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Mein geheimnisvoller Verführer

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1. KAPITEL

Joanne Brookes hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Gähnen zu unterdrücken, und blinzelte ein paar Mal. Es fiel ihr schwer, die Augen offen zu halten. Am liebsten hätte sie den Stapel Papiere vor sich zur Seite geschoben und direkt hier am kleinen Küchentisch ein Schläfchen gehalten. Aber sie musste weiterlesen und so viel wie möglich in ihrem Gedächtnis abspeichern.

Hinter ihr knarrte der Fußboden, und sie sah sich um.

„Was ist mit dir denn los, mein Kleiner?“, fragte sie lächelnd ihren Sohn, der gerade in die Küche getapst kam.

„Ich habe Durst.“

„Neben deinem Bett hast du doch Wasser stehen?“

Mit einem verschmitzten Lächeln auf dem Gesicht lief er in seinem etwas zu kleinen Pyjama zu ihr und kletterte auf ihren Schoß. Dann drückte er sein warmes Gesicht an ihren Hals.

Musst du denn wirklich wegfahren?“, wollte er wissen.

Während sie ihre Arme fest um seinen schmalen Oberkörper schloss, drückte Jo einen Kuss auf Tobys pechschwarzes Haar. „Ich wünschte, ich müsste nicht.“

Es hatte keinen Zweck, ihm zu erklären, weshalb sie morgen früh nach Agon fliegen würde. Toby war vier Jahre alt und verstand die rationale Welt der Erwachsenen noch nicht.

„Ist zehn Tage eine lange Zeit?“

„Am Anfang schon, aber ehe du dich versiehst, wird die Zeit verflogen sein, und ich bin wieder zu Hause.“

Sie würde ihn nicht anlügen, aber sie konnte ihre Abreise wenigstens ein bisschen verharmlosen. Den ganzen Tag schon hatte sie Magenschmerzen und deshalb kaum einen Bissen runterbekommen.

Seit Tobys Geburt hatten sie nur zwei Nächte getrennt voneinander verbracht. Unter normalen Umständen hätte sie niemals in Betracht gezogen zu fliegen. Aber dies waren keine normalen Umstände.

„Und denk mal daran, wie viel Spaß du mit Onkel Jonathan haben wirst“, fügte sie hinzu und versuchte, ihre Stimme möglichst fröhlich klingen zu lassen.

„Und Tante Cathy?“

„Ja, und auch mit Tante Cathy. Und mit Lucy.“

Ihr Bruder und seine Frau lebten mit der gemeinsamen dreijährigen Tochter in der nahegelegenen Kleinstadt. Toby fühlte sich sehr wohl mit der Familie seines Onkels. Dort war er in den besten Händen, trotzdem fiel es Jo unendlich schwer, sich von dem Kleinen zu trennen.

Aber Giles, ihr Chef, war verzweifelt gewesen. Die verlagseigene Biografin Fiona Samaras, die mit der Arbeit an der Lebensgeschichte des Königs von Agon betraut worden war, litt an einer akuten Blinddarmentzündung. Und Jo war die einzig mögliche Ersatzkraft, da sie ebenfalls Griechisch sprach. Zwar nicht fließend, aber gut genug, um das benötigte Recherchematerial ins Englische zu übersetzen.

Falls die Biografie nicht am Mittwoch der kommenden Woche fertig war, würden die georderten fünftausend Kopien für die große Gala nicht mehr rechtzeitig lektoriert in den Druck gehen. Und die Gala, mit der die fünfzig Jahre Regentschaft des Königs gefeiert werden sollte, fand bereits in drei Wochen statt. Der Ruf von Hamlin & Associates – einem Verlag, der sich auf historische Publikationen spezialisiert und damit große Erfolge erzielt hatte – stand auf dem Spiel.

Jo liebte ihren Job, sie liebte ihre Arbeit und auch die Kollegen. Es war vielleicht nicht gerade die Karriere, von der sie geträumt hatte, aber sie wusste durchaus zu schätzen, was sie in den vergangenen Jahren erreicht hatte.

In seiner Verzweiflung hatte Giles ihr sogar einen Sonderbonus und ein extra Monatsgehalt versprochen. Wie hätte sie da ablehnen können?

Toby und sie würden eine Trennung auf Zeit schon verkraften … in den vergangenen fünf Jahren hatte Jo weitaus Schlimmeres durchgemacht. Außerdem konnte sie das Geld gut gebrauchen. Endlich hätte sie dann die Möglichkeit, nach Griechenland zu reisen und dort nach Tobys Vater zu suchen.

Eventuell blieb ihr während ihres Aufenthalts in Agon etwas Zeit, mit den Nachforschungen zu beginnen. Auch wenn Agon eigentlich nicht zu Griechenland gehörte, so war Kreta doch die nächste Nachbarinsel und auch die Landessprache war Griechisch.

„Wir werden uns jeden Tag auf dem Computer sehen“, versprach sie ihrem Sohn. Sie hatte ihm unzählige Male erklärt, wie sie beide dank der technischen Möglichkeiten in Kontakt bleiben konnten.

„Und bringst du mir ein Geschenk mit?“

„Ich bringe dir sogar ein riesiges Geschenk mit“, bestätigte sie in ernstem Ton.

„Das größte der Welt?“

Sie kitzelte ihn an der Taille. „Nur so groß, dass ich es auch in meinen Koffer bekomme.“

Kichernd lehnte er sich an sie. „Kann ich mal sehen, wo du hinfährst?“

„Sicher.“ Behutsam drehte sie ihn auf dem Schoß um, sodass er den Bildschirm ihres Laptops vor Augen hatte. Mit einem Arm hielt sie Toby fest, und mit der anderen Hand klickte sie sich durch zahlreiche Fotos, die sie im Internet fand.

Sofort war sie selbst wieder wie verzaubert von der Schönheit dieses ungewöhnlichen Inselstaats. Romantisch wie in tausendundeiner Nacht!

„Ich wohne dort sogar in einem eigenen Apartment im Königspalast. Die ganzen zehn Tage.“

„Und triffst du auch den echten König?“, wollte er wissen.

Sein eifriges Interesse gefiel ihr, und sie lächelte. Wenn er wüsste, dass sie und Toby ganz entfernt mit der britischen Königsfamilie verwandt waren …

„Ich arbeite für den Enkel des Königs, also für einen echten Prinzen. Aber bestimmt werde ich den König auch mal treffen. Soll ich dir mal ein Foto von ihm zeigen?“

Es gab Hunderte von entsprechenden Bildern im Internet. Auch von Königin Rhea, die leider fünf Jahre zuvor verstorben war. Und von dem ältesten Enkel und Thronfolger Helios. Auf einer Aufnahme stand König Astraeus mit allen drei Enkeln vor der Kamera.

Die Härchen auf Jos Arm stellten sich auf, und sie presste ihren Sohn unbewusst fester an sich. Das konnte doch nicht wahr sein! Sie rückte näher an den Laptop heran. Dann suchte sie nach anderen Fotos der Enkelsöhne.

Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, und sie bekam kaum Luft. Er war es! Wie war das möglich?

Zwei Stunden später saß sie wieder allein vor ihrem Computer und las sich alles durch, was sie im World Wide Web über Prinz Theseus Kalliakis, den mittleren Enkel des Königs von Agon finden konnte. Es war erschreckend und aufregend zugleich, ihn wiederzusehen. All die Jahre war ihre Suche nach Theo erfolglos geblieben. Trotzdem hatte sie nie die Hoffnung aufgegeben, ihn eines Tages zu finden.

Heute wusste sie, dass der Mann, nach dem sie gesucht hatte, gar nicht existierte. Es war alles eine große Lüge gewesen. Tobys Vater war nicht Theo Patakis, der nette Ingenieur aus Athen. Er war Theseus Kalliakis – und ein echter Prinz!

Prinz Theseus Kalliakis betrat gerade sein Privatapartment neben seinem Büro, als sein Handy klingelte.

„Sie ist unterwegs hierher“, verkündete sein Privatsekretär Dimitris über die Leitung.

Theseus bedankte sich und steckte das Telefon wieder in seine Tasche. Fast den ganzen Tag hatte er damit verbracht, sich von dem anstrengenden Ball zu erholen, den sein ältester Bruder Helios am Abend zuvor gegeben hatte. Wenigstens hatte er es noch geschafft, einige Investitionen zu überprüfen, die er und seine Brüder im Namen des Familienunternehmens getätigt hatten. Jetzt war es an der Zeit, Jeans und T-Shirt gegen etwas Formelleres zu wechseln.

Er würde Miss Brookes begrüßen und dann etwas Zeit mit seinem Großvater verbringen, solange sie sich im Palast einrichtete. Die Pflegeschwester des alten Mannes hatte ihm eine Nachricht geschickt und mitgeteilt, ihr Patient hätte heute einen guten Tag … was leider in letzter Zeit nicht häufig vorkam.

Seufzend rieb er sich etwas Wachs in sein Haar, warf einen prüfenden Blick in den Spiegel und trug noch ein wenig Eau de Toilette auf. Fertig!

Es dauerte eine ganze Weile, ehe er den Palast durchquert hatte und den kleinen Salon erreichte, in dem er Fiona Samaras’ Ersatzkraft begegnen würde. Hinter der verschlossenen Tür hörte er schon gedämpfte Stimmen.

Die schwere Krankheit ihres Großvaters hatte die Brüder gezwungen, die Jubiläumsgala um drei Monate vorzuverlegen. Das bedeutete, auch die Biografie über den König musste vorzeitig fertiggestellt werden. Und Theseus war mit der Aufgabe, die Verlagsverhandlungen zu führen, betraut worden.

Die Beziehung zu seinem Großvater war nie einfach gewesen. Und Theseus musste zugeben, dass er ein ausgesprochen schwieriger Teenager gewesen war. Er hatte sich nicht mit den Formalitäten und Pflichten des Palastlebens abfinden können, sondern lieber seinem unbändigen Freiheitsdrang nachgegeben.

Als er dann darauf bestand, sich ein Jahr totale Auszeit nehmen zu dürfen, verursachte das einen weiteren tiefen Riss in ihrer Beziehung zueinander. Mit der Biografie hoffte Theseus, die früheren Differenzen mit dem alten Herrn endgültig ad acta legen zu können, bevor der fortschreitende Krebs seinen Tribut einforderte.

Denn fünf Jahre vorbildliches Verhalten hatten die dreißig Jahre Rebellentum nicht wettmachen können. Dies war die allerletzte Chance für Theseus, seinem Großvater zu beweisen, dass ihm der Namen Kalliakis wirklich und wahrhaftig am Herzen lag.

Deshalb musste dieses verfluchte Manuskript schnellstens fertiggestellt werden! Der Abgabetermin war ohnehin schon knapp, und der Ausfall der Biografin verursachte noch weitere Schwierigkeiten. Er konnte nur darauf hoffen, dass ihre Stellvertreterin etwas von ihrem Fach verstand. Giles schwor jedenfalls, sie wäre die perfekte Besetzung für diese Aufgabe.

Als er den Salon betrat, stand Dimitris mit dem Rücken zur Tür und sprach mit der Besucherin.

„Die Fahrt vom Flughafen hierher verlief offenbar zügig?“, begann Theseus, und sein Sekretär drehte sich zu ihm um.

„Es war kaum Verkehr“, bestätigte er steif.

Die Frau hinter ihm kam näher, und Theseus streckte ihr seine Hand entgegen.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Brookes“, begrüßte er sie auf Englisch. „Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie kurzfristig eingesprungen sind.“

Seine Zweifel würde er vorerst für sich behalten. Sie stand bestimmt schon genug unter Druck, auch ohne dass er sie zusätzlich in Bedrängnis brachte. Er betrachtete seine Rolle in dieser Angelegenheit eher als Unterstützer und Berater, und er wollte diese junge Frau ebenso behandeln, wie er es mit den Jungunternehmern tat, in deren Geschäfte er und seine Brüder investierten.

Im Unternehmen war er für die Finanzen zuständig, und er motivierte die Menschen, an deren Ideen er glaubte, um ihnen zu geschäftlichem Erfolg zu verhelfen. Allerdings konnte er zu ihrem schlimmsten Feind werden, sollten sie ihn belügen oder betrügen. Einige waren dumm genug gewesen, es zu versuchen, und er hatte jedem von ihnen eine Lektion erteilt, die sie niemals vergessen würden.

Schließlich war er ein geborener Kalliakis.

Geduldig wartete er darauf, dass ihm Miss Brookes endlich die Hand schüttelte. Doch sie starrte ihn bloß schweigend an, und allmählich stellten sich ihm die Nackenhärchen auf.

Vielleicht war sie ja davon überwältigt, einem echten Prinzen gegenüberzustehen?

Nachdenklich betrachtete er sie etwas genauer. Das tiefe Rot ihres Haars kam ihm seltsam bekannt vor – wie Herbstblätter an einem der Bäume, auf die er als kleiner Junge geklettert war. Damals auf dem Internat. Ihr hübsches Gesicht hatte einen hellen Teint, typisch englisch, mit hohen Wangenknochen und vollen, geschwungenen Lippen. Ihre blaugrauen Augen wirkten hoch konzentriert.

Er kannte diese Augen. Und er kannte dieses Haar. Es hatte eine ganz besondere Farbe, unwirklich, wie von einem alten Maler kreiert. Und diese Augen … sie hatten eine ungewöhnliche Schattierung und erinnerten ihn an einen frühen Morgenhimmel, noch bevor die Sonne richtig am Himmel stand.

Und während ihm all diese Gedanken durch den Kopf gingen, nahm sie endlich seine Hand und brachte die ersten Worte über ihre schönen Lippen. Es waren nur zwei, aber sie hatten eine extrem durchschlagende Wirkung.

„Hallo, Theo.“

Theseus erkannte sie nicht!

Jo wusste nicht, was sie eigentlich erwartet hatte. In den vergangenen zwanzig Stunden hatte sie sich im Geiste mindestens einhundert unterschiedliche Szenarien ausgemalt, doch in keinem einzigen davon hatte er sie nicht erkannt!

Das war wie Salz in ihren offenen Wunden …

„Jo?“

Als er ihren Namen aussprach – mit dieser tiefen, rauen Stimme und dem schweren Akzent – da zog es ihr buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. Betroffen biss sie sich auf die Unterlippe und nickte.

Seine Hand fühlte sich angenehm warm an. Erstaunlich bei diesem kalten, verlogenen Herz, das in seiner Brust wohnte!

Am liebsten wäre sie auf der Stelle in Tränen ausgebrochen, aber diese Genugtuung würde sie ihm nicht schenken. Er sollte nicht wissen, was für einen starken Einfluss er auf ihre Gefühlswelt hatte.

Energisch drückte sie das Kreuz durch, zog ihre Hand zurück und hob ihr Kinn. „Es ist ziemlich lange her“, antwortete sie tonlos und versuchte zu lächeln, doch das misslang.

Wie könnte sie jetzt ein Lächeln zustandebringen, nachdem sie fünf Jahre lang einer gemeinen Lüge nachgejagt war?

Dimitris beobachtete die Szene mit wachsendem Interesse. „Sie beide kennen sich bereits?“

„Miss Brookes ist eine alte Bekannte von mir“, erklärte Theo – oder besser gesagt: Theseus. „Wir sind uns während meines Sabbatjahres begegnet.“

Ach, das hatte er also auf Illya getrieben? Ein Sabbatical? Und sie war nur eine alte Bekannte?

„Gestern Abend habe ich im Internet zufällig ein Foto von dir entdeckt“, sagte sie und gab sich alle Mühe, beiläufig zu klingen. „Du siehst anders aus, als ich dich in Erinnerung hatte.“

Als alte Freundin durfte sie ihn doch sicherlich duzen, genau wie früher? Denn sie würde sich eher die Zunge abbeißen, als ihm mit einer offiziellen Anrede die Ehre zu erweisen!

Er ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten. „Du aber auch.“

Schön wär’s! dachte sie. Seit ihrer Kindheit litt Jo schon unter ihren feuerroten Haaren und den Extrapfündchen, die sie einfach nicht loswurde, die ihr im Erwachsenenalter allerdings schon oft Komplimente eingebracht hatten. Echte Kurven kamen glücklicherweise nie aus der Mode.

„Dein Haar ist kürzer“, bemerkte sie. Vor fünf Jahren hatte er es halblang getragen und war fast ausschließlich barfuß und in Surfershorts herumgelaufen. Ein Bild von einem Mann: abenteuerlich, aufregend und unfassbar sexy.

Jetzt trug er einen dunkelblauen Anzug, der vermutlich ein Vermögen gekostet hatte, und seine Schuhe waren so blank poliert, dass man sich darin spiegeln konnte.

„Du siehst gut aus“, stieß sie hervor, und das war die Wahrheit.

Er hatte das gewisse Etwas, unabhängig davon, wie er sich kleidete. Eine magnetische Anziehungskraft, auch wenn sein herbes Gesicht nicht im klassischen Sinne als hübsch durchgehen würde. Seine Nase war etwas zu markant, der Mund etwas zu breit und der Kiefer einen Tick zu kantig. Das in Verbindung mit seiner etwas dunkleren Hautfarbe und seiner Körpergröße machten ihn zum optischen Inbegriff eines verruchten Piraten.

Er war ihr damals sofort aufgefallen, als er die Marin’s Bar auf Illya betreten hatte, während eine Gruppe skandinavischer Touristinnen buchstäblich an seinen Lippen hing. Jo hatte nur einen Blick in seine Richtung geworfen, und ihr Herz war verloren gewesen.

Es war eine verrückte Schwärmerei gewesen, total übertrieben und kindisch. Aber inzwischen war sie fünf Jahre älter … und weiser. Außerdem hatte sie für ein Kind zu sorgen, und spontane Verliebtheit konnte sie sich nicht mehr leisten.

Zumindest hatte sie das bis gerade eben noch gedacht. Doch dann war er durch diese Tür gekommen, und das hatte denselben Effekt auf sie gehabt wie damals.

„Danke“, entgegnete er etwas irritiert und sah auf seine Uhr. „Ich nehme an, du hattest einen ziemlich anstrengenden Tag. Leider arbeitet die Zeit in Bezug auf die Fertigstellung der Biografie gegen uns. Ich bringe dich jetzt zu deinem Apartment, damit du dich einrichten kannst. Danach können wir uns unterhalten.“

Zögernd und mit weichen Knien folgte sie ihm, und allmählich wurde ihr die gesamte Tragweite dieser unerwarteten Begegnung bewusst. Jahrelang hatte sie sich vorgenommen, Tobys Vater Theo ausfindig zu machen und ihm von dem Kind zu erzählen. Sie hatte keinerlei Erwartungen, was danach geschehen sollte – aber sie schuldete es ihrem Sohn einfach, seinen Erzeuger zu finden.

Und sie war es Theo schuldig, ihm von seiner Vaterschaft zu berichten. Nur Theo existierte gar nicht. Wer immer dieser Mann hier vor ihr war, er hatte nichts mit dem Theo Patakis zu tun, in den sie sich damals verliebt hatte.

Theseus war nicht der Vater ihres Kindes … er war für sie bloß ein Fremder, der zufällig aussah wie Theo.

2. KAPITEL

„Palastbesucher gehen in diesen unzähligen Korridoren leicht verloren“, sagte Theseus über seine Schulter, während sie eine steile Treppe hinaufgingen. „Deshalb habe ich dir eine Karte mit dem Grundriss fertigen lassen.“

„Einen Lageplan? Ernsthaft?“, fragte Jo erstaunt. Es kam ihr surreal vor, einem echten Prinzen gegenüber einen vertrauten Ton anzuschlagen. Aber alles andere hätte sich noch falscher angefühlt!

Er nickte und ging weiter. „Der Palast verfügt über fünfhundertdreiundsiebzig Räume.“

„In dem Fall ist eine Karte natürlich von Vorteil“, murmelte sie ironisch.

„Allerdings wirst du kaum die Zeit haben, dich hier genauer umzusehen“, warnte er sie. „Trotzdem werden wir alles in unserer Macht Stehende dafür tun, dir deinen Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu gestalten.“

„Das ist sehr freundlich von dir.“ Beinahe wäre sie an diesen höflichen Worten erstickt.

„Bist du bereit, dich sofort auf das Projekt zu stürzen?“

„Natürlich. Ich habe mich schon gründlich in den Stoff eingelesen.“

Da der Abgabetermin für die Biografie extrem knapp bemessen war, hatte Fiona ihre Kollegin per E-Mail auf den neuesten Stand gebracht. Ein Großteil des bisherigen Manuskripts war auch schon redigiert worden.

„Wie ich erfahren habe, hat Fiona bereits einen großen Teil fertiggeschrieben, aber es fehlen noch ein paar entscheidende Jahre aus dem Leben meines Großvaters. Allerdings wirst du bei der Durchsicht des Recherchematerials schnell feststellen, dass diese Phase nicht ganz so ereignisreich war wie die früheren Abschnitte. Traust du dir zu, den Zeitplan einzuhalten?“

„Wenn ich es nicht täte, hätte ich den Job nicht übernommen“, antwortete Jo selbstbewusst.

Von Fionas Lektorin wusste sie bereits, dass die letzten zwei Dekaden von Astraeus’ Regentschaft verhältnismäßig ruhig verlaufen waren.

Aber wie hatte Jo sich dieser Aufgabe annehmen können, ohne genau zu wissen, für wen sie da eigentlich arbeitete? Ironie des Schicksals.

Hilfesuchend klammerte sie sich an das goldene Treppengeländer. Ihr fiel ein, wie sie vor einigen Jahren mal den Buckingham Palace besichtigt hatte. Alles dort war wunderbar strahlend und lichtdurchflutet gewesen. Was die Größe betraf, konnte dieser Palast mit dem Buckingham Palace zwar mithalten, allerdings wirkte er sehr viel düsterer. Ein Ort wie geschaffen für Geheimnisse und Intrigen …

Oder spielten ihr ihre aufgewühlten Emotionen nur einen Streich? Sie war schrecklich nervös und wusste nicht recht, wie sie ihre widersprüchlichen Gefühle ordnen sollte: Wut, Enttäuschung, Verwirrung und auch wiedererweckte Anziehungskraft.

„Als wir uns auf Illya begegnet sind, hast du aber noch kein Griechisch gesprochen, oder?“, fragte er plötzlich.

„Dort konnte ja auch jeder Englisch“, gab sie zurück und wurde rot im Gesicht. Zum Glück konnte er das im gedimmten Flurlicht nicht sehen.

„Das ist wahr.“ Er blieb vor einer Tür stehen und stieß sie weit auf. „Dies ist dein Quartier für die nächsten Tage. Ich gehe meinen Großvater besuchen, solange du deine Sachen auspackst. Ich schicke dir gleich eines der Mädchen zur Hilfe hinauf. In einer Stunde holt Dimitris dich dann ab, damit wir über unser Projekt sprechen können.“

Damit ließ er sie stehen, und Jo blieb mit ihrem Gefühlschaos allein zurück.

Das war schon alles? Mehr Zeit nahm er sich nicht für sie? Er erkundigte sich nicht einmal danach, wie es ihr inzwischen ergangen war? Kein bisschen Neugier?

Bis auf die Bemerkung darüber, dass sie offenbar Griechisch gelernt hatte, war er nicht auf die Vergangenheit eingegangen. Vielleicht war das kein Wunder, denn schließlich war dieser Mann ja gar nicht Theo.

Theseus atmete hörbar aus und nickte einer Angestellten zu, der er zufällig auf dem Flur begegnete.

Joanne Brookes. Oder eher Jo, wie er sie auch damals kennengelernt hatte.

Das war eine Komplikation, mit der er wirklich nicht gerechnet hatte. Eine höchst unwillkommene Komplikation!

Ein Gesicht aus der Vergangenheit, von dem er geglaubt hatte, es niemals wiederzusehen. Und nun wollte es der Zufall, dass Jo zehn Tage lang mit ihm Seite an Seite arbeitete.

Sie war für ihn da gewesen … in der zweitschlimmsten Nacht seines Lebens. Sie hatte mit ihm ausgeharrt, bis er morgens endlich den Flug nehmen und zu seiner schwerkranken Großmutter fliegen konnte.

Ja, Jo hatte sich um ihn gekümmert – in mehr als nur einer Hinsicht.

Noch heute wusste er, dass ihre Jugend ihn überrascht hatte. Himmel, einundzwanzig Jahre alt und gerade erst mit der Ausbildung fertig. Auf ihn hatte sie sogar noch jünger und unbeschwerter gewirkt.

Mittlerweile müsste sie sechsundzwanzig sein, und sie wirkte sehr viel ernster und reifer als früher.

Ihm wurde flau, als er daran dachte, dass er ihr seinerzeit versprochen hatte, sich bei ihr zu melden. Genauso flau wie ihm geworden war, nachdem er festgestellt hatte, dass der Sex mit ihm ihr erstes Mal gewesen war!

Aber eventuell irrte er sich? Bestimmt hätte sie es ihm vorher erzählt, wenn sie unschuldig gewesen wäre? Wer verschenkte seine Jungfräulichkeit schon an einen Fremden auf einer Urlaubsinsel?

Sein Sabbatjahr gehörte zu einem anderen Leben, in das er niemals mehr zurückkehren konnte. Schließlich war er Prinz Theseus Kalliakis, der Zweite in der Thronfolge von Agon. Dies war sein richtiges Leben. Theo Patakis war tot, und seine Erinnerungen waren mit ihm gestorben.

„Hier werde ich arbeiten?“

Während der gesamten letzten Stunde hatte sie sich davon zu überzeugen versucht, dass ihre Wut ihr nicht weiterhalf. Was immer die nächsten zehn Tage bringen würden, sie musste das Beste daraus machen.

Doch nachdem Dimitris sie abgeholt und schräg gegenüber auf der anderen Seite des Flurs in Theseus’ Arbeitszimmer gebracht hatte, war ihr Ärger neu aufgeflammt.

Ihr sogenanntes Büro befand sich in seinen Privatgemächern und war durch eine Verbindungstür mit seinem eigenen Büro verbunden!

„Hier hat Fiona auch gesessen“, verteidigte er sich. „Nichts ist verändert worden, seit man sie ins Krankenhaus eingeliefert hat.“

„In meinem Apartment befindet sich ein Extraraum, den ich umfunktionieren könnte.“

„Das hat Fiona zuerst auch gemacht, es hat sich allerdings nicht bewährt. Die Zeit ist denkbar knapp, und diese Biografie soll eine ganz persönliche Note meinerseits enthalten. Ich muss beim Schreibprozess anwesend sein und immer wieder eingreifen können, beziehungsweise für Zwischenfragen schnell zur Verfügung stehen.“

„Na, wenn du meinst …“

Verwundert zog er die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts weiter.

Wie sollte sie sich bloß auf ihre Arbeit konzentrieren, wenn er ihr dabei praktisch im Nacken saß? Das süße Gesicht ihres kleinen Sohnes tauchte vor ihrem inneren Auge auf.

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