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MichaelaLotte und ein Klo. Mindestens

Jakob Nain

MichaelaLotte und ein Klo. Mindestens

Eine Ekel erregende Geschichte über den Weg C und andere Sachen

Erstens:
WaisenKinderWissen
oder Wie aus Michaela Lotte wird

Lotte hieß eigentlich Michaela, aber besonders gemocht hatte sie ihren Namen noch nie.

Einmal hatte ein Junge, er hatte rote Haare und sehr blaue Augen gehabt und schmutzige Hände, einen großen Klumpen Matsch auf sie geworfen. Sie hatte Matsche im Gesicht, auf dem Hals und auf ihrem Kleid gehabt. Und sie hatte kein bisschen geweint.

„Michaela Matschaela“, hatte Karl, so hieß dieser Junge, gelacht und gerufen und dabei so blöd getan, als wäre sie eine berühmte Sängerin und er ein berühmter Ansager in einer berühmten Fernsehshow:

„Meine Damen und Herren, bitteschön, wir präsentieren heute die berühmte Sängerin Michaela Matschaela mit ihrem Superhit: Dreck, der fliegt, heißt Fliegendreck.“

„Bitteschön“, hatte er dann auch noch gesagt und so komisch den Arm zur Seite gebogen. Wahrscheinlich weil er dachte, dann würde er aussehen wie Thomas Gottschalk.

Er hatte aber ausgesehen wie ein Idiot. Oder wie Thomas Gottschalk, der wie ein Idiot aussieht.

Jedenfalls mussten alle lachen, auch die, die dabei wie Idioten aussahen. Und das waren viele gewesen.

Sogar Marie lachte, obwohl die eigentlich ihre Freundin war und eigentlich beim Lachen normalerweise nicht wie eine Idiotin aussah. Zumindest nicht immer.

Dass Saskia am lautesten lachte, war normal.

Saskia war hin und wieder sehr doof und hin und wieder sympathisch und meistens normal, das fand Michaela-Freundin am doofsten.

Und Marie hatte auch nicht richtig laut gelacht, nur geschmunzelt und das auch nur ein kleines bisschen und dabei ausgesehen wie eine Idiotin, die normalerweise nicht wie ein Idiot aussehen will.

Doch was heißt schon normalerweise, wenn man Matsche im Gesicht, auf dem Hals und auf dem Kleid hat und keine Dusche in der Nähe ist, dafür aber ein sehr schlechter ShowmasterImitator und eine Herde FastIdioten.

Unter anderem auch deshalb beschloss Michaela vor dem Einschlafen am Abend dieses Tages, dass sie von nun an Lotte heißen würde und eigentlich ein Waisenkind wäre, das niemand hatte auf der Welt und aus Kanada kam.

Sie wusste nicht genau, was ein Waisenkind war. Wahrscheinlich ´wais` das niemand so genau, dachte sie und deshalb heißt es so. Oder so ähnlich.

Sie wusste auch nicht so genau, wo Kanada war. Es war auf jeden Fall sehr weit weg von Bonn und das gefiel ihr gut. Nicht gut gefiel ihr, dass sie immer wieder an die roten Haare und die blauen Augen von diesem blöden Jungen dachte. „Karl“, dachte sie, „was für ein dreimalsaublödbeschissener Name.“

An den Matsch in ihrem Gesicht dachte sie lieber nicht mehr und an den auf ihrem Hals auch nicht.

Ihre Mutter wusste natürlich nicht, dass ihre Tochter eigentlich ein Waisenkind war, Lotte hieß und aus Kanada kam. Woher auch, Michaela hatte ihr noch nichts davon gesagt.

Sie nannte ihre Tochter deshalb weiter friedlich Michaela und schüttelte ihren Lockenkopf, als sie das matschbespritzte Kleid in die Waschmaschine steckte, und lachte und dachte: Was hab’ ich doch für eine wunderbare Tochter.

Aber davon wusste Michaela nichts.

Davon, dass die alleinerziehende Mutter Kunze sehr viel Wert auf eine ordentliche Erziehung ihrer Tochter legte und zwar in großer Liebe, wusste Michaela bereits einiges, das hatte sie bei zahlreichen Anlässen mitgekriegt, gewollt, ungewollt, zufällig und überhaupt. Frau Kunze zitierte bei eben diesen zahlreichen Anlässen - von Michaela insgeheim so genannte - KlugscheißerSätze aus dem ZenBuddhismus. Ihre Tochter bezweifelte zwar, dass sie besonders viel Ahnung vom ZenBuddhismus hatte, genau genommen bezweifelte sie aber fast alles, was ihre Mutter tat und sagte, und somit fielen die EinzelBezweiflungen nicht besonders auf.

MichaelaTochter saß im Zug von Bonn nach Köln, hatte wie so oft und gerne lange und intensiv nachgedacht und dabei auf den schwarzen Schnurrbart des Schaffners gestarrt. Der hatte, was normal war, „Die Fahrscheine, bitte!“ gesagt, und achtete nun genau darauf, ob die Klasse 4c auch wirklich 22 Kinder zählte, wie es auf dem Zettel von Frau Kayserling stand.

Halblinks am schwarzen Schnurrbart des Schaffners hing etwas, was nicht normal war und aussah wie gelbgrüner, glibberiger Glibber, irgendwie auch wie ein Tropfen. Deshalb hatte Michaela erst gedacht, dieses ´Es` wäre ein Rest von Frühstücksei, und gehofft, ´Es` würde auf den Zettel von Frau Kayserling tropfen.

Frau Kayserling hatte eine sehr hohe Stimme und immer, wenn etwas nicht in ihren Kram passte, konnte sie hervorragend hysterisch kreischen. Und dieses gelbgrüne, glibberige ´Es` würde sicher nicht in den Kram auf ihrem Zettel passen.

Doch als MichaelaSchülerin ihren Detektivblick zum genaueren Hinsehen nutzte, sah sie, dass das ´Es` nicht irgendein ´Es` war, sondern Rotze. Echte Rotze.

Das war zwar eklig, doch es kam noch besser. Besser gesagt, noch ekliger.

Irgendwie hatte der Schaffner wohl ihren Detektivblick bemerkt, vielleicht aus reiner Intuition wie im ZenBuddhismus, vielleicht auch durch eine Art Eingabe, wie sie christlichen Heiligen hin und wieder geschah, oder er hatte einfach bemerkt, wie ihn ein Jemand in Gestalt eines kleinen Mädchens sehr lange und sehr fest angestarrt hatte.

Jedenfalls schaute er fest zurück, genau in Michaelas Augen, ohne jeden Zweifel. Dann leckte er die Rotze mit der Zunge genüsslich vom Schnurrbart, verschluckte sie ohne zu kauen, lächelte Michaela frech ins Gesicht, zwinkerte mit dem linken Auge und tat dann so, als wäre nichts gewesen oder alles ganz normal. Dann sagte er:

„Stimmt genau. Zweiundzwanzig Kinder und eine Lehrerin. Im Namen Und Im Auftrag Der Deutschen Bahn AG Wünsche Ich Ihnen Allen Eine Gute Fahrt Und Einen Angenehmen Aufenthalt Am Zielort.“

Dabei hatte er weiter gelächelt und wie ein schlechtes Tonbandgerät geklungen, ohne sich ein einziges Mal zu verschlucken. Und auch das fand Michaela alles andere als normal.

Zweitens:
Bestimmt vorher bestimmt
oder Wie grünes Zeug aus einem Schaffner fliegt

Genau genommen war das erst der Anfang:

Denn der Schaffner, der Piet hieß, obwohl Lotte das noch nicht wusste, schaute sich einmal kurz im Zug um, dann tief in Michaelas Augen, wie in einen dunklen Tunnel, und lächelte sie wieder weiter an. Unglaublich genug.

Dann allerdings folgte etwas wesentlich unglaublicher Unglaubliches:

Er legte den Zeigefinger der rechten Hand irgendwie lässig auf seinen rechten Nasenflügel, zielte ganz kurz und unauffällig mit dem linken Daumen und rotzte einen grünen Schnodderfleck genau in die Mitte zwischen dem W und dem C auf der Klotür des Zuges. Das war kein Zufall, das war Können.

Alles ging so schnell, dass es außer MichaelaLotte niemand im Zug bemerkt hatte. Ihr schien es allerdings auch genau so, als wäre die ganze Sache mit der Nase, dem unauffälligen Zielen und dem genauen Platzieren der Rotze zwischen W und C ausschließlich für sie bestimmt gewesen. Vorher bestimmt? Bestimmt nicht. Sie wusste es nicht. Das konnte sie mit Bestimmtheit sagen. Oder besser gesagt: denken.

Doch eigentlich kam sie auch nicht so richtig zum Denken.

„Wenn du wieder kommst, dann kannst du was erleben, aber nur wenn du alleine bist“, flüsterte der Schaffner Michaela im unauffälligen Vorbeigehen zu, zwinkerte zum zweiten Mal mit dem linken Auge und klebte einen kleinen, hellgelben Zettel auf den grünen Schnodderfleck. Auf dem Zettel standen die schwarzen Buchstaben ´e` und ´g`. Erstaunlich. Und auf der Tür zum Klo im Zug von Bonn nach Köln stand nun 'Weg C'. Mysteriös.

Dann tat der Schaffner wieder weiter so, als wäre nichts gewesen oder alles ganz normal.

Jetzt allerdings hatte MichaelaLotte mit einem Male viel Zeit zum Denken. Sie wusste allerdings nicht so genau, was genau sie denken sollte und was sie von dem alldem halten sollte auch nicht.

Was hatte das alles zu bedeuten, wo war sie, wer war sie und wieso?

Diese Fragen kannte sie aus dem ZenBuddhismus, vermittelt durch den Mund der Mutter, aber sicher war sie nicht. Überhaupt war Vieles, was vorher sicher gewesen war, auf einmal ganz leicht, doch unüberfühlbar ins Wackeln geraten. Wie ein Zug, der in Bonn los fährt und nach Köln soll, so hart über die Weichen an der Ausfahrt des Bonner Bahnhofs ruckelt, dass zum Beispiel Eistee aus einem Plastikbecher, auf den ein Krokodil gemalt ist, auf eine Milchschnitte schwappt. Das passt dann zwar farblich einigermaßen, aber geschmacklich ganz und gar nicht.

Michaela wusste wirklich nicht, was genau geschah und wieso. Sie wusste vor allem nicht, was Weg C bedeutete oder bedeuten sollte.

Und seltsamerweise schien die Welt um sie herum keine Notiz von dieser Erschütterung zu nehmen.

Alles schien normal zu sein, im Zug von Bonn nach Köln, die Lautsprecheransage: „Meine Damen und Herren, liebe Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Köln Hauptbahnhof, Köln Hauptbahnhof, der Zug endet hier, der Ausstieg befindet sich rechts.“

Alles sehr gekonnt und sehr offiziell.

Offiziell hieß sie weiter Michaela, konnte sich allerdings an diesem Wandertag kaum auf Eisbären und Elefanten im Kölner Zoo konzentrieren. Sie konzentrierte sich auf die Wegmarkierungen im zoologischen Garten der Stadt Köln, wunderte sich darüber, dass es einen Rundweg A und einen Rundweg B, aber keinen Weg C gab.

Beide Wege schienen mit leeren Eisteeplastikflaschen gekennzeichnet, als hätten sich moderne HänselGretel ihre geheimem Wege markiert und Geheimbotschaften auf Schokoladeneispapieren versteckt notiert. Michaela fragte sich, ob es vielleicht irgendwo einen verborgenen ZenWeg C gab, der sogar ihrer Mutter noch unbekannt war, aber wenn man ihn entspannt und fast willenlos einschlug, eventuell so etwas wie eine Erleuchtung und Alpenglühen bringen konnte.

Sie war allerdings sehr sicher, dass ihr großer Bruder Paul, wenn sie ihn überhaupt fragen würde, nur sagen würde: „Weg C? Keine Ahnung, wahrscheinlich der Weg der dritten Möglichkeit. Wie peinlich!“

Und ihrem kleinen Bruder Nils würde sie nichts davon erzählen, es gab absolut keinen Grund, dieses zarte Wesen zu beunruhigen und damit im Wachstum zu hemmen.

Kurz vor dem Einschlafen am WandertagAbend dachte sie noch einmal sehr deutlich und intensiv an den rotzenden Schaffner und seine Flüsterworte, an den Klebezettel, an den Weg C und daran, dass es im Zug komisch gerochen hatte.

Wahrscheinlich heißt er Piet, dachte sie.

„Und bestimmt hat er gefurzt“, erzählte sie in Richtung großer Bruder und ließ sich nicht anmerken, wie sehr sie das alles aufgeregt hatte. „Und außerdem hat er nur ein Bein.“

„Na und“, hatte der nur genuschelt und dann wie fast immer: „Wie peinlich.“

Dann hatte er sich wieder umgedreht und in sein Tim-und-Struppi-Heft geschaut, als wären zwischen diesen Seiten alle Geheimnisse des Universums verborgen, gezeichnet und beschrieben. Das antwortete er jedenfalls immer, wenn seine Mutter ihn zum dritten Mal fragte, was denn um alles in der Welt so Interessantes in diesen bunten Heften zu bestaunen und erfahren wäre.

Paul erschien dann mal wieder zu spät zu einem Frühstück, einem Mittagessen oder einem ähnlich fatalen Vorkommnis in der Familie Kunze und sah dabei aus wie ein Comic-Heft auf zwei Beinen. Die Beinbekleidung wechselte dabei wesentlich seltener als das Comic-Heft, aber das bemerkte nur MichaelaLotte mit ihrem geübten Detektivblick.

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