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Mill Town Millionaires - Zügellose Leidenschaft (4-teilige Serie)

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1. KAPITEL

Aiden Blackstone hatte sich geschworen, Blackstone Manor nie wieder zu betreten. Zumindest nicht, solange sein Großvater noch lebte. In seiner jugendlichen Naivität hatte er nicht begriffen, was er dafür aufgab. Er war in dem Glauben gewesen, noch alle Zeit der Welt zu haben, um seine Abwesenheit bei seiner Mutter wiedergutzumachen. Nun war er zurück, um einen anderen Schwur einzulösen: Er wollte sicherstellen, dass seine Mutter gut versorgt war.

Energisch griff er nach dem alten Türklopfer. Das Taxi war bereits abgefahren. Bei diesem Unwetter würde er die zehn Meilen nach Black Hills garantiert nicht zu Fuß zurückgehen, ganz gleich, was ihn bei diesem Besuch erwarten mochte. Das einzig Beruhigende war die Gewissheit, dass er nur so lange bleiben würde wie unbedingt nötig.

Erneut betätigte er den Klopfer und lauschte auf Schritte im Haus. Er war mit der Selbstsicherheit eines unbedarften Achtzehnjährigen gegangen. Zurück kam er als erwachsener Mann. Als erfolgreicher Mann. Nur schade, dass er nicht mehr die Genugtuung bekommen würde, seinem Großvater diesen Erfolg unter die Nase zu reiben.

James Blackstone war tot.

Noch ehe Aiden ein drittes Mal klopfen konnte, ging die schwere Tür laut knarrend auf. Vor ihm stand Nolen, der Butler. Er war älter geworden, hielt sich aber so aufrecht wie eh und je. Dabei blinzelte er mehrfach, so als sei er sich nicht sicher, ob er seinen Augen trauen könne.

„Ah, Master Aiden – wir haben Sie bereits erwartet.“

„Danke.“ Aiden trat ein.

„Es ist lange her, Master Aiden.“

Vergeblich versuchte Aiden in den Zügen des alten Mannes zu erkennen, ob dieser ihn verurteilte.

„Bitte lassen Sie Ihr Gepäck hier stehen. Ich bringe es nach oben, sobald Marie Ihr Zimmer fertig gemacht hat.“

Also war auch die Haushälterin noch da, die ihn und seine Brüder während ihrer Kindheit mit selbstgebackenem Kuchen verwöhnt hatte – besonders nach dem Tod des Vaters. Es hieß wohl zu Recht, dass sich in kleinen Städten nie etwas änderte.

Rasch ließ Aiden den Blick durch die offene Eingangshalle gleiten. Alles war noch genau so, wie er es in Erinnerung hatte. Nur ein Bild fehlte. Ein Foto, das seine Eltern, ihn selbst mit ungefähr fünfzehn und seine beiden jüngeren Zwillingsbrüder ungefähr ein Jahr vor dem Tod ihres Vaters gezeigt hatte.

Er stellte seinen Koffer und die Laptoptasche ab und folgte dem Butler. Seine Mutter hatte den Teil des Hauses um die breite, frei geschwungene Treppe stets die Galerie genannt. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick bis hinauf in die oberen zwei Stockwerke. In den Zeiten, bevor die Klimaanlage installiert worden war, war dieser freie Raum ideal gewesen, um an den schwülen Sommernachmittagen, die so typisch waren für South Carolina, ein wenig die Luft zirkulieren zu lassen. An diesem Tag hatte er den Eindruck, das Haus sei unbewohnt.

Aber irgendwo musste seine Mutter sein. Wahrscheinlich noch in ihrem alten Zimmer. Aiden wollte nicht an sie denken. An ihre Hilflosigkeit. Es war so lange her, seit er das letzte Mal ihre Stimme am Telefon gehört hatte. Unmittelbar vor ihrem Schlaganfall zwei Jahre zuvor. Nachdem ein Autounfall das Reisen für sie beschwerlich gemacht hatte, beschränkte ihr Kontakt sich darauf, dass seine Mutter ihn einmal die Woche anrief – immer wenn James das Haus verlassen hatte. Das letzte Mal hatte er die Nummer von Blackstone Manor auf dem Display seines Telefons gesehen, als sein Bruder ihm mitteilen musste, dass ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte. Er war eine verspätete Folge des Autounfalls gewesen. Seither hatte Schweigen geherrscht.

Erstaunt registrierte Aiden, dass Nolen die Treppe hinaufging. Das Eichengeländer glänzte im Dämmerlicht des Nachmittags, als sei es gerade erst poliert worden. Zu Besprechungen traf man sich gemeinhin in der Bibliothek seines Großvaters. Aiden war davon ausgegangen, dort auch den Familienanwalt zu treffen.

„Hat der Anwalt nicht auf mich gewartet?“

„Ich habe Anweisungen, Sie nach oben zu bringen“, erklärte der Butler, ohne sich nach ihm umzusehen. Betrachtete er den verlorenen Sohn mit Argwohn? Als eine unbekannte Größe, die das Leben, das er hier seit über vierzig Jahren führte, verändern könnte?

Und recht hatte er! Aiden wollte seine Mutter in einem guten Heim unterbringen, damit sie die bestmögliche Pflege erhielt. Eine bessere, als er sie persönlich je hätte gewährleisten können. Er wollte hier alles verkaufen und dann so schnell wie möglich nach New York City zurückkehren. Zu seiner eigenen kleinen Firma, die Kunst im- und exportierte. Er wollte nichts mehr mit Blackstone Manor zu tun haben – oder mit den Erinnerungen, die er damit verband.

Er war Nolen blind gefolgt – und registrierte plötzlich erstaunt, dass es nicht in den zweiten Stock ging, wo sich sein Zimmer und die seiner Brüder befanden. Nolen bog im ersten Stock ab. Soweit Aiden sich erinnerte, befanden sich hier nur die Räume seiner Mutter und seines Großvaters. Doch im Moment stand ihm der Sinn weder nach den einen noch nach den anderen. Seine Mutter wollte er aufsuchen, sobald er sich innerlich darauf vorbereitet hatte. Die Zimmer seines Großvaters – niemals.

Canton, der Anwalt, hatte gesagt, James sei in der letzten Nacht gestorben. Sofort hatte Aiden gepackt und sich auf den Weg gemacht. Erst nach dem Gespräch mit dem Anwalt würde er wissen, wie es in Zukunft weitergehen würde.

Der Butler näherte sich der Doppeltür, die zu den Räumen des Großvaters führte.

„Was geht hier vor?“ Aiden räusperte sich.

Nolen zog die Tür auf und trat beiseite. „Mr Canton erwartet Sie, Master Aiden.“

Aiden atmete tief durch. Master Aiden. So hatte Nolen ihn bereits in seiner Kindheit genannt – und nun schien er plötzlich in diese Zeit zurückversetzt. Aber das war immer noch besser, als Master Blackstone genannt zu werden. Den verhassten Familiennamen hatte er seiner Mutter zu verdanken, die dem Drängen ihres Vaters nachgegeben hatte. James hatte gewollt, dass der Name der Blackstones auf jeden Fall erhalten blieb, auch wenn er selbst nur eine Tochter gehabt hatte. So nahmen seine Enkel den Namen des Großvaters an. Alle eventuellen Ansprüche ihres Vaters wurden ausgeschlossen.

Aiden betrat das Zimmer von James Blackstone. Trotz des Unwetters, das draußen tobte, war es hier warm. Unwillkürlich ließ er den Blick hinüber zu dem riesigen alten Himmelbett mit den schweren violetten Samtvorhängen schweifen.

Plötzlich überlief ihn ein kalter Schauer.

Vom Bett sah sein Großvater zu ihm herüber.

Sein angeblich toter Großvater.

Fassungslos starrte Aiden den Mann an, von dem er geglaubt hatte, er sei gestorben. Sein Körper war gebrechlicher, als Aiden ihn in Erinnerung hatte, aber es gab keinen Zweifel: Er lebte. Der hellwache Blick war unverkennbar. Konzentriert sah Aiden seinen Gegner an. Angriff war die beste Verteidigung. Diese Strategie hatte ihm noch in jeder Notlage geholfen – sowohl früher, als er noch jung und oft am Rande der Insolvenz gewesen war, als auch in späteren Jahren, als er bereits einen Wohlstand erreicht hatte, den er sich nie erträumt hätte.

„Ich wusste, dass du ein zäher Hund bist, James – aber ich hätte nicht für möglich gehalten, dass du in der Lage bist, von den Toten aufzuerstehen“, bemerkte Aiden trocken.

Zu seiner Überraschung glitt so etwas wie ein Lächeln über die Züge des alten Mannes. „Ein echter Blackstone!“

Aiden unterdrückte den aufsteigenden Zorn. Sein Großvater mochte nicht tot sein, aber seine Stimme war schwach und krächzend. Die früher gebräunte Haut war fahl. Wieso war der Mann nicht im Krankenhaus? Nicht, dass Aiden an sein Bett geeilt wäre, um Trost zu spenden. Als er geschworen hatte, Blackstone Manor nicht wieder zu betreten, solange sein Großvater noch lebte, war es ihm ernst gewesen.

Und das wusste der alte Mann nur zu gut.

Um nicht die Kontrolle zu verlieren, atmete Aiden ein paarmal tief durch. Erst jetzt bemerkte er die Frau, die mit einem Glas Wasser an das Bett trat. James runzelte die Stirn, offensichtlich irritiert über die Störung.

„Sie müssen Ihre Medizin nehmen.“ Ihre Stimme war warm, klang aber äußerst nachdrücklich.

Irgendetwas an ihr kam Aiden bekannt vor. Gewelltes nussbraunes Haar fiel ihr tief auf den Rücken hinunter. Ihre Gesichtszüge waren klassisch elegant. Ein blauer Schwesternkittel offenbarte Kurven an genau den richtigen Stellen.

Gerade als Aiden sich zwang, den Blick von ihr zu wenden, hob sie eine Braue. Unverwandt hielt sie James’ Blick stand, während sie ihm zwei Tabletten hinhielt. In diesem Moment traf es Aiden wie ein Schlag.

„Invader?“, fragte er fassungslos.

„Wie ich sehe, erinnerst du dich an Christina.“ James ließ den Blick zwischen den beiden hin und her wandern.

Allerdings! Und das nur zu gut. Und wie an ihrem durchgebogenen Rückgrat abzulesen war, erinnerte auch sie sich. Zumindest an den kleinen Spitznamen, den er ihr gegeben hatte. Invader. Eindringling. Dieser unnachgiebige Ich-werde-meinen-Willen-bekommen – Blick hatte alles zurückgebracht. So hatte sie ihn schon angesehen, als sie noch Teenager gewesen waren und er sie wieder einmal wie eine lästige Fliege verscheucht hatte, ohne irgendwelche Rücksicht auf ihre Gefühle zu nehmen. Für ihn war sie nur ein kleines Mädchen gewesen, das um Aufmerksamkeit bettelte. Bis zu jenem letzten Mal. Er hatte sie verhöhnt. Hatte gesagt, sie hänge sich an Menschen, die sie offensichtlich nicht wollten. Die Tränen, die ihr in die Augen getreten waren, hatten sich ihm unauslöschlich eingeprägt.

„Aiden.“ Sie nickte ihm kühl zu. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf James. „Bitte, nehmen Sie die Tabletten.“

Sie mochte sehr weiblich wirken, aber der stählerne Wille, der unter dem Schwesternkittel steckte, war unverkennbar. Gab es dort vielleicht noch mehr zu entdecken? Einen sexy Körper? Nein! Aidens strikte One-Night-Stand-Politik ließ keine Bindungen zu, und diese Frau hatte förmlich mit Neonschrift Heim und Herd auf der Stirn stehen. Außerdem würde er nicht lange genug bleiben, um mehr herauszufinden. Über irgendjemanden.

James murmelte etwas Unverständliches und spülte die beiden Tabletten mit einem Schluck Wasser hinunter. „Sind Sie jetzt glücklich?“

Sie ließ sich nicht beirren. „Ja, danke.“

Verdrossen betrachtete Aiden seinen Großvater. „Was willst du?“

„Du kommst immer sofort auf den Punkt. Das hat mir stets an dir gefallen, Junge.“ Das Sprechen fiel James offenkundig schwer. „Du hast recht. Wir sollten zur Sache kommen …“ Er ließ sich ein wenig in die Kissen zurücksinken. „Ich hatte einen Herzinfarkt. Ernst, aber noch lebe ich. Dieser kleine Vorfall …“

„Kleiner Vorfall?!“, entfuhr es Christina empört.

James ignorierte sie. „… dieser kleine Vorfall hat mir gezeigt, dass es Zeit wird, meine Angelegenheiten zu regeln. Ich muss die Zukunft des Blackstone-Erbes sichern.“

Er deutete auf den unscheinbaren Mann, der sich bisher im Schatten gehalten hatte. „John Canton – mein Anwalt.“

Aiden musterte den Mann kurz. Ihm hatte er also diesen Anruf zu verdanken. „James muss Sie gut bezahlen, wenn Sie bereit sind, derart für ihn zu lügen.“

„Es war eine Notlüge“, verteidigte James den Anwalt. Er machte keinen Hehl daraus, dass ihm wie schon früher jedes Mittel recht war, um sein Ziel zu erreichen. „Du wirst hier gebraucht, Aiden“, fuhr er fort. „Du musst dich um die Familie kümmern, wenn ich einmal nicht mehr bin.“ Er rang nach Atem.

Canton reichte Aiden die Hand und schüttelte sie kräftiger als erwartet. „Ich kümmere mich seit fünf Jahren um die Angelegenheiten Ihres Großvaters.“

„Mein Beileid“, bemerkte Aiden lakonisch.

James hatte die Sprache wiedergefunden. „Wir müssen einiges regeln, Aiden. Bald.“

„Du willst sagen, es soll alles genauso weiterlaufen, wie du es dir vorstellst.“

James fuhr auf. „Ich habe mich fünfzig Jahre lang um die Familie gekümmert. Ich weiß, was das Beste ist. Schließlich bin ich nicht gleich beim ersten Problem davongelaufen. Deine Mutter …“

Stöhnend ließ er sich zurücksinken.

„Schwester!“ Cantons Ton verriet einen Anflug von Panik.

Mit wenigen Schritten war Christina am Bett und kontrollierte den Puls des Kranken. Aiden bemerkte, dass ihre Finger leicht zitterten. Sie stand dem Alten also nicht gleichgültig gegenüber. Mochte sie ihn tatsächlich? Irgendwie konnte er es sich nicht vorstellen. Obwohl Aiden sich vorgenommen hatte, sich von der Situation nicht beeinflussen zu lassen, hörte er sich sagen: „Du solltest im Krankenhaus sein.“

„Ihr Großvater hat jede weitere Behandlung abgelehnt. Er sagte, wenn er schon sterben müsse, dann in Blackstone Manor“, erklärte Canton. „Christina wohnte bereits hier im Haus und konnte die Anweisungen der Ärzte ausführen …“

James atmete schwer. Er hielt die Augen geschlossen.

„Und? Können Sie … kannst du das?“ In Anbetracht der Tatsache, dass sie sich schon aus Kindertagen kannten, erschien es ihm plötzlich albern, sie zu siezen.

„Natürlich“, erklärte sie nüchtern. „Mr Blackstone wird nicht sterben. Aber er wird einige Zeit brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich hätte es vorgezogen, er wäre noch ein wenig länger im Krankenhaus geblieben, aber …“ Ihr Schulterzucken schien zu sagen: Was will man machen, wenn jemand derart halsstarrig ist?

Irgendetwas an ihr irritierte Aiden. Sie gehörte nicht hierher. Sie sollte nicht befleckt werden von den schmutzigen Machenschaften seines Großvaters. War sie nur wegen des Jobs hier? Oder gab es noch einen anderen Grund? Aiden beneidete sie um die Fähigkeit, ihre Gefühle so gut verstecken zu können.

Diskret zog Christina sich hinter den Vorhang zurück. Aiden war sich ihrer Gegenwart bewusst, obwohl er sie kaum wahrnehmen konnte. Dabei musste er sich jetzt ganz auf den Kampf konzentrieren, der ihm bevorstand.

„Ihr Großvater macht sich Sorgen um die Zukunft der Baumwollspinnerei“, sagte Canton.

„Mir ist völlig egal, was damit passiert“, stieß Aiden hervor. „Reißen Sie das Ding ab. Lassen Sie es abbrennen – was auch immer!“

Die Züge seines Großvaters verhärteten sich, aber er machte keine Anstalten, sein Lebenswerk zu verteidigen. Er hatte seine ganze Kraft hineingesteckt, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Familie.

„Und die Stadt?“ Fragend sah Canton ihn an. „Ist Ihnen auch egal, was aus den Menschen wird, die in der Spinnerei arbeiten? Generationen haben dort ihren Lebensunterhalt verdient – die Freunde Ihrer Mutter, Kinder, mit denen Sie zur Schule gegangen sind…“

Aiden presste die Lippen aufeinander. Er wollte nicht emotional in die Sache hineingezogen werden, aber während der Anwalt sprach, sah er Gesichter vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen. Gesichter von Menschen, die von der Spinnerei lebten. Angefangen hatte es vor langer Zeit mit einer einfachen Baumwollentkörnungsmaschine. Inzwischen war Blackstone Mills eines der führenden Unternehmen des Landes, spezialisiert auf hochwertige Tuchwaren. James mochte ein Bastard sein, aber sein Beharren auf Qualität hatte die Firma sicher auch durch schwierige Zeiten gebracht. Frustriert fuhr Aiden sich durch das vom Regen noch feuchte Haar.

Erneut spürte er den altvertrauten Geist der Rebellion in sich. „Ich will die Firma nicht übernehmen. Ich wollte es noch nie.“ Gereizt trat er an das Fenster und sah hinaus in das immer noch tobende Unwetter. Verantwortung für die Familie wollte er nicht. Nicht mehr. Die hatte er vor langer Zeit seinen Brüdern überlassen.

Doch als ob die belastende Situation noch nicht genug gewesen wäre, wanderten seine Gedanken immer wieder zu Christina. Wie war sie hierhergekommen? Seit wann war sie im Haus? Der Sturm widersprüchlichster Gefühle, der in ihm tobte, äußerte sich in drückenden Kopfschmerzen.

„Du hast doch gewusst, dass es irgendwann dazu kommen würde. In deinem Alter … Du hättest verkaufen sollen. Oder die Firma jemandem übergeben. Einem meiner Brüder.“

„Du bist der Erstgeborene. Es ist deine Pflicht“, beharrte James. „Es wird Zeit, dass du lernst, Verantwortung zu übernehmen.“

Canton schien zu ahnen, dass Aiden kurz davor stand zu explodieren. „Mr Blackstone möchte, dass die Spinnerei im Familienbesitz bleibt und auch weiterhin Arbeitsplätze für die Menschen der Stadt sichert.“

Aiden lachte freudlos. „Mr Blackstone – der große Wohltäter! Hast du schon ein Denkmal geplant?“

„Ich werde tun, was getan werden muss“, ließ sich eine müde, aber beharrliche Stimme vom Bett her vernehmen. „Und genau das wirst du auch tun.“

„Und wie willst du das erreichen? Ich bin schon einmal gegangen. Ich habe kein Problem damit, es ein zweites Mal zu tun.“

„Ich habe mein ganzes Leben dafür gearbeitet, das fortzuführen, was mein eigener Vater begonnen hat. Und ich habe nicht die Absicht, zuzulassen, dass alles zerstört wird, nur weil du nicht bereit bist, deine Pflicht zu tun. Du wirst dorthin zurückkehren, wo du hingehörst. Dafür werde ich sorgen.“

Aiden massierte sich die verspannten Nackenmuskeln. „Ich tanze nicht mehr nach deiner Pfeife. Je eher der Name Blackstone verschwindet, desto besser.“

„Ich wusste, dass du so denkst.“ James seufzte schwer.

Christina lauschte der Auseinandersetzung der Männer wie aus weiter Ferne, denn sie hatte nur Augen für Aiden. Bedrückt erkannte sie die Maske aus Rebellion und Stolz, die alles verbarg, was sich dahinter abspielen mochte. Sie registrierte die Breite seiner Schultern. Das Spiel seiner Muskeln, das sich unter seinem Hemd abzeichnete. Es erinnerte sie an seine Kraft. An seine Überlegenheit.

Hatte er eine Chance gegen einen Mann wie James? James Blackstone hatte immer seinen Willen durchgesetzt, sowohl geschäftlich als auch privat. Dabei war ihm jedes Mittel recht.

„Wieso sagen Sie nicht einfach, was Sie wollen?“ Herausfordernd sah Aiden den Anwalt an. „Kurz und knapp.“

Canton räusperte sich. „Ihr Großvater hat einige Dokumente aufgesetzt, die alle Aspekte berücksichtigen.“ Er zog einen Stapel Papiere aus der Tasche. „Im Kern erhalten Sie damit alle Rechte an der Spinnerei und an Blackstone Manor.“

„Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass mich das nicht interessiert. Verkaufen Sie das Ganze“, wies Aiden ihn schroff zurecht.

Christina schluckte.

„Das geht nicht“, erklärte Canton kühl. „Wir haben einen Kaufinteressenten, der die Spinnerei schließen und sie Stück für Stück veräußern würde. Einschließlich des Landes, auf dem sich Mill Row befindet. Alle Bewohner der fünfzig Häuser, die Blackstone dort für seine Arbeiter gebaut hat, müssten gehen.“

James lachte bitter. „Der Erlös von dem Verkauf würde ausreichen, um der Universität eine hervorragende juristische Bibliothek zu stiften. Nicht das Erbe, das ich mir vorgestellt hatte, aber auch nicht schlecht.“

Canton schwieg. James stand nicht der Sinn nach dem Austausch von Nettigkeiten. „Fahren Sie fort!“, drängte er.

Cantons Zögern überraschte Christina. Sie hatte den Anwalt von Anfang an unsympathisch gefunden, und seine Schleimerei gegenüber James hatte ihren Eindruck nur bestätigt. Dass er sich jetzt dem alten Mann widersetzte – und sei es nur durch ein Zögern –, war neu. Vielleicht weckte die unmittelbare Konfrontation mit dem Menschen, den er ruinieren sollte, doch so etwas wie Gewissensbisse.

„Falls Sie sich weigern, die Spinnerei zu übernehmen, wird Mr Blackstone die Rechte seiner Vormundschaft geltend machen und seine Tochter in das öffentliche Pflegeheim geben. Sofort.“

Entsetzt schrie Christina auf. Ihr war bewusst, was diese angedrohte Maßnahme für katastrophale Auswirkungen auf Aidens Mutter haben würde. Seit fünf Jahren kümmerte sie sich schon um Lily. Sie war gleich nach ihrer Ausbildung hierhergekommen. Lily war seit Jahren so etwas wie eine zweite Mutter für sie gewesen. Wie die Mutter, die sie nie gehabt hatte. Niemals würde sie zulassen, dass Lily schlechter Pflege ausgesetzt würde.

Aiden versuchte, Christina im Halbdunkel zu erkennen. Er hatte die Stirn gerunzelt – bisher das einzige Anzeichen einer emotionalen Regung. Sie spürte förmlich, wie sein Blick sie zu durchdringen schien – ein Gefühl, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte.

„Was würde dort mit Mutter geschehen?“

James lächelte triumphierend. „Christina, ich glaube, du bist schon einmal dort gewesen, nicht wahr? Während deiner Ausbildung? Erzähl Aiden doch davon!“

Christina wand sich innerlich. Nur jemand, der so verschlagen und skrupellos war wie James, konnte sich ausmalen, wie diese Drohung wirken musste. Aber er war bereit, genau das in die Tat umzusetzen, wenn es galt, sein Lebenswerk zu sichern. Sie musste sich räuspern, bevor ihre Stimme ihr wieder gehorchte. „Der Pflegestandard dort ist seit Jahren katastrophal. Es hat immer wieder Beschwerden gegeben, aber es ist kaum etwas passiert – weil es das einzige Heim hier in der Gegend ist, das auch mittellose Alte und Behinderte aufnimmt.“

„Woher willst du wissen, ob ich nicht genug Geld habe, um sie in ein anderes Heim zu geben?“ Bei diesen Worten glaubte Christina, in Aidens Zügen etwas von der Arroganz seines Großvaters zu erkennen.

„Das können Sie versuchen“, bestätigte der Anwalt, „aber da Ihr Großvater der Vormund ist, liegt die Entscheidung letztlich bei ihm.“

„Wir werden vor Gericht gehen und die Vormundschaft auf einen meiner Brüder übertragen lassen.“

Aber nicht auf dich! dachte Christina.

„Das könnt ihr tun.“ James nickte. „Aber was glaubst du, wie lange ein solches Verfahren dauert? Monate? Ein Jahr? Hat deine Mutter so viel Zeit? In der Umgebung?“

„Das würdest du deiner eigenen Tochter antun?“

Christina kannte die Antwort. Sie wusste, dass James keinerlei Skrupel besaß. Sie rieb sich die feuchten Hände am Kittel. Obwohl Lily im Koma lag, war Christina überzeugt, dass sie ihre Umgebung irgendwie wahrnahm. Das letzte Mal, als sie Lily für einige notwendige Untersuchungen ins Krankenhaus bringen mussten, hatte sie sehr erregt reagiert – ihr Puls war hochgeschnellt, und sie hatte Schweißausbrüche gehabt. Anschließend hatte sie sich einen der gefürchteten Krankenhausviren eingefangen. Wie lange würde sie in dem schlechten Pflegeheim überleben?

Christina konnte nicht mehr an sich halten. „Natürlich würde er das!“, erklärte sie verbittert.

„Was bist du nur für ein Mensch!“ Aiden warf seinem Großvater einen vernichtenden Blick zu. „Setzt deine eigene Tochter als Druckmittel in deinem schmierigen kleinen Spiel ein!“

Sein Zorn machte Christina Angst – und faszinierte sie gleichermaßen. Sie wusste, dass er ein ganz neues Element der Gefahr in diese explosive Situation bringen konnte.

Kraftlos ließ James die geballte Faust auf die Bettdecke sinken. „Das ist kein Spiel. Mein Lebenswerk muss erhalten bleiben, wenn nicht alles umsonst gewesen sein soll. Lieber sollen zwei Menschen den Preis dafür zahlen als die ganze Stadt.“

Aiden runzelte die Stirn. „Zwei?“

Erneut ergriff Canton das Wort. „Es gibt eine zusätzliche Bedingung für diesen Deal. Sie akzeptieren entweder alles oder nichts.“

Aiden schwieg abwartend.

„Sie müssen heiraten und ein Jahr auf Blackstone Manor leben. Erst dann wird Ihr Großvater Sie aus dem Deal entlassen oder Ihnen das Erbe übergeben, falls er das Ende des Jahres nicht mehr erlebt.“

„Nein!“, entfuhr es Aiden. „Das kannst du nicht machen!“

James’ Atem ging rasselnd. „Ich kann machen, was ich will, Junge. Die Tatsache, dass du deine Mutter seit zehn Jahren nicht mehr besucht hast, wird keinen Richter geneigt machen, dir die Vormundschaft zu übertragen.“ Sein Atem wurde noch lauter.

„Wieso ich?“, fragte Aiden hitzig. „Wieso nicht einer meiner Brüder?“

James verzog die Lippen zu einem grausamen Lächeln. „Ich will dich. Einer vom alten Schrot und Korn sollte stark genug sein, die neue Generation dorthin zu führen, wo ich sie haben will.“

Christinas Schock verflog. Wich der Angst. Nolen, Marie und Lily – die anderen Bewohner von Blackstone Manor – waren nicht ihre Verwandten, aber sie waren die einzigen Menschen, die ihr bisher das Gefühl gegeben hatten, geliebt und geachtet zu werden. Sie hatte nicht die Absicht, kampflos zuzusehen, wie sie alle zu Schaden kamen durch dieses absurde Machtspiel, das hier ausgetragen wurde. Wenn Aiden ging, kam Lily ins Pflegeheim, und alle anderen standen auf der Straße. Und eines hatte sie im Laufe ihrer sechsundzwanzig Jahre gelernt: sich für andere einzusetzen.

Der Anwalt übernahm wieder das Wort. „Es ist bereits alles schriftlich festgehalten. Entweder heiraten Sie und halten die Spinnerei in Betrieb, oder Mrs Blackstone wird sofort in das Pflegeheim überführt.“

„Mach es, oder lass es bleiben!“, brachte James keuchend hervor.

Christina ahnte, dass Aiden diese Niederlage wurmte, aber anmerken ließ er sich nichts.

„Und wo soll ich so schnell eine Frau finden, die sich für so was hergibt?“

„Du hast sicher inzwischen genug Erfahrung bei der Suche nach verborgenen Schätzen“, bemerkte James höhnisch und spielte damit auf Aidens Beruf als Kunsthändler an. Schon jetzt kostete er den Triumph eines Sieges aus, den alle kommen sahen.

„Ich bin nie daran interessiert gewesen zu heiraten. Und ich bezweifle, dass irgendeine Frau bereit wäre, sich auf dein Spiel einzulassen, Großvater.“

Ich wäre bereit“, hörte Christina sich da sagen.

2. KAPITEL

„Ach, eins noch …“

Sehnsüchtig sah Christina zur Tür. Nur wenige Schritte, und sie wäre frei.

Zumindest für den Moment.

„Eine platonische Beziehung wäre nicht akzeptabel“, fuhr James fort. „Mein Ziel ist der Fortbestand der Familie. Das geht nicht mit getrennten Schlafzimmern.“

Christina spürte Panik in sich aufsteigen. Das Ganze entwickelte sich mehr und mehr zu einem Albtraum.

„Großvater, du kannst ein Pferd zur Tränke führen, aber du kannst es nicht zwingen zu trinken“, bemerkte Aiden trocken.

„Führe ein Pferd nur oft genug zur Tränke, und du wirst sehen, wie es durstig wird“, lautete ungerührt die Antwort.

Das Schlimme war: James hatte recht. Christina war gerade erst seit einer halben Stunde mit Aiden in einem Zimmer, und mit jeder Sekunde, die verstrich, nahm sie ihn mehr als Mann wahr. Aber mit ihm schlafen? Das konnte sie nicht. Schließlich war er quasi ein Fremder für sie.

Aber was war mit Lily?

Christina bemerkte Aidens Anspannung, die sich an der Haltung seiner Schultern abzeichnete. Alle schienen den Atem anzuhalten und darauf zu warten, dass jemand den nächsten Schritt tat. Aber das würde nicht sie sein – im Moment hatte sie keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Sie wollte nur eines: fort. So schnell wie möglich.

Aiden schien es ähnlich zu gehen. Er trat auf sie zu, bevor er einen letzten Blick auf seinen Großvater warf. „Ich weigere mich, eine solche Entscheidung in wenigen Minuten zu fällen. Das Gleiche gilt für Christina. Ich komme heute Abend zurück.“

Ohne James’ Reaktion abzuwarten, zog Aiden Christina mit sich aus dem Zimmer und ließ die Tür hinter ihnen zufallen. Wie benommen klammerte sie sich an das Geländer der Galerie. Sie konnte nicht glauben, was soeben geschehen war.

Hatte sie sich tatsächlich dazu bereit erklärt, die Frau von Aiden Blackstone zu werden?

Plötzlich hörte sie Canton kommen und gab sich einen Ruck. Irgendwie musste sie diese Sache hinter sich bringen. Musste die Fassade aufrechthalten.

In diesem Moment erschien Nolen am anderen Ende des Korridors. Der Blick des alten Butlers war noch besorgter als gewöhnlich, aber er sagte nichts. Wahrscheinlich wusste er genau, was im Zimmer von James Blackstone vorgegangen war. Irgendwie wussten Marie und er immer über alles Bescheid.

Hinter sich hörte sie Cantons Stimme. „Es ist noch früh. Wir können zum Standesamt fahren und alles regeln. Innerhalb einer Woche können Sie verheiratet sein.“

Nolen bedachte den Anwalt mit einem grimmigen Blick. Christina hatte das Gefühl, beschützt zu werden. Es war ein seltener Moment in ihrem Leben – für gewöhnlich war sie diejenige, die die anderen beschützte. Umso mehr genoss sie diesen Augenblick.

Laut sagte sie: „Ich muss nachdenken und brauche noch ein wenig Zeit.“ Sie versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. „Und ich muss mich um Lily kümmern.“

„Sie ist bei Nicole in guten Händen.“ Nolen reichte ihr den Arm. Er war ein Gentleman der alten Schule. Christina entspannte sich und konnte wieder lächeln. Er erwiderte ihr Lächeln. „Aber wir können bei ihr vorbeischauen, wenn es Sie beruhigt.“

Sie gingen hinüber zu Lilys Räumen. Plötzlich blieb Christina stehen und warf einen Blick zurück. „Möchtest du mitkommen, Aiden?“

„Später“, erwiderte er knapp. Sie wusste nicht, ob er den Gedanken nicht ertragen konnte, seine Mutter jetzt zu sehen, oder ob sie ihm schlicht gleichgültig war. Er wandte sich an Canton. „Ich gehe nirgendwohin, solange ich mir diese Papiere nicht in Ruhe angesehen und mit meinem eigenen Anwalt besprochen habe.“

Canton nickte und ging nach unten. Aiden folgte ihm wortlos. Nolens Räuspern verriet Missbilligung, aber Christina ignorierte es. Vielleicht hatte sie sich den Ausdruck der Einsamkeit nur eingebildet, den sie für einen Moment in Aidens Blick erkannt zu haben meinte. Leise öffnete Nolen die Tür zu Lilys Suite.

Sonnenlicht fiel auf die geblümten Tapeten und den hellen Teppich. Die Stille hier hatte etwas unendlich Beruhigendes für Christinas aufgewühlte Nerven. Leise durchquerten sie das Wohnzimmer und ging zum anliegenden Schlafbereich.

Nicole, die Großnichte der Haushälterin, saß im Sessel neben dem verstellbaren Krankenbett, das James hatte kommen lassen. Sie sah auf von dem dicken Lehrbuch für Krankenschwestern, das sie auf dem Schoß hatte.

„Wie geht es ihr?“, erkundigte sich Christina.

„Das Gewitter hat uns beiden nicht sehr gutgetan, aber jetzt atmet sie wieder ganz ruhig.“ Nicole lächelte. „Der Puls ist normal. Aber es ist schon unheimlich, zu sehen, wie sie auf das Gewitter reagiert.“

„Man glaubt ja nicht, worauf Komapatienten alles reagieren können!“ Christina wusste, wovon sie sprach: Nach Lilys Schlaganfall hatte sie sich jeden Bericht zu vergleichbaren Fällen kommen lassen. Die Folgen des Schlags waren verheilt, aber Lily war nicht wieder aus dem Koma erwacht.

„Du wirst eines Tages eine wunderbare Krankenschwester abgeben, Nicole“, sagte Nolen und strahlte dabei, als sei sie seine Enkeltochter.

„Das stimmt“, pflichtete Christina ihm bei. Sie hatte Nicole zu ihrer Berufswahl ermutigt, nachdem sie immer wieder mit Fragen nach Christinas Pflichten gekommen war. Nun machte die junge Frau eine Ausbildung zur Krankenschwester und half Christina gelegentlich aus.

Christina maß Lilys Puls, während Nolen und Nicole sich leise über irgendein Problem mit ihrem Auto unterhielten. Nachdem Christina noch die Temperatur der Kranken geprüft hatte, beugte sie sich über sie und flüsterte: „Er ist gekommen, Lily.“ Sie seufzte. „Es gefällt ihm nicht, aber im Moment ist er im Haus. Ich bringe ihn bald zu dir.“

Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass Lily sie gehört hatte. Nur das Piepen der Monitore war zu hören. Lilys Miene war immer unverändert, ihre Augen waren stets geschlossen. Aber Christina wollte glauben, dass sie glücklich darüber war, ihren Sohn wieder in Blackstone Manor zu wissen. Nicht glücklich wäre sie allerdings über die Pläne ihres Vaters. Zwei Menschen zur Heirat zu zwingen …

Das Eintreffen der Haushälterin riss sie aus ihren Gedanken. „Was höre ich da von einer Hochzeit?“ Fragend sah Marie Christina an.

Christina unterdrückte ein Stöhnen. Wie konnten sich Neuigkeiten in diesem Haus so schnell herumsprechen? Manchmal hatte sie das Gefühl, dass überall Abhöranlagen versteckt sein mussten.

„Es geht eher um einen Deal als um eine Hochzeit“, erklärte Christina vage. „Falls es überhaupt dazu kommt …“ Sie war nicht sicher, wie Aiden sich entscheiden würde. Würde sie selbst es können, wenn es ihr die Möglichkeit gab, Lily zu beschützen?

Aber sie konnte unmöglich ein Bett mit ihm teilen. Falls es zur Hochzeit kam, mussten sie eine Möglichkeit finden, diesen einen Punkt zu umgehen …

„Es ist einfach unnatürlich“, erklärte Nolen. „Zwei Fremde, die das heilige Sakrament der Ehe empfangen …“

„Und diese Perlen der Weisheit aus dem Munde eines ewigen Junggesellen.“ Marie lachte leise. „Außerdem sind die beiden ja keine Fremden füreinander. Sie kennen sich schon, seit sie Kinder waren.“

Mit einem Anflug von Panik dachte Christina an die letzte Begegnung mit dem siebzehnjährigen Aiden. Sie hatte ihn insgeheim jedes Mal angehimmelt, wenn sie Blackstone Manor besuchte. Manchmal hatte die Hoffnung, ihn zu sehen, sie ebenso angezogen wie die Aussicht auf Lilys Gesellschaft. Aber jener Tag hatte ihr endgültig gezeigt, wie wenig er für sie empfand. Wann auch immer sie in seine Nähe gekommen war, hatte er auf sie reagiert wie ihre eigenen Eltern: so als sei sie die Pest, die nicht schnell genug wieder verschwinden könne. Immer wieder nannte er sie Invader, wenn sie im Haus war und sich nach Lilys Aufmerksamkeit sehnte. Ja, in den Jahren hatte er sie immer nur als Eindringling gesehen. Nach jener letzten Zurückweisung hatte sie nur noch den größtmöglichen Bogen um Aiden Blackstone gemacht.

Nolen ließ sich nicht beirren. „Ich bleibe dabei, es ist unnatürlich. James kann nicht seinen Enkel zu einer Ehe zwingen, nur um seine eigenen Interessen durchzusetzen.“

„Und was sollen das für Interessen sein?“ Marie stemmte die Hände in die Hüften.

„Es geht um sein Lebenswerk. Als hätte er nicht schon genug Unglück über die Menschen gebracht. Er hat seine eigene Tochter bedroht, falls Aiden nicht tut, was er sagt.“

„Stimmt das?“ Fragend sah Marie Christina an. „Zwingt er euch zu etwas, das ihr nicht wollt?“

Das lief nun wirklich aus dem Ruder! Christina mochte es nicht, dass ihre persönlichen Entscheidungen derart in die Öffentlichkeit gezerrt wurden. „Nein. Ich habe freiwillig zugestimmt. Und es ist noch nichts entschieden.“ Aber ich werde für Lily sorgen – und für euch alle.

Maries Miene hellte sich ein wenig auf. „Vielleicht ist unsere Christina genau das, was Aiden braucht. Ich glaube ja immer, dass nichts ohne Grund geschieht.“

Christinas Herz schmolz dahin, als Marie sie umarmte, aber sie bezweifelte, dass irgendetwas das Herz von Aiden Blackstone zum Schmelzen bringen würde.

„Man kann nie wissen, was in einem Jahr alles passiert“, bemerkte Marie und lächelte vielsagend.

Ihre Worte klangen Christina noch lange in den Ohren. In mancher Hinsicht war ein Jahr kurz, in anderer konnte es sehr lang sein. Würde sie am Ende heil aus der ganzen Sache herauskommen? Oder mit gebrochenem Herzen und einer Scheidungsurkunde?

Aber solange Lily und die anderen sicher waren, wollte Christina das Risiko auf sich nehmen. Diese Menschen hier waren ihre Familie, seit ihre Eltern sich hatten scheiden lassen, als sie acht gewesen war.

Sie hatte nie eine richtige Familie gehabt. Als Kind war sie nur das Druckmittel für ihre Mutter gewesen, um immer mehr Geld aus ihrem Exmann zu pressen. Seither wusste Christina, was es bedeutete, wenn man sagte, ein Mensch habe zwei Gesichter: Sobald ihr Vater auftauchte, war ihre Mutter liebevoll und fürsorglich mit ihr. Sobald sie etwas anderes vorhatte, brachte sie ihre Tochter bei Freunden und Bekannten unter – dann war sie nicht mehr nützlich. Eine harte Lektion, die Christina schnell gelernt hatte.

An ihrem achtzehnten Geburtstag hatte sie sich geschworen, sich nie wieder benutzen zu lassen. Und nun? Wollte sie wirklich ein Teil von James Blackstones grausamem Spiel werden?

„Wann kommst du zurück? Diese Zabinski macht mich noch wahnsinnig!“

Aiden wollte im Moment nicht an Ellen Zabinski denken. Er hatte genügend andere Probleme. Nach vierundzwanzig Stunden intensiven Nachdenkens wusste er, was er zu tun hatte. Es widerstrebte ihm nach wie vor, aber er sah keine Alternative.

„Ich komme nicht zurück.“

Das fassungslose Schweigen am anderen Ende der Leitung wäre amüsant gewesen, hätte Aiden im Moment einen Sinn dafür gehabt. Seine Assistentin sprachlos zu machen gelang ebenso selten, wie wirklich außergewöhnliche Kunstobjekte zu importieren. Während er darauf wartete, dass sie sich von ihrem Schock erholte, ging er gereizt im Zimmer auf und ab und warf gelegentlich einen Blick aus dem Fenster. Wieso sollte er das pulsierende Leben der City gegen diese Stille eintauschen – wenn auch nur für wenige Monate?

Ihm fiel spontan eine ganze Reihe von Gründen ein, die dagegen sprachen – bis sein Blick auf die Frau mit dem langen braunen Haar fiel, die sich neben der alten Trauerweide mit dem Gärtner unterhielt. Als er sie lächeln sah, verschlug es ihm den Atem.

Schnell rief er sich zur Ordnung. Er sollte sich Gedanken um seine Mutter und nicht um ihre Krankenschwester machen! Aber als er Christina so betrachtete, verloren die Bedingungen seines Großvaters einiges an Schrecken …

Endlich fand Trisha die Sprache wieder. „Darf man fragen, was los ist?“

„Lass es mich mal so sagen … Ich muss eine Weile hierbleiben, um ein paar Familienangelegenheiten zu regeln.“

So leicht ließ Trisha sich nicht abspeisen. „Was kann denn da so lange dauern? Er hat doch sicher ein Testament gemacht, oder? Wieso musst du deswegen vor Ort bleiben?“

„Es gibt ein Testament, aber es ist nicht wirklich hilfreich, da er noch lebt.“

Ein fassungsloses Schweigen von Trisha war ungewöhnlich. Zwei Fälle dieser Art in nur einem Gespräch grenzten an ein Wunder. Aber sie hatte ihren schrägen Humor schnell wiedergefunden.

„Versuchst du, mich in die Öde von South Carolina zu locken? Ich glaube, Marty wäre nicht sonderlich begeistert.“

Allein die Vorstellung, den temperamentvollen Antonio Martinelli nach Black Hills zu verpflanzen, entlockte Aiden ein Lächeln. „Nein, so amüsant das auch sein könnte, aber ich habe eher daran gedacht, dir eine Assistentin und eine Gehaltserhöhung zu geben.“

Das dritte Schweigen war wesentlich kürzer als die beiden vorangegangenen. „Mach keine Witze, Aiden!“

„Es ist kein Witz! Du hast in den vergangenen Jahren viele Erfahrungen im Verkauf gesammelt. Ich werde Hilfe brauchen, um das hier durchzuziehen. Wir können vieles per Videokonferenz und Telefon erledigen. Falls nötig, komme ich in die City. Aber das Gros der Arbeit und Verantwortung wird auf deinen Schultern liegen.“

Aiden versuchte die Depression zu ignorieren, die ihn bei dem Gedanken befiel, so lange von seiner Firma fort zu sein. Aber er würde ja nicht den Kontakt verlieren. Und unter keinen Umständen würde er das Juwel aufgeben, das er sich so mühsam aufgebaut hatte.

„Es ist nur vorübergehend.“ Die Worte sollten sowohl seine Assistentin als auch ihn selbst beruhigen. „Nur so lange, bis ich die Vormundschaft für meine Mutter habe.“ Als Aiden sah, wie Christina sich langsam mit dem Gärtner aus seinem Blickfeld entfernte, musste er insgeheim zugeben, dass seine Gründe zu bleiben nicht ganz so eindeutig waren …

Mit wenigen Worten umriss er die Forderungen seines Großvaters.

„Wow!“, entfuhr es Trisha, als er geendet hatte. „Und ich dachte, die Italiener wären verrückt! Das Ganze ist ja völlig absurd! Wieso willst du dabei mitmachen?“

„Zumindest könnte ich mit einer Frau an meiner Seite Ellen loswerden“, flachste er. Mit Unbehagen dachte er an Ellen Zabinski, mit der er in der Vergangenheit hin und wieder die Nacht verbracht hatte – bis sie zu dem Schluss gekommen war, dass ihr das nicht genug war. Seit einem Monat machte sie ihm das Leben zur Hölle.

„Wie oft hat sie denn im Büro angerufen?“, erkundigte er sich vorsichtig. Auf seinem Handy hatte er ihre Nummer blockiert, sodass sie ihn nicht erreichen konnte.

„Oh, jeden Nachmittag – wie ein Uhrwerk. Sie glaubt einfach nicht, dass du nicht da bist. Ich warte ja nur darauf, dass sie hier in persona auftaucht und mich zwingt, mein Pfefferspray einzusetzen.“ Trisha schien der Situation durchaus ihre guten Seiten abzugewinnen.

„Lass dich nicht verhaften!“

„Werde ich nicht – solange sie sich benimmt!“

Das war zu bezweifeln. Aber Trisha löste die meisten Situationen sehr taktvoll, auch wenn sie den Mund gelegentlich etwas voll nahm.

„Falls irgendein Kunde mich sprechen will, kannst du ihm gern meine Handynummer geben.“ Sie besprachen noch das eine und andere. Es würde kein Spaziergang werden, zwei Firmen zu führen, aber unter gar keinen Umständen würde er sein Baby und New York aufgeben.

Sein Großvater mochte ihm die Freiheit nehmen, aber er konnte nicht alles zerstören, was Aiden sich aufgebaut hatte.

3. KAPITEL

Aidens Laune stand vor dem Siedepunkt. Schnell schnappte er sich einen Keks vom Blech, das Marie zum Abkühlen auf den Küchentisch gestellt hatte. Dabei ging er die kalten Fakten durch. Sein Anwalt hatte keine Möglichkeit gesehen, die juristischen Knoten zu durchschlagen, die James geknüpft hatte.

Die Chance, ihn für unzurechnungsfähig erklären zu lassen, war denkbar gering. Er war unzurechnungsfähig, aber das war nichts Neues. Schließlich war er das schon immer gewesen. Und jedes Verfahren, die Vormundschaft für Lily zu beantragen, würde zu lange dauern. Aiden war nicht bereit, das Leben seiner Mutter aufs Spiel zu setzen. Dazu verdankte er ihr zu viel.

Seine schlechte Laune war also gerechtfertigt, aber als er die schmale Hintertreppe hinaufstürmte, die von der Küche in den zweiten Stock führte, war ihm bewusst, dass er seine Emotionen wieder unter Kontrolle bekommen musste. Schließlich war er ein Mann, der Millionendeals abwickelte. Da würde er doch mit einem halsstarrigen Großvater und einer zukünftigen Ehefrau fertig werden – zumindest wenn er einen kühlen Kopf bewahrte.

Während er noch den Geschmack der Kekse im Mund hatte, dachte er unwillkürlich an andere Zeiten, in denen sie als Kinder auf dieser dunklen Treppe Verstecken gespielt oder Piratenkämpfe ausgetragen hatten. Sie bot die perfekte Atmosphäre für die Fantasiewelten kleiner Jungen. Er und seine Brüder hatten die Treppe auch genutzt, um sich vor dem Großvater zu verstecken, wenn er wieder einmal wütend auf einen von ihnen oder auf alle drei gewesen war. Dann waren sie in die Küche geflitzt und von dort in den Garten.

Bei der Erinnerung musste Aiden unwillkürlich lächeln. Im Entwischen war er schon immer gut gewesen – außer bei Ellen Zabinski.

Zu spät hörte er die sich nähernden Schritte. Er konnte gerade noch hochsehen, als er mit jemandem zusammenstieß, der von oben kam. Es war ein weiblicher Jemand, der vor Schreck einen kleinen Schrei ausstieß. Aiden fürchtete zu stürzen und beugte sich vor. Ihre Körper prallten voll gegeneinander, weich und biegsam der eine, hart und muskulös der andere.

Aiden erstarrte für einen Moment, bevor er tief durchatmete – und dabei den frischen Duft ihres Haars einatmete. Sein Körper erwachte jäh zum Leben. Ihre sanften Kurven und der Duft ihrer Haut reizten ihn, sie an sich zu ziehen. Seine Hände lagen auf ihren Hüften und weigerten sich, sie wieder freizugeben.

Er war eindeutig zu lange ohne Frau gewesen. Deswegen liefen seine Hormone jetzt Amok. Seine strikte One-Night-Stand-Politik hatte zu einer Reihe flüchtiger und auf Dauer unbefriedigender Begegnungen geführt.

Die Treppe lag im Halbdunkel, und das Dämmerlicht schuf eine intime Atmosphäre. Aiden spürte, wie ein leichtes Beben durch Christinas Körper lief, das in seinem ein Echo fand. Es dauerte wesentlich länger, als er sich eingestehen mochte, bevor er sich wieder im Griff hatte.

„Spielst du wieder den Invader, Christina?“

Er spürte, wie sie sich versteifte – genau wie er gehofft hatte.

Sie stützte sich mit einer Hand gegen die Wand ab. „Tut mir leid, dass ich dich nicht gesehen habe“, sagte sie hastig.

Mir nicht!

„Und zum Mitschreiben: Ich bin kein Invader. Ich dringe in niemandes Territorium ein und wäre dir sehr dankbar, wenn du diesen albernen Spitznamen vergessen könntest.“

Wenn sie wüsste! Er hatte sie damals nur deswegen so gnadenlos gehänselt, weil er eifersüchtig gewesen war auf die Aufmerksamkeit, die sie erhalten hatte. Und seine Eifersucht war so weit gegangen, dass er ihr eines Tages Dinge an den Kopf geworfen hatte, die unverzeihlich waren.

„Und was die Heirat angeht: Ich versuche nur zu helfen, Aiden. Mehr nicht.“

„Wieso solltest du? Ich bedeute dir doch nichts.“

„Genauso wenig wie ich dir. Aber ich mag Lily.“

Sein Instinkt, der ihn bei geschäftlichen Entscheidungen stets sicher leitete, versagte hier völlig. „Was hat James gegen dich in der Hand?“

„Lily“, sagte sie schlicht.

„Wieso? Es gibt auch andere Menschen, die eine Krankenschwester brauchen.“

Das Funkeln ihrer Augen war sogar im Dämmerlicht wahrzunehmen. Er konnte sich glücklich schätzen, nicht von der Hitze versengt zu werden. Stattdessen entstand ein kühler Lufthauch, als sie einen Schritt zurückwich. „Wärst du in den vergangenen zehn Jahren hier gewesen, wüsstest du, dass Lily wie eine Mutter für mich war. Und das schon seit unserer Kindheit.“ Sie sah einen Moment zu Boden und musste sich erst wieder fangen, bevor sie weitersprechen konnte. „Ich weiß, was ich zu tun habe.“

Irgendwie machte ihre Haltung ihn wütend. „Du verkaufst dich an einen Fremden. Wofür? Für Geld? Hoffst du, der Alte gibt dir ein Stück vom Kuchen, wenn du dich nur genug bemühst?“

„Nein“, beharrte sie, „ich verkaufe mich nicht! Aber ich bin bereit, mich zu opfern, wenn es Lily hilft.“ Sie hatte ihre Fassung zurückgewonnen. „Als Krankenschwester und Freundin bin ich überzeugt, dass Lily spürt, wo sie ist. Dieses Haus war immer ihr Zufluchtsort seit jenem Autounfall. Ich bin sicher, dass es ihr schaden würde, sie von hier fortzubringen. Zumal, wenn er sie in … in dieses Pflegeheim steckt. Ich würde alles tun, um ihr das zu ersparen.“

„Glaubst du wirklich, dass er das machen würde?“

„Du weißt doch, dass er keinerlei Skrupel hat.“

„Du scheinst ihn sehr gut im Griff zu haben.“ Er musste daran denken, wie sie den Alten dazu gebracht hatte, seine Medizin zu nehmen.

„Er folgt meinen Anweisungen nur, weil er Angst hat zu sterben!“

„Er hat vor nichts Angst.“

„Ich glaube, im tiefsten Innern hat jeder von uns vor irgendetwas Angst, Aiden.“ Ihr unsicherer Atem verriet, dass auch sie Ängste kannte, aber nicht die Absicht hatte, sie preiszugeben. „Der Tod ist der einzige Gegner, den James nicht bezwingen kann.“

Aiden verstand nicht, wieso, aber er fühlte sich Christina plötzlich merkwürdig verbunden.

Die plötzliche Stille schien zu viel für sie. Sie tat einen Schritt vor, als wolle sie die Treppe hinuntergehen. Die Höflichkeit hätte es geboten, beiseitezutreten, aber Aiden brachte es nicht über sich. Sehnte sich danach, noch einmal ihren Körper an seinem zu fühlen. Die Spannung zwischen ihnen stieg.

„Du bist also wirklich bereit, das Ganze durchzuziehen?“ Er hielt den Atem an, während er auf ihre Antwort wartete. Was für eine Qual, das nächste Jahr mit dieser Frau zu verbringen und die Hände von ihr lassen zu müssen. Konnte er das? Das alles ist ein Riesenfehler!

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob ich … ob ich ein Bett mit dir teilen kann.“

Ihr Ton verriet abgrundtiefes Unbehagen. Vielleicht sollte er ihr das Bett schmackhafter machen.

„Mach dir keine Sorgen. Ich lasse mir was einfallen.“

„Hast du nicht vielleicht irgendeine Bekannte, die als Ehefrau in Frage käme? Ich meine, ich war ja sehr schnell mit meinem Angebot. Du hattest nicht wirklich eine Wahl …“

Wollte er das denn? Er hatte in den vergangenen Jahren manche Frau gehabt, aber keine, die an etwas so Profanem wie einer Ehe interessiert gewesen wäre.

„Nein.“ Endlich trat er beiseite. „Und ich glaube, ich könnte meiner Assistentin nicht genug bieten, damit sie bereit wäre, ein ganzes Jahr hier mit mir in der Pampa zu verbringen.“

„Na, so schlimm ist es ja nun auch nicht“, widersprach sie und schlängelte sich so elegant an ihm vorbei, dass sie ihn nicht noch einmal berührte.

Was ihm nur recht sein sollte!

„Wir mögen hier nicht das kulturelle Angebot von New York City haben“, fuhr sie fort, „aber wir haben ein Kino, ein paar nette Restaurants und den Countryclub.“ Wortlos folgte er ihr in die Küche. „Ich selbst bin an dem Club nicht sonderlich interessiert“, setzte sie hinzu, „aber jedem das Seine.“

Interessant. „Was sagen denn eigentlich deine Eltern dazu?“

„Wer weiß?“ Und wen interessiert das?! sagte ihr Ton.

Eine Weile schien jeder von ihnen seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Christina gab sich schließlich einen Ruck.

„Ehrlich, Aiden – ich möchte nur helfen. Die Situation ist alles andere als angenehm, aber für Lily …“

Konnte er die gleiche Kraft aufbringen wie sie?

Vorsichtig stieg Christina die regennassen Stufen vor dem Standesamt von Black Hills hinunter. Sie folgte Aiden und Canton. Soeben hatten sie die Papiere beantragt, die für die Heirat nötig waren.

„Nun ist es offiziell!“, hatte der Beamte gesagt und vor Stolz darüber gestrahlt, eine Blackstone-Ehe in die Wege geleitet zu haben.

Nun blieb Christina noch eine Woche, bis die Dokumente eintrafen. Eine Woche, in der sie ihre Entscheidung zurücknehmen konnte. Aber wenn sie an Lily dachte, die nun sicher in ihrem Haus war, dann wusste Christina, dass sie bei ihrem Entschluss bleiben würde.

Die drei erreichten gerade die unterste Stufe, als eine Gruppe junger Männer vorbeikam. Sie waren genau das, wonach sie aussahen: ein paar junge Männer aus der Kleinstadt, die ihr Wochenende bei Lola’s einläuten wollten, der kleinen Bar an der Ecke.

„Seht mal da, Jungs! Aiden Blackstone – zurück aus New York City!“

Christina wand sich innerlich. Jason Briggs war wohl der unangenehmste Typ der Stadt. Ein Maulheld, wie er im Buche stand.

„Jason.“ Aiden nickte dem jungen Mann knapp zu. Seinem Ton nach zu urteilen, hatte er Jason nicht in bester Erinnerung.

„Was willst du hier?“, fragte Jason, als ginge es ihn etwas an. „Kann mir nicht vorstellen, dass du nach so langer Zeit einfach mal so auf Besuch kommst.“ Er sah an Aiden vorbei zu Christina. „Oder?“

Die anderen jungen Männer lachten hämisch. Christinas Anspannung wuchs. Im Gegensatz zu Jason war Aiden nicht der Typ für eine handfeste Auseinandersetzung. Überhaupt hätte der Kontrast zwischen den beiden nicht größer sein können. Hier der grobe Jeanstyp, dort der immer elegant gekleidete Aiden in schwarzer Hose und Seidenhemd, das dunkle Haar modisch gestylt, die markanten Züge sicher dazu angetan, die New Yorkerinnen genauso zum Schwärmen zu bringen wie die Schönheiten aus dem Süden. Wie Christina …

Der Vergleich der Männer glich dem von Dynamit mit Silvesterböllern. Jason und seine Freunde mochten große Fische in einem kleinen Teich sein, aber Christina setzte auf den Hai, der sich jetzt in ihre Mitte begab.

Die Metapher schien passend, denn Aiden bewegte sich mit der Selbstsicherheit eines Mannes, dem nichts passieren konnte. „Ich bin hier, um die Arbeit meines Großvaters weiterzuführen, nachdem er krank geworden ist“, erklärte er gelassen.

In der Gruppe kam Gemurmel auf. Jason sah Aiden herausfordernd an. „Ich glaube nicht, dass jemand wie er die Probleme besser lösen kann als Bateman.“

„Wer ist Bateman?“, fragte Aiden.

Keiner der Männer bequemte sich zu einer Antwort, bis Christina rasch erklärte: „Bateman ist zurzeit der geschäftsführende Manager der Spinnerei.“

„Das muss man sich mal vorstellen!“, höhnte Jason. „Der Mann weiß nicht mal, wer Bateman ist, und glaubt, er könnte den ganzen Mist stoppen, der dort abläuft!“

„Ich bin sicher, ich komme klar.“ Aiden verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich ein wenig zurück. Da er immer noch auf der untersten Stufe stand, wirkte er automatisch überlegen.

Jason versuchte einen Moment, ihn zu Boden zu starren, bevor sein Blick zu Christina wanderte. Ein schwächeres Ziel. Sie bezwang den Wunsch, sich hinter Aiden in Deckung zu bringen. Jason war ein paar Jahre älter als sie. Er hatte es nie verwunden, dass sie ihn hatte abblitzen lassen, und nutzte auch heute noch jede Gelegenheit, sie anzugiften. „Ich nehme an, du hast ihm geholfen, was, Süße? Ist das alles, was du ihm gegeben hast? Informationen?“

Überzeugt, dass er ein paar Treffer gelandet hatte, signalisierte er seiner Gruppe weiterzuziehen. Aiden sah ihnen nach, bevor er fragte: „Er arbeitet in der Spinnerei?“

„Ja. Soweit ich weiß, sitzt sein Vater in der Verwaltung“, erklärte Canton, noch bevor Christina etwas sagen konnte.

„Das wird ihm nicht helfen, falls er sich Christina gegenüber noch ein einziges Mal derart unverschämt benimmt.“

Erschrocken betrachtete sie seine Züge, die sich sichtlich verhärtet hatten. Sie hatte noch nie einen Mann an ihrer Seite gehabt, der bereit gewesen wäre, sie zu verteidigen. Dass Aiden imstande war, Jason ihretwegen zu bestrafen … Sie war sich nicht sicher, wie sie dazu stand.

Stirnrunzelnd sah Christina den jungen Männern nach. Vielleicht hatte sie mehr von ihrer Mutter, als ihr lieb war. Keiner der jungen Männer aus der Stadt hatte sie je interessiert. Typen wie Jason, die sich für Gottes Geschenk an die Frauen hielten, stießen sie ab. Aber Aidens ruhige, selbstsichere Art verursachte ihr jedes Mal, wenn sie ihn ansah, ein Kribbeln im Bauch. Das konnte nur Probleme bringen. Besonders in ihrer jetzigen Situation.

Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Aiden sie aufmerksam beobachtete. Bitte, lass ihn nicht meine Gedanken lesen können! flehte sie stumm.

„Was hat er gemeint?“, wollte Aiden wissen.

Fragte er sie? Wieso nicht den Anwalt? Aber die Richtung von Aidens Blick war eindeutig.

„Ich weiß nur, dass es in der Spinnerei ein paar Probleme gegeben hat. Es sind merkwürdige Dinge passiert. Lieferungen kamen verspätet oder überhaupt nicht. Einwandfreie Maschinen funktionierten plötzlich nicht mehr. So etwas in der Art.“

„Sabotage.“ Nachdenklich kniff Aiden die Augen zusammen.

„Bestimmt nicht!“, widersprach Canton. „Einfach eine Reihe unglücklicher Zufälle, das ist alles.“

Aber Christina wollte Aiden nichts vormachen. „Einige Leute glauben, es sei Sabotage. Aber es gibt keine Beweise. Die Leute in der Stadt werden nervös. Sie haben Angst um ihre Jobs …“

Canton hüstelte und bedachte sie mit einem Blick, der sie deutlich aufforderte, den Mund zu halten. „Alles wird gut, sobald die Leute sehen, dass wieder ein starker Blackstone am Ruder steht.“

Aiden betrachtete sie nachdenklich. Da sie ihm in die Augen sah, erkannte sie den Moment, in dem er begriff, dass sie ihm nützlich sein konnte. Sie kannte diese Stadt wesentlich besser als er. Und Jason hatte soeben bewiesen, dass es kein leichtes Unterfangen sein würde, die Position des größten Arbeitgebers der Gegend zu übernehmen.

Aiden hatte keinen leichten Weg vor sich – und sie hatte das Gefühl, gerade erwählt worden zu sein, ihm diesen Weg zu ebnen.

4. KAPITEL

Christina liebte es, Lily vorzulesen. Manchmal entschied sie sich für Gedichte aus einem Lyrikband, dann wieder las sie Artikel aus einer Zeitschrift oder kürzere Geschichten. Heute wurde ihr Lesen von gedämpften Lauten aus dem Nachbarzimmer unterbrochen. Christina lauschte. Die Geräusche hielten an. Mit einem raschen Blick vergewisserte sie sich, dass Lily okay war. Dann legte sie das Buch beiseite und eilte durch das Ankleidezimmer.

Die Geräusche wurden lauter. Kamen eindeutig aus ihrem Schlafzimmer. Was war da los?

Vorsichtig zog sie die Tür auf und sah – nichts. Beziehungsweise eine Wand. Genauer: eine Matratzenwand.

Während sie zurück in Lilys Suite ging, um den Ausgang zum Korridor zu nehmen, stieg ihr Adrenalinpegel. Nolen stand vor ihrem Zimmer, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Miene sprach Bände.

„Was ist los?“, fragte sie schroff.

Nolen schüttelte den Kopf. „Master Aiden hatte schon immer merkwürdige Ideen …“

Christina spürte, wie ihre innere Anspannung wuchs. Was hatte er vor? Ihr Herz sank, als sie einen Blick in ihr Zimmer werfen konnte. Es war das reinste Chaos.

„Wieso stellst du die Möbel um?“ Ihr Ton verriet Panik. Das konnte er doch nicht machen! Er konnte nicht einfach ohne Erlaubnis hier einziehen!

Möbelstücke waren beiseitegeschoben worden, ihr Bett war auseinandergenommen. Mitten in diesem Tohuwabohu stand Aiden mit seinen braunen Cargo-Pants und einem blauen Hemd, die Ärmel aufgekrempelt – der Inbegriff von Männlichkeit inmitten ihres in Rosatönen gehaltenen Girly-Lands.

Er nickte den Spediteuren zu. „Ich glaube, den Rest schaffe ich allein.“

Christina kochte vor Wut. Fassungslos sah sie zu, wie die Männer ihre alte Matratze mitnahmen.

„Danke, Nolen“, hörte sie Aiden sagen, bevor er die Tür schloss.

„Findest du nicht, dass wir zuerst darüber hätten sprechen sollen?“

„Wozu?“ Er zuckte die Schultern. „Hast du nicht gesagt, du würdest mitmachen? Für Mutter?“

Sie zwang sich, die Ruhe zu wahren. „Ja, aber ich habe nicht gesagt, dass ich ein Bett mit dir teilen würde.“

Er schwieg so lange, dass sie schon nervös wurde. Schließlich meinte er: „James wird seinen Willen bekommen – hast du das nicht selbst gesagt?“

„Aber wenn wir ihm zuliebe heiraten, dann …“

„Er will alles oder nichts, Christina. Das weißt du. Aber ich werde dich zu nichts zwingen …“

Sie zog die Brauen in die Höhe und ließ den Blick über das Chaos schweifen. „Das hier will ich definitiv nicht!“

„Jeder hat seine Seite. Ich lasse meine Sachen oben in meinem Zimmer, sodass sie dich nicht stören. Das hier muss nicht intimer sein, als würden wir in getrennten Betten schlafen.“

Sie hätte ihn gern angesehen, um festzustellen, ob er seinen eigenen Worten glaubte, aber sie brachte es nicht über sich. Stattdessen klammerte sie sich an den letzten Rest Würde, der ihr noch geblieben war.

„Also wenn wir uns auf die Sache einlassen, dann ganz oder gar nicht“, erklärte Aiden. „Was ist jetzt?“

Christina dachte an Lily. „Okay.“ Seufzend betrachtete sie die riesige Matratze. „Hättest du nicht zwei kleine nehmen können?“

Sein Grinsen war waffenscheinpflichtig. „Wo bliebe denn da der Spaß?“

Mit bleiernen Bewegungen zog Christina sich ihr Nachthemd über. Der Tag war lang gewesen, und vor ihr lag eine wahrscheinlich noch längere, schlaflose Nacht. Ihre Gedanken drehten sich um Lily. Um die Gesundheit von James. Um den Deal, auf den sie sich eingelassen hatte. Um Aiden … Immer wieder um Aiden.

Nicole war in den folgenden zwei Tagen mit Klausuren beschäftigt, aber Christina freute sich auf die Zeit, in der sie sich allein um Lily kümmern würde. Manchmal wünschte sie sich, die Pflege wäre etwas arbeitsaufwendiger, weil sie das vielleicht davor bewahrt hätte, zu viel zu grübeln.

Sie seufzte schwer, während sie den Blick durch das kleine Schlafzimmer gleiten ließ. Bald würde sie die Frau von Aiden Blackstone sein. Bei dem Gedanken spürte sie eine Mischung aus Angst und prickelndem Verlangen durch ihren Körper pulsieren.

Versonnen betrachtete sie das riesige Bett, das fast das ganze Zimmer einnahm. Wie, um alles in der Welt, sollte sie ein Bett mit Aiden Blackstone teilen?

Da ihr die nötige Fantasie fehlte, sich die Situation auszumalen, beschloss sie, sich darüber Gedanken zu machen, wenn es so weit war. Müde glitt sie unter die Decke. Was würde sie nicht geben für ein paar Stunden entspannten Schlafs!

Aber noch bevor sie eine Chance hatte, in Morpheus’ Arme zu sinken, hörte sie ein Geräusch in Lilys Zimmer. Wie benommen hob sie den Kopf. Das Geräusch wiederholte sich, zwar gedämpft durch das dazwischenliegende Ankleidezimmer, aber dennoch deutlich. Waren Nolen oder Marie gekommen, um noch einmal nach Lily zu sehen, bevor sie sich zur Ruhe begaben?

Seufzend ließ Christina sich aus dem Bett gleiten. In den zwei Jahren seit Lilys Schlaganfall hatte sie immer wieder einmal Geräusche aus dem Zimmer gehört. Manchmal kam jemand vorbei, um Gute Nacht zu sagen. Manchmal schlug ein Ast der Eiche an das Fenster. Manchmal waren es auch nur die Geräusche des alten Hauses, die sie geweckt hatten.

Jedes Mal hatte Christina den Hauch von Hoffnung, Lily selbst hätte diese Geräusche verursacht haben können. Aus tiefstem Herzen wünschte sie sich, Lily würde aufwachen und sie anlächeln. Würde sie in den Arm nehmen und ihr versichern, es sei wieder alles in Ordnung. Und ihr versichern, sie sei nicht schuld an dem Ganzen.

Aber das blieb eine leere Hoffnung – die Christina langsam das Herz brach.

Der Klang einer gedämpften Stimme war durch die nur angelehnte Tür zum Ankleidezimmer zu hören. Die Worte „Hey, Mom!“ ließen Christina erstarren. Aiden? Soweit sie wusste, war er seit seiner Rückkehr nach Blackstone Manor noch nicht bei seiner Mutter gewesen. Aber sie hatte darauf gehofft. Eines Tages …

Sie wusste, sie sollte gehen. Sollte ihn ungestört lassen. Stattdessen trat sie näher zur Tür und warf einen Blick durch den Spalt ins Zimmer.

Aiden saß in dem Sessel neben dem Bett. Im Schein der Nachttischlampe erkannte sie den gesenkten Kopf. Die Schultern waren herabgesunken, als laste eine große Bürde auf ihnen. Er schwieg. Rührte sich nicht. Schien kaum zu atmen. Es fiel ihr schwer, in ihm den Mann wiederzuerkennen, mit dem sie die Konfrontation auf der Treppe gehabt hatte. Oder den Mann, der sich Jason und seiner Gruppe entgegengestellt hatte.

Ihr Gedankengang wurde unterbrochen, als er plötzlich den Kopf hob, sodass sie seine markanten Züge erkennen konnte. Das Kinn war mit dunklen Bartstoppeln bedeckt. Da er für gewöhnlich immer perfekt rasiert war, rührte dieser kleine Makel sie irgendwie. Ein Zeichen seiner Müdigkeit. Würden die Stoppeln beim Küssen kratzen? Sie schalt sich für die müßige Frage.

„Ich habe es vermasselt, Mom.“ Nicht nur die Worte, insbesondere der sachliche Ton, in dem sie gesprochen wurden, überraschte Christina. „Ich bin damals im Zorn gegangen. Ich wusste nicht, was es mich kosten würde. Oder vielmehr uns beide. Besonders dich.“

Mit der Hand fuhr er sich durch das Haar. „Du hast mir damals keinen Vorwurf gemacht und tust es wahrscheinlich auch heute nicht. So bist du. Aber ich mache mir Vorwürfe. Ich …“

Er verstummte. Das leise Schluchzen zerriss Christina schier das Herz. Am liebsten wäre sie zu ihm gegangen, hätte ihn in den Arm genommen und ihm gesagt, dass seine Mutter alles verstand. Doch in letzter Sekunde hielt sie sich zurück.

Invader – Eindringling! Aiden würde ihren Trost nicht wollen.

„Aber ich werde es wiedergutmachen. Ich verspreche dir, du wirst den Rest deines Lebens hier in diesem Haus verbringen.“

Dafür will ich auch sorgen! dachte Christina.

Er erhob sich, die Hände zu Fäusten geballt. „Großvater glaubt, das hier sei ein Spiel“, hörte sie ihn sagen. „Mit ihm als dem großen Regisseur. Aber das ist es nicht. Es ist ein Akt der Buße. Schließlich hast du den Unfall gehabt, als du von mir kamst. Du hast mich besucht, weil ich mich geweigert habe hierherzukommen. Zu dir. Es war mir wichtiger, ihm zu trotzen, als dich zu besuchen.“ Er schwieg lange. „Es tut mir leid, Mom.“

Langsam verließ er das Zimmer.

Christina rührte sich nicht. Plötzlich war ihr klar geworden: Was für James ein Spiel sein mochte, war für Aiden etwas sehr viel Tiefergehendes. Sollte er je erfahren, welche Rolle sie bei Lilys Unfall gespielt hatte, würde sie am meisten von allen verlieren.

5. KAPITEL

Fast eine Woche nachdem Aiden bei seiner Mutter gewesen war, trafen die Papiere ein, die zur Heirat nötig waren – und Aiden fühlte sich so elend wie lange nicht.

Oh, natürlich würde er die Sache durchziehen. Das war das Letzte, was er für seine Mutter tun konnte. Sie hatte hier ihr Zuhause gefunden, hatte ihren festen Platz in der Gesellschaft gehabt und würde sich wünschen, dass auch ihm dies alles wichtig war.

Er konnte ihr nicht versprechen, dass er bleiben würde. Aber er konnte ihr versichern, dass sie gut versorgt war und dass auch das Leben in der Stadt so weitergehen würde wie bisher.

Aber immer wieder musste er an die Begegnung mit Christina auf der Treppe denken und daran, wie temperamentvoll sie mit ihm in ihrem Schlafzimmer diskutiert hatte. In dem Schlafzimmer, das bald auch seins sein würde. Ihr Temperament war im wahrsten Sinne vielversprechend … Das machte es absolut unumgänglich, ein paar Grundregeln mit seiner zukünftigen Frau festzulegen, damit sie beide wussten, was sie zu erwarten hatten – von der Situation und voneinander.

Marie hatte ihm gesagt, Christina sei im Garten. Er fand sie bei den Lilien, die in voller Blüte standen. Sie saß auf der Bank im Schatten eines alten Baums. Ein Bild der Ruhe.

Er kam sofort zur Sache. „Hör mal, Christina, was diese Ehe angeht. Wir sollten …“

„Hallo, Aiden!“ Sie sah zu ihm auf. „Willst du dich nicht zu mir setzen?“ Lächelnd deutete sie auf die zweite Bank, die ihrer gegenüberstand.

Er runzelte die Stirn. „Das Ganze ist eine rein geschäftliche Vereinbarung. Und als solche sollten wir sie auch behandeln.“

„Aiden!“ Sie imitierte seinen sachlich kühlen Ton. „So werden hier im Süden keine Geschäfte gemacht. Oder hast du das schon vergessen? Also hör schon auf, dich wie ein Idiot zu benehmen, und setz dich.“

Er verspürte eine Mischung aus Ärger und widerstrebender Bewunderung – und gleichzeitig ein Pulsieren an all den falschen Stellen seines Körpers. Denselben strengen Blick hatte sie auch bei James gehabt. Die emporgezogene Braue schien ihn zu warnen, sich ihr zu widersetzen.

Okay. Er war jetzt ein New Yorker, aber er hatte den Verhaltenskodex des Südens noch nicht vergessen. So zwang er sich, den angebotenen Platz einzunehmen, und sah sie lächelnd an. „Wie geht es Ihnen heute, Miss Christina?“

Diese typische Gesprächseröffnung ließ sie unwillkürlich auflachen. Zum ersten Mal fragte er sich, was diese fiktive Ehe für sie bedeuten mochte. Er hatte sie als lästiges kleines Mädchen in Erinnerung, das immer mit großen Augen um Aufmerksamkeit zu betteln schien. Vielleicht waren seine Erinnerungen aber durch seinen Verdruss getrübt, dass sie die Aufmerksamkeit erhielt, die er ebenfalls gern gehabt hätte.

Jetzt saß da eine selbstbewusste Frau. Sie hatte Rückgrat. Stand zu dem, was sie für richtig hielt. Er wollte sie besser kennenlernen. Wollte herausfinden, ob sich die Hingabe, die sie den Menschen erwies, die ihr nahestanden, auch auf jemanden wie ihn übertragen ließ.

Bei dem Gedanken konnte er nur den Kopf schütteln. Nein, so weit würde es nicht kommen. Wenn er wieder ging, sollte es ein klarer Schnitt sein. So hatte er es bisher immer gehalten: keine Verpflichtungen. Nicht einmal gegenüber der Frau, die er heiraten wollte.

Das bedeutete nicht, dass er nicht mehr über sie in Erfahrung bringen sollte – und sei es nur, um sie beide sicher durch das kommende Jahr zu bringen. Ja, klar! Wem versuchte er da etwas vorzumachen?!

„Bist du bereit?“ Sein Ton war etwas weicher geworden.

„Ich glaube schon.“ Ihr Blick glitt über die Blumen. „Ich glaube, auch richtige Bräute sind nie wirklich bereit für den großen Schritt.“

Du bist eine richtige Braut! Er hielt die Worte zurück. „Es wird alles schnell vorbei sein. Ehe wir’s uns versehen, bin ich zurück in New York, und du bist wieder frei.“

„Wie meinst du das?“ Sie hatte die Stirn gerunzelt.

„Ist das nicht offensichtlich?“

„Nein, für mich nicht. Wie willst du dich von New York aus um deine Mutter und die Spinnerei kümmern, ohne deinen Teil der Vereinbarung zu brechen? James wird keinerlei Abstriche machen, dessen kannst du dir sicher sein.“

„Ich werde dafür sorgen, dass sich jemand um Mutter kümmert. Und für die Spinnerei stelle ich einen fähigen Manager ein. Ich weiß, wie …“

„Damit hältst du dich nicht an James’ Bedingungen.“

„James spielt nicht fair. Wieso sollte ich es tun?“

„Weil deine Mutter es von dir erwarten würde?“

Er schluckte. Sie hatte recht. Seine Mutter war immer für Fairness und Anstand gewesen, auch wenn es der schwierigere Weg war.

„Mach dir keine Sorgen. Ich werde eine Möglichkeit finden, diesen Mist zu beenden.“

„Danke für die Blumen“, konterte sie trocken.

„Würdest du bitte nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen und mir einfach vertrauen?!“

„Wieso sollte ich das? Ich kenne dich kaum.“

„Ich weiß, was ich tue. Mein Großvater glaubt, er könne uns austricksen. Er zwingt uns zur Heirat …“

„Irrtum – er zwingt nur dich!“

Aiden musste daran denken, wie sie aus dem Schatten getreten war und sich bereit erklärt hatte, ihn zu heiraten. „Aber wollen wir es zulassen, dass er den Kurs noch länger bestimmt? Es wäre mir weitaus lieber, selbst am Ruder zu stehen.“

„Was schlägst du vor?“

„Eine Partnerschaft. Eine geschäftliche Übereinkunft mit ein paar gemeinsamen Zielen. Ohne irgendwelche überflüssigen Zwänge.“ Diese Vereinbarung galt mehr seinem eigenen inneren Frieden als ihrem. Er wusste, dass er dieser Frau nicht zu nahekommen durfte – schließlich war er kein Heiliger. Aber er würde nicht allein sein in diesem Bett.

Und Sex würde die Angelegenheit nur unnötig verkomplizieren.

Keine Frau sollte im Kittel zur Trauung erscheinen, auch wenn die Hochzeit nur fiktiv war!

Christina hatte keine Zeit gehabt, sich umzuziehen, als James sie in seine Bibliothek zitiert hatte. Sie hatte erwartet, er wolle mit ihr über Lily sprechen oder über seine Gesundheit, aber stattdessen erwartete er sie zusammen mit einem Standesbeamten.

Aiden trug einfach nur seine Khaki-Hose und ein schwarzes Polohemd. Er hatte sich das Haar wie gewohnt mit Gel gestylt, während sie ihres einfach zu einem praktischen Pferdeschwanz gebunden hatte. War es nicht verzeihlich, einen Mann dafür zu hassen, dass er so unglaublich gut aussah?

Als der Beamte ihr ein wohlwollendes Lächeln schenkte, hatte sie so etwas wie Gewissensbisse. Aber was sollte sie tun, um diese Situation abzuwenden? Schreiend davonzulaufen war nicht wirklich eine Option. Lily hatte ihr beigebracht, sich stets wie eine Dame zu benehmen. Vielleicht waren es die verrückten Gene ihrer Mutter, die im Moment um die Oberherrschaft rangen …?

Sie ließ ihren Blick durch die Bibliothek gleiten. Die schweren Ledereinbände auf den Regalen aus dunklem Mahagoniholz verliehen dem Raum zusammen mit den dunkelgrünen Samtvorhängen an den Fenstern etwas Bedrückendes. Wieso mochte James dieses Zimmer? Weil ihm die düstere Atmosphäre noch mehr Macht zu verleihen schien?

Der Raum erinnerte sie an das Arbeitszimmer ihres Vaters. Dort hatte sie manch harte Strafe diktiert bekommen, wenn er an seinem Schreibtisch gesessen hatte, der diesem hier ähnlich war.

Plötzlich stand Aiden vor ihr und verdrängte jeden anderen Gedanken. „Alles okay?“ Forschend sah er sie an. „Ich meine, wir müssen das hier nicht durchziehen, wenn du nicht möchtest.“

Doch, das mussten sie. Für Lily. „Es geht schon“, murmelte sie.

Nolen erschien neben Aiden. „Möchten Sie noch jemanden dabeihaben, Miss Christina? Ich könnte anrufen …“

Das Letzte, was sie wollte, war, dass ihre Eltern jetzt hier auftauchten. Und ihr Bruder würde die Zeremonie als reine Zeitverschwendung betrachten. Nein, je weniger Leute davon wussten, desto besser.

Zumindest im Moment. Die Heirat würde sich ohnehin wie ein Lauffeuer herumsprechen. Das war so in einem kleinen Ort wie Black Hills.

Sie atmete einmal tief durch. „Danke, Nolen, das ist nicht nötig. Ich bin bereit.“

Der Standesbeamte sah sie an, als kenne er all ihre Geheimnisse. Sie konnte sich schon das Gerede der Leute vorstellen, wenn sich herumsprach, dass sie den Blackstone geheiratet hatte, der seit zehn Jahren nicht mehr in der Stadt gewesen war. Aber Lilys Wohlergehen war mehr wert als ihr Stolz.

„Nun kann’s doch endlich losgehen …“ James wurde ungeduldig.

Christina hörte Nolen und Canton hinter sich.

Für Lily!

„Liebe Anwesenden! Wir sind hier heute versammelt, um zwischen diesen beiden Menschen den heiligen Bund der Ehe …“

Für Lily!

„… wollen Sie, Aiden, die hier anwesende Christina zu Ihrer angetrauten Frau nehmen, sie lieben, achten und ehren alle Tage Ihres Lebens, in guten und schlechten Zeiten, bis dass der Tod Sie scheidet?“

Christina zwang sich, die Ruhe zu wahren. Für Lily …

„Ich will.“

„Christina, wollen Sie den hier anwesenden Aiden …“

Für Lily! „Ich will.“ Alle weiteren Worte blendete Christina aus. Dachte daran, was sie am Nachmittag für Lily tun musste. Und am Abend. Und am folgenden Tag. Irgendwoher tauchten Ringe auf. Und dann kam das erlösende Ende der Formel: „… so erkläre ich Sie hiermit zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen.“

Sie hatte sich nicht erlaubt, an diesen Teil der Zeremonie zu denken. Glücklicherweise schien Aiden dem Moment mehr gewachsen als sie. Zart schob er einen Finger unter ihr Kinn und drehte sie zu sich. Wie in Trance nahm sie wahr, wie er sich zu ihr herabbeugte. Wie er seine Lippen auf ihre drückte …

Für mich.

Ihr Verstand gab auf. Die Emotionen gewannen die Oberhand. Weder hatte sie die heiße Woge des Verlangens erwartet, die sie jäh durchlief, noch das nahezu unwiderstehliche Bedürfnis, sich an ihn zu schmiegen. Hastig löste sie sich von ihm.

„Nicht so schlecht, wie du gedacht hattest, was, Junge?“ James lachte krächzend.

Aidens Blick, den er seinem Großvater zuwarf, war voller Verachtung. „Süß“, sagte er und fuhr sich dabei leicht über die Lippen. „Etwas, das du nicht verstehen würdest, Großvater.“

Christina wand sich innerlich vor Verlegenheit.

Falls der Standesbeamte erstaunt war über diesen Schlagabtausch, ließ er es sich nicht anmerken. Er zog einige Papiere aus der Tasche. „Dann wollen wir das Ganze noch schriftlich festhalten.“ Christina, Aiden und die Zeugen unterschrieben. Es war gerade alles besiegelt, als die Tür aufging.

„Überraschung!“ Marie schob einen Servierwagen herein – mit einer dreistöckigen Hochzeitstorte.

„Marie!“ Christina eilte zu ihr, um zu helfen. „Was hast du dir denn dabei gedacht …?“

„Ich? Was hast du dir gedacht? Hättest du nicht zumindest eine nette Bluse anziehen können?“ Missbilligend, aber lächelnd schüttelte Marie den Kopf.

Christina versuchte, die Kritik zu ignorieren, zupfte aber unwillkürlich ihren Kittel zurecht.

„Jede Hochzeit muss gefeiert werden“, sagte Marie laut und fügte nur für Christinas Ohren hinzu: „… es sei denn, du möchtest, dass der Beamte in der Stadt etwas anderes erzählt. Nicht ohne Grund hat James den Mann genommen, der die größte Klatschbase zur Frau hat.“

Christina nickte. Stumm schnitt sie die Torte an. Sie lächelte. Lily sollte auf sie stolz sein können.

Verstohlen musterte Christina ihren neuen Ehemann. Sie würde nicht mit ihm intim werden. Ihm würde es nichts bedeuten – ihr hingegen alles.

Wie ertrugen Menschen nur diese langen Hochzeitsempfänge? Nach zwanzig Minuten half Christina Marie, die Teller einzusammeln und aufzuräumen, während sich die Männer noch unterhielten. Plötzlich hörte sie die Haustür gehen. Nolen hatte kaum zwei Schritte Richtung Tür gemacht, als diese schon aufflog.

Herein kam Luke Blackstone, Aidens jüngerer Bruder. Attraktiv, cool und immer mit einem breiten Lächeln auf den Lippen, sei es im Privatleben oder vor den Kameras, wenn er als Rennfahrer interviewt wurde. Er war im Laufe der Jahre so etwas wie ein Bruder für Christina geworden. Von den drei Blackstones war er der einzige, der oft zu Besuch kam und ihre gemeinsame Freundschaft aus Kindertagen bewahrt hatte.

„Hallo!“ Er grinste in die Runde. „Was feiern wir denn hier?“

Fragend sah er Christina an, Marie, die Torte und dann die Männer. Er brauchte nicht lange, um eins und eins zusammenzuzählen. Mit wenigen Schritten war er bei seinem Großvater am Schreibtisch. „Was, zum Teufel, hast du getan?!“, herrschte er ihn an.

Am liebsten hätte Christina geweint. Nahm dieser Albtraum denn gar kein Ende?

6. KAPITEL

„Nun erklär mir doch noch mal, wieso wir am Abend deiner Hochzeit in einer Bar sitzen!“

Luke mochte die sehnsüchtigen Blicke aller Damen auf sich ziehen, aber Aiden verspürte bei seinem Anblick im Moment nur eines: den beinah unbezwingbaren Wunsch, ihn zusammenzuschlagen. Oder ihn in seinem aufgemotzten Sportwagen zurück nach Charlotte zu schicken.

„Offenbar ist meine Frau der Ansicht, sich auf diese Weise den Anblick des neuen Betts zu ersparen, das ich in ihr Zimmer gestellt habe.“

„Na, das scheint ja eine prickelnde Hochzeitsnacht zu werden. Bist du sicher, dass diese Heirat echt ist?“

„Ohne jeden Zweifel, ja.“ Und verlockender, als Aiden sich selbst eingestehen mochte. „Wenn auch nur auf Zeit. Aber das ändert nichts an den Bedingungen.“

Luke wurde ernst. „Ich versuche immer noch, das Ganze zu begreifen. Und ich möchte sichergehen, dass Christina nicht ausgenutzt wird.“

„Vielen Dank, dass du dir auch Sorgen um mich, deinen Bruder, machst“, entgegnete Aiden trocken.

„Ach, du kannst schon auf dich selbst aufpassen.“ Aidens Blick hätte ihn warnen sollen, aber Luke ignorierte ihn. „Außerdem: Hättest du unsere Hilfe gewollt, hättest du nur anzurufen brauchen. Jacob und ich wären sofort hier gewesen. Warum hast du nichts gesagt?“

„Und hätte zwei weitere Zeugen für meine Niederlage? Nein, danke.“

Luke war ernst geworden. „Wir wären auf deiner Seite gewesen, das weißt du.“

Aiden nickte. Zu allem Überfluss hörte er ausgerechnet den Idioten Jason am Tisch hinter sich große Reden schwingen. Die junge Bedienung warf schon besorgte Blicke in ihre Richtung. Aber Aiden hatte nicht die Absicht, sich hier in aller Öffentlichkeit mit einem Mann auseinanderzusetzen, der so weit unter seinem Niveau war.

Solange Jason nicht zu persönlich wurde, wollte er ihn ignorieren. Außerdem konnte er die Leitung der Spinnerei nicht gleich damit beginnen, dass er einen der Wortführer auf die Straße setzte. Aber irgendwann würde seine Zeit kommen – und dann könnte Jason sich warm anziehen!

Sie dankten der Serviererin, die Luke ein Bier brachte und Aiden den bestellten Scotch. Beide nippten an ihren Gläsern.

„Irgendwie verstehe ich das alles nicht“, sagte Luke nachdenklich, nachdem er Jason eine Weile zugehört hatte. „Jacob und ich haben eigentlich nie Schwierigkeiten mit den Leuten hier gehabt.“

„Ihr habt ja auch nicht in aller Öffentlichkeit verkündet, dass ihr die Leitung der Spinnerei übernehmen wollt. Ich nehme an, das ist wie ein Lauffeuer rumgegangen.“

„Großvater übergibt dir also wirklich die Leitung?“

„Es ist alles geregelt. Ich habe mich durch einen Berg an Papieren geackert. In der kommenden Woche treffe ich mich mit Bateman.“

Eine Serviererin kam mit einem vollen Tablett vorbei und stellte zwei Teller bei ihnen ab. „Wo ist KC? Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen“, erkundigte sich Luke.

Das Lächeln der jungen Frau wich einem Ausdruck des Unbehagens. „Ach, sie ist schon seit einiger Zeit nicht mehr in der Stadt“, erklärte sie vage.

Die beiden Männer wandten sich dem Essen zu. Immer wieder ließ Aiden den Blick in eine bestimmte Richtung wandern. Er und Luke saßen an der Ecke der Bar, die in der Mitte des Raums ein großes Quadrat bildete. Rundherum standen Tische, und am Ende des Raums gab es eine kleine Tanzfläche und eine Minibühne, auf der ein DJ Platten auflegte. Aiden konnte gerade noch einen Blick auf einen der Tische hinter der Tanzfläche werfen – und wer sonst sollte dort sitzen als seine hübsche Braut?

Waren sie ein Paar? Zu einer richtigen Hochzeitsnacht gehörten ein Bett und eine Dusche für zwei – mindestens! Stattdessen saßen sie hier in einer öffentlichen Bar. Getrennt. Aber da es keine normale Ehe war, sollte er seine Vorstellungen einer richtigen Hochzeitsnacht ganz schnell vergessen.

Und dennoch … Das Sprechen des traditionellen Ehegelöbnisses hatte Bilder vor seinem geistigen Auge erscheinen lassen. Erotische Bilder, die er besser verdrängen sollte, aber einfach nicht loswurde …

Immer wieder stahl sich sein Blick in Christinas Richtung. Sie saß dort mit mehreren Freundinnen, und immer wieder kamen andere hinzu, die kurz mit ihr sprachen. Offensichtlich war sie wegen ihrer herzlichen Art sehr beliebt in der Stadt. Unwillkürlich wünschte er, sie würde etwas davon auch für ihn übrig haben. Stattdessen war sie ihm gegenüber reserviert und lief sogar vor ihrer Hochzeitsnacht davon. Nicht sehr weit, aber immerhin – weit genug, um einem Mann das Gefühl zu geben, unwillkommen zu sein.

„Wie sehen die Pläne für die Spinnerei aus?“, wollte Luke wissen. „Ich könnte mir vorstellen, dass du dort nicht mit offenen Armen empfangen wirst. Aber ich wette, am Ende werden sie dich mehr mögen als den alten James. Sie müssen dich nur erst richtig kennenlernen.“

„Im Moment habe ich noch keine konkreten Pläne. Zuerst einmal muss ich herausfinden, was es dort für Probleme gibt. Dann will ich einen Manager einsetzen, der die Firma für mich leitet, damit ich nach New York und in mein eigentliches Leben zurückkehren kann.“

„Du willst also ihr Vertrauen gewinnen und bist gleichzeitig entschlossen, dich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit aus dem Staub zu machen?“

„So kannst du das nicht sehen. Ich will ihr Vertrauen gewinnen, um die bestmögliche Lösung für die Spinnerei und die Stadt zu finden. Ein guter Manager soll den Kurs fortsetzen und Idioten wie diesen Jason fernhalten. Auf diese Weise ist allen gedient.“ Er hob sein Glas in Christinas Richtung. „Und Christina wird mir helfen, die Menschen dazu zu bringen, mich zu akzeptieren. Sieh dir doch nur an, wie beliebt sie ist.“

„Das ist richtig“, stimmte Luke zu. „Aber damit sie dir hilft, müsstest du sie zuerst mal dazu bringen, sich in deiner Nähe aufzuhalten.“

Aiden nutzte das Privileg des älteren Bruders, Luke einen leichten Schlag auf den Hinterkopf versetzen zu dürfen. Am anderen Ende des Raums stand gerade die Serviererin neben Christinas Tisch und hielt ein Schwätzchen mit ihr. „Es geht dort zu wie in einem Taubenschlag. Das ist schon eine besondere Kunst, so akzeptiert zu werden.“

„Das kann man wohl sagen. Aber es hilft dir nichts, solange sie dort ist und du hier.“

Verdrossen sah Aiden seinen Bruder an.

Luke leckte sich einen Spritzer Soße vom Finger. „Ich mein ja nur, Bruderherz!“

War es der richtige Zeitpunkt? Christina hatte ihn noch nicht bemerkt. Er hatte diesen Platz an der Bar bewusst gewählt, um sie ungesehen beobachten zu können. Er wollte die Seiten von ihr entdecken, die sie ihm vorenthielt. Und nun konnte er den Blick nicht von ihr wenden – von ihrem sexy Lächeln und dem Licht, das auf ihre nackten Schultern fiel. Oh Gott! Wie kitschig war das denn?

Am folgenden Tag würde die ganze Stadt wissen, dass sie verheiratet waren. Es überraschte ihn, dass es jetzt noch nicht überall herum war. Und ihm war klar: Wenn er etwas bewirken wollte, dann mussten die Menschen glauben, dass seine Ehe echt war. Zumindest solange er hier war. Er erhob sich. Natürlich nur im Interesse der Firma. Und der Stadt. Wenn er es sich oft genug sagte, glaubte er vielleicht irgendwann selbst daran!

„Auf in die Schlacht!“

Diesmal erntete Luke für seine Bemerkung einen schmerzhaften Schlag auf die Schulter. „Auf geht’s!“ Aiden machte sich auf den Weg. Dabei spürte er, dass viele Gäste ihm hinterhersahen. Er hörte förmlich, wie die Menschen die Luft anhielten und warteten.

Schließlich fiel auch Christinas Blick auf ihn – und blieb an ihm hängen. Richtig, Sweetheart! Ich habe dich gefunden! Da war sie wieder – die Erregung, die ihn in ihrer Gegenwart immer befiel … Sein Puls beschleunigte sich. Seine Muskeln verspannten sich. Es war wie vor einer interessanten Preisverhandlung. Oder vor einer großen Auktion. Nur dass der Preis hier so viel mehr Lustgewinn versprach – wenn er es denn zuließ …

Das würde er natürlich nicht tun.

Er beugte sich zu ihr. „Hättest du Lust, mit mir zu tanzen, Christina?“

Panik zeigte sich in ihren Augen. Schnell schüttelte sie den Kopf. Er wiederholte seine Frage nicht. Stattdessen ließ er den Blick über die Frauen gleiten, die am Tisch saßen oder daneben standen. Ihr Interesse war unmissverständlich. Er sah, dass Christina keinen Ring trug. „Bist du sicher?“ Fragend sah er sie an.

Diesmal legte sie ihre Hand in seine und erlaubte ihm, sie an das andere Ende der Tanzfläche zu ziehen, fort von den Frauen, die heftig miteinander zu tuscheln begonnen hatten. Die Band spielte jetzt einen langsamen Song. Aiden zog Christina an sich und bewegte sich leicht im Rhythmus der Musik. Es ging im Moment nicht um das Tanzen – die Fläche wäre ohnehin zu klein gewesen für ausufernde Bewegungen. Er wollte nur, dass man sie zusammen sah. Dass man sah, wie sie sich unterhielten. Die Menschen mussten anfangen, sie als Paar zu akzeptieren.

Das hatte nichts damit zu tun, dass er sie in seinen Armen hielt. Überhaupt gar nichts.

Leider spielte Christina sein Spiel nicht mit. Ihr Rücken blieb steif, die Muskeln waren angespannt. Er zog sie noch ein wenig enger an sich und versuchte, die Wirkung zu ignorieren, die die Berührung ihres Körpers verursachte. Als ob das möglich gewesen wäre! Sie fühlt sich so unglaublich gut an!

„Du kannst dich entspannen, Christina“, murmelte er. „Schließlich sind wir verheiratet. Und dies ist unser erster Tanz.“

Gab ihm das nicht das Recht, die Hand über ihre seidige Haut gleiten zu lassen? Nein, das tat es nicht! Er musste es sich energisch in Erinnerung rufen.

Ihre Fingerspitzen gruben sich in seine Handfläche. „Es tut mir leid. Es liegt nicht an dir. Ich habe nur noch nicht oft getanzt.“

Er betrachtete sie aufmerksam, auch wenn sie seinem Blick betont auswich, indem sie über seine Schulter in die Ferne sah. „Wieso erzählst du mir nicht, wieso du unsere Hochzeitsnacht in einer Bar verbringst – ohne mich?“

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist ja wohl keine richtige Hochzeitsnacht.“

„Sollen die anderen das glauben?“ Mit dem Kopf deutete er Richtung Bar.

„Nein.“ Sie stolperte und musste sich für einen kurzen köstlichen Moment an ihm abstützen. „Ich … ach, ich weiß auch nicht.“

„Wieso bist du heute Abend hergekommen?“ Ausgerechnet an diesem Abend.

Er spürte, wie sie leicht die Schultern zuckte.

Das war nicht wirklich eine Antwort, aber er wollte sie nicht bedrängen. Schließlich konnte er sich ihre Beweggründe auch denken. Die Aussicht darauf, die Nacht mit einem Mann zu verbringen, der nahezu ein Fremder war, war offenbar nicht sehr verlockend. Für sie. Für ihn war es seit Jahren das übliche Prozedere, mit ihm nur flüchtig bekannten Frauen zu schlafen, wenngleich der Gedanke an Christina in diesem riesigen Bett völlig andere Reaktionen in ihm auslöste als die One-Night-Stands aus seiner Vergangenheit.

Er legte ihre Hände auf seine Schultern. Zog sie fester an sich, indem er seine Arme um sie legte.

Ihre Pupillen weiteten sich. Allmählich entspannte sie sich. „So ist es besser“, murmelte er. „Wir wollen doch nicht, dass irgendjemand denkt, du magst mich nicht. Schließlich dürfte es nicht mehr lange dauern, bis die Gerüchteküche brodelt.“

„Das täte sie bereits, wenn die Frau des Standesbeamten nicht gerade auf Besuch bei ihrer Schwester wäre“, bemerkte Christina trocken.

Aiden grinste. „Das ist doch die Kleinstadt, wie sie leibt und lebt!“

„Ja, das hatte James nicht bedacht. Aber hin und wieder muss eine Frau nun mal ihre Schwester besuchen.“ Christina teilte seine Belustigung.

Es erstaunte ihn, wie natürlich es sich anfühlte, sie in den Armen zu halten. Irgendwo meinte er das Schrillen leiser Alarmglocken zu hören, aber er beschloss es zu ignorieren. Die Reaktionen seines Körpers waren drängender. Seine Hände glitten ihren Rücken hinauf. Massierten ihn leicht. Spielten mit ihrem Haar. Wie mochte es sein, den Kuss vom Morgen zu wiederholen?

Nein. Ausgeschlossen. James wäre begeistert, dass sie seinen Plan so prompt umsetzten und eine echte aus ihrer arrangierten Ehe machten. Er wollte möglichst bald eine neue Generation heranwachsen sehen, die er unter seine Fuchtel bringen konnte. Aber Aiden hatte nicht die Absicht, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Ganz gleich, wie verlockend seine Frau sein mochte. Nie wieder sollte sein Großvater sein Leben bestimmen können.

„Hör mal, Christina“, murmelte er an ihrem Haar. „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich weiß, du wolltest das Bett nicht, aber jemand musste diese Entscheidung treffen. Ich versuche einfach, James’ Forderungen zu erfüllen, und sorge dafür, dass du bei Lily bleiben kannst.“

Er spürte ihr Seufzen mehr, als dass er es hörte. „Es war also reine Fürsorge, die dich dazu bewogen hat, das Bett ohne meine Zustimmung aufzustellen?“

„Aber die Matratze ist doch wirklich bequem, oder?“ Amüsiert sah er sie an.

„Das ist nicht witzig, Aiden!“ Ihre Augen blitzten.

„Ich verspreche, meine Hände im Zaum zu halten“, gelobte er feierlich – und setzte dann hinzu: „Es sei denn, du möchtest etwas anderes …“

Ihre Lippen öffneten sich, aber kein Wort kam heraus. Ihre Miene spiegelte die widersprüchlichsten Emotionen wider, so als könne Christina sich nicht entscheiden, ob sie ihn abblitzen lassen – oder ihn ermutigen sollte …

In diesem Moment endete der Song, und mit gemischten Gefühlen verließen sie die Tanzfläche.

7. KAPITEL

Christina war verblüfft. Die Hütte hatte sie schon lange vergessen. Als sie das letzte Mal so weit entfernt vom Haus gewesen war, hatte schulterhohes Gestrüpp jedes Weiterkommen verhindert.

Aber Aiden hatte offensichtlich hart gearbeitet, um das kleine Haus wieder zugänglich zu machen. Lily hatte es für ihn bauen lassen, als er noch ein Teenager gewesen war. Jetzt war die unmittelbare Umgebung von wild wachsenden Sträuchern befreit, und die alte Veranda wurde durch ein paar neue Balken abgestützt. Im Inneren der Hütte war laute Rockmusik zu hören.

Hier also hatte Aiden die vergangenen Tage verbracht! Seit der Hochzeit und jenem denkwürdigen Abend in der Bar war fast eine Woche vergangen. Christina hatte die Nähe ihres Mannes, soweit es ging, gemieden. Nachts hatte sie sich ganz auf ihre Seite des Bettes zurückgezogen, um jeder Berührung mit Aiden auszuweichen. Er hingegen streckte sich ungeniert aus.

Sie würde alles tun, damit sich nicht noch einmal wiederholte, was während der Hochzeitsnacht geschehen war. Aiden hatte das Schlafzimmer betreten, gerade als sie aus dem Bad gekommen war. Ganz langsam hatte er den Blick über ihre Shorts und das übergroße T-Shirt, die sie als Schlafanzug trug, gleiten lassen. Nervös war sie zu der von ihr bevorzugten Seite des Bettes geeilt und war unter die Decke geschlüpft. Wie eine keusche Jungfer hatte sie die Augen geschlossen – was sie jedoch nicht davon abgehalten hatte, mit verhaltenem Atem darauf zu lauschen, wie er sich auszog.

Müßig zu sagen, dass sie nicht viel Schlaf bekam. Und die Tage verliefen nicht weniger angespannt. Solange Luke da war, fungierte er ein wenig als Puffer, aber sie war froh, als er wieder abreiste, weil seine nachdenkliche Miene sie fast um den Verstand brachte. Ähnlich besorgte Blicke wurden ihr mehr als genug zugeworfen, wenn sie sich einmal in die Stadt wagte. Unter diesen Umständen konnte sie es Aiden nicht verdenken, dass er sich in die Hütte verzogen hatte. Sie wollte, sie hätte auch einen solchen Rückzugsort.

Sie klopfte und wartete einen Moment. Die Musik spielte immer noch in ohrenbetäubender Lautstärke. Nach einem weiteren Klopfen, das wieder ohne Antwort blieb, öffnete sie die Tür.

Mit hämmerndem Puls trat sie ein. Aiden stand in der hintersten Ecke der Hütte. Er hatte ihr den Rücken zugewandt. Sein Oberkörper war frei, Schweißperlen schimmerten darauf. Das Spiel seiner Muskeln hatte etwas Faszinierendes, während er Hammer und Meißel schwang.

Vor ihm lag ein Steinblock, den er konzentriert bearbeitete. Überrascht registrierte Christina eine Reihe halb fertiger Skulpturen. Auf dem Tisch lag eine ganze Batterie verschiedener Werkzeuge. Christina betrachtete das alles mit so etwas wie fassungslosem Staunen. Sie wusste, dass Aiden Kunsthändler war, der Objekte aus aller Welt im- und exportierte. Aber es war ihr neu, dass er selbst auch Künstler war. Bedrückt registrierte sie, dass er ihr noch nie etwas von dieser Seite seines Lebens erzählt hatte. Aber wieso sollte er auch? Nur weil sie ihn gern näher kennengelernt hätte, musste das nicht bedeuten, dass es ihm ebenso ging.

Fasziniert beobachtete sie seine Bewegungen. Schließlich rief sie seinen Namen, erhielt aber keine Reaktion. Gegen die laute Musik von Nirvana hatte sie keine Chance.

Unwillkürlich trat sie zu ihm und berührte ihn an der Schulter. Es hatte nur eine leichte Geste sein sollen – ein flüchtiges Ich-bin-da. Aber wie ferngesteuert folgten ihre Finger einer Schweißperle, die ihm den Rücken hinunterlief.

Aiden warf einen Blick über seine Schulter. Für einen Moment glaubte sie, er erkenne sie gar nicht. Dann trat er beiseite, um die Stereoanlage abzustellen.

„Ich … ich habe dich gerufen“, sagte sie hastig – so als habe sie etwas falsch gemacht und müsse sich nun entschuldigen. „Aber die Musik …“

Er legte die Werkzeuge beiseite und musterte sie aufmerksam. Seine Brust hätte jedem antiken Bildhauer als Modell dienen können. Seine Bauchmuskulatur gab dem Begriff Sixpack eine ganz neue Bedeutung.

Christina war nicht klar gewesen, was seine Kleidung für einen fantastischen Körper verborgen hatte. Sie zwang sich, den Blick zu heben, bevor er tiefer gleiten konnte.

„Kein Problem“, erwiderte Aiden. „Was kann ich für dich tun?“

Sie sah sich um. Versuchte, sich von diesem unglaublichen Körper abzulenken.

„Ich … äh … Marie wollte dich erreichen, aber sie sagte, es gibt hier kein Telefon.“ Fragend sah sie ihn an. „Hast du kein Handy dabei?“

Er schüttelte den Kopf und griff nach einem frischen Handtuch. „Das lenkt zu sehr ab.“ Er rieb sich den Schweiß von den Armen.

„Ich wusste nicht, dass du auch Bildhauer bist. Lily hat es nie erwähnt.“

Er verstaute die Werkzeuge in einer Kiste. „Sie hat meine Arbeiten nie gesehen. Ich habe damit erst nach ihrem Unfall begonnen. Es ist gut, um Stress abzubauen.“

Und das konnte er im Moment sehr gut gebrauchen …

Sie deutete auf die Pferdeskulptur, an der er gerade gearbeitet hatte. „Ich bin keine Kunstexpertin, aber das sieht sehr professionell aus.“

Sie spürte, wie er hinter sie trat und ihrem Blick folgte. „Ich verkaufe meine eigenen Arbeiten ebenso wie die anderer Künstler.“

Er zeigte auf die noch weitgehend unbehauenen Blöcke. „Ich habe sie vom Steinbruch hierherbringen lassen …“

„Ich bin froh, dass du das hier hast. Ich möchte, dass du dich wie zu Hause fühlst.“

Hastig unterbrach Christina sich. Das klang gerade so, als sei er nur ein Gast. Aber nachdem sie ihr ganzes Leben damit verbracht hatte, andere zu beruhigen und ihnen zu helfen, sich wohlzufühlen, konnte sie dieses Verhalten nicht einfach abstellen. Und mit diesem halb nackten Mann neben sich konnte sie ohnehin nicht klar denken.

„Ich werde mich hier nie zu Hause fühlen.“ Er lehnte sich gegen die Werkbank und verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber ich habe meine Methoden, damit klarzukommen.“

Meinte er seine Arbeit an den Skulpturen? Etwas, das nur ihm gehörte und das ihm dabei half zu entspannen? Und vielleicht noch mehr? Es hätte sie freuen sollen, dass er sich bemühte. Dass er trotz der Umstände, die er so sehr hasste, blieb.

Aiden unterbrach ihre Gedanken. „Worum ging’s?“

„Wie bitte?“

„Du sagtest, Marie wollte mich erreichen …“

„Ach so, ja. Bateman war da. Er möchte sich mit dir treffen.“

„Wann?“

„Heute Abend nach der Schicht.“

„In der Spinnerei?“

Sein merkwürdiger Unterton ließ sie aufhorchen. „Ja.“

Das Trommeln seiner Finger auf den Muskeln seiner Oberarme verstärkte sich. Er war so anders an diesem Tag. Normalerweise brodelten seine Emotionen immer dicht unter der Oberfläche – wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Aber im Moment schien er alles unter Kontrolle zu haben. Was hielt er vor ihr verborgen?

Sie wollte mehr von ihm erfahren. „Die Steinblöcke …“ Sie schnitt das nächste Thema an, das ihr in den Sinn kam. „Woher weißt du, was du machen willst? Sind es Auftragsarbeiten?“

Fasziniert betrachtete sie einen Block aus schwarzem Stein mit goldgelben Sprenkeln. Es schien ein Kopf zu werden. Der obere Teil enthielt eine Andeutung von Haar. Am unteren Teil war ein Kinn zu erkennen. Nur das Gesicht war noch unbehauen. Leblos.

Versonnen ließ Christina die Finger über den Stein gleiten. Trotz der Hitze des Tages fühlte er sich angenehm kühl an. Die Oberfläche war rau, aber sie konnte sich vorstellen, wie glatt die polierte Form schließlich sein würde.

Aiden hatte sich so viel Zeit für die Antwort genommen, dass Christina schon dachte, er werde nicht auf ihre Frage eingehen. Aber dann räusperte er sich. „Es ist eigentlich ganz einfach. Man muss nur auf den Stein hören.“

Verblüfft sah sie ihn an. „Auf den Stein hören?“

„Ja, so in etwa.“ Er musste sich sichtlich zwingen, den Blick von ihr zu lösen. „Es ist bei jedem Künstler anders. Meist habe ich eine vage Vorstellung, was ich machen will. Aber die Details können sich im Laufe der Arbeit ändern, abhängig von der Beschaffenheit des Steins.“

Christina konnte sich gut vorstellen, wie er dem Stein Stück für Stück das Bild zu entlocken versuchte, das er vor seinem geistigen Auge sah. So wie er es auch sonst im Leben machte. Er betrachtete eine Situation von allen Seiten und ging das jeweilige Problem dann systematisch an.

Plötzlich spürte sie die Wärme von Aidens Körper hinter sich. Er ließ die Hände ihre Arme hinuntergleiten, bis sie ihre Finger erreichten, die sich um den Stein gelegt hatten, und sie bedeckten.

Sein Atem streifte ihren Nacken. Eine prickelnde Mischung aus Angst und Erregung ließ sie erschauern.

Er mochte ein Fremder sein, aber er fühlte sich nicht so an. Das Verlangen, das sie in seiner Nähe spürte, war zu einem vertrauten Zustand geworden. Sie hatte Tage damit verbracht, an ihn zu denken. War in den Nächten von erotischen Fantasien gequält worden. So gefährlich die Situation jetzt auch sein mochte – sie wollte sie nicht beenden.

Aiden beugte sich vor. Hielt sie zwischen seinem Körper und der Werkbank gefangen. Seine Erregung war unübersehbar. Es kostete sie all ihre Willenskraft, sich ihm nicht entgegenzudrängen. Trotz ihrer Ängste wuchs ihr Verlangen nach ihm.

Stöhnend vergrub er das Gesicht in ihrem Haar. Seine Bewegungen waren langsam, so als geschähen sie gegen seinen Willen.

Ihr innerer Widerstand schmolz dahin. Sie lehnte den Kopf zurück. Überließ ihren Hals seinen suchenden Lippen. Genoss seine Berührung. Sehnte sich nach mehr. Nach mehr Gefühlen. Nach mehr Aiden.

Er schlang die Arme um sie. Gab ihr ein Gefühl der Geborgenheit. Verspielt nagte er an der zarten Haut ihres Nackens. Heißes Verlangen durchlief sie, das sie bis in ihr tiefstes Innerstes berührte. Sie wehrte sich nicht dagegen.

Langsam ließ er die Hände aufwärts gleiten, bis er nur Zentimeter vor ihren Brüsten innehielt.

Bitte! Bitte, nicht aufhören! hätte sie am liebsten gestöhnt, konnte es aber in letzter Sekunde zurückhalten. Ihre Brustwarzen versteiften sich. Als er sich nicht weiter bewegte, rieb sie sich kaum merklich an ihm – seit Menschengedenken die unmissverständliche Bitte nach mehr.

Sofort legte er ihr die Hände auf die Hüften und hielt sie fest. Sie erstarrte, als sie begriff, dass etwas anderes als Verlangen ihn lenkte – trotz seiner Erregung, die sie immer noch spürte.

Nur ihr Atem war zu hören. Seine Lippen näherten sich ihrem Ohr. Irgendwie ahnte sie, dass ihr nicht gefallen würde, was er ihr zu sagen hatte.

„Christina, du musst gehen!“ Er stöhnte. „Jetzt!“ Noch ein Stöhnen. „Geh. Jetzt.“

Seine Hände gaben sie frei, aber sie konnte sich nicht bewegen. Sein Körper hielt sie immer noch gefangen.

Sie hätte sich gedemütigt fühlen sollen ob seiner Zurückweisung, aber seine immer noch spürbare Erregung gab ihr Kraft. Sie wusste, dass er sie verlassen würde, sobald sich ihm eine Chance dazu bot. Dennoch wollte sie das Risiko eingehen, verletzt zu werden. Wollte, dass er ihre Gefühle zum Leben erweckte.

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