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Nach dem Untergang der Welt: Jo Zybell's Apokalyptos Band 2

Roman von Jo Zybell bearbeitet von Mia Zorn

Nach dem Untergang der Welt: Jo Zybell's Apokalyptos Band 2

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Nach dem Untergang der Welt: Jo Zybell's Apokalyptos Band 2

Jo Zybell's Apokalyptos Band 2

Roman von Jo Zybell

bearbeitet von Mia Zorn


Der Umfang dieses Buchs entspricht 154 Taschenbuchseiten.


Die Welt nach einer kosmischen Katastrophe: Die Expedition nach Deutschland steht unter keinem guten Stern, auch wegen der persönlichen Probleme von Eve Barkley mit ihrem Geliebten David Emerson. Im ehemaligen Ruhrgebiet treffen sie auf erbitterten Widerstand von Barbaren und ein durchgedrehtes Computergehirn. Statt jedoch neue Erkenntnisse zu gewinnen und endlich weiterzufahren, verliert die Gruppe auf grausame Weise mehrere Mitglieder. Ihnen bleibt nur eine Chance, weiter zu kämpfen, um zu überleben.


1

Licht über Ruinen

Rheinmündung, Ende März 2522

Etwas stimmte nicht. Eve spürte es im selben Moment, als David, John Cox und Eddy Stallone nacheinander ihren Kommandostand betraten. Knapp neunzig Kilometer nördlich von Köln waren sie unweit der Küste im Rheindelta auf einer Insel gelandet. Es war früher Abend. Davids Panzer hatte an Dragon I angedockt.

Doc Doubleman kam ihr merkwürdig ernst vor, David und Spencer Miller tauschten verstohlene Blicke aus, während David und Captain Stallone eine Wand aus Eis zu trennen schien. So nüchtern Eve nach außen auftreten konnte – derartiges entging ihr nicht; nie. Sie nahm sich vor, David später darauf anzusprechen. Jetzt aber stand Wichtigeres auf der Tagesordnung.

„Die gute Nachricht zuerst.“ Sie tat erfreut, als würde sie die schlechte Stimmung der anderen nicht spüren. „Es ist ein Späher der Holden-Expedition.“

Doc Doubleman schnalzte mit der Zunge, David ballte die Rechte und schnitt eine triumphierende Miene, Stallone zuckte nicht einmal mit den Mundwinkeln. „McCalahan hat sich um den Vogel gekümmert.“ Eve setzte sich neben Miller vor die Instrumentenkonsole. Auch Emma Flowers und Ruud Simon waren anwesend. „Der Vogel ist genauso lädiert wie sein Multi-Kristall. Das ist die schlechte Nachricht.“

„Den Kolk kriegen wir wieder hin, sein Kristall allerdings muss ausgewechselt werden. Wenigstens konnten wir die Daten auf das Bordhirn überspielen. Ruud meint allerdings, der Datensatz sei beschädigt. Lassen wir uns überraschen.“

Sie nickte dem Techniker zu, und Simon, der neben ihr stand, tippte ein paar Befehle in die Tastatur. „Die Daten des Holden-Spähers bitte“, sagte er. Auf dem Monitor am unteren Rand des Panoramadisplays erschien eine Bestätigung des Befehls.

„Wusstest du eigentlich, dass Commander Holden und ich entfernte Verwandte sind?“ Eve drehte sich nach David um. Wie immer trug er die grauhaarige Perücke mit den vielen Zöpfchen. Zum ersten Mal kam sie ihr unpassend vor.

„Ist nicht wahr …“ Warum erwiderte er ihr Lächeln nicht? Warum wirkte er so angespannt? „Weißt du das aus den Johanna-Akten?“

Eve nickte. „Die Urgroßmutter meiner Urgroßmutter war die Schwiegermutter des Urgroßvaters seines Urgroßvaters. So ungefähr jedenfalls.“

Cox wollte wissen, was es mit den Johanna-Dateien auf sich hatte. Während sich auf dem Monitor ein Bild aufbaute, erklärte es Eve ihm. Eine sonore Männerstimme unterbrach sie, Terry Holdens Stimme. Alle horchten auf.

„Commander Terrence Holden auf Scout VII mit einem weiteren Bericht.“ Das Bild auf dem Monitor zeigte die topographische Karte einer bewaldeten Ruinenlandschaft. Etwas nördlich des einundfünfzigsten Breitengrades und etwas östlich des siebten Längengrades blinkte ein rotes Licht. Standort: Einundfünfzig Grad und vierundzwanzig Minuten Nord, sieben Grad und achtzehn Minuten Ost, irgendwo im Osten der Region, die man früher „Ruhrgebiet“ nannte. Wortlos deutete Eve auf die Datums- und Zeitangabe auf der Fußleiste: 2521-12-08 13:56.

„Wir haben uns ein paar Tage Zeit genommen, die Gegend zu erforschen. Hier, Ladies und Gentlemen, wie angekündigt unser zweiter Bericht …“

Es folgten Karten mit Zahlenlisten – Entfernungsangaben und Kurskoordinaten zumeist – und teilweise kommentierte Bilder. Das Bildmaterial zeigte Luftaufnahmen des Rheins, ausgedehnte Herbstwälder, und Ruinen zwischen Bäumen und auf Lichtungen. Nichts eigentlich, was man nicht auch zu sehen bekam, wenn man die Wälder zwischen Salisbury und London überflog oder Bilder aus den Mikrokameras der Späher auswertete, die aus Wales oder Schottland zurückkehrten. Hin und wieder stieg Rauch aus einem Barbarenlager oder einer der bewohnten Ruinen auf.

Ein größerer Teil des Berichts beschäftigte sich mit den Bewohnern dieser postapokalyptischen Trümmerlandschaft. Ein Film – offensichtlich von der Außenkamera des Dragons aufgenommen – zeigte Commander Holden und Captain Kathrin Mouse in Schutzanzügen inmitten von Newbarbarians. Ein paar zerlumpte Gestalten, zumeist Frauen und Kinder, knieten in einigen Dutzend Metern Entfernung im Ufergras der Ruhr, verwegen aussehende Männer in schwarzen Fellmänteln und mit langem, schwarzem Haupt- und Barthaar tanzten um Holden und Mouse herum, wobei sie die Geschenke der Expedition über den Köpfen schwenkten: Äxte, Messer, Schnüre, zu silbergrauen Bündeln gepackte Zeltplanen.

„Scheint ja ein Spaziergang durchs Paradies gewesen zu sein“, murmelte David.

Wieder erklang Holdens Stimme. „Die Newbarbarians dieser Region sind uns gegenüber niemals aggressiv geworden. Davon sollte man sich allerdings nicht täuschen lassen: Ihre Bewaffnung und ihre Erzählungen lassen den Schluss zu, dass es sich bei den meisten Stämmen um durchaus kriegerische Menschen handelt. Ihre ausgedehnten Ruinenwälder bezeichneten sie übrigens als Ruhrwichse, die Gesamtheit ihrer Stämme als Borussen. Unser Ethnologe schätzt ihre Population auf insgesamt drei bis viertausend Köpfe. Sie zerfallen in unterschiedliche, teilweise heftig miteinander rivalisierende Horden und Clans, die sich Krefeldpack, Düsburgpack, Kanakkenpack oder Borussiapack nennen …“

Letztere waren nach Holdens Bericht der zahlenmäßig größte und wohl auch mächtigste Stamm. Da sie weiter nördlich siedelten, vor allem in den Ruinen des ehemaligen Dortmunds, hatte die Expedition zu jenem Zeitpunkt noch keinen ihrer Vertreter zu Gesicht bekommen. Holden dokumentierte jedoch Aussagen des Häuptlings einer Jagdhorde der Düsburgpack, die seine Ethnologin übersetzte. Der Newbabarian schilderte jene Borussen als gefährliche Krieger und geschickte Jäger. Sein Bericht hörte sich ganz so an, als würde man in den Siedlungsgebieten der Borussen eine primitive Stufe der Eisenverarbeitung beherrschen und Waffenhandel bis zu den Inseln der ehemaligen Niederlande betreiben.

Von dieser Stelle an klang Holdens Stimme zunehmend verzerrt und war bald gar nicht mehr zu verstehen. Die Bilder lösten sich auf, und teilweise blieb der Monitor dunkel. Das Bordhirn gab nur noch Bruchstücke des Berichts wieder und signalisierte eine Störung. „Ich ahnte es“, sagte Eve. „Die Daten sind beschädigt.“

Ruud Simon versuchte vergeblich, dem Datenträger weitere Geheimnisse zu entlocken. Er rief den Informatiker von Dragon II, Niklas DeJong zu Hilfe. Gemeinsam gelang es ihnen, wenigstens einen Teil des Datensatzes wieder herzustellen. Alle atmeten auf, als wieder scharfe Bilder über den Monitor flimmerten. Sie sahen Barbarengruppen, die Holdens Panzer hinterher winkten, sie sahen ausgedehnte Wälder, Pfahlhütten an Flussläufen und Seen, Rauchsäulen über Ruinen, und so weiter, und so weiter.

Eine der letzten Aufnahmen zeigte einen Lichtschein am Horizont. Obwohl es Tag war, leuchtete in den Ruinenwäldern etwas so hell, dass Eve an ein Feuer denken musste. Holdens Dokumentation ging nur mit ein paar Worten auf das Phänomen ein: Die kleinen menschlichen Siedlungen in den Ruinen Dortmunds nennen die Düsburgpack Borussiaburg. Aus der Ruinenstadt, so ihre Erzählungen, rage ein Tor, das, wie sie sagen, „in Luzifucks finstere Tiefen“ führe. Riesige Mutanten würden den Eingang bewachen, und selbst die Borussen wagen sich nicht näher als bis auf fünf Speerwürfe heran …

Hier wurde der Datensatz wieder lückenhaft. Die im Cockpit von Dragon I versammelten Offiziere und Wissenschaftler erfuhren immerhin noch, dass Holden das „Höllentor“ anfunkte. Als er keine Antwort erhielt, schien er ein paar Meilen östlich daran vorbei in Richtung Norden gefahren zu sein. Sein Kommentar zu dieser Entscheidung: „Sie, die Octoyans von Salisbury und London, haben uns beauftragt, in Skandinavien nach Bunkerzivilisationen zu suchen und nicht Luzifucks Dämonenreich zu erforschen – was immer sich hinter diesem Barbarenmythos verstecken mag.“ Das war zugleich der letzte Satz seines Protokolls; der letzte lesbare Satz. Simon und DeJong fanden noch eine aktualisierte Karte der Ruinenwälder östlich des Rheins und nördlich des ehemaligen Düsseldorfs. Der Rest der Daten war unwiderruflich verloren.

„Versteh ich nicht.“ Eve schüttelte den Kopf. „Warum ist er dem Phänomen nicht auf den Grund gegangen?“

„Wir kennen die beschädigten Daten nicht“, sagte David. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Commander Holden am Ende nicht doch noch versucht hat, die Lichterscheinung unter die Lupe zu nehmen.“

Eve sah ihn nachdenklich an. Wie schön er war; und wie angespannt er aussah. „Ich auch nicht.“ Sie wandte sich an Ruud Simon. „Ist die Stelle in der Karte markiert?“ Simon nickte und holte die Karte auf den Monitor. „Luzifucks Höllentor“, stand in Anführungszeichen neben einem Zeichen für interessante aber noch unerforschte Ruinen. „Fahren wir hin“, sagte Eve.

„Unser Job ist es, Dr. Cox und seine Mannschaft nach Leipzig zu bringen und acht Wissenschaftler aus Leipzig zurück in die Heimat zu holen“, gab David zu bedenken.

„Meines Wissens sollen wir auf dem Weg nach Leipzig so viele Informationen über die Holden-Expedition sammeln, wie möglich.“ Zum ersten Mal meldete Eddy Stallone sich zu Wort. Die Zöpfchen seiner schwarzen Perücke hingen ihm in die Stirn. „Ich bin also dafür, dieses bescheuerte Licht unter die Lupe zu nehmen.“ Er sah seinen Kommandanten nicht an, während er das sagte. Überhaupt glaubte Eve bemerkt zu haben, dass die beiden Männer die ganze Zeit keinen Blickkontakt aufgenommen hatten.

„Ich stimme Captain Stallone zu, Major Emerson.“ Eve lächelte ihren Geliebten und Untergebenen an. „Wir fahren morgen also nach – wie heißt das gleich?“ Sie drehte sich zu dem Monitor mit der Karte um. „Nach Borussiaburg.“


*


Am nächsten Vormittag nahm Eve den Geographen Crosby an Bord ihres Flaggtanks und startete zu einem Erkundungsflug über das Rheindelta. Sie wollte Holdens Kartenmaterial dieser Gegend mit ihren eigenen Messungen abgleichen. Das Mündungsgebiet des Stroms war noch lange nicht vollständig erfasst. Vor einem halben Jahrtausend mündete der Rhein noch hundertvierzig Kilometer weiter nordwestlich ins Meer. Seit dem Asteroideneinschlag bedeckte die Nordsee den größten Teil der ehemaligen Niederlande, und der Strom mündete knapp fünfzig Kilometer nördlich von Duisburg in die Nordsee.

In den drei Stunden, die sie und Abe Crosby für die kartographische Arbeit benötigten, versuchte David Emerson von Dragon II aus die Heimat-Societies anzufunken. Vergeblich.

Gegen Mittag ließen beide Dragons die Rheinmündung hinter sich und flogen dreißig Fuß über dem Wasser flussabwärts. Weder die Ortungsgeräte noch ihre bloßen Augen entdeckten etwas, das sie nicht schon aus Holdens Protokollen kannten: Ausgedehnte Wälder an beiden Ufern, meist dichter Baumbestand auch dort, wo bemooste Stahlskelette, von Efeu oder wildem Wein eingesponnene Schornsteine oder Gebäudefassaden zwischen den Kronen des Uferwaldes in den Himmel ragten, und immer wieder Brückenruinen.

Bogoto, McCalahan und Miller tauschten Erfahrungen aus, die sie auf unterschiedlichen Inselexpeditionen gemacht hatten, der Schwarze gab seine üblichen Scherze zum Besten, und der sonst eher wortkarge Miller ließ sich hinreißen, den Boxkampf zwischen David Emerson und Eddy Stallone zu schildern. Von den Wissenschaftlern hörte man wenig, sie hatten sich ins Labor oder in die Schlafkojen zurückgezogen. Eve selbst sprach nur das Allernötigste.

Mit ausdrucksloser Miene saß sie neben Spencer Miller und beobachtete Instrumente, Ortungsmonitoren und Panoramadisplay. Hin und wieder, wenn Mac oder Spencer Miller sie ansprachen, zwang sie sich zu einem höflichen Lächeln. Niemandem fiel ihre gedrückte Stimmung auf.

Ja, sie war schlecht gelaunt, wütend sogar. Statt mit ihr, hatte Dave sich am Abend zuvor mit Spencer Miller ins Hecksegment von Dragon II zurückgezogen; auf eine Partie Schach angeblich. Kaum drei persönliche Sätze hatten sie nach der Auswertung der Holden-Daten wechseln können; und bevor David mit Miller hinüber in seinen Dragon gegangen war, hatte er weiter nichts als einen flüchtigen Kuss für sie übrig gehabt.

Warum bei allen Asteroiden der Milchstraße entzog er sich ihr? Sie hätte heulen mögen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die hereinkommenden Daten, gab die nötigen Anweisungen und lächelte, wenn Lächeln angesagt war. Sie musste ihn unter vier Augen sprechen, irgendwie und sobald wie möglich.

Nach dreißig Kilometer etwa öffnete sich die Ruinenlandschaft am Ostufer, Flussarme mündeten in den Rhein, ein See breitete sich aus. Eve holte die aktualisierte Karte auf den Monitor. „Die Ruhrmündung“, sagte Spencer Miller.

„Und der ehemalige Hafen von Duisburg.“ Eve ließ Kurs auf die Ruinen der Stadt nehmen. Ein letzter Versuch London anzufunken gelang. Für ein paar Sekunden stand die Verbindung. Sie konnten immerhin ihre Position und ihr nächstes Ziel durchgeben. Aus London kam eine kurze Bestätigung, dann brach die Verbindung wieder zusammen.

Sie ließen den Rhein hinter sich. In sechzig Fuß Höhe überquerten sie Brücken, Hafenbecken, Straßentrassen, Schiffswracks und teilweise gut erhaltene Hallen- und Fabrikruinen. Niemand sprach ein Wort in diesen Minuten, als sie in das ehemalige Ruhrgebiet eindrangen und unter sich nichts als Verfall und Verwüstung vorüber gleiten sahen.

Eine Rauchsäule war die erste Spur menschlichen Lebens, die sie entdeckten. Sie stieg von einem Schiff auf, das neben einer Brücke vor Anker lag. Holzleitern führten von der Brücke auf eine Containerladung hinunter. Wie auf der Brücke wuchsen auch auf den Containern und entlang der Reling kleine Bäume und Büsche. Auf einer Plattform, die einst den Kommandostand des Frachters getragen hatte, hockten ein paar Gestalten in gefiederten Umhängen um ein Feuer. Kaum hatten sie die fliegenden Ungetüme bemerkt, sprangen sie auf, kletterten über Leitern aufs Deck hinunter und versteckten sich zwischen Büschen und Containern. Auch zwischen den Bäumen auf der Brücke entdeckten sie Menschen, die sich in panischer Flucht in Sicherheit brachten.

„Unser Ruf scheint eindeutig zu sein“, sagte Mac. „Soll ich mich jetzt darüber freuen?“

„Warum sehe ich die verdammten Stinker nie so rennen?“, tönte Bogotos weinerliche Stimme aus dem Bordfunk.

„Möglicherweise behandeln wir sie zu human“, antwortete Spencer Miller. Niemand antwortete ihm. Eve verfluchte ihn innerlich. Sie war eifersüchtig auf ihn.

Bald stießen sie auf eine Autobahntrasse und folgten ihr nach Norden. Auf ihr zu landen und die Reise zu Boden fortzusetzen verbot sich, weil unzählige größere und kleinere Buschhügel sie bedeckten. Es war, als würde eine unendliche Kette von Gräbern sich nach Norden ziehen. Eve ließ die Dragons bis auf vierzig Fuß sinken. In dieser Höhe glitten sie lange Zeit über die zugewucherten Autowracks hinweg, bis eine weitere Trasse die alte Autobahn kreuzte. Eve verglich die aktuelle mit der antiken Karte. „Die A-42“, sagte sie schließlich. „Sie führt nach Borussiaburg. Folgen wir ihr nach Osten.“

Auch hier unzählige Autowracks unter Moos, Gras und Buschwerk. Die Lücken zwischen ihnen maßen kaum einmal dreihundert Meter; zu wenig, um die Kettenschuhe auszufahren.

Nach dreißig Kilometern etwa erreichten sie ein weiteres Trassenkreuz. Unterführungen und Brücken waren hier mit Baumstämmen verbarrikadiert, so dass sie wie Hallen oder große Garagen aussahen. Die Fahrzeuge davor und dahinter – meist große Personen- und Lastentransporter – lagen weitgehend frei von Moos und Gestrüpp. Auf einigen entdeckten sie Holzverschläge, auf anderen Zeltplanen, auf wieder anderen Feuerstellen. Menschen kletterten aus den Gehäusen und Verschlägen. Statt Fellumhänge und Ledermäntel trugen einige der Newbarbarians dort unten ähnliche Federkleider, wie die Wilden am alten Hafen. Statt jedoch zu fliehen wie jene, starrten diese hier zu ihnen hinauf. Manche winkten sogar.

„Möglicherweise die berüchtigten Borussen“, mutmaßte Spencer Miller.

„Oder Newbarbarians, bei denen Holden sich als guter Gottvater eingeschmeichelt hat“, sagte Bogoto.

„Dragon II an Dragon I.“ Davids Stimme. „Die scheinen keine Angst zu haben. Sollen wir Kontakt aufnehmen?“

„Nein“, entschied Eve. Auf der alten Karte hatte sie eine Universität entdeckt. Eine Idee nahm Gestalt in ihrem Kopf an. „Wir folgen der Autobahntrasse, die nach Süden führt. Dort liegt eine Region, die in den antiken Karten als Bochum bezeichnet wird.“ Ein Begriff, der in ihren Ohren nicht weniger exotisch klang, wie Dortmund oder Borussiaburg. „Wenn Holdens Karten stimmen, gelangt man von dort aus am schnellsten ins Zentrum der Ruinen Borussiaburgs und zu jener Lichterscheinung.“ David widersprach nicht.

Die Kette von Autowracks riss jäh ab, jedenfalls auf der linken Trassenseite. Eve ließ die Kettenschuhe ausfahren, landen und auf dem Boden weiterfahren. Der Wald wurde für kurze Zeit dichter, doch bald schon ragten wieder Fassaden, Stahlskelette und Mauertürme aus den Bäumen. Eve legte ihren Köder aus.

„Der alten Karte nach muss es in dieser Gegend eine nicht unbedeutende Universität gegeben haben.“ Sie sagte das in den Bordfunk, hielt dabei aber die Sprechtaste gedrückt, die eine Verbindung mit Dragon II herstellte. Zunächst reagierte niemand.

Nach wenigen Kilometern stießen sie auf den Grund für den wrackfreien Trassenabschnitt: Eine zusammengestürzte Brücke, vor der sich einst aus beiden Fahrtrichtungen die Fahrzeuge gestaut hatten. Für einen Augenblick ahnte Eve, welch panischer Schrecken die Menschen in den Tagen des Asteroiden geknechtet haben musste.

Als sie über die Brücke schwebten, sah Eve im Westen den oberen Pol des roten Sonnenballs hinter einer Wolkenbank über dem Horizont schwimmen. Für Sekunden herrschte andächtige Stille im Kommandostand. Sie wechselten auf die rechte Trassenseite. Der eingestürzten Brücke wegen versperrte hier kein Wrack ihren Weg.

„Eine Universität?“ Emma Flowers reagierte als erste. „Stimmt. Holden erwähnt sie nicht. Seltsam.“

„Vermutlich hat sie ihn nicht interessiert“, sagte Eve.

„Dragon II an Dragon I“, meldete John Cox sich. „Commander Holden hatte nur zwei Wissenschaftler dabei. Die werden sich nicht durchgesetzt haben. Wir haben uns abgestimmt – uns würde die Ruine schon interessieren. Möglicherweise finden wir ja alte Datenbanken.“

Das bezweifelte Eve, behielt es aber für sich. „Gut, Dr. Cox. Dann legen wir zwei oder drei Forschungstage für Sie und ihr Team ein.“ Sie wartete auf Einwände, es kamen keine.

Die restlichen zwei Stunden bis zum Einbruch der Nacht suchten sie nach der Ruine der Universität. Sie fanden den großen und teilweise gut erhaltenen Komplex am Rand der Ruinenstadt. Zwischen einigen Schutthalden und zwei kastenartigen und vollkommen von Efeu eingehüllten Gebäuden landeten sie und dockten aneinander an.

Eves Stolz ließ es nicht zu, an diesem Abend noch einmal auf David zuzugehen. Morgen erst würde sie ihn ansprechen. Morgen würde er ihr gehören. Insgeheim wartete sie dennoch darauf, dass er die Initiative ergriff. Er tat es nicht.

Wunden Herzens versuchte sie ihrer Enttäuschung Herr zu werden. In den Johanna-Dateien fand sie schließlich Vergessen. Bis zum Morgengrauen versank sie in den Aufzeichnungen ihrer Urahnin.


*


Am nächsten Morgen stiegen die Wissenschaftler in ihre Schutzanzüge und verließen die Dragons. Sie teilten sich in zwei Gruppen, Eddy Stallone und Spencer Miller eskortierten die Londoner Gruppe um John Cox, Ari Bogoto und Stanley McCalahan die Gruppe aus Salilsbury unter Emma Flowers. Eve, allein auf Dragon I zurückgeblieben, beobachtete sie auf dem Panoramadisplay. Angeführt von den bewaffneten Offizieren strebte jede Gruppe auf eine andere der riesigen Ruinen zu. Nacheinander verschwanden sie hinter Vorhängen aus Rankengewächsen.

Auf Dragon II saß Barbara Brook an ihren Ortungsgeräten. Laser, Infrarotsensor und Radar tasteten die Gebäude und ihre Umgebung ab. Courtney Rubens hatte den Auftrag mögliche Funksignale anzupeilen und Kontakt zu London herzustellen.

Eve übergab die Kontrolle ihrer Ortungsinstrumente dem Bordhirn und funkte David an. „Commander an Major Emerson. Wir sollten uns über ein paar Dinge verständigen. Ich schlage meinen Kommandostand als Treffpunkt vor.“ Es dauerte ein paar Sekunden, bis er bestätigte. Zehn Minuten später meldete der Schleusenbutler seine Anwesenheit im Hecksegment, kurz darauf bückte er sich durch die Luke zu Segment II.

„Hallo, Eve.“ Er umarmte sie und küsste sie auf die Wange. Danach sank er in den Navigationssessel. Müde sah er aus. Statt seiner grauen Zopfperücke trug er ein blaues Tuch mit gelben Sternen auf dem Kopf.

„Was ist los mit dir, David?“ Eve kam sofort auf den Punkt. „Warum weichst du mir aus?“

Er senkte den Blick, starrte die Instrumentenkonsole an.

„Irgendwas stimmt nicht, ich spüre es doch.“ Sie setzte sich in den Pilotensessel, drehte ihn, fixierte David. „Wir sollten es klären. Jetzt.“

Er hob den Kopf, sah sie eine Zeitlang schweigend an, und sagte schließlich: „Ich hab Schwierigkeiten mit Stallone.“

„Was für Schwierigkeiten?“

„Disziplinarische. Er macht die Frauen an. Ich hab ihn zurechtgewiesen. Seitdem ist er rebellisch, will Befehle nicht verstanden haben oder kommt ihnen nur verzögert nach. Und so weiter.“

„Warum …“ Eve schüttelte den Kopf, sie war verwirrt. „Warum hast du nicht mit mir darüber gesprochen?“

David zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen. Scham, vermutlich. Ich wollte allein damit klarkommen.“

Sie stand auf, ging zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter. „Das verstehe ich. Ich werde ihn mir trotzdem vorknöpfen. Ausgeschlossen so ein Verhalten. Was ist nur in ihn gefahren? So was kann das ganze Unternehmen gefährden. Ich nehme ihn mir zur Brust.“

„Bitte nicht, Sonne.“ Er fasste ihre Hand und sah zu ihr hinauf. „Das würde meine Position auf dem Tank gefährden. Er muss sich mir unterordnen, oder wir müssen London anfunken, damit sie ihn abholen und einen Ersatzmann bringen.“ Eve nickte langsam. Sie dachte an die Konkurrenz der beiden Männer im Boxring. Spencer Miller hatte ihr davon erzählt. „Heute Abend habe ich mich zu einem Gespräch mit ihm verabredet. Danach sehen wir weiter.“

„Also gut“, sagte Eve. „Versuche es. Aber wenn es nicht funktioniert, muss ich mich mit ihm beschäftigen.“

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