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Mörderkind

Mo
Berlin, 1974

Manchmal war sie kurz davor aufzugeben. Ihre Sachen zu packen und zurück nach Kassel zu gehen.

Berlin war immer ihr Traum gewesen. Und seit vier Wochen wohnte sie hier. Sie hatte einen Studienplatz an der Freien Universität, eine kleine Wohnung im Wedding und eine Monatskarte für die U-Bahn.

Sie war am Ziel und sie hasste es. Sie hasste es, morgens allein aufzuwachen und allein zu frühstücken. Allein zur Uni zu fahren, zuerst zu den Vorlesungen und Seminaren und dann in die Mensa. Allein zu sein, obwohl die U-Bahn, die Uni, die ganze Stadt voller Menschen waren. In Kassel gab es viel weniger Menschen, aber sie hatte dort so viele Freunde gehabt. Manchmal telefonierte sie mit Jutta. »Gestern waren wir auf einer Fete bei Kai«, sagte Jutta. »Ich war erst um sechs Uhr morgens zu Hause. Mann, bin ich fertig.«

»Wir«, wenn sie das schon hörte.

Hier in Berlin gab es kein »Wir«.

Allein die Entfernungen. In Kassel setzte man sich aufs Fahrrad oder ging zu Fuß, wenn man irgendwohin wollte. In Berlin musste man für jede Strecke die U-Bahn nehmen.

Vom Wedding bis zur FU brauchte sie morgens eine Stunde, nachmittags fuhr sie dann wieder eine Stunde zurück. Aber das war nicht so schlimm, in der U-Bahn war es immer noch besser als in ihrer kleinen, kalten Studentenbude im Hinterhaus. Dreiunddreißig Quadratmeter, Kohleofen, Klo auf dem Gang. Keine Dusche. »Aber gleich um die Ecke ist ein Schwimmbad«, hatte die Vermieterin gesagt. »Am besten, Sie holen sich eine Dauerkarte.«

Wenn sie von der Uni nach Hause kam, kaufte sie sich ein paar Lebensmittel im Supermarkt. Einen Joghurt, ein paar Scheiben abgepacktes Brot, Käse. Viel brauchte sie nicht, sie hatte ohnehin keinen Appetit. Am schlimmsten waren die Wochenenden. Manchmal sprach sie von morgens bis abends mit keinem Menschen.

Ich ändere mein Leben, beschloss sie. Ab sofort werde ich jeden Tag jemanden ansprechen. In der U-Bahn, an der Uni, im Supermarkt. Egal wo. Jeden Tag eine Person, das ist nicht zu schwer. Irgendwann werde ich jemanden kennenlernen, den ich mag. Einen Freund.

Sie suchte sich die Leute ganz genau aus, bevor sie sie ansprach. Nicht zu jung, nicht zu alt, nicht zu spießig, nicht zu fertig. Am ersten Tag redetet sie mit einer Studentin, die neben ihr im Publizistikseminar saß. »Wo kommst du denn her?«, fragte sie, während sie ihre Blöcke und das Schreibzeug in ihren Taschen verstauten.

»Ich bin aus Nürnberg«, sagte die andere in breitem Fränkisch. Sie unterhielten sich noch eine Weile, aber das Gespräch schleppte sich eher mühsam dahin. Dann verabschiedete sich die andere. »Mein Freund wartet«, meinte sie und wies mit einer Kopfbewegung auf einen untersetzten jungen Mann am Ausgang.

Es war nicht gut, aber es war ein Anfang. Am zweiten Tag sprach sie eine Studentin in der Mensa an, sie unterhielten sich bestimmt eine Viertelstunde lang angeregt. Am dritten Tag wagte sie sich an einen jungen Mann, der neben ihr im Hörsaal gesessen hatte, aber nach zwei kurzen Sätzen war er weg.

Am vierten Tag hatte sie noch mehr Pech. Die Frau, die sie in der U-Bahn ansprach, stieg aus, bevor sie antworten konnte. Am fünften Tag redete sie wieder mit der Kommilitonin von Tag zwei. Das galt nicht richtig, weil sie sich ja vorgenommen hatte, jeden Tag mit einer neuen Person zu sprechen, aber sie fühlte sich erschöpft von all den kommunikativen Anstrengungen der Vortage. Am sechsten Tag beschloss sie deshalb, eine Pause einzulegen, aber dann traf sie JJ.

JJ hieß in Wirklichkeit natürlich anders, aber seinen richtigen Namen kannte keiner. Alle nannten ihn »Dschei Dschei«, außer den Profs, die sprachen ihn gar nicht an, weil er ohnehin so gut wie nie in den Vorlesungen auftauchte. Er war ihr schon früher aufgefallen, weil er ebenfalls Publizistik studierte und Germanistik im Nebenfach, aber sie wäre nicht im Traum darauf gekommen, ihn anzusprechen. Wahrscheinlich hätte sie es gar nicht geschafft. Er war immer von einem Pulk Leuten umgeben, abgefahrene Typen und hübsche Mädchen, die ihn anhimmelten.

Sie lernten sich kennen, weil er sie anrempelte und seinen Kaffee über ihr T-Shirt kippte. Schwarzer Kaffee, frisch aus dem Automaten, heiß wie die Hölle. Sie schrie laut auf vor Schreck und Schmerz und er riss sich sein Halstuch herunter und begann hektisch damit an ihr herumzureiben.

»Hör auf, du machst doch alles nur noch schlimmer!«, schrie sie und riss sich los. Ihre Haut brannte wie Feuer.

Er hatte schulterlange Haare, einen Mittelscheitel und trug ein schlabbriges T-Shirt über einer ehemals weißen Hose. Sein Blick war betroffen, zumindest an diesem Tag, da sie sich kennenlernten.

Er fragte sie nach ihrem Namen und dann nahm er sie mit an den Tisch zu seinen Kumpeln.

Es war der 17. Oktober 1974. Der Tag, an dem alles anfing.

Erster Teil
Rippenhoven

I

Immer wenn der Regen ans Fenster schlug, musste sie an diesen Sommer zurückdenken. Der Sommer, in dem es nicht aufgehört hatte zu regnen. Das Geräusch der Regentropfen brachte das alte Haus mit den knarrenden Türen zurück, die Türen, die Barbara eine nach der anderen aus den Angeln gehoben, abgeschliffen und geölt hatte. Der Regen erinnerte Levke an das leise Schmatzen der Ostsee. An den Toten am Strand. Und an Tom.

Rippenhoven. So hieß das Dorf, in dem Barbara ein altes Bauernhaus erstanden hatte. »Wir ziehen aufs Land«, hatte sie eines Tages aus heiterem Himmel verkündet. »Wir richten die alte Hütte wieder her und dann kaufen wir uns einen Hund und ein Pferd und acht Hühner. Du wirst sehen, das wird super.«

Wie so oft war Levke ganz anderer Meinung gewesen als ihre Mutter. Sie wollte nicht aufs Land. Schon gar nicht nach Rippenhoven, in dieses Zweihundert-Seelen-Nest im Nichts zwischen Lübeck und Wismar. Sie wollte … Was wollte sie damals überhaupt? Nichts.

Levke hatte gerade in Berlin ihren Realschulabschluss gemacht. Notendurchschnitt: 2,9. Das war zu schlecht fürs Gymnasium und außerdem hatte sie sowieso keine Lust mehr auf Schule.

Und eine Ausbildung? Als Bankkauffrauverkäuferinarzthelferinfriseuseschaufenstergestalterin? Es ödete Levke an, wenn sie auch nur daran dachte.

»Lass uns erst weg aus der Stadt«, sagte ihre Mutter. »In Rippenhoven wird dir dann auch klar, was du machen willst.«

»Rippenhoven«, sagte Levke verächtlich. »Rip. R.I.P. Weißt du, wofür das steht?«

»Rest in Peace«, fuhr sie fort, als Barbara nicht antwortete. »Ruhe in Frieden.«

Rippenhoven stand jedoch weder für Ruhe noch für Frieden. Aber das wussten sie damals noch nicht.

Sie wohnten nur ein paar Monate dort. Von Anfang Juli bis Ende September. Danach zogen sie zurück nach Berlin. »Vielleicht kommen wir irgendwann mal wieder hierher zurück«, sagte Barbara. Aber sie wussten beide, dass das niemals geschehen würde.

Dass es vorbei war.

Am Anfang blieb die Zeit stehen. In Rippenhoven gab es keine Termine, keine Verabredungen, kein Kino, keine Disco, nicht mal einen Burgerladen. Nichts. Am ersten Wochenende kamen Barbaras Freunde aus Berlin und fielen über das alte Haus her wie Wespen über ein Stück Pflaumenkuchen. Am Sonntagabend zogen sie wieder ab und hinterließen Stapel von schmutzigem Geschirr in der Spüle und eine Batterie von leeren Weinflaschen. »Für sie war es Urlaub, aber für mich war es der totale Stress«, meinte Barbara, als der Volvo mit Ulf, Karen, Frank und Ulrike endlich vom Hof gefahren war.

Danach gab es nur noch Barbara und Levke. Und natürlich Vladimir und Tomasz. Tomasch. Tom, wie ihn Levke später nannte.

Vladimir und Tomasz hatte Barbara schon im Mai angeheuert. Sie sollten das Haus so weit in Ordnung bringen, dass Barbara und Levke darin wohnen konnten. »Ein paar Wochen wird das schon dauern«, hatte Barbara gemeint. Der Plan war, dass die Polen weg waren, wenn Levke und ihre Mutter einzogen. Sie sollten eigentlich nur die Böden abschleifen und das Bad in Ordnung bringen, aber dann stellte sich heraus, dass die ganze Elektroinstallation marode war, das Dach musste gedämmt und neu gedeckt werden, einige Holzbalken waren morsch und die Sanitärrohre waren eine Katastrophe.

Am Ende blieben Vladimir und Tomasz drei Monate. Genauso lange, wie Levke und Barbara in Rippenhoven wohnten, lebten auch die zwei polnischen Handwerker in ihrem Zimmer unter dem Dach, dessen Decke sie notdürftig gegen den Regen isoliert hatten. Vladimir, Tomasz, Barbara und Levke frühstückten morgens zusammen und mittags kochte Levkes Mutter für alle. Sie benutzten das gleiche Badezimmer, in dem die Kloschüssel und das Waschbecken von Rissen überzogen waren wie von einem Spinnennetz. Sie waren eine seltsame zweigeteilte Familie.

»Dieses Haus ist eine Zumutung«, sagte Levke jeden Morgen und erntete dafür einen verächtlichen Blick von Tomasz. Klar, dachte sie, für dich sind diese Scheißzustände hier luxuriös. In Polen seid ihr doch was ganz anderes gewohnt. Nicht, dass sie jemals einen Fuß über die polnische Grenze gesetzt hätte.

Tomasz sah Levke ziemlich oft verächtlich an. Wenn sie das Abendessen anbrennen ließ, weil sie nebenher fernsah. Wenn sie einen Holzbohrkopf nicht von einem Steinbohrkopf unterscheiden konnte. Wenn sie über den ewigen Regen schimpfte.

»Kann man nichts ändern«, sagte er nur spöttisch. »Besser nicht aufregen.«

Aber darüber regte sich Levke noch mehr auf.

Er war siebzehn, ein Jahr älter als Levke, und viel größer und kräftiger als sie. Seine Haare waren weder lang noch kurz und fielen ihm ins Gesicht, sodass er sie in regelmäßigen Abständen aus der Stirn pusten musste. Levke fragte sich, warum er sie nicht abschnitt. Vielleicht hatte er kein Geld für den Friseur.

Aber vielleicht war dieser Haarschnitt ja in Polen gerade der letzte Schrei.

Vladimir war der Meister und Tomasz war der Azubi, wenn es so was in Polen überhaupt gab. Obwohl Levke niemals mitbekam, dass Vladimir Tomasz irgendetwas beibrachte. Er schien alles bereits zu wissen: wie man Kabel unter Putz legt und Heizungen installiert, Wände hochzieht und Bodendielen austauscht.

Er arbeitete schnell und gewissenhaft, wenn er nicht gerade telefonierte. »Ist seine Verlobte in Polen«, sagte Vladimir einmal, als Levke den Kaffee brachte und Tomasz wieder draußen im Garten stand. »Muss reden und reden und reden, damit nicht vergisst ihn. Kleine Agnieszka.«

Levke ging zurück in die Küche und stellte sich ans Fenster, während sie ihren eigenen Kaffee trank. Tom stand im Nieselregen, die Füße im Schlamm, die Wange ganz fest an sein Handy gedrückt, den Kopf gesenkt. So lange. Kleine Agnieszka, dachte Levke. Dann dachte sie an Max in Berlin, mit dem sie zwei Monate zusammen gewesen war, bevor er sich in Marlene verliebt hatte. Max und Marlene. Das passte ja auch perfekt zusammen.

Tomasz legte ganz plötzlich auf. Das Handy verschwand in seinem Overall und als er aufblickte, sah er Levke am Fenster. Er wirkte kein bisschen überrascht, es schien vielmehr so, als habe er die ganze Zeit gewusst, dass sie ihn beobachtete. Er strich sich die nassen Haare aus der Stirn und ging zurück ins Haus, ohne zu lächeln, ohne ihr auch nur zuzunicken. Vielleicht hatte er sie doch nicht gesehen.

»Mach was«, sagte Barbara, wenn Levke sich über die Langeweile in Rippenhoven beklagte. »Pack mit an. Hier gibt es genug zu tun. Oder schau dir wenigstens die Gegend an.«

»Im Regen?«, fragte Levke angewidert.

Barbara hob die Augenbrauen, dann schob sie ihre Atemmaske wieder über Mund und Nase und schliff weiter an der alten Tür herum.

Unter dem Dach heulte die Kreissäge, im Erdgeschoss kreischte Barbaras Schwingschleifer. Levkes Kopf dröhnte ebenfalls. Sie zog ihre Regenjacke an und holte ihr Fahrrad aus dem Schuppen. Nur weg hier.

Sie fuhr einfach drauflos, durchs Dorf und immer weiter, ohne darüber nachzudenken, wohin sie wollte. Irgendwann war die Straße zu Ende. Vor ihr lag das Meer.

Grau und unendlich breitete es sich unter den dunklen Wolken aus. Levke stellte ihr Fahrrad ab und ging über den Strand zum Wasser. Um ihre grünen Gummistiefel herum bildeten sich kleine Seen im Sand, in denen das Wasser stehen blieb, wenn sie weiterging. Sie bahnte sich einen Weg durch die angeschwemmten Quallen, die kraftlos und durchsichtig auf dem Sand lagen wie große Spuckeflecken.

Auch auf dem Wasser schwappten weißliche Quallen, eine neben der anderen wie Regenschirme, die das Meer aufgespannt hatte, um nicht nass zu werden. Die ringförmigen Organe in den durchsichtigen Körpern waren Augen, die Levke anstarrten. Sie warf mit Steinen nach ihnen. Wenn sie eine Qualle traf, tauchte sie kurz unter und dann schwappte sie wieder an die Oberfläche, als ob nichts geschehen wäre. Eines floss ins andere, das Meer, der Strand, der Himmel, die Wolken, die Quallen und Levke, sie alle bildeten eine graue Einheit der Langeweile.

»Fahr doch mal übers Wochenende nach Berlin«, hatte Barbara kürzlich vorgeschlagen. »Vielleicht bringt dich das ja auf andere Gedanken.«

Aber wo hätte sie da wohnen sollen? Bei Mike und seiner Familie? Mike war ihr Vater. Zumindest im biologischen Sinn. Ihre Zeugung ausgenommen, hatte er nie groß was für sie getan. Wenn man einmal von der Kohle absah, das er Barbara jeden Monat für sie überwies. »Von mir hast du Verstand und Schönheit und von deinem Vater das Geld«, hatte Barbara früher immer gesagt, bevor sie das ganze Vermögen ihrer Eltern geerbt hatte und plötzlich nicht mehr arm war.

Mike und Sabine würden Levke sicherlich aufnehmen. Sie hatten ja Platz, jetzt wo Andreas und Matthias aus dem Haus waren. Aber wenn sie nur an den auf Hochglanz polierten Glastisch im Esszimmer dachte und an dieses kalte Gefühl an ihren Unterarmen, wurde ihr schon ganz anders.

Und bei Marlene? Marlene, die früher Levkes beste Freundin gewesen war, bevor sie mit Max … Nein, das ging noch viel weniger.

Ein letzter Stein klatschte ins Wasser. Die Quallen schaukelten hin und her. Was vorbei war, war vorbei.

Als sie zurückging, sah sie den Mann oben an der Straße. Sie hielt ihn zuerst für einen Jungen, weil er so groß und schlaksig war, aber je näher sie kam, desto älter wurde er. Mindestens fünfzig, dachte Levke, als sie an ihm vorbei zu ihrem Fahrrad ging. Oder auch nicht. Leute, die über vierzig waren, konnte sie schlecht einschätzen.

»Hallo«, sagte der Mann. »Auch hier am Strand bei diesem herrlichen Wetter?« Er trug Jeans und eine Windjacke, sein Gesicht war braun gebrannt, obwohl es in diesem Jahr kaum Sonne gegeben hatte. Helly Hansen, stand auf seiner dunkelblauen Schirmmütze.

Sie hätte gerne etwas Schlagfertiges erwidert, aber ihr fiel nichts ein, also lachte sie nur.

»Mir gehört die Surfschule dahinten«, sagte der Mann und deutete mit dem Daumen über die Schulter zu dem flachen, hellgelben Gebäude, das mitten in den Dünen lag. »New Wave Surfing.«

Warum sagte der Mann ihr das? Sah sie etwa aus wie eine Surferin?

»Schlechtes Jahr für Surfkurse, was?«, fragte sie.

»Kann man so sagen.« Der Mann lächelte in den grauen Himmel, obwohl es nichts zu lächeln gab.

Levke schob ihr Fahrrad auf die Straße. In den Pfützen auf dem Asphalt begannen wieder Regentropfen zu tanzen. Sie stülpte ihre Kapuze über den Kopf, dabei war es im Grunde egal. Bis sie zu Hause war, würde sie ohnehin völlig durchnässt sein.

»Tschüss«, sagte sie, als sie aufstieg.

»Bis dann«, meinte der Mann und zog seine Schirmmütze tiefer ins Gesicht.

An der Straßenbiegung drehte sie sich noch einmal zu ihm um. Er stand immer noch genauso da wie vorhin, die Hände in den Hosentaschen, die Mütze im Gesicht; aber er starrte jetzt hinaus aufs Meer, als wartete er auf irgendetwas. Dass der Regen aufhörte. Oder dass ein Schiff kam und ihn hier wegholte.

»Ich hab noch einen zweiten Schwingschleifer geholt«, berichtete Barbara beim Abendessen.

»Noch einen? Wozu?«, fragte Levke, während sie lustlos ein paar Spaghetti mit Pestosoße um die Gabel wickelte. Vladimir und Tomasz waren schon bei ihrem zweiten Teller, während sie den ersten noch nicht mal leergegessen hatte.

»Damit du mir helfen kannst, natürlich. Wenn du hier schon die ganze Zeit rumhängst, kannst du dich auch mal nützlich machen.«

»Türen abschleifen?« Levke ließ die Gabel wieder sinken. Jetzt war ihr endgültig der Appetit vergangen.

»Jawohl, gnädige Hoheit. Oder hast du was Besseres vor?«

»Ich wollte einen Surfkurs machen.« Einen Surfkurs? Wie kam sie denn jetzt darauf! Hallo?

»Bei dem Sauwetter?« Barbara sprach aus, was Levke selbst dachte. Allein die Vorstellung, bei diesem Wetter aufs Surfbrett zu steigen. Ins Meer zu fallen. Ekelerregend.

»Warum denn nicht? Mit der entsprechenden Ausrüstung ist das doch kein Problem.« Barbara sah Levke misstrauisch an. Gleich fühlt sie meine Stirn, um festzustellen, ob ich vielleicht Fieber habe, dachte Levke. Seit sie sechs Jahre alt gewesen war, hatte Levke sich nicht mehr freiwillig sportlich betätigt.

»Und wer bezahlt das Ganze?« Barbara wechselte jetzt die Taktik.

»Mike«, meinte Levke. »Ich frag Mike, ob er mir das Geld für den Kurs gibt.«

Barbaras Mund wurde zu einer festen geraden Linie, wie immer, wenn Levke von Mike sprach. Vielleicht dachte sie darüber nach, ob sie Levke das Geld für den Kurs nicht einfach geben sollte, nur um den Namen nicht mehr hören zu müssen. Aber dann zuckte sie mit den Schultern und wandte sich Vladimir zu.

»Wie sieht’s mit dem Dach aus?«, erkundigte sie sich. »Braucht ihr vielleicht Hilfe? Wir können ja noch jemanden anheuern, der euch unterstützt.«

»No!« Vladimir schüttelte empört den Kopf, während er sich eine dritte Ladung Spaghetti al Pesto auf den Teller schaufelte. »Wir machen alleine. Wo ist Problem?«

»Vielleicht braucht Tomasz ja auch mal eine Pause?«, meinte Barbara. »Du bist noch jung, Tomasz, willst du nicht mal ausgehen, was unternehmen? Also ich hätte nichts dagegen.«

»Was soll er denn hier machen?«, fragte Levke verächtlich.

»Einen Surfkurs zum Beispiel«, gab Barbara spitz zurück.

Das ist doch viel zu teuer, wollte Levke gerade sagen, aber im letzten Moment schluckte sie den Satz hinunter. Sie merkte, dass sie rot wurde, obwohl sie gar nichts gesagt hatte.

»Ist nicht nötig, trotzdem vielen Dank«, meinte Tomasz kühl, als hätte ihn Barbara zu irgendetwas eingeladen.

Der Anfängerkurs ging über fünfmal eineinhalb Stunden und kostete hundert Euro. Perfekt, dachte Levke, hundert Euro für den Surflehrer, fünfzig für mich, denn ihr Vater hatte ihr am Telefon hundertfünfzig Euro versprochen. »Den Rest zahlst du selbst«, hatte er streng hinzugefügt. »Wird ohnehin langsam Zeit, dass du herausfindest, wo du hinwillst im Leben.«

Soll er lieber mal seinen Söhnen Druck machen, dachte Levke, während sie immer noch auf die Preistafel neben dem Eingang zur Surfschule starrte. Ihre Halbbrüder Andreas und Matthias hatten ihr Studium immer noch nicht abgeschlossen, obwohl sie beide um die dreißig waren.

»New Wave Surfing« stand in schwungvoller Schrift oben auf dem Schild. Darunter eine riesige Welle, dann kamen die Öffnungszeiten und die verschiedenen Kursangebote. Der Wind blies einen Schwall Regentropfen auf das Blechschild. Es sah aus, als liefe das Wasser aus der gemalten Welle. Levke drückte auf die Klingel neben der Tür.

Dingdangdong! Dingdangdong! Niemand zu Hause. Dabei war der Surfclub ab neun Uhr geöffnet, zumindest stand es so auf dem Schild.

»Kann ich helfen?«, fragte jemand hinter ihr. Sie fuhr herum.

Es war der Typ vom Strand.

»Hallo!« Er lächelte. Offensichtlich hatte er sie ebenfalls wiedererkannt.

»Ich will einen Surfkurs buchen.«

»Das nenn ich mutig!« Der Mann trat neben Levke und schloss die Tür auf. »Bitte schön.«

»Wann willst du denn anfangen?«, erkundigte er sich, nachdem sie beide eingetreten waren.

»So schnell wie möglich.« Levke blickte sich um. Ein Regal, ein Metallspind, ein Schreibtisch mit Computer und Telefon. Das war die ganze Einrichtung. An den weiß gestrichenen Wänden hingen Surferplakate, wilde Wellen, die auf sonnige Strände schlugen, darüber braun gebrannte muskulöse Menschen auf Surfbrettern.

»Die Fotos hat ein Kumpel von mir auf den Bahamas gemacht.« Der Mann war ihrem Blick gefolgt. Na toll, dachte Levke.

»Bist du Anfängerin?«, erkundigte er sich dann. Als sie nickte, verdrehte er den Kopf und blickte auf den Terminkalender auf dem Schreibtisch. »In einer halben Stunde beginnt der nächste Kurs. Kannst gleich mitmachen. Bringst du die Ausrüstung mit oder willst du sie leihen?«

»Ich hab nichts.«

»Das macht dann insgesamt hundertfünfunddreißig Euro.«

Also doch teurer als erwartet. Wäre ja auch zu schön gewesen. Sie seufzte.

»Na gut. Für dich hundertzwanzig.«

»Okay.« Wenn er immer so schnell nachgab, würde er bestimmt nicht reich werden.

»Ich bin übrigens Henry«, stellte er sich vor, während sie ihre Anmeldung ausfüllte. »Und wir Surfer sagen Du zueinander.«

»Ich heiße Levke.«

»Levke«, wiederholte er nachdenklich. »Ich kannte auch mal eine Levke. Hübscher Name.«

»Unterrichten Sie den Kurs?«, erkundigte sich Levke später, während sie zu dem Schuppen hinter dem Büro gingen, wo die Surfbretter und Anzüge aufbewahrt wurden.

»Ich? Guter Witz. Nee, ich steig nur noch zum Vergnügen aufs Brett. Die Kurse gibt Ingo.«

Ingo war ein durchtrainierter kleiner Mann mit dunklen Haaren. In dem engen Wetsuit wirkten seine muskulösen Schultern doppelt so breit wie seine Hüften. »Hi«, sagte er lächelnd und entblößte dabei eine Goldkrone auf einem der hinteren Backenzähne. »Da sind wir ja schon zu viert.«

Denn außer Levke nahm noch ein englisches Paar an dem Kurs teil. Greg und Sue. »From Essex«, erklärte Sue, die aus unerfindlichen Gründen einen Sonnenbrand im Gesicht hatte.

Am Strand befestigten sie die Segel an den Brettern, dann zeigte ihnen Ingo die richtige Surfhaltung. »Die Füße quer auf dem Brett, leicht in die Knie gehen, locker bleiben.«

Als sie die Bretter ins Wasser schoben, begann es wieder zu regnen. Zwischen den Wasserschuhen und den Beinen ihres Neoprenanzugs spürte Levke das Meerwasser wie eine kalte Hand um ihre Knöchel. »It’s freezing«, sagte Sue vorwurfsvoll zu ihrem Mann, der daraufhin Levke ansah, als wäre sie schuld an dem Wetter.

»Ideales Anfängerklima!«, rief Ingo vom Strand und hüpfte dabei hin und her, um warm zu werden. »Kleine Wellen, leichter Wind. Get on your boards.«

Er klatschte in die Hände und sie stiegen gehorsam auf ihre Surfbretter, um sofort auf der anderen Seite wieder ins seichte Meer zu rutschen.

Greg war der Erste, der sein Segel aus dem Wasser bekam und für einige Sekunden oben hielt, bevor es mit schlingernden Bewegungen zurück ins Meer platschte.

»Hey, that’s great, love! You’re the best!«, schrie Sue, worauf sie vom Brett fiel und Greg auch.

Nach einer halben Stunde brannten Levkes Beine, ihre Schultern, ihre Oberarme, ihre Hände. Sie riss an dem Segel, das voller Wasser war, und zerrte es aus dem Meer. Als sie es halbwegs oben hatte, kippte sie vom Surfbrett. Greg, der Engländer, segelte inzwischen beschwingt an ihr vorbei, und auch Sue stand sicher auf dem Board, das Segel vor sich, den Kopf stolz erhoben. Nicht lange, aber sie stand.

»You can do it, if you really want!«, schrie sie.

Levke musste plötzlich wieder an ihre Seepferdchenprüfung denken, damals in Berlin. Sie hätte einen blauen Gummiring aus dem Wasser holen müssen. »Wenn du es wirklich willst, dann schaffst du es auch!«, hatte die dicke Schwimmlehrerin am Beckenrand gerufen und hinter ihr hatte Barbara ihren Daumen in Richtung Schwimmhallendecke gereckt.

Levke tauchte und tauchte. Eine Hand ruderte, die andere streckte sich nach dem blauen Ring, der so nahe war und doch so unerreichbar weit weg. Sie hatte es gewollt, sie hatte es wirklich gewollt und trotzdem nicht geschafft.

Klatsch! Ein letztes Mal rutschte sie vom Brett ins kalte Meer. »Schluss für heute!«, rief Ingo.

»Das war ganz super für den Anfang«, sagte er zu seinen Schülern, als sie alle wieder vor ihm standen, triefend nass und vollkommen erschöpft.

»Morgen um zehn Uhr sehen wir uns wieder«, sagte Henry, nachdem Levke sich wie eine Schlange aus ihrer nassen Neoprenhaut geschält und umgezogen hatte.

»Nee.« Sie streckte sich, um den tropfenden Wetsuit an einen Haken zu hängen.

»Was ist los? Hast du keine Lust mehr?«

»Das Ganze ist nichts für mich.« Hoffentlich versuchte er jetzt nicht, sie zu überreden. »Halt durch, mach weiter. Wenn du es wirklich willst, schaffst du es auch.« So wie ihre letzte Klassenlehrerin in Berlin. »Mensch, Levke, das Abitur schaffst du mit links, wenn du nur willst.«

Immer dachten alle, dass sie alles Mögliche schaffen könnte, wenn sie nur wollte. Was für ein Blödsinn. Als ob Erfolg etwas mit wollen zu tun hätte! Erfolg war eine Frage von können, von Talent, Begabung und Kraft. Und weil sie nichts davon hatte, brauchte sie es auch gar nicht erst zu versuchen.

»Tut mir leid, dass es dir nicht gefallen hat.« Henry wirkte ehrlich betroffen.

»Ist nicht Ihre Schuld.« Deine Schuld, korrigierte sie sich in Gedanken. Surfer duzten sich untereinander. Aber sie war ja nun keine Surferin mehr, vielleicht galt es dann auch nicht mehr für sie. Levke rubbelte sich noch ein bisschen mit dem Handtuch, das Henry ihr geliehen hatte, über die Haare. Es roch muffig, als wäre es lange nicht benutzt worden.

»Jetzt willst du natürlich deine Kohle wieder«, sagte Henry.

»Na ja.«

»Ich mach dir einen Vorschlag. Wenn du mir morgen Vormittag hilfst, kriegst du hundert Euro zurück.«

»Und was soll ich tun? Soll ich anstelle von Ingo den Surfkurs halten?« Rauf auf die Bretter! Gaaanz locker in den Knien!, konnte sie immerhin auch brüllen, solange sie mit beiden Füßen auf dem Strand stand.

»Quatsch. Ich hab einen wichtigen Termin in der Stadt. Aber ich brauch dringend jemanden, der hier im Büro ist, das Telefon abnimmt, Anmeldungen entgegennimmt und all so was. Hast du Zeit?«

»Klar. Warum nicht?«

»Halb zehn hier«, meinte Henry.

Es war natürlich Glück. Die beiden Familien machten Urlaub in Rippenhoven, sie wären ohnehin in den Surfclub gekommen. Es hatte nichts mit Levke zu tun, dass sie für die vier Kinder einen Surfkurs buchten und für die beiden Väter gleich mit. Na gut, vielleicht ein bisschen. Denn Levke redete eine halbe Stunde auf sie ein und pries den Kurs und Ingo in höchsten Tönen. »Das Wetter ist überhaupt kein Problem«, behauptete sie. »Im Gegenteil. Wenn es ein bisschen kühler ist, ist es viel angenehmer auf dem Meer.« Wenn es ein bisschen kühler ist. Das war ja wohl die Untertreibung des Jahres. Das Thermometer neben der Tür zeigte zehn Grad Celsius und es war Juli.

»Wenn Sie meinen, dass das geht«, meinte einer der beiden Väter. »Dann probieren wir es einfach mal aus. Na, was sagst du, Kurt, sollen wir nicht auch mal …?«

Sie füllten sechs Anmeldeformulare aus und leisteten eine Anzahlung von hundert Euro.

»Bei der Vorauszahlung war ich mir nicht so sicher«, meinte Levke, als Henry um eins wieder zurückkam. »Ich hoffe, das ist genug.«

»Na hör mal!« Henry schüttelte fassungslos den Kopf. »Ich verlange normalerweise überhaupt keine Anzahlung.«

»Warum denn nicht? Wer was bezahlt hat, der kommt auch wieder.«

»Ich sehe schon, du kennst dich aus.« Henry nahm seine Mütze vom Kopf und fuhr sich mit der Hand über die grauen Haare, dann setzte er sie wieder auf. »Kannst du das nicht öfter machen?«

»Was?«

»Hier das Büro übernehmen. Ich hab so oft andere Sachen zu tun. Hinten der Schuppen müsste dringend mal aufgeräumt werden. Und die neuen Anzüge sind noch nicht ausgepackt. Ich kann nicht viel zahlen, dieser Sommer ist echt eine Katastrophe. Mehr als fünf Euro die Stunde sind nicht drin.«

»Fünf Euro sind okay«, sagte Levke.

Mo
Berlin, 1974

JJ bestimmte, wer dazugehörte und wer nicht. Aus irgendeinem Grund wollte er, dass sie dazugehörte. Als er sie am nächsten Tag in der Mensa sah, winkte er sie zu sich. »Hol dir einen Stuhl und setz dich«, sagte er.

Also zog sie sich einen freien Stuhl vom Nebentisch heran und setzte sich neben ihn, sodass Kessy ein Stück zur Seite rücken musste, um ihr Platz zu machen. Kessy studierte Jura, sie war sehr dünn und hatte lange, unglaublich wilde Locken. Sie war immer an JJs Seite. Ob sie seine Freundin war?

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte JJ.

»Das passt überhaupt nicht zu dir«, meinte er verächtlich, als sie ihren Namen genannt hatte. »Ich nenn dich Mo.«

»Kommst du mit zu Böllrich, Mo?«, erkundigte er sich am Freitag, da kannten sie sich gerade zwei Tage lang.

»Wer ist denn Böllrich?«, fragte sie.

»Ein Kumpel. Oranienburger Straße 17.«

Die Fete fand in einer Zweizimmerwohnung im fünften Stock statt. Als sie unten die Haustür aufdrückten, schwappte ihnen schon eine Woge aus lauter Musik, Stimmengewirr und Rauch entgegen. In der Wohnung drängten sich die Leute dicht an dicht. »Habt ihr schon gehört?«, fragte ein schnauzbärtiger Typ mit langen Zottellocken, als sie näher kamen. »Der Holger ist tot.«

»Was?«, rief JJ. »Diese verdammten faschistischen Scheißkerle! Die Schweine haben ihn umgebracht.«

»Zweiundvierzig Kilo hat er gewogen, zum Schluss«, sagte der erste Typ, während er Mo aus den Augenwinkeln musterte.

Sie sprachen von Holger Meins, so viel hatte sie begriffen. Meins war einer der RAF-Leute, die in Gefängnissen in ganz Deutschland in Isolationshaft saßen und seit Wochen im Hungerstreik waren, um bessere Haftbedingungen durchzusetzen. Nun hatte er sich tatsächlich zu Tode gehungert. Ob das stimmte, was dieser Typ sagte? Ob Meins am Ende wirklich nur noch zweiundvierzig Kilo gewogen hatte? Er war bestimmt 1,80 Meter groß gewesen. Sie zog an ihrer Zigarette und fühlte sich plötzlich schuldig, weil sie die Hungerstreikgeschichte nie richtig ernst genommen hatte. Ein bisschen Show für die Medien, hatte sie gedacht. Und nun war einer von denen tot.

»Die haben den doch mit Absicht kaputtgehen lassen«, sagte JJ und legte einen Arm um ihre Schulter. »Das ist Mo«, sagte er dann.

»Waldo«, stellte sich der Schnauzbart vor, danach verschwand er und besorgte ihnen Drinks.

Die Flüssigkeit in den Gläsern sah aus wie Wasser, aber es war irgendetwas anderes, Schnaps oder Wodka. Was immer es war, es stieg ihr sofort zu Kopf.

»Auf dem Ku’damm gibt’s Randale!«, rief Waldo plötzlich. Sie hatte keine Ahnung, woher die Information kam, nach ihnen war niemand mehr dazugekommen, aber irgendwie wussten es auf einmal alle.

Sie fuhren in einer Wagenkolonne nach Charlottenburg. Mo saß zwischen Waldo und JJ, der seine Hand auf der Innenseite ihrer Oberschenkel hatte. Als sie auf dem Ku’damm ausstiegen, hatten auf einmal alle Transparente und Plakate in der Hand. »Verreckt, verkauft, verraten« stand unter einem Bild von Meins oder »Rache für Holger Meins«. Sie marschierten von der Gedächtniskirche in Richtung Uhlandstraße, wo bereits eine ganze Reihe Bullen hinter glänzenden Plastikschilden auf sie warteten.

»Ihr Säue habt ihn auf dem Gewissen!«, kreischte ein Mädchen neben Mo so laut, dass ihr fast das Trommelfell platzte.

»Bullenschweine«, brüllte JJ, und als wäre das der Befehl zum Angriff, flog plötzlich ein Stein. Er sauste über die Köpfe der Demonstranten und prallte an einem Schutzschild ab. Einen Moment lang hatte Mo das Gefühl, dass alle den Atem anhielten, die Bullen auf der einen Seite und die Demonstranten auf der anderen. Dann zersplitterte unmittelbar neben ihnen eine Autoscheibe.

Danach gab es kein Halten mehr. Polizisten und Demonstranten vermischten sich unter dem gelblichen Licht der Straßenlaternen zu einem grau-grünen Knäuel aus Uniformen und Parkas. Ein Molotowcocktail wurde in eine Schaufensterscheibe geschleudert, Glassplitter flogen an Mos Gesicht vorbei. Ein Gummiknüppel sauste auf ihre Schulter, auf ihre Hand, die immer noch JJs Hand hielt, aber dann war JJ plötzlich weg. Sie schrie, weil jemand sie an den Haaren nach hinten riss und sie den Angreifer nicht sehen konnte. Dann ließ man sie völlig unvermittelt wieder los, sie stolperte aus dem Gewühl, irgendetwas prallte gegen ihre Stirn und sie flüchtete sich in einen Hauseingang. Der Schnaps, den sie vorher getrunken hatte, rotierte in ihrem leeren Magen. Als die Wasserwerfer anrückten, übergab sie sich zitternd.

Danach sah sie mit einem säuerlichen Geschmack im Mund dabei zu, wie die Polizisten den Wasserstrahl auf die Demonstranten richteten, wie sie sie zuerst auseinandertrieben und dann weg, weg, nur weg von hier. An allen Straßenecken standen Bullen, packten jeden, den sie zu fassen bekamen, und nahmen die Personalien auf. Sie schlich sich an ihnen vorbei, mit hängendem Kopf wie ein geprügelter Hund.

JJ, wo war JJ? Hatten sie ihn verhaftet? Oder lag er irgendwo in dem Getümmel am Boden, zusammengeschlagen und totgetrampelt? Das Auto, mit dem sie hergekommen waren, stand noch in der Seitenstraße, wo sie es abgestellt hatten. Sie wartete eine Weile, aber JJ kam nicht und die anderen waren auch nirgendwo zu sehen. Schließlich fuhr sie mit der U-Bahn nach Hause.

Er klingelte, als sie sich gerade ein Pflaster auf den blutenden Riss über ihrer Augenbraue klebte.

»Verdammte Drecksäue, diese Scheißbullen!«, schimpfte er, aber seine Augen leuchteten dabei voller Begeisterung. Er zeigte ihr seine Wunden, eine Beule am Kopf, eine Prellung auf der Schulter, einen langen hässlichen Riss am Bauch.

»Willst du einen Kaffee?«, fragte sie verunsichert, als er hinterher seinen Pulli nicht wieder anzog.

»Du weißt doch, was ich will«, sagte er und küsste sie. Seine Zunge war in ihrem Mund und füllte alles aus, da war fast kein Platz mehr für ihre eigene Zunge. Es war ganz anders als damals, als Bernd sie nach der Tanzstunde geküsst hatte, da hatten sich ihre Zungen nur vorsichtig zwischen den Zähnen berührt. Und hinterher hatte Bernd sich entschuldigt.

JJ entschuldigte sich nicht.

Es war das erste Mal für sie, aber das sagte sie ihm nicht, weil sie sich ein bisschen schämte, wo sie doch schon so alt war. Es war auch nicht so schlimm, wie sie es sich früher immer vorgestellt hatte.

II

Von nun an radelte Levke jeden Morgen zum Strand und schloss das Büro auf. Weil es so wenig zu tun gab, gestaltete sie am Computer Infozettel für den Surfclub, die sie auf einen kleinen Tisch neben die Tür legte. Sie druckte bunte Plakate aus und hängte sie nachmittags in der ganzen Stadt auf. Sie setzte eine Anzeige ins örtliche Touristenblatt.

»Das kostet nur hundertfünfzig Euro«, erklärte sie Henry.

»Hundertfünfzig Euro, das ist eine Menge Kohle für mich.«

»Die Anzeige bleibt die ganze Saison über im Blatt. Jeder blöde Tourist, der nach Rippenhoven kommt, erfährt, dass es hier eine tolle Surfschule vor Ort gibt. Und wenn du nur einen einzigen Surfkurs verkaufst, hast du das Geld fast schon wieder drin.«

Wer das Büro betrat, bekam einen Kaffee und wurde sofort in ein längeres Gespräch verwickelt. Die meisten gingen nicht wieder weg, ohne einen Kurs zu buchen.

»Irgendwann kriegst du sogar den Briefträger noch zum Surfen«, meinte Henry beeindruckt.

Barbara war glücklich. »Na, siehst du, ist doch nicht so schlecht in Rippenhoven«, sagte sie.

»Aber gut ist es deswegen noch lange nicht«, gab Levke trotzig zurück.

Jeden Morgen war sie um halb zehn im Surfclub, am frühen Nachmittag radelte sie dann zurück. Als sie am Donnerstag nach Hause wollte, schüttete es mal wieder wie aus Kübeln.

»Bei diesem Wetter kannst du nicht Rad fahren«, sagte Henry. »Komm, wir packen dein Fahrrad in meinen Kofferraum und ich bring dich eben.«

Er begleitete sie mit dem Schirm bis zur Tür, dennoch waren ihre Jeans völlig durchnässt, als sie endlich im Haus war. Barbara stand am Fenster und sah zu, wie Henrys Peugeot langsam aus der Einfahrt fuhr.

»Wie heißt dieser Typ vom Surfclub eigentlich? Du hast es schon gesagt, aber ich habe es wieder vergessen.«

»Er heißt Henry. Henry Flüchter.«

Ihre Mutter nickte langsam und starrte dabei auf die Regentropfen, die in schrägen Linien die Fensterscheibe hinunterrannen. Immer wenn sich zwei Linien zu nahe kamen, flossen die Tropfen ineinander und liefen in einer gemeinsamen Spur weiter.

Am nächsten Vormittag tauchte Barbara plötzlich im Surfclub auf.

»Guten Morgen, Levke.« Sie trat an den Schreibtisch, die Arme über der Brust gekreuzt. Auf ihren Wangen waren weiße Farbspritzer, einer unter dem linken Auge, einer am rechten Mundwinkel.

»Was machst du denn hier?«, fragte Levke. »Willst du einen Surfkurs buchen?«

»Ja, klar«, meinte Barbara und lachte. »Nee, ich wollte mir nur mal ansehen, wo du arbeitest.«

»Schön hier, was?«

Barbara zuckte mit den Schultern und betrachtete die Poster mit den Surfern an der Wand, als wären es alte Familienfotos, die sie schon lange nicht mehr angesehen hatte.

»Willst du einen Kaffee?«, fragte Levke.

»Bist du allein hier?«, fragte Barbara zurück.

»Natürlich nicht. Du bist ja da.«

Barbara zog die Brauen zusammen, sodass sich ein ärgerliches Falten-V auf ihrer Stirn bildete. »Du weißt doch, was ich meine. Aber ist ja auch egal. Wir sehen uns heut Abend.«

Als sie den Surfclub verließ, fuhr gerade Henrys Peugeot vor. Durch die Scheibe der Tür sah Levke, wie sie sich gegenüberstanden, Henry und Barbara.

Dann klingelte das Telefon und sie war eine ganze Zeit lang damit beschäftigt, Fragen zu den verschiedenen Kursen und den entsprechenden Preisen zu beantworten. Als sie den Hörer wieder auflegte, standen die beiden immer noch da.

»Was gibt’s denn da zu besprechen?«, murmelte Levke und spürte gleichzeitig, wie sie wütend wurde. Immer musste sich ihre Mutter in alles einmischen. Wahrscheinlich quetschte sie Henry schon darüber aus, warum er nicht gleich einen Ausbildungsplatz für Levke einrichtete. »Mann, Barbara, das ist doch wirklich meine Sache!«

Sie stand auf und lief zur Tür, aber als sie die Klinke in der Hand hatte, sah sie, dass Barbara in ihr Auto stieg. Henry stand jetzt auf der anderen Seite der Tür, er sah sehr bleich aus.

Sie hat ihn fertiggemacht, dachte Levke. Typisch. Sie glaubt, dass sie mir damit hilft, aber in Wirklichkeit schafft sie nur neue Probleme.

Wie früher in der Schule, wenn Barbara an Sprechtagen zu Levkes Lehrern gegangen war, um ihnen »mal ordentlich den Kopf zurechtzusetzen«. Hinterher konnte sich Levke im Unterricht wochenlang die spöttischen Kommentare anhören.

Während Henry hereinkam, suchte sie nach Worten. Meine Mutter meint es nicht so. Sie ist im Grunde ganz okay. Aber das ist Quatsch, dachte Levke dann. Ihre Mutter meinte es wohl so. Genau so und nicht anders.

»Ist irgendwas vorgefallen, während ich weg war?«, fragte Henry.

»Nichts«, sagte Levke.

»Dann ist ja gut«, antwortete Henry und verschwand im Hinterzimmer.

Barbara sang. Money, Money, Money und Hips don’t lie und dann übergangslos O when the saints come marching in. Das war ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie total schlechte Laune hatte.

Sie sang immer, wenn es ihr schlecht ging. Sie sang, um wieder besser drauf zu sein. Und es klappte nie. Stattdessen bekamen alle anderen auch noch schlechte Laune.

»Kannst du nicht mal eine Pause machen?«, fragte Levke genervt.

»Das Haus muss doch fertig werden.«

»Ich meine mit dem Singen.«

»Bitte. Wenn es dich stört.« Barbara presste die Lippen aufeinander und arbeitete schweigend weiter.

»Was musstest du denn heute Morgen so lange auf Henry einlabern?«, fragte Levke. Sie saß auf dem Küchentisch, eine Teetasse in der Hand, während Barbara zur Abwechslung mal einen Fensterrahmen bearbeitete.

»Wollte nur mal schauen, für wen du da arbeitest.«

»Und? Zu welchem Schluss bist du gekommen?«

»Levke.« Barbara stellte ihren Pinsel in den Topf mit dem Leinöl. Sie tastete in den Taschen ihrer Latzhose nach Kaugummis, so wie sie früher immer nach ihren Zigaretten getastet hatte. »Levke, ich glaube, es wird langsam Zeit, dass du dir Gedanken über deine Zukunft machst.«

»Hä?« Levke stellte genervt ihre Teetasse weg und sprang vom Tisch.

»Das hat keine Perspektive, dieser Job im Surfclub. Ich will, dass du nach Berlin gehst und dich um einen Ausbildungsplatz kümmerst. Ich hab auch schon mit deinem Vater gesprochen.«

»Mit wem hast du gesprochen?« Wenn Barbara dein Vater sagte statt Mike, dann herrschte Alarmstufe Rot.

»Mike findet die Idee auch gut. Er schlägt vor, dass du erst mal zu ihm und Sabine ziehst.«

»Was?«, fragte Levke ungläubig. »Was redest du denn da?«

»Levke, du musst doch einsehen, dass es so nicht mehr weitergehen kann.«

»Halt dich aus meinem Leben raus!«

»Das kann ich nicht. Ich bin deine Mutter.«

»Immer wenn’s mir gerade gut geht, musst du mir alles vermasseln!«

»Ich will nicht, dass du in deinem Leben die gleichen Fehler machst wie ich.«

»Es ist mein Leben! Und es sind meine verdammten Fehler!«

So ging es noch eine ganze Weile lang weiter, jeder der Sätze, die sie sich an den Kopf knallten, war lauter als der vorige. Irgendwann stürmte Levke aus dem Haus. Sie holte ihr Fahrrad und fuhr wieder zum Strand.

Sie rannte am Wasser entlang, einen Kilometer aufwärts, bis zum Strandbad und dann wieder zurück. Wenigstens regnete es mal ausnahmsweise nicht. Hin und wieder tasteten sich sogar ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolkenwand und brachten die Wasseroberfläche zum Glitzern wie Frischhaltefolie.

Sie holte aus und kickte eine Ladung Sand ins Meer. Die feinen Körner prasselten ins Wasser wie kleine Regentropfen. Levke schickte wieder eine Ladung los, noch eine und noch eine. Als hätten die Wolken das Geräusch als Aufforderung verstanden, begann es wieder zu nieseln.

Ich will hier weg, dachte Levke. Dann geh doch nach Berlin, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, die genauso klang wie die von Barbara. Nein, dachte Levke. Ich will nicht zurück. Ich will an einen anderen Ort. Wenn ich nur wüsste wohin.

Auf dem Rückweg radelte sie durchs Dorf. In Rippenhoven gab es einen kleinen Supermarkt, der abends um halb sieben zumachte, eine Tankstelle, einen Bäcker, eine Metzgerei und einen Imbissstand. Vor dem Imbissstand waren Schirme aufgebaut, Sonnenschirme gegen den Regen. Unter einem Schirm stand ein gut aussehender junger Typ und aß eine Bratwurst.

Ein gut aussehender Typ? Hier in Rippenhoven? Sie fuhr unwillkürlich langsamer.

Jetzt drehte der junge Mann den Kopf und sah sie an.

Es war Tomasz.

Levke war so überrascht, dass sie bremste.

Warum tat sie das? Warum fuhr sie nicht einfach weiter? Sie kannten sich eigentlich kaum. Und wie sie Tomasz einschätzte, war er bestimmt nicht wild auf ihre Gesellschaft.

Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie war abgestiegen, sie musste zu ihm hinüber.

»Hi!« Sie hob die Hand zur Begrüßung und nickte an Tomasz vorbei, in Richtung Würstchenwagen. So als käme sie jeden Tag hierher. Der Würstchenverkäufer glotzte verständnislos zurück, aber das konnte Tomasz nicht sehen.

»Alles klar?«, fragte Levke.

Tomasz biss ein Stück von seiner Wurst ab, kaute und schluckte, dann leckte er sich einen kleinen Klecks Senf von der Oberlippe. In T-Shirt und Jeans sah er ganz anders aus als in dem farbbespritzten Arbeitsoverall, in dem er sonst immer steckte. Größer, muskulöser. Irgendwie erwachsener. Deshalb hatte sie ihn vorhin auch nicht erkannt.

»Ich hol mir auch eine«, verkündete Levke.

Tomasz schwieg immer noch, als sie den Pappteller mit ihrer Bratwurst auf seinen Stehtisch stellte. Sie dippte die Wurst in den gelben Senfberg und nahm einen großen Happen. Gar nicht mal so schlecht, dachte sie, während sie schluckte. Im selben Moment explodierte ihr Mund. Sie schnappte nach Luft.

Grinste Tomasz oder bildete sie sich das nur ein?

»Ist sehr scharf«, sagte er und drehte sich um. Er ging zum Imbisswagen und holte zwei Colas. »Hier. Geht besser mit Trinken.«

»Danke.« Levke wischte sich mit einer Serviette Tränen aus den Augen.

»Nichts zum Bedanken.«

Sie lachte.

»Ist noch nicht sehr gut mein Deutsch«, sagte Tomasz achselzuckend.

»Besser als mein Polnisch«, sagte sie. »Warum bist du nicht im Haus und knechtest bis um Mitternacht?«

»Ist mein Geburtstag heute.«

»Was? Echt? Herzlichen Glückwunsch! Wie alt bist du denn geworden?«

»Achtzehn.«

»Irre. Du bist erwachsen! Du darfst jetzt Bier trinken.«

Er sah sie einen Moment lang verständnislos an, dann ging er wieder zum Imbisswagen und kaufte eine Flasche Bier und zwei Pappbecher. Er schenkte die Becher halb voll und reichte Levke einen. Er hatte sehr schöne, kräftige Hände mit langen Fingern, stellte sie dabei fest. Auf seinen Handrücken tanzten winzige weiße Farbspritzer, vielleicht hatten sie sich dauerhaft in seine Haut eingegraben.

»Auf dich, Prost!« Bah, eklig und bitter. Levke hasste Bier, aber jetzt war vermutlich nicht der richtige Augenblick, ihm das mitzuteilen.

»Prost.« Er verzog das Gesicht.

»S

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