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Meine ungezähmte Highland-Braut

LYNSAY SANDS

Meine ungezähmte
Highland-Braut

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Susanne Gerold

Zu diesem Buch

Saidh Buchanan ist mit sieben Brüdern aufgewachsen und kann ebenso gut mit dem Schwert umgehen, fluchen und reiten wie ein Mann. Brav lächeln und den Mund halten gehören eher nicht zu ihren Stärken. So ist sie auch nicht erpicht darauf, irgendwann ein folgsames Eheweib zu werden. Als sie hört, dass ihre Cousine Fenella verdächtigt wird, ihren Ehemann, den Laird des Clan MacDonnell, ermordet zu haben, reist sie sofort zu ihr. Denn vor vielen Jahren hat Saidh Fenella geholfen, den Tod ihres ersten Ehemannes zu vertuschen, der sie brutal misshandelt hatte. Seitdem sie weiß, dass danach drei weitere Ehemänner ihrer Cousine das Zeitliche gesegnet haben, befürchtet Saidh, damals einen schrecklichen Fehler gemacht zu haben. Sie ist fest entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Womit sie bei ihrem Plan nicht gerechnet hat, ist Greer MacDonnell, der neue Laird des Clans, den sie bereits am ersten Morgen splitterfasernackt beim Baden am Loch überrascht. Der ruppige Highlander ruft in ihr unbekannte Gefühle hervor, die ihren Vorsatz bezüglich der Ehe gehörig ins Wanken bringen. Vor allem, da Greer von ihren wenig damenhaften Eigenschaften äußerst fasziniert zu sein scheint. Doch es bleibt ihnen wenig Zeit, ihre gegenseitigen Gefühle zu erforschen – ein Unbekannter hat es auf Saidhs Leben abgesehen, und bevor sich beide ihrer Leidenschaft ganz hingeben können, müssen sie die mysteriösen Todesfälle um Fenellas Ehemänner klären.

Prolog

Kaum dass Saidh ihre Röcke gerafft und sich hingehockt hatte, hörte sie den Schrei, den gellenden Schrei eines Menschen in Todesangst. Entsetzt richtete sie sich auf, und Kälte kroch ihr Rückgrat entlang. Sie ließ ihren Rock sinken und lauschte. Sie hörte nichts. Keine hastigen, sich entfernenden Schritte, keine Kampfgeräusche, nichts, das einen Hinweis darauf hätte geben können, was geschehen war. Dann vernahm sie ein hohes Wehklagen, das zu einem Schluchzen wurde.

Fluchend zog Saidh das Schwert, das sie in einer Scheide an ihrer Taille trug, und hastete durch den Wald, folgte dem Klang dieses herzzerreißenden Schluchzens. Sie erkannte es jetzt, wusste, woher es kam. Genau so ein Schluchzen hatte sie in der Nacht zuvor in Fraser Castle gehört, und es war aus dem Zimmer neben ihrem gekommen. Aus dem Schlafgemach des Burgherrn, in das man das Brautpaar nach dem Festmahl geführt hatte, um die Zeremonie des Beischlafs durchzuführen.

Ein Zweig peitschte Saidh ins Gesicht, und sie verscheuchte alle Gedanken an die letzte Nacht, konzentrierte sich stattdessen darauf, die kleine Lichtung zu erreichen, auf der sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Saidh hatte sich ziemlich weit davon entfernt, um ungestört ihre Notdurft verrichten zu können. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich zu diesem Zweck ein gutes Stück vom Lagerplatz wegzubegeben, denn ihr blieb im Grunde genommen auch gar nichts anderes übrig, wenn sie verhindern wollte, dass einer ihrer Brüder sie überraschte, während sie sich erleichterte, um sie zu erschrecken oder in Verlegenheit zu bringen. Dieses Spiel hatten sie früher häufig genug mit ihr getrieben, und sie hatte ihre Lehren daraus gezogen. Immerhin hatte sie ihnen diese Nettigkeit auch ein- oder zweimal zurückgezahlt. Als einziges Mädchen der Buchanan-Sippe und mit sieben Brüdern hatte sie früh gelernt, sich zu verteidigen. Hätte sie das nicht getan, wäre ihr nur eines geblieben: ein plärrendes, jammerndes kleines Mädchen zu werden, das ständig zu Mama lief und seine Brüder verpetzte. Und das war nie Saidhs Art gewesen. Jetzt war sie sechzehn und konnte genauso gut austeilen wie einstecken, womit sie sich sowohl die Liebe wie den Respekt ihrer Brüder verdient hatte.

Saidhs Gedankenstrom brach abrupt ab, als sie die kleine Lichtung erreichte. Sie wurde von hohen, stattlichen Bäumen umgeben, und der Waldboden war mit violetten Blumen übersät. Doch es war nicht dieses zauberhafte Bild, das Saidh den Atem stocken ließ. Es war vielmehr der Anblick ihrer Kusine Fenella, die schluchzend neben ihrem Ehemann kauerte, der lang hingestreckt dalag. Die dunklen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht, ihr Kleid war zerfetzt, und in der Hand hielt sie ein blutverschmiertes Messer.

»Fenella?«, keuchte Saidh, nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte. »Was ist passiert?«

Ihre Kusine hob den Kopf und blickte in ihre Richtung. Ohne irgendein Anzeichen, dass sie Saidh erkannte, weinte sie noch heftiger. Sie schüttelte den Kopf, ehe sie ihn wieder sinken ließ.

Stirnrunzelnd schob Saidh ihr Schwert zurück in die Scheide und hockte sich hin, um Hammish zu untersuchen. Auf seiner Brust war ein großer Blutfleck mit einem Loch in der Mitte. Es sah nicht so aus, als würde er noch atmen. Saidh presste die Lippen zusammen und wandte sich an ihre Kusine, die sich das Messer widerstandslos aus den Händen nehmen ließ. Saidh zögerte einen Moment, packte Fenella dann an den Schultern und schüttelte sie sanft. »Was ist geschehen?«

Sie hoffte, dass Fenella berichten würde, sie wären von Banditen überfallen worden oder etwas Ähnliches. Aber Fenella schniefte jämmerlich und schluchzte: »Ich habe ihn getötet.«

»Gütiger Gott«, flüsterte Saidh. Sie ließ ihre Kusine los, richtete sich auf und sah sich hilflos auf der Lichtung um.

»Ich wollte es nicht«, schluchzte Fenella. »Ich konnte es nur nicht ertragen, dass er mich wieder vergewaltigt.«

Saidh sah sie stirnrunzelnd an. »Dich wieder vergewaltigt? Du bist verheiratet, Fenella. Er war dein Gemahl. Er –«

»Er war ein grausamer, herzloser Mistkerl, der mir die ganze Nacht wehgetan und mich gedemütigt hat«, entgegnete Fenella verbittert. »Ich war wund und aufgerissen, als er endlich mit mir fertig war, und habe schlimmer geblutet als während meines monatlichen Unwohlseins.« Ihr Blick wanderte zu dem Toten »Das war schon schlimm genug, aber ich hätte es aushalten können, ich hätte es wirklich ausgehalten.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, senkte den Kopf und flüsterte: »Aber dann hat er mich umgedreht und mich auf unnatürliche Weise genommen, auf eine Weise, die sogar noch schmerzhafter war.« Sie hob wieder den Kopf. Ihre Augen waren jetzt groß und rund, und in ihrem Blick lag eine Mischung aus Entsetzen und Flehen, als sie hinzufügte: »Und er wollte es wieder tun, hier im Wald, wie ein Tier.« Sie schaute auf den Leichnam ihres Mannes, und in ihrer Stimme schwang ihr ganzes Elend mit: »Ich konnte es nicht zulassen. Ich konnte es einfach nicht ertragen, und als ich dann den Dolch an seinem Gürtel gespürt habe – ich habe nicht nachgedacht, ich …« Sie stöhnte erbarmungswürdig, senkte den Kopf wieder. »Ich habe danach gegriffen und –«

Als sie zu sprechen aufhörte und kläglich den Kopf schüttelte, musterte Saidh erneut den Toten. Sie glaubte, was Fenella gesagt hatte. Nach dem, was sie in der Nacht zuvor auf dem Weg zu ihrem Zimmer gehört hatte, war es unmöglich, es nicht zu tun. Saidh selbst war zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich angeschlagen gewesen. Ihr Bruder Rory hatte sie nach dem Hochzeitsmahl zu einem Wettsaufen verführt. Eigentlich machte sie sich nicht viel aus Bier und Whisky, und das wusste ihr Bruder auch. Allerdings hatte sie auch noch nie einer Herausforderung widerstehen können, ganz besonders nicht, wenn sie mit Aussagen wie »Du hast doch etwa keine Angst, oder?« oder »Ah, du hättest sowieso verloren, da du ein Mädchen bist« verbunden war. Beide Sätze hatte er ihr in der Nacht zuvor an den Kopf geworfen, als er anscheinend beschlossen hatte, dass es Spaß machen würde, sie unter den Tisch zu trinken.

Er hatte verloren. Saidh hatte auf ihrem Platz hin- und hergeschwankt, aber sie hatte immer noch aufrecht gesessen, als Rory von der Bank gerutscht und unter dem Tisch liegen geblieben war. Sie erinnerte sich vage daran, wie die anderen vor Begeisterung gegrölt und sie beglückwünscht hatten, während sie sich auf die Beine gekämpft hatte und vom Tisch weggetorkelt war. Sie wollte nur noch in ihr Zimmer, bevor auch sie Opfer des Trinkgelages werden würde. Ihre Wahrnehmung hatte sich jedoch für einige Momente geklärt, als sie den oberen Treppenabsatz erreicht hatte. Das Gelächter, die fröhlichen Stimmen und die Musik waren hier oben nur noch ein gedämpftes Geräuschgewirr, deshalb hatte Saidh die Schreie einer Frau deutlich hören können.

Stirnrunzelnd war sie ihnen gefolgt und den Korridor entlanggestolpert, bestrebt, der Frau – wer auch immer es war – zu helfen. Ihre Schritte waren langsamer geworden, und schließlich war sie stehen geblieben, als sie die Tür erreicht hatte. So betrunken sie auch sein mochte, entging ihr doch nicht, dass sie sich vor dem Brautzimmer befand.

Sie schluckte angestrengt, damit ihr der Alkohol nicht hochkam, der in ihrem Magen rumorte, und zögerte. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte gehört, dass der Beischlaf beim ersten Mal schmerzhaft sein konnte, aber die Schreie, die von der anderen Seite der Tür kamen, zeugten von großen Qualen. So schmerzhaft konnte es doch gewiss nicht sein? Es klang, als würde Hammish der armen Fenella ans Leben und nicht lediglich nur die Ehe vollziehen wollen.

Saidh hatte schon eine Hand gehoben, um zu klopfen und sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei, doch die Schreie hatten abrupt aufgehört.

»So«, hatte Hammish mit atemloser Befriedigung gegrunzt; seine Stimme hatte durch die Tür gedämpft geklungen. »Jetzt sind wir wirklich und wahrhaftig verheiratet. Du gehörst mir, Mädchen.«

Fenella hatte daraufhin geschnieft und etwas gemurmelt, das Zustimmung gewesen sein mochte, weshalb Saidh beruhigt weitergegangen war. Sie war froh gewesen, endlich in ihr Zimmer zu kommen, denn die Wände des Korridors hatten irgendwie angefangen, sich um sie zu drehen. Und außerdem – selbst wenn es nötig geworden wäre, hätte sie vermutlich für Fenella gar nicht viel tun können.

Dennoch hatte sie beim Öffnen ihrer Zimmertür daran denken müssen, dass Fenellas Schreie den Schluss zuließen, dass der Beischlaf doch sehr viel schmerzhafter sein musste, als sie gehört hatte, und dass man ein Mädchen wirklich davor warnen sollte. Allerdings würden die Frauen dann sehr viel weniger bereitwillig in die Ehe gehen und den Beischlaf vollziehen.

Saidh war gerade auf ihr Bett gesunken, als erneute Schreie aus dem Brautgemach an ihre Ohren drangen. Sie hatte versucht, sich aufzusetzen, aber die Bewusstlosigkeit war über sie hinweggewogt und hatte sie mit festen Händen aufs weiche Bett gedrückt.

Am nächsten Morgen nach dem Aufwachen hatte sie sogleich an die erneuten Schreie denken müssen. Umso erleichterter war sie gewesen, ihre Kusine gesund und wohlbehalten beim Morgenmahl vorzufinden. Fenella war zwar blass und still gewesen, aber als Saidh sie besorgt gefragt hatte, ob alles in Ordnung sei, hatte sie genickt. Dann war sie rot geworden und hatte den Kopf gesenkt. Und dann hatte ihr Bruder Conran nach Saidh gerufen und sie abgelenkt. Sie hatte Fenella allein gelassen und sich zu ihren Brüdern gesellt. Sie hätte ohnehin nicht viel für ihre Kusine tun können. Fenella war jetzt verheiratet, sie gehörte Hammish ebenso, wie ihm sein Pferd, seine Burg und sein Schwert gehörten. Frauen besaßen nicht viele Rechte in dieser Welt.

Saidh presste die Lippen zusammen, während sie daran dachte. Sie sah ihre Kusine voller Mitgefühl an. »Dafür werden sie dich töten«, flüsterte sie.

»Aye.« Fenella schaute mit leerem Blick auf den hingestreckten Mann neben ihr und zuckte müde mit den Schultern. »Es ist mir egal. Ich will lieber tot sein, als noch einmal das durchmachen zu müssen, was er letzte Nacht mit mir gemacht hat.«

Saidh biss sich auf die Lippen und musterte Hammish. Die Schreie, die sie in der Nacht gehört hatte, hallten in ihrem Kopf wider. Es war die erste Hochzeit, an der sie teilgenommen hatte, und sie dachte, dass die Entjungferung sicherlich nicht immer solche Qualen verursachte, wie diese Schreie vermuten ließen. Sie war sich auch bewusst, dass während der Entjungferung Blut floss, aber was Fenella beschrieben hatte, klang außergewöhnlich schlimm. Und was die Tatsache betraf, dass Hammish sie herumgedreht und auf unnatürliche Weise genommen hatte, so wusste Saidh ganz genau, was ihre Kusine meinte. Sie war schließlich mit sieben Brüdern aufgewachsen, und sie alle hatten ihre Freude daran gehabt, ihr Dinge zu sagen, die sie ihr nie hätten sagen sollen, und das nur, um sie verlegen zu machen oder zu verunsichern. Was Fenella beschrieben hatte, klang ganz nach dem, was Geordie als »Kopulation in den Hintern« bezeichnet hatte. Geordie hatte auch erklärt, dass so etwas als Sünde galt und mit einem grauenvollen Tod durch Verstümmelung, Hängen oder auf dem Scheiterhaufen bestraft wurde.

Saidh vermutete daher, dass Fenella ihrem Mann im Grunde die Gerechtigkeit der Kirche hatte widerfahren lassen, und das gewiss auf eine nettere Weise, als es die Verstümmelung oder der Scheiterhaufen gewesen wäre. Vielleicht auch netter, als gehängt zu werden, aber da war sie sich nicht ganz so sicher.

Seufzend wandte sie sich wieder an ihre Kusine und kniete sich vor sie hin. »Und wenn du dem Priester sagen würdest, was er getan hat –«

»Nein!«, rief Fenella entsetzt. »Niemals könnte ich irgendjemandem erzählen, dass er mir das angetan hat. Niemals.«

»Du hast es mir gesagt«, erinnerte Saidh sie sanft. »Vielleicht –«

»Nein, Saidh. Bitte!« Fenella griff nach ihren Händen, drückte sie verzweifelt. »Töte mich! Ich werde mich nicht wehren. Schneide mir einfach die Kehle durch! Dann kannst du sagen, du hättest mich bei der Leiche gefunden, und wir hätten um die Waffe gekämpft, und du hättest mich dabei getötet.«

»Oh, Fenella«, sagte Saidh traurig und zog sie in die Arme. »Das werde ich ganz sicher nicht tun.«

»Aber du musst es tun«, weinte Fenella und krallte die Hände in das Mieder von Saidhs Kleid. »Hammishs Bruder ist genauso grausam wie er; er wird das nicht ungesühnt lassen. Er wird mich sowieso töten. Und wenn du es tust, weiß ich zumindest, dass du mich vorher nicht noch quälen wirst. Bitte, Saidh!«

Saidh schwieg. Ihre Gedanken rasten. Sie konnte verstehen, warum Fenella sie um den Tod bat, aber sie konnte es einfach nicht tun. Ihr Blick schweifte über die Lichtung, und dann ließ sie Fenella los und richtete sich auf. »Ich habe eine bessere Idee.«

»Nein. Töte mich! Bitte, Saidh!«, rief Fenella, rappelte sich auf und folgte ihr zum Rand der Lichtung. Dort blieb sie neben Saidh stehen, die sich bückte, um einen großen Ast vom Boden aufzuheben. Der Ast war fast zwei Meter lang und am einen Ende so dick wie der Arm eines Mannes, am anderen so schmal wie ihr Handgelenk. »Was hast du vor? Dies ist nicht der Moment, um ein Feuer zu machen.«

Saidh drehte sich zu Fenella um und sah sie an. Dann holte sie tief Luft und verkündete: »Du bist von zwei Männern überfallen worden, als du auf dieser Lichtung warst. Banditen, ärmlich gekleidet, der eine groß und dünn, der andere klein und dick.«

»Was?«, fragte Fenella stirnrunzelnd. Sie wollte zurückweichen, als Saidh einen Schritt auf sie zu machte, sie am Arm nahm und zu der Leiche führte.

»Ja, genauso war es. Du und Hammish, ihr seid überfallen worden. Und an mehr erinnerst du dich nicht«, fügte Saidh hinzu und hob den Ast.

»Oh«, hauchte Fenella. Und wurde bleich.

Saidh wappnete sich gegen die plötzliche Angst in den Augen ihrer Kusine, holte mit dem Ast aus und schlug zu. Sie sah, wie er gegen Fenellas Kopf prallte, ehe diese über der Leiche ihres Gemahls zusammenbrach. Saidh ließ den Ast fallen, ging zurück zum Rand der Lichtung und begann zu schreien.

1

»Oh, er ist ein Prachtkerl, Joan«, murmelte Saidh, während sie das Baby in ihren Armen betrachtete. Sie hob den Blick und lächelte ihre Freundin an. »Gut gemacht. Cam muss sehr glücklich sein.«

»Aye. Das sind wir beide«, sagte Joan strahlend. Dann wurde sie ernst und fügte hinzu: »Aber er war weniger glücklich, als ich ihm gesagt habe, dass wir vielleicht dafür sorgen sollten, dass der kleine Bearnard ein Schwesterchen bekommt.«

»Was?« Saidh lachte ungläubig. Sie wusste, dass Joan und Cam entsetzt gewesen waren, als sie schwanger geworden war; die Vorstellung, sie könnte bei der Geburt sterben, hatte ihnen große Angst gemacht. Ja, sie hatten sogar alles Mögliche getan, um dieses kostbare Kind, das sie jetzt in den Armen hielt, zu verhindern. Joan lächelte sie schief an und zuckte mit den Schultern.

»So schlimm war es gar nicht. Ich habe es überlebt, ohne dass es auch nur den Hauch eines Problems gab. Warum also nicht?«

Saidh schüttelte erheitert den Kopf und sah zu den geöffneten Fensterläden, als von der Mauer her ein Trompetensignal erklang.

»Wir scheinen Gesellschaft zu bekommen«, murmelte Joan.

»Vielleicht ist es Edith«, meinte Murine, die Saidh zum Fenster folgte.

»Aye«, murmelte Saidh und spähte nach draußen. Es hatte sie überrascht, dass Edith nicht ebenfalls hier aufgetaucht war, als sich der Zeitpunkt der Geburt genähert hatte. Dabei hatte sie es ganz sicher vorgehabt; das hatte sie zumindest erklärt, als sie sich das letzte Mal zu viert getroffen hatten. Seit sie sich vor einem Jahr kennengelernt hatten, waren sie enge Freundinnen geworden – etwas, das sonderbar war, wenn man die Umstände bedachte, unter denen sie sich begegnet waren. Saidh, Edith und Murine hatten zu den vielen Mädchen gehört – mehr als ein Dutzend waren es gewesen –, die Campbell Sinclairs Mutter auf die Burg eingeladen hatte, um ihren Sohn dazu zu bringen, wieder zu heiraten. Campbell war nach dem Tod seiner ersten Frau, die im Kindbett gestorben war, alles andere als interessiert gewesen, erneut zu heiraten. Das wollte seine Mutter nicht gelten lassen, hoffte sie doch auf ein Enkelkind. Deshalb hatte sie alle unvermählten Frauen, die sie finden konnte, nach Castle Sinclair eingeladen – in der Hoffnung, eine von ihnen würde ihren Sohn überzeugen können, erneut in den Ehestand zu treten. Ihrem Sohn hatte sie nichts von ihren Absichten erzählt; es sollte eine Überraschung für ihn sein, wenn er von einer langen Reise zurückkehrte. Am Ende war sie allerdings diejenige, die überrascht war, als Cam mit Joan im Schlepptau nach Hause gekommen war und verkündet hatte, dass sie verheiratet waren.

Einige der Mädchen hatten Joan gehasst, weil sie ihnen den Mann weggenommen hatte, von dem sie gehofft hatten, dass sie ihn für sich gewinnen würden. Saidh, Edith und Murine hatten nicht zu ihnen gehört, und so hatte sich zwischen ihnen und Joan eine enge Freundschaft entwickelt.

»Nein. Es kann nicht Edith sein«, erklärte Joan und lenkte Saidhs Aufmerksamkeit wieder auf ihre Unterhaltung.

»Wieso nicht? Hat Cam sie nicht eingeladen?«, fragte Saidh. Sie kniff die Augen leicht zusammen, um die herannahende Gruppe besser erkennen zu können. Sie war jedoch noch ein gutes Stück von der Burg entfernt und nicht viel mehr als ein Fleck in der Ferne.

»Mag er Edith nicht?«, fragte Murine. Sie hielt dem Baby, das Saidh immer noch auf dem Arm hatte, einen Finger hin, sodass es zugreifen konnte.

»Oh doch, er mag euch alle drei«, versicherte Joan ihnen. »Und er hat sie auch eingeladen. Aber sie ist aufgehalten worden und erst gestern Abend gekommen, als wir alle uns schon zum Schlafen zurückgezogen hatten.«

»Edith ist schon hier?«, fragten Saidh und Murine wie aus einem Munde. Sie drehten sich zu Joan um und schauten sie überrascht an.

Joan lächelte breit. »Aye. Cam hat es mir gesagt, als der Kleine mich mitten in der Nacht lautstark geweckt hat, weil er Hunger hatte.«

»Und wo ist sie jetzt?«, fragte Saidh stirnrunzelnd.

»Und was hat sie aufgehalten?«, wollte Murine wissen.

»Sie schläft noch. Wie ich schon sagte, sie ist erst spät hier angekommen«, entgegnete Joan. »Ich bin sicher, dass sie bald aufwacht. Aber was sie aufgehalten hat –« Sie hielt inne und schaute zur Tür, an der es geklopft hatte. »Herein!«

Sofort wurde die Tür geöffnet, und Edith betrat das Zimmer. Ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet, und auf ihrem ansonsten blassen Gesicht lag ein glückliches Lächeln. Sie eilte zum Bett und umarmte Joan. »Guten Morgen! Tut mir leid, ich fürchte, ich habe lang geschlafen. Aber als ich zum Morgenmahl nach unten gegangen bin, hat Cam gesagt, dass du wach bist, deshalb bin ich sofort hergekommen, um dich und das Baby zu sehen.« Sie richtete sich auf und zog erwartungsvoll eine Braue hoch. »Also, wo ist jetzt dieser Prachtkerl, von dem Cam letzte Nacht so geschwärmt hat?«

Joan deutete auf die beiden Frauen beim Fenster, und Edith drehte sich um. Ihre Augen weiteten sich vor Freude; ihr Lächeln wurde noch breiter, als sie glücklich zu den beiden lief. »Oh! Saidh! Murine! Es ist so schön, euch beide wiederzusehen.«

Sie umarmte Murine herzlich, aber als sie sich Saidh zuwenden wollte und das Baby in ihren Armen sah, hielt sie inne. Schließlich umarmte sie sie halb von der Seite, während sie den Jungen betrachtete.

»Oh«, hauchte Edith und berührte die winzige Hand des Babys. »Er ist wunderschön.«

»Möchtest du ihn auf den Arm nehmen?«, fragte Saidh.

»Oh! Aye«, sagte Edith eifrig und nahm ihr das Kind rasch ab. Sie bettete den Jungen in ihren Arm und lächelte ihn an, dann wandte sie sich wieder an Joan. »Es tut mir so leid, dass ich die Geburt verpasst habe. Ich wollte hier sein und dir helfen, und ich wäre auch hier gewesen, wenn nicht Laird MacDonnell gewesen wäre.«

Saidh sah sie fragend an. »Laird MacDonnell? Wieso hat er deine Reise hierher verzögert?«

Edith verzog das Gesicht. »Er ist gestorben.«

»Oh!« Murine wirkte unsicher, während sie offenbar herauszufinden versuchte, wie die verspätete Ankunft ihrer Freundin und der Tod dieses Mannes zusammenhingen.

»Allen, der Laird MacDonnell, war ein Vetter mütterlicherseits«, erklärte Edith mit einem Seufzer. »Aber ich habe ihn nur zwei- oder dreimal in meinem Leben gesehen. Normalerweise hätte ich nicht einmal erfahren, dass er gestorben ist, wenn wir nicht gerade bei den MacDonnells gewesen wären, als es passiert ist.«

Als Edith sah, dass die anderen sie überrascht anblickten, setzte sie sich mit Bearnard auf dem Arm zu Joan auf die Bettkante, ehe sie weitersprach. »Wir haben unsere Reise dort unterbrochen. Eigentlich wollten wir nur über Nacht dortbleiben und uns am nächsten Tag wieder auf den Weg machen, aber als wir am Morgen von seinem Tod hörten …« Sie zuckte mit den Schultern. »Wir konnten nicht einfach sagen ›Tut uns leid, das zu hören‹, auf unsere Pferde steigen und weiterreiten.«

»Nein, natürlich nicht.« Joan tätschelte ihr beruhigend den Arm, um ihr zu zeigen, dass sie das verstand. »Woran ist er gestorben, Edith? War er schon so alt?«

»Oh nein«, erklärte Edith ernst. »Allen war nur vier Jahre älter als ich.«

Saidh runzelte die Stirn, als sie das hörte. Sie wusste, dass Edith zwanzig war, genauso alt wie sie, was bedeutete, dass Allen vierundzwanzig gewesen sein musste. Also alles andere als ein alter Mann. »Und was ist passiert?«

»Er ist ertrunken«, erklärte Edith mit einem Kopfschütteln. »Anscheinend ist er gern morgens vor dem Morgenmahl zum Schwimmen im See gegangen, und an diesem Morgen …« Sie zuckte erneut in einer hilflosen Geste die Schultern. »Er ist ertrunken. Sie wissen nicht, wieso. Er war wohl ein guter Schwimmer, aber an diesem Morgen …«

Sie verzog das Gesicht und hielt einen Moment inne. »Wenn ich es richtig verstanden habe, hat sich sein Erster Offizier Sorgen gemacht, weil er noch nicht wieder zurück war, als seine Frau zum Morgenmahl nach unten gekommen ist. Offenbar hat Allen Wert darauf gelegt, dass sie ihre Mahlzeiten zusammen einnahmen. An diesem Morgen war er jedoch noch nicht vom Schwimmen zurückgekehrt. Als ich in die Große Halle kam, erkundigte sich Lady MacDonnell gerade nach ihrem Gatten. Sie hat sich gewundert und überlegt, ob sie mit dem Morgenmahl warten soll. Man hat dann jemanden zum See geschickt, um nach Allen zu sehen. Der Mann ist mit der Leiche zurückgekehrt.« Sie seufzte. »Es war erschütternd. Tante Tilda und Allens Frau waren vollkommen aufgewühlt.« Sie zuckte unglücklich mit den Schultern. »Wie ich schon sagte, wir konnten nicht einfach auf unsere Pferde steigen und wegreiten.«

»Nein, und das hätte ich auch niemals von dir erwartet«, sagte Joan voller Verständnis.

»Wir haben beschlossen, bis zur Beerdigung zu bleiben. Wobei wir davon ausgegangen sind, dass sie nur wenige Tage später stattfinden würde. Tante Tilda allerdings – na ja, er war ihr einziger Sohn. Sie hat entschieden, dass er zwei Wochen lang feierlich in der Dorfkirche aufgebahrt werden sollte, sodass die Dorfbewohner und Freunde ihm angemessen Respekt zollen konnten.«

»Zwei Wochen?«, fragte Saidh bestürzt. »Verfluchte Hölle, dann muss er ja zum Himmel gestunken haben, als sie ihn endlich begraben haben.«

»Oh nein, sie haben ihn nicht begraben«, versicherte Edith ihr. »Er ist in die Familiengruft gekommen, und er hat auch nicht gestunken.« Sie machte eine kurze Pause und flüsterte dann beinahe. »Sie haben ihn einbalsamiert.«

»Was?«, fragte Murine verwundert. »Aber die Kirche ist darauf gar nicht gut zu sprechen. Sie hält es für heidnisch.«

»Aye, und gleichzeitig lassen sie es gegen eine Gebühr zu«, sagte Saidh trocken.

Edith nickte. »Meine Tante hat ausnahmsweise die Erlaubnis bekommen.«

»Hmm«, murmelte Saidh. »Dann seid ihr bis zur Beerdigung geblieben?«

»Aye.« Edith verzog das Gesicht. »Auch wenn ich mir wirklich wünschte, wir hätten es nicht getan. Lady MacDonnell war untröstlich, aber Tante Tilda war noch schlimmer. Sie hat immer und immer wieder gesagt, dass Allen ein so guter Schwimmer war und dass sie nicht versteht, wie so etwas passieren konnte. Und dann hat sie angefangen, bei diesen Worten Lady MacDonnell anzusehen. Als dann schließlich die Beerdigung stattfand, hat sie Allens Frau recht kühl behandelt und alle, die es hören wollten, daran erinnert, dass auch die vorhergehenden Ehemänner von Lady MacDonnell eines unnatürlichen Todes gestorben sind.«

»Sind sie das wirklich?«, fragte Murine so interessiert, dass Saidh beinahe lächeln musste. Nichts brachte mehr Farbe in die Wangen dieser Frau als die Möglichkeit, über andere zu klatschen.

»Offensichtlich«, sagte Edith. »Es heißt, ihr letzter Ehemann, Laird MacIver, ist nur einen Monat nach der Hochzeit von seinem Pferd abgeworfen worden und gestorben. Er hat sich den Hals gebrochen.«

»Oje«, sagten Murine und Joan wie aus einem Mund.

»Also sind zwei Ehemänner bei Unfällen gestorben«, sagte Saidh trocken. »Das klingt wirklich ein wenig verdächtig.«

»Hmm«, murmelte Edith zustimmend. »Aber vier tote Ehemänner in ebenso vielen Jahren klingt sogar noch schlimmer.«

»Was?«, fragte Murine verwundert. »Das kann unmöglich wahr sein, oder?«

»Aye. Sie hat viermal geheiratet und wurde viermal Witwe.«

»Und was ist mit den anderen beiden Ehemännern passiert?«, fragte Saidh, deren Interesse jetzt auch geweckt worden war. Es gab nichts Besseres als eine gute Mordgeschichte, um sich den Tag zu vertreiben.

»Nun, der Gemahl vor Laird MacIver war sein Onkel, Laird Connell MacIver. Er ist in der Hochzeitsnacht in seinem Bett gestorben. Er war aber auch schon alt«, fügte Edith hastig hinzu. »Es hieß, er hätte die Aufregung nicht verkraftet, die mit dem Umgang mit einer so jungen Braut verbunden ist.«

»Ohhhh«, entfuhr es den beiden Frauen interessiert.

»Und was war mit dem ersten Mann?«, fragte Saidh.

»Das war Laird Kennedy. Er ist am Tag nach der Hochzeit getötet worden. Die Hochzeit hatte auf der Feste ihrer Eltern stattgefunden, und sie waren auf der Rückreise zur Burg der Kennedys, als sie überfallen wurden.«

Saidh versteifte sich. »Lady MacDonnell ist nicht zufällig früher Lady Fenella Fraser gewesen, oder?«

»Aye«, sagte Edith voller Erleichterung, und dann lächelte sie trocken und räumte ein: »Als ich angefangen habe zu erzählen, konnte ich mich nicht mehr an ihren Vornamen erinnern. Aber ja, so heißt sie: Fenella.« Sie nickte und verzog dann das Gesicht zu einer Grimasse, während sie hinzufügte: »Inzwischen haben die Leute angefangen, ihr den Beinamen ›Witwenmacherin‹ zu geben. Was wirklich ungerecht ist.« Sie wirkte beinahe empört. »Fenella war damals bei ihrem Gemahl und ist bei dem Angriff, in dessen Verlauf er getötet wurde, selbst verletzt worden. Man hat sie bewusstlos und blutend neben seiner Leiche gefunden. Was ihren zweiten Gatten betrifft, so war der ältere Laird MacIver bereits uralt, und alle waren der Meinung, dass ihn die Aufregung der Hochzeitsnacht mit seiner jungen Braut getötet hat.«

»Was war mit dem jüngeren MacIver?«, fragte Murine. »Hat es bei ihm irgendeinen Verdacht gegeben, dass es vielleicht kein Unfall gewesen sein könnte?«

»Natürlich hat es den gegeben, aber der König hat Männer hingeschickt und die Sache untersuchen lassen. Man ist zu dem Schluss gekommen, dass es nichts weiter als ein Unfall war. Lady Fenella hat sich zu dem Zeitpunkt, als er losgeritten ist, mit seiner Mutter und Tante in der Großen Halle unterhalten, und dort saßen die drei Frauen immer noch, als die Nachricht kam, dass sein Pferd ohne ihn zurückgekehrt war. Lady Fenella ist selbst mit dem Suchtrupp losgeritten, hat sein Pferd am Zügel mitgeführt, weil sie gehofft hat, dass er würde zurückreiten können. Natürlich konnte er das nicht. Er war tot, als sie ihn gefunden haben, hatte sich den Hals gebrochen.«

»Trotzdem …« Joan runzelte die Stirn. »Ich bin damals auch von meinem Pferd abgeworfen worden, und es war kein Unfall. Es war eine Nadel unter dem Sattel, die das Pferd gestochen hat, damit es mich abwirft.«

»Aye, aber dein Pferd ist wild geworden und wie verrückt durch den Wald gerast, kaum dass es dein Gewicht gespürt hat«, gab Edith zu bedenken. »Nach allem, was man hört, ist Laird MacIver im Hof auf sein Pferd gestiegen und ohne Probleme weggeritten. Das Pferd hat ihn erst im Wald abgeworfen. Es kann nicht wie bei dir eine Nadel unter dem Sattel gewesen sein.«

»Nun, vermutlich nicht«, stimmte Joan ihr zögernd zu, dann zuckte sie mit den Schultern und sah Saidh an. Sie öffnete schon den Mund, um etwas zu sagen, aber dann hielt sie inne und zog die Brauen hoch. »Alles in Ordnung, Saidh? Du siehst so …« Sie zögerte, als wüsste sie nicht, wie sie es ausdrücken sollte.

Saidh konnte es ihr nicht verübeln, da sie selbst nicht wusste, was sie empfand. In ihrem Magen schien ein Knoten zu sitzen, der aus einer Mischung verschiedenster Gefühle zu bestehen schien. Die, die sie in diesem übelkeiterregenden Gemisch deuten konnte, waren Grauen, Furcht und Besorgnis. Sie schluckte die Galle herunter, die sich in ihrer Kehle festgesetzt zu haben schien, und versuchte, ein Lächeln aufzusetzen. Sie scheiterte erbärmlich. Schließlich schüttelte sie den Kopf und gestand: »Fenella ist meine Kusine.«

»Wirklich?«, fragte Edith interessiert und grinste. »Das bedeutet, dass mein Vetter deine Kusine geheiratet hat. Wir sind miteinander verwandt.«

»Hast du gewusst, dass sie einen MacDonnell geheiratet hat?«, fragte Murine stirnrunzelnd.

»Nein«, gab Saidh zu und seufzte. »Ich wusste nicht einmal, dass sie nach Kennedy überhaupt wieder geheiratet hat.«

»Du hast nicht einmal von der Hochzeit mit Laird MacIver gewusst?«, fragte Murine verwundert.

Saidh schüttelte den Kopf. »Wir waren zu Gast bei der ersten Hochzeit. Wir sind sogar alle zusammen zurückgeritten. Buchanan liegt auf dem Weg zur Burg der Kennedys. Sie sind am Morgen nach der Hochzeit zusammen mit uns aufgebrochen.«

»Dann warst du bei ihnen, als Laird Kennedy getötet wurde?«, fragte Murine fast atemlos.

Saidh nickte stumm.

»Aber wenn ihr zu ihrer ersten Hochzeit eingeladen wart, dann doch sicher auch zu den anderen?«, fragte Edith.

»Nein«, versicherte Saidh ihr, dann kam ihr ein Gedanke, und sie fügte hinzu: »Na ja, vielleicht waren wir das sogar. Aber Mutter ist kurz nach Fenellas erster Hochzeit gestorben, und mein ältester Bruder Aulay, der jetzt Laird ist, macht sich nichts aus großen Feiern. Es kann sogar sein, dass er ein Hochzeitsgeschenk geschickt und sein Bedauern ausgesprochen hat, dass er nicht kommen kann, ohne dem Rest der Familie von der Hochzeit zu erzählen.«

»So war es wahrscheinlich«, sagte Edith seufzend.

Saidh nickte, aber ihre Gedanken wanderten zurück zu einer Lichtung, auf der der tote Kennedy gelegen und ihre Kusine gestanden und gesagt hatte: Ich habe ihn getötet.

»Verdammt!«

Saidh sah sich überrascht um, als sie Murine fluchen hörte. Ihre Freundin fluchte sonst nie. Dann sah sie, dass Murine bei den geöffneten Fensterläden stand, und sie hörte den Lärm vom Burghof heraufdringen. Rufe zur Begrüßung erklangen, zusammen mit dem Hufgeklapper von – dem Klang nach – mindestens einem Dutzend Pferden. Neugierig stand sie auf, trat zu Murine und sah selbst auf das geschäftige Treiben im Hof hinunter. Es waren nicht nur ein Dutzend Pferde, sondern mindestens drei Dutzend, und Joans Ehemann Cam begrüßte einen der Männer, nachdem dieser aus dem Sattel gestiegen war. Wenn sie Cams Haltung richtig deutete, dann mochte er den Besucher nicht – was möglicherweise Grund zur Sorge sein konnte, da der Ankömmling von einem großen Trupp seiner Männer begleitet wurde.

»Ich kenne das Banner nicht«, sagte Saidh stirnrunzelnd.

»Es ist das der Danvries«, erklärte Murine grimmig.

»Dann ist das da unten dein Bruder?«, fragte Saidh und sah ihre Freundin überrascht an.

»Mein Halbbruder«, berichtigte Murine sie. In ihrer Stimme schwang Verachtung mit, was Saidh nicht überraschte. Sie waren inzwischen eng befreundet, und daher wusste sie, dass Murine ihren Halbbruder durch und durch verabscheute.

»Wieso sollte Montrose hier sein?«, fragte sie ruhig, fürchtete aber, dass sie die Antwort bereits kannte.

»Papa muss gestorben sein«, sagte Murine mit stockender Stimme. Sie atmete zitternd aus, schüttelte den Kopf und schloss die Augen. »Es ist ihm eine ganze Weile nicht gut gegangen, aber er schien über den Berg zu sein. Ich war überzeugt, dass er sich erholen würde, sonst hätte ich ihn niemals allein gelassen, um hierherzukommen.«

»Vermutlich nicht«, sagte Saidh. Murine hatte wahrscheinlich recht. Sie biss sich auf die Lippen und legte ihr unbeholfen einen Arm um die Schultern, um sie zu trösten. Es schien das zu sein, was man in einer solchen Situation tat. Sie wusste, wie sehr Murine ihren Vater verehrt hatte.

»Ich sollte nach unten gehen und es herausfinden«, sagte Murine einen Moment später.

»Ich komme mit«, bot Saidh an.

»Danke«, flüsterte Murine, hakte sich bei ihr unter und ging mit ihr zur Tür.

Greer seufzte schwer, als er aus der Ferne das Klappern von Pferdehufen hörte, und öffnete widerstrebend die Augen. Der Himmel über ihm, eingerahmt vom grünen Blattwerk der Bäume, die die Lichtung umgaben, war immer noch strahlend blau. Nur ein paar flauschige Wolken zogen träge vorbei. Er wartete ein paar Augenblicke, bis er abschätzen konnte, wie viel Zeit ihm noch blieb, bevor das herannahende Pferd ihn erreichen würde. Dann seufzte er, hob den Kopf und blickte auf den blonden Schopf, der sich über seinen Lenden bewegte.

»Du solltest jetzt besser aufhören, Mädchen. Wir bekommen Gesellschaft.«

Die junge Frau entließ einen seiner besonders geschätzten Körperteile aus ihrem Mund und sah Greer schmollend an. »Aber ich habe eben erst angefangen.«

»Aye, das weiß ich. Glaub mir, das weiß ich«, meinte er trocken und setzte sich dann auf, um den betreffenden Körperteil wieder mit seinem Plaid zu bedecken. »Aber es kommt jemand, und wenn ich es richtig sehe, bleibt dir bis dahin gerade noch Zeit genug, um dein Kleid zu richten.«

Mit einem ärgerlichen Seufzen stand die Frau auf und machte sich daran, das Oberteil ihres Kleides hochzuziehen und die üppigen Brüste zu bedecken, die er so entschlossen freigelegt hatte. Als sie sich mit der Schnürung ihres Mieders abmühte, erhob Greer sich und half ihr. Er war gerade fertig damit, als sein Page Alpin auf die Lichtung geritten kam und sein Pony zum Stehen brachte.

»Mylaird«, rief der Junge und stürzte in seinem Übereifer beinahe aus dem Sattel.

Greer streckte eine Hand aus, um den Jungen zu stützen, darüber hinaus wartete er erst einmal ab. Für seinen neuen jungen Pagen war alles eine Krise, und Greer hatte sich rasch angewöhnt, sich von der Aufregung des Jungen nicht anstecken zu lassen.

»Lady Fenella hat mich losgeschickt, um Euch zu suchen«, platzte er heraus. »Sie hat sich gewundert, wo Ihr seid.«

»Natürlich«, sagte Greer trocken. Er war erst vor einer Woche auf der Burg der MacDonnells eingetroffen, gerade rechtzeitig zur Beerdigung seines Vetters. Es war jedoch rasch offensichtlich geworden, dass die Witwe des verstorbenen Lairds eine Nervensäge war. Ständig heulte und jammerte sie und lief mit sauertöpfischer Miene in der Burg herum, ganz wie ein tragisches Gespenst. Abgesehen davon war sie ständig auf der Suche nach einem Menschen, bei dem sie sich ausweinen konnte. Da seine Tante Tilda ihr gewissermaßen vorwarf, ihren Sohn getötet zu haben, und alle anderen sich so lange von ihr fernhielten, bis sie geklärt hatten, was Sache war, war er der Einzige, der in der vergangenen Woche mit ihr gesprochen hatte. Was dazu geführt hatte, dass Fenella ihn kurzerhand zu ihrem Verbündeten erklärt und angefangen hatte, ihm wie ein ausgehungertes Hündchen auf der Suche nach einem neuen Zuhause zu folgen. Genau genommen war das der Grund, weshalb Geer sich Milly geschnappt, sie auf sein Pferd gezogen und mit ihr die Burg verlassen hatte. Ihm war dringend nach ein bisschen Entspannung zumute gewesen.

Sein Blick wanderte zu der Frau; ihre immer noch aufgerichteten Brustwarzen drückten sich durch den weichen Stoff ihres fadenscheinigen Kleides. Als sie seinen Blick bemerkte, legte sie eine Hand auf ihren Bauch, ließ sie nach oben wandern und umfasste eine ihrer Brüste, dabei leckte sie sich über die Lippen. Bei diesem Anblick pochte Greers ohnehin noch hartes Glied unter dem Plaid heftig. Er packte Milly am Arm und führte sie fort von Alpin und seinem Pony. Dabei warf er dem Jungen über die Schulter einen Blick zu und sagte: »Sag ihr, dass du mich nicht finden konntest.«

»Aber was ist mit den Gästen?«

Greer blieb abrupt stehen und schloss seufzend die Augen. Gäste. Natürlich gab es jetzt auch noch Gäste. Als hätte nicht noch bis vor Kurzem das halbe Land auf der Burg herumgehangen und den MacDonnells beinahe die Haare vom Kopf gefressen. Und natürlich mussten jetzt noch irgendwelche Nachzügler kommen, die zwar zu spät dran waren, um die Beerdigung mitzuerleben, aber trotzdem Essen und Unterkunft für mindestens eine Nacht verlangen würden. Und da er der neue Laird war, würde man von ihm erwarten, dass er sie begrüßte und willkommen hieß.

Millys kleine Hand schloss sich um seine und veranlasste ihn, die Augen wieder zu öffnen. Er sah, dass sie seitlich von ihm stand, in einer Position, die es Alpin unmöglich machte zu sehen, dass ihre rechte Hand unter seinem Plaid war. Greer ächzte leise, als ihre Hand über seinen steifen Schaft glitt, auf und ab.

»Sag ihnen, dass du mich nicht finden konntest«, wiederholte Greer knurrend, während die Dienerin ihre Brüste gegen seinen Arm drückte und die rechte Hand sich noch einmal an seiner Erektion auf und ab bewegte.

»Aber –«

»Verschwinde!«, brüllte Geer, dessen Hüften unter Millys Zuwendungen unfreiwillig zuckten. Er riss sich zusammen und bemühte sich, ruhiger zu sprechen. »Ich bin bald zurück.«

Alpin stieß einen gekränkt klingenden Seufzer aus. Rascheln begleitete das Geräusch – vermutlich stieg der Junge auf sein Pony –, und dann war nur noch das sanfte Klippklapp zu hören, mit dem das Tier von der Lichtung wegtrabte.

Milly sank sofort auf die Knie und steckte den Kopf unter Greers Plaid, um sein hartes Glied wieder für sich zu beanspruchen, das sie bereits zuvor so eifrig liebkost hatte. Greer stöhnte und packte durch das Plaid ihren Kopf, während sie seine Hüften umklammerte und ihren Mund kräftig über seine Erektion zu bewegen begann.

Verflucht, diese Frau besitzt beträchtliche Fähigkeiten, dachte Greer benommen, und dann dachte er gar nichts mehr und überließ sich ganz der Lust. Nur wenige Momente später brüllte er seine Befriedigung heraus, als er sich in ihre Kehle ergoss.

»Was war das?«

Saidh beantwortete Murines ängstliche Frage mit einem Kopfschütteln und zügelte ihre Stute. Die Soldaten, die Murines Bruder mitgebracht hatte und die die kleine Gruppe begleiteten, waren ebenfalls stehen geblieben. Alle spähten in den dichten Wald, der sie umgab, und suchten nach dem Ursprung dieses inbrünstigen Schreis.

»Du glaubst doch nicht, das der Geist von Laird MacDonnell durch diese Wälder streift, oder?«, fragte Murine. Es klang so besorgt, dass Saidh sie überrascht ansah.

»Nein, natürlich nicht. Sei nicht albern, Murine.« Gütiger Himmel, sie hatte auch so schon genug am Hals, da musste sie sich nicht auch noch Gedanken um irgendwelche Geister und Kobolde machen, die in den Wäldern um die Burg herum hausten, in der sie bleiben würde.

Wenn ich bleibe, fügte Saidh grimmig im Geiste hinzu. Es war schließlich nicht so, als wäre sie eingeladen worden. Fenella wusste ja nicht einmal, dass sie überhaupt auf dem Weg zu ihr war. Die Idee war ihr spontan gekommen, nachdem sie erfahren hatte, dass Murines Bruder, Montrose Danvries, nach Sinclair gekommen war, um Murine vom Tod ihres Vaters in Kenntnis zu setzen und zu sich nach England zu holen. Sie hatte also Montrose gefragt, ob sie sich der Reisegruppe bis zur Burg der MacDonnells anschließen könnte.

Es hatte sie überrascht, wie bereitwillig Montrose ihrer Bitte zugestimmt hatte. Der Mann war ein Arsch, selbstsüchtig und lasterhaft. Er tat selten etwas, von dem er nicht in irgendeiner Weise profitierte. Und es war ihr auch nur allzu schnell klar geworden, dass er sich in der Tat etwas davon versprochen hatte, als er seine Einwilligung gegeben hatte, sie mitzunehmen. Ganz offensichtlich hatte er damit gerechnet, dass sie so dankbar für die Eskorte wäre, dass sie ihm gewisse Freiheiten einräumen würde. Saidh hatte ihm, was das betraf, allerdings schon bald die Augen geöffnet, und zwar mit einem Kniff, den ihre Brüder ihr beigebracht hatten – sie hatte ihm das Knie dorthin gerammt, wo es einem Mann am meisten wehtat. Seither hatte er nicht mehr mit ihr gesprochen.

»Glaubst du, dass Laird MacDonnells Tod ein Unfall war?«, fragte Murine leise, als die Gruppe sich wieder in Bewegung setzte.

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Saidh müde. Es war die Frage, die sie schon während der ganzen Reise quälte.

»Glaubst du, jemand tötet die Ehemänner deiner Kusine?«

Saidh sah Murine überrascht an. »Was?«

»Na ja, sie hat vier Ehemänner in ebenso vielen Jahren verloren. Die Männer des Königs glauben nicht, dass sie die ersten drei getötet hat, aber jetzt ist da ein vierter Toter. Vielleicht tötet ja jemand anders sie. Vielleicht hat deine Kusine einen heimlichen Verehrer, der sie für sich selbst will und darum ihre Männer umbringt.«

Saidh dachte darüber nach, während sie weiterritten. Sie hoffte beinahe, dass es so wäre. Denn wenn nicht, dann …

Die Männer des Königs mochten zu dem Schluss gekommen sein, dass Fenella unschuldig war, und sie verstand auch, wieso das so war. Fenella war nicht allein gewesen, als der jüngere Laird MacIver vom Pferd gefallen war und sich den Hals gebrochen hatte. Sie war sogar mit seiner Familie zusammen gewesen, hatte also ein perfektes Alibi. Was den älteren Laird MacIver betraf, war der bereits sehr alt gewesen; es war gut möglich, dass er gestorben war, weil er das anstrengende Zusammensein mit seiner jungen Braut nicht verkraftet hatte. Aber Saidh wusste etwas, das die Männer des Königs nicht wussten – dass Fenella unbestreitbar ihren ersten Ehemann getötet hatte. Und wegen dieses Wissens konnte Saidh den Verdacht nicht ganz von der Hand weisen, dass sie auch an dem Tod der anderen Ehemänner beteiligt war. Saidh musste herausfinden, ob Fenella irgendetwas mit dem Ableben der beiden Lairds MacIver sowie dem Tod von Laird MacDonnell zu tun hatte. Denn wenn das so war, hatte Saidh ihre Kusine an jenem Tag um den Preis von drei toten Männern gerettet, die ansonsten noch am Leben sein würden. Dann würde deren Blut auch an ihren Händen kleben.

Bei diesem Gedanken presste sie grimmig die Lippen zusammen, während sie ein Stück hinter Montrose aus dem Wald herausritt und der unbefestigten Straße zum Burgtor folgte. Sie würde die Antwort auf ihre Fragen finden, auch wenn sie noch keine Ahnung hatte, was sie dann tun würde. Oder was sie tun konnte. Wenn ihre Kusine die Männer tötete, konnte sie sie dann überhaupt aufhalten? Sicherlich nicht, wenn sie nicht bereit war, zuzugeben, dass sie mit Fenella gemeinsame Sache gemacht hatte, was Laird Kennedy betraf. Sie mochte Kennedy nicht selbst getötet haben, aber sie hatte Fenella geholfen, den Mord zu vertuschen und damit die Mörderin zu decken. Was für eine Strafe würde sie dafür wohl erhalten?

Gefangen in einem unglücklichen Schweigen, weil die Frage sie nicht losließ, erreichte Saidh schließlich mit den anderen den Burghof, wo sie vor dem Wohnturm ihr Pferd zügelte und absaß. Ein Diener führte sie die Stufen zur Tür hinauf und ins Innere, erklärte ihnen dabei mit gequälter Miene, dass der Laird leider unauffindbar sei. Lady MacDonnell sei jedoch informiert worden und würde sie sicherlich schon bald willkommen heißen. Er hatte seine Entschuldigung kaum beendet, als Schritte und ein leichtes Rascheln erklangen und eine ältere Lady die Treppe herunterkam. Allen MacDonnells Mutter, wie Saidh vermutete, während sie die immer noch attraktive Frau musterte. Zumindest war es nicht ihre Kusine.

»Lord Danvries.« Tilda MacDonnell lächelte traurig, während sie die Halle durchquerte und zu ihnen trat, um sie zu begrüßen. »Es ist mir eine Freude, Euch wiederzusehen. Ich vermute, Ihr habt Eure Schwester gefunden?«

»Ja. Danke«, erwiderte Danvries. Ausnahmsweise einmal klang seine Stimme ruhig und respektvoll und gar nicht so schroff und arrogant und dröhnend wie sonst immer. Er deutete auf Murine, die bei ihm stand. »Das hier ist meine Schwester, Lady Murine Carmichael, vom Clan Carmichael.«

»Meine Liebe.« Lady MacDonnell nahm Murines Hand und drückte sie sanft. »Vom Tod Eures Vaters zu hören hat mir so leidgetan. Es scheint, als hätte Schottland in kurzer Zeit gleich zwei gute Männer verloren.«

»Aye«, murmelte Murine. Tränen schimmerten in ihren Augen, was in letzter Zeit ständig geschah, wenn jemand vom Tod ihres Vaters sprach.

Lady MacDonnell umarmte Murine kurz und wischte sich ebenfalls ein paar Tränen ab, ehe sie zurücktrat und sich an Saidh wandte, um sie ebenfalls herzlich zu begrüßen. »Und dies ist eine weitere Schwester, oder –«

»Oh nein«, unterbrach Montrose sie mit einem grimmigen, zufriedenen Lächeln, das Saidh sich zunächst nicht erklären konnte – bis er hinzufügte: »Das ist Lady Saidh Buchanan. Sie ist der Grund, weshalb wir auf unserem Rückweg erneut hier haltmachen. Sie ist eine Kusine und enge Freundin von Lady Fenella und hat mich angefleht, sich mir und meinen Männern anschließen zu dürfen, weil sie ihre Kusine sehen und ihr Trost spenden möchte.«

Saidhs Lippen strafften sich, als sie hörte, dass sie ihn angeblich angefleht hatte. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie um irgendetwas gebettelt, und es war auch in Wirklichkeit Murine gewesen, die ihren Halbbruder gefragt hatte, ob sie Saidh auf dem Rückweg bei den MacDonnells vorbeibringen könnten. Ihre Verärgerung über Montrose wurde jedoch schlagartig unwichtig, als sie bemerkte, dass Lady MacDonnells Lächeln gefror. Und dann zerfiel es ganz, als würde Eis von einem Überhang rutschen und auf den Boden fallen.

Mit bleichem Gesicht und kalten Augen nickte sie Saidh steif zu. »Ihr findet Eure Kusine in ihrem Zimmer. Wenn Ihr die Treppe hochgeht, ist es die dritte Tür auf der linken Seite.«

Saidh zögerte einen Moment; sie hätte gern ihr Beileid ausgesprochen, vermutete aber, dass das jetzt nicht gut angekommen wäre. Sie war offenbar entlassen worden und ihre Anwesenheit bei Lady MacDonnell nicht mehr willkommen – etwas, das Montrose nur zu sehr genoss, wie sie angewidert bemerkte.

Saidh ignorierte den Mann und schenkte Lady MacDonnell ein leises »Danke«, dann ging sie durch die Große Halle zur Treppe.

Auf dem Weg nach oben begegnete sie niemandem. Als sie vor der Tür zu dem Zimmer stand, in dem sich Fenella gemäß den Worten Lady MacDonnells aufhalten sollte, blieb sie stehen und lauschte. Von drinnen war nichts zu hören. Sie straffte die Schultern und klopfte scharf, öffnete die Tür, nachdem sie ein sanftes »Herein« gehört hatte, und betrat das Zimmer.

Schon auf den ersten Blick erkannte sie, dass dies nicht das Schlafzimmer des Lairds war. Nicht das Zimmer, in dem Laird MacDonnell und seine Ehefrau geschlafen hatten. Es schien, als hätte man Fenella bereits in ein kleineres Zimmer umquartiert – vermutlich in das kleinste der kleineren. Eigentlich handelte es sich nur um eine winzige Kammer, die kaum genug Platz für das Einzelbett und den harten Holzstuhl in der Ecke bot. Es gab nicht einmal einen Kamin, sodass es im Winter verdammt kalt werden würde.

Saidh schätzte, dass Allens Mutter diesen Raum für Fenella ausgesucht hatte, und ihre Kusine hatte sich anscheinend nicht dagegen gewehrt. Was vermutlich damit zusammenhing, dass Fenella hier jetzt einen schweren Stand haben dürfte. Sie war nicht mehr die Ehefrau des Lairds, und sie hatte auch keinen Erben hervorgebracht, mit dem sie sich einen Platz in diesem Haushalt verdient hätte. Ganz offensichtlich hatte Lady MacDonnell mehr Macht als sie.

»Saidh?«

Der Klang des verblüfft, beinahe hoffnungsvoll geflüsterten Wortes lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Frau auf dem Bett. Saidh zog die Brauen hoch. Dies war nicht die süße, rundliche und rosenwangige Fenella von vor fünf Jahren, an die sie sich erinnerte. Es war nicht einmal die blasse, rundliche Fenella von dem Morgen nach ihrer ersten Hochzeit. Diese Frau hier war so dünn, dass sie fast abgemagert wirkte, und ihr Gesicht war fahl, die Augen rot vom vielen Weinen.

»Oh, Saidh!« Fenella sprang vom Bett hoch und auf sie zu, zog sie dann in eine stürmische, beinahe verzweifelte Umarmung. »Oh, Gott sei Dank! Ein freundliches Gesicht. Ich habe dich so vermisst. Was soll ich nur tun? Mein Mann ist tot. Ich habe Allen so geliebt. Ich dachte, dass es mir diesmal vergönnt sein würde, mit ihm glücklich zu sein. Wie konnte er bloß weggehen und einfach so sterben? Ich werde bestraft, nicht war? Gott bestraft mich wegen Kennedy. Ich –«

Saidh legte ihrer Kusine rasch eine Hand auf den Mund, um sie zum Schweigen zu bringen. Ihr Blick wanderte argwöhnisch zur Tür, während sie sich Fenellas Worte noch einmal vergegenwärtigte und sich fragte, wie viel sie wohl verraten hatte … und wer es wohl gehört hatte.

Sie schob Fenella ein Stück von sich weg, legte einen Finger an die Lippen und glitt rasch wieder zur Tür, die sie einen Spalt öffnete. Ein rascher Blick erst in die eine, dann in die andere Richtung verriet ihr jedoch, dass der Korridor leer war, und sie stieß einen erleichterten kleinen Seufzer aus, ehe sie die Tür wieder schloss.

2

»Verfluchte Hölle«, murmelte Greer, als er durch das Burgtor ritt und die vielen Pferde und Männer in seinem Burghof sah. Es mochten gut und gerne dreißig oder vierzig Soldaten sein – und noch dazu lauter englische. Das sieht wie eine verfluchte Invasion aus, dachte er, und er verzog angewidert das Gesicht, als er das Banner erkannte, das sie mit sich führten. Montrose Danvries war also zurückgekehrt. Zweifellos befand sich der Mann auf dem Rückweg nach England, und hatte hier haltgemacht, um seine Schwester einzusammeln. Vermutlich hoffte er, noch eine weitere Nacht bei den MacDonnells verbringen zu können, sich an deren Vorräten gütlich zu tun und in einem ihrer Gästezimmer zu schlafen. Greer hoffte inständig, dass es diesmal wirklich bei einer einzigen Nacht bleiben würde. Er verabscheute diesen Mann.

Greer brachte sein Pferd gleich hinter dem Tor zum Stehen, legte Milly einen Arm um die Taille und hob sie vom Pferd.

»Geh durch den Hintereingang in die Burg«, wies er sie an. »Ich möchte mit diesen Männern sprechen, und ich halte es für besser, wenn sie dich nicht sehen.«

Milly nickte und ging im Schutz der Burgmauer zu den Stallungen. Greer sah ihr nach und wartete, bis sie unbelästigt hinter dem Gebäude verschwunden war. Dann ritt er zu den Neuankömmlingen, die seinen Burghof okkupiert hatten. Dabei fiel sein Blick auf Alpin und den Stallmeister, die mit einem der Engländer sprachen. Von Bowie, seinem Ersten Offizier, war jedoch nichts zu sehen.

»Alpin«, schnauzte er.

Sein Page schaute sich um und strahlte vor Erleichterung, als er Greer sah, der bereits abstieg. Er kam sofort zu ihm gerannt.

»Was zum Teufel haben alle diese Engländer in meinem Burghof zu suchen? Und wo steckt Bowie?«

»Bowie ist drinnen mit Eurer Tante und Lord Danvries, und diese Männer gehören zu Lord Danvries, Mylaird«, erwiderte Alpin. Sein Dilemma wurde offensichtlich, als er hinzufügte: »Ich habe versucht, Euch zu sagen, dass sich Gäste der Burg nähern. Die Männer auf der Mauer haben sie herankommen sehen, und als sie hörten, dass Lady Fenella mich losgeschickt hat, um Euch zu holen, haben sie mir aufgetragen, Euch darüber zu informieren … aber Ihr habt mich ja nicht gelassen.«

Greer zog in Erwägung, den Jungen – wieder einmal – daran zu erinnern, wie er mit Menschen zu sprechen hatte, die über ihm standen. Er kam jedoch zu dem Schluss, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt dafür war. Es gab wichtigere Dinge zu tun. »Jetzt sag nicht, dass Lady MacDonnell diesen verfluchten Mann wieder eingeladen hat, hier zu übernachten?«

»Na schön, dann sage ich es nicht«, meinte Alpin mit einem Schulterzucken und fügte mit einiger Befriedigung hinzu: »Aber sie hat es getan. Und Ihr hättet es verhindern können, wenn Ihr Euch die Mühe gemacht hättet, mit mir zur Burg zurückzukehren, statt Millys Röcke zu heben, als wärt Ihr immer noch ein Söldner und kein Laird.«

»Du gehst zu weit, Junge«, knurrte Greer. »Und eines Tages wird dir das noch leidtun.«

Alpin wirkte nicht im Mindesten eingeschüchtert. Er zuckte lediglich mit den Schultern und machte Anstalten, zu den Stallungen zu gehen. Greer packte ihn jedoch am Kragen und hielt ihn zurück. »Sag dem Stallmeister, dass er sich Mühe geben soll, was die Pferde angeht. Dann lass Bowie so viele Männer wie möglich in den Unterkünften bei unseren Männern unterbringen. Die restlichen sollen in den Wohnturm geschickt werden. Sie können wie letztes Mal in der Großen Halle schlafen. Aber sag Bowie, er soll mehr Wachen aufstellen. Ich traue Danvries nicht.«

»Aye«, sagte Alpin angewidert. »Der Mann ist ein verfluchter Hurensohn.«

Greer warf dem Jungen einen finsteren, wenn auch überraschten Blick zu. »Wo zum Teufel hast du gelernt, so zu reden?«

»Bei Euch«, entgegnete Alpin trocken, drehte sich um und ging zum Stallmeister und Bowie, der sich, wie Greer sah, jetzt ebenfalls eingefunden hatte.

Kopfschüttelnd führte Greer sein Pferd in den Stall, um sich selbst um das Tier zu kümmern. Der Stallmeister würde jetzt genug um die Ohren haben, wenn er Platz für die Pferde der Engländer finden musste, da brauchte er nicht auch noch die Aufgabe, sich um seines zu kümmern. Abgesehen davon verspürte Greer kein großes Interesse, Danvries wiederzusehen. Im Gegenteil, er wünschte sich, er wäre den Rest des Tages und auch die Nacht im Wald geblieben. Oder er wäre früher zurückgekehrt und hätte das Tor vor Danvries und seinen Männern geschlossen, bevor sie die Burg erreicht hatten.

»Es tut mir leid«, hauchte Fenella. Wieder sammelten sich Tränen in ihren Augen, und sie rang kläglich die Hände, während sie den Kopf schüttelte. »Ich kann nicht mehr geradeaus denken. Seit Allens Tod nicht mehr. Er war ein so wunderbarer Mann, Saidh. Du hättest ihn gemocht. Er war so nett und so sanft und so einfühlsam. Er hat dafür gesorgt, dass die Bediensteten jeden Tag Blumen pflücken und mir ins Zimmer stellen.«

Sie drehte sich um und deutete auf einige Arrangements aus getrockneten Blumen an der einen Wand des Zimmers. Saidh vermutete, dass Fenella sie aus dem Schlafzimmer des Burgherrn mitgenommen hatte, als sie in diese Kammer gezogen war.

»Und er hat mir teure Stoffe und hübschen Schmuck gekauft«, erzählte Fenella weiter. Sie sah Saidh an. »Am besten aber war, dass er so lieb gewesen ist. In unserer Hochzeitsnacht hat er bemerkt, dass ich mich zu Tode geängstigt habe, und statt mich zu zwingen, die Ehe zu vollziehen, hat er mich beruhigt und gesagt, dass alles in Ordnung ist. Und dass ich mir keine Sorgen machen müsse wegen seiner ehelichen Rechte, niemals. Dass ich ganz und gar von ihnen befreit sei, wenn ich das wolle. Aber wenn ich einmal Kinder haben wolle, müsse ich ihn das nur wissen lassen, und wir würden tun, was immer ich mir wünschte, um es zu bewerkstelligen.«

Die Tränen strömten ihr jetzt in kleinen Rinnsalen die Wangen hinunter. »Es gibt keinen anderen Mann, der so liebevoll und gut ist wie Allen, nicht in ganz Schottland und England zusammen. Und jetzt ist er fort.« Das letzte Wort war nur noch ein einziger, lang gezogener Schrei. Fenella warf sich Saidh entgegen und klammerte sich an ihr fest, dabei schluchzte sie erneut herzzerreißend.

Saidh stand einen Moment lang reglos da, dann schloss sie ihre Kusine in die Arme und tätschelte ihr unbeholfen den Rücken. Fenella hatte sie überrascht. Saidh war mit der Vermutung hierhergekommen, ihre Kusine könnte sich in eine Wahnsinnige verwandelt haben, die darauf aus war, ihre Ehemänner zu töten. Stattdessen fand sie eine Frau, die zutiefst um einen Ehemann zu trauern schien, den sie offenbar sehr geliebt hatte. Saidh glaubte nicht, dass irgendjemand so gut schauspielern und diese innere Not vortäuschen konnte.

Sie strich Fenella über den Rücken, bis die Schluchzer allmählich zu leisen Seufzern wurden, dann drängte sie sie, sich mit ihr auf die Bettkante zu setzen. Sie nahm Fenellas Hände in ihre. »Was ist geschehen?«, fragte sie ruhig. »Bis gestern habe ich nicht einmal gewusst, dass du überhaupt wieder verheiratet warst, und dann habe ich erfahren, dass du nach Kennedy noch dreimal geheiratet hast und alle deine Ehemänner gestorben sind. Was ist passiert?«

Fenella blinzelte sie aus geröteten Augen an. »Wie kann es sein, dass du das nicht gewusst hast? Ich habe dich zu jeder Hochzeit eingeladen.«

»Wirklich?«, fragte Saidh und runzelte die Stirn. Anscheinend hatte sie mit ihrer Vermutung den Nagel auf den Kopf getroffen. Aulay hatte also tatsächlich Einladungen erhalten, sie aber alle abgelehnt, indem er sein Bedauern kundgetan hatte, nicht kommen zu können. Weder ihr noch ihren Brüdern hatte er etwas davon gesagt. Sie würde mit im darüber reden müssen, wenn sie nach Buchanan zurückkehrte. Sie wusste, dass er gesellschaftliche Verpflichtungen nicht sehr schätzte, aber das bedeutete nicht, dass sie nicht gern dabei wäre. Nun gut, vielleicht hätte auch sie keine Lust gehabt. Saidh hasste Feste und Hochzeiten genauso sehr wie Aulay. Trotzdem, es wäre nett gewesen zu wissen, dass ihre Kusine erneut geheiratet hatte … und dann noch zwei weitere Male.

»Aulay«, sagte Fenella plötzlich mit einem Seufzer. Ihre Gedanken waren offensichtlich in die gleiche Richtung gegangen wie Saidhs. »Mir hätte klar sein müssen, dass nicht nur er nicht kommen würde, sondern dass er sich auch nicht die Mühe machen würde, seine Geschwister davon in Kenntnis zu setzen. Ist er immer noch so befangen wegen seiner Narben?«

»Aye«, entgegnete Saidh. Aulay war ein aufgeweckter, fröhlicher Junge gewesen, und er hatte sich zu einem mutigen und gut aussehenden Krieger entwickelt, um den die Frauen herumscharwenzelt waren … bis zu der Schlacht, in der ihr Vater gestorben war. Als Aulay vom Schlachtfeld zurückgekehrt war, hatte er Narben an Geist und Körper davongetragen, und sein hübsches Gesicht war durch einen Schwerthieb entstellt worden, der ihn beinahe getötet hätte. Seine äußeren Verletzungen waren geheilt, aber seine aufgeschlossene und lockere Art hatte er bislang nicht wiedererlangt. Saidh befürchtete, dass ihm das vielleicht niemals mehr gelingen würde. Sie verdrängte ihre Sorge darüber und drückte Fenellas Hände. »Jetzt erzähl mal. Ich habe gehört, dass du nach Kennedy Laird MacIver geheiratet hast. Wie ist dazu gekommen?«

»Es war der König«, sagte Fenella unglücklich. »Der alte MacIver war ein Freund von ihm. Er wollte mich zu seiner Gemahlin, und deshalb hat der König die Heirat angeordnet, nachdem ich sechs Monate verwitwet war.« Sie verzog angeekelt das Gesicht. »Nach dem, was Kennedy mit mir getan hat, wollte ich MacIver nicht heiraten, aber mir blieb keine Wahl. Ich konnte nur darauf hoffen, dass MacIver zu alt wäre, um seine ehelichen Pflichten noch ausüben zu können.«

»Und? Hat er es getan?«

Fenella verzog das Gesicht. »Er hat es versucht. Er hat eine Weile auf mir gelegen und geschnauft und gegrunzt und versucht, es zu tun, aber dann hat er sich mit einem Seufzer runtergerollt und ist eingeschlafen. Zumindest dachte ich, er würde schlafen, und ich bin ebenfalls eingeschlafen. Erst am nächsten Morgen habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmte. MacIver war grau und kalt, und ich begriff, dass ich neben einer Leiche geschlafen hatte.«

Saidh hätte fast »Igitt« gerufen, konnte sich aber noch rechtzeitig beherrschen. Bevor sie eine nächste Frage stellen konnte, sprach Fenella schon weiter.

»Danach sollte ich auf Befehl des Königs MacIvers Neffen zum Mann nehmen. Es wäre eine Schande, sagte er, ein so hübsches junges Mädchen wie mich verkümmern zu lassen, weil es keinen Gemahl findet. Die Wahrheit aber war, dass mich ebendieser Neffe während der Hochzeitsfeier mit dem alten MacIver immer wieder lüstern angestarrt hat. Ich vermute, dem König ist das nicht entgangen, und deshalb hat er entschieden, mich mitsamt Burg und Ländereien dem Neffen zu übergeben.« Fenella klang verbittert.

»Der König war bei deiner Hochzeit?«, fragte Saidh, um das Thema zu wechseln.

»Bei beiden Hochzeiten. Die MacIvers haben ihn immer unterstützt, und er wollte, dass das so bleibt«, sagte sie grimmig.

»Und dann hast du den jungen MacIver geheiratet«, sagte Saidh.

»Aye.«

Als Fenella nicht sofort weitersprach, fügte Saidh hinzu: »Und wie war er als Gemahl? War er nett?«

Fenella seufzte und zuckte kläglich mit den Schultern. »Er war ganz in Ordnung. Zumindest war er jung und gesund und hat nicht gestunken wie sein Onkel. Aber er war nicht so wie Allen. Er hat auf seinen ehelichen Rechten bestanden.« Sie klang unglücklich, als sie das sagte, und bekannte dann: »Ich fürchte, nach Kennedy hatte ich nur noch Angst vor dem Ehebett. Der alte MacIver hat das nicht wahrgenommen, und ich war so verängstigt, dass ich nur still dagelegen und darauf gewartet habe, dass der Schmerz und die Demütigung anfangen würde, sodass ich überrascht war, wie ...

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