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Mit dem Traummann in Paris

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PROLOG

Ach, welch ein Glück, zwei solch schöne, mir zugetane Enkelinnen zu haben. Und gleichzeitig immer diese Sorgen! Eugenia, die fröhliche Eugenia, ist wie ein verspieltes Kätzchen. Ständig gerät sie in die Klemme, aber sie landet immer wieder auf den Füßen. Sorgen mache ich mir mehr um Sarah. Sie ist so ruhig, so elegant und kümmert sich so entschlossen um alle Belange unserer kleinen Familie. Obwohl sie nur zwei Jahre älter ist als ihre Schwester, hat sie, seitdem die beiden zauberhaften Mädchen bei mir leben, die Verantwortung für Eugenia übernommen.

Im Übrigen macht sich Sarah auch Sorgen um mich. Dabei habe ich doch nur ein wenig Arthritis. Der kleine Herzanfall, der zählt nicht. Trotzdem ist Sarah wie eine Glucke. Wie oft habe ich ihr gesagt, dass sie ihr Leben nicht nach mir und meinen Wehwehchen ausrichten soll, aber sie will davon nichts hören. Ich glaube, es ist Zeit, dass ich etwas unternehme. Zwar habe ich noch keine Ahnung, was genau das sein könnte, aber ich vertraue darauf, dass mir etwas einfällt. Unbedingt.

Aus dem Tagebuch der Großherzogin Charlotte von Karlenburgh

1. KAPITEL

Sarah hörte gedämpftes Stimmengewirr, aber sie achtete nicht darauf, denn der Abgabetermin für das neue Layout rückte immer näher. Bis Mittag mussten die Seiten über die besten neuen Skiresorts fertig sein. Beguile war ein Hochglanzmagazin, das vor allem junge, moderne Frauen ansprach, und wenn sie nicht pünktlich lieferte, konnte sie sicher sein, dass Alexis Danvers ihr später beim gemeinsamen Lunch einen jener vernichtenden Blicke zuwerfen würde, für die sie in ihrer Branche wohlbekannt war.

Nicht, dass die Blicke ihrer Chefredakteurin auf Sarah großen Eindruck gemacht hätten. Wenn Alexis damit auch den anderen Mitarbeitern kalten Schweiß auf die Stirn trieb – Sarah und ihre Schwester waren bei einer Großmutter aufgewachsen, die anmaßende Personen jedweden Ranges mit einem Stirnrunzeln vernichten konnte. Nicht umsonst hatte sich Charlotte St. Sebastian einst in denselben Kreisen wie Fürstin Gracia Patricia und Jackie Onassis bewegt.

Doch diese glanzvollen Zeiten waren längst vorbei, das wusste auch Sarah. Während sie die Überschrift des Artikels von der Schriftart Futura in Trajan änderte, dachte sie daran, dass ihre Großmutter auch heute noch glaubte, gute Erziehung und unaufdringliche Eleganz würden einer Frau durch alle Schwierigkeiten helfen, die das Leben für sie bereit hielt.

Dieser Meinung war Sarah ebenfalls. Deshalb hatte sie sich auch ganz bewusst für einen schlichten, eleganten Stil entschieden – im Gegensatz zu den Leserinnen von Beguile, die entschlossen waren, um jeden Preis mit der Mode zu gehen. Sarahs Vintageklamotten stammten teilweise aus dem Kleiderschrank ihrer Großmutter. Chanelkostüme und Kleider von Dior, die sie mit auffallendem Modeschmuck aufpeppte. Zu den Kostümjacken trug sie schwarze Hosen oder Jeans und Stiefel. Das Ergebnis war ein stylischer Retrolook, den selbst Alexis bewunderte.

Doch der wahre Grund für Sarahs ausgefallenen Modegeschmack war, dass sie sich die Designerschuhe, It-Bags und hochpreisigen Klamotten, die in Beguile angepriesen wurden, einfach nicht leisten konnte. Dazu waren die Arztrechnungen von Grandma viel zu hoch. Mittlerweile zeigten einige ihrer Kleidungsstücke auch Abnutzungsspuren, und sie hätte …

Das Stimmengewirr wurde lauter und schien näher zu kommen. Sarah hatte in den drei Jahren, die sie nun als Layouterin hier arbeitete, oft erlebt, dass Models die neuesten Entwürfe der Top-Designer direkt in der Redaktion präsentierten. Manchmal probierten auch die Makeup-Künstler und Friseure die Wirkung ihrer Kreationen an den Mitarbeiterinnen von Beguile aus, die die spontanen Shows dann immer mit begeisterter Zustimmung kommentierten.

Heute allerdings schien noch etwas anderes in der Luft zu liegen. Prickelnde Erregung. Sarah fragte sich, ob die neuesten, perlenbestickten Schuhe von Jimmy Choo oder das Kleid von Versace tatsächlich so einen Aufruhr verdient hatten, und schwang auf ihrem Drehstuhl herum. Als sie aufblickte, schaute sie direkt in das Gesicht von Super Sexy Single Nummer drei.

„Ms St. Sebastian?“

Seine Stimme war eiskalt, doch seine strahlend blauen Augen, das schwarze Haar und seine markanten Züge bewirkten, dass Sarah ein heißer Schauer durchlief. Alexis hat einen Fehler gemacht, als sie diesen Typ auf Nummer drei setzte, dachte sie. Auf der Liste der zehn attraktivsten Junggesellen der Welt, die das Magazin einmal im Jahr veröffentlichte, hätte er ihrer Meinung nach den ersten Platz verdient.

Die Künstlerin in ihr musste ihn unweigerlich bewundern. Er war mindestens einsneunzig groß, schlank und durchtrainiert, und trug einen maßgeschneiderten Anzug, dazu eine Seidenkrawatte. Doch sie war Profi genug, um seine kalte Begrüßung mit kühler Höflichkeit zu erwidern.

„Ja.“

„Ich will mit Ihnen reden. Und zwar allein.“

Sie folgte seinem Blick und sah mindestens ein Dutzend Kolleginnen, die mit mehr oder weniger offener Neugier über die halbhohen Zwischenwände des Großraumbüros spähten. Manchen kullerten schier die Augen aus dem Kopf.

Schade, dass Nummer drei schlechte Manieren hat, dachte sie, als sie sich ihm wieder zuwandte. Was fiel dem Typ ein? „Worüber möchten Sie mit mir sprechen, Mr Hunter?“

Anscheinend überraschte es ihn nicht, dass sie seinen Namen kannte. Schließlich arbeitete sie für jenes Magazin, das dafür gesorgt hatte, dass Devon Hunter zum Objekt der Begierde zahlloser Frauen weltweit geworden war.

„Über Ihre Schwester, Ms St. Sebastian.“

Oh nein. Sarah durchfuhr es siedend heiß. Was hatte Gina nun schon wieder angestellt?

Ihr Blick fiel auf das silbern gerahmte Foto neben ihrem Monitor, auf dem die Schwestern abgebildet waren. Sarah, mit dunklem Haar, grünen Augen und ernstem Gesichtsausdruck. Daneben Gina, blond, fröhlich, offen und wenig verantwortungsbewusst. Gina wechselte ihre Jobs ebenso häufig wie ihre Liebhaber. Vor zwei Tagen erst hatte sie Sarah von ihrer neuesten Eroberung vorgeschwärmt, einem reichen, gut aussehenden Typ, dessen Namen sie natürlich vergessen hatte zu erwähnen.

Anscheinend war Devon Hunter jene neue Eroberung gewesen. Er besaß eine Firma mit Hauptsitz in Los Angeles, die im Flugzeugbau tätig war und unter den Fortune Top 500 rangierte. Und Gina versuchte sich zurzeit in Los Angeles als Eventmanagerin für die Reichen und Berühmten.

„Ich denke, es ist das Beste, wenn wir uns ungestört unterhalten, Ms St. Sebastian.“

Sarah fügte sich ins Unvermeidliche und nickte. Die Affären ihrer Schwester dauerten nie lange und endeten meistens freundschaftlich. Einige Male hatte Sarah jedoch das gekränkte Ego von Verehrern wieder aufpäppeln müssen. Dies hier schien so ein Fall zu sein.

„Kommen Sie bitte mit, Mr Hunter.“

Sie ging voraus zu einem verglasten Konferenzraum, der auf zwei Seiten einen fantastischen Ausblick auf den Times Square gewährte. Gegenüber lag der berühmte Condé-Nast-Tower – das Epizentrum der Modepresse. Dort waren die Redaktionen von Vogue, Vanity Fair, Glamour und Allure zu Hause. Oft brachte Alexis wichtige Werbekunden hierher, um zu zeigen, dass Beguile ebenfalls zu den Großen der Branche gehörte.

„Möchten Sie Kaffee?“, erkundigte sich Sarah. „Oder Mineralwasser?“

„Nein, danke.“

Seine knappe Antwort ärgerte sie, und sie unterließ es, ihm einen Platz anzubieten. Stattdessen lehnte sie sich gegen den Konferenztisch, verschränkte die Arme vor der Brust und fragte sachlich: „Sie möchten also über Gina reden?“

Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort und musterte Sarah stattdessen von oben bis unten. Sie trug eine schwarzweiß karierte Chaneljacke, dazu Jeans und schwarze Stiefel.

„Sie sind Ihrer Schwester nicht besonders ähnlich“, bemerkte er.

„Das stimmt.“

Sarah war ganz zufrieden mit ihrem schlanken Körper und den Gesichtszügen, die ihre Großmutter klassisch nannte, doch sie wusste genau, dass sie mit Ginas umwerfendem Aussehen nicht mithalten konnte.

„Meine Schwester ist die einzige Schönheit in der Familie.“

Wenn sie erwartet hatte, dass er jetzt höflich widersprechen würde, enttäuschte er sie und ließ die Bombe platzen: „Ist sie auch die einzige Diebin?“

„Wie bitte?“

„Sie haben richtig gehört. Sagen Sie Ihrer Schwester, sie soll das Kunstwerk zurückgeben, das sie mir gestohlen hat.“

„Wie können Sie es wagen, meiner Schwester etwas derart Lächerliches zu unterstellen!“, entgegnete Sarah wütend.

„Ich unterstelle nichts, ich benenne nur die Fakten.“

„Sie müssen verrückt geworden sein!“ Die Tigerin in ihr erwachte, wie immer, wenn es um ihre kleine Schwester ging. „Gina ist manchmal ein bisschen flatterhaft und sorglos, aber sie würde niemals etwas stehlen!“

Zumindest nicht vorsätzlich, musste Sarah im Stillen zugeben. Als Gina acht oder neun Jahre alt gewesen war, hatte sie eines Tages einen Hund mitgebracht, der vor einem Restaurant angeleint gewesen war. Sie hatte behauptet, sie habe das Tier „gerettet“. Und in ihrer Clique lieh man sich ständig gegenseitig Kleider aus und konnte sich später nicht erinnern, wem sie nun gehört hatten. Außerdem überzog Gina regelmäßig ihr Konto … Aber stehlen – nein, das würde sie nie tun, egal was dieser … dieser arrogante Kerl behauptete. Sarah war kurz davor, den Sicherheitsdienst anzurufen, um den Mann rauswerfen zu lassen, als er ein iPhone aus der Hosentasche zog.

„Vielleicht überzeugt Sie dieses Video meines Sicherheitssystems“, erklärte er eisig, tippte auf den Bildschirm und hielt Sarah das Smartphone vor die Nase.

Sie konnte einen Raum erkennen, der eine Bibliothek oder ein Arbeitszimmer sein musste. Die Kamera war auf ein Regal mit Glasböden gerichtet, auf dem mehrere Kunstobjekte ausgestellt waren. Sarah bemerkte eine afrikanische Büffelmaske, eine kleine Scheibe mit bunten, filigranen Einlegearbeiten, die aufrecht in einem schwarzlackierten Halter stand, und daneben befand sich die wohl präkolumbianische Statuette einer Fruchtbarkeitsgöttin.

Hunter tippte erneut auf den Bildschirm, und eine Videoaufzeichnung wurde abgespielt. Zuerst konnte Sarah nur platinblonde Locken erkennen, dann wurde eine junge Frau sichtbar, die auf das Glasregal zuging. Als sie den Kopf wandte, fing die Kamera ihr Profil ein. Es war Gina, daran gab es keinen Zweifel.

Gina blickte über die Schulter, ihr Gesichtsausdruck lächelnde Unschuld. Doch als sie aus dem Sichtfeld der Kamera verschwand, war das filigran vierzierte Medaillon nicht mehr da. Hunter zoomte auf den schwarzlackierten Halter, und Sarah starrte auf die leere Stelle, als wäre es ein böser Traum.

„Byzantinisch“, sagte Hunter. „Frühes zwölftes Jahrhundert, falls es Sie interessiert. Ein ganz ähnliches Stück wurde neulich bei Sotheby’s in London für über hunderttausend versteigert.“

Sie schluckte. „Dollar?“

„Englische Pfund.“

„Oh, mein Gott.“

Sie hatte Gina schon oft aus der Klemme geholfen, doch das hier … Am liebsten wäre sie auf einem der Stühle in sich zusammengesunken. Nur ihr eiserner Wille, den sie von ihrer Großmutter geerbt hatte, hielt sie aufrecht.

„Es gibt sicher eine logische Erklärung dafür, Mr Hunter“, begann sie.

„Das hoffe ich für Sie, Ms St. Sebastian.“

Es juckte sie in den Fingern, ihn zu ohrfeigen. Sarah beherrschte sich jedoch und ballte nur die Hände zu Fäusten.

Anscheinend wusste er genau, was in ihr vorging, denn er sah sie plötzlich amüsiert und gleichzeitig herausfordernd an. Schlag doch zu, sollte das wohl heißen. Als Sarah sich nicht rührte, wurde seine Miene wieder kühl.

„Diese Erklärung würde mich interessieren, denn sonst lasse ich die Polizei diese Sache regeln.“

Ein Schock durchfuhr sie, als ihr bewusst wurde, in welche Schwierigkeiten Gina sich dieses Mal gebracht hatte. Doch sie versuchte, sich nichts von ihrer Sorge anmerken zu lassen. „Ich setze mich sofort mit meiner Schwester in Verbindung, Mr Hunter. Es könnte aber eine Weile dauern, denn sie reagiert oft nicht auf Anrufe oder E-Mails.“

„Das habe ich selbst schon gemerkt. Ich versuche seit Tagen, sie zu erreichen.“ Er schaute auf seine Uhr. „Heute Nachmittag habe ich mehrere Meetings. Es könnte spät werden. Daher schlage ich vor, wir treffen uns morgen Abend um sieben Uhr im Avery’s an der Upper West Side.“ Er musterte sie aus stahlblauen Augen. „Ich nehme an, Sie kennen das Lokal. Es ist in der Nähe des Dakota.“

Sarah war in Gedanken immer noch bei der Aufnahme der Überwachungskamera, sodass sie letztere Bemerkung fast überhört hätte. Als sie begriff, was Hunter gesagt hatte, fragte sie verblüfft: „Sie wissen, wo ich wohne?“

„Ja, Lady Sarah, das weiß ich.“ In einer spöttischen Geste salutierte er und ging zur Tür. „Bis morgen also.“

Lady Sarah … Dieser Titel war ohne jede Bedeutung. Es hätte ihr egal sein können, dass nun auch Devon Hunter ihn ins Spiel brachte, denn sie war es von ihrer Chefin gewohnt. Alexis stellte sie auf Cocktailpartys und bei Geschäftsterminen oft mit ihrem Titel vor, und Sarah hatte irgendwann aufgehört, davon peinlich berührt zu sein.

Leider gab sich Alexis nicht damit zufrieden, mit Sarahs Titel hausieren zu gehen, sondern wollte ihre adlige Mitarbeiterin noch stärker in den Fokus rücken. Sarah hatte schon zwei Mal gedroht zu kündigen, wenn ihre Chefin weiterhin darauf bestand, ein Feature über Lady Sarah Elizabeth Marie-Adele St. Sebastian, Enkelin der ehemaligen Großherzogin Charlotte von Karlenburgh, zu bringen. Alles, was von diesem Großherzogtum noch existierte, war der Titel, und es hätte ihre Großmutter verletzt, einen Artikel lesen zu müssen, in dem ihre Geschichte breitgetreten wurde.

Doch noch viel schlimmer wäre es, wenn ihre Enkelin wegen dreisten Diebstahls ins Gefängnis kam.

Sarah verließ den Konferenzraum. Sie musste Gina unbedingt erreichen, um herauszufinden, ob ihre kleine Schwester das Medaillon tatsächlich entwendet hatte. Unterwegs zu ihrem Schreibtisch wurde sie von ihrer Chefin abgefangen.

„Was habe ich da gerade gehört?“, fragte Alexis mit ihrer tiefen, rauchigen Stimme. Die Chefredakteurin von Beguile war groß, extrem mager und immer makellos gekleidet. Lieber hätte sie Lungenkrebs gekriegt, als das Rauchen aufzugeben und dadurch ein paar Pfunde zuzulegen. „Stimmt es, dass Devon Hunter hier war?“

„Ja, er …“

„Warum haben Sie mir nicht Bescheid gesagt?“

„Dazu hatte ich keine Zeit.“

„Was wollte er? Will er uns etwa verklagen? Ich hatte Ihnen doch aufgetragen, den Schnappschuss aus der Umkleidekabine zu bearbeiten, damit man nur seinen Oberkörper sieht.“

„Nein, Alexis“, widersprach Sarah. „Sie haben mir gesagt, ich solle dafür sorgen, dass man wenigstens ansatzweise seinen Hintern sieht. Ich war immer der Meinung, es gehört sich nicht, einen schmierigen Paparazzo zu bezahlen, damit er unerlaubt Fotos schießt.“

Ihre Chefin winkte diese Bemerkung beiseite. „Also, was wollte er?“

„Er ist ein … Freund von Gina.“

Besser gesagt, er war ein Freund von Gina, dachte Sarah bitter. Bis dieses Medaillon aus dem zwölften Jahrhundert ins Spiel kam. Sie musste dringend Gina anrufen.

„Eine neue Eroberung Ihrer Schwester?“, bemerkte Alexis sarkastisch.

„Wir hatten keine Zeit, um über Details zu sprechen. Er hat ein paar Meetings in New York und will mich morgen zum Abendessen einladen.“

Die Reporterin in Alexis erwachte, und ihre Miene veränderte sich schlagartig. Wenn sie eine gute Story witterte, war sie schlimmer als ein Pitbullterrier, der sich in ein Opfer verbeißt.

„Wir könnten eine Folgegeschichte bringen“, sagte sie begeistert. „‚Wie hat sich das Leben von Devon Hunter verändert, seit er Sexy Single Nummer drei in unseren Top Ten war?‘. Soweit ich weiß, ist er ein ziemlicher Workaholic.“

Weil sie endlich telefonieren wollte, nickte Sarah ergeben. „So haben wir ihn zumindest beschrieben.“

„Vermutlich verfolgt ihn jetzt ständig ein Schwarm verliebter Frauen. Gina hat ihn schon flachgelegt. Ich will Einzelheiten der Geschichte, Sarah. Intime Einzelheiten!“

Mit Mühe wahrte Sarah die Fassung. „Ich möchte zuerst mit meiner Schwester sprechen und herausfinden, was eigentlich los ist.“

„Tun Sie das. Und liefern Sie mir die Details.“

Damit ließ Alexis sie stehen. Sarah rannte hinüber zu ihrem Schreibtisch und ließ sich auf ihren Stuhl sinken, ehe ihre Knie nachgeben konnten. Sie schnappte sich ihr iPhone und drückte auf die Kurzwahl für ihre Schwester. Natürlich meldete sich nur die Mailbox.

„Gina! Ich muss mit dir reden! Ruf mich an.“

Danach schrieb sie noch eine SMS und eine E-Mail. Beides würde vergebliche Liebesmüh sein, falls ihre Schwester wie so oft vergessen hatte, ihr Handy anzuschalten. Also rief Sarah die Veranstaltungsagentur an, bei der Gina zurzeit arbeitete. Sie wurde zur Chefin durchgestellt, die ihr erbost mitteilte, dass Gina zum wiederholten Mal nicht zur Arbeit erschienen war.

„Gestern Morgen hat sie mich angerufen“, sagte die Agenturchefin. „Am Abend zuvor hatten wir ein Geschäftsessen bei einem unserer wichtigsten Kunden ausgerichtet. Gina sagte, sie sei müde und werde sich einen Tag frei nehmen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört.“

„Handelte es sich bei diesem Kunden um Devon Hunter?“, fragte Sarah vorsichtig.

„Ja, genau. Hören Sie, Ms St. Sebastian, ich weiß, dass Ihre Schwester bei großen Events immer eine gute Figur macht, aber sie ist absolut unzuverlässig. Falls Sie sie erreichen, ehe ich es tue, dann teilen Sie ihr bitte mit, dass sie nicht mehr zu kommen braucht.“

Mist. Jetzt war Gina zu all dem anderen Ärger auch noch ihren Job los. Dabei schien die Arbeit ihr dieses Mal wirklich Spaß gemacht zu haben.

„Ich richte es ihr aus“, versprach sie. „Falls sie sich bei Ihnen meldet, sagen Sie ihr bitte, dass ich unbedingt mit ihr sprechen muss.“

Nachdem Sarah das gemeinsame Mittagessen mit den Kolleginnen irgendwie hinter sich gebracht hatte, erhielt sie von Alexis eine Liste mit Änderungswünschen für den Artikel über das neue Skiresort.

Zurück am Schreibtisch, setzte Sarah die geforderten Änderungen um und schickte das neue Layout zur Abstimmung an Alexis. Danach arbeitete sie am Layout für einen anderen Artikel über das neueste Fitnessprogramm. Zwischendurch probierte sie es immer wieder bei Gina, doch die reagierte weder auf Anrufe noch auf Mails oder SMS.

Irgendwann konnte Sarah sich nicht mehr konzentrieren und machte ausnahmsweise früher Schluss. Als sie auf die Straße trat und sich dem frischen Aprilwetter stellte, sah sie über dem Times Square einen strahlenden Regenbogen. Scharen von Touristen fotografierten den spektakulären Anblick und verstopften den Gehsteig. Normalerweise hätte Sarah die U-Bahn genommen, aber heute Abend hatte sie es so eilig, dass sie sich für ein Taxi entschied. Zu ihrer Überraschung erschien auch sofort eines und hielt direkt vor ihr. Sobald der Fahrgast ausgestiegen war, schwang sie sich auf den Rücksitz.

„Zum Dakota, bitte.“

Der Fahrer, der einen Turban trug, nickte und warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel, denn New Yorker Taxifahrer, egal welcher Nationalität, waren mindestens ebenso kritisch wie die Moderedakteurinnen von Beguile. Dieser hier konnte vielleicht das Emblem auf Sarahs Kostümjacke nicht genau zuordnen, aber er wusste, wann er Qualität vor sich hatte. Außerdem konnte er von jemandem, der als Fahrtziel eines der berühmtesten Häuser New Yorks angab, ein großzügiges Trinkgeld erwarten.

Was er nicht wusste, war, dass Sarah sich kaum leisten konnte, großzügig zu sein. Wenn sie daran dachte, wie wenig von ihrem Gehalt übrigblieb, nachdem sie die Nebenkostenabrechnung für das riesige Apartment beglichen hatte, das sie mit ihrer Großmutter im Dakota bewohnte, wurde ihr schlecht. Als der Fahrer grimmig auf den geringen Betrag schaute, mit dem sie den Fahrpreis aufrundete, schämte sie sich ein wenig. Der Mann murmelte etwas in einer fremden Sprache und raste davon.

Sarah betrat hastig das große, historische Gebäude mit seinen Erkern, den Türmchen und der Kuppel und nickte dem Pförtner zu, der aus seiner kleinen Loge trat, um sie zu begrüßen.

„Guten Abend, Jerome.“

„Guten Abend, Lady Sarah.“

Sie hatte es längst aufgegeben, ihn darum zu bitten, nicht immer diesen alten, verstaubten Titel zu benutzen. Jerome fand, er verleihe „seinem“ Dakota Glanz.

Nicht, dass das denkmalgeschützte Apartmentgebäude zusätzlichen Glanz nötig gehabt hätte. Die üppig dekorierte Fassade im Stil der französischen Renaissance war schon oft Filmkulisse gewesen. Im Dakota wohnten dutzende Romanfiguren, und echte Berühmtheiten wie Judy Garland, Lauren Bacall oder Leonard Bernstein hatten hier Apartments besessen. Ebenso wie John Lennon, der nur wenig entfernt von hier erschossen worden war. Yoko Ono, seiner Witwe, gehörten immer noch mehrere Wohnungen in dem Haus.

„Die Herzogin ist vor einer Stunde nach Hause zurückgekehrt“, informierte Jerome sie und wirkte besorgt. „Sie hatte Mühe zu gehen und hat sich schwer auf ihren Stock gestützt.“

Sofort bekam es Sarah mit der Angst zu tun. „Hoffentlich hat sie sich bei ihrem Spaziergang nicht übernommen.“

„Sie behauptete, es gehe ihr blendend. Aber das sagt sie ja immer.“

„Ja“, erwiderte Sarah tonlos. „Das sagt sie immer.“

Charlotte St. Sebastian war Zeugin gewesen, als man ihren Mann auf brutale Weise hingerichtet hatte. Auf der Flucht aus einem kriegszerstörten Land hatte sie Hunger und Elend erlebt, doch es war ihr gelungen, sich, ihr Baby und ihre Juwelen, eingenäht in den Teddy ihrer Tochter, in Sicherheit zu bringen. Von Wien aus war sie nach New York emigriert und dort rasch Mitglied der feinen Gesellschaft geworden. Nach und nach hatte sie ihren Schmuck verkauft und konnte sich mit dem Erlös ein Apartment im Dakota leisten. Eine Weile lebte sie auf großem Fuß, doch dann kamen ihre Tochter und ihr Schwiegersohn bei einem Schiffsunglück ums Leben. Damals war Sarah erst vier gewesen, und Gina noch ein Baby. Und dann verzockte auch noch ein skrupelloser Finanzberater das Vermögen der Großherzogin an der Wall Street.

Eine andere Frau wäre daran vielleicht zerbrochen. Nicht so Charlotte St. Sebastian. Selbstmitleid war ihr fremd, und außerdem musste sie nun für ihre beiden kleinen Enkelinnen sorgen. Also verkaufte sie nach und nach ihre letzten Schmuckstücke und schaffte es durch äußerste Sparsamkeit, ihren Enkelinnen eine gute Ausbildung und einen gehobenen Lebensstil zu ermöglichen, der ihnen ihrer Meinung nach zustand. Privatschulen, Musikunterricht, Debüt im Waldorf-Astoria. Danach ging Sarah aufs Smith College und studierte ein Jahr an der Sorbonne, und Gina besuchte das Barnard College.

Keine der Schwestern hatte eine Ahnung, wie es um die Finanzen der Großherzogin wirklich stand, bis diese einen Herzinfarkt erlitt. Glücklicherweise war er nur leicht, doch die Kosten für den Krankenhausaufenthalt waren hoch. Ebenso der Stapel unbezahlter Rechnungen, den Sarah im Sekretär ihrer Großmutter fand. Die geforderte Summe überstieg das vorhandene Kapital bei weitem.

Also räumte Sarah ihr Konto leer und bezahlte alles. Die Arztrechnung für das letzte EKG ihrer Großmutter war allerdings immer noch unbeglichen. Doch damit durfte sie die gebrechliche Frau, die sie so sehr liebte, nicht behelligen.

Voller Sorge betrat sie das Apartment im fünften Stock und wurde von Maria, der ecuadorianischen Haushaltshilfe, begrüßt. Maria war schon so lange bei ihnen, dass sie mehr Freundin als Angestellte war.

Hola, Sarah.“

Hola, Maria. Wie war dein Tag?“

„Gut. Ich war mit der Duquesa im Park und danach ein wenig shoppen.“ Sie hängte sich den Riemen ihrer großen Tasche über die Schulter. „Mein Bus fährt gleich. Wir sehen uns morgen.“

„Bis morgen“, bestätigte Sarah.

Als sich die Tür hinter Maria geschlossen hatte, ertönte aus dem Salon eine helle Stimme, der man ihr Alter kaum anmerkte. „Sarah? Bist du das?“

„Ja, Grandma.“

Sie stellte ihre Tasche auf ein vergoldetes Rokokoschränkchen und ging den Flur entlang, dessen Fußboden aus rosafarbenem Marmor bestand. Bisher war es der Herzogin erspart geblieben, ihre antiken Möbel und die Kunstwerke verkaufen zu müssen, die sie erworben hatte, als sie damals nach New York gekommen war. Doch Sarah war klar, dass es bald soweit sein konnte.

„Du bist früh zu Hause.“

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