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Million Dollar Secrets - Sieben Richtige! (7-teilige Serie)

Debbi Rawlins, Stephanie Bond, Lori Borrill, Shannon Hollis, Kate Hoffmann, Jill Monroe

Million Dollar Secrets - Sieben Richtige! (7-teilige Serie)

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Claudia Wuttke (v.l.S.d.P.)

Produktion:

Christel Borges

Coverabbildung:

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ROMANA, BIANCA, BACCARA, TIFFANY, MYSTERY, MYLADY, HISTORICAL

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1. KAPITEL

„Einen Gin Tonic, bitte. Und ein paar Oliven mehr als üblich.“

Der Barmann im Georgia Peach lächelte aufmunternd und begann, den Drink zu mixen.

An einem Donnerstagabend wäre sie normalerweise nicht in eine Bar gegangen, doch heute, fand Renee, hatte sie allen Grund dazu. Schließlich wurde man nicht jeden Donnerstag bei einer wichtigen Beförderung übergangen - noch dazu, nachdem man sich dafür fast zu Tode geschuftet hatte. Und ausgerechnet dieser Bob Nelson war ihr vorgezogen worden, diese schleimige Ratte!

Verdammt, sie hatte sich doch vorgenommen, sich nicht aufzuregen. Seit fünf Jahren arbeitete sie für die Werbeagentur Travis and Whites und hatte einige der größten und erfolgreichsten Kampagnen durchgezogen. Aber als es jetzt zur Sache ging, hatten die Kerle sie ausgebootet und diesen tollen, hoch bezahlten Job an einen Mann vergeben.

Da blieb wohl nichts anderes, als ganz neu anzufangen. Vielleicht sollte sie Atlanta einfach hinter sich lassen. New York, da gab es die fetten Jobs, die wirklich großen Agenturen.

„So, bitte schön!“ Der Barmann stelle ihren Drink vor sie.

„Danke.“ Renee trank einen großen Schluck und schüttelte sich ein wenig. Eigentlich war sie kein großer Fan von Alkohol. Schnell aß sie eine Olive hinterher, aber das war auch kein echter Trost. Diese Beförderung hatte sie sich so sehr gewünscht. Ersehnt.

Sie nahm noch einen Schluck und verzog das Gesicht. Der Gin Tonic schmeckte immer noch nicht besser. Seufzend sah sie sich im Raum um, und ihr Blick blieb an dem großen Fernseher haften, der über der Bar an der Wand hing. Auf dem Schirm wirbelten kleine weiße, mit Ziffern versehene Bälle in einem gläsernen Behälter durcheinander, und das bekannte Logo der Georgia-State-Lotterie wanderte durchs Bild.

Renee kramte in ihrer Handtasche und fischte das Lotterielos heraus, das sie gestern gekauft hatte. Bei dem jähen Anflug von Hoffnung verdrehte sie über sich selbst die Augen. Hatte sie es denn noch nicht kapiert? Das Unmögliche zu wünschen war … einfach unmöglich!

Weiter hinten in der Bar, in der äußersten Ecke, die er hatte finden können, beantwortete Jim Lydel eine weitere der E-Mails, die ihn von New York über Philadelphia bis Los Angeles und jetzt nach Atlanta verfolgten. Seine Firma hatte gerade die neue Version eines Software-Pakets herausgebracht, das Internetspiele um vieles vereinfachte - und um vieles verteuerte. Überall, wo er das neue Modell vorstellte, war er vollauf beschäftigt. Tagsüber mit Vorträgen und Demos der Software und bis spät in die Nacht mit gesellschaftlichen Events, weil es Einladungen zu Geschäftsessen oder sonstigen Veranstaltungen nur so regnete. Zeit, sich mit dem normalen Tagesgeschäft zu befassen, blieb ihm kaum. Heute Abend hatte er zum ersten Mal seit Langem keine Verpflichtungen und war deshalb in dieser recht ansprechenden Bar eingekehrt, in der es warme Snacks und kaltes Bier gab.

Die Betriebsamkeit störte ihn nicht, sondern erinnerte ihn an sein Büro, in das ständig irgendein Mitarbeiter hereinplatzte und wo immer das Radio lief.

Eigentlich machte ihm sein Beruf ungeheuren Spaß, nur die Reisetätigkeit nervte ihn. Nicht, dass ihn der Erfolg gestört hätte, nur war er tief im Herzen immer noch der begeisterte Programmierer, der eingefleischte Online-Gamer, von daher empfand er die Leitung des Geschäfts als äußerst mühsam. Aber bald, in vier Tagen genau, würde er wieder nach New York zurückkehren, zu dem Wahnwitz seiner alltäglichen Arbeit, würde wieder in seinem eigenen Bett schlafen, morgens mit Jessie, seiner Hündin, joggen und anschließend ins Büro fahren, seinem wahren Zuhause.

Noch einmal überflog er den Satz, den er gerade geschrieben hatte, korrigierte einen Fehler und schickte die Mail dann schnell ab. Nun arbeitete er schon seit zwei Stunden, und langsam ließ seine Konzentration nach. Vielleicht sollte er es für heute gut sein lassen. Morgen war Wochenende. Gott sei Dank ohne weitere Verpflichtungen, also könnte er dann weitermachen. Obwohl er ursprünglich überlegt hatte, sich die Stadt anzuschauen, erschien ihm auch dieser Plan im Moment nicht besonders verlockend. Früher hatte es ihm Spaß gemacht, und er fand es aufregend, allein in einer fremden Stadt zu sein. Vielleicht wäre es anders, wenn er eine Begleitung hätte …

Ein spitzer Aufschrei ließ ihn aufblicken. Eine Frau, klein und schlank, stand zwischen den vorwiegend männlichen Barbesuchern am Tresen, ein Stück Papier in der Hand, und starrte auf den Fernsehschirm, wo gerade die Ziehung der Staatslotterie übertragen wurde. An der Haltung der Frau erkannte er ihre Anspannung.

Er lächelte und drückte ihr die Daumen, und während er sie noch betrachtete, regte sich vage etwas in seinem Gedächtnis. Dann drehte sie sich nur für eine Sekunde in seine Richtung, und mehr brauchte es nicht, um seine Erinnerung auf Touren zu bringen, sodass er laut ihren Namen aussprach.

Wie elektrisiert stand er auf. Laptop und Bier blieben vergessen auf dem Tisch zurück. „Renee“, sagte er noch einmal, dieses Mal leise, und fühlte sich plötzlich zurückversetzt in eine Zeit weit vor seiner Firmengründung, bevor ihn das Leben auf die schnelle, glatte Straße des Erfolgs geführt hatte.

Während er sich zwischen den vielen besetzten Tischen hindurchschob, dachte er an den Tag, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte - an seinem ersten Tag in Stanford: Sie hatte vor ihm in der Schlange vor der Cafeteria gestanden, und er wusste noch, als wäre es erst gestern gewesen, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht hatte. Ihr dunkles Haar, wilde, zu einem dicken Pferdeschwanz gebundene Locken, die Ernsthaftigkeit, die sie auf die Wahl ihres Essens verwandte. Damals war sie ein wenig mollig gewesen, doch ihr Gesicht hatte ihn derart fasziniert, dass er ihr zu einem Tisch gefolgt war und sich auf den Platz neben ihr gequetscht hatte.

Jetzt war sie schlanker, ihr Haar war glatt und gezähmt, doch es war immer noch Renee. Und nach all den Jahren faszinierte sie ihn erneut wie keine Frau je zuvor.

Bei der fünften richtigen Ziffer begann ihr Herz wie wild zu hämmern. Oh Gott, was, wenn …? Renee war vom Barhocker aufgesprungen und schaute hektisch zwischen dem Bildschirm und ihrem Los hin und her, obwohl sie ihre Zahlen auswendig konnte, weil sie immer die gleichen tippte. Vergeblich sagte sie sich, dass erst fünf Ziffern stimmten, die sechste, die wichtigste, die entscheidende, fehlte.

Noch einmal und noch einmal verglich sie die Ziffern. Klar, die ersten fünf stimmten. Noch eine! Und da war sie. Die letzte, die, die alles ändern würde, sie reicher als in ihren kühnsten Träumen machen würde. Diese eine noch, und sie könnte Travis and Whites sagen, wohin die sich ihre dämliche Beförderung stecken sollten.

Los, die Vier! Die Vier! Komm schon!

Sieben.

Ihre Hoffnung zerplatzte wie eine Seifenblase. Wieder mal haarscharf am Glück vorbeigeschrammt. Wie blöd war sie gewesen, überhaupt zu hoffen.

„Renee?“

Die Stimme des Mannes hinter ihr ließ sie erschauern, doch erst als sie sich umdrehte, wusste sie, warum.

„Jim“, flüsterte sie. Unwillkürlich lächelte sie, doch innerlich wappnete sie sich gegen eine weitere Enttäuschung. Sie hatte diesen Mann einmal geliebt.

Ach, wem machte sie hier etwas vor? Sie liebte ihn immer noch.

2. KAPITEL

Gerade war sie bei der Lotterie leer ausgegangen, als Krönung des Tages, an dem man sie bei der Beförderung übergangen hatte, die ihrer Karriere einen gehörigen Schub verpasst hätte, und dennoch interessierte sie im Moment nur eines - dass Jim Lydel vor ihr stand, der Mann, den zu lieben sie nie aufgehört hatte.

„Wow“, sagte er, wobei er sie anstrahlte, als wäre ihr zu begegnen das höchste der Gefühle. „Du bist es wirklich! Ich kann‘s kaum glauben.“

Sie streckte die Hand aus und fuhr ihm leicht über den Oberarm, wie um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte. „Ja, ich bin‘s, Renee, immer noch die Alte.“

Jim schüttelte den Kopf. „Nein, ganz bestimmt nicht. Du sieht unverschämt gut aus.“

Was als Kompliment gemeint war, traf sie wie ein Tiefschlag, denn seine Worte bedeuteten nichts anderes, als dass sie nicht mehr das dicke, hässliche Mädchen vom College war. Die kumpelhafte Freundin, die man getrost zu den „Jungs“ zählen konnte. Aber warum sollte sie ihm das vorwerfen? „Ach was, ich bin nur acht Jahre älter und lasse mein Haar vom Friseur glätten - und ich bin total baff, dich hier zu treffen.“ Sie sah sich im Georgia Peach um. Das hier war keine Touristenfalle oder schicke Insiderbar; sie selbst kannte sie nur, weil ihr Apartment gerade mal ein paar Hundert Meter von hier entfernt lag.

„Ich bin auch ziemlich baff, dass ich hier bin“, sagte er und trat näher an sie heran. „Eigentlich war ich auf dem Weg zum ‚Peachtree Plaza‘, aber ich hab mich verlaufen.“

„Ich muss sagen, du siehst gut aus.“ Sie musterte ihn offen. Er war viel muskulöser geworden, und seine Frisur ähnelte keineswegs mehr der strubbeligen Mähne des Stanfordstudenten. Im College war er süß gewesen, jetzt war er einfach umwerfend. Konnte es sein, dass Jim Lydel, der Typ, der jede Folge von „Raumschiff Enterprise“ mitsprechen konnte und sich leidenschaftlich für Computeranimationen interessierte, aufgewacht war? Dass er hinter seinem Computer hervorgekommen und in der Realität gelandet war? „Wirklich gut“, fügte sie hinzu.

„Nicht mein Werk“, erklärte er und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Hier ist es so laut, aber ich möchte hören, wie es dir ergangen ist. Hast du schon gegessen?“

Renee wusste, er hatte eine Frage gestellt, aber ihr Hirn war zu beschäftigt damit, zweierlei zu verarbeiten: einmal das Gefühl, das seine Hand auf ihrem Arm hervorrief. Und zum anderen dieses „Nicht mein Werk“. Letzteres musste bedeuten, dass er verheiratet war und seine Frau aus ihm einen Mann gemacht hatte, der italienische Lederschuhe trug. Hastig musterte sie seine linke Hand, und während sie unterbewusst bemerkte, dass sie manikürt war, entdeckte sie bewusst … nichts. Kein Ehering. War es möglich …?

„Renee?“

Sie sah zu ihm auf, in seine großen braunen Augen. Die hatten sich überhaupt nicht verändert. Sie waren immer noch umgeben von dichten dunklen Wimpern und erinnerten immer noch an Milchschokolade.

Die Erinnerung an ihr erstes Zusammentreffen überflutete sie, komplett mit Bildern, Geräuschen und Gerüchen. Sie war neu gewesen in Stanford, war ängstlich und so allein, wie man es im ersten Semester nur sein konnte. Er war an ihren Tisch gekommen und hatte sich neben sie gesetzt. Weil sie gedacht hatte, der Tisch wäre reserviert, hatte sie schon ihr Tablett nehmen und sich einen anderen Platz suchen wollen, doch dann hatte er gefragt, ob er ihr Gesellschaft leisten dürfe.

Sie hatte genickt, war rot geworden. Was konnte er von ihr wollen? Es musste irgendetwas Blödes sein, irgendein gemeiner Streich, den man den neuen Studenten spielte. Anders hatte sie es sich nicht erklären können, denn der Junge neben ihr war der Hammer.

Und während sie noch einen weiteren Blick gewagt hatte, war es passiert - sie hatte sich verknallt und blieb es das ganze erste Studienjahr. Im zweiten Jahr hatte sich das geändert; ihre Verliebtheit hatte sich zu einem anderen Gefühl gewandelt, einem tieferen, schmerzhafteren. Denn sie hatte Jim kennengelernt, richtig gut kennengelernt. Und lieben gelernt.

„Renee? Alles okay?“

Sie blinzelte und lächelte dann. „Ja. Ich hab nur gerade überlegt, ob ich mich irgendwie aus dem Meeting nachher im Büro ausklinken könnte. Aber nein, tut mir leid, das klappt nicht. Dabei hätte ich wirklich gern gehört, wie es in den letzten Jahren so bei dir gelaufen ist.“

„Ah, verstehe“, erwiderte er, ganz verwundert darüber, wie sehr ihn ihre Absage enttäuschte. „Aber ich bin noch ein paar Tage hier. Wie wäre es mit morgen?“

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, doch dann lächelte sie dieses Lächeln, das er so gut kannte. Auch wenn ihre Frisur anders war, insgesamt war sie immer noch die echte, einzigartige Renee, sodass es ihm vorkam, als lägen nur Tage und nicht Jahre zwischen ihrer letzten Begegnung und heute.

„Ruf mich an, ich versuch mein Bestes.“

Er nickte, während sie nach ihrer Tasche griff. Sie stopfte den Lottoschein, den sie immer noch in der Hand hielt, in ihre Geldbörse und nahm eine Visitenkarte heraus. Als sie sie ihm reichte, wurde sie ein bisschen rot.

„Ah, in der Werbung. Das leuchtet mir ein.“

„Es sollte was anderes werden, erinnerst du dich?“ Sie lehnte sich an den Tresen, sodass die Bluse über ihren Brüsten spannte. „Eigentlich müsste ich dir jetzt eine Ausgabe meines ersten großen Romans in die Hand drücken.“ Sie grinste. „Ich wollte die literarische Welt erobern, und du … du wolltest der König der Computerspiele werden.“

Nun wurde er rot, was ihm seit Ewigkeiten nicht mehr passiert war. Der König war er nicht, aber in der ersten Liga spielte er schon.

„Hey …“ Die Augen weit aufgerissen, beugte sie sich zu ihm. „Du wirst rot?“

Das versetzte ihn zurück ins College, wenn sie spätabends im Wohnheim bei billigem Wein und lauter Musik zusammengehockt hatten, Renee im Schneidersitz auf dem Fußboden. Sie hatten gelacht, bis ihnen die Luft wegblieb, hatten geredet und diskutiert, sämtliche Probleme der Welt gelöst und am nächsten Abend von vorn angefangen.

„Verdammt, du bist der König der Computerspiele, stimmt‘s?“

Er öffnete den Mund, doch ihm fiel so rasch keine bescheidene Lüge ein, was seltsam war. Nicht, dass ihm nichts einfiel, aber er wollte ja nicht lügen.

Sollte er nicht stolz sein? Sollte er nicht ganz wild darauf sein, seinem alten Kumpel Renee zu erzählen, dass er den Jackpot geknackt hatte?

„Mist!“, sagte sie gespielt unwillig. „Jetzt müssen wir uns morgen treffen!“

Er lachte. „Tut mir leid, ich wollte dir keine Umstände machen.“

Sie gab ihm einen Klaps auf den Arm. „Du weißt, wie ich es meine.“

„Ja, klar. Also bleibt es dabei?“

„Ruf mich an. Ich such uns ein schickes Restaurant aus.“

„Mir sind auch Hamburger recht, wenn du nur dabei bist.“

Er sah eher, dass sie leicht aufkeuchte, als dass er es gehört hätte.

„Du, ich muss jetzt los …“

„Klar.“ Er fragte sich, wie sie sich jetzt trennen sollten. Kurz drücken? Ein Kuss? Nur winken? Doch sie löste das Problem, indem sie sich schnell und fest an ihn presste. Er spürte die Wärme ihres Körpers und die weichen Rundungen ihrer Brüste. Dann riss sie sich im wahrsten Sinn des Wortes von ihm los, griff nach ihrer Börse und bezahlte ihren Drink.

Er trat zwei Schritte zurück und hob die Hände. „Okay, dann bis morgen. Ich rufe an. Es wird wie in den guten alten Zeiten sein.“

Ihr Blick war durchdringend und traf ihn unerwartet. Dieses Mal sah er Schmerz darin. Aber warum? Was, zum Teufel, war hier eigentlich los?

Morgen. Morgen würde er es herausfinden. Jetzt wandte er sich erst einmal ab, auf dem Weg zurück zu seinem Laptop, seinen E-Mails. Aber eins wollte er vorher unbedingt noch wissen.

„Renee?“

Sie war schon auf dem Weg zum Ausgang der Bar. Nun drehte sie sich langsam zu ihm um und lächelte, auf eine sehr verwirrende Art. „Hm?“

„Bist du verheiratet?“

Wieder blinzelte sie. „Nein.“

„Gut.“ Nun konnte er beruhigt wieder an die Arbeit gehen, die nächsten vierundzwanzig Stunden mit tausend Sachen ausfüllen. Wenigstens diese Frage war geklärt.

3. KAPITEL

Renee schaute Jim nach, bis er zwischen den anderen Gästen verschwunden war. Seine Frage hallte immer noch in ihr nach. Jim, ihre erste, ihre größte und einzige Liebe, Jim, den sie acht Jahre nicht gesehen hatte, für den sie immer, immer nur eine gute Freundin gewesen war, hatte wissen wollen, ob sie verheiratet war.

Und das war nur halb so bizarr wie seine Reaktion, als sie mit Nein geantwortet hatte. Er hatte „gut“ gesagt und gelächelt. Gelächelt, als wäre das die großartigste Neuigkeit des Tages.

Was, zum Teufel, sollte das? So sehr hatte sie sich nun auch nicht verändert. Sie war ein bisschen schlanker geworden … und femininer. Frisur, Make-up, ja verdammt, was immer dabei half, war alles okay, aber nicht übermäßig wichtig. Doch so, wie sie Jim immer noch als den Jim sah, der im Wohnheim das Zimmer über ihr gehabt hatte, so musste er in ihr immer noch die pummelige, ein bisschen verrückte Renee sehen. Die, die ihm geholfen hatte, damit er nicht wie ein Volltrottel aussah, als er Lena Charles um ein Date gebeten hatte. Die Renee, die gelächelt hatte, als diese Lena sich in ihren Kreis gedrängt hatte. Die tausend Tode gestorben war, wenn sie mit ansehen musste, wie er Lena berührte, von Küssen ganz zu schweigen.

Jemand stieß gegen sie und brachte sie dazu, weiterzugehen, hinaus aus der Bar. Vom Parkplatz aus fuhr sie zu dem kleinen Laden neben ihrem Häuserblock. Was sie jetzt brauchte, war eine große Packung Eiscreme. Mit der stürzte sie zurück in ihr Auto, wollte einfach nur nach Hause.

Dass sie heute Abend noch ein Meeting hatte, war natürlich eine Lüge gewesen. Nicht, dass sie gewohnheitsmäßig log, doch sie brauchte einfach Zeit, musste sich erst mit dem Gedanken vertraut machen, dass Jim hier war. Und die erste Ausrede, die ihr in den Sinn gekommen war, war eben, ein Meeting vorzuschützen. Obwohl in Wirklichkeit nichts auf sie wartete als ihr Bett und ihre Katze. Und jetzt stand auf ihrer Tagesordnung eine Menge, worüber es nachzudenken galt. Sie musste eine Entscheidung treffen.

Sollte sie tatsächlich morgen Abend mit ihm essen gehen? Schon allein ihn zu sehen erzeugte so viele widersprüchliche Gefühle in ihr.

Drei Jahre lang war er ihr bester Freund gewesen, bis er ein Jahr vor ihr seinen Abschluss gemacht hatte. Er war für sie da gewesen nach ihren wenigen, stets katastrophalen Verabredungen mit anderen Jungs, aber er hatte sie nie ausgeführt. Hatte sie nie geküsst oder ihr auch nur den Eindruck vermittelt, dass sie für ihn mehr als nur eine Freundin wäre.

Zu Hause angekommen, fütterte sie ihre Katze Cooper, von der sie bedingungslos geliebt wurde, solange sie ihr brav die Dosen öffnete, und schlüpfte in ihren kuscheligsten Pyjama. Dann saß sie auf dem Bett, den Fernseher ausgeschaltet und das Licht gedimmt, und futterte einen Löffel Eiscreme nach dem anderen, bis die Packung leer war. Inzwischen war sie zu der Entscheidung gelangt, dass sie sich mit Jim treffen würde. Obwohl sie wusste, dass er ihr das Herz brechen würde. Wieder mal.

Jim beeilte sich, zu dem Restaurant zu kommen. Den ganzen Tag hatte er nur an das Treffen mit Renee gedacht.

Dank ihr gehörte die Zeit im College zu den besten Erfahrungen seines Lebens. Renee war sein größter Fan gewesen, hatte ihn angefeuert und ihm den Mut gegeben zu glauben, dass Computerspiele zu entwickeln sich auszahlen würde. Sie hatte ihn gelehrt, an sich zu glauben. Erst dieses Vertrauen in sich selbst hatte ihn dazu gebracht, seine Firma zu gründen, und hatte ihn ohne Umwege zum Erfolg geführt.

Er wünschte nur, er könnte verstehen, was mit ihr los war. Warum sie bei ihrem Wiedersehen gestern so … merkwürdig gewesen war. Gab es Probleme mit einem Mann? Oder bei der Arbeit? Je länger er darüber nachdachte, desto logischer schien es ihm, dass sie in die Werbung gegangen war. Aber vielleicht war sie von sich enttäuscht, weil sie diesen Roman nicht geschrieben hatte.

Wie versprochen, hatte sie das Restaurant ausgesucht - einen Italiener in einer Einkaufspassage, der leicht zu finden war, der aber auch, wie sie ihn am Telefon gewarnt hatte, von außen nicht sonderlich viel hermachte.

Obwohl er zehn Minuten zu früh eintraf, war Renee schon da. Während er ihren Tisch ansteuerte, sah er ihr Lächeln und fühle sich seltsam berührt.

„Oh, zu viel Sonne?“, fragte sie, als er sich setzte.

Er nickte. „Hab die Sonnencreme vergessen. Meine Nase wird leuchten wie eine rote Ampel, wenn ich am Montag meine Präsentation mache.“

„Los, erzähl mir alles! Ich bin so neugierig. Aber lass uns zuerst Wein bestellen.“

Wieder nickte er, er konnte immer noch nicht ganz fassen, dass er wahrhaftig mit ihr hier saß. Mit Renee. Ihr direkt gegenüber.

Sie bestellten und plauderten über seinen Sightseeing-Nachmittag, bis der Kellner den Wein und die Vorspeisen brachte. Dann waren sie endlich allein, und er wartete darauf, alles über Renees Leben zu erfahren.

„Also, was ist mit dieser Präsentation?“, kam sie ihm zuvor.

„Nein, du zuerst, ich bin todlangweilig.“

Als sie den Kopf schüttelte, konnte er kaum glauben, dass das dieselbe Renee war wie früher.

„So langweilig wie ich kannst du unmöglich sein“, meinte sie. „Obwohl ich Sonderpunkte dafür kriegen müsste, wie sehr mein Job mich runterzieht.“

„Na, jetzt komm aber!“

„Doch, ehrlich. Ich war gestern nur in der Bar, weil mir eine Beförderung vor der Nase weggeschnappt wurde. Und ich hatte sie mir wirklich verdient. Nun muss ich mich neu orientieren und einen anderen Weg einschlagen, und beim Gedanken an Vorstellungsgespräche bekomme ich Gänsehaut. Und daher - was mieses Karma angeht, stehe ich in der ersten Reihe.“

Er beugte sich zu ihr und nahm ihre Hand. „Ich ahne, wie es in deiner Firma zugeht. Weißt du, wer auch immer dein Chef ist, er ist ein Idiot. Die können dich mal! Such dir was, wo man dich zu schätzen weiß.“

Renee lachte. „Verdammt, wie mir das gefehlt hat!“

„Es ist die Wahrheit. Du bist intelligent und witzig. Du bist originell und hast deine ganz eigene Sicht auf die Welt. Welche Werbeagentur würde dich nicht mit Kusshand nehmen?“

Renee befreite ihre Hand unauffällig und griff nach ihrem Glas. Seine Worte waren elektrisierend, und doch … er kannte sie nicht. Er sah sie durch die nostalgische Brille, die okay war, aber die Dinge verschwommen wiedergab. Dass sie nicht befördert worden war, bewies zur Genüge, wie wenig seine Beschreibung von ihr zutraf.

„Du kannst dich nicht so sehr verändert haben“, fuhr Jim fort. „So sehr ändert sich niemand. Ich meine, sicher, deine Träume und deine Ziele mögen sich ändern, aber im College waren wir schon so ziemlich dieselben Menschen wie heute. Alles, was wichtig ist, wie Werte und Moralvorstellungen und so was, das hatten wir doch damals schon, und außer es wäre etwas wirklich Einschneidendes passiert, kann ich mir nicht vorstellen, dass …“ Er brach ab, presste die Lippen zusammen und runzelte die Stirn. „Ist dir so etwas passiert? Bin ich gerade mitten ins Fettnäpfchen getreten?“

Du bist mir passiert, dachte sie, du hast mich für alle anderen Männer verdorben. Alle, wie sie da waren, habe ich mit dir verglichen, weißt du das? Doch sie sagte nur: „Nein, nichts dergleichen. Nur der tägliche Frust und zu viele Enttäuschungen. Und deshalb will ich jetzt hören, wie es dir ergangen ist. Was ist mit dieser Präsentation?“

Er sah sie lange an. So lange, dass inzwischen ihr Essen serviert wurde. Während sie aßen, erzählte er ihr, wie sein Leben in der Zwischenzeit verlaufen war, und während sie zuhörte, fielen ihr nach und nach all die Gründe wieder ein, weshalb sie sich in ihn verliebt hatte. Für sie war Jim der eine, der Einzige. War es immer gewesen. Würde es immer sein. Wenn das nicht Pech war!

Ihr Auto stand eine Straße weiter, und Jim, nett, wie er nun einmal war, bestand darauf, sie hinzubegleiten. Sie wehrte ab, sagte, dass die Straßen hier sicher waren, doch er wollte nichts davon hören. Ob sie etwas aus seiner Hartnäckigkeit herauslesen sollte, wusste sie nicht genau. Vielleicht wollte er wirklich nur ein Gentleman sein und sie zum Wagen bringen.

„Das mit deinem Job tut mir echt leid“, bemerkte er. „Aber vielleicht ist das ja deine große Chance. Hast du mal überlegt, ob du Atlanta hinter dir lassen solltest? Versuch doch dein Glück in Los Angeles oder - noch besser - in New York.“

Da sie mittlerweile wusste, dass er in New York lebte, kam das eigentlich für sie nicht infrage. Doch nach seinem „noch besser“ war sie sich nicht mehr so sicher. „Los Angeles vielleicht, da gibt es ein paar gute Agenturen.“

„Siehst du! Das meine ich! Die wären froh, dich zu kriegen.“

„Ich glaube, du hast recht“, stimmte sie zu und glaubte es in diesem Moment wirklich. Sie hatten stundenlang geredet, und beim zweiten Glas Wein hatte sie aufgehört, an die Vergangenheit zu denken, und sich auf die Gegenwart konzentriert. Egal was gewesen war, sie mochte Jim. Er war nur kurze Zeit hier, und sie wäre dumm, wenn sie sich das durch ihre albernen romantischen Gefühle verderben ließe.

„Da, das ist meiner“, sagte sie ablenkend.

Der Wagen erntete nur einen flüchtigen Blick, was sie jedoch nicht von dem Blick behaupten konnte, den Jim ihr anschließend schenkte. „Ich bin noch ein paar Tage hier“, erklärte er. „Ich möchte dich morgen wieder treffen; kannst du nicht deine Termine für morgen absagen?“

Sie tat, als würde sie überlegen. „Okay.“ Sie hielt es nicht für nötig, zu erwähnen, dass es nichts abzusagen gab. „Ruf mich an; nur nicht zu früh, ich möchte ausschlafen.“

„Wir könnten gemeinsam ausschlafen.“

„Tun wir, du in deinem Hotel, ich in meiner Wohnung“, entgegnete sie forsch, bemüht, bei seinem tiefen, heiseren Lachen nicht dahinzuschmelzen. „Du findest den Weg zu deinem Hotel?“

Er nickte.

„Gut, fantastisch. Wir reden morgen. Es war toll heute Abend.“

„Fand ich auch. Schlaf gut.“

Würde sie nicht, aber sie lächelte trotzdem. „Du auch“, sagte sie und öffnete die Wagentür.

Sie spürte ihn hinter sich, noch ehe er ihre Schulter berührt hatte. Einen Sekundenbruchteil später hatte er sie herumgedreht, und als sie aufblickte und in seine dunklen Augen sah, entdeckte sie dort etwas, das sie nie zu finden gehofft hatte. Leidenschaft. Feuer. Dann fühlte sie seine Lippen auf ihren und verlor jede Fähigkeit zu denken.

4. KAPITEL

Hier, mitten auf der Straße, schlang Jim die Arme um sie, küsste sie und drückte sie an sich. Zuerst schien Renee steif und verlegen, und er hätte sie beinahe losgelassen, doch dann öffnete sie die Lippen, ihr Körper entspannte sich und …

Genau so. So hatte er es sich immer vorgestellt. Renee, weich und willig, und sie schmeckte nach Wein und Erinnerungen. Er wollte sie wissen lassen, wie viel sie ihm bedeutet hatte. Dass ihr Glaube an ihn alles verändert hatte, ihm Mut und Kraft gegeben hatte.

Während all der Jahre hatte sie ihren Zauber gewirkt, und die ganze Zeit über hatte er sich gewünscht, dass es anders zwischen ihnen sein könnte. Er ging nicht so weit zu glauben, dass ein Kuss nun ihre Welt auf den Kopf stellen würde. Seine Welt stand aber bereits Kopf.

Er hörte auf zu denken und widmete sich ganz dem Gefühl, wie sie in seinen Armen lag und sich an ihn presste.

So hätte er sie in einer jener langen, mit Diskussionen verbrachten Nächte küssen sollen. Was hatte er sich damals eigentlich gedacht?

Renee löste sich nur kurz von ihm, um einzuatmen, dann presste sie die Lippen wieder auf seinen Mund. Sie konnte kaum glauben, dass sie sich küssten. Geschah das wirklich? Wie lange hatte sie von diesem Augenblick geträumt!

Er ließ seine Hände über ihren Rücken gleiten, und als gute Schülerin folgte sie seinem Beispiel und streichelte ihn ebenfalls. Sein Körper war nicht mehr dünn und schlaksig, sondern kräftig und muskulös. Sie wollte seine Haut spüren, alles an ihm fühlen, doch sie würde nehmen, was sich ergab.

Jim stöhnte leise und strich mit den Lippen über ihren Hals, leckte an der weichen Haut, ließ seine Zunge über ihre Wange und zurück zu ihrem Mund wandern.

Willig öffnete sie sich seinem Drängen, gab sich ganz dem Augenblick hin, unterdrückte ihre dummen Gedanken, die sich schon das Ende ausmalten, und jedes Mal, wenn sie sich vorstellte, wie er wegging, holte er sie mit seinen Händen und seinem Mund wieder in die Gegenwart zurück. Weckte die lustvollsten Wünsche in ihr.

Wie lange sie sich schon küssten, wusste sie nicht, aber dass er mehr wollte, ließ er sie wissen, als er sie fest an sich drückte und sich an ihr rieb.

Er war hart. Ihretwegen. Er wollte mehr als einen Kuss. Als ihr das klar wurde, brannten heiße Tränen in ihren Augen. Das hier war der Mann ihrer Träume, der Mann aus ihren Fantasien, der Mann, den sie liebte, seit sie wusste, was Liebe war.

Nur - würde es nicht viel mehr schmerzen, ihn in ihrem Bett zu haben, ihn in sich zu spüren und ihn dann fortgehen zu sehen? Würde ihr die Erinnerung an eine einzige Nacht genügen?

„Ich möchte heute Nacht mit dir zusammen sein“, flüsterte er, umfasste eine ihrer Brüste und massierte sie mit dem Daumen.

Voller Verlangen bog sie sich der Berührung entgegen und konnte nicht anders, als Ja zu sagen.

Nur zögernd, als schmerzte es ihn, sich von ihr zu trennen, trat er einen Schritt zurück. „Mein Wagen steht drüben beim Restaurant.“

„Ich warte hier.“

Er grinste wie früher, wenn er einen fiesen Computervirus unschädlich gemacht hatte, dann küsste er sie hart und kurz und hastete mit elastischen Schritten davon.

Renee sah ihm nach, bis er um die Hausecke verschwunden war. Ihr Herz flatterte, und ihr Puls raste.

Sie stieg in ihren BMW und betrachtet sich im Rückspiegel. Doch, sie war immer noch sie selbst, samt glänzender Nase und allen anderen Unzulänglichkeiten. Und in ein paar Minuten würde sie in ihrem Schlafzimmer sein, mit Jim Lydel. Und sich ausziehen.

In dem Moment, als Jim in seinem Wagen hinter ihr auftauchte, wurde ihr bewusst, welch ungeheuren Fehler sie begangen hatte. Oh Gott! Sie musste das rückgängig machen! Sofort!

Nackt? Mit Jim? Der jetzt so umwerfend gut in Form war? Der nicht einmal mehr eine Brille trug, die sie ihm abnehmen und auf seine Kurzsichtigkeit vertrauen konnte? Nein, nein, nein!

Als er neben ihr stand und an die Scheibe klopfte, wäre sie beinahe mit dem Kopf gegen das Dach geknallt, so heftig schoss sie in die Höhe. Blitzartig fielen ihr zehn Ausreden ein, alle absolut beschämend lahm. Denken, sie musste denken! Aber er bedeutete ihr immer noch, das Fenster zu öffnen.

Sie tat es und sagte: „Hi“, wobei sie versuchte, ganz normal zu klingen.

„Was ist los?“

„Nichts. Alles klar“, murmelte sie.

„Renee?“

„Ich habe Bedenken“, sagte sie kleinlaut. Nun, das wenigstens stimmte.

Er zeigte so schmerzliche Enttäuschung, dass ihr der Atem stockte.

„Na ja, klar“, murmelte er, „kann ich verstehen, also … ich meine, na ja … war ziemlich eingebildet von mir, anzunehmen, dass du …“

„Jim!“

„… dass du … ich meine, dass ich überhaupt gefragt habe.“ Er wandte sich seinem Wagen zu. „Ich meine, du hast hier alles, ein schönes Leben …“

„Jim!“

Er blieb stehen.

„Jim, darum geht es nicht. Es ist mir peinlich, das ist alles. Diese Sache mit dem Nacktsein, ich meine, vor deinen Augen. Besonders jetzt, wo du so .. so …“ Ihr Gesicht brannte vor Scham; sie schaute weg.

„Darum machst du dir Gedanken?“

„Blöd, aber wahr.“

Er kam zurück und hockte sich vor dem Fenster hin, sodass er mit ihr auf Augenhöhe war, und als er sie ansah, stand in seinem Blick nichts als Ehrlichkeit und Besorgnis. „Du bist nicht blöd. Und wenn du nicht möchtest, kann ich das voll und ganz verstehen. Aber ich kann jetzt nicht einfach weggehen, ohne dir etwas gesagt zu haben. Hör zu, Renee - das hier habe ich gewollt, seit ich dich das erste Mal gesehen habe.“

Renee blieb die Luft weg, während sie sich bemühte zu erfassen, was er da gerade gesagt hatte. Aber es war zu viel, zu bedeutend, und es konnte unmöglich wahr sein. Denn wenn es die Wahrheit war, dann …

5. KAPITEL

Nach diesem Geständnis ließ Jim ihr Gesicht nicht aus den Augen. Was er gesagt hatte, war die volle Wahrheit - er hatte mit Renee zusammen sein wollen, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Es hatte sich nie ergeben, aber jetzt, nach all den Jahren der Trennung, erkannte er, dass seine Gefühle damals im College viel tiefer gewesen waren, als er hätte ahnen können. Er wollte sie, begehrte sie.

Was er nicht verstand, war, dass sie weinte. Wenn sie ihn ausgelacht hätte, das hätte er verstehen können. Wenn sie entsetzt oder auch nur verlegen ausgesehen hätte, das wäre ihm nur logisch vorgekommen. Aber Tränen? Nicht einfach feuchte Augen, sondern ein echter Wasserfall? Sein erster Impuls war, sich zurückzuziehen, um sie nicht noch mehr zu verletzen, aber nein, er musste das Rätsel lösen, musste wissen, was in ihr vorging.

Renee wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und verschmierte dabei die Wimperntusche. „Ignorier mich einfach“, schniefte sie.

„Unmöglich.“

Als sie wegsah, bemerkte er, dass ihre Schultern zuckten. Sie weinte noch heftiger.

„Renee, sag, war das sehr dumm von mir?“

Sie schüttelte den Kopf, schaute ihn aber nicht an.

„Willst du, dass ich gehe? Ich tu‘s, auch wenn ich es nicht möchte.“

„Nein“, antwortete sie, doch ihre Stimme zitterte. „Steig in dein Auto. Fahr mir nach, wenn du immer noch willst.“

Renee beobachtete im Rückspiegel, wie er zu seinem Mietwagen joggte. Wenn sie nur aufhören könnte zu weinen! Aber was er gesagt hatte, hatte ihre ganze Welt auf den Kopf gestellt.

Seit er sie im College zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er sie küssen und mit ihr schlafen wollen? Das konnte nicht stimmen. Unmöglich. Sie hätte es gemerkt. Irgendetwas würde er doch getan haben, das ihr eine Ahnung davon vermittelt hätte.

Sie legte den Gang ein und fuhr los, wobei sie öfter in den Rückspiegel sah als auf die Straße vor sich, um sich zu vergewissern, dass Jim ihr wirklich folgte. Immer noch gelang es ihr nicht, seine Behauptung ernst zu nehmen. Sie hatte Jim Lydel mit Herz und Seele geliebt, und das ganz einseitig. Hatte sich danach verzehrt, ihn zu berühren, und das nicht nur freundschaftlich, und jedes Mal, wenn er mit einem anderen Mädchen ausgegangen war, besonders mit Lena, war sie tausend Tode gestorben.

Sie konnte sich doch nicht so in ihm geirrt haben! Nein, es lag eindeutig an ihm, nicht an ihr. Sie bog auf den Parkplatz ein, der zu ihrem Haus gehörte, und achtete beim Einparken darauf, dass neben ihr ein Platz für Jim frei blieb. Als sie gleich darauf gemeinsam die Treppe hinaufgingen, hatte sie sich wieder einigermaßen im Griff. Natürlich würde es ihm wehtun, wenn sie ihn daran erinnerte, wie es wirklich gewesen war, aber sie schuldete es ihm aus Freundschaft, klarzustellen, dass er sie immer nur als gute Freundin gesehen hatte. Das war einfach so, und fertig!

Allerdings konnte ihre Entschossenheit nicht die Gefühle unterdrücken, die über sie hinwegschwappten, während sie neben ihm herging. Immer wieder rutschte sie in die Traumvorstellung hinein, wollte so tun, als wären seine Worte wahr. Reiner Wahnsinn. Besonders als er auch noch ihre Hand mit seiner streifte.

Wollte er Händchen halten? Wie ein Liebespaar?

Ehe sie es herausfinden konnte, standen sie Gott sei Dank vor ihrer Tür. Sie öffnete und spielte sofort die gute Gastgeberin. Das war erst einmal die sicherste Strategie.

Jim wollte keinen Drink. Auch keine Chips. Oder im Wohnzimmer Platz nehmen. Er blieb beim Kamin stehen und betrachtete sie, als würde sie gleich irgendetwas Verrücktes tun. Wie ihn anfassen. Oder küssen.

„Renee, Darling, rede mit mir.“

Am liebsten hätte sie gebrüllt: „Komm mir nicht damit!“, aber sie schwieg.

„Ich schätze, ich hab dich überrumpelt“, sagte er und machte zögernd einen Schritt auf sie zu.

Wie dumm, sie hatte ihre Tasche schon weggelegt, woran sollte sie sich jetzt festhalten? Vielleicht sollte sie sich ein Glas Wein eingießen. Ja, das wäre eine gute …

„Vielleicht war ich selbstsüchtig, aber ich wollte einfach, dass du meine Gefühle kennst. Seit wir uns damals verabschiedet haben, musste ich immer wieder an dich denken - unzählige Male. Ich wusste, dass du in Atlanta lebst, doch ich hatte nicht den Mumm, deine Nummer herauszufinden und dich anzurufen. Vielleicht weil ich dachte, dass es sowieso wie früher sein würde. Dass du nichts von mir wollen würdest außer Freundschaft.“

„Ich?“ Ihre Stimme klang so schrill, dass es sie selbst erschreckte, doch nun, wo es einmal heraus war, konnte sie nicht aufhören zu reden. „Ich bin doch nicht die, die nur Freundschaft wollte! Es hat mich fertiggemacht, dass du mich nie gefragt hast, ob ich mit dir ausgehen will. Ich war jahrelang in dich verliebt!“ Entsetzt brach sie ab. Sie hatte es ausgesprochen!

Aber ihr Ärger verging, als sein Ausdruck von überrascht zu völlig verwirrt wechselte. „Du warst in mich verliebt …?“

Jetzt konnte ihn nichts mehr zurückhalten. Er ging zu ihr und fasste sie bei den Schultern. Sah ihr fest in die Augen. „Jedes Mal, wenn ich dich gefragt habe, hast du einen blöden Witz gemacht. Wenn ich dich angefasst habe, bist du ausgewichen. Ich habe alles versucht, was mir nur einfiel, und immer hast du mich abblitzen lassen.“

„Nein“, flüsterte sie, „das ist nicht wahr.“

Er drückte ihre Schultern. „Erinnere dich. Denk mal genau nach.“

Das tat sie. Und ihr blieb fast das Herz stehen, als die Szenarien vor ihrem inneren Auge auftauchten. Es war gut, dass er sie festhielt, denn ihr wurden die Knie weich, und sie wäre beinahe zusammengesackt. Ja, er hatte sich tatsächlich um sie bemüht. Nur hatte sie es unbewusst nicht zugelassen, weil sie so überzeugt gewesen war, dass er sie unmöglich begehrenswert finden könnte.

Schon als er sich damals bei diesem ersten Zusammentreffen in der Cafeteria neben sie gesetzt hatte, hatte er mit ihr geflirtet. Und sie hatte es nicht wahrgenommen. Sie war blind dafür gewesen, weil sie lange Zeit vorher schon eine undurchdringliche Mauer um sich errichtet hatte, um sich vor der Grausamkeit der Welt zu schützen.

„Oh mein Gott“, keuchte sie, „ich habe es nie …“

„Verdammt, Renee …“ Er zog sie an sich. „Was für eine Verschwendung!“

Wieder kamen ihr die Tränen, doch dieses Mal versuchte sie nicht, sie zu unterdrücken. Mit schmerzhafter Klarheit erkannte sie nun, dass ihr schlimmster Feind sie selbst gewesen war. Ihr fielen jede Menge Gründe ein, die nur jetzt überhaupt keine Rolle mehr spielten. Sie hatte so viel verloren.

Er löste sich ein wenig von ihr, um ihr erneut in die Augen zu sehen. „Wir haben genug Gelegenheiten verpasst, findest du nicht auch?“

Sie nickte. Jim leckte ihr eine Träne von der Wange, dann küsste er sie. Trotz des erregenden Kribbelns, das ihr durch den Körper fuhr, war ihr erster Gedanke, dass sie ihn nicht verdiente. Gefolgt von dem, ob es je eine größere Idiotin als sie gegeben hätte.

Sie hatten eindeutig zu viele Gelegenheiten verpasst. Zu viele Jahre hatte sie in ihrem selbst gebauten Gefängnis zugebracht. Die heutige Nacht war ein Neuanfang. In ihren Armen lag der Mann, den sie immer geliebt hatte. Der schwierige Teil lag hinter ihr - er hatte ihr seine Gefühle offenbart. Nun musste sie es nur noch glauben.

Renee öffnete die Lippen, damit er mit der Zunge in ihren Mund eindringen konnte. Ein kleiner Schritt, einer von vielen, die folgen würden. Überflutet von dem berauschenden Wissen, dass er sie spüren wollte, dass er sie wollte, so wollte, wie sie war, ließ sie ihre Hände über seinen Rücken gleiten.

Langsam, ganz langsam öffnete sie sich diesem funkelnden neuen Universum. Als sie sich an ihm rieb und seine Erektion spürte, nahm sie ihn bei der Hand und zog ihn zum Bett.

6. KAPITEL

Er wollte nicht, dass sie sich unbehaglich oder peinlich berührt fühlte, aber verdammt, er konnte es kaum erwarten, sie nackt zu sehen. Wie oft hatte er sie sich so vorgestellt?

Nach dem College, nach der katastrophalen Beziehung mit Lena, hatte er einige Frauen gehabt, die alle nicht übel gewesen waren. Bis auf die Kleinigkeit, dass sie nicht Renee waren, ihn jedoch immer an sie erinnerten.

Nun, da er die echte Renee vor sich hatte, war er seltsam nervös. Als wäre er wieder in Stanford, ein unerfahrener Student, der kaum wusste, was zu tun war.

Sie blieb vor ihrem Doppelbett stehen, und er stutzte, als er sich umsah. Dieser Raum ähnelte nicht im Geringsten ihrem Zimmer im Studentenwohnheim. Wieso auch? Diese Zeit lag Jahre zurück. Aber trotzdem, irgendwie hatte er sich sie beide immer auf diesem schmalen Bett mit dem Batiküberwurf vorgestellt. Sie nun hier zwischen zartgrün gestrichenen, mit moderner Kunst dekorierten Wänden und Naturholzmöbeln zu sehen irritierte ihn nicht weniger als ihr inzwischen glattes Haar.

„Ist was?“

Er hörte die Besorgnis in ihrem Ton. „Nein. Ich habe uns nur immer im Wohnheim gesehen.“

Überrascht lachte sie auf. „Komisch, bei mir war es immer ein Strand.“

„Wir waren doch nie am Strand.“

„Was soll ich sagen? Ich glaube, ich habe ein Mal zu oft ‚Die blaue Lagune‘ gesehen.“

„Was?“

„Ein Frauenfilm. Kennst du bestimmt nicht. Nicht wichtig“

Sanft legte er ihr eine Hand in den Nacken und zog sie näher heran. „Du bist wichtig.“

„Also hast du dir das hier immer vorgestellt. Mit uns beiden.“

„Die ganze verdammte Zeit lang.“

„Ehrlich, Jim, ich will mich gar nicht beschweren - aber warum hast du mir nie gesagt, wie blöd ich mich verhalte?“

Er grinste und küsste sie auf die Stirn. „Ich war viel zu jung und unerfahren. Auf die Idee, dass ich deine geheime Fantasie sein könnte, wäre ich nie gekommen.“

„Junge“, murmelte sie und legte ihre Hand auf sein Herz, „und was für eine Fantasie! Was meinst du, wie oft ich mich in den Schlaf geweint habe.“

„Das tut mit leid. Ich wünschte, es wäre für uns beide einfacher gewesen.

„Darf ich dich noch etwas fragen?“

„Klar, was du willst.“

Sie seufzte und sah ihn ein wenig besorgt an. „Ich schwöre dir, ich bin nicht auf Komplimente aus. Sag mir nur, warum ausgerechnet ich - was hast du in mir gesehen, damals?“

Er setzte zu einer Antwort an, schloss aber den Mund wieder. Dann sagte er: „Ich zeige es dir.“ Und dann küsste er sie.

Während er mit der Zunge das Innere ihres Munds erkundete, knöpfte er ihr die Bluse auf. Er musste sich sehr beherrschen, um ihr das verflixte Ding nicht vom Körper zu reißen, und er wurde noch ungeduldiger, als er mit dem Handrücken die weiche Haut oberhalb ihrer Brüste streifte. Sie sog scharf die Luft ein, und auch das spürte er. Sie bebten beide vor gespannter Erwartung. Wenn sie wüsste, dass er genauso hart war wie damals im Physikunterricht, als er sich, nur auf Renee konzentriert, in die letzte Reihe verkrochen hatte, damit niemand etwas bemerkte. Als er ihre Hand an seinem Reißverschluss spürte, war er an der Reihe aufzukeuchen. Vorsichtig zog er sich ein Stück zurück; er musste seine Erregung unter Kontrolle halten, sonst würde er auf der Stelle kommen.

„Warte“, murmelte er.

Erschrocken trat sie ebenfalls zurück.

„Was … oh!“

„Jaaa …“ Er grinste.

Sie lachte, und ihm wurde klar, dass dieser Klang ihn immer begleiten würde. Damals, in der Collegezeit, hatte sie oft gelacht. Meistens über ihn, weil er die feste Ansicht vertrat, dass alles im Leben tödlich ernst war. Sie hatte ihm so lange zugesetzt, bis er seine Einstellung überdacht hatte. Und damit hatte sich für ihn alles geändert.

„Warum grinst du?“

Er antwortet nicht, denn er fand die Erklärung schrecklich lahm, aber er machte kurzen Prozess mit den Blusenknöpfen. Obwohl sie noch ihren BH trug, einen einfachen weißen, eindeutig keine Reizwäsche, wurde ihm ganz heiß, und er fühlte sich privilegiert. Ihre Haut war wundervoll und ihr Körper verlockend. Welch ein Genuss es war, sie anzuschauen. Er konnte kaum erwarten, sie überall zu berühren.

Renee musste sich immer wieder sagen, dass Jim sie betrachtete. Dass ihr Körper, den sie selbst nicht sonderlich mochte, bei ihm diesen Blick, diesen speziellen Gesichtsausdruck auslöste.

Dieser Körper, den sie für alles verantwortlich gemacht hatte, nicht nur für Jims Desinteresse, sondern für jede Enttäuschung, jeden Fehlschlag.

„Du bist wunderbar“, sagte er, „aber ich will mehr.“

Mit einem Mut, wie sie ihn nie zuvor aufgebracht hatte, ließ sie ihre Bluse fallen, öffnete den Reißverschluss ihrer Hose und zog sie aus. Zuerst wünschte sie, sie hätte hübschere Unterwäsche angezogen, aber war das nicht genau die alte Denkweise? Sieh ihn an, dachte sie, er findet dich schön. Jetzt, in diesem Moment.

Einen besseren Zeitpunkt würde es nicht geben. Sie streifte BH und Slip ab. Dann richtet sie sich auf, splitternackt, und fühlte sich wie ein neuer Mensch.

Als sie in seine strahlenden Augen schaute, vergab sie sich alles. Dass sie sich selbst um viele glückliche Jahre gebracht hatte, dass sie jedes Versagen ihrem Körper angelastet hatte, dass sie all diese Mauern um sich errichtet hatte, obwohl die sie vor nichts je bewahrt hatten.

Er betrachtete sie so eindringlich, als wäre sie ein Kunstwerk, und, verdammt, nach und nach fühlte sie sich auch so.

Ganz still stand sie, ließ ihn schauen, ließ sich ansehen. Und musste ihrerseits schlucken, als er sich auszog und sie seinen fantastischen Körper sah, die breite Brust, den flachen Bauch und seine gewaltige, sehr schmeichelhafte Erektion.

Er kam zu ihr, umarmte sie und drückte sie gegen seinen harten Körper. Sie seufzte, weil ihr endgültig klar wurde, dass das wirklich kein Traum, keine Fantasie war. Hier war ihr Jim, in Fleisch und Blut. Im wahrsten Sinn des Wortes.

„Wow, du fühlst dich so toll an“, flüsterte er.

Sie berührte ihn, folgte mit den Fingern den Konturen seines Körpers, fühlte jeden Muskel. Und als er seine Hände über ihren Rücken hinab zur Taille gleiten ließ, bebte sie unter seinen Fingern.

Sie legte die Wange an seine Schulter und sog seinen köstlichen, wunderbaren Duft ein.

Die eine Hand wühlte er in ihr Haar, während er mit der anderen ihren Körper erforschte. Doch nun genügte ihm ihre Haut nicht mehr, er wollte mehr, suchte die intimeren Stellen.

Und dann spürte sie seine Finger in sich.

Beide sogen sie scharf den Atem ein.

Während er sie erregte und den Daumen über ihre schwellende Lustperle kreisen ließ, umfasste sie seine Erektion. Auf und ab ließ sie ihre Hand gleiten, fasziniert von seiner Wärme und Härte.

„Ich halt‘s nicht mehr lange aus“, sagte er rau.

„Was? Das?“ Sie drückte etwas fester zu und bewegte die Hand ein wenig schneller.

„Alles. Das Bett wartet, komm.“

Ein letztes Mal rieb sie über die empfindsame Spitze, ehe sie einen Schritt zurück tat. Ah, der plötzliche Abstand war unerträglich, also riss sie förmlich die Decke vom Bett und ließ sich auf die Matratze fallen, unmittelbar gefolgt von Jim, der sich, ohne zu zögern, auf sie legte und sofort da weitermachte, wo er aufgehört hatte.

Mit den Fingern erforschte er ihre intimste Stelle und genoss die Hitze und Feuchtigkeit, die ihm verrieten, dass sie bereit für ihn war.

7. KAPITEL

Jim ließ seine Zunge um eine von Renees Brustspitzen kreisen, nahm sie in den Mund und stöhnte lustvoll auf, als sie sich in seinem Mund hart und straff aufrichtete. Es war ein opulentes Bankett, eine Orgie der Empfindungen, und Renee verstärkte es noch, indem sie sich unter seinen Händen ekstatisch seufzend wand.

Im College hatte er sich diese Situation Tausende Male vorgestellt, aber er hatte wohl nicht genug Fantasie gehabt, denn das hier, das war einfach unvorstellbar.

Wenn Frauen nur erkennen würden, welche Macht sie mit ihrer Wärme und Weichheit besaßen … Noch tiefer schob er die Finger in sie, spürte, wie sie sich eng und heiß darum schloss, konnte es kaum erwarten, richtig in sie einzudringen … Aber beherrschte er nicht die Kunst des genüsslichen Hinauszögerns? Das würde er inzwischen wohl kaum verlernt haben. Er wollte, dass ihr Orgasmus einem Feuerwerk gleichkommen würde. Und mehr als nur einem.

Der Gedanke ließ ihn einhalten. Er hatte nicht geglaubt, Renee je wiederzusehen, hatte sich eingeredet, dass es nur eine College-Liebe gewesen war, eine unerwiderte noch dazu. Von daher war das hier jetzt ein Geschenk, eine Überraschung, etwas, das einem nur ein Mal im Leben passierte.

Oder auch nicht.

Nervös hob sie den Kopf vom Kissen. „Stimmt was nicht?“

Lächelnd betrachtete er ihre besorgte Miene. „Alles bestens. Allerdings kann ich mich nicht mehr viel länger zurückhalten.“

Jetzt grinste sie. „Ich gebe dir Gelegenheit, dich ein bisschen zu fassen. Im Badezimmer sind Kondome. Oberste Schublade.“

„Ah, cleveres Mädchen. Obwohl ich wünschte …“

„Hmm, ich auch.“

Er wusste kaum, wie er aus dem Bett kam. So heiß war er noch nie gewesen.

Jim fand die Kondome, und optimistisch, wie er war, nahm er die ganze Packung mit zurück. Ungeduldig riss er die Schachtel auf und fischte ein Päckchen heraus. Er bemerkte, dass die kurze Auszeit an seinem Zustand nichts geändert hatte. Er war so hart wie zuvor. Er musste sich ablenken, musste an etwas anderes denken, wenn er wollte, dass sie länger Spaß hatten als eine halbe Minute. Er packte das Kondom aus und streifte es sich über. Dann betrachtete er die wunderschöne Frau, die erwartungsvoll vor ihm lag.

So viele Jahre hatte er auf diesen Moment gewartet. Einfach ein Jammer, dass es so schnell vorbei sein würde, aber, na ja, es gab immer ein zweites Mal. Und ein drittes …?

„Was grinst du so?“, fragte sie misstrauisch.

Er rückte näher an sie heran, ganz nah, und stützte seine Hände links und rechts neben ihrem Kopf auf. „Ich möchte, dass es für dich perfekt wird, aber es spricht eine ganze Menge dagegen.“

Verwirrt blinzelte sie. „Du machst Witze, oder?“

Ihm stockte der Atem, und er versuchte, seine leichte Panik vor ihr zu verbergen. „Also, na ja, ich wollte mich wenigstens anstrengen, trotz meiner …“

Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. „Sei still, du Idiot, es … es ist doch schon perfekt.“

Nun musste er blinzeln, musste ihre Worte in sein Bewusstsein einsickern lassen.

So also passierte so was. All diese Missverständnisse kamen daher, dass man etwas zu sehr wollte, kamen von der Furcht, dass ein Wort, eine Geste einem das Wichtigste auf der Welt kaputtmachen könnten. „Du hast recht“, erwiderte er. „Du bist schon perfekt.“

Zum Beweis dieser klugen Worte küsste er sie. Küsste sie, als wäre dies ihr erster Tag im College, als hätte er sie gerade um ein Date gebeten, als wären sie immer zusammen gewesen.

Renee erwiderte den Kuss, und wieder wurde ihr das Wunder bewusst. Es war Jims Kuss, seine geschickte Zunge, sein nackter Körper, sein Knie, das sich zwischen ihre Oberschenkel schob, sie drängte, sich ihm zu öffnen. Es war Jim, bereit, sie zu lieben. Sie, Renee, die Göre aus dem Studentenwohnheim, die bei all den Lovesongs damals geweint hatte.

Sie öffnete sich ihm, öffnete ihren Mund, ihre Schenkel, ihr Herz. Wenn das hier ein magischer Moment war, würde sie sich ihm vollständig ergeben. Allzu viel war sie noch nicht herumgekommen, doch sie wusste, dass sich Gelegenheiten wie diese nicht ständig boten.

Begierig ließ sie ihre Hände wandern, streichelte ihn überall, schmeckte seine Zunge, seine Lippen, seine Haut, presste sich an ihn, wollte sich diese Empfindungen für immer einprägen. Als er sich ein wenig hochstemmte, um sich in die richtige Position zu bringen, zwang sie sich dazu, sich den Moment des Eindringens nicht vorab vorzustellen, sondern sich nur auf ihre Empfindungen zu konzentrieren - ganz bewusst, ganz intensiv das Jetzt zu erleben.

Behutsam drang er in sie ein, langsam, nur ein kleines Stückchen, und konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.

Sie schlug die Augen auf, erstaunt, dass sie sie überhaupt geschlossen hatte, und sah, dass er ihr ins Gesicht schaute; sein Blick suchte ihren. Sein Lächeln rief unvorstellbare Glückseligkeit in ihr hervor. Es war beinahe vollkommen. Beinahe.

Mit einem raschen Stoß ihrer Hüften kam sie ihm entgegen, nahm ihn tiefer in sich auf. Und die ganze Zeit sah sie ihn mit weit geöffneten Augen an. „Bitte“, flüsterte sie, „sag meinen Namen. Bitte.“

8. KAPITEL

„Renee“, sagte er heiser und schaute sie mit solchem Verlangen an, dass ihr die Augen feucht wurden.

Und dann füllte er sie vollkommen aus. Sehr langsam zog er sich zurück und drang wieder in sie ein. Immer wieder wollte sie die Augen schließen, doch sie wehrte sich dagegen, sie wollte diesen Augenblick mit allen Sinnen genießen. Diese eine, einzige Chance, ihm zu gehören. Diesem Mann, den sie seit so langer Zeit liebte, den sie immer lieben würde.

Weiter, entschlossener bog sie sich ihm entgegen, als ihre Körper sich vereinten. Sie wurden eins. Das war natürlich ein blödsinnig sentimentaler Gedanke, aber was machte das schon? Jahrelang hatte sie sich um Zynismus bemüht, hatte so getan, als wäre Liebe nichts Besonderes.

Aber Liebe war besonders. War alles im Leben.

„Jim!“, flüsterte sie. „Oh Jim!“

„Du fühlst dich wunderbar an“, murmelte er, „so weich und warm.“

Als sie den Mund öffnete, um zu antworten, brachte sie kein Wort heraus, sondern nur ein tief zufriedenes, leises Seufzen. Sie wollte, dass er nie aufhörte.

Verdammt, ich stecke so was von in der Tinte, dachte sie. Sie hatte geglaubt, dieses eine Mal würde ihr genügen. Dass sie das Erlebnis bewahren könnte, wie man ein hübsches Souvenir auf dem Nachttisch aufbewahrte. Aber nun wusste sie, das allein würde ihr nicht reichen.

„Hey“, flüsterte er. „Was ist los? Wo bist du?“

„Ach, ich habe dich einfach zu lange geliebt“, gestand sie. „All diese vielen Jahre …“

„Aber jetzt bin ich hier. Wir sind zusammen.“

Sie nickte; er hatte ja recht. Für Bedauern war noch Zeit genug. Heute Nacht sollte es nichts anderes geben als Lust und Leidenschaft.

Wieder küsste er sie, während er sich in ihr bewegte, und sie klammerte sich an ihn, schlang die Arme fest um ihn und dann auch die Beine, als wollte sie ihn nie mehr loslassen. Was er da machte, war wunderbar, aber sie wollte mehr. Wenn das nicht typisch für sie war! Nie sah sie die Wahrheit im Augenblick, sondern immer, immer schon den nächsten Schritt.

Als er sich ein wenig zurückzog, konzentrierte sie sich auf sein Gesicht, betrachtete es intensiv, nahm all die kleinen Veränderungen wahr, die den Mann Jim ausmachten, nicht mehr den Jungen vom College. Nicht nur sein Körper war erwachsen geworden, sondern der ganze Jim. Er strahlte eine Sicherheit aus, eine Reife, die jedem Sturm standhalten konnte.

War es bei ihr genauso? Vielleicht war die Begegnung mit Jim nicht nur dazu gut, eine alte Wunde zu heilen, sondern der Beginn einer neuen Ära. Nun, da sie wusste, was sie damals alles übersehen hatte, konnte sie prüfen, ob sie auf anderen Gebieten nicht ebenso blind gewesen war. Der Gedanke machte ihr keine Angst, sondern war sogar aufregend. Sie könnte eine Menge lernen.

„Renee, hier bin ich“, drängte er, „Bleib hier. Ich will das hier nie vergessen. Dich nie vergessen.“

Sie nickte, keuchte dann auf, denn er beschleunigte das Tempo, wechselte von gefühlvoll zu verlangend, fordernd, und als er tief und besitzergreifend in sie eindrang, fuhr ihr ein elektrisierendes Beben durch den ganzen Körper.

Kraftlos ließ sie die Beine sinken, unfähig, mit ihm mitzuhalten. Sie konnte sich nur noch ans Bett klammern, als die unbeschreiblich intensiven Gefühle ihre sämtlichen Sinne überschwemmten.

„Ich liebe deinen Körper“, stöhnte er mit rauer Stimme. „er ist genau so, wie ich es mir immer erträumt habe. Du bist vollkommen, Renee.“

Eine Sekunde lang fragte sie sich, ob sie ihm glauben sollte. Doch nur eine Sekunde, dann war ihr klar, dass er meinte, was er gesagt hatte. In dem Moment, als sie es akzeptierte, erreichte sie den Höhepunkt.

Noch nie hatte sie einen solchen Orgasmus gehabt. Es war ein völlig neues Gefühl für eine neue Frau. Sie war neu geboren, und dieses Wissen ließ ihren gesamten Körper vibrieren. Immer noch blickte sie unverwandt in Jims Gesicht, während er noch heftiger und tiefer in sie eindrang. Als er kam, erschien ein wilder, wunderschöner Ausdruck auf seinem Gesicht. Auf seinem Höhepunkt verschmolzen sie miteinander, als bestünden ihre Körper aus flüssiger Glut.

Als Renee sich endlich wieder rühren konnte, streichelte sie zärtlich seinen Rücken.

Er hob den Kopf. „Verdammt!“, sagte er, küsste sie fest und rollte sich zur Seite. Ehe sie sich beschweren konnte, zog er mit einem Griff die Bettdecke heran und breitete sie fürsorglich über sie beide. Dann kuschelte er sich dicht an sie.

„Das war … wow!“, murmelte er. „Nur viel zu kurz.“

„Hab ich mich etwa beschwert?“

„Nein, dazu bist du viel zu nett.“

„Ha! So nett war ich nie!“

„Auch wieder wahr.“

Wie gut es tat, mit ihm zu lachen! Herumzualbern. Einfach mit dem besten Freund, den sie je hatte, hier und auf diese Weise zusammen zu sein.

„Übrigens habe ich nachgedacht“, sagte er nach einer Weile. „Ich meine, über diese Jobsache.“

Das war‘s wohl mit Herumalbern. In ihr keimte eine Mischung aus Furcht und Hoffnung. „Ja, und?“

„In New York gibt es jede Menge Werbeagenturen. Ich selbst arbeite mit ein paar zusammen, und ich denke, du könntest eine finden, die zu dir passt.“

„Also meinst du, ich sollte nach New York ziehen. Da arbeiten.“

Er drehte sich auf die Seite und sah sie offen und sehr lebhaft an. „Nein, nicht nur das, es geht mir nicht nur um deine Arbeit. Um ehrlich zu sein, ich möchte nicht, dass das mit uns beiden hier endet. Dazu hat es zu verdammt lange gedauert, dich zu finden.“

Das war es. Nie hatte sie zu hoffen gewagt, dass sie jemals diese Worte hören würde, nicht einmal in ihren Träumen. Sie brach in Tränen aus, wenn es sie auch ärgerte, so ein Mädchen zu sein.

„Renee! Bitte sag, dass du vor Freude weinst. Bitte.“

„Freude“, nuschelte sie in seine Halsbeuge. „Große Freude.“

„Gott sei Dank! Also willst du es drauf ankommen lassen? Ich meine, willst du es mit New York zumindest versuchen?“

„Nicht nur versuchen. Gleich morgen kündige ich - den Job und die Wohnung.“

„Bist du dir sicher? Das ist eine wichtige Entscheidung.“ Er rutschte unruhig auf dem Bett herum. „Vergiss nicht, was du sagen willst, ich bin sofort wieder hier.“ Er stand auf, ging ins Bad und schloss die Tür hinter sich.

Renee zwickte sich in den Arm, um festzustellen, ob sie träumte. Er wollte sie, wollte sie bei sich haben, wollte, dass sie nach New York zog.

Und dann? Eine Wohnung suchen? Oder bei ihm einziehen?

Oh Gott, das war zu viel! Zu wichtig. Wie konnte sie eine solche Entscheidung treffen, wenn sie vor Liebe ganz beduselt war?

Die Badezimmertür öffnete sich, und Jim kam zurück, immer noch herrlich splitternackt.

„Ich hab ein ganz nettes Haus“, verkündete er, während er sich neben sie aufs Bett fallen ließ. „Eins dieser alten Ziegelhäuser. Es ist ziemlich groß. Wenn du willst, kannst du es ganz neu einrichten. Ich hätte nichts dagegen, solange du mein Arbeitszimmer lässt, wie es ist. Mit allem anderen kannst du anstellen, was du magst. Es sei denn, dir wäre es lieber, dass wir uns nach etwas anderem umsehen.“

Sie konnte nicht anders, sie prustete laut heraus.

„Was ist?“

„Wir werden uns, glaube ich, beide erst einmal an das hier gewöhnen müssen.“

„Oh … wir müssen natürlich nicht zusammenwohnen. Ich schätze, ich bin zu schnell vorgeprescht, aber ich …“

Hastig legte sie ihm einen Finger auf die Lippen. „Doch, ich will mit dir zusammenwohnen, hab nie was anderes gewollt. Weißt du, es ist nur so - mein Sparkonto ist nicht besonders gut gepolstert. Der Umzug und was so dazugehört …“

Nun unterbrach er sie. „Kein Problem. Das kann ich in die Hand nehmen.“

„Das mag ja sein.“ Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn. „Aber nein, danke, ich werde es schon irgendwie hinkriegen. Wenn ich doch nur sechs Richtige gehabt hätte!“

„Was?“

„Bei der Lotterieziehung gestern. Es ging um eine Million. Aber ich hatte nur fünf Richtige.“

Er sah sie sehr merkwürdig an. „Hast du schon öfter gespielt?“

„Zwei, drei Mal. Denk bloß nicht, dass ich spielsüchtig wäre oder so was!“

„Hast du dich je um die Regeln gekümmert?“

„Nein, aber ich bin volljährig, was soll‘s also?“

„Renee, Süße, du hast gewonnen.“

„Nein, ich sagte doch, ich hab nur fünf richtige Ziffern.“

„Aber darauf gibt es auch einen Gewinn. Nicht die Million, aber immerhin ein nettes Sümmchen.“

Wie nett?“

„Keine Ahnung. Hast du die Zeitung von heute?“

Noch ehe er den Satz beendet hatte, war sie aus dem Bett und im Wohnzimmer, so schnell, dass Jim ihr amüsiert lachend folgte; doch sie achtete nicht darauf, denn sie war zu gespannt, was es mit seiner Behauptung auf sich hatte.

Da sie nicht einmal wusste, wo sie nachschauen sollte, nahm Jim ihr die Zeitung aus der Hand und schlug die richtige Seite auf.

„Und?“

„Wie findest du zweihundertvierzigtausend?“

„Was?“ Sie quietschte beinahe vor Schreck.

„Sag jetzt nicht, du hast das Los weggeworfen!“

„Nein, das hab ich noch. Aber lass mich selbst sehen!“

Er zeigte ihr die Gewinnquoten, und sie las sie wieder und wieder, bis sie es endlich glauben konnte.

„Und die ganze Zeit habe ich gedacht, was für ein Pech ich doch immer habe - Beförderung und Gewinn an einem Tag futsch!“

„Na ja“, meinte Jim, „der Hauptgewinn ist es nicht.“

Sie umfing sein Gesicht mit den Händen und küsste ihn mitten auf den Mund. „Machst du Witze? Den Hauptgewinn habe ich schon!“

- ENDE -

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