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Mein kleiner Apfelhof zum Glück

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Auf einmal ist alles anders
  7. Ein überaus nerviger Mensch
  8. Wiedersehen mit alten Freunden
  9. Emma macht eine schockierende Entdeckung
  10. Das Leben mit Alpakas
  11. Eine zündende Idee
  12. Ein Alpaka kommt auf die Welt
  13. Der alles verändernde Ausflug
  14. Oma Luise springt über ihren Schatten
  15. Die Fahrt nach Hamburg
  16. Was ist mit Radetzky los?
  17. Ungebetener Besuch
  18. Etwas stimmt ganz und gar nicht
  19. Ein kleines Alpaka ganz groß
  20. Das Klopfen in der Scheune
  21. Der große Tag

Über dieses Buch

Emmas Leben steht Kopf: Erst geht ihre langjährige Beziehung zu Bruch, und dann verliert sie auch noch ihren Job. Da hilft nur eins: eine Auszeit auf dem Hof ihrer Oma Luise in der Lüneburger Heide. Doch natürlich kommt alles anders als gedacht. Denn Luise muss nach einer schweren Verletzung für mehrere Wochen ins Krankenhaus. Emma kümmert sich also vorerst allein um den Hof – und damit unverhofft auch um eine übermütige Schar Alpakas. Natürlich sorgen die flauschigen Vierbeiner für eine gehörige Portion Chaos. Aber mit der Zeit fühlt Emma sich immer wohler und lernt das Landleben und die quirligen kleinen Alpakas zu lieben. Und dann ist da auch noch Tierarzt Lukas, der ihr gehörig auf den Keks geht, aber trotzdem durch die ersten schweren Wochen hilft – und ja irgendwie schon ziemlich gut aussieht …

Über die Autorin

Sonja Flieder wurde 1974 in Stuttgart geboren. Seit sie lesen konnte, ließen sie die Faszination für Sprache und menschliche Beziehungen nicht mehr los. Deshalb wusste sie auch schon bald, dass sie Autorin werden wollte. Bereits mit Siebzehn schrieb sie einige Kurzgeschichten und verfasste ihren ersten Roman. Nachdem sie durch Studium, Job und Familienplanung das Schreiben etwas aus den Augen verloren hat, erfindet sie jetzt seit sechs Jahren fast täglich neue Geschichten. Sie lebt mit ihrem neunjährigen Sohn und drei Wellensittichen in einem alten Bauernhaus in der Nähe von Köln.

Auf einmal ist alles anders

Fassungslos starrte Emma ihren Chef an. Das konnte er unmöglich ernst meinen. Doch sein gleichgültiger Blick sprach Bände. Mehr noch als das vor ihr liegende Blatt Papier, dessen Inhalt wenige Sekunden zuvor ihre Augen vor Tränen blind werden ließ. Nur mit Mühe gelang es ihr, sie zurückzudrängen. Aufgrund interner Umstrukturierungen müssen wir Ihnen leider kündigen, stand dort in schwarzen Lettern. Mit zitternden Fingern strich sich Emma eine Strähne ihrer braunen Lockenmähne hinters Ohr.

»Warum?«, brachte sie mit einer seltsam brüchigen Stimme hervor, die nicht ihr zu gehören schien. Nervös nestelte sie am Saum ihres moosgrünen Kostüms herum, das das Grün ihrer Augen betonte.

Ihr Chef, nein, ihr ehemaliger Chef, verbesserte sie sich in Gedanken, zuckte nur mit den Schultern. »Es war nicht meine Entscheidung.« Er klang gefühlskalt, ganz so, als seien die sieben Jahre ihres gemeinsamen Berufslebens bedeutungslos.

Weil sie drohte, nun endgültig in Tränen auszubrechen, stand Emma hastig auf, wobei sie beinahe ihren Stuhl umwarf. In letzter Sekunde griff sie danach, stellte ihn trotz ihres inneren Aufruhrs an seinen Platz. Sie murmelte noch ein paar belanglose Floskeln, bevor sie sich umwandte, um aus dem Raum zu flüchten. Jetzt ging es erst einmal darum, irgendwie hocherhobenen Hauptes und ohne Gesichtsverlust das Gebäude zu verlassen. Sie hielt die Türklinke bereits in der Hand, da vernahm sie seine Stimme. Mit einem unsinnigen Gefühl der Hoffnung wandte sie sich um.

»Ihre Kündigung.« Mit dem Zeigefinger der linken Hand tippte der Mann, auf dessen Wohlwollen sie bisher immer zählen konnte, auf das Blatt Papier, das ihre gesichert geglaubte Zukunft in eine ungewisse verwandelte.

Emma konnte nicht darauf reagieren. Ohne ein weiteres Wort eilte sie aus dem Raum. Sollten sie ihr die verflixte Kündigung doch zuschicken. Obwohl sie den Kopf gesenkt hielt, spürte sie die mitleidigen Blicke ihrer Kollegen auf sich ruhen. Mit all der Selbstbeherrschung, die ihr noch blieb, räumte sie ihre wenigen persönlichen Habseligkeiten aus der Schreibtischschublade in die große Umhängetasche. Ein letzter Blick auf ihren Computer, und ihr Job in der Abteilung für Online-Marketing einer großen Hotelkette war Geschichte.

»Macht es gut, ihr Lieben«, brachte sie mit erstickter Stimme heraus.

Ihre Kollegen, mit denen sie sich immer gut verstanden hatte, konnten schließlich nichts für ihre Misere. Bevor auch nur einer reagieren konnte, suchte sie ihr Heil in der Flucht. Abschiedsumarmungen und lieb gemeinte Worte waren mehr, als sie gerade ertragen konnte.

Erst nachdem sie nach zwanzig quälenden Minuten in der S-Bahn zu Hause angekommen war, ließ sie den Tränen freien Lauf. Schluchzend sank sie auf die dunkelgraue Couchlandschaft und barg das Gesicht in ihren Händen. Warum war es nur immer so, dass auf eine Hiobsbotschaft noch weitere folgten? Konnte das Schicksal ihr gegenüber nicht einmal gnädig gestimmt sein?

Knapp einen Monat war es her, als sie ihren Freund mit einer anderen Frau im Bett erwischt hatte. Natürlich beendete Emma die Beziehung sofort. Zunächst erfüllt von Stolz auf ihre konsequente Handlung, brach nur wenige Stunden später das heulende Elend über sie herein.

Hamburg bringt mir einfach kein Glück, dachte Emma jetzt, während die Tränenflut langsam abebbte. Was sie brauchte, war ein Tapetenwechsel. Und da fiel ihr nur ein Ort ein, an dem sie sich immer wohl- und geborgen fühlte: der alte Hof ihrer geliebten Oma Luise in der Lüneburger Heide. Von neuer Energie erfüllt, griff Emma nach ihrem Smartphone und tippte auswendig Oma Luises Nummer ein. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, als ihre Oma nicht abhob.

Kurz entschlossen warf Emma einige Kleidungsstücke und den Kulturbeutel in ihren schwarzen Rollkoffer, zog die Wohnungstür mit einem lauten Knall hinter sich zu und machte sich auf den Weg in ihre wohlverdiente Auszeit.

***

Knapp sechzig Kilometer inklusive dreier Staus später stoppte Emma ihren knallroten Mini vor dem reetgedeckten, weißgetünchten Haupthaus im kleinen Dörfchen Undeloh. Bereits in ihrer Kindheit hatte sie den Hof liebevoll Heidschnucks Heimat getauft. Damals bevölkerten noch zahlreiche Vertreter der genügsamen Schafrasse das weitläufige Gelände. Inzwischen war Oma Luise zu alt, um den enormen Arbeitsaufwand zu stemmen. Lediglich der große Stall, die alte Scheune und die weitläufigen, umzäunten Wiesen erinnerten an die Tiere.

Voller Vorfreude, gemischt mit einem diffusen Gefühl der Besorgnis, sprang Emma aus dem Auto und schlug die Tür hinter sich zu. Die vier Stufen bis zum Eingang nahm sie in zwei Sätzen.

Sie hielt einen Augenblick inne, als ihr der Apfelgeruch des hinter dem Haus beginnenden Hains in die Nase stieg. Um diese Jahreszeit hingen sicher schon alle der etwa vierzig Apfelbäume voller Früchte. Vielleicht hatte Oma Luise bereits einen ihrer berühmten Apfelkuchen gebacken. In Erinnerung an den luftigen Kuchen lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

Emma hätte sicher noch länger in Erinnerung geschwelgt, wäre nicht der Mistgestank vom Nachbarhof herübergeweht. Dessen Besitzer nannten alle nur Gärtner Kalle. Er schwor auf natürliche Düngemittel, was dem Wohlgeruch oftmals nicht gerade zuträglich war. Pferdemist und Kuhdung hatten es ihm besonders angetan.

»Besuch ist da!«, rief Emma, bevor sie klingelte. Während sie wartete, schien sich die Zeit wie Kaugummi zu dehnen. Indes kehrte ihre Besorgnis zurück − wuchs mit jeder Sekunde. Emma versuchte, sich zu beruhigen. Ihre Oma war mit ihren knapp achtzig Jahren eben nicht mehr die Jüngste und brauchte ihre Zeit, um an die Tür zu gelangen. Vielleicht hatte sie ein Mittagsschläfchen gehalten und schlüpfte gerade schlaftrunken in ihre rosafarbenen Pantoffeln. Oder sie war schlicht nicht zu Hause. Für ihr Alter zeigte sie sich erstaunlich unternehmungslustig.

»Was kümmern mich diese albernen Wehwehchen?«, sagte sie oft und lachte ihr tiefes Lachen.

Gegen diese Theorie sprach allerdings das laute Gebell ihres alten Hundes. Nur in äußersten Notfällen ließ sie ihn alleine zu Hause. Wenige Sekunden später hielt es Emma nicht mehr aus.

Gleich drei Mal drückte sie lange auf die Klingel, horchte mit schiefgeneigtem Kopf an der Tür. Da sie außer Graf Radetzkys Gebell nichts hören konnte, kramte sie in der Jackentasche nach ihrem Schlüsselbund. Schon seit sie hier als kleines Mädchen ihre Sommer verbracht hatte, besaß sie einen Schlüssel für das alte Haus.

Emma betrat den Flur. »Oma, bist du da?«, rief sie.

Wie sie bereits halb erwartet hatte, kam keine Antwort. Neben Radetzkys Bellen hörte sie lediglich das Ticken der alten Standuhr. Der Hund musste in einem Zimmer eingesperrt sein. Ansonsten wäre er längst auf Emma zugesprungen, um sie enthusiastisch willkommen zu heißen. Wie Oma ignorierte er sein fortgeschrittenes Alter von fünfzehn Jahren gekonnt. Besonders bei Begrüßungen gebärdete er sich wie ein junger Hund.

Da sie nicht weiter ungefragt ins Haus vordringen wollte, zückte Emma ihr Handy und wählte die Nummer ihrer Großmutter. Erschrocken zuckte sie zusammen, da in unmittelbarer Nähe der Radetzky-Marsch ertönte, den Oma Luise als Klingelton gewählt hatte. Ihr gleichnamiger Hund bellte noch lauter, als wolle er dringend auf sich oder etwas anderes aufmerksam machen. Und plötzlich hörte sie auch eine schwache Stimme.

Emma folgte dem Lärm, der aus der Küche zu kommen schien. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, raste Radetzky ihr schwanzwedelnd entgegen. Mehrmals sprang der tollpatschige Bernhardiner an ihr hoch, versuchte, ihr über das Gesicht zu lecken.

»Ist ja gut, Rady«, sagte Emma lächelnd und wuschelte ihm durchs Fell. »Was machst du denn hier so ganz alleine?«

»Emmchen?«, die leise Stimme kam aus der Ecke hinter der Kochinsel. Mit zwei großen Schritten hatte Emma die Küche durchquert und sog erschrocken die Luft ein, als sie Oma Luise an der Kücheninsel lehnen sah. Das rechte Bein hatte sie von sich gestreckt. Der Dutt, mit dem sie ihre weiße Mähne normalerweise unter Kontrolle hielt, hatte sich gelöst. Die Haarsträhnen fielen über ihre Schultern.

Neben ihr stand eine Leiter, von der sie vermutlich gestürzt war. Die zerbrochene Glühbirne gab einen deutlichen Hinweis darauf, was geschehen sein musste. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters hatte Oma Luise es mal wieder nicht lassen können, zu versuchen, die Glühbirne selbst auszuwechseln. Wobei es nun wirklich keinen Unterschied machte, ob vier oder fünf der Birnen am Leuchter brannten. Sie hätte nur auf den nächsten Besuch warten müssen.

Voller Besorgnis kniete Emma sich neben sie. »Oma, geht's dir gut?«

»War schon mal besser.« Sie verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. »Ich glaube, mein Bein ist gebrochen.«

»Lass mal sehen.« Vorsichtig berührte Emma das ausgestreckte Bein. Oma Luise entfuhr ein leiser Schmerzlaut, was ihre Enkelin zurückzucken ließ.

»Sieht so aus, als ob ich ums Krankenhaus nicht herumkäme. Und alles nur wegen dieser blöden Leiter.« Anklagend deutete Oma Luise auf den Urheber ihres Missgeschicks.

Emma seufzte nur. Die Leiter war garantiert nicht der einzige Schuldige an diesem Unfall. Aber jeglicher Hinweis auf die Sturheit ihrer Großmutter wäre verschwendet. Und wer wusste schon, wie sie selbst in deren Alter sein würde. »Ich rufe einen Krankenwagen«, sagte sie stattdessen.

Oma nickte zustimmend. »Das wäre sehr lieb von dir, Emmchen.«

Radetzky war Emma inzwischen hinter die Kochinsel gefolgt und blickte sie mit hochgezogenen Lefzen an. Ganz so, als wolle er ihrem Plan zustimmen. Mit einem hörbaren Plumpsen ließ er sich neben Oma Luise nieder und leckte ihr ein paar Mal über den Arm. Dabei wackelten seine grauen Tasthaare.

Nachdem sie den Notarzt gerufen hatte, setzte sich Emma neben Oma Luise. Wortlos streichelte sie sanft über deren Wange.

Die alte Dame ergriff ihre Hand und drückte einen Kuss darauf. »Mach dir keine Sorgen«, sagte sie. »Bald bin ich wieder ganz die Alte.«

»Das glaube ich auch.« Emma blinzelte die aufsteigenden Tränen zurück. »Wenn jemand unverwüstlich ist, dann du.«

Radetzky bellte einmal, wie, um ihre Worte zu bekräftigen.

***

Als Emma tags darauf in ihrem Bett erwachte, blickte sie orientierungslos um sich. Binnen Bruchteilen einer Sekunde wusste sie wieder, wo sie war.

Nachdem sie sich ausgiebig gestreckt hatte, griff sie zu ihrem Smartphone, um ihre Großmutter anzurufen. Gestern hatte sie nur wenige Minuten im Krankenhaus bleiben dürfen, bevor der Arzt sie nach Hause geschickt hatte. Entsprechend groß war nun ihre Sorge.

»Emmchen! Schön, dass du anrufst«, drang Sekunden später Omas leicht verzerrte Stimme an ihr Ohr.

Sie hörte sich wieder normal an, stellte Emma erleichtert fest. »Hast du Schmerzen?«, fragte sie.

»Nein, Kindchen. Sie haben mir etwas dagegen gegeben.« Luise kicherte. »Ich fühle mich ein wenig, als würde ich auf einer Wolke schweben.«

»Heute Nachmittag komme ich dich besuchen«, versprach Emma, während ein breites Grinsen ihr Gesicht überzog. Oma war so weit okay.

»Das wäre schön. Mit diesem verdammten Beinbruch bin ich wohl erst einmal zur Untätigkeit verdammt.« Luise seufzte hörbar. »Nun ja, es ist nicht zu ändern. Wie geht es meinem Radetzky?«

Nachdem Emma ihr versichert hatte, dass es um ihren treuen Begleiter zum Besten stand, war Oma beruhigt und beendete das Gespräch recht bald. Da ihr die größte Sorge genommen war, konnte sich Emma um etwas Lebensnotwendiges kümmern: Kaffee.

Mit Radetzky im Schlepptau machte sie sich nach dem Frühstück auf den Weg nach draußen, um auf dem Hof nach dem Rechten zu sehen. In nächster Zeit wäre wohl sie diejenige, der diese Aufgabe zufiel. Es dauerte bestimmt eine ganze Weile, bis so ein Beinbruch ausgeheilt war. Womöglich musste Oma nach ihrem Krankenhausaufenthalt noch in Reha. Plötzlich kam es Emma gar nicht mehr so schlimm vor, dass sie ihre Arbeit verloren hatte. Jetzt wurde sie hier gebraucht.

Ein Gefühl der Wehmut überkam sie, als sie die Tür zum Schafstall öffnete. Die süßen Heidschnucken würde sie wohl zeit ihres Lebens vermissen. Zu ihren liebsten Kleidungsstücken zählte bis heute eine warme, kuschlige Jacke, die Oma Luise ihr aus deren Schurwolle in mühevoller Handarbeit angefertigt hatte. Sie diente ihr an grauen Wintertagen nicht nur als Wärme-‍, sondern auch als Trostspender.

Emma betrat den Stall, auf dessen Boden verstreutes Heu lag, das die Jahre überdauert hatte. Die staubigen Fenster ließen nur wenig Licht herein. Radetzky drängte sich an ihr vorbei, stürmte zu einer der großen Boxen, in denen früher hochschwangere Schafe ihre wohlverdiente Ruhe vor der Geburt fanden.

Ein mehrstimmiges Summen ertönte, was Emma zunächst an Bienen denken ließ. Allerdings konnte sie sich nicht daran erinnern, dass diese Tiere zu unterschiedlichen Tonlagen fähig waren.

Neugierig trat sie näher heran, während Radetzky wie wild an der Boxentür hochsprang. In einer Mischung aus Überraschung und Entzücken riss sie die Augen weit auf.

Vor ihr befanden sich vier kamelähnliche Tiere. Diese hier waren allerdings viel kleiner und hatten keinen Höcker. Das größte maß etwa einen Meter – den Hals nicht eingerechnet. Momentan schienen sie ein wenig aufgebracht, was an Radetzkys Gebell liegen mochte. Mit einem scharfen Kommando wies Emma ihn zurecht, was ihn abrupt verstummen ließ.

»Wer seid ihr denn?«, fragte sie lächelnd.

Natürlich konnte ihr keines der Tiere eine Antwort geben. Eines zeigte sich jedoch besonders neugierig und kam auf Emma zu, um an ihrem Haar zu schnuppern. Vorsichtig streckte sie eine Hand aus, streichelte das schwarze Fellbüschel an der Stirn des Tieres. Dabei überlegte sie, was das wohl für eine Rasse sein mochte. Das Tier ließ sich die Behandlung einen Augenblick gefallen, bevor es den Kopf wegdrehte und außer Reichweite trottete.

Irgendwo hatte sie diese Art schon einmal gesehen. Ja, im Tierpark Hagenbeck war es gewesen, in dem sie als Kind oft mit ihrer Mutter gewesen war. Sie hießen Alpachos oder so ähnlich.

»Alpakas!«, rief Emma, als sie endlich auf den richtigen Namen kam. »Genau das seid ihr.«

Als wäre es damit durchaus einverstanden, trat das schwarze Tier erneut heran, blies ihr seinen nach Gras riechenden Atem ins Gesicht. Auch die anderen drei kamen näher, da ihnen wohl einzuleuchten schien, dass von Emma keine Gefahr ausging.

Entzückt betrachtete sie die flauschigen Tiere mit dem niedlichen Gesicht und den großen schwarzen Kulleraugen. Allesamt schienen sie zu grinsen. Lediglich der gedrungene Körperbau und die Gesichtsform erinnerten sie an ein Kamel. Zwei der Tiere waren braun und eines schneeweiß.

»Du siehst ein bisschen moppelig aus«, sagte Emma grinsend zum weißen Alpaka, das sie insgeheim bereits Schneewittchen getauft hatte. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie eine leichte Bewegung unter der Bauchdecke. Das Tier war ganz eindeutig schwanger!

Himmel, was sollte sie jetzt machen? Sie hatte keine Ahnung von schwangeren Alpakas. Wer wusste schon, wie weit diese Schwangerschaft fortgeschritten war? Womöglich brachte Schneewittchen in den nächsten Stunden ihr Baby zur Welt!

Oma Luise musste helfen. Da es ja anscheinend ihre Tiere waren, würde sie Emma sagen können, wie sie sich zu verhalten hatte. Derzeit wusste sie nicht einmal, was Alpakas so fraßen.

Bei der Gelegenheit würde sie gleich mit Oma ein Hühnchen rupfen. Nicht umsonst hatte sie vor ein paar Jahren ihre Schafe abgegeben, denn trotz ihres agilen Wesens ließ ihre körperliche Fitness altersbedingt zu wünschen übrig. Warum also halste sie sich vier Minikamele auf, mit deren Pflege sie garantiert überfordert war?

Sie musste das Alpaka-Problem auf jeden Fall lösen. Deshalb beschloss Emma, den restlichen Rundgang auf später zu verschieben und Oma Luise jetzt gleich im Krankenhaus zu besuchen. Sie konnte die Tiere weder ohne Futter lassen noch den ganzen Tag im Stall einsperren. Kurz überlegte sie, die Tiere direkt auf die Weide zu bringen. Da sie jedoch nicht wusste, ob alle Zäune noch intakt waren, ließ sie es sein.

Radetzky zeigte sich alles andere als begeistert von ihrem Plan, ohne ihn wegzugehen. Sobald sie ihn ins Haus zurückgebracht und sich an der Tür von ihm verabschiedet hatte, war er völlig aufgeregt. Mehrmals sprang er an ihr hoch und fiepte zum Herzerweichen.

Sicher vermisste er sein Frauchen und war nun in höchster Sorge, auch Emma könne ihn alleinlassen.

»In ein paar Stunden bin ich wieder hier«, sagte sie mit besänftigender Stimme und wuschelte ihm durchs Fell. »Mach dir keine Sorgen, es ist alles okay.«

Doch Radetzky war untröstlich. Noch durch die geschlossene Haustür hörte sie sein Jaulen. Emma unterdrückte den Drang, zu ihm zurückzukehren. Stattdessen stieg sie rasch in ihren Mini und fuhr davon.

***

Der Geruch nach Desinfektionsmittel begleitete Emma, seitdem sie das Krankenhaus betreten hatte. Vor Zimmer 114 hielt sie kurz inne, rieb sich die schweißnassen Hände. Am Telefon hatte Oma sich zwar ganz fit angehört, doch ein Rest Sorge blieb. Sie wusste selbst, dass ihre Angst vermutlich übertrieben war, aber die langen Krankenhausflure ließen unschöne Erinnerungen in ihr aufsteigen. Leider hatte sie schon einmal so nervös vor einer Krankenhaustür gestanden. Und damals war auf einmal ihre ganze Welt zusammengebrochen.

Da Emma schlecht den ganzen Tag hier stehen bleiben konnte, fasste sie sich ein Herz. Sie klopfte zweimal, bevor sie eintrat.

Sofort fiel ihr Blick auf das Bett am Fenster, in dem Oma Luise lag. Die zierliche Person war bis zur Nasenspitze zugedeckt. Omas Dutt saß akkurat, registrierte Emma erleichtert – ein klares Anzeichen dafür, dass es ihr weitestgehend gut ging.

Im zweiten Bett lag niemand, doch die zerwühlte Decke und der mit Zeitschriften zugepflasterte Nachttisch deuteten darauf hin, dass es belegt war.

»Hallo Oma«, sagte Emma.

»Emmchen! Ich freue mich so, dich zu sehen.« Die alte Frau strahlte und schloss ihre Enkelin fest in die Arme.

Vorsichtig setzte sich Emma auf die Bettkante. Oma Luise betrachtete sie prüfend.

»Blass siehst du aus«, stellte sie fest. »Bestimmt arbeitest du wieder einmal zu viel und isst zu wenig.«

Emma musste lachen. »Du bist diejenige, die im Krankenhaus liegt, schon vergessen?«

»Pah«, machte Oma Luise und winkte ab, als sei dies eine Lappalie, die keiner weiteren Erwähnung bedurfte. »Gestern haben sie mich operiert, und heute fühle ich mich schon wieder pudelwohl.« Sie zog die Stirn kraus. »Wobei diese kleinen Pillen vermutlich einen nicht geringen Anteil daran haben.«

»Sie haben dich operiert?« Erschrocken blickte Emma sie an. Typisch Oma, dass sie dieses Detail für unwesentlich genug hielt, um es am Telefon unerwähnt zu lassen.

»So macht man das halt mit alten Leuten, die zu blöd sind, um auf eine Leiter zu steigen.« Sie kicherte kurz, wurde jedoch sofort wieder ernst, als sie Emmas entgeisterten Gesichtsausdruck sah. »Mach dir keine Sorgen, Emmchen. Das war ein Routineeingriff. Schau, ich habe noch nicht einmal einen Gips.« Zur Verdeutlichung ihrer Worte schlug sie die Decke zurück, wobei sie ein schmerzerfülltes Stöhnen nicht unterdrücken konnte.

»So pudelwohl fühlst du dich also?«, fragte Emma und schnaubte. »Kein Mensch nimmt dir das ab.« Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich, während Oma Luise sich wieder zudeckte.

»Ich habe sogar ein paar Ersatzteile bekommen«, erklärte Oma augenzwinkernd. »Und zwar in Form von Schrauben und Platten. Die verbrennen garantiert nicht mit, wenn es mal so weit ist.«

»Oma!« Entrüstet blickte Emma sie an. Sie hasste es, wenn ihre Großmutter von ihrem Tod sprach. Noch dazu in solch einer Art, die Emma alles andere als witzig fand. Wenn es nach ihr ginge, würde Oma ohnehin ewig leben.

Diese griff nach der Fernbedienung ihres Bettes und stellte das Kopfteil in eine sitzende Position. »Ich muss dir da noch etwas sagen.« Ein Hustenanfall ließ den Körper der alten Dame erbeben. Sobald er vorüber war, ließ sie ermattet den Kopf auf das Kissen sinken.

Emma sprang auf, reichte ihr ein Glas Wasser, das auf dem Nachttisch stand. Dankbar ergriff sie es, trank in kleinen Schlucken, bevor ihre Enkelin es wieder zurückstellte.

»Geht's wieder?«, erkundigte sich Emma besorgt. Sie verfluchte sich innerlich, weil ihr nicht eher aufgefallen war, wie sehr sowohl der Bruch als auch die Operation ihrer Oma zugesetzt hatten. Trotzdem musste sie das tierische Problem auf dem Hof lösen.

Emma seufzte. »Was soll ich denn mit den Alpakas in deinem Stall machen?«, fragte sie.

»Oh, du hast sie bereits gefunden?« Oma Luise grinste. »Bring sie nachher auf die Südweide. Dort ist der Zaun intakt. Alles Weitere kann dir dann Lukas erklären.«

»Wer ist Lukas?« Fragend blickte Emma ihre Oma an.

»Der Tierarzt, von dem ich die Alpakas übernommen habe. Heute Nachmittag kommt er vorbei.«

Als Emma gerade zu einer Antwort ansetzen wollte, was sich dieser Tierarzt einbildete, ihrer Oma einfach vier pflegeintensive Tiere aufzuhalsen, klopfte es an der Tür.

Eine Pflegerin betrat den Raum. »Ich wollte nur mal nach dem Verband sehen. Würden Sie uns bitte einen Augenblick unter vier Augen geben?«, fragte sie an Emma gewandt.

»Natürlich, ich wollte sowieso gerade gehen.« Emma stand auf, drückte ihrer Oma einen Kuss auf die Wange und sah sie noch einen Moment besorgt an. Ihre Oma sah in dem Krankenhausbett so winzig aus.

»Kommen Sie am besten morgen wieder.« Mitfühlend legte ihr die Krankenschwester eine Hand auf die Schulter. »Und machen Sie sich keine Sorgen. Frau Petersen ist bei uns in guten Händen.«

Ein überaus nerviger Mensch

Während der Rückfahrt erlebte Emma ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits konnte sie die Sorge um Oma Luise nicht unterdrücken. Andererseits erfüllte sie mit jeder Minute steigende Wut auf den unbekannten Tierarzt. Wie konnte er es wagen, Oma Luise die Verantwortung für gleich vier Alpakas aufzubürden? Von denen eines davon auch noch schwanger war? Er musste doch sehen, dass sie mit Radetzky und der Verantwortung für den Hof schon vollkommen ausgelastet war.

»So ein Vollidiot«, murmelte sie vor sich hin. »Pass doch auf, wo du hinfährst, du Drecksdepp!«, brüllte sie gleich darauf, weil ein Porschefahrer knapp vor ihr auf die Spur einscherte.

Wenn sie es recht bedachte, zeigten so ziemlich alle Männer in ihrer Umgebung derzeit Anzeichen von geistiger Umnachtung. Allen voran ihr Ex-Freund, der sich das Siegertreppchen für Idioten mit ihrem ehemaligen Chef teilte. Da fehlte ihr ein verantwortungsloser Tierarzt gerade noch! Sicherlich hatte er die Tiere gekauft, weil er sie so außergewöhnlich fand. Nur um dann festzustellen, dass er weder Platz noch Zeit für die Versorgung hatte. Und da Oma Luise für ihre Tierliebe bekannt war, hatte sich dies bestimmt schnell bis zu ihm herumgesprochen. Was er zum Anlass genommen hatte, ihre Hilfsbereitschaft auszunutzen. Doch nun bekam er es mit Emma zu tun!

Als sie in die Einfahrt einbog, stand ein weißer Lieferwagen auf dem Hof. Große Aufkleber mit der Aufschrift Mit der Kuh auf Du – Landtierarzt Lukas Jansen zierten die Seiten sowie den Kofferraumdeckel. Wider Willen verzogen sich Emmas Lippen zu einem Grinsen. Der Spruch war wirklich mal etwas anderes. Schnell wurde sie wieder ernst. Sei's drum. Ein einfallsreicher Slogan machte aus einem Oma-Ausbeuter noch lange keinen guten Menschen.

Emma stieg aus dem Auto und warf schwungvoll die Tür hinter sich zu. Ohne zu zögern, stapfte sie in Richtung Stall, in dem sie den Tierarzt vermutete. Schweren Herzens ignorierte sie Radetzkys aufgeregtes Gebell, das aus dem Hausinneren drang. Es wäre nicht gut, wenn der alte Hund Zeuge der bevorstehenden Begegnung würde. Womöglich ging er auf den Tierarzt los, um Emma zu verteidigen. Oder das schwangere Alpaka erlitt eine Frühgeburt angesichts seines hündisch-aufdringlichen Gebarens.

Ruckartig öffnete sie die Stalltür, bereit, dem Tierarzt ihre Meinung zu sagen.

»Warum hat Luise euch heute denn nicht rausgelassen?«, drang eine tiefe Stimme mit unerwartet sanftem Unterton an Emmas Ohr. »Normalerweise kümmert sie sich doch rührend um euch.«

Emma blinzelte, um sich an das im Stall herrschende Halbdunkel zu gewöhnen. Vor der Box, in denen sich die Alpakas befanden, machte sie eine hochgewachsene Gestalt aus. Das musste der Tierarzt sein.

Als sie zu ihm ging, rutschte sie fast auf einem Strohrest aus. Sie konnte sich gerade noch fangen, was allerdings in ihrem engen Bleistiftrock gar nicht so leicht war. Zwar hatte sie sich heute Morgen Turnschuhe geschnappt, war aber auf die Schnelle nur eben in ihr Kostüm von gestern geschlüpft. In diesem Moment erschien ihr das nicht wie die beste Entscheidung. Oma Luise hätte sie genauso gut in T-Shirt und Jeans besuchen können, was ohnehin ihre bevorzugte Kleidung war. Es wurde Zeit, dass sich Marketing-Emma wieder in einen zwanglosen Menschen verwandelte. Aber dafür war jetzt leider keine Zeit mehr, denn der Mann hatte sie schon bemerkt.

»Sie müssen dieser Tierarzt sein«, sagte sie und hörte selbst, wie unfreundlich ihre Stimme klang.

Der Mann drehte sich nun ganz zu ihr um. Emma registrierte beiläufig seinen prüfenden Blick aus dunkelbraunen Augen und die blonden verstrubbelten Haare. Viel mehr interessierte sie allerdings seine muskulöse Gestalt, die in schwarzer Arbeitshose und grünem T-Shirt steckte. Wider Willen, verstand sich.

»Richtig.« Er verzog sein kantiges Gesicht zu einem leichten Lächeln. »Und Sie sind?«

»Ihre Enkelin.« Zu spät fiel ihr auf, dass dies keineswegs der Wahrheit entsprach. Sie fühlte, wie ihre Wangen vor Verlegenheit heiß wurden. »Luises Enkelin meine ich natürlich.«

Dass der Mann lachte, was irgendwie samtig klang, trug nicht gerade zu ihrem Wohlbefinden bei. Ihm ihre Meinung zu geigen klappte ja ganz hervorragend.

»Wo ist Luise denn?«, fragte er. »Ich habe geklingelt, aber außer Radetzkys Gebell gab es keine Reaktion. Mein Name ist übrigens Lukas Jansen.« Er streckte ihr seine Rechte entgegen.

»Vermutlich macht sie nicht auf, weil sie nicht da ist«, entgegnete Emma gereizt, während sie seine Hand geflissentlich ignorierte.

Diese schwebte einen Augenblick in der Luft, bis der Tierarzt sie schulterzuckend wieder herunternahm. Sein freundlicher Gesichtsausdruck verwandelte sich in einen vorsichtigen, was Emma ihm nicht verdenken konnte. Schließlich verhielt sie sich nicht gerade höflich. Aber das war ihr in diesem Moment völlig egal.

»Was fällt Ihnen ein, Oma vier Alpakas aufzuhalsen, von denen eines noch dazu ganz eindeutig schwanger ist?« Wütend funkelte sie ihn an. Na bitte, das war doch schon besser, als sinnloses Zeug zu brabbeln.

Lukas verschränkte die Arme vor der Brust. »Aufhalsen würde ich es nicht gerade nennen. Ich habe Luise gefragt, und sie hat ja gesagt.«

»Wobei Ihnen klar gewesen sein muss, dass Oma körperlich gar nicht mehr dazu in der Lage ist, sich um die Tiere zu kümmern.« Emma musterte ihn mit flammendem Blick.

»Luise ist dazu sehr wohl in der Lage«, sagte Lukas und erwiderte ihren Blick gelassen. »Oder sehen die Tiere irgendwie ungepflegt aus? Wobei Sie sicher nicht dafür prädestiniert sind, das zu erkennen.«

Emma schnaubte verächtlich. Langsam platzte ihr wirklich der Kragen, und seine überhebliche Art brachte das Fass zum Überlaufen. »Erstens können Sie sich Ihre Beleidigungen sparen. Zweitens hat Oma nicht umsonst ihre Schafe abgegeben. Das hätte sie niemals getan, wenn sie sich noch um die Tiere hätte kümmern können.«

»Von Ihnen durfte sie da ja wohl keine Unterstützung erwarten. Nicht einmal auf die Weide gelassen haben Sie die Alpakas.« Lukas spuckte die Worte förmlich aus. »Ich bin jetzt seit sechs Jahren hier und habe Sie noch kein einziges Mal gesehen.« Er musterte sie von oben bis unten. »Wobei Sie in diesem Aufzug ohnehin keine Hilfe gewesen wären.«

Damit hatte er einen wunden Punkt getroffen. Emma hatte Oma in den letzten Jahren tatsächlich kaum besucht. Zu eingespannt war sie gewesen durch ihre Arbeit in der Online-Marketing-Abteilung. Nur ihr beruflicher Aufstieg hatte gezählt, für den sie nahezu ihre komplette Freizeit opferte. Sechzig-Stunden-Wochen waren keine Seltenheit gewesen. Was Oma allerdings immer verstanden hatte, doch das würde sie diesem eingebildeten Kerl sicher nicht auf die Nase binden. Das schlechte Gewissen plagte sie trotzdem.

»Meine Kleidung hat Sie nicht zu kümmern«, sagte sie daher, wobei sie ihm verschwieg, dass sie längst andere Sachen trüge, hätte sein Auto bei ihrer Ankunft nicht auf dem Hof gestanden. »Oma kann die Verantwortung für pflegeintensive Tiere nicht mehr übernehmen, das ist Fakt.«

Wieder lachte der Tierarzt. Diesmal klang es allerdings nicht freundlich. »Da kann Luise wohl froh sein, dass Sie noch nicht versucht haben, sie ins Altenheim abzuschieben.«

Bevor Emma antworten konnte, fingen die Alpakas an zu summen. Das schwangere stieß gar eine Art Schrei aus. Ob die Alpakas auf die angespannte Stimmung reagierten?

»Wir regen die Tiere auf«, sagte Lukas mit ruhiger Stimme. »Sie werden eine Weile hierbleiben, womit Sie sich einfach abfinden sollten. Luise hat sich damit einverstanden erklärt und damit basta.«

»Oma ist aber kein Kamelhirte!«, schnaubte Emma entrüstet. »Und ich bin es ebenfalls nicht.«

»Das hat nicht das Geringste mit Kamelhirten zu tun.« Lukas musterte sie mit abfälligem Blick. »Aber Leute wie Sie können das sicher nicht verstehen. Und jetzt beenden wir bitte dieses Gespräch, bevor Schneewittchen noch Wehen bekommt.«

»Sie heißt wirklich Schneewittchen?«, entfuhr es Emma. Ein ungewolltes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

»Haben Sie Luise nicht einmal nach den Namen der Alpakas gefragt?« Ohne Emma auch nur anzusehen, beugte sich Lukas über die Boxentür und streichelte das schwangere Alpaka kurz am Hals.

Emmas Lächeln verschwand so schnell wie es gekommen war. »Da Oma erst gestern operiert wurde, hatten wir leider keine Zeit für ein Pläuschchen über Alpaka-Namen, tut mir sehr leid«, sagte sie in beißendem Ton. Langsam hatte sie wirklich die Nase voll von diesem Unsympathen. Er sollte ihr einfach nur erklären, wie die Tiere zu versorgen waren, und sie dann gefälligst in Ruhe lassen. Ein Wunder, dass seine Patienten nicht bereits bei seinem Anblick Reißaus nahmen.

»Was ist mit Luise?« Nun sah er Emma doch an.

Widerwillig erkannte sie die Mischung aus tiefer Besorgnis und ebenso tiefer Zuneigung für Oma. Vielleicht war er ja doch kein so schlechter Kerl − was sie angesichts seines Verhaltens ihr gegenüber kaum glauben mochte. Trotzdem erzählte sie Lukas, was passiert war.

Der Tierarzt machte den Eindruck, als habe er ein schlechtes Gewissen, wie er mit schuldbewusst verzogenem Gesicht zu Boden starrte. Weder er noch Emma gingen darauf ein. Stattdessen erklärte er ihr, was Alpakas alles brauchten, um ein glückliches Leben zu führen.

»Tagsüber bringen Sie Schneewittchen, Cinderella, Dornröschen und Lancelot auf die Weide. Sie ernähren sich hauptsächlich von Gras und Heu. Salzlecksteine habe ich auch schon angebracht.« Lukas grinste Emma schief an. »Jeden Tag komme ich vorbei, um nach den Tieren zu sehen. Dabei lege ich die Menge an Mineralfutter, vor allem für Schneewittchen, fest. Sie sehen also, Luise hat gar nicht so viel Arbeit mit den Tieren.«

»Bis sie dann mit dem in den Wehen liegenden Schneewittchen alleine gewesen wäre.«

Als Lukas ansetzte, um etwas zu sagen, winkte Emma ab. Ihr mangelte es entschieden an Interesse, sich seine fadenscheinigen Erklärungen anzuhören. Sie wusste nun, wie sie mit den Minikamelen umgehen musste. Nur das zählte.

Ohne den Tierarzt weiter zu beachten, betrat sie die Box, nachdem sie sich eines der an der Wand hängenden Halfter genommen hatte. Das braunfellige Dornröschen erschien ihr am folgsamsten, da es Emma bereits seine Nase hinstreckte. Beim Halftern des Alpakas saßen die Handgriffe noch wie damals bei ihrem geliebten Pony.

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Lukas sich ebenfalls ein Halfter nahm. Schweigend bereiteten sie die Alpakas auf ihren Weidegang vor. Emma nahm Dornröschen und Cinderella an die Führungsleine. Ohne abzuwarten, ob der Tierarzt ihr folgte, machte sie sich mit den beiden auf den Weg.

Erst, als sie auf dem weichen und unebenen Gras ins Straucheln geriet und bedenklich zu wackeln anfing, fiel ihr wieder ein, dass sie immer noch ihre Businesskleidung trug. Da sie in jeder Hand ein Alpaka führte, konnte sie die Arme nicht benutzen, um sich auszubalancieren, und stolperte mehr als dass sie ging Richtung Weide. Garantiert würde sie sich vor Lukas nicht blamieren und hinfallen oder sich über ihre Kleidung beschweren.

Mit zusammengebissenen Zähnen und unter Aufbietung ihrer ganzen Selbstbeherrschung erreichte sie mit heiler Haut die Weide. Vermutlich sah sie beim Gehen aus wie ein betrunkener Bauarbeiter, doch das war nicht zu ändern. Es kümmerte sie ohnehin nicht, was der Tierarzt von ihr dachte. Ein leises Lachen erklang hinter ihr, das sie dazu veranlasste, ihr Kinn trotzig höher zu recken.

Nachdem sie die Alpakas auf die Weide gebracht hatten, verschloss Emma das Gatter. Trotz ihrer unterdrückten Wut auf den Tierarzt musste sie lachen, als sie die unbeholfenen Sprünge der Tiere sah.

Sie freuten sich ganz eindeutig, im Freien zu sein und Auslauf zu haben. Selbst Schneewittchen gebärdete sich wie ein Jungtier, raste hin und her, wobei sie mehrere Luftsprünge machte.

»Wie heißen Sie denn eigentlich?«, erkundigte sich Lukas, der sich lässig gegen den Zaun lehnte.

»Emma«, sagte sie knapp. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging so würdevoll wie möglich davon. Seine Blicke in ihrem Rücken brannten wie Feuer, was an ihrem unbeholfenen Gang liegen musste. Wütend über sich selbst beschloss sie, das Kostüm direkt zu entsorgen. Vor diesem Tierarzt würde sie sich keine Blöße mehr geben.

Wiedersehen mit alten Freunden

Radetzky benahm sich so, als sei sie monatelang weg gewesen. Immer wieder sprang er an ihr hoch und versuchte, ihre Hand zu lecken. Nach einer ausgiebigen Streicheleinheit beruhigte er sich langsam – und sie sich ehrlich gesagt auch. Was kümmerte es sie, was ein unhöflicher Tierarzt von ihr hielt? Sie nahm sich vor, einfach darüberzustehen und seinen nächsten Besuch zu ignorieren. Es konnte sie schließlich keiner zwingen, mit ihm zu reden.

»Ich ziehe mich schnell um, dann machen wir einen Rundgang, okay?« Ein letztes Mal wuschelte sie Radetzky durchs Fell, bevor sie die Treppe zu ihrem alten Zimmer hinaufeilte.

Seit ihrer Jugend hatte Oma Luise dort nichts verändert. Die filigranen weißen Möbel befanden sich noch genauso an ihrem Platz wie die an der Wand hängenden Pferdeposter. Hellblaue Kissen harmonierten perfekt mit den in der gleichen Farbe gestrichenen Wänden. Emma setzte sich an den Schreibtisch am Fenster und stützte den Kopf auf die Ellbogen. Verträumt blickte sie hinaus auf die Apfelwiese. Wie sie bereits gestern vermutet hatte, hingen die alten Bäume voller Früchte. Sie beschloss, einige der Äpfel zu pflücken, um für Oma Luise einen Kuchen zu backen. Sicherlich wäre das eine angenehme Abwechslung zur drögen Krankenhauskost.

Voller Vorfreude stand sie auf, entledigte sich ihres Kostüms und warf alles achtlos auf den Boden.

Während sie in Jeans und T-Shirt schlüpfte, überlegte sie, warum sie sich damals nur für ein Studium in Marketingwissenschaft entschieden hatte, anstatt sich ihren Kindheitstraum zu erfüllen und Köchin zu werden. Schon immer hatte sie es geliebt, in der Küche zu stehen und zu backen. Aber als sie ihr Abitur in der Tasche hatte, war der Wunsch so groß gewesen, einmal aus der Lüneburger Heide herauszukommen und etwas anderes zu sehen. Deshalb hatte sie sich kurzerhand für ein Studium entschieden, von dem sie glaubte, dass es ihr mehr Möglichkeiten bieten würde, die Welt zu sehen. Am Ende war sie jedoch in Hamburg geblieben, und der Traum, Köchin zu werden, war zwar immer noch da, aber mittlerweile in weite Ferne gerückt.

Emma spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Die letzten Wochen waren einfach zu viel für sie gewesen − und dann noch Omas Unfall … Schnell schob sie die trüben Gedanken beiseite. Sie hatte eine Aufgabe. Oma verließ sich auf sie! Jetzt würde sie sich erst einmal um den armen Radetzky kümmern, der sich sicher schon ganz vernachlässigt fühlte.

Enthusiastisch mit dem Schwanz wedelnd folgte ihr der Hund nach draußen. Kurz schnupperte er in Richtung Weide, fand die Alpakas aber nicht interessant genug, um dorthin zu rennen.

Stattdessen trottete er hinter Emma her, die sich, mit einem großen Eimer bewaffnet, auf den Weg zum Apfelhain machte.

In unregelmäßigen Reihen standen etwa vierzig der alten, verkrüppelten Bäume. Süßlich-bitterer Apfelgeruch drang in Emmas Nase. Sie atmete tief ein und genoss den Frieden, der von dem Garten ausging. Wie sehr hatte sie all das vermisst, gestand sie sich ein. Nie wieder würde sie sich rein auf ihre Arbeit konzentrieren und das wirklich Wichtige im Leben außer Acht lassen.

Zumindest für diese Erkenntnis war ihre Kündigung gut. Emma ließ sich auf einer der beiden weißgetünchten Bänke nieder, die unter zwei Bäumen standen. Mit geschlossenen Augen lauschte sie dem Summen der Bienen und dem Zwitschern der Vögel. Als sie ein Rascheln hörte, öffnete sie die Augen einen Spaltbreit. Doch es war nur Radetzky, der wie ein junger Hund putzmunter im hohen Gras herumsprang und schnüffelte.

Ein leichter Wind streichelte Emmas Wangen, während sie zwischen den Bäumen saß und auf die kleinen, rotbackigen Früchte blickte.

Ihre Oma hatte ihr früher immer schon viel über die alten Apfelsorten auf dem Hof erzählt. Die Sorte Süderhex stammte aus dem 19.&

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