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Inhalt

Weitere Titel des Autors:

Der Jünger des Teufels
Der zweite Messias
Die Achse des Bösen
Die letzte Zeugin
Operation Babylon
Operation Romanow
Operation Schneewolf
Projekt Wintermond
Unternehmen Brandenburg

Über dieses Buch

Eine atemlose Jagd durch die Wüste und ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit!

November 1943. Die deutsche Abwehr plant einen spektakulären Anschlag. US-Präsident Roosevelt und der britische Premierminister Churchill sollen während einer Geheimkonferenz in Kairo ermordet werden. Als der amerikanische Geheimdienst von dieser Mission erfährt, beginnt die fieberhafte Suche nach den Attentätern in der Wüste Ägyptens. Agent Harry Weaver bleiben nur wenige Tage, um den Feind unschädlich zu machen und das Attentat zu verhindern. Doch unter den Feinden sind auch zwei Menschen, mit denen er vor dem Krieg einen Freundschaftspakt geschlossen hat …

Glenn Meade erzählt fesselnd wie kaum ein anderer von der Brutalität des Zweiten Weltkriegs, von Heldentum, Freundschaft, Liebe und Verrat. Ein packender Spionage-Thriller vor der atemberaubenden Kulisse der ägyptischen Pyramiden vom Autor der Weltbestseller »Operation Schneewolf« und »Unternehmen Brandenburg«.

eBooks von beTHRILLED – mörderisch gute Unterhaltung.

Über den Autor

Glenn Meade (*1957 in Dublin) arbeitete als Journalist und als hochspezialisierter Ausbilder am Flugsimulator für Aer Lingus, bevor er zu internationalem Bestsellerruhm gelangte. Seine Bücher, darunter der Thriller »Mission Sphinx«, wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Glenn Meade lebt in Irland und widmet sich ganz der Schriftstellerei.

GLENN MEADE

MISSION
SPHINX

THRILLER

Aus dem Englischen
von Susanne Zilla

»Wir hatten diesen unglaublichen Plan. Er sollte die Alliierten in ein totales Chaos stürzen und die bevorstehende Invasion verhindern. Sie können sich nicht vorstellen, wie nahe Deutschland daran war, den Krieg zu gewinnen.«

Walter Schellenberg, Generalmajor der Waffen-SS, in einem Gespräch mit den alliierten Anklägern während des Nürnberger Prozesses, Februar 1946

»Unter Freunden bedarf es der Gerechtigkeit nicht.«

Aristoteles

Gegenwart

1

Kairo

Es war April, und der Kamsin blies, ein heulender Wüstenwind, der den Sand durch die Straßen trieb, bis man vor Schmerz die Augen schließen musste.

Als das Taxi vor der Leichenhalle anhielt und ich ausstieg, fragte ich mich erneut, warum ich in einer so scheußlichen Nacht hierhergekommen war, wo es doch nicht mehr zu sehen gab als die Leiche eines alten Mannes, die am Ufer des Nils angeschwemmt worden war.

»Möchten Sie, dass ich warte, Sir?« Der Taxifahrer war ein bärtiger junger Mann mit schlechten Zähnen.

»Warum nicht?« In einer solchen Nacht war man froh, wenn man kein neues Taxi suchen musste.

Die Leichenhalle war eines dieser ehrwürdigen, massiven Steingebäude, die man in Ägypten häufig antrifft, ein Überrest aus der kolonialen Vergangenheit, aber jetzt machte das Haus einen düsteren und ungepflegten Eindruck. Im Laufe der Zeit war der Granit von den Abgasen ganz schwarz geworden. Neben der Halle konnte ich eine schmutzige, enge Gasse erkennen, in der der Abfall vom Wind durcheinandergewirbelt wurde. Über einer blau gestrichenen Tür mit einem Metallgitter in der Mitte brannte ein Licht. Ich ging in die Gasse hinein und klingelte. Irgendwo im Gebäude summte es, und kurze Zeit später öffnete sich das Metallgitter. Das unrasierte Gesicht eines Mannes erschien.

»Ismail?«

Der Mann nickte.

»Ich möchte mir die Leiche des alten Mannes ansehen«, sagte ich in arabischer Sprache. »Den sie aus dem Nil gefischt haben. Captain Halim von der Polizei in Kairo hat mir gesagt, ich soll mich an Sie wenden.«

Er schien überrascht, dass ich seine Sprache sprach, aber dann zog er rasselnd den Riegel beiseite, öffnete die Tür und ließ mich hinein. Erleichtert, dem grässlichen Wind zu entkommen, klopfte ich mir den Sand vom Mantel und trat ein. Ich spürte eine merkwürdige Erregung. Hier stand ich nun, ein Mann Mitte fünfzig, und kam mir vor wie ein aufgeregtes Schulkind – ich hoffte, nun endlich eine Antwort auf die vielen Fragen zu finden, hoffte, dass das bizarre Rätsel, das mich seit vielen Jahren beschäftigt hatte, sich doch noch lösen würde.

Es war überraschend kühl im Inneren des Gebäudes, und ein penetranter Geruch umgab mich. Eine Mischung aus den Düften des Orients und der Verwesung. Ich konnte den hölzernen Bogen erkennen, der in die eigentliche Leichenhalle führte, aber dahinter versank alles im Dunkel. Nur eine einzelne Glühbirne und ein paar flackernde Duftkerzen brannten dort. In dem Raum standen mehrere Metalltische, auf denen unter schmuddeligen weißen Tüchern die Leichen lagen. Außerdem gab es in den Granitwänden der Leichenhalle noch mindestens ein Dutzend Fächer hinter verkratzten, verbeulten Stahltüren.

Ismail sah mich an. Seine traurige Miene wirkte gekünstelt. Er war klein, dick und trug eine verschlissene Dschellaba aus Baumwolle. »Sind Sie ein Verwandter des Toten?«

»Ich bin Journalist.«

Der Ausdruck der Trauer verschwand augenblicklich aus seinem Gesicht. »Das verstehe ich nicht.« Ismail runzelte die Stirn. »Was wollen Sie denn hier?«

Ich nahm meine Brieftasche heraus, zählte großzügig ein paar Scheine ab und gab sie ihm. »Für Ihre Bemühungen.«

»Wie bitte?«

»Ihre Zeit, aber ich werde nicht viel davon in Anspruch nehmen. Ich möchte nur die Leiche des alten Mannes sehen. Wäre das möglich? Es ist vielleicht eine Story für mich drin, verstehen Sie?«

Ismail verstand offensichtlich. Das Geld verhinderte jeden Widerspruch, und er lächelte, als er sich die Scheine in die Tasche stopfte. »Natürlich, wie Sie wünschen, einem Mann von der Presse bin ich immer gern behilflich. Sie sind Amerikaner?«

»Ja, das stimmt.«

»Das dachte ich mir schon. Bitte kommen Sie hier entlang.«

Er führte mich in die Leichenhalle. Es war sehr kühl dort, und von den Wänden blätterte die blaue Farbe ab. Die filigrane arabische Holzschnitzerei der Bögen und Türen war außerordentlich kunstvoll, aber der Raum sah trotzdem schäbig aus. Eine Renovierung war längst überfällig.

Ismail zeigte in eine Ecke, die mit einem schweren Perlenvorhang abgetrennt war. »Er liegt dort. Ich habe gerade an ihm gearbeitet, als Sie geklingelt haben. Nicht sehr angenehm, wenn so eine Leiche mehrere Tage im Wasser gelegen hat. Möchten Sie sie immer noch sehen?«

»Deshalb bin ich ja hier.«

Ich folgte ihm, und er zog den Vorhang beiseite. Ein paar flackernde Duftkerzen standen neben einem Marmorblock, auf dem eine nackte, männliche Leiche lag. Daneben stand ein kleiner Metalltisch, auf dem sich die einfachen Instrumente eines Bestattungsunternehmers befanden. Gewachste Fäden, Watte, ein paar Schüsseln mit Wasser. Neben dem Tisch lagen ordentlich gefaltete, saubere Kleidungsstücke: ein alter Leinenanzug, Hemd und Krawatte, Socken und Schuhe. Wahrscheinlich waren sie für die Leiche gedacht.

Der alte Mann, der dort aufgebahrt lag, war sicher schon über siebzig und ziemlich groß, mindestens einen Meter achtzig. Seine Augen waren offen und starrten glasig ins Leere. Das dünne graue Haar war straff nach hinten gekämmt, die Haut weiß und vom Wasser ganz runzlig. Seine Gesichtszüge waren schrecklich verzerrt, aber es fehlte die lange Narbe auf der Brust, die auf eine Autopsie hingedeutet hätte. In moslemischen Ländern werden die Toten rasch begraben, meistens noch vor Sonnenuntergang, wenn der Tod am Morgen eingetreten war, sonst am nächsten Tag. Die Toten gelten als heilig und werden selten angerührt. Selbst die Opfer eines Mordes werden gewöhnlich nur einer Nekropsie unterzogen: Einer oberflächlichen Untersuchung der Leiche, um die Ursache des Todes festzustellen, bloße Vermutung also.

Ich schauderte, denn der Duft der Kerzen konnte den Gestank der Verwesung nicht überdecken. »Was können Sie mir über ihn sagen?«

Der Leichenbestatter zuckte die Achseln. Als ob ein Toter mehr in einer chaotischen Stadt, in der fünfzehn Millionen Menschen lebten, wichtig wäre. »Er ist gestern gebracht worden. Die Polizei hat ihn im Wasser in der Nähe der Eisenbahnbrücke gefunden. Er trug einen deutschen Ausweis auf den Namen Johann Haider bei sich, und er besaß eine Wohnung im Imbaba-Viertel.«

So viel wusste ich bereits. »Hat sich irgendjemand gemeldet?«

»Noch nicht. Die Leiche wird noch eine Weile aufbewahrt werden, während man nach Verwandten sucht. Aber bis jetzt haben sie niemanden gefunden. Es sieht aus, als hätte er allein gelebt.«

»Ich nehme an, er ist kein Moslem?«

»Die Polizei hält ihn für einen Christen.«

»Ist er ertrunken?«

Ismail nickte. »Das sagt jedenfalls der Pathologe. Wie Sie selbst sehen können, weist der Körper keinerlei Wunden auf. Der Pathologe glaubt, dass der alte Mann aus Versehen in den Fluss gefallen ist, was manchmal passiert. Oder er hat Selbstmord begangen und ist von einer der Brücken gesprungen.« Ismail rieb sich das unrasierte Kinn. »Genau werden wir das nie wissen.«

»Gibt es noch irgendetwas, was Sie mir über ihn sagen können?«

»Ich fürchte, nein. Da müssen Sie schon die Polizei fragen.«

»Soweit ich weiß, hat die Polizei inzwischen herausgefunden, dass unser toter Freund hier einen zweiten Ausweis in seiner Wohnung versteckt hatte. Und zwar einen ziemlich alten auf den Namen Hans Meyer.«

Ismail zuckte die Achseln. »Ich bin nur ein einfacher Leichenbestatter. Ich habe nichts davon gehört. Aber ich weiß, dass eine ganze Menge Ausländer in Kairo leben, auch Deutsche. Arbeiten Sie für eine amerikanische Zeitung?«

»Ja, ich bin Auslandskorrespondent für den Nahen Osten.«

»Interessant.«

Ich deutete auf die Leiche. »Aber wahrscheinlich nicht annähernd so interessant wie dieser alte Mann hier.«

»Kannten Sie ihn denn?«, fragte Ismail überrascht.

»Lassen Sie es mich so sagen: Wenn er wirklich der ist, für den ich ihn halte, dann haben Sie hier die sterblichen Überreste eines wirklich bemerkenswerten Mannes vor sich, vor allem, wenn man bedenkt, dass er schon seit fünfzig Jahren tot sein soll.«

»Wie bitte?«

»Das ist eine lange Geschichte, zu lang, um sie zu erzählen. Aber wenn er es ist, dann verbringen Sie die heutige Nacht in der Gesellschaft einer wirklich interessanten Leiche.«

Ismail pfiff leise. »Dann ist es ja kein Wunder, dass sich der andere Gentleman so für ihn interessiert hat.«

»Was für ein Gentleman?«

»Er war vor einer halben Stunde hier. Er wollte sich die Leiche ansehen. Ein älterer Amerikaner. Jemand, der es gewohnt ist, alles zu bekommen, was er will. Ein typischer Amerikaner eben. Er ist hier hereingeplatzt und wollte die Leiche sehen.« Ismail grinste und klopfte sich auf die Tasche seiner Dschellaba. »Er war nicht so großzügig wie einige seiner Landsleute. Als ich ihn um ein bisschen Bakschisch bat, wollte er mir glatt die Hand abhacken.«

»Wer war er denn?«

Ismail kratzte sich am Kopf. »Harry Weaver hieß er, glaube ich.«

Der Name ließ mein Herz schneller schlagen. »Harry Weaver? Sind Sie sicher?«

»Ich glaube schon.«

»Beschreiben Sie ihn mir.«

»Ziemlich groß. Ende siebzig, vielleicht sogar älter, aber topfit. Er scheint hart an sich zu arbeiten. Eine ziemlich beeindruckende Erscheinung.« Ismail hielt überrascht inne, als er mein Gesicht sah. »Kennen Sie diesen Mr Weaver?«

»Nicht persönlich, aber ich habe von ihm gehört.«

»Er scheint ein wichtiger Mann zu sein. Jemand, der es gewohnt ist, Befehle zu erteilen. Ein hoher Offizier vielleicht.«

»Ja, allerdings«, meinte ich. »Und Sie können Allah danken, dass Sie noch leben und beide Hände besitzen. Harry Weaver ist nun wirklich nicht der Mann, mit dem man Schmiergelder aushandeln kann. Er ist die Integrität in Person. Fast vierzig Jahre lang war er Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten.«

Ismail hob hilflos die Hände. »Aber Bakschisch ist hier nun mal üblich.«

»Als ob ich das nicht wüsste.« Ich schlug den Mantelkragen hoch und drehte mich um, um zu gehen.

Ismail sagte: »Glauben Sie, bei der Leiche handelt es sich um den Deutschen, von dem Sie gesprochen haben?«

Ich warf noch einen Blick auf die Leiche. »Das weiß der Himmel. Er ist ja in einem so erbärmlichen Zustand, dass man kaum noch weiß, wo vorne und hinten ist. Wissen Sie, wo Mr Weaver hingegangen ist?«

»Zu dem Haus, wo der Deutsche gelebt hat. Ich habe ihn mit dem Taxifahrer sprechen hören, der draußen auf ihn gewartet hat.«

»Das wird ja immer interessanter. Kennen Sie die Adresse?«

»Natürlich. Ich bin gestern dort gewesen, um ein paar Kleidungsstücke für die Beerdigung zu holen, auf Anweisung der Polizei.« Ismail schrieb die Adresse auf ein Stück Papier, das ich ihm gab. »Die Wohnung ist im obersten Stockwerk.«

»Hat die Polizei die Wohnung versiegelt?«

»Nein, das war wohl nicht nötig. Der alte Mann hat nicht sehr viel besessen. Aber wenn die Wohnungstür verschlossen sein sollte, der Vermieter hat den Schlüssel.«

Als ich das Stück Papier einsteckte, fragte Ismail: »Gibt es sonst noch etwas?«

Ich warf einen letzten Blick auf die Leiche des alten Mannes, bevor ich mich umdrehte, um zu gehen. »Nein, vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen.«

Imbaba ist ein Arbeiterviertel am Ufer des Nils, das zum Teil aus verfallenen Holzhütten, zum Teil aus trostlosen Mietskasernen aus Beton besteht. Auf der Straße sammelt sich das Abwasser in Pfützen, und die Häuser drängen sich eng aneinander, als ob sie sich gegenseitig vor dem allgegenwärtigen Dreck und der Armut beschützen wollten. Der Taxifahrer fand die Adresse ohne Probleme.

Das Haus war im arabischen Stil erbaut, ein großes, altes Gebäude aus uraltem, braunem Holz. Es machte einen heruntergekommenen Eindruck. In den Fenstern hingen schäbige, verschlissene Netzgardinen, und im ersten Stock befand sich ein Balkon aus verwittertem, geschnitztem Holz. Es stand kein weiteres Taxi vor dem Gebäude, aber die Haustür war offen und schlug im Wind. Dahinter lag ein dunkler Flur.

»Warten Sie hier«, sagte ich dem Fahrer und stieg aus.

Im Treppenhaus stank es nach Urin und ranzigem Essen. Die hölzernen Stufen knarrten, als ich die Treppe hinaufstieg. Ich hörte ein Kind weinen, und irgendwo stritt sich ein Paar in den finsteren Tiefen des Hauses. Im ersten Stock stand eine Tür offen, und ich trat ein.

Es war ein typisch ägyptisches Zimmer, aber schäbig und völlig durcheinander. Schubladen standen offen, und der Inhalt quoll heraus. Alte Papiere, Briefe, Kleider und persönliche Gegenstände, mittendrin eine kaputte Brille, lagen überall verstreut auf dem Boden. Es sah aus, als ob jemand die Wohnung durchsucht hätte. Es gab noch ein paar weitere Türen zu den anderen Räumen und ein Fenster, durch das man den Nil sehen konnte, der jetzt in Dunkelheit gehüllt war. Ich sah die Papiere und Briefe durch, aber sie waren uninteressant. Als ich eine der Schubladen schloss, stieß ich versehentlich eine Tischlampe um, die mit lautem Geklapper zu Boden fiel. Plötzlich öffnete sich eine der Türen.

Als ich mich umdrehte, sah ich einen großen älteren Mann, der förmlich in den Raum hineinstürzte. Das Schlafzimmer, aus dem er kam, war ebenfalls in völliger Unordnung. Überall lag Papier herum, und er hielt eine Lesebrille in der Hand. Er trug einen hellen Trenchcoat, sein silbernes Haar war voller Sand, und auf seinem sonnengebräunten Gesicht lag ein gehetzter Ausdruck. Ich wusste, dass er mindestens Anfang achtzig war, aber er hatte sich erstaunlich gut gehalten. Er strahlte eine Frische aus, die ihn zehn Jahre jünger erscheinen ließ. Und den hohen Offizier sah man ihm noch immer an. Er war fast einen Meter neunzig groß und hatte ein scharf geschnittenes Gesicht. Lediglich seine gebeugten Schultern und die etwas wässrigen, aber durchdringenden grauen Augen verrieten sein Alter.

Sie verengten sich, als er mich ansah. »Wer, zum Teufel, sind Sie?«, wollte er wissen. Sein Akzent war unverkennbar amerikanisch.

»Das Gleiche könnte ich Sie auch fragen, wenn ich die Antwort nicht schon wüsste, Colonel Weaver.«

Er stutzte. »Sie kennen mich?«

»Nicht persönlich, aber welcher Amerikaner hat wohl noch nicht von Harry Weaver gehört? Eine Legende zu Lebzeiten. Fast vierzig Jahre lang Sicherheitsberater der amerikanischen Präsidenten.«

»Und wer sind Sie?«, schnaubte Weaver verächtlich.

»Ich heiße Frank Carney.«

Er schien nicht beeindruckt, aber dann sah ich ein leichtes Flackern in seinen Augen, und er runzelte die Stirn. »Doch nicht etwa Carney, der Reporter der New York Times?«

»Ich fürchte, ja.«

Weaver entspannte sich. »Ich habe alle Ihre Artikel gelesen. Nicht, dass ich Ihre Meinung immer geteilt hätte.«

»Manchmal aber schon«, entgegnete ich. »Ich war noch grün hinter den Ohren, als man mich nach Dallas geschickt hat, um einen Kollegen zu vertreten. Ich war dabei, als Kennedy ermordet wurde. Sie waren einer seiner Sicherheitsberater. Sie haben ihm geraten, nicht zu fahren, erinnern Sie sich?«

»Zu viele Schwachpunkte. Zu viele verdammte Lücken bei der Sicherheitsüberwachung vor Ort. Und in dem offenen Wagen war er die perfekte Zielscheibe, auch wenn die Leute vom Geheimdienst ihm unentwegt versichert haben, dass sie ihn beschützen könnten.«

»Wenn John F. Kennedy auf Sie gehört hätte, wäre er wahrscheinlich heute noch am Leben. Das habe ich in meinem Artikel auch geschrieben.«

Weaver schüttelte traurig den Kopf. »Zu spät. Aber wenn ich es mir richtig überlege, ich glaube, ich kann mich sogar noch an Ihren Artikel erinnern. Es war eine faire und exakte Beschreibung der Tatsachen.«

»Das lag daran, dass ich meine Hausaufgaben gemacht hatte. Ich habe damals alles an Hintergrundinformation gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Traue niemandem und sei skeptisch, was auch immer sich dir an Tatsachen präsentiert. Das war Ihr persönliches Motto. Wenn man Ihre Karriere betrachtet, sollte man wohl auf Sie hören. Das habe ich jedenfalls damals getan.«

»Alles Erfahrung. Man wird härter mit den Jahren.« Weaver sah mich an und wurde plötzlich wieder misstrauisch. »Aber das alles erklärt nicht, warum Sie hier sind. Das hier ist schließlich Privateigentum.«

»Wieder könnte ich Sie das Gleiche fragen. Hat der Vermieter Sie hereingelassen?«

»Was, zum Teufel, geht Sie das an? Antworten Sie gefälligst auf meine Frage, verdammt noch mal.«

»Oh, ich nehme an, Sie können es sich schon denken. Wir waren beide aus dem gleichen Grund im Leichenschauhaus. Johann Haider. Eines der größten Rätsel des Zweiten Weltkriegs.«

Weaver erstarrte. »Sie waren im Leichenschauhaus?«

»Anscheinend habe ich Sie knapp verpasst. Und übrigens, der Mann dort war nicht sehr erfreut darüber, dass Sie ihm kein Trinkgeld gegeben haben.«

»Er hat verdammtes Glück gehabt, dass ich ihm nicht die Ohren abgerissen habe.« Weavers Augen verengten sich. »Was wissen Sie über Johann Haider?«

»Ägyptologie hat mich immer schon interessiert, daher habe ich auch die letzten fünf Jahre als Auslandskorrespondent in Kairo gearbeitet. Vor mehreren Jahren habe ich Recherchen über einen gewissen Franz Haider angestellt, einen reichen Deutschen, der ägyptische Kunstgegenstände sammelte. Ich wollte damals ein Buch über einige der wertvollen Kunstschätze Ägyptens schreiben, die während des letzten Krieges aus privaten Sammlungen und Museen in ganz Europa verschwunden sind. Viele davon hat man bis heute nicht wiedergefunden.«

Weaver schien interessiert. »Und?«

»Vor dem Krieg besaß Haider eine der wertvollsten privaten Sammlungen in Deutschland, die meisten Stücke waren unersetzbar. Außerdem war er Mäzen des Ägyptischen Museums. Er starb, als die Alliierten 1943 Hamburg massiv bombardierten. Kurz darauf war seine gesamte Sammlung verschwunden. Ich habe noch ein bisschen tiefer gegraben und herauszufinden versucht, ob es noch irgendwelche lebenden Verwandten gibt, die vielleicht wissen könnten, was aus der Sammlung geworden ist. Also bat ich einen befreundeten Journalisten in Berlin, für mich ein paar Nachforschungen anzustellen. Es gab keine lebenden Angehörigen mehr, jedenfalls niemand, der mir hätte weiterhelfen können, aber es stellte sich heraus, dass Haider einen Sohn hatte, Johann, der im Krieg gedient hatte. In den Listen der Deutschen steht, dass er 1943 bei irgendeiner Mission gefallen sei. Wie und wo ist allerdings nicht verzeichnet. Aber mein Freund fand heraus, dass die Abwehr Haider 1940 rekrutiert hatte. Das war der Geheimdienst der Deutschen im Krieg.«

»Danke, ich weiß sehr wohl, was die Abwehr war, Carney. Aber fahren Sie fort.«

»Johann Haider ist in Amerika aufgewachsen, bis seine Mutter tragischerweise bei der Geburt des zweiten Kindes starb. Danach ist sein Vater mit ihm nach Berlin zurückgekehrt, obwohl sie noch mehrere Jahre lang den Sommer in Amerika verbracht haben. Die Familie seiner Mutter hatte große Besitztümer im Staate New York. Ich bin vor ein paar Jahren dort gewesen, aber der Besitz ist vor vielen Jahren verkauft und das Haus abgerissen worden. Niemand in der Gegend konnte sich noch an die Haiders erinnern.«

»Das wundert mich nicht. Das alles liegt schließlich schon sehr lange zurück.«

»Johann Haider hat außerdem mehrere Sprachen fließend gesprochen, unter anderem Arabisch, und er stieg im Krieg bis zum Rang eines Majors auf, obwohl er nie Mitglied der Nationalsozialistischen Partei wurde. Der Rest seiner Zeit beim Militär liegt im Dunkeln, außer dass er wohl einige Zeit in Nordafrika verbracht hat. Über die Mission, bei der er gestorben sein soll, ist nichts bekannt.«

»Und was haben Sie sonst noch herausgefunden?«, fragte Weaver ruhig.

»Jetzt wird es eigentlich erst richtig interessant. Ich habe mich nicht mehr mit der Sache beschäftigt, bis ich neulich mit einem ehemaligen Leiter des Ägyptischen Museums, Kemal Assan, ein Interview geführt habe, kurz bevor er starb. Ich habe Franz Haider beiläufig erwähnt, und Assan sagte, dass er seinen Sohn Johann 1939 getroffen habe, bei einer archäologischen Ausgrabung in Sakkara, an der er teilgenommen hat. Er hat sogar behauptet, ihn nach dem Krieg in Kairo gesehen zu haben. Wenn man bedenkt, dass Haider damals schon tot gewesen sein soll, ist das eigentlich ziemlich merkwürdig.«

Weaver zeigte plötzlich großes Interesse. »Und was genau hat Assan Ihnen erzählt?«

»Vor zehn Jahren saß er in einem Café in Kairo und dachte an nichts Böses, als ihm plötzlich der Mann am Nebentisch auffiel. Sein Gesicht kam ihm merkwürdig vertraut vor. Als er ihn fragte, ob sie sich kannten, lächelte der Mann und sagte auf Deutsch: Vor langer Zeit in einem anderen Leben haben wir uns schon einmal getroffen. Dann stand er auf und ging. Assan sprach ein bisschen Deutsch, und er war sich absolut sicher, dass es Haider gewesen ist.«

Weavers Augen funkelten. »Ist er ihm denn nicht nachgegangen?«

»Doch, aber er hat ihn auf dem Basar verloren.«

Weaver schien enttäuscht. »Ich verstehe. Das heißt, Sie haben geglaubt, dass Haider noch leben könnte?«

»Seit damals lässt mich der Gedanke jedenfalls nicht mehr los. Ich wusste wirklich nicht, was ich davon halten sollte. Die ganze Geschichte war so überaus rätselhaft. Aber ich habe damals eine großartige Story gewittert. Wenn Haider noch lebte, dann wusste er vielleicht, was aus der Sammlung seines Vaters geworden war. Dann habe ich in der Egyptian Gazette von gestern gelesen, dass man die Leiche eines älteren Deutschen aus dem Nil geborgen hat. Offenbar lautete sein Ausweis auf den Namen Johann Haider, und die Polizei hat jeden, der etwas über ihn wissen könnte, gebeten, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Als ich den Namen gehört habe, habe ich einfach zwei und zwei zusammengezählt und gehofft, dass es vier ergibt.«

Ich sah Weaver an, der sich alles in Ruhe anhörte, ohne etwas zu entgegnen.

»Die Frage ist, was tun Sie hier, Colonel? Soweit ich weiß, leben Sie in Washington, also frage ich mich ehrlich gesagt, was Sie hier in Kairo tun? Andererseits haben Sie sich ja ein Leben lang für Ägypten interessiert, wenn ich mich richtig erinnere. Sie haben an mehreren Ausgrabungen teilgenommen und waren während des Krieges für den militärischen Nachrichtendienst der Amerikaner in Ägypten tätig. Über die wahren Gründe kann ich zwar nur Vermutungen anstellen, aber ich nehme an, Sie wissen über Haider Bescheid.«

Weaver schien plötzlich nach Worten zu ringen. Er steckte in seiner eigenen Falle. Er seufzte und ließ sich in einen der Sessel fallen, aber er sagte immer noch nichts.

Ich blickte ihn an. »War das Johann Haider im Leichenschauhaus?«

Weaver antwortete nicht.

»Dann sagen Sie mir doch wenigstens, warum Sie hier sind. Und warum Sie über Haider Bescheid wissen. Schließlich stoße ich nicht jeden Tag auf so eine großartige Story über einen Mann, der angeblich tot ist und mehr als fünfzig Jahre später noch gelebt haben soll.«

Weaver schwieg.

Ich starrte ihn an. »Ich habe langsam das Gefühl, gegen eine Wand zu reden, Colonel.«

Er saß noch immer da, ohne sich zu rühren.

»Sagen Sie mir doch wenigstens, warum Sie hier sind. Eine einfache Frage. Ist das denn wirklich zu viel verlangt?«

Jetzt schien Weaver die Geduld zu verlieren. »Himmelherrgott, Carney, Sie führen sich auf wie ein Hund, der hinter einem Knochen her ist. Jetzt habe ich aber genug von der verdammten Fragerei.« Er stand auf, als ob er gehen oder zumindest das Gespräch beenden wollte, und sagte mit entschiedener Stimme: »Sie sind ein Fremder für mich. Und mit Fremden spreche ich gewöhnlich nicht über persönliche Angelegenheiten.«

»Gut, Colonel, wenn Sie es so wünschen. Aber ich möchte Ihnen gern noch etwas erzählen. Vielleicht können Sie das Ganze ja unter einem anderen Blickwinkel betrachten.«

Weaver sah fast verzweifelt aus. »Halten Sie die Klappe, Carney. Ich bin nicht in Stimmung.«

»Ich könnte mir aber vorstellen, dass Sie das, was ich zu sagen habe, interessieren würde.«

»Tatsächlich? Das glaube ich kaum.«

»Hören Sie mir nur noch eine Minute zu. In dem Moment, als ich Ihren Namen in der Leichenhalle gehört habe, ist mir ein regelrechter Schauer den Rücken hinuntergelaufen. Die Ägypter würden es als Kismet bezeichnen. Vielleicht hat das Schicksal uns beide zusammengeführt.«

Weavers Augen verengten sich. »Wovon, zum Teufel, reden Sie da eigentlich?«

»Der Artikel, den ich über Sie geschrieben habe, nach der Tragödie von Dallas. Sie haben mich nicht gefragt, wie ich an die Informationen über Ihr Privatleben gekommen bin. Informationen, die der Öffentlichkeit eigentlich nicht zugänglich waren.«

Weaver runzelte die Stirn und nickte dann. »Ja, ich erinnere mich noch, dass Sie alles sehr genau beschrieben haben. Aber ich verstehe den Zusammenhang nicht.«

»Sagt Ihnen der Name Tom Carney etwas?«

Weaver zuckte zusammen, als ob ich ihn geschlagen hätte, und starrte mich fassungslos an. »Captain Tom Carney?«

»Ja, genau der. Das war mein Vater. Sie waren gemeinsam in Nordafrika damals: Operation Torch, 1943. Sie sind verwundet worden, als Ihre Aufklärungseinheit vor Algier von einem Minenwerfer getroffen wurde. Er hat Sie unter heftigem Beschuss hinter die amerikanischen Linien zurückgetragen. Dafür hat er einen Orden bekommen, auf Ihre Empfehlung hin. Er ist dann auch zweimal verwundet und nach Hause geschickt worden.«

Der harte Ausdruck wich aus Weavers Gesicht, sein Ärger war verflogen, und er betrachtete mich jetzt eingehend. »Ich werd’ verrückt. Sie sind Tom Carneys Sohn?«

»Mein Vater hat viel von Ihnen erzählt. Mir schien, als ob Sie einmal ziemlich enge Freunde gewesen wären.«

Weaver nickte, und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Er war ein guter Mann. Mutig. Ehrlich. Einer der besten, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Es tut mir so leid, dass wir später den Kontakt verloren haben. Aber wenn ich richtig gehört habe, ist er vor etwa zehn Jahren gestorben?«

»Vor zwölf Jahren. Und es vergeht noch immer kein Tag, an dem er mir nicht fehlt.« Ich blickte Weaver fest in die Augen. »Ich denke oft, dass sich das Leben zweier Menschen nicht ohne Grund überschneidet, auch wenn dieser Moment noch so kurz ist. Nicht, dass wir den Grund dafür auch nur ansatzweise verstehen könnten. Vielleicht steht es in unseren Sternen geschrieben. Aber Sie und mein Vater – es klingt vielleicht merkwürdig, aber wissen Sie, dass er oft über Vorsehung gesprochen hat? Möglich, dass sich für Sie beide alles ganz anders entwickelt hätte, wenn er nicht dabei gewesen wäre, als Sie verwundet wurden. Das Schicksal geht seltsame Wege, Colonel. Und als ich Ihren Namen in der Leichenhalle gehört habe, kam mir das wie ein Wink des Schicksals vor. Kismet hat uns nicht ohne Grund zusammengebracht. Diese Geschichte über Haider hat mich all die Jahre nicht losgelassen, ein Rätsel, das einfach nicht zu lösen war, und ich will der Sache endlich auf den Grund gehen. Wenn Sie mir also irgendwie dabei helfen können, dann wäre ich Ihnen mehr als dankbar. Ihre Freundschaft zu meinem Vater möchte ich dabei nicht ausnutzen, Colonel, glauben Sie mir. Aber ich nehme an, Sie haben meinem Vater vertraut. Ich bitte Sie lediglich, auch mir zu vertrauen.«

Weaver schwieg wie ein Grab.

»Vielleicht finden Sie, dass ich mir zu viel herausnehme, aber ich habe nur zwei einfache Fragen an Sie. Warum sind Sie hier, und wieso kannten Sie Haider?«

Weaver seufzte. Es klang, als ob er sich von einem Schmerz, der tief in ihm steckte, befreien wollte. »Ja, ich habe Johann Haider gekannt«, gab er schließlich zu. »Vor sehr langer Zeit.«

»Jetzt überraschen Sie mich allerdings. Ich weiß, warum ich hier bin, aber Sie? Warum sind Sie hier?«

Weaver beugte sich in seinem Sessel vor. Die gebeugte Haltung ließ ihn plötzlich sehr alt erscheinen, als ob meine Hartnäckigkeit ihn erschöpft hätte. Auf seinem Gesicht lag ein müder, trauriger Ausdruck. »Oh, da gibt es eine Menge Gründe, Carney. Eine ganze Menge, das kann ich Ihnen sagen.« Er wollte noch mehr sagen, aber dann schien er es sich anders überlegt zu haben. »Das heißt, Sie haben geglaubt, dass sich dahinter eine gute Story verbirgt?«

»Das habe ich jedenfalls gehofft. Und selbst wenn es nicht so ist, dann kann ich wenigstens meine Neugier befriedigen.«

Weaver zögerte, als ob er innerlich mit sich kämpfte, dann sagte er: »Ich glaube, man kann auf jeden Fall sagen, dass sich dahinter eine Story verbirgt, aber ich bezweifle, dass sie Ihnen bei der Suche nach Franz Haiders Kunstsammlung weiterhelfen könnte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Sammlung nach dem Sturm auf Berlin in russische Hände gelangt ist. Immerhin ist fast alles von Wert dort gelandet.«

»Das habe ich mir auch schon gedacht. Aber was ist mit Johann Haider? Er scheint mir der einzige Schlüssel zu diesem Rätsel zu sein. Was können Sie mir über ihn sagen?«

Weaver schien sich plötzlich unwohl zu fühlen, als ob der Schmerz, den er versucht hatte zu vertreiben, zurückgekommen wäre. Er sah sich im Zimmer um. »Gibt es hier denn nichts zu trinken?«

»Ich fürchte, nein.«

»Verdammt!« Weaver stand auf und ging zum Fenster. Der Sturm hatte sich noch immer nicht gelegt, und die hohen Palmen am Ufer des Nils bogen sich im Wind. Er starrte gedankenverloren hinaus, und als er endlich sprach, klang er irgendwie abwesend. »Kairo war ein verdammt interessanter Ort im Krieg, wussten Sie das? Man kann sogar behaupten, dass das Schicksal der gesamten Welt hier entschieden wurde.«

»Tatsächlich? Wollen Sie mir nicht mehr darüber erzählen?«

Weaver antwortete nicht sofort. Er starrte immer noch auf das Ufer des Nils. »Ich könnte Ihnen eine Story liefern, Carney. Vielleicht die verrückteste, die Sie je gehört haben. Aber die Frage ist, ob Sie sie glauben würden?«

»Stellen Sie mich ruhig auf die Probe.«

Er drehte sich um. Sein Gesicht war plötzlich todernst. »Unter einer Bedingung. Sie werden nichts von dem, was ich Ihnen erzähle, zu meinen Lebzeiten veröffentlichen.«

Ich war überrascht. »Sie machen einen erstaunlich gesunden Eindruck, Colonel. Da müsste ich wohl sehr lange warten.«

»Vielleicht nicht. Ich bin ein alter Mann, Carney, viel Zeit wird mir nicht mehr bleiben. Und ich nehme an, dass ich zu diesem Zeitpunkt niemanden mehr mit der Wahrheit verletzen kann, nicht nach so vielen Jahren. Aber wissen Sie, was das Merkwürdigste ist? Ich habe meine Geschichte bis heute niemandem erzählt. Ich hätte es tun können, wenn ich gewollt hätte, schon oft, denn sie verfolgt mich, aber fünfzig Jahre lang habe ich sie für mich behalten. Und vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, Sie mit jemandem zu teilen, bevor es zu spät ist.« Weaver starrte mich an. »Vielleicht haben Sie recht mit Ihrer Theorie über das Schicksal, Carney. Dass die Vorsehung hier ihre Hand im Spiel hat. Außerdem habe ich einiges von Ihnen gelesen, und wenn Sie nur halbwegs nach Ihrem Vater kommen, dann könnte ich mir vorstellen, dass Sie ein ehrlicher Mann sind, der auf meine Wünsche Rücksicht nehmen wird.«

Ich erwiderte seinen Blick und nickte. »Sie haben mein Wort.«

Weaver sah sich in dem schmutzigen, unordentlichen Zimmer um, als ob ihn diese Umgebung plötzlich bedrückte. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir woanders hingehen?«

»Mein Taxi wartet unten. Ich kann Sie mitnehmen.«

»An einem solchen Abend sage ich nicht Nein. Übrigens, ich wohne im neuen Shepheards. An das alte kommt es zwar nicht annähernd heran, aber wenigstens servieren sie dort einen ganz ordentlichen Scotch.«

»Das klingt nicht schlecht.«

Weaver klappte den Kragen seines Trenchcoats hoch, trat ins Treppenhaus und ging rasch die Stufen hinunter. Ich sah mich noch ein letztes Mal in der armseligen Wohnung um, schloss die Tür und folgte ihm.

Die Fahrt zum Shepheards stellte mich auf eine harte Probe. Aus irgendeinem Grund sprach Weaver kaum. Er starrte die ganze Zeit aus dem Fenster und schien sich ganz in seine eigene Welt zurückgezogen zu haben. Ich wurde das ungute Gefühl nicht los, dass er sich vielleicht doch noch anders entschieden hatte, was seine Geschichte betraf, aber als wir das Foyer des Hotels betraten, schüttelte er sich den Sand vom Mantelkragen und sagte: »In zehn Minuten in der Bar. Bestellen Sie mir einen sehr großen Dewars. Ohne Eis.«

Er stieg in den Aufzug, und ich ging in die Bar des Restaurants. Das alte Shepheards-Hotel hatte über etwas verfügt, was die Reiseführer Atmosphäre zu nennen pflegen. Über allem hatte der verblasste Glanz der belle époque gelegen: dunkles Holz und hohe Marmorsäulen, dicke Teppiche und Antiquitäten. Es gehörte zu den weltberühmten Grandhotels, die für die reichen Europäer gebaut worden waren. Das moderne Shepheards war im Vergleich dazu eine traurige Imitation, obwohl es noch immer als Touristenattraktion galt. Aber in der Bar saßen an diesem Abend keine Touristen, nur ein paar ausländische Geschäftsmänner, die sich unterhielten. Ich setzte mich an einen Tisch am Fenster und bestellte zwei große Dewars, entschied mich dann aber anders und sagte dem Kellner, er solle gleich die ganze Flasche bringen.

Weaver kam zehn Minuten später. Er hatte sich umgezogen und trug jetzt einen Pullover und Baumwollhosen, und er machte einen etwas entspannteren Eindruck, als er sich in der Bar umsah. »Es ist zum Heulen. Nichts erinnert mehr an den Glanz vergangener Tage.«

»Löst das Shepheards bei Ihnen alte Erinnerungen aus, Colonel?«

»Viel zu viele, fürchte ich«, antwortete Weaver mit einem Anflug von Wehmut. »Aber jetzt ist Schluss mit diesem Colonelgetue. Ich bin schließlich seit über zwanzig Jahren im Ruhestand.« Er sah sich weiter im Raum um. »Wussten Sie, dass Greta Garbo im alten Hotel abgestiegen ist? Ganz zu schweigen von Lawrence von Arabien, Winston Churchill und der Hälfte der Gestapo-Spione während des Krieges.«

Ich füllte unsere Gläser und stellte die Flasche zwischen uns. »Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass Rommel nach dem Fall von Tobruk angerufen haben soll, um zu reservieren, weil er geglaubt hat, dass er eine Woche später wieder in Kairo sein würde. Wenn ich mich richtig erinnere, dann ist das alte Shepheards bei den Unabhängigkeitsaufständen 1952 abgebrannt. Offenbar haben viele Ägypter darin ein Symbol des britischen Imperialismus gesehen.«

»Sie kennen sich in der Geschichte ja gut aus, Carney.«

»Und deswegen stört mich auch etwas. Wenn alles, was ich über Johann Haider herausbekommen habe, wahr ist, und wenn er wirklich all die Jahre gelebt hat, warum hat er sich dann versteckt, warum diese Geheimnistuerei?«

»Nun, dafür könnte es mehrere Gründe geben. Zum einen hatten die Vereinigten Staaten Grund genug, ihn als Verräter zu verhaften. Vielleicht hätten sie ihn sogar gehängt.«

Ich runzelte die Stirn. »Wofür denn? Sicher, Haider war deutscher Staatsbürger, aber wieso soll er ein Verräter gewesen sein?«

»Er war zwar Deutscher, kam jedoch in Amerika zur Welt. Sein richtiger Name war Johann, aber eigentlich nannte man ihn seit seiner Kindheit Jack. Nur die Deutschen nannten ihn Johann. Jack klang ihnen zu ausländisch. Und sein Verschwinden hatte mit dem Einsatz zu tun, von dem Sie gesprochen haben. Der Einsatz, bei dem er gestorben sein soll. Das war vielleicht das Gewagteste, was sich die Nazis je haben einfallen lassen. Und es hat hier in Ägypten stattgefunden.«

»Ich verstehe gar nichts.«

»Haider war der Leiter eines Teams, das Präsident Roosevelt und Premierminister Winston Churchill in Kairo ermorden sollte. Der Befehl kam direkt von Adolf Hitler.«

Fassungslos starrte ich ihn an. »Jetzt erstaunen Sie mich wirklich. Ein in Amerika geborener Attentäter wird von Hitler beauftragt, den Präsidenten der USA zu ermorden? Das klingt mehr als gewagt.«

Weaver stellte sein Glas auf den Tisch. »Und dazu noch den wahrscheinlich bedeutendsten amerikanischen Präsidenten, der je gelebt hat. Haiders Einsatz sollte das Kriegsgeschehen zugunsten der Nazis beeinflussen. Und es stand eine Menge mehr auf dem Spiel als bei Kennedy in Dallas. Die Zukunft der gesamten freien Welt, nicht weniger als das. Das Ganze sollte im November 1943 stattfinden, als Roosevelt und Churchill an der Konferenz in Kairo teilnahmen, einer der entscheidendsten Konferenzen der Alliierten während des Krieges. Unter anderem waren der Präsident und der Premierminister auch deshalb in Kairo, um hinsichtlich der Operation Overlord, der geplanten Invasion in Europa, zu einer Einigung zu gelangen. Wäre Hitler mit seinem Attentat erfolgreich gewesen, dann hätte das die Alliierten in ein totales Chaos gestürzt, die Invasion hätte nicht stattgefunden, und Deutschland hätte den Krieg gewonnen.« Weaver hob die Hand. Daumen und Zeigefinger berührten sich fast. »Glauben Sie mir, Carney, sie waren so nah dran. Fast hätten sie es geschafft. Der Gedanke macht mir immer noch Angst.«

Ich war sprachlos. »Meinen Sie das ernst? Das soll wirklich passiert sein?«

»Allerdings. Da gibt es nichts zu zweifeln. Und es war meine Aufgabe, Haider aufzuhalten und zu töten. Aber darüber steht nichts in den Geschichtsbüchern, denn es war eine viel zu delikate Angelegenheit.«

Ich sah ihn gespannt an. »Aber ich verstehe das nicht. Selbst wenn ich davon ausgehe, dass Haider überlebt hat, warum sollten Sie ihn dann nach so langer Zeit immer noch suchen? Um ihn doch noch als Verräter zu entlarven? Dafür war es doch wohl etwas zu spät, oder nicht?«

Auf Weavers Gesicht lag nun ein Ausdruck der Trauer. Er sah eine Weile auf den Nil hinaus, bevor er sich wieder mir zuwandte. »Nein, es waren viel persönlichere Gründe«, sagte er leise.

Ich hörte die plötzliche Gefühlsaufwallung in Weavers Stimme. »Nur dass Sie richtig verstehen, Carney. Haider hat tatsächlich den Verlauf der Weltgeschichte beeinflusst.«

»Macht es Ihnen etwas aus, mir zu erzählen, wie Sie das meinen?«

Weaver konnte die Verwirrung in meinem Gesicht nicht entgangen sein, aber er schwieg. Stattdessen sah er aus dem Fenster hinaus, und seine Augen verschleierten sich, als ob er versuchte, sich in die Vergangenheit zurückzuversetzen. Der heulende Sandsturm hatte sich beinahe gelegt, und wie aus dem Nebel tauchte die Stadt auf. Plötzlich konnte man den Nil in all seiner erhabenen Pracht sehen und die Hausboote auf dem Fluss; die engen, dunklen Gassen, in denen es nach Abfall und Gewürzen roch, und die schlanken Minarette; in einiger Entfernung die geisterhaften Umrisse der Pyramiden. Ich konnte mir gut vorstellen, wie die Stadt vor über fünfzig Jahren gewesen sein musste: eine Stadt voller Geheimnisse, Verlockungen und Intrigen.

Als Weaver sich wieder umdrehte, trug sein Gesicht einen schwer zu deutenden Ausdruck. Trauer vielleicht oder Schmerz, ich konnte es mir nicht erklären.

»Ich erzähle die Geschichte wohl am besten von Anfang an. Sie müssen nämlich wissen, Jack Haider und ich waren schon lange vor dem Krieg Freunde. Wir kannten uns schon als Kinder. Man könnte sogar sagen, wir waren wie Brüder.«

Vergangenheit

2

Sakkara

Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie alle zusammen gewesen waren.

Sie waren jung, und der Ort hieß Sakkara. Ein Team von Archäologen hatte den Eingang zu einer geheimen Grabkammer neben der Stufenpyramide des Pharaos Djoser entdeckt, die in der Nähe der historischen Stadt Memphis etwa dreißig Kilometer südlich von Kairo lag. Eine internationale Gruppe war im Frühjahr 1939 gekommen, um bei den Ausgrabungen zu helfen. Sie bestand aus lauter jungen Leuten, alle unter dreißig, die aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Amerika kamen. Es waren fast einhundert, darunter einige Archäologen und Ägyptologen, aber auch Ingenieure oder einfach nur junge Menschen auf der Suche nach einem Abenteuer. Sie alle arbeiteten hart in der erbarmungslos heißen Wüstensonne. Voller Eifer waren sie und entschlossen, dieses einmalige Erlebnis zu genießen, auch wenn sich die Gerüchte über einen bevorstehenden Krieg immer mehr verdichteten.

Wie immer, wenn junge, abenteuerlustige Menschen an einem exotischen Ort zusammenkommen, bildeten sich schon bald enge Freundschaften. Für zwei der jungen Männer allerdings, Harry Weaver und Jack Haider, war die Ausgrabung in Sakkara ein geplantes Wiedersehen. Jack Haider, der Sohn einer schönen Dame aus der feinsten New Yorker Gesellschaft und eines reichen preußischen Geschäftsmannes mit einem Faible für Ägypten, war von Natur aus Abenteurer. Er war vierundzwanzig, ein Jahr älter als Weaver, der die erste Gelegenheit, ins Ausland zu reisen, mit Begeisterung angenommen hatte. Sein Vater hatte als Verwalter auf einem großen Besitz der Familie von Jack Haiders Mutter gearbeitet, und trotz ihrer so unterschiedlichen sozialen Herkunft hatten sich die beiden Jungen schon als Kinder miteinander angefreundet, und diese Freundschaft hatte noch immer Bestand. Selbst nach dem Tod von Haiders Mutter verbrachten sie ihre Sommer gemeinsam, wenn Franz Haider einmal im Jahr nach New York kam. Aber in Sakkara gab es ein Problem. Beide hatten sich in dieselbe Frau verliebt.

Rachel Stern war eine junge Archäologin von dreiundzwanzig Jahren und kam frisch von der Universität. Sie war die Tochter eines katholischen Deutschen und einer Jüdin. Mit ihrem blonden Haar und den blauen Augen schien sie nicht nur die Intelligenz ihrer Eltern geerbt zu haben, sondern auch ihr gutes Aussehen. Beide waren bekannte Archäologen, und Rachels Vater, ein Professor, war der Leiter der Ausgrabung. Rachel mochte die beiden jungen Männer sehr, aber sie schien sich nicht entscheiden zu können, wen von den beiden sie liebte, also war es ihr nur recht, dass sie alles zu dritt unternahmen.

Im Sommer fuhren sie nach Kairo und Luxor, besichtigten die Basare und Märkte, die Täler der Könige und Königinnen und den Tempel von Karnak. Am Wochenende gingen sie oft ins Shepheards zum Tanz, besuchten Partys im Mena-Hotel, das im Schatten der Pyramiden lag, aßen in einem der zahllosen kleinen, gemütlichen Restaurants am Ufer des Nils und gingen anschließend in einen der vielen so erfolgreichen Hausboot-Nachtclubs auf dem Fluss.

Harry Weaver hatte einmal ein Foto von allen dreien gemacht. Sie standen zwischen den Gräbern in der glutheißen Wüste in Sakkara, und die Stufenpyramide bildete den Hintergrund. Alle drei waren braun gebrannt und lächelten in die Kamera. Rachel stand in der Mitte und hatte die Arme um die Taillen der Männer geschlungen. Und obwohl es niemand von ihnen je aussprach, wussten sie alle, dass dies für sie eine glückliche Zeit war, vielleicht die glücklichste in ihrem jungen Leben.

Aber der Sommer ging zu Ende. Keiner von ihnen konnte sich noch an das genaue Datum erinnern, an dem sie sich kennengelernt hatten, aber auf dem Abschied lag ein düsterer Schatten: September 1939. Es war der Monat, in dem in Europa der Krieg begann. Hitler war in Polen einmarschiert, und ihr Leben, wie das von so vielen anderen, sollte sich grundlegend ändern.

Es war Nachmittag, und in der Ferne flimmerten die Umrisse der Pyramiden in der Hitze der Wüste. Der Jeep mit zugezogenem Verdeck hielt an, und Harry Weaver stieg aus. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und nahm einen alten Lederbeutel vom Rücksitz. Dann ging er auf die Zelte zu, die um die Ausgrabungsstätte von Sakkara herum errichtet worden waren.

Einige Kollegen waren dabei, Ausrüstungsgegenstände der Ausgrabung auf Bedford-Lastwagen zu verladen, und als Weaver zu ihnen hinging, trat ein grauhaariger Mann aus einem der Zelte. Er trug einen Hut, und sein Kakihemd war voller Schweißflecken.

Professor Stern machte ein ernstes Gesicht, nicht ohne einen Anflug von Humor, und als er Weaver sah, nahm er die Brille ab, reinigte sie mit einem Taschentuch und lächelte. »Harry, Sie sind zurück. Das wurde aber auch Zeit, Ich habe schon befürchtet, dass wir Ihnen ein Suchkommando hinterherschicken müssen.«

»Bitte entschuldigen Sie, Professor, aber ich bin noch beim Shepheards vorbeigefahren, um zu sehen, ob es etwas Neues gibt.«

»Und, was hat Kairos wichtigstes Wasserloch zu vermelden?«

»Warschau steht noch immer in Flammen. Die deutschen Stukabomber legen die Stadt in Schutt und Asche. Niemand glaubt, dass die Polen noch lange durchhalten.«

»Dieser schwachsinnige Hitler«, stieß Stern durch die zusammengebissenen Zähne hervor. »Nicht lange, dann liegt ganz Europa in Trümmern. Aber was kann man von so einem Verrückten auch schon erwarten?« Er wechselte rasch das Thema, als wäre es ihm irgendwie unangenehm, und wandte sich in die Richtung des summenden Dieselgenerators, der nicht weit weg von ihnen in der flirrenden Hitze stand. Wie Schlangen wanden sich die elektrischen Kabel durch den Sand und verschwanden in einer großen Grube, die zur Sicherheit rundherum mit einem stabilen hölzernen Gerüst abgestützt war. Eine Leiter führte in den Schacht hinein. »Wir kommen gut voran. Wir müssen nur noch die letzten Geräte aus dem Tunnel nach oben schaffen, dann können wir uns darauf konzentrieren, hier oben aufzuräumen. Haben Sie die Post abgeholt?«

Weaver hob den Lederbeutel hoch. »Hier ist sie. Zum letzten Mal. Und ich habe auch Ihre Liste mit den Nachsende-Adressen der Mannschaft im Ministerium abgeliefert, falls nach unserer Abreise noch Post für uns ankommen sollte.«

»Ausgezeichnet!« Stern stemmte die Hände in die Hüften, blinzelte im gleißenden Sonnenlicht und sah sich um. »Tja, unsere Zeit in Sakkara ist nun also bald abgelaufen, nicht wahr, Harry?«

Weaver machte ein trauriges Gesicht. »Um ehrlich zu sein, ich bin nicht froh darüber. Jemandem wie mir bietet sich nicht oft die Gelegenheit, Ägypten zu besuchen und an einer Ausgrabung teilzunehmen. Ich habe das Gefühl, dass dieses Abenteuer der Höhepunkt meines Lebens sein könnte.«

Stern lächelte und klopfte Weaver auf die Schulter. »Unsinn. Sie sind noch so jung. Wie alt sind Sie eigentlich, Harry? Wahrscheinlich so wie die meisten hier – dreiundzwanzig, vierundzwanzig?«

»Dreiundzwanzig, Sir.«

»Dann haben Sie alles noch vor sich. Da wird es noch eine ganze Menge hochinteressanter Abenteuer geben, da bin ich sicher.«

»Was ist mit Ihnen, Professor? Haben Sie immer noch vor, von hier nach Istanbul zu fahren?«

Stern nickte. »In vier Tagen. Ich habe mich entschlossen, die befristete Dozentenstelle anzunehmen, auch wenn das alles sehr überstürzt war. Aber Istanbul ist eine herrliche Stadt, und ich bin sicher, dass es meiner Frau und Rachel dort gefallen wird. Wie auch immer, ich werde jedenfalls für eine Weile etwas zu tun haben.« Er nahm sein Taschentuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann streckte er die Hand nach dem Postsack aus und nickte in Richtung des Schachts. »Rachel und Jack und ein paar von den anderen sind noch da unten. Die Hitze ist ja nicht auszuhalten, warum gehen Sie nicht auch hinunter und helfen ihnen beim Aufräumen? Ich werde die Briefe verteilen.«

Weaver stieg die Leiter in den Schacht hinunter, dessen Wände zum Teil aus massivem Fels bestanden. Er war gute fünfzehn Meter tief, und unten teilte er sich in mehrere schmale Gänge, die in verschiedene Richtungen führten.

Die gelben Lehmwände waren hier mit Holzpfählen abgestützt und mithilfe einer Kette von Glühlampen, die oben am Generator angeschlossen waren, beleuchtet. Die Tunnel führten zu den drei einzelnen Gräbern, die man hier gefunden hatte, und die Decke war dort zum Teil so niedrig, dass man nicht aufrecht gehen konnte. Aber verglichen mit der kochenden Hitze oben war die Luft hier unten angenehm kühl, ja fast kalt, und es war ein wenig unheimlich. Aber Weaver war daran gewöhnt, und er spazierte munter einen der Gänge entlang, bis er ans Ende kam und Stimmen hörte.

Ein großer Sarkophag, das Grab einer wenig bekannten Prinzessin der Djoser-Dynastie, stand am hinteren Ende des Tunnels in einer Wandnische. Die mumifizierten Überreste waren nach der Entdeckung des Grabes entfernt worden, und der steinerne Sargdeckel war gegen die Wand gelehnt. Seine Oberfläche war mit prachtvollen Hieroglyphen verziert. Mehrere junge Leute waren damit beschäftigt, Werkzeug und elektrische Kabel aus dem Bereich zu entfernen. Weaver sah Jack Haider und Rachel Stern hart arbeiten. Ihre Kleidung war von einer feinen Staubschicht bedeckt. Dann drehte sich Rachel um und sah ihn.

Ihr blondes Haar war zurückgebunden und betonte so ihre hohen Backenknochen. Winzige Schweißperlen bedeckten das sonnengebräunte Gesicht und den Hals, und obwohl sie ein weites Kakihemd und Hosen trug, zeichnete sich ihre Figur deutlich darunter ab. Sie sah hinreißend aus wie immer. Sie lächelte Weaver an, und sein Herz begann sogleich schneller zu klopfen. »Harry, wir haben gerade über dich geredet.«

»Nichts Schlechtes, will ich hoffen?«

»Natürlich nicht. Wir haben uns bloß gefragt, wo du so lange bleibst.« Sie kam näher und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Ein verschmierter Staubfleck blieb zurück. »Sieh nur, was ich da angerichtet habe.«

Lachend wischte sie den Fleck weg, und als ihre Hand seine Haut berührte, lief es Weaver heiß den Rücken herunter. Es war wie ein elektrischer Stromschlag. Jedes Mal, wenn er Rachel Stern ansah oder sie ihn berührte, spürte er eine enorm starke Anziehung. Das war vom ersten Tag an so gewesen, und er kämpfte schwer damit, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. »Ich bin noch beim Shepheards vorbeigefahren. Die Neuigkeiten sind nicht gut. Warschau wird noch immer bombardiert, und man sagt, dass die Polen nicht mehr lange durchhalten werden.«

»Das ist wirklich schrecklich«, sagte Rachel besorgt. »Nicht wahr, Jack?«

Jack Haiders Gesicht strahlte eine eigenartige Rastlosigkeit aus. Immer umspielte ein leichtes Lächeln seinen Mund, als wäre das Leben für ihn ungleich interessanter, als er es sich je vorgestellt hatte. Aber jetzt war das Lächeln verschwunden. »Es ist allerdings furchtbar. In diesem Augenblick schäme ich mich fast, Deutscher zu sein.«

Weaver legte dem Freund die Hand auf die Schulter. »Wir alle finden die Ereignisse schrecklich, Jack. Aber weder du noch irgendeiner der Deutschen bei dieser Ausgrabung ist schuld an diesem Konflikt. Verantwortlich ist einzig und allein Adolf Hitler.«

»Wahrscheinlich hast du recht.« Haider starrte einen Moment lang in den offenen Sarkophag, dann strich er mit der Hand über die glatte Oberfläche des Deckels. »Ich bin sehr traurig, dass ich dieser letzten Ruhestätte unserer Prinzessin Lebewohl sagen muss. Ist es nicht unglaublich, wenn man es sich genau überlegt?«

»Wie meinst du das?«

»Tausende von Jahren hat sie hier gelegen, bis wir sie gefunden haben. Zu Lebzeiten wurde sie gewiss von nicht wenigen Männern begehrt. Und jetzt liegen ihre mumifizierten Überreste im Ägyptischen Museum, um zerschnitten und untersucht zu werden, wie die anderen, die wir gefunden haben. Und auf all die wichtigen Fragen, die wir so gerne stellen würden, werden wir wahrscheinlich nie eine Antwort finden. Wie hat sie ausgesehen? Wie hat sie gelebt? Wen hat sie geliebt? Ich glaube kaum, dass jemand über uns einmal solche Fragen stellen wird. Sie hat wenigstens eine gewisse Unsterblichkeit erlangt.«

Rachel lächelte. »Jack, was für ein romantischer Träumer du doch bist.«

»Wir wollen nur hoffen, dass unserer Prinzessin kein Fluch anhängt, sonst stecken wir alle in Schwierigkeiten«, meinte Weaver trocken.

»Du glaubst doch wohl nicht an Flüche, Harry, oder?«, fragte Rachel ungläubig.

»Frag mich das in ein paar Jahren noch einmal, wenn wir alle mit diesen scheußlichen roten Flecken übersät sind und an irgendeiner unbekannten, unheilbaren Krankheit sterben.«

Sie lachten, dann hörten sie ein Geräusch hinter sich. Jemand kam die knarrende Holzleiter hinunter. Es war Professor Stern, der jetzt im Tunnel erschien. »Sie scheinen sich ja gut zu amüsieren, und ich verderbe Ihnen nur ungern die Stimmung, aber ich habe gerade die Post verteilt, die Harry in Kairo abgeholt hat. Größtenteils schlechte Neuigkeiten, soweit ich das sagen kann. Mindestens ein Dutzend der Leute sind einberufen worden, und sie sind alles andere als begeistert darüber.«

»Harry hat uns erzählt, wie es in Warschau aussieht«, meinte Haider.

»Ich will gar nicht darüber nachdenken«, sagte Professor Stern niedergeschlagen. »Ich bin auch so schon deprimiert genug.« Er sah sich um. »Du hast hart gearbeitet, Rachel. Und Sie auch, Jack.«

»Und all das, ohne uns ein Bein zu brechen, Professor«, antwortete Haider. »Wenn Harry uns hilft, sollten wir eigentlich in ein paar Stunden mit allem hier fertig sein.«

»Bevor ich es vergesse, Jack, da war auch etwas für Sie in der Post.« Der Professor gab ihm den Brief. »Ich glaube, er kommt aus Deutschland.«

Haider trat unter eine der Glühlampen, riss den Umschlag auf und las den Brief. Sein Gesicht verfinsterte sich merklich, dann faltete er das Papier langsam zusammen und steckte es in die Brusttasche seines Hemds.

»Was ist denn? Schlechte Neuigkeiten?«, fragte Rachel.

Haider zwang sich zu einem Lächeln. »In gewisser Weise. Er ist von meinem Vater.«

Mehr sagte er nicht, als ob es sich um ein heikles Thema handelte. Stern reagierte als Erster. Munter klopfte er Weaver auf die Schulter und sagte: »Also, wir machen uns besser wieder an die Arbeit. Ich möchte alles erledigt haben, bevor es dunkel wird, damit wir die große Party morgen Abend so richtig genießen können.«

»Welche Party?«, fragte Weaver, und alle sahen den Professor an.

Stern lächelte. »Das habe ich bis jetzt für mich behalten, aber nun ist es an der Zeit, dass Sie es alle wissen. Erinnern Sie sich noch an meine Worte von vergangener Woche, dass ich das Budget ein bisschen strecken konnte, um der gesamten Mannschaft zum Abschluss ein billiges Hotelzimmer in Kairo und ein Abendessen bezahlen zu können? Nun, es wird sogar noch besser. Was hier noch an Arbeit zu tun ist, wird natürlich vom Ministerium übernommen werden, aber man hat unsere Grabung als großen Erfolg eingestuft, und so wird es nun eine Party beim amerikanischen Botschafter geben. Es ist ja bekannt, dass er sich sehr für Archäologie interessiert, und er hat darauf bestanden, uns zu Ehren einen Galaabend zu veranstalten. Es wird ein großartiges Büfett geben, viele wichtige Leute sind eingeladen, und wie ich höre, hat der Botschafter sogar eine Tanzband organisiert. Das ist doch alles überaus freundlich von ihm, finden Sie nicht?«

»Nun, das klingt ja großartig«, sagte Haider.

»Wundervolle Neuigkeiten, Papa«, stimmte Rachel zu. »Nicht wahr, Harry?«

»Die besten, die ich seit Langem gehört habe.«

»Habe ich mir doch gedacht, dass euch das aufmuntern wird.« Der Professor krempelte sich die Ärmel hoch. »Also, lasst uns die Ausrüstung nach oben bringen und verladen, dann können wir uns alle ausruhen.«

Die Sonne ging unter und tauchte die Wüste in ein oranges Licht. Die Beduinen, die für die Dauer der Grabung als Köche verpflichtet worden waren, hatten das Abendessen serviert: Köfte, Safranreis und frisches Brot. Und da es die letzte Nacht im Zeltlager war, hatte Professor Stern große Mengen von ägyptischem Bier und Wein spendiert.

Sie saßen um das große Lagerfeuer herum, aber man sprach kaum über den Krieg, denn niemand im Lager wollte, dass die Politik sie entzweite. Einer der Franzosen spielte auf seinem Akkordeon und wurde von zwei Engländern auf der Gitarre begleitet. Alle stimmten mit einem Enthusiasmus ein, zu dem nur junge Menschen fähig sind, und als sie genug geredet und gesungen hatten, war es beinahe Mitternacht. Die Asche des Feuers glühte nur noch schwach, und man zog sich allmählich in die Zelte zurück.

Haider war nicht mehr ganz nüchtern, und irgendwie hatte er noch drei Flaschen Bier organisiert. Grinsend reichte er jeweils eine an Rachel und Weaver. »Noch eines vor dem Schlafengehen, hab’ ich mir gedacht. Wie wär’s, wenn wir Djoser ein letztes Mal gute Nacht sagen?«

»Warum nicht«, meinte Rachel, und alle drei spazierten zur Stufenpyramide hinüber. Sie waren nach dem Alkoholgenuss ausgesprochen fröhlich, und Weaver trug eine Kerosinlampe, die ihnen den Weg leuchtete. Sie setzten sich auf eine der mächtigen Steinstufen am Fuß der Pyramide, wie sie es fast jeden Abend während des Sommers getan hatten. Und noch immer waren sie voller Ehrfurcht angesichts der Schönheit und Größe des fast fünftausend Jahre alten Grabmals. »Das war’s also«, sagte Haider traurig. »Unser letzter Abend in Sakkara.«

Rachel war ebenfalls niedergeschlagen. »Ich will gar nicht daran denken, dass wir diesen Ort verlassen. Es war so herrlich hier, und wir haben so viel Spaß gehabt.« Sie blickte die beiden Männer an. »Und das liegt vor allem daran, dass du hier warst, Jack, und du, Harry. Ihr habt mir die schönste Zeit meines Lebens beschert. Dafür möchte ich euch danken.«

Plötzlich sagte Haider: »Erinnerst du dich noch an das Foto, das Harry von uns dreien gemacht hat?«

»Natürlich. Warum?«

Haider nahm einen Schluck aus der Flasche und grinste spitzbübisch. »Ich habe darüber nachgedacht. Ich finde, wir brauchen mehr als ein Foto, um uns an den gemeinsamen Sommer zu erinnern. Etwas, das die Jahrhunderte überdauert.«

»Was genau meinst du denn damit, Jack?«, fragte Weaver.

Haider stand auf und schwankte leicht. »Wartet hier.«

Er nahm die Kerosinlampe und schlenderte zum Zelt der ägyptischen Arbeiter hinüber. Schon bald kam er mit einer alten Baumwolltasche zurück.

»Was, zum Teufel, hast du vor, Jack?«, entfuhr es Weaver.

»Habt Geduld. Sagt jetzt bitte nichts. Kein Wort, sonst lenkt ihr mich nur ab. Und ihr dürft nicht hinsehen, bis ich es euch sage.«

Er ging ein Stück weiter weg am Fuß der Pyramide entlang, setzte die Lampe ab und zog einen Hammer und einen Meißel aus der Tasche. Er saß da und arbeitete konzentriert im Licht der Lampe. Als er fertig war, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und lächelte. »In Ordnung. Jetzt könnt ihr euch umdrehen.«

Er hielt die Lampe hoch, und sie kamen herbei.

Das ganze Fundament der Djoser-Pyramide war mit Inschriften übersät, und sie hatten oft staunend davor gestanden; viele Hundert Namen und Initialen waren da von zahllosen Besuchern über die Jahrhunderte hinweg in den Stein gemeißelt worden. Und obwohl es illegal war, hatten die Behörden bisher keinen Weg gefunden, es zu verhindern. Einige der Inschriften stammten noch aus römischer Zeit.

Und mitten unter ihnen stand jetzt von Jack Haider in den Stein gemeißelt: RS, HW, JH. 1939.

»Jack«, rief Rachel lachend. »Du bist nicht nur betrunken, du bist verrückt. Papa wäre entsetzt, wenn er wüsste, dass du ein so ehrwürdiges Monument entstellt hast.«

»Vielleicht, aber jetzt sind wir unsterblich«, sagte er und lächelte. »Genau wie unsere Prinzessin. In vielen Jahren noch werden die Menschen hierherkommen und sich vielleicht, nur vielleicht, fragen, wer wir wohl waren. Wir sind jetzt Teil des Geheimnisses der Pyramide.«

Rachel strich ihm freundschaftlich über den Arm. »Weißt du was? Ich bin froh, dass du es getan hast. Es war immerhin eine ganz besondere Zeit für uns hier, und es erscheint mir irgendwie angemessen. Findest du nicht, Harry?«

»Wenigstens gibt es jetzt etwas, das an uns erinnert, wenn wir schon lange tot sind.« Weaver hob die Bierflasche hoch. »Auf uns! Und auf Sakkara!«

Auf uns! Und auf Sakkara!

Sie wiederholten es alle gemeinsam und lachten. Dann unterhielten sie sich noch eine Weile und betrachteten den hellen Schein der Lichter von Kairo, der den Horizont erhellte. Schließlich stand Rachel auf und klopfte sich den Staub von den Hosen. »Und jetzt gehe ich besser ins Bett. Ich freue mich schon auf die morgige Party. Ihr müsst mir beide versprechen, dass ihr mit mir tanzen werdet.« Sie küsste beide zärtlich auf die Wange. »Gute Nacht, Jack! Gute Nacht, Harry! Schlaft gut, meine Lieben.«

»Sollen wir dich nicht mit der Lampe begleiten?«

»Nein, bleibt nur und trinkt euer Bier aus. Das Mondlicht ist hell genug.« Sie machte sich auf den Weg zu den Zelten, und Weaver sah ihr lange nach im schwachen Silberlicht des Mondes. Wie ein Geist verschwand sie schließlich, und er warf Haider, der ihr ebenfalls nachsah, einen Blick zu. Er schien in eine Art Trance versunken.

»Denkst du, was ich denke?«

»Ich weiß es nicht, Jack. Sag’s mir.«

»Dass sie die hübscheste, wunderbarste Frau ist, die wir je getroffen haben.«

»Du hast meine Gedanken gelesen, wie immer.«

»Lass uns ehrlich sein, Harry. Die Wahrheit ist, dass sie uns beiden total den Kopf verdreht hat. Warum lassen wir dann nicht diesen ganzen männlichen Blödsinn sein, dass man beispielsweise seine Gefühle nicht zeigt, und reden darüber, was wir wirklich empfinden? Wir haben bis jetzt immer vermieden, darüber zu reden, weil man das unter Männern eben nicht tut. Stets haben wir unsere wahren Gefühle verborgen, manchmal sogar vor uns selbst.«

»Du möchtest, dass ich ganz ehrlich über meine Gefühle spreche?«

»Ja. Karten auf den Tisch. Ich verspreche dir, dass ich es auch tun werde.«

Weaver wandte sich ab und starrte auf den schwächer werdenden Lichtschein der Stadt. »Ich konnte letzte Nacht nicht schlafen, weil ich an sie gedacht habe. Vor allem, da uns nur noch wenige Tage bleiben. Und es hat nicht einen Tag gegeben, seit ich sie getroffen habe, an dem ich nicht an sie gedacht habe, nicht mit ihr zusammen sein wollte. Nur um ihr Gesicht zu sehen, ihre Stimme zu hören. Sie ist die erste Frau, in die ich mich wirklich verliebt habe.«

Jack machte ein ernstes Gesicht. »So schlimm hat es dich erwischt?«

»Ich fürchte, ja. Und es will einfach nicht besser werden.«

»Aber du hast ihr nie auch nur im Ansatz erzählt, wie es um dich steht, oder?«

»Als ob du das nicht wüsstest! Und das ist das Verrückte an der Sache. Irgendetwas hat mich immer zurückgehalten. Angst davor, abgelehnt zu werden, vielleicht, oder sie auch noch als Freund zu verlieren, wenn sich herausstellen sollte, dass sie meine Gefühle nicht erwidert. Mein Geständnis hätte dann nur für Komplikationen gesorgt.« Weaver zuckte die Achseln. »Oder vielleicht war es etwas anderes. Ich weiß es nicht so genau. Also, und wie sieht es bei dir aus?«

Einen Augenblick lang sah Haider plötzlich sehr jung aus, wie ein kleiner Junge, der sein Geheimnis nicht beichten will, aber dieser Augenblick war schnell vorüber. »Ich möchte dir erst etwas anderes erzählen. Etwas, das ich noch niemandem erzählt habe. Als meine Mutter im Sterben lag, hat sie meinem Vater nicht erlaubt, sie zu sehen und endgültig von ihr Abschied zu nehmen. Nicht, weil sie ihn nicht geliebt hat, sondern aus dem umgekehrten Grund. Sie hat ihn mehr als geliebt. Abschied zu nehmen wäre zu schmerzhaft gewesen, zu endgültig, und das hat sie gewusst.« Er sah Weaver an. »Sie haben sich wirklich geliebt, Harry. Und so etwas habe ich mir auch immer gewünscht. Eine wirklich tief empfundene, leidenschaftliche Liebe.«

»Und wie denkst du über Rachel? Sei ehrlich.«

»Manchmal – oft – liege ich wach im Bett und stelle mir vor, wie es mit uns sein würde. Ich sehe uns als Paar. Ich stelle mir vor, dass sie mit unserem Kind schwanger ist und glücklich ist, meine Frau zu sein. Ich sehe uns miteinander schlafen – aber es ist mehr als Sex, es ist wirkliche, echte Liebe. Die Art von Zärtlichkeit, die ein Mann einer Frau entgegenbringt, die er wirklich liebt. Und so oft wollte ich es ihr schon sagen.« Haider sah weg. »Du weißt ja, wie impulsiv und leichtsinnig ich normalerweise bin, und ich stand einige Male kurz davor, es ihr zu sagen. Aber genau wie du, konnte ich es auch nicht.«

»Warum nicht?«

»Vielleicht aus demselben Grund wie du. Ich wollte keine Komplikationen verursachen.«

»Wie meinst du das?«

Haider legte Weaver liebevoll die Hand auf die Schulter. »Es gibt noch eine andere Form von Liebe – nicht körperlich, sondern brüderlich, tiefe Freundschaft, wie immer du es nennen willst, und die ist ebenso wichtig. Du bist immer mein bester Freund gewesen. Vielleicht hätte es alles zerstört, wenn einer von uns Rachel seine Liebe gestanden hätte. Ich meine nicht nur zwischen uns, denn ich glaube, dass unsere Freundschaft stärker ist als das, aber ich meine die besondere Freundschaft dieses Sommers. Und ich wollte nicht, dass das passiert.«

»Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Und außerdem, wenn man alles genau betrachtet, dann haben wir eine großartige Zeit verbracht. Vielleicht ist das das einzig Wichtige.«

»Aber trotzdem, Harry, es hat uns ganz schön erwischt. Und da muss es eine vernünftige Lösung geben.« Haider war plötzlich völlig nüchtern, und er erlaubte sich ein verschmitztes Lächeln. »Von der Freundschaft einmal abgesehen, glaubst du, dass auch nur die geringste Möglichkeit besteht, dass Rachel in einen von uns verliebt ist?«

»Wie meinst du das?«

»Wenn dem so wäre, dann wäre es doch eine Schande, wenn wir den natürlichen Lauf der Dinge verhindern, nicht wahr? Dann würden wir irgendwann beide bereuen, dass wir ihr nicht gesagt haben, wie es um uns steht, bevor wir uns trennen. Wenigstens einer von uns könnte glücklich sein. Und Rachel ebenfalls. Es wäre für alle Beteiligten eine faire Lösung. Was hältst du davon?«

»Du glaubst tatsächlich, dass sie in einen von uns verliebt ist?«

Haider lächelte wieder. »Wie auch immer, morgen ist die letzte Gelegenheit für uns, das herauszufinden.«

3

Kairo

Die Residenz des amerikanischen Botschafters platzte vor wichtigen Gästen fast aus allen Nähten. Die High Society Ägyptens und dort lebende Europäer hatten sich in der Botschaft zusammengefunden, darunter Filmstars, Diplomaten, hohe Offiziere und Akademiker. Die Party war bereits in vollem Gang und die Stimmung ausgelassen, als Weaver sich einen Weg durch die Menge der Tanzenden bahnte. Mitglieder des Grabungsteams schüttelten ihm die Hände zum Abschied, wo immer er auf sie traf. Die Presse war ebenfalls eingeladen, und im Eingangsfoyer stand ein langer Tisch, auf dem einige der bei der Ausgrabung zutage geförderten Kostbarkeiten ausgestellt waren: Ketten aus Edelsteinen, Skarabäen, goldene Amulette und Steinkartuschen. Zwei ägyptische Polizisten standen hinter dem Tisch und bewachten die Schätze. Immer mehr Menschen streckten Weaver die Hände entgegen, und er hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, allein zu sein. »Bitte entschuldigen Sie mich. Ich brauche etwas frische Luft.«

Er kämpfte sich bis ans andere Ende des Raumes durch, wo eine hohe Flügeltür auf den Balkon hinausführte. Es war kühl draußen, und es duftete nach Lotus und Bougainvillea. Auch die Kästen vor den Fenstern waren voller Blumen. Der Garten der Residenz war herrlich, ein hölzerner Pavillon war mit bunten Lichtern erleuchtet, und gleich hinter der Außenmauer floss majestätisch der Nil dahin. Es schien an diesem Abend ungewöhnlich still in der Stadt zu sein. Vom sonst üblichen Verkehrslärm hörte man nur ein leises Flüstern.

Während er dort stand und die Einsamkeit und den Duft der Blumen genoss, öffnete sich plötzlich die Tür, und Rachel kam heraus. Sie trug ein einfaches schwarzes Kleid, das ihre Figur zur Geltung brachte. Jack Haider war hinter ihr. Er hatte einen Leinenanzug an und hielt eine Flasche eisgekühlten Champagner und drei Gläser in der Hand. Als er Weaver ein Glas reichte, lächelte er. »Tolle Party, was? Aber du siehst aus, als hättest du für diesen Abend genug vom Tanzen, Harry. Wir haben uns schon gedacht, dass wir dich irgendwo finden würden, wo es ruhig ist. Hier, trink noch etwas.«

»Warum nicht.« Weaver nahm das Glas Champagner. Rachel stellte ihres unberührt auf das Balkongeländer. Sie sah erschöpft aus.

»Müde?«, fragte Weaver.

Sie lächelte. »Ich fürchte, du und Jack, ihr habt mich ganz schön strapaziert.«

Haider fiel plötzlich etwas ein. »Oh, übrigens, bevor ich es vergesse, da sind ein paar wichtige Leute, die dich gerne kennenlernen würden, Rachel.«

»Wer denn?«

»Der Botschafter zum einen, und dann ist da noch so ein Kerl namens Kemal Assan. Er ist der Sohn eines ägyptischen Würdenträgers, der wiederum mit meinem Vater bekannt ist. Dann gibt es da noch einen Professor vom Britischen Museum, der hier zu Besuch ist, der viel zu viel getrunken hat und so spricht ...« Haider hielt sich die Nase zu und imitierte den affektierten Akzent der englischen Oberklasse. »Ein langweiliger Haufen, meine Liebe, also hab’ ich ihnen gesagt, dass du sehr müde seist und sie dich nicht lange belästigen dürften. Soll ich sie holen?«

Rachel kicherte. »Danke, Jack.«

Er ging hinaus, und Rachel sagte. »Das ist also unser letzter gemeinsamer Abend, Harry. Du wirst mir fehlen.«

»Meinst du das wirklich?«

»Natürlich.« Sie sah ihn an und sagte plötzlich: »Weißt du, was komisch ist? Ich weiß so wenig von dir. Jack ist wie ein offenes Buch. Amerikanische Mutter, reicher preußischer Vater und Sammler von ägyptischen Kunstschätzen. Hat Sprachen und Altphilologie in Heidelberg studiert, war zwischendurch ein Jahr in Oxford.« Sie lachte. »Das merkt man schon, wenn er sie nachmacht, die Engländer, das kann er wirklich gut. Aber du hast nie über dich gesprochen, nur dass du an der Universität von New York studiert hast und Ingenieur bist und dass Jack und du schon als Kinder Freunde wart.« Sie lächelte. »Da muss es doch wohl noch eine Menge mehr geben, oder hast du Geheimnisse? Erzähl mir, wie ihr beide euch kennengelernt habt, das würde ich wirklich gern wissen.«

Weaver nahm einen Schluck Champagner und sah über das Geländer des Balkons in den Garten hinaus. »Nun, da gibt es nicht viel zu erzählen. Als ich fünf Jahre alt war, wurde mein Vater Verwalter auf einem großen Landsitz, der der Familie von Jacks Mutter gehörte, ein riesiger, alter Besitz im Staat New York. Wir waren die einzigen Kinder, beide Einzelkinder und Söhne. Ich nehme an, es war ganz natürlich. Wir hätten entweder Freunde oder Rivalen werden können. Aber wir wurden Freunde, gleich von Anfang an. Wenn wir zusammen waren, haben wir unweigerlich etwas ausgeheckt. Die wilden Zwei hat sein Vater uns immer genannt. Sicher, seine Familie war reich, und ich kam aus einfachen Verhältnissen, aber Franz Haider hat uns immer mit Respekt behandelt, auch wenn unsere Herkunft so verschieden war. Er war nie ein Snob, und entsprechend hat er auch seinen Sohn erzogen. Schon als kleiner Junge konnte man mit Jack viel Spaß haben, und er war ein großartiger Kumpel. Er ist wirklich alles andere als anmaßend.«

»Warum bist du nach Ägypten gekommen?«

»Nach meinem Abschluss im vergangenen Jahr habe ich als Ingenieur bei einer Firma in New York gearbeitet. Aber um ehrlich zu sein, nach ein paar Monaten habe ich mich bereits gelangweilt. Jacks Vater hatte einen Teil seiner Kunstsammlung auf dem Landsitz. Wir Kinder haben so all diese exotischen Stücke gesehen, die man sonst nur aus Büchern oder dem Museum kennt – alten Schmuck, Skarabäen. Es war alles so faszinierend. Wir haben oft Stunden davorgestanden. Als Jack mir später schrieb, dass er an einer Grabung in Ägypten teilnehmen wolle, hat er mich gefragt, ob ich nicht mitkommen möchte. Wir hatten uns seit fast sechs Monaten nicht mehr gesehen, weil er seinem Vater bei Familienangelegenheiten in Deutschland helfen musste, und außerdem war es eine willkommene Gelegenheit, aus dem stickigen Büro in Manhattan herauszukommen. So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben, so schien es mir jedenfalls. Also habe ich meine kargen Ersparnisse zusammengekratzt, habe gekündigt und das Angebot angenommen.«

»Keine Freundinnen, die du zurückgelassen hast?«

»Nichts von Bedeutung.«

»Und du bereust nicht, das du es getan hast?«

»Absolut nicht. Das einzige Problem ist, es hat mich in gewisser Weise verwöhnt. Ich glaube nicht, dass ich so ohne Weiteres in meinen Beruf zurückkehren kann, zumindest nicht, solange ich noch etwas Geld habe. Es macht so viel mehr Spaß, meine Fähigkeiten als Ingenieur auf einer Grabung einzusetzen als beim Straßenbau in New York.«

»Weißt du, was mich wundert? Dass Jack kein Archäologe geworden ist.«

»Ich glaube, er ist zu rastlos, um sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren. Er sagt, er sei immer nur ein fanatischer Amateur gewesen wie sein Vater. Er hat ihn oft mit nach Ägypten genommen, als Jack noch ein Kind war, aber das weißt du sicher. Und solange ich denken kann, war er in dieses Land verliebt. Es hat ihn fasziniert, nicht nur seine Geschichte, sondern alles, die Kultur, die Menschen. Diese Faszination muss irgendwie auf mich abgefärbt haben.«

»Du magst Jack sehr, nicht wahr?«

»Er war immer mein bester Freund«, antwortete Weaver. »Er ist wie der Bruder, den ich nie hatte. Und ich bin dankbar für seine Freundschaft. Außerdem, wenn sein Vater nicht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich nie studiert.«

»Wie meinst du das?«

»Franz Haider hat meine Ausbildung bezahlt. Mein eigener Vater hätte es sich nie leisten können. Er hat geglaubt, dass er zum Ausgleich dafür nur so viele weiße Lilien wie möglich im Garten pflanzen muss, die Sorte, die Jacks Mutter so gern gehabt hat.«

Rachel zögerte. »Sprichst du deshalb so ungern über die Vergangenheit? Weil du glaubst, in der Schuld dieser Familie zu stehen?«

»Nein, überhaupt nicht«, erwiderte Weaver mit Bestimmtheit. »Es waren einfach nur gute Menschen, die mir helfen wollten, eine gute Ausbildung zu bekommen. Dafür werde ich ihnen immer dankbar sein. Und Jacks Vater würde einen mit so etwas nie belasten wollen. Aber der Freundschaft zwischen Jack und mir könnte selbst das kaum etwas anhaben, da bin ich sicher. Tatsächlich gibt es bisher nichts, was zwischen uns gestanden hat. Wir sind immer ein Herz und eine Seele gewesen.«

»Ihr habt euch nie gestritten?

»Nein, nie. Das ist wahrscheinlich ungewöhnlich. Sicher hatten wir unsere kleinen Differenzen. Aber nur weil man verschiedener Meinung ist, muss man sich ja nicht gleich streiten.«

Rachel sah ihn an: »Weißt du was? Ich glaube, ihr beide habt wirklich Glück gehabt. Dass ihr euch getroffen habt, dass ihr so gute Freunde geworden seid. Das habe ich schon ganz am Anfang gedacht, als ich euch gerade erst kennengelernt hatte. Eine solche Freundschaft ist selten, ihr solltet sie hüten wie einen kostbaren Schatz, und ich hoffe, dass nie etwas zwischen euch kommen wird.« Sie lächelte und sah ihm in die Augen, aber in ihren eigenen lag plötzlich eine unerklärliche Traurigkeit. Dann pflückte sie eine Blume aus einem der Fensterkästen, steckte sie ihm ins Knopfloch, beugte sich vor und gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. »Ein kleines Geschenk von mir. Nicht zu vergleichen mit einem Universitätsstudium, aber es kommt von Herzen. Ich bin so froh, dass du an der Grabung teilgenommen hast, Harry. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es hier ohne dich und Jack gewesen wäre.«

Weaver sah sie an, sah ihre bemerkenswert blauen Augen und das hübsche Gesicht. »Du wirst mir auch fehlen, Rachel.«

»Wirklich, meinst du das ehrlich?«

»Mehr, als ich sagen kann. Aber ich mache mir Sorgen.«

»Worüber denn?«

»Man hört dauernd dieses Gerede, was mit den Juden in Deutschland passiert. Wenn du je zurückgehen ...«

Er sprach den Satz nicht zu Ende, und Rachel sagte leise: »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass meine Eltern oder ich nach Deutschland zurückkehren werden, nicht bevor der Krieg vorbei und die Nazis nicht mehr an der Macht sind. Im Augenblick jedenfalls wird Istanbul unser Zuhause sein, und dort ist es sicher. Mein Vater hat eine Menge Verbindungen, und er ist überzeugt, dass er eine feste Dozentenstelle kriegen kann. Aber um ehrlich zu sein, ich mache mir mehr Sorgen um Jack.«

»Wie meinst du das?«

»Er wird auf jeden Fall nach Deutschland zurückgehen und wahrscheinlich einberufen werden. Aber er ist so optimistisch und glaubt, der Krieg würde nicht lange dauern. Seiner Meinung nach ist das ganze Theater Weihnachten schon vorbei, wenn Hitler seinen Willen bekommen und Polen annektiert hat.«

»Das hat er gesagt?«

»Ich habe es ihn heute Abend sagen hören. Und ich nehme an, dass viele Leute es so sehen. Aber ich, ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube, wenn es nicht so rasch zu Ende geht, könnte es wirklich furchtbar werden.« Sie wechselte das Thema, um die Stimmung nicht zu trüben. »Aber immerhin hatten wir diese herrliche Zeit miteinander. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde. Niemals.«

Sie sahen sich in die Augen, und etwas geschah zwischen ihnen. Weaver war sich sicher, und er sah sie lange an, bevor er sich dazu entschloss, mit ihr zu sprechen, ihr zu sagen, was er wirklich für sie empfand, aber dann sah sie plötzlich weg. Sie schien von einer inneren Unruhe ergriffen.

»Was ist denn?«

»Ni-nichts.«

Weaver drehte sich um und blickte durch die offene Verandatür ins Innere der Residenz. Ein hagerer Ägypter mit pockennarbigem Gesicht und Zigarette in der Hand fiel ihm dabei auf. Er lehnte an einer Marmorsäule und machte einen unheimlichen Eindruck. Er sah sie verstohlen an, aber als er bemerkte, dass Weaver ihn anstarrte, drehte er sich um und verschwand in der Menge. Weaver wandte sich wieder Rachel zu. »Dieser Mann dort – hat er dich belästigt?«

Sie erschauerte. »Ich habe das Gefühl, dass er mich schon den ganzen Abend lang anstarrt.«

»Vielleicht sollte ich herausfinden, wer er ist?«

Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. »Nein, mach dir keine Gedanken, er ist wahrscheinlich harmlos. Ich fand ihn nur irgendwie unangenehm, nichts weiter. Aber jetzt ist er ja weg.«

In dem Augenblick trat Haider mit zwei Männern durch die Tür auf die Veranda. Einer seiner Begleiter war der amerikanische Botschafter, groß und würdevoll, der andere war ein Ägypter. Er trug die traditionelle arabische Kleidung für offizielle Anlässe: eine mit Gold- und Silberfäden durchwirkte Dschellaba.

Haider kam lächelnd näher. »Sie geben sich die größte Mühe, den britischen Professor wieder auf die Beine zu bekommen, denn er ist völlig betrunken. Aber erlaube mir, dir immerhin den amerikanischen Botschafter und Kemal Assan vorzustellen.«

Der Botschafter schüttelte Rachel voller Wärme die Hand. »Miss Stern, es ist mir eine Ehre. Ich bin ein großer Bewunderer der Arbeit Ihres Vaters. Und Kemal freut sich schon den ganzen Abend darauf, Sie kennenzulernen. Er interessiert sich außerordentlich für Ihre Ausgrabungen. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn sein Vater ist einer der höchsten Beamten im Ministerium zur Pflege der Altertümer und außerdem ein enger Freund von König Faruk.«

Kemal Assan begrüßte sie nach arabischer Sitte. Er berührte mit der Hand zuerst sein Herz und dann die Stirn. »Es freut mich wirklich ganz außerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Stern. Mein Land steht tief in Ihrer und Ihres Vaters Schuld. Sie haben wunderbare Arbeit geleistet. Ich bin sicher, dass König Faruk und die Regierung Ihnen und Ihrer Familie seinen Dank aussprechen möchte für Ihre Bemühungen, und Sie werden in Ägypten immer herzlich willkommen sein.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Kemal.« Rachel ließ den Blick über die Lichter und die Stadt schweifen und wurde sich plötzlich der ungewöhnlichen Stille bewusst. »Ich habe Kairo noch nie so still erlebt. Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm.«

»Es liegt etwas Unangenehmes in der Luft, fürchte ich«, erwiderte Assan und zuckte die Achseln. »Es scheint beinahe so, als ob die gesamte Stadt darauf warte, was für Unannehmlichkeiten der Krieg bringen wird.«

Jack Haider sah auf seine Uhr und sagte diplomatisch: »Und jetzt, Gentlemen, muss ich Sie leider bitten, auf die Gesellschaft dieser reizenden Dame zu verzichten. Rachel darf morgen ihren Zug in Port Said nicht verpassen, und sie braucht ihren Schönheitsschlaf.«

»Ich hoffe, wir dürfen Sie schon bald einmal wieder in Ägypten begrüßen, Miss Stern«, sagte Kemal Assan.

Der Botschafter schüttelte allen die Hand. »Bis zum nächsten Mal. Und noch einmal vielen Dank. Ihr jungen Leute habt wirklich fantastische Arbeit geleistet.«

Der Botschafter und Assan gingen. Jack Haider nahm einen Schluck Champagner, stellte sein Glas ab und betrachtete die Stadt. »Du hast recht, es liegt eine wahre Grabesstille über der Stadt.«

Rachel war müde und sah auf ihre Uhr. »Ich möchte euch die Stimmung nicht verderben, aber ich bin zum Umfallen müde. Und meine Eltern wollen auch schon gehen. Sie sind beide völlig erschöpft. Das ist nach jeder Grabung so, besonders in diesem Klima. Sie engagieren sich jedes Mal so sehr dafür, dass sie am Ende fix und fertig sind.«

»Das wundert mich nicht. Sie haben beide rund um die Uhr geschuftet.« Haider lächelte. »Selbst wenn wir alle schon geschlafen haben. Erst vor ein paar Tagen habe ich sie morgens todmüde in ihr Zelt kriechen sehen. Sie sahen aus, als hätten sie die ganze Nacht hindurch gearbeitet. Was hat das bloß zu bedeuten, Rachel? Hat unser Professor etwas entdeckt, was er vor uns geheim halten will?«

Rachel lächelte ebenfalls. »Wohl kaum. Aber du weißt ja, dass mein Vater immer glaubt, er würde nicht genug tun. Diese Arbeit hier bedeutet ihm alles.«

Haider blinzelte Weaver verschwörerisch zu. »Nun, Harry, hast du gefragt?«

Weaver deutete ein Kopfschütteln an und fühlte sich irgendwie unwohl. Haider sagte: »Ich auch nicht.«

»Was redet ihr beiden denn da?«, fragte Rachel. »Was wolltet ihr fragen?«

Haider nahm einen kräftigen Schluck Champagner, um seine Nerven zu stählen, und holte tief Luft. »Dies ist vielleicht sehr peinlich für uns alle, aber, zum Teufel, es lässt sich nicht ändern. Da gibt es etwas, das Harry und mich schon lange beschäftigt, doch wir haben uns bis jetzt nicht getraut zu fragen. Aber da du morgen schon nach Port Said abreist und dann weiter nach Istanbul, haben wir uns vorgenommen, es endlich zu wagen und dich zu fragen.«

»Aber was denn?«

»Besteht auch nur die leiseste Möglichkeit, dass du in einen von uns verliebt bist?«

Rachel wurde rot. Sie biss sich auf die Lippen. Und einen Moment lang war sie völlig verstört. »Warum – warum machen wir es nicht so: Ich verspreche, euch beiden zu schreiben, und ihr antwortet mir. Dann werden wir weitersehen.«

Haider konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. »Ich glaube, du versuchst nur, diplomatisch zu sein.«

»Nein, Jack, nur ehrlich. Im Moment ist mein Leben sehr ereignisreich. Schon morgen werde ich Ägypten verlassen und nach Istanbul gehen

»Haben wir dich in Verlegenheit gebracht?«, fragte Weaver.

»Nein, Harry.«

»Warum bin ich dann verlegen?«, sagte Haider.

»Dafür gibt es keinen Grund, für keinen von euch beiden. Ihr wisst doch, wie wichtig ihr mir beide seid.«

»Nicht mehr?«

»Bitte, Jack, das ist nicht der richtige Zeitpunkt.«

»Es tut mir leid, dass wir das Thema aufgebracht haben, Rachel«, sagte Weaver und nahm ihren Arm. »Ich weiß ja, wie müde du bist. Ich werde mich erkundigen, ob dich ein Wagen der Botschaft zum Hotel fahren kann, dann begleiten wir dich.«

»Nein, ich hasse Abschiede. Bleibt hier und amüsiert euch noch ein bisschen, ihr habt es wirklich verdient.« Sie zögerte, und ihre Lippen bebten, als sie die beiden Männer ansah. »Kann ich euch etwas sagen? Das war die schönste Zeit meines Lebens. Und ich meine es ernst. Bis wir uns wiedersehen, lebt wohl!« Es kam alles sehr plötzlich, und sie hatte Tränen in den Augen, als sie beide umarmte und küsste. Dann war sie fort.

Die Band spielte einen Walzer, und Haider nahm sein Glas wieder in die Hand, als Rachel gegangen war. »Sie schien ziemlich durcheinander. Aber sie hat die Frage nicht wirklich beantwortet, oder? Ich muss sagen, ich bin ein bisschen enttäuscht.«

Weaver dachte einen Moment lang nach. »Vielleicht liege ich falsch, aber ihr Angebot, uns zu schreiben, kann eigentlich nur eines von drei Dingen bedeuten.«

»Nämlich?«

»Erstens: dass sie mit keinem von uns beiden etwas zu tun haben will und den leichtesten Ausweg gewählt hat. Zweitens: dass sie einen von uns mag, aber dass wir sie in eine peinliche Situation gebracht haben, weil wir beide anwesend waren und sie es nicht offen aussprechen wollte, um den anderen nicht zu enttäuschen.«

»Und drittens?«

»Sie mag uns beide und kann sich nicht entscheiden. Und da braucht sie ein wenig Abstand, um sich darüber klar zu werden.«

»Glaubst du das?«

Weaver zuckte die Achseln. »Es ist nur so ein Gefühl, aber es könnte Nummer drei sein. Vielleicht sollten wir Rachel einfach beim Wort nehmen. Außerdem hat sie recht. Ihr Leben ist im Moment wirklich sehr aufregend. Ihre Familie kann nicht nach Deutschland zurück, und Istanbul ist eine völlig neue Welt, mit der sie erst einmal zurechtkommen muss. Und sie war heute Abend wirklich erledigt. Ich glaube, die harte Arbeit hat am Ende doch ihren Preis verlangt.«

»Du scheinst das ja plötzlich ausgesprochen gelassen zu sehen.«

»Ich glaube, sie war sehr ehrlich zu uns, Jack. Sie ist nicht die Art Frau, die sich von heute auf morgen in eine Beziehung stürzt. Sie braucht etwas Zeit. Warum lassen wir das Ganze nicht eine Weile ruhen?«

»Aber du bist enttäuscht, dass sie uns keine direkte Antwort gegeben hat, das sehe ich doch.«

»Natürlich. Es verlängert die Qual. Aber warum warten wir nicht ab, was passiert, und grübeln nicht weiter darüber nach?«

Haider zwang sich zu einem Lächeln. »Da spricht ganz der Ingenieur in dir. Selbst wenn du unglücklich verliebt bist, siehst du alles so vernünftig. Und vielleicht hast du recht. Ich wünschte mir, ich könnte das auch, aber, Himmelherrgott, sie wird mir fehlen. Es war wirklich großartig hier, und es ist so schade, dass es vorbei ist. Es war die beste Zeit meines Lebens.«

Weaver nahm die Champagnerflasche und goss ihnen beiden noch etwas ein. »Themawechsel. Wann reist du ab aus Kairo?«

»Dienstag fliege ich nach Hause. Den Termin kann ich leider nicht ändern – ich bin einberufen worden.«

Weaver war fassungslos. »Das stand also in dem Brief?«

»Leider ja.« Haider zuckte die Achseln. »Du weißt ja, dass wir von einer langen Linie preußischer Offiziere abstammen. Einige von ihnen haben sogar die Militärakademie gegründet. Sie würden sich im Grab umdrehen, wenn ich die Einberufung ignorierte.«

Weaver legte Haider die Hand auf die Schulter. »Du hättest es mir sagen sollen, Jack. Es kommt alles so plötzlich. Ich werde mir Sorgen um dich machen.«

»Um ehrlich zu sein, ich wollte die Stimmung dieser letzten Tage nicht verderben, deswegen habe ich nichts gesagt. Und ich habe selbst versucht, es so weit wie möglich von mir zu schieben. Aber mach dir keine Sorgen um mich. Bei meinem Stammbaum werde ich hinter irgendeinem langweiligen Schreibtisch enden.«

»Glaubst du wirklich, dass Weihnachten alles vorbei ist, Jack? Rachel hat gesagt, du seist davon überzeugt.«

Haider nickte bestimmt. »Ja, das glaube ich wirklich. Das deutsche Volk will keinen neuen Krieg. Zu viele erinnern sich noch daran, wie furchtbar der letzte war. Ich bin sicher, dass sich der gesunde Menschenverstand am Ende durchsetzen wird. Und was ist mit dir? Was wirst du tun?«

»Im Augenblick fühle ich mich völlig frei und ungebunden. Professor Stern hat gesagt, dass hier in Sakkara noch ein paar abschließende Arbeiten erledigt werden müssen, bevor die Ausgrabung den Ägyptern übergeben werden kann, also habe ich mich mit ein paar anderen freiwillig gemeldet, dabei zu helfen. Dann habe ich heute Abend noch ein Angebot bekommen, an einer Wüstenexpedition teilzunehmen, vielleicht bleibe ich also noch eine Weile und versuche sogar, die Sprache etwas besser zu lernen. Außerdem hat Amerika seine Neutralität erklärt. Wir haben also mit diesem Krieg nichts zu tun.«

»Sei froh. Lass uns hoffen, dass das alles bald vorbei ist. Aber es scheint irgendwie, als wäre die ganze Welt verrückt geworden.«

»Wie meinst du das?«

»Auf gewisse Weise hat der Krieg seine Fühler schon bis nach Ägypten ausgestreckt. Es geht das Gerücht um, die Briten hätten ein deutsches Funkgerät ausgegraben, das in einem Feld an der Straße zu den Pyramiden versteckt worden war. Es scheint, als wären die Spione in Kairo schon an der Arbeit.«

Weaver nickte. »Ich kenne das Gerücht. Aber wo ist da ein Zusammenhang?«

»Nachdem wir vor über einer Woche die Kriegserklärung im Radio gehört haben, behauptete einer der Briten in unserer Gruppe doch allen Ernstes, dass Rachel, ich und alle anderen Deutschen im Grabungsteam in Wirklichkeit feindliche Agenten seien und nichts Gutes im Schilde führten. Hast du je solchen Blödsinn gehört? Ich meine, zuerst einmal ist ihre Mutter Jüdin. Und Professor Stern hasst die Nazis.«

»Und was hältst du von den Nazis, Jack?«

Es war das erste Mal, dass sie über Politik redeten, und Haider war etwas überrascht. »Ich? Ich liebe mein Land, aber du hast wahrscheinlich schon gemerkt, dass ich nicht viel für Hitler übrig habe.«

»Du meinst wegen Polen? Oder was er mit den Juden macht? Diese ganzen Rassengesetze, die Lager und die Deportationen, von denen wir hören.«

»Beides. Diese Grausamkeiten finde ich abscheulich. Und das geht den meisten Deutschen nicht anders. Du kennst mich lange genug, um zu wissen, dass ich Gesetze, die die Juden ausgrenzen oder sie aus Deutschland vertreiben, niemals gutheißen würde. Aber das ist nicht das Einzige. Hitler ist ein Schreihals, und er hat auch nicht das geringste Quäntchen Humor. Das verheißt nichts Gutes.« Haider lächelte schwach. »Außerdem glaube ich, dass er ein arroganter Langweiler ist. Aber was das Wichtigste ist, er ist ein Tyrann. Und alle Tyrannen sind am Ende Feiglinge. Und deswegen glaube ich, dass er nachgeben wird, bevor sich die Krise zu weit ausgedehnt hat.«

»Ich kann nur hoffen, dass du recht hast. Aber musst du wirklich zurück nach Deutschland?«

»Dafür gibt es ein deutsches Wort: Pflicht. Du hast es vielleicht schon einmal von meinem Vater gehört. Aber es bedeutet noch mehr als das. Im Wortschatz der Haiders wird es häufig gebraucht. Es ist so eine Art Familienmotto. Das heißt, in gewisser Weise fühle ich mich verpflichtet, den Namen der Familie nicht zu entehren. Ganz gleich, was mein Vater von Hitler hält: Ich glaube nicht, dass er damit leben könnte, den ersten Kriegsdienstverweigerer in der Familiengeschichte zum Sohn zu haben.«

»In dem Falle würde ich mir keine Sorgen darüber machen, was die Briten über euch gesagt haben. Ich habe die Deutschen genau das Gleiche zu den Briten und Franzosen sagen hören.« Weaver lächelte. »Bis jetzt bin ich wahrscheinlich der Einzige, über den nichts Schlechtes gesagt worden ist. Das macht mir Sorgen.«

Haider lachte. Weaver betrachtete die Menge und sagte dann in ernsterem Ton: »Da war ein Mann, der Rachel heute Abend beobachtet hat, ein Ägypter. Hager, um die vierzig, trug einen Leinenanzug. Er sah ziemlich finster aus. Ist er dir aufgefallen?«

»Nein, warum?«

Weaver zuckte die Achseln. »Es hat wahrscheinlich nichts zu bedeuten. Vielleicht hat sie einen heimlichen Bewunderer.« Er zögerte. »Weißt du, was mir gerade einfällt? Stell dir vor, Amerika tritt in den Krieg ein, und wir werden dadurch automatisch zu Gegnern. Wie fändest du das?«

»Entsetzlich.« Haider schüttelte entschieden den Kopf. »Aber wir könnten nie Feinde sein, Harry. Niemals. Jedenfalls nicht auf persönlicher Ebene. Ganz gleich, welche Differenzen zwischen unseren Ländern bestehen mögen.«

»Wahrscheinlich hast du recht.« Weaver stellte sein Glas hin und lächelte. »Aber glaubst du, dass wir immer noch so enge Freunde wären, wenn auch nur die geringste Möglichkeit bestünde, dass Rachel sich für einen von uns entscheiden könnte?«

»Absolut. Ganz gleich, wie die Zukunft aussieht.« Haider zwinkerte Weaver zu. »Aber ich muss zugeben, sie ist so eine begehrenswerte Frau, dass ich beinahe versucht wäre, mit dir um sie zu kämpfen, wenn es je dazu kommen sollte.« Er lächelte und hob sein Glas. »Auf die Freundschaft! Auf einen herrlichen Sommer!«

Weaver hob ebenfalls sein Glas. »Auf die Freundschaft! Du wirst mir fehlen, Jack, wirklich. Also pass gefälligst gut auf dich auf. Ich kann nur hoffen, dass sich dieser verdammte Krieg nicht zu lange hinzieht.«

Haider zwinkerte ihm zu. »Ich auch. Aber wenn einer von uns wirklich eine Chance hat, dann soll der beste Briefschreiber die Hand der Schönen gewinnen.«

Jack Haider flog mit einer italienischen Linienmaschine über Rom zurück nach Deutschland. Am nächsten Tag meldete er sich bei der zuständigen Einberufungsbehörde und wurde nach Berlin zur Offiziersausbildung geschickt. Obwohl er kein Anhänger der Nazis war, entwickelte er sich zu einem recht schneidigen, abenteuerlustigen Offizier, dessen Scharfsinn und Sprachkenntnis der Abwehr, dem deutschen militärischen Geheimdienst, nicht lange verborgen blieb. Admiral Wilhelm Canaris rekrutierte den jungen Mann höchstpersönlich und versetzte ihn zur Abteilung für Spezialeinsätze im Balkan und Mittelmeerraum. Als der Krieg sich bis nach Nordafrika ausweitete, wurde er schließlich der Abteilung für den Nahen Osten unterstellt und arbeitete mit Rommels Afrikakorps zusammen.

Nachdem er sechs Monate lang nichts von Rachel Stern gehört hatte, verliebte er sich in Helga Ritter, die Tochter eines Hamburger Arztes. Es kam für ihn völlig unerwartet, denn ein Teil von ihm liebte Rachel noch immer, und er dachte oft an sie. Aber Helga Ritter war eine interessante junge Frau, lebhaft und liebevoll. Zehn Monate nach ihrer Hochzeit brachte sie einen Sohn zur Welt, Paul.

Rachel schrieb keinem von beiden Männern. Drei Tage nach der Party beim amerikanischen Botschafter bestiegen sie und ihre Eltern in Port Said als einzige zahlende Passagiere die Izmir, ein uraltes Frachtschiff, das nach Istanbul fuhr. In der zweiten Nacht auf See stand sie auf der Steuerbordseite an der Reling und dachte über den so ereignisreichen Sommer nach, als im Maschinenraum ein Feuer ausbrach. Vierzehn Menschen kamen in den Flammen um. Ihre Mutter war unter den Opfern.

Die Überlebenden gingen von Bord, als die Flammen nicht mehr zu bändigen waren, und Rachel und ihr Vater konnten sich einen Platz in einem der Rettungsboote sichern, in dem außer ihnen noch zwei schwer verwundete türkische Matrosen saßen. Rachels Vater umklammerte noch immer seine Aktentasche mit den unersetzlichen Karten und Aufzeichnungen der Ausgrabung von Sakkara. In der Dunkelheit trieben sie von den anderen Rettungsbooten fort, und kurz vor Mitternacht kam ein heftiger Sturm mit drei Meter hohen Wellen und schneidendem Wind auf. Gegen Morgen legte sich der Sturm, aber am Mittag waren die beiden Matrosen tot. Rachel und ihr Vater waren völlig erschöpft und kamen beinahe um vor Durst. Die erbarmungslose Sonne verbrannte ihnen die Gesichter.

Am späten Nachmittag sahen sie die grauen Umrisse eines Schiffes, das auf sie zusteuerte. Zuerst hielt Rachel es für ein Schiff der britischen Marine, das nach Überlebenden suchte, aber dann, als es näher kam, erkannte sie die Flagge der deutschen Kriegsmarine. Sie und ihr Vater wurden an Bord festgehalten, als das Schiff in Neapel anlegte, um aufzutanken, und zwei Wochen später kamen sie in Hamburg an, wo sie sogleich der Gestapo übergeben wurden.

Harry Weaver blieb sehr viel länger in Ägypten, als er geplant hatte. Er schloss sich einem amerikanischen Forschungsteam an, das in der Wüste nach archäologischen Schätzen suchte. Sechs Monate vor Rommels Landung in Tripolis im Februar 1941 floh er schließlich über Lissabon nach London und kehrte über Southampton nach Amerika zurück. Einen Tag nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor meldete er sich freiwillig.

Er hatte noch in Sakkara vom Untergang der Izmir gehört. Es war kurz nach Mitternacht, als jemand mit einer Tageszeitung in sein Zelt kam. In dem Bericht stand, dass es nur vier Überlebende gegeben hatte, alle vier türkische Matrosen, deren Rettungsboot von einem maltesischen Fischdampfer aufgegriffen worden war.

Als er den Bericht bei Lampenlicht las, weinte er. Er hatte Rachel von ganzem Herzen geliebt, und auf der Terrasse beim Botschafter hatte er ihr so viel sagen wollen, aber es war nicht der richtige Zeitpunkt gewesen. Dann tat er, was jeder trauernde junge Mann in einer solchen Situation tut. Er legte die Zeitung weg, nahm eine Flasche Whiskey aus seiner Tasche und betrank sich.

Aber bevor er in dieser Nacht einschlief, sah er sich noch einmal das geliebte Foto an, auf dem sie alle drei abgebildet waren. Rachel, Jack und er selbst. Drei junge, lächelnde Menschen, die in der Wüste Sakkaras standen und ihre Arme umeinandergelegt hatten.

Es war eine glückliche Zeit gewesen.

10.–15. November 1943

4

Kairo

10. November

20.40 Uhr

Es war der heißeste Sommer seit sechsunddreißig Jahren gewesen. Die uralte Stadt im Schatten der Pyramiden von Gise hatte schon immer gestunken, aber nun hatte sie wie eine riesige Kloake gerochen. In ganz Nordafrika und Europa war der Himmel klar und die unerträgliche Hitze eine zusätzliche Belastung in diesem Krieg gewesen. Aber trotz der Unbilden des Wetters war es ein erfolgreiches Jahr für die Alliierten gewesen. Der übermächtige Rommel war besiegt worden, die 6. Armee unter Generalfeldmarschall Paulus hatte in Stalingrad kapituliert, General Pattons Truppen waren in Sizilien gelandet, und die nach Berlin wichtigste Stadt des Deutschen Reichs, Hamburg mit seinem riesigen Hafen, war in Schutt und Asche gelegt.

Und dann war der Herbst gekommen. Es wurde kühler, die Deutschen formierten sich neu, und der Krieg stagnierte plötzlich. In der Bruthitze Kairos waren solche Neuigkeiten allerdings weniger wichtig als die kühlen Winde und die heiß ersehnten Regenwolken, die wie gewöhnlich Anfang November vom Mittelmeer heraufgezogen waren.

Mustafa Evir, der im Schatten der Pinien hockte, schien es jedoch, als hätte diese bedrückende Sommerhitze nie nachgelassen. Obwohl es eine milde Nacht war, lief ihm der Schweiß den Rücken hinunter und durchnässte sein Hemd. Auch sein Gesicht glänzte vor Schweiß. Sein Körper fühlte sich an, als stünde er in Flammen. Das war natürlich die Angst. Um sich ein wenig zu beruhigen, ließ er die Schnur mit den billigen arabischen Gebetsperlen durch seine rechte Hand gleiten. Evir war sich der Gefahren seiner Mission bewusst, der Tatsache, dass ein Ausrutscher ihn das Leben kosten konnte.

Er war klein, schmal und hager, und er trug einen abgetragenen schwarzen Anzug, alte Ledersandalen und ein schmuddeliges Hemd ohne Kragen. Sein unrasiertes Gesicht trug den Ausdruck eines müden, alten Fuchses, dem die Hunde ununterbrochen auf den Fersen sind. Er saß auf dem Grundstück einer von Mauern umgebenen Villa in Garden City, einem reichen Wohnviertel, in dem die meisten alten Prachtvillen und Residenzen der Botschafter und ihrer Familien standen. Seit über einer Stunde wartete er schon mit der Geduld eines Jägers, und jetzt war es bald so weit. Sechzig Schritte über den Rasen trennten ihn von der prächtigen Villa des amerikanischen Botschafters. Zwei bewaffnete Wachtposten marschierten vor dem Eingang, einer großen Flügeltür aus Eichenholz, auf und ab, und zwei weitere bewachten das äußere Eingangstor.

Evir drehte sich um und warf einen Blick über das sanft ansteigende Gelände des Gartens, vorbei am reich verzierten Pavillon, um zu sehen, ob die Wachtposten am Tor noch da waren. Jenseits des schmiedeeisernen Tors konnte er in der Dunkelheit die Kasr-el-Nil-Brücke und den breiten, majestätischen Fluss selbst erkennen. Weiße Feluken glitten gespenstisch über das im Mondlicht schimmernde Wasser. Dann sah er das schlanke Minarett auf der anderen Seite des Nils und sprach ein stilles Gebet. Nicht, dass ein Gebet je irgendetwas in seinem elenden Leben geändert hätte, aber im Augenblick brauchte er etwas, das ihn beruhigte. Das Letzte, was er wollte, war, wieder in dieser stinkenden, überfüllten Zelle mit zwölf anderen Gefangenen zu sitzen, und er bat Allah, ihn zu beschützen.

Als er sich wieder umdrehte, leuchtete plötzlich ein Kronleuchter im Foyer der Villa hell auf, und Evir wartete gespannt. Kurze Zeit später wurde ein Motor angelassen, und ein eindrucksvoller schwarzer Ford kam hinter dem Personalgebäude hervor und hielt vor dem Eingang. Die Wachtposten an der Tür nahmen Haltung an, als sich die schweren Eichentüren öffneten und ein Mann in Abendkleidung herauskam und in den von einem Chauffeur gelenkten Wagen stieg.

Der amerikanische Botschafter sah wohlgenährt aus, und Evir spuckte aus in der Dunkelheit. Er verachtete ihn. Was wusste er schon, was es bedeutete, sieben hungrige Mäuler zu stopfen? Oder in einem stinkenden Loch zu wohnen? Oder wie sich ein Mann in einer rauen Stadt wie Kairo jeden Tag abmühen musste, um wenigstens ein paar armselige Kröten zu verdienen?

Evir sah dem davonfahrenden Ford nach, und wenige Sekunden später ging das Licht im Eingang wieder aus. Sobald der Wagen durchs Haupttor gefahren war, entspannten sich die Wachtposten sichtlich. Die zwei vor der Villa setzten sich auf eine der Steinstufen und zündeten sich eine Zigarette an. Evir kauerte noch fünf Minuten länger im Schatten der Bäume, dann wischte er sich den Schweiß von der Stirn, ließ die Gebetsschnur in die Jackentasche gleiten, stand auf und rieb sich die schmerzenden Knie. Es war Zeit, an die Arbeit zu gehen.

Die Residenz des amerikanischen Botschafters stand in dem Ruf, sehr gut gesichert zu sein, aber Mustafa Evir hatte ebenfalls einen Ruf. Bei denen, die seine Dienste in Anspruch nahmen, war er bekannt als »Der Fuchs«. Das Haus, in das er nicht einbrechen konnte, war noch nicht gebaut, und auch der Safe nicht, den er nicht knacken konnte. Aber drei saftige Strafen, die er in der Hölle von Kairos Torah-Gefängnis hatte absitzen müssen, hatten seine Begeisterung für seine Arbeit sehr gedämpft. Als er vor drei Monaten entlassen worden war, hatte er sich vorgenommen, ein ehrlicher Mann zu werden. Aber die einzige Arbeit, die er finden konnte, war bei einem fetten Tuchhändler gewesen, für den er riesige Baumwollballen durch die steilen Straßen zum Markt schleppen musste, bis er vor Erschöpfung umfiel. Dafür behandelte ihn der Händler nicht besser als einen Hund und bezahlte ihn kaum genug, dass er seine Familie ernähren konnte. Aber dieser Auftrag heute Abend konnte ihn zu einem reichen Mann machen.

Evir war nicht sehr beeindruckt von der Sicherheit der Anlage oder ihren Wachtposten. Eine Woche lang hatte er die Villa und die Wachtposten beobachtet, hatte Pläne vom Grundstück gezeichnet, Entfernungen abgeschätzt und Hindernisse gekennzeichnet. Er durfte sich nicht den geringsten Fehler erlauben. Aber es war wirklich nicht schwer gewesen, über die Grundstücksmauer zu klettern, und die Wachtposten schienen nichts zu merken, als er jetzt auf dem Bauch durchs Gras kroch, bis er die Terrasse auf der anderen Seite des Gebäudes erreicht hatte. Er nahm an, dass die Wachtposten jetzt, wo die Deutschen in Nordafrika besiegt waren, entspannter waren. Er hatte die große Flügeltür der Veranda erreicht und stand auf. Der Schweiß lief ihm übers Gesicht und tropfte auf den Boden. Er zog ein langes, schmales Messer unter seiner Jacke hervor und fuhr mit der Klinge zwischen den Türblättern entlang. Das Schloss sprang leicht auf, und er trat zwischen den Vorhängen in ein dunkles, eichengetäfeltes Arbeitszimmer.

Auf dem Khan-el-Khalili-Basar drängten sich die Menschen wie jeden Abend, und der Lärm und der Geruch, eine Mischung aus Gewürzen und verschwitzten Leibern, war schwer zu ertragen. Aber als Evir sich zwei Stunden später seinen Weg durch die Menge bahnte, war er sehr zufrieden mit sich. Er hatte gute Arbeit geleistet. Das Geschrei der Straßenhändler hallte durch die engen Gassen, und Krüppel bettelten ihn um Almosen an. Evir hatte schützend die Hand über den wertvollen Gegenstand in seiner Tasche gelegt. Selbst als Verbrecher war man nicht sicher auf dem Basar. Es gab Diebe, die stahlen einem blinden Bettler die Münzen.

Eine Gruppe von zerlumpten Kindern kam auf ihn zu. »Bakschisch?«

»Verschwindet, ihr verdammten Gören.«

Die Jungen spuckten ihn an, lachten und liefen davon. Evir machte sich nicht die Mühe, ihnen nachzulaufen, um sie zurechtzuweisen. Er hatte wichtigere Dinge zu tun. Er hatte etwa die Hälfte des Weges durch den Basar zurückgelegt, als er an eine sehr belebte Kreuzung mit überfüllten Geschäften und Restaurants gelangte. Auf der Straße und dem Gehsteig wimmelte es nur so, und aus den Cafés und Geschäften drang laute Musik. In den Straßenbahnen und Bussen drängten sich die Menschen, sie quollen aus den Türen heraus, balancierten gefährlich auf dem Trittbrett und klammerten sich fest, wo es nur ging.

Trotz des Krieges wurde die Verdunkelung in Kairo nur sehr halbherzig befolgt; ein paar Autoscheinwerfer und Straßenlaternen waren mit einer dünnen Schicht der vorgeschriebenen blauen Farbe gestrichen, aber das waren Einzelfälle. Uralte, verbeulte Taxis zockelten vorbei, und da Ersatzteile im Augenblick so gut wie nicht zu bekommen waren, fuhren die meisten mit zerbrochenen Scheinwerfern, verbeulten Kühlern und gesprungenen Windschutzscheiben. Der Verkehr war chaotisch, und zusätzlich mussten sich die Fahrer auch noch mit Pferdekarren und Viehherden, die durch die Straßen getrieben wurden, arrangieren: mit Ziegen, Schafen, Rindern und Kamelen.

Um die Lage noch weiter zu erschweren, streiften Horden von betrunkenen Soldaten, Briten, Amerikaner und Australier, durch die Straßen und besetzten Restaurants und Cafés mit Namen wie Home Sweet Home oder Cafe-Bar Old England.

Evir befolgte seine Anweisung und wartete an der Kreuzung. Haufen von laut plappernden Arabern saßen vor den Teestuben, rauchten Wasserpfeifen und spielten Backgammon, während sie ihren Tee aus Gläsern tranken. Der Verkehr wälzte sich lärmend in alle Richtungen, und fünf Minuten später sah Evir ein schmutziges grünes BSA-Motorrad, das die Straße links von ihm hinabfuhr und langsam zum Stehen kam.

Ein bärtiger, mit einer Dschellaba bekleideter Araber saß auf der Maschine. Der Mann winkte ihm, Evir ging auf ihn zu und setzte sich hinter ihn auf das Motorrad. Der Mann fuhr sofort los.

Der Fahrer blickte immer wieder über die Schulter zurück, als wollte er sich vergewissern, dass ihnen niemand folgte. Er fuhr in die Richtung der El-Hakim-Moschee und kämpfte sich durch das Gewirr von engen Gassen, bis sie zehn Minuten später auf einem gepflasterten Platz anhielten, der von hohen Mietshäusern aus Ziegel und Holz umgeben war. Sie stiegen ab, und der Fahrer sicherte die Maschine mit Kette und Vorhängeschloss. Dann winkte er Evir, ihm zu folgen. Er trat in das offene Treppenhaus eines der Häuser und stieg die hölzernen Stufen in den ersten Stock hinauf. Dort gab es eine Tür mit drei schweren Schlössern. Der Mann öffnete eines nach dem anderen mit einem Schlüsselbund, ließ Evir eintreten und schloss die Tür.

»Nun?«, fragte der bärtige Mann.

»Ich habe getan, was Sie wollten.«

Der Mann schien erfreut zu sein. »Und du bist sicher, dass dich niemand in der Residenz gesehen hat?«

Evir lachte. »Wenn sie mich gesehen hätten, wäre ich wohl jetzt nicht hier, oder?«

Er war zuvor schon zweimal in der Wohnung gewesen, als der Mann ihm gezeigt hatte, wie man die Ausrüstung benutzt. Es war eine ordentliche, aber einfache Wohnung: Ein niedriger Tisch, ein paar Kissen auf dem Boden, ein eiserner Ofen an der Wand. Über allem lag ein muffiger Geruch, und Evir hatte das Gefühl, dass die Räume nicht oft bewohnt waren. Der Mann streckte die Hand aus. »Gib mir die Kamera.«

»Zuerst mein Geld«, forderte Evir.

»Du bekommst dein Geld danach.«

Evir schüttelte den Kopf. »Ich will es jetzt.«

»Später«, erwiderte der Mann entschieden. »Wenn ich mir deine Arbeit genau angesehen habe. Wenn die Fotos nichts geworden sind, musst du noch einmal hingehen.«

»Noch einmal?«

»Ja. Jetzt gib mir die Kamera!«

Evir blieb die Härte in der Stimme des Mannes nicht verborgen, ebenso wenig der drohende Gesichtsausdruck. Er hatte etwas Gefährliches an sich, und das gefiel Evir gar nicht. Er nahm die winzige Leica aus der Tasche und gab sie dem Mann.

»Warte hier!«

Der Mann ging ins Schlafzimmer und schloss die Tür. Die große Kleiderkammer, die er als Dunkelkammer benutzte, war auf der rechten Seite, und ein schwacher, stechender Geruch von Chemikalien strömte heraus. Er ging hinein und schloss die Schiebetür hinter sich. Dann zog er an einer Schnur, und ein rotes Licht ging an. Auf einem Bord an der Wand standen ein paar Glasflaschen mit Entwickler und Fixierer, außerdem eine Stoppuhr, mehrere Wannen aus Metall, ein elektrischer Ventilator und eine flache Holzkiste mit einem Deckel aus Milchglas, unter dem einige Glühlampen angebracht waren. Er goss Entwickler in eine der Wannen, nahm den Film aus der Leica und legte ihn in die Flüssigkeit. Er startete die Stoppuhr und wartete drei Minuten.

Schließlich stellte er den Ventilator an, zog den Film aus dem Entwicklerbad und ließ ihn an der Luft trocknen. Dann schaltete er das Licht unter dem Milchglas ein, legte den Film darauf und betrachtete sorgfältig jedes einzelne Bild durch ein Vergrößerungsglas. Als er eines der Negative jener Seiten, die mit Top Secret gekennzeichnet waren, ansah, zuckte er plötzlich zusammen.

Er brauchte mehrere Minuten, um sich wieder zu fassen, dann nahm er ein Handtuch und trocknete sich die Hände ab. Der Schrecken musste ihm noch ins Gesicht geschrieben stehen, als er wieder in das andere Zimmer kam, denn Evir sagte: »Was ist denn? Stimmt etwas nicht?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Du hast ausgezeichnete Arbeit geleistet.« Er warf das Handtuch fort. »Und jetzt lass uns gehen.«

»Wo gehen wir denn hin?«

»Du willst doch dein Geld, oder?«

Zwanzig Minuten später hielten sie vor einem halb verfallenen Lagerhaus in den alten Docks am Nilufer an. Die Gegend war verlassen, und das Tor aus Maschendraht unverschlossen. Der Mann fuhr auf einen finsteren Hof vor dem Gebäude.

Evir bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. »Was tun wir hier?«

Der Mann stellte den Motor ab. »Komm mit, dann bekommst du dein Geld.«

Er stieg vom Motorrad ab, lehnte es an die Wand und ging in das Lagerhaus hinein. Evir folgte ihm zögernd. Das riesige, höhlenartige Gebäude war völlig heruntergekommen. Überall lagen verrostete Metallteile herum, und auf dem Betonfußboden hatten sich ölige Pfützen gebildet. Ein verbeultes Ölfass stand in einer Ecke und darauf eine Laterne, die der Mann jetzt anzündete. Das Streichholz warf er weg.

Das Innere des Lagerhauses war jetzt in sanftes gelbes Licht getaucht. Der Mann nahm einen dicken Umschlag aus seiner Jackentasche und wedelte damit. »Bevor ich dich bezahle, muss ich dir noch ein paar Fragen stellen. Hast du noch irgendetwas anderes aus dem Safe genommen?«

Evir sah, dass ihn der Mann aufmerksam beobachtete. Seine Augen schienen geradezu Löcher in Evirs Gesicht zu brennen. »Beim Leben meiner Kinder. Ich habe nur getan, was Sie mir aufgetragen haben.«

Der Mann starrte ihn weiter an. »Bist du sicher, dass du mir die Wahrheit erzählst?«

Evir fühlte sich unwohl, und ein Schauer der Angst lief ihm den Rücken hinunter. »Sie haben gesagt, ich soll jedes Dokument im Safe fotografieren. Das habe ich getan. Und jetzt will ich mein Geld.«

»Hab Geduld. Und du bist sicher, dass du niemandem davon erzählt hast?«

»Absolut niemandem. Allah möge mir die Zunge herausschneiden, wenn ich lüge.«

Evir sagte die Wahrheit. Außerdem war er bereits vorher vor den Folgen gewarnt worden.

Der Mann nickte, er schien zufrieden und lächelte. »Gut. Dann ist da nur noch eines.«

Evir runzelte die Stirn. »Was?«

Der Mann legte den Umschlag hin und griff in seine Jackentasche. Als er die Hand wieder herauszog, war das Lächeln von seinem Gesicht verschwunden, und Evir sah eine gebogene arabische Klinge mit einem weißen Elfenbeingriff. Sie sah aus wie eine stählerne Kralle.

»Ich kann dich nicht gehen lassen. Du weißt zu viel, und du kennst mein Gesicht.«

5

Chesapeake Bay, Virginia

12. November

8.50 Uhr

Die Sonne war an diesem Morgen hinter dunklen Regenwolken verschwunden, als das riesige graue Kriegsschiff, die achtundfünfzigtausend Tonnen schwere USS Iowa, der Stolz der amerikanischen Flotte, fünf Meilen vor der Küste Virginias vor Anker ging.

Captain Joe McCrea sah von der Brücke aus zu, wie der Schlepper vom Ufer aus auf den sanften Wellen tanzend auf ihn zukam. Er wurde von einem halben Dutzend Schiffe der Marine begleitet, die ihn wie besorgte Mutterhennen umkreisten. McCrea hatte vor zwanzig Minuten das Signal erhalten, dass die prominenten Passagiere jetzt bereit waren, an Bord zu kommen. Unter ihnen war die größte Persönlichkeit, die McCrea in seinen zwanzig Jahren bei der Marine jemals auf einem Schiff, das unter seinem Kommando stand, als Passagier empfangen hatte, und er wusste, dass dies der bedeutendste und schwierigste Einsatz seines ganzen Lebens sein würde.

Er drehte sich zu dem jungen Lieutenant um, der neben ihm stand, und sagte: »Die Passagiere kommen an Bord. Bereiten Sie alles vor.«

»Jawohl, Captain.«

McCrea legte sein Fernglas weg, als der Lieutenant aufs Hauptdeck hinunterging. Die Iowa war wie eine kleine Stadt mit einer Besatzung von zweieinhalbtausend Mann. Das umfangreiche Waffenarsenal an schweren Geschützen und Flaks konnte sich sehen lassen, die Gesamtfläche der Decks und Plattformen betrug fast 40 000 Quadratmeter, und trotz dieser gewaltigen Ausmaße erreichte das Schiff eine Reisegeschwindigkeit von dreiunddreißig Knoten und war damit das schnellste Schiff seiner Klasse. Weiter draußen im Norfolk Sund wartete seine Eskorte, sechs weitere Schiffe mit einem tödlichen Arsenal an Waffen. McCrea hatte ihren Anblick an diesem Morgen sehr beruhigend gefunden. Es war vielleicht nicht die größte Armada aller Zeiten, aber die wichtigste und geheimste. Er überprüfte den Sitz seiner Uniform und machte sich dann auf den Weg zum untersten Deck, um die Passagiere zu begrüßen.

Als der Schlepper endlich längsseits kam, sah McCrea mindestens ein Dutzend Männer, die sich im Heck drängten, Zivilisten und Marinepersonal. Es herrschte hektische Aktivität, als die Matrosen sich die Taue zuwarfen und festzurrten. Aufgrund der Höhe der Iowa lag das unterste Deck gute zehn Meter über der Wasseroberfläche. Ein schmaler Landungssteg wurde daher zum Zweck des Umsteigens ausgefahren und ragte jetzt über den Wellen, aber damit begannen die Schwierigkeiten erst. Der Präsident der Vereinigten Staaten kam schließlich nicht jeden Tag an Bord, und Franklin Delano Roosevelt war ein kranker Mann, der die meiste Zeit seines Lebens im Rollstuhl verbracht hatte. Er konnte nicht einfach auf den Landungssteg treten und an Bord kommen, sie mussten ihn mithilfe von Gurten und einer Winde an Bord der Iowa hieven.

McCrea sah auf die sanften Wellen hinunter, als eine Reihe von Mitarbeitern des Geheimdienstes und Assistenten vom Schlepper auf den Landungssteg sprangen, und dann war schließlich der Präsident an der Reihe. Er war ein vertrauter Anblick für McCrea, sein großes, freundliches Gesicht, das immer zu einem Lächeln bereit war. Sie halfen ihm jetzt aus dem Rollstuhl. Seine Unterschenkel steckten in einem Stützapparat aus Metall, und seine Glieder waren so dünn wie die eines Jungen, die Nachwirkungen einer Kinderlähmung, die ihm oft qualvolle Schmerzen bereiteten. Zwei Sicherheitsbeamte trugen ihn zu einer Art Korsett aus Gurten hinüber, das für ihn vorbereitet war, setzten ihn hinein und überprüften, ob alle Gurte geschlossen waren. Dann wurde die Winde in Betrieb gesetzt.

In gewisser Weise war es ein entwürdigender Anblick, und McCrea hatte ihm mit Schrecken entgegengesehen. Der Präsident des mächtigsten Landes der Erde, der Mann, von dem die freie Welt hoffte, dass er den Krieg gewinnen würde, wurde in einem Gewirr von Gurten hilflos baumelnd an Bord der Iowa gehievt. Aber da war kein Selbstmitleid in seinem Gesicht, nur ernste Entschlossenheit. McCrea wartete geduldig, während ihm das Herz im Hals klopfte. Wenn jetzt nur nichts schiefging, wenn nur die Seile hielten! Allein die Vorstellung, dass der Präsident aus den Gurten herausfallen und ertrinken könnte, war unerträglich.

Aber dann war Roosevelt an Bord, und McCrea atmete erleichtert auf. Ein ganzer Pulk von Sicherheitsbeamten umringte ihn, sie öffneten die Gurte, der Rollstuhl wurde gebracht, und sie halfen ihm hinein. Einer der Beamten legte ihm den vertrauten schweren Umhang der Marine um die Schultern. McCrea bemerkte die respektvolle Bewunderung auf den Gesichtern seiner Mannschaft, die bei dem ganzen Vorgang still zusah. Junge und ältere amerikanische Seeleute standen dicht gedrängt auf dem Deck, um wenigstens einen Blick auf ihren berühmten Passagier zu erhaschen. Voller Ehrfurcht und etwas erstaunt sahen sie zu. Sie hätten gern applaudiert, aber sie hatten Anweisung, den Passagieren keine Ehren zu erweisen, denn es handelte sich um eine geheime Mission, und es gab nicht einen Mann auf der Iowa, der sich diesem Befehl widersetzte.

McCrea salutierte. »Willkommen an Bord, Mr President!«

Roosevelt lächelte freundlich und bot ihm seine Hand an. »Captain McCrea. Sie sind also der arme Hund, der das zweifelhafte Vergnügen hat, mich sicher ans Ziel zu bringen?«

»Jawohl, Sir, das bin ich. Ihr Quartier ist bereits vorbereitet. Wenn Sie bitte hier entlanggehen wollen und –«

McCrea beendete den Satz nicht, da er sich plötzlich an die Behinderung des Präsidenten erinnerte, der vor ihm im Rollstuhl saß. Es war ein dummer Fehler gewesen, und McCreas Gesicht lief dunkelrot an. Zwei Jahre war er jetzt schon Roosevelts Marineberater, und trotzdem ließ ihn die eiserne Entschlossenheit dieses Mannes immer wieder vergessen, dass er nicht nur gehbehindert war, sondern auch noch ein schwer krankes Herz hatte.

Roosevelt aber ließ Peinlichkeit gar nicht erst aufkommen, indem er voller Wärme McCreas Hand nahm und lachend sagte: »Machen Sie sich nur keine Sorgen, Captain. Ich bin in diesem albernen Gerät recht beweglich, also gehen Sie nur voraus.«

Als sie in Roosevelts Quartier auf dem Oberdeck angekommen waren, sagte McCrea. »Ich habe mir erlaubt, einige Karten mitzubringen, um Ihnen zu zeigen, wie unser Kurs aussehen wird, Mr President.«

Der Präsident steckte eine Lucky Strike in eine Zigarettenspitze aus Bakelit. »Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Captain.«

Einer der Sicherheitsbeamten gab ihm Feuer und schob dann den Rollstuhl an den Tisch heran. Ein anderer stand in unmittelbarer Nähe des Präsidenten und trug die Tasche für die medizinische Notfallversorgung; die Medikamente für das Herz des Präsidenten, Einreibemittel, wenn er einen seiner häufigen Schweißausbrüche hatte, mehrere Schmerzmittel und – wie immer – eine kleine Flasche Whiskey.

McCrea wartete, bis Roosevelt sich die Brille aufgesetzt hatte, und zeigte dann auf die ausgebreitete Karte. »Unser Kurs wird südlich der Azoren verlaufen, dann in nordöstlicher Richtung durch die Meerenge von Gibraltar und weiter nach Oran. Geplante Ankunft ist in neun Tagen – also am zwanzigsten November, Mr President. Dann werden Sie mit dem Flugzeug weiter nach Kairo fliegen, vorausgesetzt, es gibt keine Probleme.«

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