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Nächte prickelnder Leidenschaft

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1. KAPITEL

Nervös überflog Isobel ein allerletztes Mal die Zahlen auf ihrem Bildschirm. Die ersten Phasen des gemeinsam ausgearbeiteten Geschäftsplans waren erfolgreich in die Tat umgesetzt worden. Alle Prognosen zeigten, dass sie auf Kurs waren. Der Vorstand von Cassano Holdings würde zufrieden mit der Entwicklung sein, die Spicer Shoes in den vergangenen Monaten durchgemacht hatte.

Sie klappte den Laptopdeckel zu, warf einen Blick auf die Uhr und atmete tief durch. Eine Sache musste sie unbedingt noch erledigen, ehe sie sich auf den Weg zur Vorstandssitzung machen konnte. Zögernd stand sie auf und strich glättend über den Rock ihres dunkelblauen Businesskostüms. Dann ging sie hinüber zum Sofa, wo ihre Handtasche lag. Das Herz hämmerte ihr gegen die Rippen, als sie mit zitternden Fingern das kleine Apothekentütchen daraus hervorholte und ins angrenzende Badezimmer trat. Am liebsten wollte sie es gar nicht wissen, aber was half es schon, die Augen vor der Realität zu verschließen?

Da musste sie jetzt durch.

„Steht für heute noch irgendetwas anderes auf der Tagesordnung?“

Orlando Cassano lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schaute, mit seinem goldenen Füllfederhalter spielend, in die Runde. Nachdem alle Vorstandsmitglieder verneint hatten, wandte er sich an die junge Frau am anderen Ende des gläsernen Tisches. „Isobel?“ Fragend schaute er sie an. „Möchtest du vielleicht noch etwas hinzufügen?“

Hastig schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich denke, wir haben alles besprochen.“

Wenn das nur der Wahrheit entspräche …

Dummerweise gab es einen weiteren Punkt, den sie dringend noch mit Orlando klären musste – und zwar persönlich und unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Mit großer Mühe zwang sie ein Lächeln auf ihre Lippen. Auf keinen Fall wollte sie vor den versammelten Direktoren, Buchhaltern und Marketingfachleuten, aus denen die britische Sektion von Cassano Holdings bestand, Schwäche zeigen. Und bisher war es ihr auch recht gut gelungen, den Anschein der kühlen Geschäftsfrau zu wahren. Doch sie wusste, dass Orlando schon ein Blick in ihre Augen genügen würde, um sie zu durchschauen. Deshalb gab sie nun auch vor, gänzlich in das Studium einiger Papiere vertieft zu sein, die sie in Wahrheit nicht einmal wahrnahm.

„Bene“, verkündete Orlando. „Dann können wir für heute Schluss machen.“

Um Isobel herum wurde zusammengepackt, und die Ersten verließen bereits den Sitzungssaal, während sie absichtlich trödelte, um Zeit zu schinden.

Als ein Schatten über sie fiel, schluckte sie hart. Sie brauchte nicht einmal aufzusehen, um zu wissen, dass er es war.

„Du hast deine Sache gut gemacht, Isobel“, sagte Orlando, und der Klang seiner Stimme brachte tief in ihrem Inneren etwas zum Vibrieren. „Ich bin zuversichtlich, dass wir eine für beide Seiten äußerst einträgliche Partnerschaft führen werden.“

Er hielt inne, musterte sie kritisch und runzelte die Stirn. Mist! Offenbar hatte sie ihre Gefühle nicht so gut verborgen wie gehofft.

„Ihre bisherigen Leistungen sind wirklich eindrucksvoll“, mischte sich der Direktor der Finanzabteilung ein und verschaffte ihr eine kurze Atempause. „Wenn Sie so weitermachen, müssen wir wohl bald über eine Neuverhandlung Ihres Vertrags nachdenken …“

Eisern hielt Isobel an ihrem Lächeln fest. Noch vor sechs Wochen, als sie bei Cassano Holdings unterzeichnet hatte, wäre sie über diese Ankündigung vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen gewesen. Jetzt aber … Es fühlte sich an, als hätte man ihr mit einem Ruck den Boden unter den Füßen weggezogen.

Indem sie sechzig Prozent ihres Unternehmens an diese riesige Kapitalgesellschaft überschrieben hatte, war sie ein großes, aber kalkuliertes Risiko eingegangen. Und es war nötig gewesen, denn Spicer Shoes wuchs so rapide, dass sie dringend eine größere Finanzspritze für Investitionen benötigt hatte.

Sie war so stolz auf ihr Verhandlungsgeschick gewesen. Es war ihr sogar gelungen, das Rückkaufsrecht über zwanzig Prozent der Anteile zu vereinbaren. Somit würde sie wieder Hauptanteilseignerin sein, sobald die Gewinnspanne ersichtlich machte, dass sie es aus eigener Kraft schaffen würden. Zu ihrer Überraschung war es gar nicht einmal so furchtbar schwer gewesen. Alles hätte ganz wunderbar sein können – doch dann war sie mit dem atemberaubenden Orlando Cassano ins Bett gegangen. Ein gewaltiger Fehler, wie ihr inzwischen klar war.

„Nun, dann danke ich allen Anwesenden für ihr Kommen“, sagte Orlando und verkündete damit offiziell das Ende der Sitzung. Die restlichen Vorstandsmitglieder verließen den Saal – einige blieben noch kurz stehen, um Isobels Hand zu schütteln und ihr zu gratulieren.

Und dann waren sie plötzlich allein.

Isobels Herz klopfte wie verrückt.

Sie musterte Orlando verstohlen. Er stand mit dem Rücken zur Fensterfront des Saals. Hinter ihm zeichnete sich die Londoner Skyline mit ihren weltbekannten Bauwerken ab. Seine Miene war düster und grüblerisch. Der elegante Schnitt seines Anzugs unterstrich seine breiten Schultern, das weiße Hemd betonte seinen olivfarbenen Teint. Isobel konnte nicht leugnen, dass sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen fühlte.

Doch vor ihr stand Orlando Cassano, der berüchtigte Geschäftsmann. Ein härterer, kälterer und sehr viel gefährlicherer Mann als der, den sie auf der Insel Jacamar getroffen hatte.

Sie hatte ihn auf seiner Privatinsel in der Karibik aufgesucht, um ihm ihren Geschäftsvorschlag zu präsentieren. Was war sie für ein Nervenbündel gewesen! Zugleich aber auch voller Enthusiasmus und Ideen. Sie hatte an ihrem Businessplan so lange gefeilt, bis er perfekt gewesen war – ebenso wie an ihrer Rede, die sie im Flugzeug immer wieder und wieder geübt hatte.

Dass Orlando Cassano eine harte Nuss war, wusste jeder. Es wurde sogar gemunkelt, dass sich hinter seinem weltgewandten Auftreten und dem guten Aussehen ein Herz aus Stein verbarg. Umso entschlossener war Isobel gewesen, diese einmalige Chance zu nutzen. Und als sie ihm schließlich gegenüberstand, waren all die Ängste und Zweifel mit einem Schlag verflogen gewesen.

Sie musste zugeben, dass der Mann, den sie auf Jacamar kennenlernen durfte, sich drastisch von dem unterschied, was sie erwartet hatte. Er war zum Niederknien attraktiv, soweit trafen die Gerüchte zu. Aber außerdem auch entspannt, charmant und witzig. Und nicht zu vergessen unglaublich sexy.

Er war ihr schon aus der Entfernung aufgefallen. Mit angehaltenem Atem hatte sie vom Motorboot aus zugesehen, wie seine imposante Gestalt am Landungssteg immer größer und größer wurde. Er hatte verblichene Surf-Shorts und ein ärmelloses T-Shirt getragen; barfuß, die dunklen Locken vom Wind zerzaust. Doch trotz seines legeren Strandoutfits wusste sie sofort, wer er war.

Isobel hatte gewartet, bis alle anderen Passagiere von Bord gegangen waren. Hatte zugehört, wie Orlando die Leute begrüßte und ihnen bei ihrem Gepäck half. Und dann war sie selbst an der Reihe gewesen. Als sie wacklig aufstand, packte er ihre Hand. Sein fester Griff und die Wärme seiner Haut hatten ihr Herz unwillkürlich schneller schlagen lassen.

Und daran hatte sich seitdem nichts geändert …

„Nun, Miss Spicer“, sagte Orlando jetzt, die Arme vor der breiten Brust verschränkt. „Es ist überraschend schwierig, mit dir in Kontakt zu treten.“

Seine Stimme klang tief und volltönend, und seinen Worten haftete der Hauch eines italienischen Akzents an. Es machte ihn nur noch attraktiver.

„Warum werde ich bloß das Gefühl nicht los, dass du mir aus dem Weg gehst?“, fragte er.

„Ich gehe dir nicht aus dem Weg.“ Sie hob den Blick und biss sich auf die Lippe, als diese leicht zu zittern begann. „Ich … war einfach nur beschäftigt, das ist alles. Außerdem dachte ich, du wolltest das so.“

Er trat vom Fenster weg, durchquerte den Raum und schloss die Tür zum Vorzimmer mit einem leisen Klick. „Ich hatte schon angefangen, mir Sorgen zu machen.“

Isobel musterte ihn forschend. Besorgt wirkte er nicht unbedingt – aber was sie ihm zu sagen hatte, würde das sicherlich schon bald ändern.

„Die Zahlen dürften dir bewiesen haben, dass alles in bester Ordnung ist“, sagte sie ausweichend.

Er neigte den Kopf und hob eine Braue – ein deutliches Zeichen, dass er darauf nicht angespielt hatte.

Worüber sie sich natürlich im Klaren war.

Doch sie ging einfach darüber hinweg. „Die Produktion in der Fabrik in Le Marche wird schon bald beginnen und …“

„Ich spreche nicht von der Fabrik, Isobel, und das weißt du auch.“ Er trat auf sie zu. „Es geht mir um dich. Um uns. Fangen wir doch damit an, dass du meine Einladung zum Abendessen vollkommen ignoriert hast.“

Sie zuckte zusammen. Er war ihr viel zu nah. Sie konnte kaum klar denken, kaum einen zusammenhängenden Satz bilden. Es stimmte, dass sie die E-Mail ignoriert hatte, die letzte Woche bei ihr eingegangen war. Nun, ignoriert traf es vielleicht nicht so ganz. Sie hatte wie gelähmt vor dem Bildschirm ihres Laptops gesessen und versucht, eine Antwort zu formulieren, sich am Ende aber geschlagen gegeben.

„Ich habe nicht geantwortet, weil ich es nicht für sinnvoll hielt.“

Orlandos Augen wurden schmal. Er machte noch einen Schritt auf sie zu. „Würdest du das wohl bitte näher für mich ausführen?“

Sie schluckte, doch der Kloß in ihrer Kehle wollte nicht weichen. „Ich dachte, dass das, was auf Jacamar passiert ist … Was wir gemacht haben …“ Sie atmete tief durch. „Ich dachte, wir sollten unsere Beziehung lieber auf eine rein professionelle Basis beschränken.“

„Das findest du also, ja?“

Noch ein Schritt, und nun stand er unmittelbar vor ihr. Ihre Knie wurden weich.

„Ja, allerdings.“

„Und warum, Miss Spicer?“

Er legte seine Hände auf ihre Schultern. Nun gab es für sie kein Entkommen mehr vor der unglaublichen sexuellen Ausstrahlung, die von ihm ausging. Und Isobel konnte die Spannung, die die Luft zwischen ihnen zum Knistern brachte, nicht länger leugnen.

Es wäre so leicht, die Arme um seinen Nacken zu schlingen und den Hunger zu stillen, den sie empfand. Doch sie wusste aus Erfahrung, dass es ein Fehler wäre. Sie hatte ihn schon einmal begangen – sie war nicht so dumm, ihn zu wiederholen.

Offensichtlich hatte Orlando aber andere Pläne, denn ehe sie sich versah, berührten seine Finger ihr Haar, und seine Lippen pressten sich auf ihre. Er verschwendete keine Sekunde und eroberte ihren Mund mit seiner Zunge. Es war ein Kuss so voller Feuer und Gier. Ein Kuss, der keine Zweifel daran offenließ, wohin er führen würde.

Isobel kämpfte dagegen an, aber schließlich schloss sie die Augen und kapitulierte vor seiner sinnlichen Übermacht.

Orlando presste seinen Unterleib an ihren Schenkel, und sie konnte seine Erektion spüren, die sich deutlich unter den maßgeschneiderten Designerhosen abzeichnete.

„Ich habe dich vermisst“, stieß er heiser hervor und eroberte ihren Mund erneut. „Sag, hast du auch ein klein wenig an mich denken müssen?“

„Nein!“, keuchte Isobel, als sie endlich wieder zur Vernunft kam. „Wir müssen damit aufhören. Sofort!“ Sie legte beide Hände flach auf Orlandos Brust und schob ihn von sich fort. Dann trat sie einen Schritt zurück und versuchte verzweifelt, die Kontrolle über ihren Körper zurückzugewinnen. Leicht fiel es ihr nicht. Das Blut pulsierte ihr noch immer wie flüssiges Feuer durch die Adern, und ihre Brust hob und senkte sich stoßweise. „Ich meine … es ist vorbei.“ Ihr versagte die Stimme. Doch es gab Dinge, die mussten einfach ausgesprochen werden. Und ihn zurückzuweisen – ihn, den einzigen Mann, den sie jemals wirklich begehrt hatte –, war die einzig richtige Entscheidung. „Wir können das nicht mehr tun.“

Mit einer lässigen Handbewegung zog Orlando sich die Krawatte vom Hals, die ihm plötzlich die Kehle zuzuschnüren drohte. Er streifte sein Jackett ab und warf es achtlos über eine Stuhllehne. Was war eigentlich im Moment los? Hatte sich das Schicksal gegen ihn verschworen?

Er hatte sich wirklich darauf gefreut, Isobel heute wiederzusehen. Ihre Bekanntschaft zu vertiefen, hatte ein Lichtblick in einer ansonsten frustrierenden und deprimierenden Woche sein sollen. Doch es machte nicht den Eindruck, als wäre ihm dieses kleine Vergnügen vergönnt.

Er hatte geplant, ein paar Tage in London zu bleiben, ehe er nach Italien zurückkehren musste, um die Angelegenheiten seines Vaters zu regeln. Seine Geschäfte im Vereinigten Königreich waren rasch geregelt gewesen, sodass er den Rest der Zeit zusammen mit Isobel hätte verbringen können.

Theoretisch.

Doch ihrem abweisenden Gesichtsausdruck nach zu urteilen, konnte er das vergessen. Also würde er wohl heute Abend gleich nach Italien jetten, seine Pflichten erfüllen und dann so schnell wie möglich nach New York zurückkehren. Begeisterung empfand er angesichts dieser Aussichten nicht unbedingt. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte nie wieder auch nur einen Fuß in seine Heimatstadt Trevente gesetzt. Die historische italienische Stadt, die zwischen der türkisfarbenen Adria und den schneebedeckten Gipfeln der sibillinischen Berge lag, besaß zweifellos herrlichstes Ansichtskartenflair. Für Orlando jedoch barg dies keinen Reiz mehr.

Und was das Castello betraf, das auf einem Felsen über der Stadt thronte, und den verdammten Titel des Marchese di Trevente, der damit einherging – beides konnte ihm gestohlen bleiben. Ganz gleich, ob er nun der rechtmäßige Erbe war oder nicht.

Auf ihn wartete ihn Trevente ohnehin nur eine Ruine. Sein Vater, dieser hinterhältige Nichtsnutz, hatte den einstmals prachtvollen und einträglichen Besitz der Familie Cassano in die Knie gezwungen. Die Weinberge waren verwahrlost, die Höfe vernachlässigt, die zahlreichen Liegenschaften verfallen. Und dieselbe Beschreibung konnte man auch auf das majestätische Castello Trevente anwenden.

Dass er persönlich nach Trevente reisen musste, nur dieses Erbe wieder loszuwerden, hatte Orlandos Wut nur noch angefacht. Aber seine Rechtsabteilung war nicht in der Lage gewesen, dieses altertümliche italienische Gesetz zu umgehen. Er würde wohl oder übel den Familiennotar aufsuchen müssen, um seine Unterschrift zu leisten. Erst dann konnte er sich um einen Verkauf des ganzen verdammten Grundstücks kümmern und all die dunklen Erinnerungen hinter sich zurücklassen.

Seine Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Er musterte die trotzige junge Frau, die vor ihm stand. Sie wollte ihn also einfach so abservieren. Nun, das kam allerdings zum ersten Mal vor – normalerweise konnten Frauen gar nicht genug von seiner Aufmerksamkeit bekommen. Und ja, die Zurückweisung fühlte sich an wie eine Ohrfeige. Außerdem war er enttäuscht darüber, dass Isobel ihm die Gelegenheit raubte, für eine Weile der frustrierenden Realität zu entkommen.

Und was nun? Wenn er vernünftig war, würde er ihre Entscheidung akzeptieren und ihr zum Abschied die Hand schütteln. Doch sein Körper war alles andere als vernünftig, wenn es um Miss Isobel Spicer ging. So war es schon vom allerersten Moment an gewesen, als sie auf seiner Insel in der Karibik aufgetaucht war. Und er weigerte sich, ihre Ablehnung hinzunehmen.

Orlando wurde klar, dass er Antworten wollte – Antworten brauchte –, ehe er sie vergessen konnte. Warum wich sie ihm aus? Warum stieß sie ihn von sich?

Isobel hatte den Abstand zwischen ihnen vergrößert. Trotzig begegnete sie seinem Blick. Er beobachtete, wie sie die Schultern straffte und ihr kastanienbraunes Haar zurück hinters Ohr strich. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre grünen Augen strahlten beinahe schon unnatürlich. Irgendetwas ging hier vor – und er würde sie nicht gehen lassen, ehe er nicht herausgefunden hatte, um was es sich handelte.

Er zwang sich, die kühle und gelassene Maske aufzusetzen, für die er so bekannt war, ging zum Tisch und rückte zwei Stühle zurecht. „Setz dich, Isobel.“

Sie zögerte, kam seiner Aufforderung dann aber nach. Orlando nahm ihr gegenüber Platz und bemerkte, dass sie sofort anfing, nervös mit den Beinen zu wippen.

„Also?“ Er lehnte sich zurück und nahm sie mit seinem Blick gefangen. „Würdest du mir erklären, warum du deine Meinung plötzlich geändert hast?“

„Das habe ich gar nicht“, entgegnete sie.

„Sondern?“

Sie suchte ganz offensichtlich nach den richtigen Worten. Ihre Lippen waren noch immer leicht geschwollen von seinem Kuss – einem Kuss, der sie beide nicht unberührt gelassen hatte, ganz gleich, wie sehr Isobel sich auch das Gegenteil einreden wollte.

Er sprach weiter: „Ich frage nur aus reiner Neugier. Natürlich werde ich deine Entscheidung respektieren, welche Gründe du auch immer dafür haben magst.“

„Das weiß ich.“

„Also?“, fragte er erneut. Verdammt, warum rückte sie nicht endlich raus mit der Sprache? Er konnte sich doch ohnehin schon denken, um was es ging. „Möchtest du vielleicht, dass ich es dir ein bisschen leichter mache?“

Isobel starrte ihn an. „Wie meinst du das?“

„Du hast einen anderen getroffen.“ Es überraschte Orlando selbst, dass er, als er diese Worte aussprach, am liebsten auf etwas einschlagen wollte. Es konnte ihm doch im Grunde egal sein, ob sie liiert war oder nicht. Sie hatten nur eine kurze Affäre miteinander gehabt. Ein Techtelmechtel, das er gern noch einmal hätte aufleben lassen – mehr aber auch nicht. „Ein neuer Freund?“

„Ha!“

Die Bitterkeit, die in ihrem Lachen mitschwang, machte ihm sofort klar, dass er falsch gelegen hatte. Und er war geradezu lächerlich erleichtert darüber.

„Sei nicht albern, Orlando.“

Was war daran albern? fragte er sich selbst. Er hatte sie über vier Wochen nicht zu Gesicht bekommen. Das war mehr als genug Zeit für irgendeinen dahergelaufenen Kerl, Isobel für sich zu beanspruchen. Aber es schien, als sei das nicht der Fall. Orlando entspannte sich.

„Ein Freund also nicht“, sagte er. „Was dann? Sieh mal, Isobel, ich habe keine Lust auf irgendwelche Spielchen. Ich bleibe nur für kurze Zeit in London, und ich dachte, es wäre nett, davon so viel wie möglich mit dir zu verbringen. Selbst wenn es nur für ein Abendessen ist. Aber ich werde dich ganz sicher zu nichts drängen.“ Er stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn du bereits andere Pläne hast oder einfach nicht willst, dann ist das okay. Du musst nur ein Wort sagen.“

„Drei Worte, um genau zu sein.“

Er runzelte die Stirn. „Sprich weiter.“

Isobel holte tief Luft, und Orlando wünschte sich, sie würde es endlich hinter sich bringen. Doch nichts, absolut gar nichts, hätte ihn auf das vorbereiten können, was sie dann sagte.

„Ich bin schwanger.“

2. KAPITEL

„Schwanger?“

Isobel beobachtete, wie Orlandos Miene erstarrte.

„Nein!“ Er blickte auf sie herab, seine Haltung starr und abweisend. „Nein, das kann nicht sein.“

„Es ist aber so, Orlando“, hörte sie sich selbst durch das Rauschen in ihren Ohren sagen.

„Und ich soll der Vater sein?“

Seine Worte schmerzten. Kannte er sie wirklich so schlecht, dass er ihr diese demütigende Frage stellen musste?

Sie richtete sich kerzengerade auf und begegnete seinem durchdringenden Blick mit eisiger Verachtung. „Ja, du bist der Vater. Da ich mit niemandem sonst geschlafen habe, können wir das als gegeben annehmen.“

Orlandos Augen weiteten sich. „Mit niemandem … Du meinst …?“

„Ganz genau, Orlando – ich war noch Jungfrau, als wir miteinander ins Bett gegangen sind.“

Ein dunkler Schatten fiel auf seine Züge. „Das wusste ich nicht.“ Dann, deutlich harscher: „Warum hast du mir nichts davon gesagt?“

„Warum sollte ich?“ Sie spürte, dass es mit der Ruhe, die sie im Augenblick empfand, jeden Moment vorbei sein würde. „Es war ohne Bedeutung. Es ist auch jetzt nicht wichtig.“

„Für mich ist es das sehr wohl“, fluchte er und schüttelte den Kopf. „Und diese Schwangerschaft – du bist dir wirklich sicher?“

„So sicher man nur sein kann.“

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, seine Miene drückte pure Erschütterung aus. „Das geplatzte Kondom?“

Isobel nickte knapp. „So wird es wohl passiert sein.“

Sie hatte es selbst mindestens eine Million Mal in ihrem Kopf gedreht und gewendet – immer mit demselben Ergebnis. Während einer ihrer ekstatischen Nächte auf Jacamar hatte es eine kleine Panne gegeben. Doch als sie damals verschwitzt und befriedigt in Orlandos Armen eingeschlafen war, hatte sie im Traum nicht damit gerechnet, dass dieser kleine Fauxpas ihr ganzes Leben verändern würde.

Orlando trat ans Fenster und presste die Stirn gegen das kühle Glas. „Wie lange weißt du schon davon?“

„Ich habe heute Morgen den Test gemacht.“

„Dann hast du dir die Schwangerschaft also noch gar nicht von einem Arzt bestätigen lassen?“

„Das wird kaum notwendig sein“, sagte sie und sah zu, wie der Hoffnungsschimmer in seinen Augen verlosch. „Diese Tests sind heutzutage sehr zuverlässig. Und davon abgesehen spüre ich bereits die Veränderungen in meinem Körper. Ich habe es schon länger geahnt, aber ich wollte sichergehen, ehe ich mit dir spreche.“

Er wandte sich vom Fenster ab, kam zu ihr und setzte sich wieder. „Dann müssen wir uns jetzt überlegen, wie wir weiter vorgehen wollen.“

Seine Worte beunruhigten Isobel. Sie wusste, was für ein Mann Orlando war: mächtig, rücksichtslos, unbarmherzig. Einer, der Entscheidungen traf und andere nach seiner Pfeife tanzen ließ.

Doch dazu durfte sie es in diesem Fall nicht kommen lassen. Er sollte nicht denken, dass sie ihr Leben von ihm bestimmen lassen würde. Sie hatte das Richtige getan, indem sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählte. Aber soweit es sie betraf, hatte es sich damit. Von nun an lagen alle Verantwortung und jegliche Entscheidungsgewalt bei ihr – das musste sie ihm unbedingt klarmachen.

Orlando beugte sich vor. Er war ihr jetzt so nah, dass sie jeden seiner Atemzüge als zarten Windhauch fühlte. Der Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase, betörte ihre Sinne.

Sie atmete tief durch und versuchte, ihr heftig hämmerndes Herz zu beruhigen. Es war unglaublich, was für eine Macht Orlando auf sie ausübte. Er brachte sie vollkommen durcheinander, ließ sie Dinge fühlen, die sie nicht fühlen wollte. Sie versuchte noch immer, die Nachwirkungen seines Kusses abzuschütteln, doch das war gar nicht so leicht. Ihr ganzer Körper schien zu vibrieren. Er hätte das wirklich nicht tun sollen – es war einfach nicht fair … Sie wussten doch beide, dass das, was auf Jacamar geschehen war – dieser unglaubliche Cocktail aus Hemmungslosigkeit und wildem, ungezügeltem Sex – auch dort bleiben musste.

Als Orlando sie auf der Insel zum Abschied umarmt hatte, war die Botschaft in seinen Augen eindeutig gewesen. Bis hierher und nicht weiter. Und Isobel hatte mitgespielt. Trotz des hohlen Gefühls in ihrer Brust und der Tränen, die ihr übers Gesicht strömten, als sie ihm schließlich den Rücken zuwandte und die Insel verließ. Denn sie wusste damals so gut wie heute, dass sie gegen das, was sie für Orlando empfand, mit aller Macht ankämpfen musste. Ihr Herz an diesen Mann zu verlieren, würde ihr nichts als Unglück bringen.

In den vergangenen Wochen – vom ersten vagen Verdacht, als ihre Periode ausblieb, bis hin zur inneren Gewissweit – hatte sie immer wieder mit dem Gedanken gespielt, die Schwangerschaft für sich zu behalten. Auf diese Weise wäre sie in der Lage gewesen, nicht nur ihr Herz zu schützen, sondern auch eigenständig über ihr Schicksal zu entscheiden. Ihr war klar gewesen: Sobald Orlando von ihrem gemeinsamen Kind erfuhr, würde sie es nicht mehr einfach aufziehen können, wie sie wollte.

In finanzieller Hinsicht wäre es ohne seine Unterstützung sicher ein ewiger Kampf geworden, aber sie hätte es schaffen können. Es war ja nicht so, als wollte sie etwas von ihm.

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