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Mit dir kehrt das Glück zurück

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1. KAPITEL

Am Trevi-Brunnen in Rom warf Gracie Lane ein Geldstück ins Wasser. Einer römischen Legende zufolge bedeutete dies, dass sie eines Tages nach Rom zurückkehren würde.

Doch die zweite Münze, die sie auf den Grund des Brunnens warf, war die wichtigere. Gracie hielt sie fest in der Hand, zögerte einen Moment und vergegenwärtigte sich noch einmal, was sie an diesen Ort geführt hatte: Sie suchte einen Mann.

Und zwar nicht irgendeinen, sondern ihren Vater. Bislang waren all ihre Bemühungen, ihn zu finden, erfolglos geblieben. Nicht einmal die australische Botschaft hatte ihr weiterhelfen können.

„Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass ich Antonio Graziano finde!“, sagte Gracie laut, drehte sich um und warf die Münze in den Brunnen.

Nichts geschah.

Ungerührt lächelte Neptuns Statue im Brunnen wie zuvor, das Wasser plätscherte, Tauben gurrten, ringsum toste der Verkehr und drängten sich die Touristen. Entmutigt setzte sich Gracie auf die niedrige Betonmauer und lehnte sich an die Brunnenumrandung. Das war also das Ende ihres italienischen Abenteuers. Jetzt blieb ihr nur noch, ihr Gepäck aus der Pension für Rucksacktouristen zu holen, bei der Fluggesellschaft anzurufen, um den Rückflugtermin nach Melbourne zu bestätigen, und sich vom Rest ihres Geldes ein Ticket für den Zubringerzug zum Flughafen zu kaufen.

Verzweifelt ließ Gracie den Kopf hängen.

Auf einmal berührte sie jemand am Knie. Beunruhigt richtete sie sich schnell auf. Versuchte etwa einer der vielen Bettler Roms, ihr das Portemonnaie aus der Jeanstasche zu stehlen? Nein. Vor ihr stand ein kleines Mädchen. Abgesehen von ihrer teuren Designerkleidung, sah die Kleine aus wie Gracie auf ihren Kinderfotos: Sie hatte eine helle Haut, glänzende dunkle Locken und ernst blickende, strahlend blaue Augen. Ihr fehlten nur die Sommersprossen, auf die Gracie immer so stolz gewesen war. Denn zumindest die Sommersprossen hatte sie mit ihren schlaksigen, blonden, sonnengebräunten australischen Schulfreundinnen gemeinsam gehabt.

„Hallo, mein Schatz“, sprach Gracie die Kleine an.

Einen Moment zögerte das Mädchen, dann antwortete es auf Englisch mit italienischem Akzent: „Hallo. Ich heiße Mila.“

„Hallo, Mila, ich bin Gracie.“

Mila neigte das Köpfchen zur Seite und betrachtete Gracie forschend. „Geht es dir nicht gut?“

Bei dieser Frage musste Gracie unwillkürlich lächeln, behielt aber ihre Sorgen für sich. Wozu sollte sie einem Kind ihr Herz ausschütten?

„Doch, ich bin okay, Mila.“ Dann sah sie sich suchend nach den Eltern um. Auf dem Platz und um den Brunnen herum wimmelte es von Menschen. Touristen warfen Münzen ins Wasser, Straßenhändler boten Flaschenöffner mit dem Bild des Papstes an, schwarz gekleidete Nonnen suchten in den Kisten mit Flaschenöffnern nach einem besonders schönen Exemplar, und junge Italiener verkauften Rosen an die Verliebten.

„Wo ist denn deine Mutter, Mila?“ Gracie nahm die Kleine an die Hand.

„Im Himmel“, antwortete das Mädchen ernst und ruhig.

Erstaunt blickte Gracie das Kind an. Offenbar verband sie mehr als nur ihr Aussehen. „Und dein Vater? Ist er hier irgendwo?“

Mila nickte.

„Kannst du ihn mir zeigen?“

Im selben Moment entdeckte Gracie einen großen schlanken Mann, der sich nervös einen Weg durch die Menge bahnte und sich besorgt umblickte. Trotz seiner angespannten Miene sah er in seinem schwarzen Anzug und dem langen Mantel, der wie ein Cape geschnitten war, auffällig gut aus. Der Mann trug sein schwarzes Haar etwas länger, als es in Australien üblich war, aber Gracie fand, dass dieser Haarschnitt den italienischen Männern ausgezeichnet stand.

Leicht belustigt schüttelte sie den Kopf. Sicher übertrieb sie wieder einmal, und Milas Vater faszinierte sie nur, weil sie schon als Kind eine Vorliebe für alles Italienische gehabt hatte. Dass es ihre Mutter jedes Mal aufgeregt hatte, wenn sie von Italien und den Italienern schwärmte, hatte diese Tendenz noch verstärkt.

„Hierher!“ Gracie winkte Milas Vater zu. Mit der anderen Hand hielt sie Mila fest.

Mila machte sofort mit, winkte und rief: „Papa!“

Auf die hohe Stimme seiner Tochter reagierte der Mann sofort. Er blieb stehen und horchte, woher der Klang kam.

Daraufhin hob Gracie Mila hoch. „Ruf ihn noch einmal!“

„Papa! Vieni qui!“

Als er seine Tochter entdeckte, eilte er auf sie zu. Erleichtert nahm er sie Gracie ab und redete schnell und lebhaft auf Italienisch auf die Kleine ein. Dabei verstand Gracie gerade genug, um zu merken, dass er mit ihr schimpfte. Aber offenbar auf eine nette Art, denn Mila hörte gar nicht wieder auf zu kichern.

Auch aus der Nähe sah der Vater der Kleinen fantastisch aus. Er war mindestens zehn Zentimeter größer als die meisten italienischen Männer und hatte so markante, makellose Gesichtszüge, dass er Michelangelo Modell für seinen David gestanden haben könnte. Als er Mila wieder absetzte, erzählte sie ihm aufgeregt etwas auf Italienisch und deutete immer wieder in Gracies Richtung. Während er ihr aufmerksam und geduldig zuhörte, sah er Gracie zum ersten Mal an. Die Farbe seiner Augen erinnerte an Schokolade. Neben ihm kam Gracie sich mit ihren knapp eins fünfundsechzig klein vor. Als der Fremde ihr nun seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte, pochte ihr Herz plötzlich schneller. So eindringlich, wie er sie ansah, hatte sie das Gefühl, als wollte er sich ihr Gesicht für immer einprägen, und das fühlte sich gar nicht schlecht an. Im Gegenteil.

Dann lächelte er, und sein Lächeln war noch um einiges faszinierender als der Blick aus seinen großen braunen Augen.

„Ciao“, sagte er mit tiefer, wohlklingender Stimme. „Grazie per …“

Aber Gracie hob abwehrend die Hand.

Er verstummte sofort.

„Einen Moment bitte! Non comprende. Ich komme aus Australien und parle nicht viel Italiano …“ Auch sie verstummte, schüttelte den Kopf und versuchte, mit Gesten auszudrücken, wofür ihr die Worte fehlten.

Zu ihrer großen Erleichterung sah Milas Vater sie auch weiterhin freundlich an.

Oder bildete sie sich das ein? Wahrscheinlich beruhte auch dieser Eindruck auf ihrer Vorliebe für alles Italienische und darauf, dass sie zum ersten Mal seit Wochen jemand ansah, als wäre sie ein Mensch und keine Nervensäge, die zu wenig Italienisch sprach, oder eine Touristin, die man um möglichst viel Geld erleichtern wollte.

„Luca Siracusa.“ Ohne sie aus den Augen zu lassen, reichte er ihr die Hand.

„Gracie Lane.“

Mit einem Lächeln deutete er eine Verbeugung an. Weil Mila offensichtlich anfing, sich zu langweilen, fasste sie Gracie an der Hand und schaukelte zwischen ihr und ihrem Vater hin und her. Dann summte sie vergnügt eine Melodie vor sich hin und hüpfte im Takt dazu auf und ab.

„Sie kommen also aus Australien, Miss Lane?“, fragte Luca in perfektem Englisch. Dem Akzent nach hatte er es in Amerika gelernt.

„Genau.“

„Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe Sie für eine Römerin gehalten. Sie verhalten sich nämlich nicht wie die anderen Touristen.“

Gern hätte Gracie ihm zugelächelt, aber das Lächeln misslang ihr. Dass sie so italienisch aussah, war ja gerade das Problem! „Ich bin auch Italienerin“, gab sie zu. „Zumindest zur Hälfte.“

„Aber Sie sprechen die Sprache nicht?“

„Es reicht gerade, um eine Fahrkarte zu kaufen oder eine Pizza zu bestellen.“

Wieder lächelte Luca. „Ich habe gerade zu Mila gesagt, wie dankbar ich bin, dass Sie mir meine Kleine zurückgebracht haben. Auf unserem Grundstück ist es schon schwer genug, ein Auge auf sie zu haben. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, sie hierher mitzunehmen.“ Mit einer weit ausholenden Geste wies er auf den Platz, den Brunnen und die Menschenmenge um sie.

Jetzt erst erinnerte sich Gracie wieder, wo sie war – am Trevi-Brunnen. Dort, wo Wünsche wahr wurden.

„Vielleicht wollten Sie Ihrer Tochter den Tag ein bisschen verzaubern“, schlug sie vor. Denn trotz ihrer getrübten Stimmung war ihr der Reiz der alten Gebäude, die den Platz säumten, nicht entgangen.

Als wüsste er genau, was sie gemeint hatte, sah Luca sich um, und als sein Blick wieder auf Gracie fiel, bedachte er sie mit einem beinahe zärtlichen Blick.

Woraufhin sie prompt errötete.

„Sie haben recht“, nickte Luca. „Mila soll möglichst viel über ihre Heimat erfahren. Als Teenager wird sie der eigenen Kultur sicher den Rücken kehren – wie so viele Jugendliche.“

„Ja, dann sieht sie sich nur noch amerikanische Filme an und trägt englische Kleidung“, stimmte Gracie ihm zu. „Aber das ist nicht nur in Italien so. Auch die australischen Teenager machen es so. Irgendwann wird ihnen die eigene Kultur zu langweilig, und sie wollen ausbrechen.“

„Ja, so ist es wohl“, erwiderte er mit einem wehmütigen Lächeln.

„Obwohl ich mir gar nicht vorstellen kann, dass man sich von der italienischen Kultur abwenden kann“, sagte Gracie. „Dies ist die schönste Stadt, die ich je gesehen habe.“

„Dem werde ich natürlich nicht widersprechen. Was haben Sie denn noch von Italien gesehen?“

„Nur Rom. Für mehr hatte ich leider keine Zeit.“ Dabei hatte sie nicht einmal von Rom besonders viel gesehen. Sicher rührte ein Teil ihrer Niedergeschlagenheit auch genau daher, dass sie so wenig vom Land ihres Vaters gesehen hatte.

„Nur Rom?“, wiederholte er und machte kein Hehl daraus, wie schockiert er war. „Dann haben Sie ja nur einen winzigen Ausschnitt von Italien kennengelernt. Dabei hat das Land so unterschiedliche Landschaften und Regionen. Versprechen Sie mir, dass Sie sich wenigstens noch ein bisschen vom restlichen Italien ansehen!“

Nichts hätte Gracie lieber getan, aber ihr Geld war aufgebraucht, und sie hatte Wichtigeres in Rom zu tun, als sich auf die Suche nach der schönsten Villa, der reizvollsten Trattoria oder dem besten Weinhändler zu machen.

„Ich werde es versuchen“, wich sie ihm aus.

„Das sagen Sie doch nur mir zuliebe.“

Gracie musste lachen. Trotz der Sprachbarriere hatte er sie durchschaut! Und sie lachte zum ersten Mal, seit sie in Rom war.

„Ich wünschte mir sehr, Sie würden sich irren, aber leider haben Sie recht mit Ihrer Annahme.“

„Obwohl Englisch nicht meine Muttersprache ist, entgehen mir nicht alle Untertöne.“

Gracie lächelte. „Okay, ich merke es mir.“

„Sie weichen mir immer noch aus.“

„Stimmt, Sie haben gewonnen. Tatsächlich werde ich mir Ihr schönes Land nicht ansehen können, weil mir die Zeit fehlt, die Einheimischen mit meinem Charme zu bezaubern.“

Nach diesem Satz geriet die Unterhaltung ins Stocken, außerdem war es längst an der Zeit, sich voneinander zu verabschieden. Doch Gracie fand es erstaunlich schwer, sich zu einem höflichen Auf Wiedersehen durchzuringen und zu gehen. Die Worte kamen ihr nicht über die Lippen, und statt zu gehen, stand sie stumm da und blickte den faszinierenden Fremden an.

Auch er schien es nicht eilig zu haben.

„Entschuldigen Sie, wenn ich zu persönlich werde“, sagte er nach einer Weile. „Aber Mila hat mir erzählt, dass Sie vorhin sehr traurig aussahen.“

Wie peinlich! Während sie das faszinierende Aussehen dieses Italieners bestaunte, nahm er vermutlich nur die dunklen Ringe unter ihren Augen, ihre zerdrückte Kleidung, die zerzausten Locken und andere deutliche Anzeichen von Erschöpfung an ihr wahr.

„Inzwischen geht es mir aber wieder gut.“ Abwehrend trat sie einen Schritt zurück und strich sich übers Haar – in der Hoffnung, den wilden Schopf ein wenig zu glätten.

„Darf ich trotzdem fragen, was Sie betrübt hat? Ich würde wirklich gern helfen, wenn ich kann. Als kleines Dankeschön dafür, dass Sie Mila geholfen haben.“

„Vielen Dank, aber Sie möchten sicher nicht, dass Mila sich langweilt, während ihr Vater sich die Sorgen einer Fremden anhört.“

Liebevoll sah Luca Mila an. Soweit die Arme der beiden Erwachsenen reichten, an denen sie sich immer noch festhielt, hüpfte sie gerade einer Taube hinterher, die sich zu nahe herangewagt hatte. Den Blick auf seine Tochter gerichtet, erhellte ein warmes Lächeln Lucas männliche Züge. Offenbar schenkte er seiner Tochter sehr viel Aufmerksamkeit. Gracie, die ihn beobachtete, spürte, wie sich tief in ihr eine lang verdrängte Sehnsucht regte.

„Mila ist mein Ein und Alles“, sagte Luca plötzlich leise.

Wie ein Pfeil traf sein Satz Gracie ins Herz, denn er erinnerte sie an alles, worauf sie ihr Leben lang hatte verzichten müssen. Und daran, dass ihre Reise nach Rom ein totaler Misserfolg gewesen war.

„Mila hat mir schon geholfen, und ich sollte mich jetzt wirklich auf den Weg machen.“ Absichtlich kappte Gracie das Gefühl von Nähe und Wärme, das zwischen ihnen entstanden war.

Als Luca sie mitfühlend musterte, kamen ihr beinahe die Tränen. Um nicht zu weinen, hockte sie sich schnell vor Mila hin. „Ich freue mich, dass ich dich getroffen habe, Mila. Du hast großes Glück, weil dein Vater dir die Plätze in Rom zeigen will, die ihm besonders gut gefallen“, sagte sie freundlich zu der Kleinen.

„Mein Papa liebt mich sehr“, antwortete das Mädchen, als würde das alles erklären.

Gracie lächelte. „Natürlich tut er das. Du bist ja auch ein sehr liebenswertes kleines Mädchen.“ Dann kitzelte sie Mila, bis diese sich vor Lachen bog, und richtete sich wieder auf. „Es freut mich, Sie kennengelernt zu haben, Luca.“ Zum Abschied reichte sie ihm die Hand.

Luca umfasste ihre kleine Hand mit seiner großen und ließ sie einen Moment nicht wieder los. „Ja, ich freue mich auch.“

In seinen Augen las Gracie mehr als nur Dank für einen Freundschaftsdienst. Er wirkte ernsthaft interessiert. Demnach hatte auch er bemerkt, dass es zwischen ihnen gefunkt hatte. Wie schade, dass sie ihn zu einem so ungünstigen Zeitpunkt getroffen hatte!

„Ich habe Sie lange genug aufgehalten“, sagte sie mit einem leichten Räuspern. Dann entzog sie ihm ihre Hand und steckte sie in die Jackentasche. Dort bewahrte sie den Schlüssel zu ihrem Zimmer in der Pension auf. Aber das Portemonnaie, das eigentlich auch dort hätte sein sollen, war weg! Instinktiv sah Gracie sich suchend um, doch der Dieb war längst in der Menge verschwunden.

Was nun? Vor lauter Erschöpfung und Anspannung fing sie an zu lachen. Laut, hemmungslos und befreiend. Nach kurzer Zeit musste sie sich den Bauch halten, weil es fast wehtat.

Verwirrt beobachtete Luca sie, aber es dauerte einige Minuten, bis sie sich wieder beruhigt hatte. „Man hat mir gerade das Portemonnaie gestohlen“, erklärte sie dann immer noch keuchend.

Nun sah auch Luca sich suchend um. Vergeblich. „Erlauben Sie mir, Sie zu einem Restaurant in der Nähe zu führen, das einem Verwandten von mir gehört. Dort können Sie telefonieren und Ihre Kreditkarten sperren lassen.“

„Vielen Dank, aber das ist nicht nötig. Es waren nur etwas Kleingeld, ein Foto und die Mitgliedskarte für meine Videothek darin. Mein ganzer Besitz ist in der Pension.“ Wobei ihr Besitz derzeit vorwiegend aus Schmutzwäsche bestand.

„Und Ihr Pass?“

Beruhigend wies Gracie in Richtung Hüfte. „Dank meiner Freundin Cara trage ich mein Flugticket und den Reisepass in einer Tasche unter der Kleidung. Cara war überzeugt, dass man mir hier das Portemonnaie stehlen würde.“

Völlig überraschend umfasste Luca ihren Arm. Sein Griff fühlte sich so tröstlich, warm und stark an, dass sie ganz schwach wurde. Wenn sie nicht bald etwas aß, würde sie nicht einmal mehr bis in die Pension kommen.

„Mein Angebot, ins Restaurant zu gehen, steht trotzdem. Es ist wirklich nicht weit weg.“ Konnte er Gedanken lesen? „Ich wollte dort mit Mila Mittag essen, und es wäre mir eine Ehre, wenn Sie unser Gast sein würden.“

Vollkommen überrumpelt sah Gracie ihn an. Eigentlich hätte sie ablehnen sollen. Zumindest wäre das am vernünftigsten gewesen. Allmählich wurde es Zeit, in die Pension zu gehen, die Fluggesellschaft anzurufen und sich notfalls bei den anderen Übernachtungsgästen das Geld für das Zugticket zum Flughafen zu leihen. Andererseits war sie sehr hungrig, weil sie außer einem Cappuccino am Morgen noch nichts zu sich genommen hatte.

„Bitte kommen Sie mit uns!“, drängte Luca freundlich und lächelte ihr herzlich zu. „Ich lade Sie zum Mittagessen ein.“ Anschließend blickte er zum Himmel, wo einige dunkle Wolken aufzogen. „Wir sollten uns beeilen, sonst werden wir nass.“

„Einverstanden. Damit hat mir wohl jemand die Entscheidung abgenommen. Vielen Dank.“

Jetzt erst ließ Luca sie wieder los. Dabei strich er sanft über ihren Arm. Seine zarte Berührung hinterließ ein warmes Gefühl auf ihrer Haut.

Danach kam Gracie erst wieder in die Gegenwart zurück, als Mila schnell etwas auf Italienisch zu ihrem Vater sagte.

„Ja, Mila“, antwortete Luca auf Englisch, damit auch Gracie verstand, was er sagte. „Gracie und ich sind auch hungrig, und wir gehen jetzt alle drei zusammen essen.“

„Hurra!“ Begeistert zog Mila ihren Vater von dem Brunnen weg.

Während sie sich einen Weg durch die Menge bahnten, warf Gracie einen Blick zurück zu der Statue. Bildete sie es sich ein, oder lächelte Neptun ihr verschwörerisch zu?

Kurz bevor sie die gut besuchte Trattoria erreichten, fing es tatsächlich an zu regnen. Im Eingangsbereich des Lokals blieben sie kurz stehen und schüttelten sich die Regentropfen ab. An der Bar standen einige Gäste, die im Stehen schnell einen Espresso tranken, aber Luca führte Gracie und Mila nach hinten zu einer etwas abgeschiedenen Nische im gemütlichen Teil des Lokals.

An den Wänden hingen überall Bilder von italienischen Filmstars, die Gracie nicht kannte, und in einer Ecke stand ein Fernseher, in dem gerade eine amerikanische Serie auf Italienisch lief.

„Und das Restaurant gehört Ihrer Familie?“, fragte Gracie erstaunt.

Luca half ihr aus ihrer dunkelblauen Jeansjacke. „Ja, dem Onkel meiner verstorbenen Frau.“

Was sollte sie dazu sagen? Peinlich berührt wusste Gracie nicht weiter. Zum Glück eilte in diesem Moment ein rundlicher Mann mit einer weißen Schürze voller Tomatenflecke herbei. Bevor er Luca herzlich umarmte, stellte er eine Flasche Chianti und zwei Gläser auf ihren Tisch. Gleichzeitig redete er dermaßen schnell auf Luca ein, dass Gracie den Eindruck bekam, die beiden hätten sich lange nicht gesehen und der Onkel machte Luca deswegen Vorwürfe. Jedenfalls errötete Luca unter seiner Sonnenbräune. Dann nahmen er und Gracie am Tisch Platz, und Luca schenkte ihnen von dem Wein ein. Inzwischen hob der Onkel Mila hoch und umarmte und küsste sie so herzlich, dass die Kleine sich schnell wieder losmachte und über die Knie ihres Vaters in Sicherheit krabbelte.

„Gracie, darf ich vorstellen? Milas Großonkel Giovanni. Giovanni, das ist Gracie. Sie kommt aus Australien, ist aber halb italienisch.“ Bei diesem Satz zwinkerte Luca Gracie zu, und sie lächelte unwillkürlich zurück.

Temperamentvoll warf Giovanni Gracie eine Kusshand zu und ratterte wieder einige schnelle Sätze in seiner Muttersprache herunter. Wenn Gracie ihn richtig verstand, verglich er sie mit der Venus und erklärte sie für die Schönere.

Um zu verbergen, wie witzig sie den Vergleich fand, nippte sie an ihrem Wein, doch Luca hatte es gemerkt.

„Das haben Sie verstanden! Ihre Italienischkenntnisse sind also gar nicht so gering.“

„Ich habe hier natürlich auch die Spanische Treppe besucht und dort einiges aufgeschnappt. Die Jungs, die da versuchen, Geschäfte zu machen, könnten ein Vermögen mit Sprüchen für Glückwunschkarten zum Valentinstag verdienen. Aber Giovannis Kompliment war besonders nett.“

„Dabei hat er kaum übertrieben.“

Auch wenn Gracie bei diesem Satz ganz warm ums Herz wurde, wehrte sie seine Bemerkung sofort ab. „Wissen Sie, was ich glaube? Die italienischen Männer werden mit einem zusätzlichen Gen geboren, das sie dazu anregt, ständig Komplimente zu machen. Den Australiern hingegen fehlt diese Eigenschaft völlig. Seit ich in Rom bin, werde ich täglich mehrmals von Männern angesprochen, die sich mit mir verabreden wollen. Finden Sie das nicht absurd? In meiner abgetragenen Jacke und dem albernen Hut sehe ich nicht einmal aus wie eine Frau!“

„Wir Italiener haben Kunstwerke schon immer zu schätzen gewusst, egal, wie gut sie versteckt sind.“

Obwohl Gracie merkte, dass er sie neckte, errötete sie trotzdem. „Bitte hören Sie damit auf! Aber wem sage ich das – als Italiener können Sie ja gar nicht anders. Für Sie ist Flirten schließlich so selbstverständlich wie Atmen.“

„Du bist sehr hübsch“, meldete sich plötzlich Mila zu Wort.

Jetzt lachte Luca laut auf. „Sehen Sie? Es ist also wahr.“

„Unsinn! Flirten ist einfach eine italienische Krankheit.“

Mila krabbelte über Lucas Knie, kam um den Tisch und kletterte auf Gracies Schoß. Damit stellte sie sicher, dass sich die beiden Erwachsenen wieder auf sie konzentrierten. Und sofort entspannte sich Gracie ein wenig. Bei all den Komplimenten war ihr das gemütliche Lokal auf einmal sehr eng und stickig vorgekommen.

Sehr aufmerksam betrachtete Mila Gracie und zeichnete dann mit ihren kleinen Händen die Konturen ihrer Stirn, der Wangen und ihres Kinns nach. „Du siehst genauso aus wie ich.“

„Findest du?“ Über Milas Kopf hinweg sah Gracie Luca an. „Aber ich habe Sommersprossen und du nicht.“

„Das stimmt.“ Mila musterte die vielen kleinen Punkte. „Ich glaube, dann bin ich die Hübschere von uns beiden.“

„Mila!“, protestierte ihr Vater.

Aber Gracie schüttelte den Kopf und brachte Luca mit einem Blick zum Schweigen. „Weißt du was, Mila? Ich glaube, du hast recht.“

„Glaubst du, dass ich so aussehe wie Gracie, wenn ich groß bin?“, wandte sich Mila an ihren Vater. „Bekomme ich dann auch Sommersprossen? Oder werde ich aussehen wie meine Mama?“

Bei dieser Frage verblasste Lucas Lächeln. Doch er fing sich schnell wieder und lächelte nun besonders strahlend. Als er beide Arme ausstreckte, kam Mila sofort wieder zu ihm und setzte sich auf seine Knie. „Ich bin sicher, dass du genau wie deine Mutter aussehen wirst, Mila.“

Noch einmal musterte Mila Gracie forschend, dann nickte sie, als würde sie die Antwort akzeptieren.

„Mila spricht sehr gut Englisch“, wechselte Gracie schnell das Thema.

„Vor zwei Jahren waren wir einige Monate in England, und damals hat sie wie von selbst beide Sprachen gelernt. Eine Zeit lang hat sie dann eine merkwürdige Mischung gesprochen, aber inzwischen kann sie Englisch und Italienisch gut unterscheiden. In den letzten Monaten hat ihr Englisch leider merklich nachgelassen. Wir reden nicht genug Englisch mit ihr.“ Geistesabwesend strich Luca seiner Tochter über den dichten Lockenschopf. „Und was führt Sie nach Rom?“

Wie immer spürte Gracie bei der Frage einen schmerzhaften Stich. Doch als sie beschloss, Luca die Wahrheit zu sagen, wurde sie ganz ruhig. Vielleicht lag es am Rotwein. Oder daran, dass Neptun ihr zugelächelt hatte. Oder an Lucas freundlicher Ausstrahlung.

Egal, was es war, jedenfalls hatte Gracie plötzlich den Mut, es ihm zu sagen. „Ich bin in Rom, um meinen Vater zu suchen.“

2. KAPITEL

„Gilt Ihr Vater als vermisst?“ Teilnahmsvoll beugte Luca sich vor.

„Nein, das nicht“, antwortete Gracie. „Aber ich habe beschlossen, dass es an der Zeit ist, ihn zu finden. Er ist für den italienischen Teil meiner Herkunft verantwortlich.“

„Ich nehme an, dass Sie ihn lange nicht gesehen haben.“

„Noch nie.“

„Wie schrecklich!“, rief er mit typisch italienischem Überschwang. „Eine Tochter, die ihren Vater nicht kennt, das ist ja eine Katastrophe.“ Dabei wirkte er so berührt, als sei er persönlich betroffen.

Die Haltung der Italiener zur Familie erstaunte Gracie immer wieder aufs Neue. Der einunddreißigjährige, alleinstehende Enzo zum Beispiel, dem die Pension gehörte, in der sie übernachtete, ...

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