metallscheide mit einer verschnörkelten Parierstange aus Messing. „Schön, dass du kommen konntest, Dave. Du enttäuschst einen nie. Deswegen mag ich dich“, keuchte er.

„Wie geht’s?“

„Ich hänge an einer Sauerstofflasche. Bei mir steht eine Kolostomie an. Ich kann in keinem Puff gevögelt werden, in dem man mit Kreditkarte bezahlt. Meine Frau sagt mir, ich würde unter einem schweren Fall von GASCH leiden. Ansonsten geht’s mir blendend. Was soll die Frage?“ Er musste erst einmal verschnaufen, bevor er fortfahren konnte. „Was zu trinken?“

„Nein, danke. Was ist GASCH?“

„Gorilla-Achsel-Schweiß. Bist du immer noch trocken?“ „Ich gehe immer noch zu den Meetings der AA, falls du das meinst.“

„Ist doch dasselbe, oder?“

„Nein.“

„Egal. Nimm Clete Purcel mal zu einem Treffen mit.“

„Was hat Clete getan?“

„Was hat er noch nicht getan? Er ist das verfickte Krebsgeschwür der ganzen Stadt. Er sollte einen stählernen Keuschheitsgürtel tragen, damit er seine Gene nicht weitergeben kann.“

„Womit kann ich dir helfen, Tony?“

„Vielleicht kann ich dir ja helfen. Ich hab das von deiner Frau gehört.“

„Ich weiß deine Anteilnahme zu schätzen, aber ich muss jetzt zurück nach New Iberia.“

„Sie ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, oder?“

Ich nickte.

„Wann, so ungefähr vor drei Monaten?“

„Vor zwei Jahren. Ein Typ in einem Pick-up hat sie von der Seite gerammt. Ich würde jetzt lieber das Thema wechseln.“

Er reichte mir das Schwert. „Das hab ich von einem Flohmarkt in Memphis. Ich habe einen Experten gefragt, wie viel so was wert ist. Er hat gesagt, er würd’s mir für 3 000 abnehmen. Aber wie hoch ist der tatsächliche Wert?

„Keine Ahnung.“

„Du kennst dich mit Geschichte aus, du weißt, was die Namen dieser Orte auf dem Heft bedeuten, ob das Schwert dadurch wertvoller wird. Was soll dieses Cemetery Hill Zeugs? Wer kämpft im Krieg schon auf einem verfickten Friedhof?“

Auf dem Messinggriff war der Name von Lieutenant Robert S. Broussard, Achte Louisiana Infanterie, eingraviert. Am Ansatz der Klinge befand sich ein Stempel mit den Initialen CSA und dem Namen des Schmiedes, James Conning, aus Mobile, Alabama, dazu die Jahreszahl 1861.

„Ich hab mal gegoogelt“, sagte Tony. „Der Typ, dem das gehört hat, stammte aus New Iberia. Es ist viel mehr wert, als 3 000 Dollar, oder? Vielleicht war der Kerl wegen irgendwas berühmt.“

„Bei dem ganzen Bürgerkriegskrempel, der im Internet verhökert wird, konntest du nicht mehr darüber finden?“

„Dem Internet kann man nicht trauen. Da wimmelt’s doch nur so von Irren.“

Selbst, wenn ich gewollt hätte, könnte ich die Widersprüche in dem eben Gesagten nicht alle entwirren. Es war eine typische Fat-Tony-Unterhaltung. Zu versuchen, sich in seine Gedankenwelt zu versetzen, war ungefähr das Gleiche, als würde man seine Hand in eine Toilette stecken, bei der noch nicht abgezogen worden war. Draußen zertrümmerten schwarze Kids auf einer unbebauten Parzelle mit einem Luftgewehr Flaschen. Auf dem Grundstück gab es zwar Betonfundamente, doch es fehlten die Aufbauten. Ein Müllwagen fuhr eine Straße hinunter, Möwen pickten am herausquellenden Müll.

„Geht’s um Clete?“, fragte ich.

„Ich hab kein Problem mit Purcel. Andere Leute schon. Stimmt es, dass er im Southern Yacht Club seinen dicken Schwanz ausgepackt und dann Bobby Earls Wagen abgespritzt hat?“

„Keine Ahnung“, log ich.

„Vor zwei Wochen hat er’s wieder getan. Vor dem Casino.“

„Wer? Clete?“

„Nein, der Papst. Earl lässt seine Freundin in den Wagen einsteigen, und plötzlich sitzt sie in einer Pisselache.“

„Warum hast du mir das Schwert gezeigt, Tony?“

„Weil die Familie von dem Typen, dem es mal gehört hat, in New Iberia wohnt. Ich dachte, die würden’s vielleicht gern zurückhaben.“

„Und was hat irgendwas davon mit Clete oder Bobby Earl zu tun?“

„Nichts.“

Mein Kopf pochte. „War nett, dich wiederzusehen.“

„Setz dich. Ich weiß, was deiner Frau zugestoßen ist. Keine Zeugen, außer dem Typen, der sie umgebracht hat. Er behauptet, sie hätte das Stoppschild nicht beachtet. Sie mussten sie mit der Rettungsschere rausschneiden?“

Ich spürte, wie sich die Venen an meinen Schläfen verkrampften.

„Sie ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben, und ihr wurde die Schuld an ihrem eigenen Tod gegeben?“, fragte er. „Wer hat dir das erzählt?“

„Ein paar Cops. Man hat dich beschissen. Da muss man was machen.“

„Halt dich da raus, Tony.“

„Zur Krönung hat der Typ auch noch versucht, die Versicherung auszuquetschen. Mach die Tür zu.“

Ich beugte mich vor. „Hör gut zu, Tony. Der Tod meiner Frau geht nur mich was an. Halt dich da raus.“

„Mabel, mach die Tür zu!“, brüllte er seine Sekretärin an. Ich zeigte mit dem Finger auf ihn. Ich zitterte. Ich hörte, wie hinter mir die Tür mit einem Klicken geschlossen wurde. Er nahm mir das Wort. „Lass mich ausreden. Der Typ hat vor einer Schule in Alabama ein Kind überfahren. Er hat das Kind zum Krüppel gemacht. Gib mir grünes Licht, und der Kerl kriecht nur noch auf Stümpfen durch die Gegend.“

„Wann hat er das Kind in Alabama überfahren?“

„Vor 10, 15 Jahren.“

„Wo in Alabama?“

„Was macht das für einen Unterschied? Ich sag dir, wie’s ist. Ein Typ wie der hat’s verdient.“

Er war wie alle Gangster, denen ich je begegnet bin. Sie sind selbstgerecht und betrachten ihre Opfer mit einer gewissen Geringschätzigkeit, bevor sie ihnen die Knochen brechen. Sie sind alle dumm wie Brot. Der Grad ihrer Grausamkeit entspricht dem Grad der Unaufrichtigkeit, die ihr Leben bestimmt.

„Ich will, dass du das jetzt kapierst, Tony. Komm dem Mann zu nahe, der in den Wagen meiner Frau reingefahren ist, und ich werde mir dich vorknöpfen, sehr nah und sehr persönlich.“ „Ach ja?“ Er zündete sich eine Zigarette mit einem Papierstreichholz an und hielt dabei die Hand schützend um die Flamme. Dann warf er das abgebrannte Streichholz in den Papierkorb. „Fick mich.“

Ich stand auf, zog das Schwert halb aus der Scheide und ließ es wieder hineingleiten. Die Parierstange war aus Messing, geschmiedet wie ein Metallkorb, mit kleinen Schlitzen darin. Es waren die Namen von drei Schlachten eingraviert, die während Stonewall Jacksons Shenandoah-Feldzugs stattgefunden hatten, sowie auf dem Cemetery Hill in Gettysburg, und umschloss schützend meinen Handrücken. Der schwarze Ledergriff war gleichzeitig weich und fest und mit Golddraht umwickelt. Ich legte das Schwert zurück auf Tonys Schreibtisch. „Ich könnte mir vorstellen, die Familie Broussard wäre geehrt und erfreut, wenn du ihnen das hier gibst.“

„Ich krieg das hier jetzt nicht so ganz auf die Reihe“, sagte er. „Ich versuche, dein Freund zu sein, und du bist beleidigt und bedrohst mich. Wenn du jemand anderes wärst, würde das hier völlig anders ausgehen.“

„Dann fick doch uns beide. Verrat mir mal was, Tony.“

„Was denn? Wie du deine Arschlochitis im Endstadium los wirst?“

„Warum hast du dein Büro in einer Gegend wie dieser?“

„Was stimmt damit nicht?“

„Es sieht aus wie eine Mondlandschaft. Beim nächsten Sturm steht hier wieder alles unter Wasser.“

„Ich bin gern nah an den Menschen dran. Wo wir grad beim Thema sind: Ich unterstütze einen Kerl, der vielleicht sogar mal Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte. Willst du wissen, wen?“

„Nicht wirklich.“

„Jimmy Nightingale. Die Leute in diesem Land labern schon viel zu lange über politische Korrektheit. Es wird eine Wende geben. Eine verfickte Wende.“

„Irgendwie glaube ich dir das sogar, Tony.“

Und das war vermutlich der deprimierendste Gedanke, den ich seit langem hatte.

2

Ich parkte meinen Pick-up auf der Decatur Street, ging über den Jackson Square, durch die Pirate’s Alley und vorbei an der St. Louis Cathedral, wo eine Marimba Band im Schatten neben dem Buchladen spielte, der einst die Wohnung von William Faulkner gewesen war. Es war ein heiterer, windiger Tag, fast ein wenig kühl für März, und die Blumentöpfe auf den Fensterbänken explodierten vor Farben – einer dieser Tage in Louisiana, die die Stimmung heben und einem erzählen, dass der Frühling womöglich ewig währt und die langen, verregneten Winterwochen nichts weiter waren, als eine vorrübergehende Abweichung, und dass selbst der Tod während dieser Jahreszeit zum Schweigen gebracht werden kann, wenn man nur daran glaubt.

Cletes Wohnung und das Büro seiner Detektei befanden sich in einem prachtvollen alten Gebäude in der St. Ann Street, dessen Putz hellgelb gestrichen war, von dessen schmiedeeisernen Balkongeländern Bougainvillea und Zaunwinde herabhingen und in dessen Innenhof ein trockengelegter Wunschbrunnen stand. Abgesehen von den Vintage-Cadillacs, die er fuhr, war der einzige materielle Besitz, den er je geliebt hatte, sein Haus gewesen, das im 19. Jahrhundert in Besitz derselben Frau gewesen sein könnte, die das House of the Rising Sun geleitet hatte.

Als ich um die Ecke kam, sah ich nicht nur das Gebäude, sondern auch einen Umzugswagen am Straßenrand parken und die Hälfte von Cletes Möbeln und Büroeinrichtung auf der Straße stehen. Auch Clete stand auf dem Bürgersteig und diskutierte mit einem berüchtigten Kerl aus New Orleans namens Whitey Zeroski, der als dämlichster Weißer der ganzen Stadt bekannt war. Als er noch unabhängiger Taxifahrer gewesen war, hat er sich gedacht, er könnte seinen Horizont erweitern, indem er für einen Sitz im City Council kandidierte. Er stattete seinen Pick-up mit Lautsprechern und einer riesigen Werbetafel auf dem Dach aus und zuckelte am Samstagabend durch ein Schwarzen-Viertel, wo er die Menschenmengen auf den Bürgersteigen über Lautsprecher anplärrte: „Stimmt für Whitey! Whitey ist euer Freund! Vergesst am Dienstag Whitey nicht! Whitey lässt euch nie im Stich!“

Und dann war er ganz überrascht, als eine Kaskade von Steinen, Ziegeln, Flaschen und Bierdosen auf sein Fahrzeug niederprasselte.

Ich hatte Clete seit Wochen nicht gesehen und hatte ihn schon vermisst, so wie immer, wenn wir über längere Zeit getrennt waren. Seltsamerweise hatte Clete in den vergangenen paar Jahren einen gewissen Grad an Ordnung in sein Leben gebracht. Die Narben des häuslichen Missbrauchs in seiner Kindheit im alten Irish Channel Viertel, von Vietnam und von den Liebschaften, die leidenschaftlich begannen, jedoch immer übel endeten, schienen ihn nicht länger zu belasten. Er trank nicht vor Mittag, ließ seine Finger von Gras und Zigaretten, aß nur ein Poorboy-Sandwich zum Mittag anstatt zwei, stemmte in einer schlabberigen Everlast-Trainingshose auf seinem Innenhof Gewichte und joggte manchmal von einem Ende des Quarters zum anderen. Wenn er die Bourbon Street hinunterdonnerte, sagte manchmal eines der schwarzen Kids, die für Touristen steppten: „Hier kommt der pinke Elefant. Hoffentlich bleibt die Straße heil.“

Nichts davon hielt mich ab, mir um Clete Sorgen zu machen, um seine geschwollene Leber und seinen Blutdruck, sowie die Gewalt, die er anderen anstelle von sich selbst und dem Vater, der ihn unbarmherzig mit dem ledernen Abziehriemen verprügelt hatte, zuteilwerden ließ. Ich liebte Clete Purcel und es war mir egal, was andere über uns denken könnten. Wir hatten unsere Karrieren gemeinsam als Streifenpolizisten im French Quarter und auf der Canal Street begonnen, frisch zurück aus Indochina, der Himmel so blau wie ein Rotkehlchen-Ei, die Wolken rosa wie Zuckerwatte und geriffelt wie Klaviertasten, die sich in einem Bogen über die Stadt spannten. Wir dachten, wir hätten den Vogel abgeschossen. Das Quarter pulsierte vor Leben und war voller Musik, wunderschöner Frauen, dem Duft von Burgunder, Fassbier und zerstoßener Minze in einem Glas mit Eis und Jack Daniel’s. Hatte die Welt Schöneres zu bieten?

Seit dem Tod meiner Frau Molly wollte ich mich immer häufiger mit Clete treffen, besonders in diesen Augenblicken, in denen ich das Gefühl hatte, als hätten jene Momente die mein Leben verändert hatten, nur wenig Einfluss auf die Gegenwart, dass irgendwo, eine verlassene Straße hinunter, ein Bus tuckernd am Straßenrand stand, die Passagiere hohläugig und stumm, unfähig die Reise zu verarbeiten, die vor ihnen lag. Dann öffnete der Fahrer die Tür mit einem saugenden Geräusch, und mit schwerem Herzen erkannte ich, dass es mein Bus war und ich nicht mehr in die Stadt oder den Bundesstaat zurückkehren würde, den ich liebte.

In solchen Augenblicken wiederholte ich immer wieder und wieder Cletes Namen und den von meiner Tochter Alafair. Selbst in der Öffentlichkeit habe ich das schon getan, mit einer Serviette vor dem Mund, oder dem Kinn auf die Brust gesenkt, ohne die starrenden Blicke anderer Menschen zu beachten. Und deswegen konnte ich Whitey Zeroski genauso wenig leiden wie seine angeheuerte Hilfskraft oder sonst irgendwen, der dem feinsten Menschen, den ich kannte, wehtun wollte.

„Was macht die Kunst, Whitey?“, sagte ich.

Er wirkte immer überrascht, als wäre ihm gerade jemand auf den Fuß getreten. Außerdem hatte er die Angewohnheit, seinen gesamten Kopf herumzureißen, wenn er auf etwas aufmerksam wurde, so wie ein Meth-Junkie oder ein Huhn, das in der Scheune herumpickt, oder wie ein Mann ohne Hals. Er trug Overalls, deren Reißverschlüsse immer unter das Kinn hochgezogen waren und deren Ärmel er unter den Achseln abgeschnitten hatte, sodass man seine behaarten Arme sah.

„Was gibt’s, Robicheaux?“, fragte er.

„Was dagegen mir zu erzählen, was zum Teufel du hier machst?“

„Ich arbeite jetzt für eine Bank. Sie haben mir die Schlüssel zu Purcels Haus gegeben und die Papiere, damit ich seinen Kram auf die Straße stellen kann. Er ist allerdings ganz anderer Ansicht.“

„Dieser Kerl hat sich mein Haus erschlichen, Streak“, sagte Clete.

„Was ist aus deinem Taxiunternehmen geworden?“, fragte ich Whitey.

„Schon mal von Katrina gehört?“, sagte er.

„Mach das hier nicht, Whitey“, sagte ich.

„Lass mich in Ruhe, Robicheaux. Das ist hier eine ganz legale Sache.“

„Whitey, ich versuche, freundlich zu dämlichen Polacken zu sein, aber ich bin kurz davor, dich in einen Gully zu stopfen“, sagte Clete.

„Wie wäre es damit, erstmal die rassistischen Bemerkungen zu lassen?“, sagte Whitey.

Clete blickte mich an und öffnete die Hände. Diagonal über seiner linken Augenbraue verlief eine blasse, rote Narbe, wo er als Kind mit einem Rohr geschlagen worden war. „Das ist genauso, als würde man jemanden schlechtreden, der schon hirntot zur Welt gekommen ist. Whitey, ich entschuldige mich dafür, dass ich dich einen dummen Polacken genannt habe. Das ist eine Beleidigung für alle dummen Polacken.“

Whiteys Gesicht verzerrte sich, als er versuchte dahinterzukommen, was Clete da gerade gesagt hatte.

„Ich will mal die Papiere sehen“, sagte ich.

„Es ist eine Umkehrhypothek“, sagte Clete und wurde rot.

Ich sah ihn verblüfft an. „Nicht dein Ernst?“

„Ich saß in der Klemme“, sagte er. Er hatte einen Kleine-Jungs-Haarschnitt, ein Grübchen-Kinn und grüne Augen, deren Blick nie flackerte, es sei denn er hatte vor, mir etwas zu verbergen.

„Wir holen jetzt die Möbel vom Bürgersteig“, sagte ich, „und dann biegen wir die Sache wieder gerade.“

„Ah, tut ihr das?“, sagte Whitey. Er sprach mit der Dialektfärbung der Arbeiterklasse New Orleans’, wie jemand, in dessen Kehlkopf man Procain injiziert hatte. „Was, ich brauch also nichts weiter zu tun, als mit Kehrbesen und Schaufel hinter diesem Schnüffler hinterherzulaufen?“

„Reiß noch ein einziges Mal dein Maul auf, Whitey, und warte ab was passiert“, sagte Clete.

Ich legte meinen Arm um Whiteys Schulter. „Komm, wir gehen mal ein Stück.“

„Wozu?“

„Deine Helfer sprechen kein Englisch. Du hast keine Wartungsplakette an deiner Windschutzscheibe. Dein Nummernschild ist abgelaufen. Du parkst im Halteverbot. Deine Blinker sind kaputt. Was sollen wir deswegen unternehmen?“

„Jetzt hör aber mal auf, Robicheaux.“

Ich zog meine Brieftasche heraus, entnahm ihr sämtliche Geldscheine und steckte sie in seine Hand. „Das sind ungefähr 60 Dollar. Sag deinen Jungs, sie sollen alles wieder zurück ins Haus bringen und dann gib ihnen eine Runde aus. Ich rufe die Bank an und kläre die Sache.“

„Wir sollen mit einem Bier und einem Schnaps über die Runden kommen, während du dafür sorgst, dass ich bei der Bank gefeuert werde? Ich kann’s kaum erwarten, meinen Jungs das zu erzählen.“

„Clete hat dir nie irgendetwas getan, Whitey, aber du machst Kohle mit einer unredlichen Situation, an der Clete keine Schuld trägt.“

„Ich mache dir ein Gegenangebot. Wisch dir mit deinen 60 Dollar den Arsch ab. Ich gebe den Jungs eine Runde aus und ihr beide, du und Purcel, könnt alles wieder ins Haus schleppen. Dann gieß eine fette Ladung Vaseline darüber und schieb sie dir den Arsch hoch. Ich wünsch euch beiden, dass ihr zweimal reich werdet und dreimal pleitegeht. Ich hoffe, ihr beide erbt ein Haus mit 50 Zimmern und fallt in jedem einzelnen tot um.“

Das musste ich ihm lassen: Whitey war ein Stehaufmännchen. Ich hatte zu Unrecht versucht, meine Macht einzusetzen, um einem Freund zu helfen, und hätte damit wahrscheinlich einen ungebildeten und verarmten Mann einem skrupellosen Hypothekengläubiger ausgeliefert.

Clete und ich verbrachten die nächsten zwei Stunden damit, die Möbel wieder ins Haus zu ziehen, oder sie die Stufen in seine Wohnung hochzuwuchten. Es war vier Uhr, als ich mich erschöpft und leicht schwindelig auf das Sofa fallen ließ. Clete war in der Küche und goss sich zehn Zentimeter hoch Scotch in ein Glas voller knackendem Eis. Was schwer für mich war. Meine Abwehr war geschwächt und der rauchige Duft von Scotch war wie ein unwiderstehlicher Faden eines erotischen Traums, den man im Morgengrauen nicht loslassen möchte.

„Willst du ’ne Dose Dr Pepper?“, fragte er, mit dem Rücken zu mir.

„Nein, danke.“

„Ich habe auch Kirschen und Limetten.“

„Ich möchte keine.“

„Wie du willst.“

„Ich glaube, ich habe mir irgendwas im Rücken gezerrt.“ Ich stand auf, ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Ich nahm mir eine Dose Dr Pepper heraus und öffnete sie.

„Ich dachte, du wolltest keine.“

„Hab’s mir anders überlegt. Warum hast du mir nicht gesagt, dass du Geld brauchst?“

„Es waren 80 Riesen.“

„Wie viel?“

„Was ich gesagt hab.“

„Und die hast du dir von einem Kredithai geholt?“

„Ich hatte angefangen zu zocken. Am Anfang lief ’s ziemlich gut.“

„Hier?“

„Überall. In Vegas hatte ich ’ne Kreditlinie. Google hat Privatdetektiven gründlich das Geschäft versaut. Jedenfalls, ich fing an zu verlieren, und ich habe nicht aufgehört, bis ich pleite war und das Haus beliehen hatte.“

Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas, und sah mich an, während Eis, Minze und Scotch seine Kehle hinunterglitten. Ich spürte ein Zucken in meinem Gesicht. „Dein Haus gehört also jetzt der Bank?“

„Keine Bank, sondern einer Hypothekengesellschaft. Sie bescheißen alte Leute. Möglicherweise gehören sie zur Mafia.“ „Super Wahl.“

Er stellte das Glas ab. Es war kein Scotch mehr drin, nur noch Eis. Er kippte das Eis ins Spülbecken. Ich merkte, wie ich schluckte.

„Lass uns was essen gehen“, sagte er.

„Da gibt es noch etwas, das du mir nicht erzählt hast. Tony Nine Ball behauptet, du hättest Ärger mit Bobby Earl gehabt. Was war denn da los?“

„Es war eigentlich kein Problem mit Bobby Earl. Der Dreckskerl tut mir ja fast schon wieder leid. Hab gehört, bei seiner ersten Nacht in Lewisburg hätten sich die Schwarzen gleich mit Kondomen eingedeckt.“

„Tony sagt, du hättest in Earls Wagen gepisst.“

„Ja, vor Jahren. In einem Jachtclub.“

„Erst kürzlich.“

„Okay, ich bin also beim Würfelspiel im Harrah’s, als Bobby Earl und Jimmy Nightingale reinkommen, mit dieser Stripperin, die immer auf der Bourbon gearbeitet hat. Nur, dass Earl offensichtlich die Stripperin für Nightingale abgeschleppt hat, weil Nightingale nichts als ein Eimer warmer Kotze ist, der die Halbwelt manipuliert, als wäre es seine private Wurm-Farm. Aber das geht mich gerade gar nichts an und ich sitz total nett am Tisch, solange wie mich diese beiden Arschlöcher in Ruhe lassen. Ich habe 2600 Dollar in Chips vor mir liegen und einen magischen Arm, und ich würfle nichts als Elfer und Siebener. Die Braut hängt wie eine Klette an Earl und starrt mich mit diesem neugierigen Blick an, dann geht ihr ein Licht auf und sie sagt: ‚Hey, du bist doch der fette Typ, der zu mir nach Haus gekommen ist.‘“

Einer Geschichte von Clete Purcel zuzuhören, war, als würde man die Pyramiden mit seinen bloßen Händen bauen. Ich ließ meinen Finger kreisen, um ihn zu ermuntern zum Ende zu kommen.

„Zwei Sekunden zuvor habe ich mich noch gefühlt, als gehöre mir Fort Knox“, sagte er. „Dann sehe ich, wie alles den Bach runtergeht, wie dreckiges Wasser, das durch den Abfluss verschwindet. Ich nehme die Würfel, schüttele sie einmal und werfe sie über die Filzbahn. Niete. Sie so: ‚Ich habe doch recht, oder? Sie sind der Typ, der wegen des rechtlichen Problems vorbeigekommen ist?‘“

„Cletus, versuch zum Punkt zu kommen“, sagte ich.

„Rechtliches Problem? Sie wurde hopsgenommen, weil sie ihr Kind in einem Auto in der Hitze zurückgelassen hat, während sie stoned war und ein paar Lkw-Fahrer in einem Motel gevögelt hat. Sie ist nicht zu ihrem Gerichtstermin erschienen und hat den Kautionsagenten auf zehn Riesen sitzen lassen. Also gebe ich die Würfel weiter, schlage Bobby Earl fest genug auf den Rücken, dass seine Zähne klappern, und sage: ‚Hey, Bob, ich hab gehört, du hast dir schon wieder einen Tripper geholt. Wenn du Penicillin nimmst, solltest du nicht trinken. Wenn du das nächste Mal wieder draußen bist, trag einen Schutzanzug und besorg dir ein paar radioaktive Kondome für deine Tussi.‘“

Inzwischen hatte er sich an den Küchentisch gesetzt. Er gähnte, als wäre er gerade aufgewacht, und steckte zwei Finger in seine Brusttasche, um sich eine Zigarette herauszuholen, wo keine war. Dann blinzelte er.

„Und der Rest der Geschichte?“, frage ich.

„Nichts. Ich bin gegangen. Ich habe Earls Karre gesehen. Ich habe meine Tüte Slim Jim genommen, um seine Tür zu knacken und hab mich drinnen erleichtert.“

„Nein, du hast da was ausgelassen.“

„Was zum Beispiel?“

„Warum machst du Earl das Leben schwer? Er ist bemitleidenswert, wie du schon gesagt hast.“

„Bei ihm schäme ich mich, aus New Orleans zu sein. Er ist eine Schande für die Stadt. Er ist eine Schande für den ganzen Planeten.“

„Spielt Jimmy Nightingale in dieser Sache eine Rolle?“

„Ich könnte das eine oder andere gesagt haben, was ich besser gelassen hätte.“

„Tatsächlich?“

„Er hat mir den Arm um die Schulter gelegt, als wären wir alte Kumpel. Dann hat er meine Wange mit seinem Handrücken berührt. Kotz. Ich habe ihn eine Schwuchtel genannt und bin in Handschellen vor die Tür gesetzt worden. Es haben nur ungefähr 300 Leute zugesehen.“

Er räusperte sich leise, seine Augen glänzten.

„Er hat Glück gehabt, dass du ihn nicht umgelegt hast“, sagte ich. „Und die Sicherheitsleute gleich dazu.“

„Findest du?“

„Ich bin stolz auf dich, Clete.“

„Echt?“ Er sah mich schuldbewusst an.

„Was?“, fragte ich.

„Nightingale ist Teilhaber der Gesellschaft, bei der ich die Umkehrhypothek aufgenommen habe.“

* * *

Jimmy Nightingale war einer der ungewöhnlichsten Männer, die ich je kennengelernt hatte. Er war in Franklin, am Bayou Teche aufgewachsen und lebte in einer sanierten Vorkriegsvilla, die einem kerzenbeleuchteten Schaufelraddampfer ähnelte, der unter Virgina-Eichen kauerte. Genau wie seine Familie war Jimmy ein elitärer Aristokrat, doch in Gesellschaft des gemeinen Vokles war er freundlich, bescheiden und ein aufmerksamer Zuhörer, wenn die Leute über ihre Schwierigkeiten und ihre Arbeit sprachen, über Football am Freitagabend und die Dinge, die sie bei Walmart gekauft hatten. Wenn jemand in seiner Gegenwart einen schmutzigen Witz riss oder fluchte, tat er so, als hätte er es nicht gehört oder ging weg, doch er verurteilte nie jemanden. Im Umkleideraum oder bei einem spontanen Baseballspiel war sein Benehmen und sein Lächeln so entwaffnend, dass man sehr leicht dem Glauben verfallen konnte, er sei eher die Inkarnation des Noblesse oblige, als die personifizierte Gier, für die die Nightingales berüchtigt waren.

Bitte nicht missverstehen. Bei meiner Beschreibung von Jimmy geht es nicht um ihn oder das System, dem er diente, sondern um eine meiner eigenen Schwächen. In dem Versuch, ein halbwegs anständiger Christ zu sein, habe ich meine Abneigung gegen seine oligarchische Herkunft beiseitegelegt und ihn so akzeptiert, wie er war. Genau genommen bin ich sogar noch weiter gegangen. Ich mochte Jimmy sehr, oder zumindest einige Seiten an ihm. Ich bewunderte ihn und vielleicht beneidete ich ihn sogar manchmal um seine Mischung aus Contenance und Begeisterung, sowie um seine Fähigkeit, über den Trivialitäten zu schweben, die den Großteil unserer Leben ausmachen.

Er war auf eine androgyne Weise gutaussehend, mit bronzefarbenem Haar, ordentlich geschnitten und perfekt gekämmt, sein Gesicht geformt wie ein Ei, die Wangen rosig und der Atem süß. Männer wie Frauen fühlten sich körperlich zu ihm hingezogen, und ich glaube, dass sich viele seiner Bewunderer seine Anziehungskraft nicht erklären konnten. Er war ungefähr 1,75 groß und wog unter 70 Kilo. Doch vielleicht war das der Schlüssel, warum er gemocht wurde. Er war einer von uns, trat auch in einem Umkleideraum oder bei einem Boxkampf selbstsicher auf, und hatte nicht das Bedürfnis, sich mit Kritik oder persönlichen Beleidigungen auseinanderzusetzen. Jimmy sagte immer, der einzige Streit, den man je gewinnt, ist der, den man nicht führt.

Er war unser Mann für alle Lebenslagen: Ein Absolvent der Militärakademie, Drehbuchautor, Jachtbesitzer, Polospieler und ein Moderator von Radiosendungen. Er konnte zu jedem Thema etwas sagen und befand sich ständig in Begleitung von Frauen, die nicht nur schön waren, sondern auch intellektuell, obwohl er nie verheiratet war, oder, meines Wissens, verlobt. Wegen seiner selbstgenügsamen Art und unterdrückten Intensität fragte ich mich, ob er nicht eigentlich in eine griechische Tragödie gehörte.

Ich war der Ansicht, dass Jimmy eine enorme Kapazität für entweder das Gute oder das Böse hatte und sein Geist so unberechenbar war wie eine Wetterfahne. F. Scott Fitzgerald hatte mal gesagt, Amerika könne nur verstehen, wer die Gräber in Shiloh gesehen habe. Ich denke, dasselbe konnte man über Jimmy Nightingale sagen.

Er war kurz davor, seine Kandidatur für den U.S. Senat bekanntzugeben. Wenn er gewählt würde, würde er einen Präzedenzfall schaffen. Ja, Louisiana hatte einige Staatsmänner und -frauen hervorgebracht, doch sie sind die Ausnahme und nicht die Norm. Über viele Jahre war unsere Gesetzgebung als Irrenanstalt verschrien, die von ExxonMobil geleitet wurde. Seit Huey Long war Volksverhetzung an der Tagesordnung; Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Homophobie wurden zu religiösen Tugenden und selbstverherrlichende Arroganz wurde zur Quelle von Stolz.

Ich teilte keinen dieser Gedanken mit Clete. Als ich nach New Iberia und zu meinem kleinen Häuschen am Bayou, in fußläufiger Entfernung vom Shadows, zurückkehrte, rief ich stattdessen bei Jimmy Nightingale in Franklin an. Eine Sekretärin ging an den Apparat und nahm eine Nachricht entgegen. Schon mal mit einem professionellen Eiswürfel geplaudert? „Wissen Sie, wo Mr. Nightingale ist?“, fragte ich.

„Hat er nicht gesagt.“

„Ist er in New Orleans?“

„Ich bin sicher, dass er sie bald zurückrufen wird, Mr. Robicheaux.“

„Detective Robicheaux.“

„Vielen Dank für Ihren Anruf, Detective Robicheaux. Rufen Sie in einer dienstlichen Angelegenheit an?“

„Ich weiß wirklich nicht, wie ich es nennen soll.“

„Ich werde es ihm ausrichten. Auf Wiederhören.“

Und aufgelegt.

Ich entfachte den Gasofen in der Küche und machte mir eine Schüssel gefrorenes Krebs-Gumbo heiß. Die Fenster waren offen, die Gardinen blähten sich im Wind und das Haus knackte. Über die Eichen und Pecannussbäume in meinem Garten legte sich langsam die Dunkelheit. Auf der anderen Seite des Bayou saß ein Farbiger auf einem Holzstuhl und angelte mit einer Bambusrute und einem Schwimmer im Schilf, während die Strahlen der untergehenden Sonne auf dem Wasser zersplitterten. Seit dem Unfall meiner Frau war dies für mich zur schlimmsten Tageszeit geworden. Mein Zuhause war nur noch eine gähnende Leere. Meine Frau war von mir gegangen, genau wie meine Haustiere und die meisten meiner Verwandten. Mit jedem verstrichenen Tag hatte ich das Gefühl, als würde jede Spur von der Welt, die ich gekannt hatte, aus einem Gemälde beseitigt.

Ich nahm das Gumbo vom Herd, nahm mir einen Löffel und ein trockenes Stück Baguette, setzte mich an den Küchentisch und fing an zu essen. Dann hörte ich, wie ein Wagen in meine Kieseinfahrt einbog, hörte die Räder knirschen und vor der Tür halten.

„Dave?“, rief jemand.

Ich ging durch den Flur ins Wohnzimmer. Jimmy Nightingale stand mit einem Panamahut in der Hand am Fliegengitter und versuchte hineinzuschauen. Er trug eine beigefarbene Hose, ein braunes Hemd und eine Windjacke, in dessen Brusttasche eine Pilotenbrille steckte. „Wie geht’s, Bulle?“, fragte er.

„Kommen Sie rein“, sagte ich und schob die Tür auf.

„Meine Sekretärin hat mich auf dem Handy angerufen.“ Er schüttelte mir die Hand, während sein Blick durch das Haus schweifte und dann aufleuchtete, als er zu mir zurückkehrte. „Gut sehen Sie aus.“

„Sie auch, Jimmy.“

Doch Jimmy sah immer gut aus. Er folgte mir in die Küche.

„Ich habe noch Gumbo auf dem Herd“, sagte ich. „Oder hätten Sie lieber was Kaltes zu trinken?“

„Danke, ich hab gerade im Clementine’s gegessen. Sie wohnen hier wirklich nett. Der Park ist direkt auf der anderen Seite des Bayou, oder? Sagen Sie mal ehrlich, hat meine Sekretärin bei Ihnen den Eindruck hinterlassen, als wolle sie Sie abwimmeln? So ist sie nämlich. Aber sie ist klasse, das können Sie mir glauben.“

Ich hatte vergessen, dass Jimmy häufig eher in Paragraphen sprach, statt in Sätzen. „Sie war okay“, sagte ich.

„Immer der Gentleman“, sagte er und knuffte leicht meinen Arm. „Ich wette, Sie haben wegen Clete Purcel angerufen.“

„Clete tut der Zwischenfall im Casino leid.“

„Streut er Asche auf sein Haupt? Geißelt er sich, so etwas in der Art?“

„Clete meint meistens nicht mal die Hälfte von dem, was er sagt.“

„Essen Sie zu Ende, während ich Ihnen etwas erkläre. Kommen Sie, setzen Sie sich doch.“

Dass er mir in meinem eigenen Haus anbot, mich zu setzen, schien ihm gar nicht in den Sinn zu kommen. Er rieb sich mit zwei Fingern den Nasenrücken, schloss die Augen und öffnete sie wieder, als wäre er müde. „Ich bin heute mit einem Doppeldecker geflogen und habe mir einen leichten Sonnenbrand geholt. Schon mal mit einem abgehoben?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich wünschte, ich hätte in der Escadrille La Fayette sein können, wäre in Frankreich und Belgien über den Himmel gewirbelt und hätte dem Roten Baron den einen oder anderen Klaps mit dem Vickers verpasst.“

„Der Krieg ist in der Regel nur für die Leute faszinierend, die nie selbst an einem teilgenommen haben.“

„Sie hätten Bestattungsunternehmer werden sollen, Dave.“

„Clete sagt, Ihnen würde die Hypothek für sein Haus gehören“, sagte ich.

„Mir gehört ein Teil der Hypothekengesellschaft, die sie ihm gewährt hat. Glaubt er, ich wollte ihn wegen eines kleinen Zwischenfalls am Würfeltisch an die Luft setzen?“

„Ist dem so?“

„Ich hatte es zwei Minuten später schon wieder vergessen.“

„Nennt man Sie in der Öffentlichkeit regelmäßig eine Schwuchtel?“

„Wow, Sie wissen, wie man sich fein ausdrückt.“

„Seien Sie etwas nachsichtig mit ihm, Jimmy.“

Dann überraschte er mich. „Ich werde sehen, was sich tun lässt.“

„Habe ich Ihr Wort?“

„Das habe ich Ihnen gerade gegeben.“

Ich habe vergessen zu erwähnen, dass Jimmy ein sehr guter Baseballspieler gewesen war, auf dem College und in der American Legion. Sein bester Pitch war der Changeup, wobei man den Ball im oberen Teil der Handfläche hält und der Batter nur in die Luft schlägt.

„Danke“, sagte ich.

„Kommen Sie zurecht? Seit dem Unfall?“

„Ich rede nicht viel darüber.“

„Verstehe.“

Er blickte versonnen durch das Gartenfenster. Der Rasen lag im tiefdunklen Schatten, die Luft war tanninhaltig und kalt, der Boden mit gelben Blättern übersät, die schwarze Schimmelpunkte hatten. Die Tür zur Hütte, in der einst unser zahmer Waschbär Tripod gewohnt hatte, stand offen, der Holzboden war sauber, trocken und leer. „Ich mag Ihr Haus“, sagte er.

„Warum?“

„Es stammt aus einer anderen Zeit. Einer unschuldigeren Zeit.“

„Warum geben Sie sich mit einem Arschloch wie Bobby Earl ab?“

„Gott sieht nichts Böses“, entgegnete er.

„Ich habe schon immer die Leute beneidet, die ganz genau wissen, wie Gott tickt.“

„Ich rufe Sie morgen nach Geschäftsschluss wegen der Hypothekengeschichte an. Könnten Sie mir einen Gefallen tun?“

Ich wartete.

„Dieser Romanautor, der den Teche rauf an der Loreauville Road lebt, kennen Sie den?“

„Levon Broussard?“, fragte ich.

„Genau den meine ich. Wie wäre es, wenn Sie uns einander vorstellen?“

„Dafür brauchen Sie mich?“

„Wie ich höre, soll er ein wenig exzentrisch sein, und seine Frau ist wie von einem anderen Stern.“

„Sie sind heute merkwürdigerweise bereits der Zweite, der mir etwas über die Familie Broussard sagt. Der andere war Tony Nemo. Ist das Zufall?“

„Sie wissen doch, was man bei Treffen der Anonymen Alkoholiker sagt. Zufall ist deine ganz persönliche Höhere Macht, die im Verborgenen handelt.“

„Ich wusste gar nicht, dass Sie auch im Programm sind.“

„Bin ich nicht. Ich gehe wegen der Dialoge hin. Absolut großartiges Material.“

„Ich werde Levon fragen, ob er Lust hat, mit uns zu Abend zu essen.“

Jimmy machte ein klickendes Geräusch in seinem Unterkiefer. „So ist es richtig. Machen Sie’s zeitnah, okay? Ich bin echt ein Fan seiner Bücher. Ich werde mir auch so ein kleines Häuschen wie das hier kaufen. Wir sehen uns.“

Er tippte mir mit seinem Hut auf die Schulter und ging aus der Tür. Jimmy beließ es beim Wesentlichen.

3

Nach Sonnenuntergang fuhr ich die zweispurige Landstraße entlang, auf der jemand Mollys Auto auf der Fahrerseite gerammt hatte, sie drinnen einklemmte, wo sie ohnmächtig wurde. Ich hatte den Unfallort sicher schon mehr als ein Dutzend Mal besucht, entweder nachts oder vor Sonnenaufgang, wenn wenig Verkehr herrschte. An der Straßeneinmündung stand ein Stoppschild und dann folgte nur noch die langgezogene Biegung der zweispurigen Straße. Ich hatte mit einer Taschenlampe nach den Bremsspuren des Pick-ups gesucht, hatte den Unfallhergang mit jedem möglichen Fahrtempo des Pick-ups nachvollzogen und den genauen Abstand zwischen Kurve und Stoppschild nachgemessen. Das Tempolimit lag bei 70 Kilometern pro Stunde, was der Fahrtgeschwindigkeit entsprach, die der Fahrer des Pick-ups angegeben hatte, als Mollys Toyota plötzlich an dem Stoppschild vor ihm aufgetaucht und leichtsinnig nach links abgebogen sei.

Ich maß mit einer Stoppuhr die Zeit, die der Fahrer des Pick-ups gebraucht haben musste, um die Distanz zwischen der Kurve und dem Unfallort zu überwinden, wenn er sich an das Tempolimit gehalten hätte. Die Rechnung ließ nur zwei mögliche Schlüsse zu: Entweder hatte Molly grundlos das Stoppschild ignoriert, oder sie hatte nach links geschaut, hatte niemanden kommen sehen, dann nach rechts geschaut, gesehen, dass die Straße frei war, und war dann nach links abgebogen, ohne erneut zu gucken und war zermalmt worden.

Aber Molly hatte nie ein Stoppschild ignoriert. Sie hätte nie bereitwillig irgendein Gesetz gebrochen. Diese Bremsspuren, die inzwischen weggespült waren, waren nicht länger als 50 Zentimeter gewesen, was darauf hinwies, dass der Fahrer des Pick-ups ihren Wagen erst Sekunden vor dem Zusammenstoß gesehen hatte. Alles in mir sagte mir, dass Molly wahrscheinlich versäumt hatte, sich noch einmal nach links umzusehen, bevor sie losgefahren war, und der Fahrer des Pick-ups log und viel schneller als 70 gefahren war. Beide hatten Schuld an diesem Unfall gehabt.

So wie viele Opfer von Gewaltverbrechen, denen nie Gerechtigkeit widerfährt, war ich irgendwann regelrecht besessen von Spekulationen, die ich nicht beweisen konnte. Ich sagte mir, dass die Sache für Molly noch viel schlimmer hätte ausgehen können, wenn der Toyota in Flammen aufgegangen wäre, während sie innen eingeschlossen und noch bei Bewusstsein war; wenn sie den Rest ihres Lebens dahinvegetiert wäre, bis zur Unkenntlichkeit entstellt oder komplett gelähmt gewesen wäre. Ich begann im Büro, mitten in einem Gespräch oder an einer Straßenecke mit geballten Fäusten ins Leere zu starren, sodass die Leute mich mitleidig und besorgt ansahen.

Ich hatte den Fahrer nie zur Rede gestellt oder auch nur mit ihm gesprochen, da er Teil einer offiziellen Ermittlung war und ihn zu kontaktieren daher unangemessen gewesen wäre. Doch am Tag nach meinem Gespräch mit Fat Tony fuhr ich den Teche hoch, zu einer Gegend außerhalb der kleinen Stadt Loreauville, die wir die Quarters nannten. Die Quarters bestanden aus Hütten und Shotgun Houses, einfachen, kleinen Einfamilienhäusern, die zum Teil noch aus der Zeit der großen Plantagen des 19. Jahrhunderts stammten. Die meisten von ihnen waren in einem gräulichen Gelb gestrichen und standen aufgereiht an einer Schotterstraße mit Regenablaufkanal und kahlen Gärten, in denen Weiße und Farbige friedlich nebeneinander wohnten und ihr Leben genossen. An den Wochenenden grillten die Leute und saßen biertrinkend auf ihren kleinen Veranden, wuschen im Vorgarten ihre Wagen, spielten auf den Straßen mit ihren Kindern Softball oder ließen Drachen steigen. Ich habe nicht die Absicht, Armut zu romantisieren. Die Loreauville Quarters waren ein Fenster zu meiner Kindheit, zu einer Zeit, in der nur wenige Menschen der Gemeinde Englisch sprachen, und nur wenige sich jemals weiter als zwei Landkreise von ihrem Geburtsort entfernten. Es war nur halb so schlimm dort aufzuwachsen.

Ich fand seinen Namen, T. J. Dartez, auf einem Briefkasten. Ich zog meine Dienstmarke und meinen Clip-Holster vom Gürtel, legte beides unter den Sitz und trat über den Regenkanal in seinen Vorgarten. Auf der Veranda qualmte eine als Grill umfunktionierte alte Waschmaschinentrommel, auf der ein Hähnchen lag, dessen Fett auf die Kohlen tropfte. Hinten hörte ich Kinderstimmen. Ich ging die Schottereinfahrt hoch. Ein eingebeulter Pick-up in ausgewaschenem Blau war in einer Hütte geparkt.

Ein unrasierter Mann in Arbeitshosen und einem weißen, sauberen Unterhemd warf zwei kleinen Mädchen, die mit Plastik-Baseballschlägern bewaffnet waren, einen Wiffleball zu. Sein Haar war schwarz, fettig und kringelte sich im Nacken. Er drehte sich um und lächelte. Zwischen seinen Zähnen klemmte ein Zigarettenstummel. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.

„Suchen Sie jemanden?“, fragte er.

„Sind Sie Mr. Dartez?“

„Ja, Sir.“

Ich starrte ihn an. Ich weiß nicht, wie lange. Die beiden kleinen Mädchen sahen so aus, als wären sie etwa sechs und zehn Jahre alt. Sie waren beide verstummt. „Ich muss mit Ihnen reden.“

„Worüber?“

Ich warf einen flüchtigen Blick auf die Mädchen. „In einer ernsten Angelegenheit.“

„Geht mal und tut Mama helfen“, sagte er.

Sein Haus sah aus wie ein Güterwagen, wie eine ärmliche Version meines eigenen Hauses, aufgebockt auf billigen Betonziegeln. Die Mädchen stiegen die Holztreppe hinauf und ließen die Fliegengittertür hinter sich zufallen.

„Sind Sie von der Agentur?“, fragte er.

„Welcher Agentur?“

„Der Inkasso-Firma.“

„Nein, bin ich nicht.“

Sein Blick war leer. „Sie sind es, oder?“

„Ich weiß nicht, wen Sie mit ‚es‘ meinen?“

„Sie sind der Ehemann von der Frau mit dem Unfall.“

„Ja, genau der bin ich.“

„Was wollnse von mir?“

„Wissen Sie, wer Tony Nemo ist?“

„Wer?“

„Sie kennen ihn vielleicht nicht, aber er kennt Sie. Er hat behauptet, Sie hätten in Alabama ein Kind überfahren.“

„Das ist eine verschissene Lüge.“

„Da war nichts?“

„Man hat mich wegen Trunkenheit am Steuer drangekriegt, in einer Schulzone. Ich habe niemandem etwas getan. Und ich trinke auch nicht mehr.“

„Aber Sie sind schneller als 70 gefahren, als Sie meine Frau gerammt haben, oder?“

Hinter dem Fliegengitter konnte ich seine Frau und die Kinder sehen, die mich anstarrten. Das hier waren Leute, für die Unheil kein abstrakter Begriff war, sondern eine Konstante; ein Klopfen an der Tür, ein Windstoß, und ihr Leben könnte ruiniert sein.

„Haben Sie denn Ihre Augen immer auf dem Tacho, wenn Sie nachts unterwegs sind?“, sagte er. „Ich denke, ich bin 70 gefahren. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Sie kam aus dem Dunkeln.“

„Ihr Licht war nicht eingeschaltet?“

Er versuchte, meinem Blick standzuhalten. „Ich kann mich nicht erinnern.“

„Hat Ihr Anwalt Ihnen gesagt, dass Sie das sagen sollen?“

„Sir?“

„Sie haben mich verstanden.“

Er zog ein beleidigtes Gesicht, wie ein Kind. „Ich habe dazu nichts mehr zu sagen.“

„Ich habe gehört, dass Sie versucht haben, den Staat zu melken.“

„Ich konnte acht Tage nicht zur Arbeit gehen. Wer zahlt dafür? Sie?“

„Meine Frau war früher Nonne, in Mittelamerika“, sagte ich.

Sein Mund bewegte sich, doch es kam kein Laut heraus.

„Sie war früher eine Ordensschwester. Sie hat ihr Leben der Fürsorge gewidmet.“

„Der Fürsor-?“

Wie soll man auf jemanden böse sein, der noch nicht einmal seine eigene Sprache beherrscht?

„Wenn Sie an meiner Stelle wären, Mr. Dartez, wie würden Sie sich dann fühlen?“

Neben seiner Garage stand ein dichtbelaubter Baum, der Schatten spendete. Der Wind fuhr durch ihn hindurch und seine Blätter wirkten vor der orangefarbenen Sonne dunkelgrün. Er starrte ihn an, als wolle er sich zwischen seinen Ästen verstecken. „Dieser Typ, den Sie Tony nennen? Ist er ein Kanacken-Gangster, mit dem Sie mir Angst einjagen wolln?“

„Woher wissen Sie, dass er ein Gangster ist?“

„Ich weiß, was läuft.“

„Lassen Sie es mich so ausdrücken: Er hat sein Interesse an Ihnen bekundet. Ich bin nicht sicher warum. Ich habe ihm gesagt, er soll sich da raushalten. Sie sollten besser lernen, wer wirklich Ihre Freunde sind.“

„Sie sind mein Freund? Ein Mann, der zu mir nach Hause kommt und meiner Frau und meinen Kindern Angst einjagt?“ Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Ich konnte nicht anders, ich merkte, wie mir die Galle hochkam, spürte die tiefsitzende Abscheu angesichts seiner Ignoranz, und mein Verlangen, etwas mit meinen Fäusten zu tun, das letztendlich nichts anderes als das Eingeständnis einer Niederlage war. Er wich zurück. „Meine Alte ruft jetzt die Cops.“

Der Wind drehte sich. Ich roch seine Ausdünstungen, den Grillrauch auf seiner Haut und die Pomade in seinen Haaren. „Sie haben den State Trooper angelogen. Bis zu dem Tag, an dem Sie Ihre Mitschuld an dem Unfall zugeben, werden Sie keinen Frieden finden.“

„Es tut mir leid, dass Ihre Frau tot ist. Sie hat mich angefahren. Ich hab nichts falsch gemacht. Akzeptieren Sie das oder Sie können mich mal kreuzweise.“

„Ich habe Sie gewarnt“, sagte ich.

„Meine Familie hat das auch gehört. Was wird der Sheriff sagen, wenn ich ihn anrufe und ihm das erzähle? Sagen Sie’s mir. Mann, lassen Sie mich einfach in Ruhe. Verpissen Sie sich.“

Ich ging. Die Zuckerrohrfelder am Horizont neigten sich im Wind, mein langärmliges Oberhemd war durchgeschwitzt und in meiner Brust tobte ein Krieg, von dem ich wusste, dass ich ihn niemals gewinnen würde.

Clete hatte zwei Büros, eines in New Orleans und eines in New Iberia. Wenn er von seinem Büro in New Iberia aus arbeitete, mietete er ein Cottage im Teche Motel an der East Main, von meinem Haus aus gesehen ein Stück den Bayou hinunter. Als ich am Sonntagmorgen aufwachte, hingen dicke weiße Nebelwolken an den Baumstämmen meines Gartens, wie Baumwollflocken neben einer Egreniermaschine. Ich sah einen Waschbären auf dem Dach von Tripods Hütte, dessen Fell taunass glänzte, ging zur Gartentür und schaute durchs Fliegengitter. Der Waschbär war in eine Eiche geklettert und blickte von einem Ast auf mich hinunter. Ich schob die Tür auf. „Tripod?“

Dann war er verschwunden. Im Pyjama und Hausschuhen ging ich nach draußen und schaute den Ast hinauf, doch da war nichts mehr. ich ging wieder hinein, zog mich an, frühstückte und ging zur Messe in die St. Edward’s. Als ich nach Hause kam, parkte Cletes lila-metallicfarbener Cadillac mit offenem Verdeck in der Einfahrt, und seine bestrumpften Füße ragten aus dem Fenster. Er lag schlafend auf dem Rücksitz, mit einem Kissen auf dem Gesicht. Und er stank wie ein ganzer Bierlaster.

Ich ging hinein, kochte Kaffee, machte Milch warm und schob vier Zimtschnecken in den Ofen, ging dann wieder in den Garten und suchte nach dem Waschbären. Tripod war vor Jahren gestorben, doch ich träumte oft von ihm, genau wie von meinen anderen Haustieren, und ich fragte mich, ob Tiere, genau wie Menschen, wieder mit uns in Verbindung treten können. Eine halbe Stunde später kam Clete durch die Gartentür, das Gesicht auf der einen Seite durch das Kissen verknittert, und mit verschlafenem Blick.

„Kommst du gerade aus der Stadt?“, fragte ich.

„Ich bin nicht ganz sicher, was ich gemacht habe. Ich habe Jack und Bier drüben in Morgan City getrunken, und dann weiß ich nix mehr. Hast du ein Bier?“

„Nö.“

„Ich trinke auch Kerosin, wenn du welches hast.“ Er setzte sich an den Küchentisch. Er trug seine Kreissäge und das langärmelige Tropenhemd, das er in Miami gekauft hatte. „Hast du irgendwelche Aufputschmittel im Haus?“

„Bist du noch ganz dicht?“

„Willst du, dass ich gehe?“

„Nein, ich habe dir Frühstück gemacht. Kotz mir nur nicht auf den Boden.“

„Gestern ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich habe versucht, es zu verstehen. Darum hab ich so viel gesoffen. Weißt du, wenn du dich mit dir selbst streitest und dich fragst, warum du dir von jemandem die Laune verderben lässt. Mein Kopf fühlt sich an wie ein Basketball.“

„Worüber reden wir hier, Clete?“

„Der Idiot hat mich angerufen.“

„Welcher Idiot?“

„Der, der versucht hat, mich vor die Tür zu setzen, Jimmy Nightingale. Er sagte, wir würden schon eine Lösung für meine Umkehrhypothek finden. Ich könnte refinanzieren und seiner Firma ein 1 000-Quadratmeter-Grundstück überlassen, das ich in Biloxi besitze. Er hat mich auch einem Börsenmakler vorgestellt, von dem ich für einen Appel und ’n Ei ein paar todsichere Papiere kaufen kann. Ich habe ihn gefragt, warum er das alles macht. Er hat gesagt, weil er mit dir geredet hätte.“

„Stimmt.“

„Du glaubst nicht, dass er mich übers Ohr hauen will?“

„Er möchte, dass ich ihm Levon Broussard vorstelle.“

Clete schaute mich einen Moment verwirrt an. „Der Autor, von dieser Frau mit diesen riesigen Titten? Sie ist ein paar Mal an meinem Büro vorbeigejoggt. Ich habe gehört, dass sie nicht alle Tassen im Schrank haben soll.“

„Hat jemand in deiner Anwesenheit jemals den Ausdruck ‚mentale Retardierung‘ benutzt?“

„Jepp, der Eheberater, der meine Ex gevögelt hat, während wir noch in der Beratung waren. Denkst du, ich sollte den Deal eingehen?“

„Was, wenn du es nicht tust?“

„Die Typen, denen ich was schulde, in Vegas und Reno, sind echte Arschlöcher. Kerle, mit denen ich mal zusammengearbeitet habe. Du kannst es dir denken.“

„Ich habe 30 000 bei der Vanguard. Die kannst du haben.“ „Das wäre so, als würde man einen Fahrradflicken auf den Riss in der Titanic kleben.“

Ich legte die Zimtschnecken auf einen Teller und stellte ihn zusammen mit der Butterdose, einem Becher Kaffee und Milch auf den Tisch. „Iss.“

„Du bist der Beste, mein werter Herr.“

Nein, das war Clete. Aber davon würde ihn nie jemand überzeugen können.

Clete checkte in seinem Cottage im Teche Motel ein und ich rief bei Levon Broussard und seiner Frau Rowena an. Levon stand seit 20 Jahren auf der Bestsellerliste der New York Times und Rowenas grobkantige Bilder und Fotografien wurden von vielen oberflächlichen Leuten gemocht, die sich mit etwas schmücken wollten. Ich hatte nur deshalb ihre Privatnummer, weil Levon ein Fan der Romane meiner Tochter Alafair war. Das Paar lebte ein Stück den Bayou hoch in einem geräumigen Haus, das aus recycelten South-Carolina-Ziegelsteinen gebaut war, mit Fenstern vom Boden bis zur Decke, grünen, sturmsicheren Fensterläden und einer breiten Veranda. Das Haus lag im fast ununterbrochenen Schatten von einem halben Dutzend Virginia-Eichen, von denen Louisianamoos herunterhing.

Rowena ging ans Telefon.

„Hallo, Miss Rowena“, sagte ich. „Hier spricht Dave Robicheaux. Ist Levon da?“

Es entstand eine kurze Pause von der Sorte, bei der man sich fragte, was für ein Gesicht die Person am anderen Ende der Leitung gerade zog.

„Ich hole ihn“, sagte sie und ließ den Hörer unsanft auf eine harte Oberfläche fallen.

„Hallo?“, fragte Levon.

Ich erzählte ihm, dass Jimmy Nightingale uns zum Abendessen einladen wollte.

„Was will er von uns?“, fragte Levon.

„Du bist ein berühmter Schriftsteller. Er hat ein paar Theaterstücke geschrieben. Vielleicht geht es um etwas Geschäftliches.“

„Hat Nightingale nicht enge Verbindungen in die Casino-Industrie?“

„Unter anderem.“

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist.“

„Er hilft Clete Purcel aus einer Klemme. Im Gegenzug hat er darum gebeten, dir vorgestellt zu werden.“

„Also bist du auf meine Kosten wohltätig?“

Damit hatte er mich. „Du hast recht. Vergiss, dass ich angerufen habe.“

„Ist Alafair da?“

„Sie lebt jetzt in Bodega Bay.“

Ich konnte hören, wie er atmete. Levon war dafür bekannt, dass er nie nein sagen konnte, wenn er um Geld oder Hilfe bei einem privaten Problem gebeten wurde. Genau genommen schienen in seinem Kopf zwei Stimmen unterschiedlicher Meinung zu sein. „Ich mag diese Casino-Typen nicht, Dave. Die tun nach außen hin so, als wären sie Indianer, und entziehen sich damit der staatlichen Überwachung, aber die meisten von ihnen kommen aus Jersey.“

„Genau wie Bruce Springsteen“, meinte ich.

„Wie wichtig ist die Angelegenheit?“

„Clete hat sich finanziell so richtig in die Scheiße geritten. Jimmy Nightingale kann ihn vermutlich da rausholen. Wir reden über eine Stunde Abendessen.“

Ich hörte, wie er schwer ausatmete. „Wann?“

„Halb sieben morgen Abend im Clementine’s. Ich rufe Jimmy an und mache das klar.“

„Grüß Alafair von mir. Ich liebe ihr neues Buch.“

Bevor ich antworten konnte, hatte er bereits aufgelegt.

* * *

Helen Soileau war in ihrer dritten Amtszeit als Sheriff tätig, in einer Phase, in der das Iberia Sheriff ’s Department und die City Police zusammengelegt worden waren. Sie hatte ihre Karriere als Politesse beim New Orleans Police Departement begonnen, hatte sich zur Streifenpolizistin hochgearbeitet, war dann an ihren Geburtsort New Iberia zurückgekehrt, wo sie in unserer kleinen Mordkommission als Kriminalbeamte in Zivil meine Partnerin gewesen war. Helen trotzte jeder Kategorisierung und allen Konventionen. Vor Jahren, auf einer Weihnachtsfeier, hatte mal ein Klugscheißer aus unserer Abteilung zu ihr gesagt, für einen Mann habe sie den perfekten Körper. Sie schlug ihn von seinem Hocker, rammte seinen Kopf auf den Tresen, zog ihn dann wieder hoch, setzte ihn zurück auf den Stuhl und drückte ihm einen Drink in die Hand. „Schwamm drüber“, sagte sie.

Sie hatte blondes, im Nacken ausrasiertes Haar, das sie nie färbte; sie trug Hosen, manchmal Make-up und manchmal nicht. Zu ihren Liebesgeschichten gehörte unter anderem ein kurzer Flirt mit einer Informantin (was sie um ein Haar die Karriere gekostet hätte), Affären mit einem Zirkusbesitzer, einem Masseur, einem Professor für feministische Studien und mit Clete Purcel.

Die Stille zwischen ihren Sätzen sagte oft mehr als ihre Worte. Sie schob Tatverdächtigen niemals unregistrierte Waffen oder fingiertes Beweismaterial unter und misshandelte sie auch nicht, und in der Folge erfuhr sie für gewöhnlich mehr von ihnen, als andere unter Zwangsausübung. Ich glaubte, dass sie eine Reihe verschiedener Persönlichkeiten besaß, von denen eine die einer Liebesabenteurerin war, deren Augen manchmal flüchtig über mich wanderten. Es war mir egal. Meine Gefühle für Helen waren die gleichen wie die für Clete: Ich glaubte, dass ihre Tugenden aus einem Schmelztiegel stammten, dessen Hitze man nicht messen konnte.

Montagmorgen bat sie mich, in ihr Büro zu kommen. Durch das Fenster konnte ich den Bayou Teche sehen, auf dessen Oberfläche die Sonnenstrahlen tanzten und auf dessen gegenüberliegenden Seite sich eine Betonrampe befand. Ihr Blick hob sich und traf meinen. In ihrer rechten Hand hatte sie einen Kugelschreiber, mit dem sie wieder und wieder klickte.

„Ich habe einen Anruf von T. J. Dartez’ Anwalt erhalten“, sagte sie.

„Das habe ich erwartet.“

„Er hat behauptet, du hättest seinen Mandanten bedroht.“

„Stimmt nicht.“

„Was hast du bei ihm zu Hause gemacht?“

„Ich habe ihm gesagt, ich nähme an, er hätte das Tempolimit überschritten, als er Molly in die Seite gefahren ist. Ich habe ihm gesagt, er würde keinen Frieden finden, bis er seine Mitschuld eingesteht.“

Ihr Daumen presste immer wieder auf den Druckknopf und hob sich wieder, klick-klick, klick-klick. „Das waren deine Worte?“

„Mehr oder weniger.“

„Du weißt, was ein guter Rechtsanwalt daraus machen kann, oder?“

„Ich hatte einen weiteren Grund, weswegen ich dort war. Tony Nine Ball hatte angeboten, ihm Schaden zuzufügen, oder ihn vielleicht sogar auszuschalten.“

„Du hast dich mit Tony Nemo darüber unterhalten, T. J. Dartez umzubringen?“

„Nein, ich habe mich mit ihm über ein Schwert aus dem Bürgerkrieg unterhalten. Was das andere Thema anging, habe ich ihm gesagt, er solle sich aus meinen Angelegenheiten raushalten. Er sagte, Dartez hätte in Alabama ein Kind überfahren.“

„Das ergibt für mich keinen Sinn, Bwana.“

„Tony tut gern so, als sei er dicke mit den Cops. Er hat auf dem Flohmarkt ein Schwert gekauft. Es gehörte einem von Levon Broussards Vorfahren. Er will entweder Geld damit machen, oder an Levon herankommen. Tony war an ein oder zwei Filmproduktionen beteiligt. Er ist ein selbstsüchtiges, gieriges, fettes Stück Scheiße. Und leicht zu durchschauen.“

Sie blickte mich scharf an und ließ den Kuli auf die Schreibunterlage fallen. „Halte dich von Dartez und Nemo fern.“

„Das habe ich vor.“

Sie starrte mir mit ausdruckslosem Blick ins Gesicht. Wie so oft hatte ich keine Ahnung was sie gerade dachte oder mit wem sie zurzeit zusammen war. Ihr Haar sah heller aus, vielleicht sonnengebleicht, dichter und schöner, als wäre sie im Salzwasser gewesen.

„Lad mich zum Mittagessen ein, Pops, und verschone mich mit noch mehr von deinem Müll“, sagte sie.

4

Jimmy holte mich in einer Limousine ab. Wir fuhren die Loureauville Road hoch und bogen dann in die lange Einfahrt des Broussardschen Grundstücks ein. Die Kutscherlampen auf der Veranda brannten und hinter den bodentiefen Fenstern strahlte der Kronleuchter im Flur. Es ging ein leichter Wind, und in den Bäumen hingen Schatten, die miteinander zu kämpfen schienen. Drei der Virginia-Eichen standen auf der Baumschutzliste und hießen Mosby, Forrest und Longstreet, was möglicherweise auf eine alte, deprimierende und illusionäre Besessenheit der Südstaatler hindeutete, Krieg sei etwas Großartiges. Doch es fiel mir ziemlich schwer, das mit Levon in Zusammenhang zu bringen.

Er vermied Menschenansammlungen und formelle gesellschaftliche Anlässe, genau wie konventionelle Denkweisen; und er hatte eine pathologische Abneigung gegen Leute, die ihm Fragen zu seiner Arbeit stellten. Er sprach selten detailliert über seine Familie, doch vermutlich waren sie mit Oliver Hazard Perry, John Mosby, Edmund Burke und John Wilkes Booth verwandt. Er sagte, er sei in Galveston aufgewachsen, oder am Lake Charles oder in Lafayette, oder vielleicht an allen drei Orten, ich weiß nicht genau. Er war einer dieser paradoxen Personen, die für den manischen Schutz ihrer Privatsphäre berüchtigt waren. Er hatte in den Tropen gelebt und hatte mexikanische Linksradikale gekannt, Agenten der Drogenvollzugsbehörde in Kolumbien und CIA Maschinisten, die für eine Airline mit Hauptsitz in Fort Lauderdale flogen. Was ihn an die Ränder des New American Empire gezogen hatte, wusste niemand. Mit seiner hochgewachsenen Gestalt, dem höflichen Benehmen, dem freundlichen Gesicht und seiner egalitären Haltung schien er die personifizierte Tugend zu sein. Obwohl sie sich überhaupt nicht ähnlich sahen, wirkte es auf mich so, als wären er und Jimmy Nightingale Buchstützen im selben Regal.

Manchmal sah ich Levons Frau im Red Lerille’s Health & Racquet Club in Lafayette, wo sie in Boxershorts und einem Sport-BH den Boxsack so verbissen und verschwitzt bearbeitete, dass seine Kette klirrte. Sie war Australierin, hatte dunkles Haar und weit auseinanderstehende blaue Augen, die einem unverhohlen direkt ins Gesicht blickten. Sie sprach selten, lächelte nicht oft, und wenn sie überhaupt das Gesicht verzog, dann schien es aus Verwirrung oder Misstrauen zu sein, als würde sich die Welt vor ihren Augen ununterbrochen zerlegen und wieder neu zusammensetzen.

Bevor ich aus der Limousine steigen und klingeln konnte, kamen Levon und Rowena bereits aus der Haustür. Levon half seiner Frau einzusteigen, lehnte sich dann über den Sitz und schüttelte Jimmy energisch die Hand. „Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Sir. Das hier ist meine Frau, Rowena. Vielen Dank für die freundliche Einladung. Wie geht’s dir, Dave?“

Das war Levon, bei jeder Gelegenheit stets der exaltierte Gentleman. Doch seine Herzlichkeit hatte keinerlei Einfluss auf das, was gleich passierte. Jimmys Blick klebte an Rowenas Augen. Was da zwischen den beiden abging, knisterte so unverhohlen, dass es beiden offensichtlich peinlich war. Sie ließ sich auf den Ledersitz plumpsen, ohne auch nur für einen Moment den Blickkontakt zu unterbrechen. „Sie sind also ein Drehbuchautor?“, fragte sie ihn.

„Nicht wirklich. Ich versuch’s.“

„Hat irgendwer was zu trinken dabei?“, fragte sie.

„Ich wollte gerade etwas Champagner kaltstellen“, erwiderte Jimmy, „aber ich dachte, wir würden zügig zum Restaurant aufbrechen.“

„Alles gut“, sagte Levon.

„Ich hab Hunger und Durst“, sagte sie. „Können wir vielleicht endlich mal losfahren?“

„Jawohl“, sagte Jimmy. Er klopfte an die Scheibe hinter dem Fahrer.

„Ist das Ihr Fahrzeug?“, fragte Levon.

„Mein Fahrzeug? Nein, der Wagen gehört dem Limousinen-Service“, antwortete Jimmy offenbar nicht sicher, was hier abging. „So vornehm bin ich nicht.“

„Hallo, Miss Rowena. Ich bin Dave Robicheaux“, stellte ich mich vor. „Ich habe Sie in Red’s Fitnessstudio in Lafayette gesehen.“

„Sie sind noch mal wer?“

„Wir haben miteinander telefoniert.“

Ihr Fenster war geschlossen. Sie starrte auf ihr Spiegelbild im dunklen Glas der Scheibe. Dann drehte sie den Kopf und sah wieder Jimmy an, als bemerke sie ihn jetzt zum ersten Mal. Levon beugte sich vor und versperrte ihr die Sichtlinie. „Sie pflegen also freundschaftlichen Umgang mit Bobby Earl, Mr. Nightingale?“

„Nennen Sie mich Jimmy. Ja, ich kenne Earl, allerdings würde ich ihn nicht als engen Freund bezeichnen.“

„Aber doch als Freund?“, hakte Levon nach.

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, erwiderte Jimmy.

„Was gibt’s da zu richten? Sein Vorstrafenregister spricht ja wohl für sich, oder?“, meinte Levon trocken. „Wenn’s nach ihm ging, würden wir alle zu Seife verarbeitet.“

„Ich denke, er hat für seine Sünden bezahlt“, sagte Jimmy.

„Mit seiner Zeit im Gefängnis?“

„Zieht man die typische ethnische Zusammensetzung der Gefängnispopulation in Betracht, hat er sich vermutlich mitten in einem Albtraum wiedergefunden“, sagte Jimmy.

„Ich kann mir kaum vorstellen, dass das für die Opfer des Ku-Klux-Klan ein großer Trost ist.“

„Ach, lasst’s gut sein, ihr zwei“, meinte Rowena. Sie massierte sich den Nacken, ließ den Kopf kreisen und warf dabei Jimmy schräge Blicke zu.

„Ein guter Ratschlag“, bestätigte Jimmy und griff nach etwas auf dem Fußboden.

Rowena ließ ihre Seitenscheibe runter und flutete die Limousine mit dem Duft von Nachtblühern und Sprinkleranlagen, die sich in der Dunkelheit auf dem St.-Augustine-Gras drehten. „Seht euch mal die Sterne an. Habt ihr Die Nacht hat tausend Augen gesehen? Wenn man die Sternbilder erkennen kann, muss ich immer an diesen Film denken. Seht nur, es sieht aus wie Sternenstaub.“

„Was haben Sie da?“, fragte Levon.

„Ein Schwert“, sagte Jimmy und hob es ans Licht. „Ich glaube, es hat Ihrem Urgroßvater gehört. Ich würde es Ihnen gerne schenken.“

Levon starrte den auf dem Heft eingravierten Namen an. „Mein Gott, woher haben Sie das?“

„Hat mir überhaupt irgendwer zugehört?“, sagte Rowena. „Hat einer Die Nacht hat tausend Augen gesehen?“

„Ja, ich hab den Film gesehen“, sagte Jimmy. Als Levon versuchte, ihm das Schwert zurückzugeben, schob er es von sich. „Edward G. Robinson und Gail Russell in den Hauptrollen. Haben Sie die Russell auch in Der schwarze Reiter oder Im Banne der roten Hexe gesehen?“

„Ja“, antwortete Rowena mit vorgeschobenem Kopf; ihre weit auseinanderstehenden Augen leuchteten interessiert.

„Wie wär’s, wenn du das Fenster wieder schließt, Rowena?“, sagte Levon. „Hier riecht’s heftig nach Insektiziden.“

„Wenn das alle so wollen“, entgegnete sie.

„Hören Sie“, sagte Levon, „ich kann dieses Geschenk nicht annehmen.“

„Vielleicht können wir’s ja einem Museum geben“, schlug Jimmy vor. „Es gehört jedenfalls in andere Hände, als in die des Vorbesitzers.“

Levon wartete darauf, dass Jimmy fortfuhr.

„Ich hab’s von Fat Tony Nemo. Der wiederum hat’s auf einem Flohmarkt gekauft“, erzählte Jimmy.

„Sie kennen Nemo?“, fragte Levon.

„Er hat für eine Reihe meiner Häuser den Beton gegossen.“ „Genau. Hatte ganz vergessen, dass er das macht, wenn er gerade keine Leute umbringt.“

„Tonys kriminelle Vergangenheit liegt inzwischen 20 Jahre zurück“, sagte Jimmy.

„Stimmt das, Dave?“, fragte mich Levon. „Hat dieser Typ, der früher mit einem Baseballschläger Leuten die Arme und Beine gebrochen hat, seinen Weg zur Erlösung gefunden?“

„Nicht, dass ich wüsste“, erwiderte ich und bedauerte bereits meine Entscheidung, Clete auf diese Weise zu helfen.

„Könnten Sie Ihrem Fahrer bitte sagen, er soll ein bisschen schneller fahren“, sagte Rowena zu Jimmy. „Ich werd gleich ohnmächtig.“

„Heute Abend bitte keine australische Theatralik, okay?“, sagte Levon.

„Ach, nerv nicht“, erwiderte sie.

„Ich werde Ihnen dafür einen Scheck ausstellen“, sagte Levon zu Jimmy.

„Verraten Sie mir doch stattdessen das Geheimnis Ihrer Romane.“

„Wie bitte?“, sagte Levon.

„Ich bin neidisch. Es sind wunderbare Bücher. Ihre Prosa ist reine Magie. Ich möchte wissen, wie Sie das machen.“

Dann sagte Rowena etwas, das ich in Anbetracht der unverblümten Erregung, die Jimmy offensichtlich in ihr hervorrief, nicht erwartet hätte. „Wir alle haben doch unsere privaten kleinen Kämmerchen, Liebling. Da lassen wir doch besser die Finger von.“

Der Chauffeur war ein mit Steroiden aufgepumpter Gewichtheber mit wasserstoffblondem Bürstenschnitt und einem konkaven Gesicht, dessen Augen im Rückspiegel aussahen wie Bleiklumpen. Ich hätte lieber vorne neben ihm gesessen.

* * *

Das Clementine’s lag an der Main Street und war früher Saloon, Billardhalle und Wettbüro in einem gewesen, mit Dielenböden und einer Decke aus gestanztem Blech, einer langen Mahagoni-Theke und Spucknäpfen, und einem Kanonenofen, aus einer Zeit, als Saloonbesitzer einmal wöchentlich die Billardtische mit Wachstüchern abdeckten und kostenlos Rotkehlchen-Gumbo servierten. Heute war es ein feines Restaurant mit einem ganzen Heer von adrett gekleideten Angestellten und manchmal einem berühmten Filmschauspieler oder Musiker unter den Gästen. Leider war mir das alles kein Trost. Die Atmosphäre an unserem Tisch war giftig, die Spannung unerträglich, in erster Linie, weil es keinen Weg gab, um den offenen Hass zwischen Jimmy und Levon, und vermutlich auch dem grünäugigen Monster in Levon, gleichzeitig einzugestehen und das Problem zu lösen.

„Sie haben aber schon verstanden, dass ich Ihnen einen Scheck ausstellen möchte, oder?“, meinte Levon.

„Wenn Sie wünschen“, sagte Jimmy.

„Da gibt es kein ‚wenn‘.“

Jimmy lächelte. „Ich meine, ich habe ihm 2 000 dafür bezahlt. Warum spenden Sie diesen Betrag nicht in meinem Namen einem wohltätigen Zweck?“

„Warum lasse ich es nicht einfach als Trinkgeld für den Kellner liegen?“, sagte Levon.

Rowena war inzwischen bei ihrem dritten Glas Burgunder angelangt. „Mein Großvater war bei Gallipoli dabei. Ein Nachbar hat versucht, ihm ein Bajonett als Souvenir zu schenken, damit er mit dem Ding dann bei seinem 100. Geburtstag den Geburtstagskuchen anschneiden kann. Mein Großvater hat ihm gesagt, er könne sich das Ding sonst wohin stecken.“

„Sprich leiser, Rowena“, sagte Levon.

„Den Teufel werde ich tun“, entgegnete sie.

Was für eine Unterhaltung in einer Kleinstadt am Bayou Teche, in der Etikette zur Religion erhoben wurde, und Benehmen und Moral unantastbar sind.

Mir brannte der Nacken, meine Kopfhaut zog sich mit jedem Wort von Rowena enger zusammen. Ich ging zu den Toiletten, die in einem separaten Gebäude neben dem Innenhof lagen, wusch mein Gesicht, trocknete es ab und ging wieder zurück. An der Bar war viel los, doch inmitten der Trinker sah ich Clete über einem Poorboy-Sandwich und einem beschlagenen Krug Bier hocken.

Wenn ich mich an Orte begebe, an denen Alkohol serviert wird, vermeide ich es üblicherweise, mich an die Bar zu setzen, oder an Tische, an denen Leute eher trinken als essen. Solche Unterscheidungen mögen normalen Menschen unsinnig erscheinen, doch der Ausrutscher, der trockene Alkoholiker wieder auf den schmutzigen Trip zurückbringt, hat harmlose Auslöser. Man isst versehentlich ein Stück Schokokuchen mit Whiskey darin; in der Pflaumensoße ist Brandy; zwei Meilen vor der Küste, die Sonne brennt dir auf die Birne und ein Freund wirft einem eine kalte Dose Bier aus der Kühltruhe zu; oder noch schlimmer, man wacht nachts um 1:00 Uhr auf, den Kopf voller albtraumhafter Bilder, und anstatt dass man seine Dämonen zähmt, wirft man sich die alte Lederjacke über und sucht sich eine abgelegene Spelunke ohne Fenster und Uhr.

Doch ich wollte in Cletes Nähe sein, bei dem Mann, der mich mit zwei Kugeln im Rücken eine Feuertreppe hinuntergetragen hatte, ein Mann, der nach Hautabschürfungen dürstete und sich vor Anerkennung fürchtete, ein Ikonoklast der Arbeiterklasse, der dieses Wort im Lexikon nachschlagen müsste.

„Können Sie mir sagen, wo’s hier zu Sharkey Bonano’s Dream Room geht?“, fragte ich. In Sharkeys Tanzschuppen auf der Bourbon hatten schon Musiker wie die Kings of Dixieland, Johnnie Scat Davis, Louis Prima und Sam Butera gespielt, und Clete und ich waren schon viele Nächte zusammen dort versackt.

Als ich ihm die Hand auf die Schulter legte, zuckte Clete zusammen. „Himmel, Dave, weißt du nicht, dass ich einen Herzinfarkt bekomme, wenn sich Leute so an mich heranschleichen? Seit wann bist du schon hier?“

„Ich bin mit Jimmy Nightingale, Levon und dessen Frau hier.“

„Du machst Witze.“ Er reckte den Hals, um in den Speisesaal zu blicken. „Hoppla, ich hätte nicht gucken sollen.“

Was meinst du damit?“

„Diese australische Braut ist ziemlich scharf. Mein großer Junge hat direkt auf Alarmstufe rot geschaltet.“

„Hörst du bitte damit auf?“

„Ich erkenne ein Tier, wenn ich eines sehe.“

„Das meine ich ernst, Clete.“ Aber, wozu das Ganze? Clete war Clete. „Setz dich zu uns. Ich habe das Gefühl, mitten in einem Mixer zu sitzen.“

„Ich kann Nightingale nicht ausstehen. Ich weiß, dass er für mich einen Deal abschließt, aber er bleibt dennoch ein Arschloch und Betrüger.“

„Aber bei mir ist das okay?“, fragte ich.

„Tu nicht so, als wüsstest du es nicht. Nightingale kann mich nicht ausstehen. Ich weiß nicht, was du an diesem Wichser findest. Davon abgesehen tut er dir einen Gefallen, nicht mir. Er will etwas von Levon Broussard. Genau wie Tony Nine Ball.“

„Woher hast du das?“

„Von Nig Rosewater.“

Nig und Wee Willie Bimstine hatten New Orleans’ ältestes Kautionsbüro, bis Katrina die Stadt versenkte und FEMA ihre Klienten überall in den Vereinigten Staaten verteilte, ohne Rückfahrtschein.

„Tony glaubt, er wird irgendwann ein Hollywood-Filmproduzent“, sagte Clete. „Er hat das Schwert gekauft, um es Levon Broussard zu geben, nur dass Nightingale es ihm weggenommen hat.“

„Wann hat Fat Tony angefangen, vor anderen zu kuschen?“

„Er hat Diabetes, ein Lungenemphysem, sowie Darm- und Lymphknotenkrebs. Er hat in seinem Wagen immer einen Eimer dabei, um reinkotzen zu können.

Der Barkeeper lehnte sich dicht zu Clete hinüber. „Möchten Sie noch einen Drink, Sir?“

Clete hob seinen Krug, der noch bis oben hin voll war und an dessen Seite eine dünne Eisschicht hinunterglitt. „Sieht es so aus, als bräuchte ich noch einen? Aber wo Sie gerade fragen, geben Sie Dave ein Doc light mit Kirschen und Limette drin.“

Der Mann, der neben Clete an der Bar saß, stand auf und ging und ich setzte mich nur deswegen auf seinen Hocker, weil ich die Rückkehr zu meiner Gruppe so lange wie möglich hinauszögern wollte. Innerhalb von Sekunden fühlte ich mich wie zu Hause; der Fernseher war auf einen Sportsender geschaltet, mir wurden gefüllte Shrimps auf einer Papierserviette vor die Nase gestellt, die ich nicht geordert hatte, und jemand redete über die New Orleans Saints. Clete bestellte einen Shot und goss ihn in seinen Krug. Ich sah zu, wie der Whiskey auf dem Glasboden auftraf und in einer braunen Wolke wieder aufstieg.

„Warum steckst du dein Gehirn nicht in ein Glas und spendest es einer medizinischen Fakultät?“, fragte ich.

„Das habe ich vor fünf Jahren gemacht. Sie haben es mir zurückgegeben.“

Er trank die Hälfte des Kruges in einem Zug leer. Ich biss in einen gefüllten Shrimp und blickte über meine Schulter in den Speisesaal und dann auf die eisige Wolke, die von der Bierkiste aufstieg, den Barkeeper, der Flaschen mit Liebfrauenmilch und Rotwein entkorkte, eine Orangenscheibe auf den Rand eines Collins steckte, einen Schuss Jack Daniel’s auf Eisschnee und Minzblätter gab, einen cremigen, pinkfarbenen Gin Fizz einschenkte, eine Runde Hennessy für alle vorbereitete, die der Lieferant spendiert hatte.

„Keinen?“, fragte der Barkeeper, nachdem er ein Whiskeyglas vor mich gestellt hatte.

Ich räusperte mich, um zu antworten.

„Hat er einen bestellt?“, sagte Clete.

„Sorry, mein Fehler“, sagte der Barkeeper.

„Geben Sie uns beiden ein Doc light. Ich brauche außerdem eine Schale Gumbo“, sagte Clete.

„Kriegen Sie“, sagte der Bartmann.

„Woher kommen Sie?“, fragte Clete.

„Kalifornien.“

„Haben Sie je von den Bobbsey Twins der Mordkommission gehört?“

„Die kenne ich noch nicht“, sagte der Barkeeper. Er trug ein weißes Jackett und hatte mit Pomade zurückgekämmtes Haar.

„Sie stehen gerade vor Ihnen“, sagte Clete. „Sie werden gerade ein Zeitzeuge.“

„Lass gut sein, Clete“, sagte ich.

„Er weiß doch, dass ich Witze mache“, sagte Clete. „Sie nehmen Leute wie mich gar nicht ernst, oder, Mr. Soundso?“

„Ich heiße Cedric.“

„Sie wussten doch, dass ich nur Spaß mache, stimmt’s Cedric?“

Der Barkeeper wischte den Tresen ab. „Die beiden Doc light kommen gleich.“

Er ging, knäuelte dabei seinen Lappen zusammen und warf ihn dann ins Spülbecken. Mein Gesicht fühlte sich klein und eng an; meine Ohren summten. „Mach das nicht noch mal, Clete.“

„Er drängt Leuten Drinks auf. Ich habe ihm die Leviten gelesen.“

„Hast du mich verstanden?“

„Nun komm mal runter, Streak.“

„Von was?“

„Du weißt, wovon ich rede.“

„Nein, weiß ich nicht.“

„Ich habe aufgehört, zu versuchen, jede anzubaggern, die mir über den Weg läuft. Warum? Weil ich alt bin und mich damit zum Affen mache. Es nennt sich: ‚seine Grenzen erkennen‘.“

„Wir sehen uns später“, sagte ich.

„Komm wieder her.“

Doch ich ging weiter, ließ mein Gespräch mit Clete von den Geräuschen des Speisesaals verschlucken, mitsamt den Versuchungen, die genauso in mir fortdauerten wie der Sexualtrieb und die, schlimmer noch, mit Schusswaffen und Glücksspiel zu tun hatten, und dem Drang, durch die Dimensionen hinweg einen Ort zu betreten, an den ich nie wieder gehen wollte.

Levon, Rowena und Jimmy waren blau und lächelten dümmlich, als ich wieder an den Tisch trat.

„Tut mir leid, es ist etwas dazwischengekommen“, sagte ich.

„Sie gehen?“, fragte Levon.

„Wir holen es ein anderes Mal nach“, sagte ich. „Vielen Dank für die Einladung.“

„Sind Sie noch ganz richtig im Kopf?“, fragte Rowena. „Sollen wir das Essen dann gleich einfach den Schweinen vorwerfen?“

„Chacun à son goût“, sagte ich.

Dann verließ ich den Speisesaal, vorbei an den Leuten, die an der Bar feierten, einschließlich Clete, und durch die Tür hinaus in die Nacht. Die Straße war leer und das große Gebäude des Shadows ragte von Flutlichtern beleuchtet über dem Garten empor, wie ein Tribut an all die Leiden, die aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg an uns weitergereicht wurden. Welch ein Hohn, dachte ich.

Doch mein Zynismus befreite mich nicht von dem Feuer und dem unersättlichen Verlangen, das in mir brannte.

5

Am nächsten Morgen rief mich Clete im Büro an. „Tut mir leid wegen gestern Abend“, sagte er.

„Vergiss es. Ich stand neben mir“, sagte ich.

„Du bist doch nicht nach Hause gegangen und hast dich besoffen, oder?“

„Kümmere dich lieber um dich selbst“, sagte ich.

„Ich sehe dich beim Mittagessen.“

„Ich habe zu viel Papierkram zu erledigen.“

„Dann komme ich heute Abend vorbei. Es geht um dieses Arschloch.“

„Welches Arschloch?“

„Dieses Nightingale-Arschloch, wen sonst? Ich muss noch in Jennings einen Kautionsflüchtling einsammeln. Wir sehen uns gegen neun.“

Nachmittags um viertel nach fünf warf ich meinen Angelkasten, die Rute und die Angelrolle hinten auf meinen Pickup, befestigte den Trailer mit meinem Boot am Wagen und fuhr zum Henderson-Damm, etwas außerhalb von Breaux Bridge. Der Henderson-Sumpf ist Teil eines ausgedehnten Netzes an Bayous, Buchten und Flüssen, die zusammen das Atchafalaya Basin bilden, die überfluteten Wälder, die im Sonnenuntergang grüngolden leuchteten, und in denen die Stille so mächtig ist, dass man sich fragt, ob es ein Teil der Urschöpfung ist, der von göttlicher Hand gerettet wurde, um uns daran zu erinnern, wie die Erde war, als unseren Vorfahren Füße wuchsen, mit denen sie aus dem Meer kletterten.

Die Zypressen hatten schon früh frisches Grün angesetzt, so zart wie grüne Spitze, die sich in der Brise kräuselte; das Wasser stand hoch, lag schwarz und ruhig da, durchzogen von Ketten aus Seerosenblättern, unter denen die Brassen und glupschäugigen Barsche sich entlangrollten wie Luftkissen, die an die Oberfläche glitten.

Ich schaltete den Außenbordmotor ab und ließ mein Boot still in eine Bucht gleiten, die von der schmelzenden roten Sonne angestrahlt wurde, und warf dann in einem großen Bogen meine Angel aus, direkt neben einer Gruppe überfluteter Weiden. Der Himmel im Westen war gestreift, mit Wolken so rosa wie Flamingoflügel. In der Ferne hörte ich den Southern Pacific die Gleise hinunterrauschen.

Doch wenn ich auf der Suche nach Trost hergekommen war, so war meine Fahrt umsonst gewesen. Der Verlust meiner Frau, meine Unfähigkeit, die Plötzlichkeit des Unfalls zu akzeptieren, die Worte des Sanitäters, der mir sagte, sie sei tot und, dass sie alles getan hätten, was sie konnten, sein Mund, der sich wie in einem Film ohne Ton bewegte, all diese Dinge schleppte ich mit mir herum, wo immer ich auch war, mein Blut und meine Seele verseucht, der Boden unter mir wankend, die Erkenntnis bei Sonnenaufgang, dass ihr Tod kein Traum war, sie für immer fort war, mir zu Unrecht genommen, ihre Würde, ihr Mut und ihre Entschlossenheit von einem Idioten ausradiert, der in einem Pick-up mit durchgetretenem Gaspedal um eine Kurve kam.

Diese Gedanken raubten meinen Augen das Leuchten, den Bäumen den Vogelgesang und dem Spielplatz das Lachen der spielenden Kinder. Anstelle des wunderbaren Sonnenuntergangs sah ich Bierdosen und Styroporbecher im seichten Wasser schwappen, einen Autoreifen zwischen den Weiden, eine Schicht Dreck, die sich im Schilfrohr verfangen hatte, so viskos, wie die vertrocknete Farbschicht oben in einem Farbeimer.

Ich zog meinen Köder wieder ein, warf den Motor an und fuhr zurück zum Deich, wo der Schiffsboden über die Betonrampe kratzte wie Fingernägel über eine Tafel. Ich machte kurz im Angelladen Halt, aß auf der Veranda ein Sandwich und sah zu, wie das letzte Stückchen Sonne hinter den Bäumen verschwand. Eine Reihe von Männern neben mir an einem Kabeltrommeltisch trank Bier. Ich meinte, einen von ihnen zu kennen, war mir aber nicht sicher. Sie luden mich ein, mich zu ihnen zu gesellen. Doch ich konnte an nichts anderes denken als an Molly, ihre Wärme und ihre kameradschaftliche Loyalität, ihre Fähigkeit, mit dem Leid und den Qualen der Welt umzugehen und sich nicht davon unterkriegen zu lassen.

„Alles klar bei dir, Kumpel?“, erkundigte sich einer der Männer.

„Sicher. Wirke ich, als wäre mein Kompass kaputt?“, sagte ich.

„Trink einen mit.“

„Ich muss los.“

„Ich sollte mich auch auf den Weg machen“, sagte er. „Meine Alte kippt mein Abendbrot sonst auf den Kompost. Ist deine auch so?“

Als ich den Deich hinunterfuhr, war die Sonne nur noch erlischende Glut. Ein paar Minuten später war ich auf dem zweispurigen Highway hinter Breaux Bridge und am Himmel hingen dunkle Regenwolken, als ein Pick-up dicht auf meinen Anhänger auffuhr, der Fahrer das Fernlicht anschaltete und das Innere meines Wagens mit hell ausleuchtete. Ich versuchte das Gesicht des Fahrers im Rückspiegel zu sehen, doch seine Scheinwerfer blendeten mich. Ich drückte leicht aufs Bremspedal, doch ohne Erfolg. Das mobile Blaulicht, das ich normalerweise im Pick-up mit mir führte, war vor zwei Tagen kaputt gegangen. Rechts und links der Straße waren Gräben und es gab keinen Randstreifen, auf den ich ausweichen konnte. Meine Augen tränten bereits von dem grellen Licht.

Wie jeder andere, der auf der Straße von einem Drängler gehetzt wird, spürte ich, wie die Wut zunächst langsam in mir aufstieg und sich dann in eine emotionale Zwangsjacke verwandelte, und ich fing an Gedanken zu hegen, die nicht zu mir passten. Ich drückte noch einmal auf die Bremse, diesmal heftiger, doch er blieb an mir kleben. Seine Scheinwerfer waren so dicht, dass sie unterhalb des Anhängers verschwanden. Ich gab Gas. Es fiel ein paar Meter zurück, und im Rückspiegel sah ich, dass vorne ein Rammschutzrohr an den Wagen geschweißt worden war. Dann fuhr er wieder dicht auf. Als ich mich dem Supermarkt an der Kreuzung näherte, donnerte er über das blinkende Rotlicht und zeigte mir den Mittelfinger.

Der Pick-up war hellblau, auf der einen Seite zerbeult und hatte ein defektes Rücklicht. Ich sah den Fahrer nur kurz. Er hatte schwarze Haare, war unrasiert und sah aus wie tausende anderer Cajun-Männer.

Mit pulsierenden Handgelenken fuhr ich nach Hause. Clete saß auf den Stufen und warf unmotiviert Eicheln in die Gegend, einen Fedora schräg auf dem Kopf.

Ich zog meinen Trailer um seinen Caddy herum und parkte ihn auf dem Gras. Als ich durch den Garten zu ihm hinüber ging, knisterten die Blätter unter meinen Füßen. Er schnüffelte.

„Bist du erkältet?“, fragte ich.

„Ich rieche Bier.“

„Ich habe im Angelladen neben ein paar Typen gesessen.“

Seine Augen suchten mein Gesicht ab. Ich schaute fort, die Straße hinunter. Die Straßenlaternen brannten und Regen tropfte von den Eichen. Der Bürgersteig war an einigen Stellen gewellt, wo die Wurzeln der Eichen durch den Asphalt gebrochen waren. Das einzige Geräusch war das Surren von Autoreifen auf der Straße.

„Ich hab Nightingale gesagt, er kann sich seinen Deal sonst wohin stecken“, sagte Clete.

„Du willst die Sache also nicht mit ihm aushandeln?“

„Mit einem Kerl wie Nightingale handelt man nichts aus. Du verpasst ihm einen Satz heiße Ohren.“

„Wann bist du denn auf diese glorreiche Idee gekommen?“

„Gestern Nacht. Ich konnte nicht schlafen. Ich habe mich total schmutzig gefühlt.“

„Was willst du denn dann machen, Clete?“

„Nig und Wee Willie leihen mir 100 000.“

„Zu welchem Zins?“

„Habe ich nicht gefragt.“

„Wie hoch bist du verschuldet?“

„Alles in allem, mit Krediten überall in der Stadt, rückständigen Zinsen, den überzogenen Kreditkarten und den Wucherzinsen der Kredithaie knapp 250 000 Mäuse.“

„Wie hast du das denn geschafft, Clete?“

„Warum versuchst du nicht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen?“

Ich setzte mich neben ihn. „Ich werde eine Hypothek auf mein Haus aufnehmen.“

„Nicht für mich, kommt gar nicht in Frage.“

„Ich tue es trotzdem, ob es dir nun gefällt oder nicht.“

Er schüttelte den Kopf, die Hände zwischen den Knien. „Was sollen die denn schon tun?“

„Du weißt, wozu die fähig sind.“

„Ich werde mit wehenden Fahnen untergehen.“

„Warum denkst du nicht noch einmal über Nightingales Angebot nach?“

„Dieser Kautionsflüchtling, den ich in Jennings wieder einsammeln musste, ist ein Zuhälter und Meth-Dealer. Er heißt Kevin Penny. Schon mal von ihm gehört?“

„Nein.“

„Es war das dritte Mal, dass ich ihn abholen musste. Einmal hätte ich ihn fast umgebracht. In Haft. Sein kleiner Junge hat dem Sozialarbeiter erzählt, was Penny mit ihm gemacht hatte. Ich wusste, was er diesem Kind antun würde, wenn er wieder auf freiem Fuß wäre.“ Er verstummte und rieb sich mit der Faust mehrfach über den Oberschenkel.

„Was ist?“, fragte ich.

„Ich sage nicht die Wahrheit. Vorher hat mir Penny noch erzählt, was für ein schmieriger Typ Nightingale ist. Du meinst, Nightingale ist ein Gentleman oder sowas, aber ich weiß es besser. Trotz alledem wäre ich den Deal mit ihm eingegangen. Ich wollte mein Haus im Quarter nicht verlieren.

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