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Nebenan funkeln die Sterne

Zu diesem Buch

Emma Martins führt das perfekte Leben – zumindest, wenn man ihrem erfolgreichen Instagram-Account Glauben schenkt. Tausende von Followern bewundern täglich ihre Bilder und lassen sich von ihren inspirierenden Posts motivieren. Was niemand ahnt: Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus. Emma ist nicht die lebensfrohe, mutige Frau, die sie online zu sein vorgibt. Seit einem schweren Schicksalsschlag lebt sie allein in London. Das hektische Treiben der Großstadt überfordert sie und der Kontakt mit anderen Menschen macht ihr Angst, weshalb sie ihre kleine Wohnung nur selten verlässt. Einzig auf ihrer Dachterrasse, nachts, wenn die Stadt still ist und die Sterne leuchten, fühlt sie sich sicher. Hier hat sie das Gefühl, durchatmen zu können und ihre Sorgen wenigstens für einen kurzen Augenblick zu vergessen. Doch dann zieht der attraktive Nathan Burberry in die Wohnung nebenan und bringt ihr Leben von einem Tag auf den anderen völlig durcheinander. Nicht nur, weil er die Hälfte der Dachterrasse beansprucht und ihre kleine Oase plötzlich unter Beobachtung steht, sondern vor allem, weil er Emma mit seiner charmanten Art vom ersten Moment an den Kopf verdreht. Je besser sie ihn kennenlernt, desto mehr erinnert er sie daran, wie es sich anfühlt, wirklich zu leben. Und umso mehr wünscht sie sich, ihr Leben endlich auch offline wieder in die Hand zu nehmen …

Kapitel 1

#GLÜCKPUR

BritMom @Em_dreams: Oh My God! Was für eine Yacht! Eure?

Em_dreams @BritMom: Schön wär’s :-) Nur für einen Tee bei Troys Chef dorthin eingeladen gewesen.

Mit dem Meer stimmte etwas nicht. Die Wellen waren viel zu hoch, das Wasser zu dunkel und der Himmel – der Himmel war eindeutig zu dramatisch. Dunkelgraue Wolkenfetzen zogen darüber hinweg, man meinte, den Wind in den Haaren zu spüren und ihn pfeifen zu hören. Ein wunderschönes Bild – für einen kalten Herbsttag, den man vor dem Kamin verbrachte, mit dampfendem Tee und dem Geruch eines Bratapfels in der Nase. Das Foto war vor gut eineinhalb Jahren entstanden, als sie Tante Gwen besucht hatte, zum ersten und bisher einzigen Mal. Aber heute war der Erste Mai, und weil der Regen beständig gegen ihr Fenster klopfte, wollte sie Frühlingsgefühle vermitteln. Und so wie es jetzt war, fehlte dem Foto eindeutig Wärme. Außerdem war am Wochenende das Wetter an der Küste herrlich gewesen – die Webcam von Worthing hatte Bilder voll Sonnenschein und knallblauem Himmel übertragen.

Natürlich hätte sie auch ein aktuelles Frühlingsfoto des Flieders posten können, der in einem riesigen Kübel auf der Dachterrasse blühte – doch ihr war klar, dass das letzte Travel-Foto viel zu lange her war. Sie brauchte ein Bild, dass allen unmissverständlich klarmachte: Ich war unterwegs! Raus aus London! Und dieses Küstenfoto war eines der wenigen, das dafür taugte.

Am Vortag hatte sie schon das sechs Jahre alte Yachtfoto gepostet, das sie bei der Abi-Abschlussfahrt zur Kieler Woche geschossen hatte – und dabei natürlich alle Hinweise auf Deutschland wegretuschiert: Fahnen, Inschriften, Bootsnamen.

Ihre Finger flitzten über die Menüpunkte, sie drehte am Kontrast, veränderte Farben, kopierte passende Bereiche und setzte sie an anderer Stelle wieder ein. Einfacher wäre es gewesen, ein x-beliebiges Bild von einer kostenlosen Fotoplattform herunterzuladen, aber das wollte sie nicht. Irgendwann wäre es vielleicht doch jemandem aufgefallen.

Zehn Minuten später schob sie ihren Stuhl ein wenig vom Schreibtisch zurück und betrachtete ihr Werk. Schon viel besser! Jetzt leuchtete der Himmel in einer satten Blaufärbung, die Wellen wirkten wie leichtes Gekräusel und das Meer hatte eine beinah karibische Färbung. Sie drehte das Türkis ein wenig zurück – schließlich war das hier die Südküste Englands und kein Strand auf den Bahamas.

Zufrieden übertrug sie das Foto auf ihr Handy, lud es auf ihrem Account hoch und schrieb die Worte darunter, die ihr schon beim Aufwachen heute Mittag eingefallen waren: »Herrliches Wochenende an der Küste verbracht! Noch immer ganz nah: der Geruch von Salzwasser, die Wärme der Sonne auf der Haut und das Geschrei der Möwen im Ohr – da kann die Woche nur gut starten! Was hat euch am Wochenende glücklich gemacht? #Worthing, #coast, #seaside, #sun, #happygirl.«

Es dauerte keine zwei Minuten, bis sie die ersten Herzchen bekam. Und wie so oft war BritMom die Schnellste bei den Kommentaren: »@Em_dreams: Danke für dieses wunderschöne Foto – sieht aus wie im Märchen. Hach! Wie gerne würde ich mal wieder ans Meer. Bei uns hat’s nur zum Indoor-Spielplatz und zu McDonald’s gereicht. Na ja, Hauptsache, die Süße hatte Spaß.«

Emma schickte ihr schnell ein paar Daumenhochs, einen Kuss-Smiley und den Kommentar: »Hätte deine Süße gerne die Spitze des Kletterturms erobern gesehen! Vielleicht klappt’s ja mal irgendwann.« BritMom war eine ihrer ersten Abonnentinnen gewesen, und sie hatten sich sogar schon ein paar private Nachrichten geschrieben. An BritMoms Fotos sah man sofort, ob es ihr gut oder schlecht ging. War sie happy, postete sie Bilder von besonders stylishen Frisuren, die sie ihren Kundinnen verpasst hatte. Ging es ihr schlecht, stellte sie düstere Gedichtzeilen ein, oft vor einem gothic-artig finsteren Hintergrund voller Todessymbolik. In letzter Zeit hatten die Gedichtzitate dominiert.

Fasziniert starrte Emma auf die rasch wachsende Zahl der Herzchen – knapp hundert waren es nun schon. Noch immer verblüffte es sie, wie schnell die Community reagierte. Waren denn immer alle ständig online? Wenn sie von sich ausging, musste sie diese Frage definitiv mit »Ja« beantworten.

Emma legte das Handy beiseite, schlürfte an dem Kaffee, der längst kalt geworden war, und starrte aus dem Fenster. Kurz vor sieben schon, sie musste endlich mit ihrer eigentlichen Arbeit beginnen. In Deutschland war heute Feiertag, in England erst eine Woche später. Sicher saßen ihre Eltern wieder nach der traditionellen Erster-Mai-Radltour beim abschließenden Grillen mit der gesamten Nachbarschaft zusammen, während ihre Schwester verkatert vom Tanz in den Mai den Tag im Bett verbracht hatte. Und zwar hoffentlich nicht allein.

Kurz zog es heftig, gleich unterhalb ihres Herzens, und Emma trank den letzten Schluck Kaffee. Sie atmete tief durch und konzentrierte sich auf die Aussicht hinter ihrem Fenster. Auf gar keinen Fall würde sie jetzt Heimweh bekommen!

»Troy!«, rief sie, doch es kam keine Reaktion. Der alte Kater schlich vermutlich mal wieder über die Dächer und würde erst heimkommen, wenn der Hunger unerträglich geworden war. Das konnte dauern – sein Schälchen hatte er heute bereits so sauber ausgeleckt, dass man diesem die Benutzung nicht mehr ansah.

Immerhin hatte sich der Regen – den Troy grundsätzlich ignorierte – mittlerweile verzogen, und die grauen Wolken rückten weiter auseinander. Hier und da meinte Emma, ein wenig Blau zu erahnen. Vielleicht hatte sie Glück und konnte später noch einen kleinen Imbiss auf der Dachterrasse zu sich nehmen. Ihr Blick wanderte am Horizont entlang. Ganz rechts The Shard, das höchste Gebäude Europas, das die Londoner gerne »Salzstreuer« nannten, mit seiner silbern funkelnden, schmal zulaufenden Spitze, dann die beiden Plaza-Hotels, und schließlich das London Eye zwischen Waterloo und Westminster Bridge. Ein grandioser Ausblick.

»Sei glücklich, Emma Martins«, sagte sie laut zu sich und verzog die Mundwinkel zu einem breiten Lächeln. »Und dankbar.«

Sie hatte mal gelesen, dass es keinen Unterschied machte, ob man wirklich lachte oder nur die entsprechenden Muskeln aktivierte – in jedem Fall wurden Glückshormone ausgeschüttet. Und das war es doch, was zählte: dass man sich glücklich fühlte. Auch wenn man es nicht war. Also lächelte sie. Lange. Eine Wirkung spürte sie nicht.

Sie wandte sich wieder dem Computer zu und öffnete die Website, an der sie gerade arbeitete. Von Wind, Wellen und Meeresbrise war hier keine Spur zu entdecken. Es ging zwar um Farben, aber nur um Wandfarben, Lacke, Pinsel und Abdeckfolien. Und Malermeister Schwarzner aus Großkarolinenfeld bei Bad Aibling bei Rosenheim hatte unmissverständlich klargemacht, dass er keine Experimente mit Farbspielen wollte, sondern eine solide Website. Webseite, mit langem E, hatte er am Telefon gesagt. Am liebsten alles auf einer Seite, dieses Herumklicken verwirre einen doch nur und eigentlich brauche er so modernen Quatsch gar nicht, aber seine Frau und sein Sohn, die bestünden darauf. Ach ja, und kosten solle es auch wenig. Nix. Am besten. Wenn sie verstehe.

Emma verstand ihren Kunden, wie immer, wie alle, und versuchte, nicht allzu viel über ihn nachzudenken, höchstens an den Betrag, der am Ende ihr Bankkonto einigermaßen im Plus halten würde. Während ein paar ihrer früheren Kommilitonen aus dem Grafikdesign-Studium mittlerweile an aufregenden Online-Kampagnen für Jaguar, Harrods oder den National Trust mitarbeiteten, diskutierte sie mit deutschen Metzgern, Dorfapothekern und Handwerkern jeder Art, ob man Tradition und Moderne auf einer Website irgendwie zusammenbekam, ohne dass sich die Besucher mit Grausen abwandten. Aber es war nun mal schwierig geworden, als Deutsche einen festen Job in einem englischen Unternehmen zu bekommen, und so war sie eigentlich ganz froh, dass sie zwar langweilige Kunden hatte, diese aber immerhin von London aus bedienen konnte. Etwas Besseres als freiberuflich zu arbeiten, hatte ihr nicht passieren können. So musste sie wenigstens nicht das Haus verlassen.

Um zehn entdeckte Emma die ersten Sterne an einem Himmel, dessen Grau nun einem strahlenden Nachtblau gewichen war, und sie beschloss, dass es eingemummelt in eine Fleecejacke draußen warm genug war, um das Truthahnsandwich, das sie noch von Samstag übrig hatte, dort zu essen. In dieser Hinsicht hatte sie sich den Engländern schnell angepasst: Wenn es nicht regnete, war das Wetter grundsätzlich herrlich und man konnte sich ungehindert im Freien aufhalten.

Sie zog sich die cremeweiße Jacke über ihr rosafarbenes T-Shirt, das vorn ein goldener Paillettenstern zierte, und balancierte Sandwichteller, Wasserglas, Handy und Salzstreuer über die Stufe der Terrassentür nach draußen. Es war tatsächlich noch mild. Lag nicht sogar ein Duft von Mai in der Luft? So etwas Weiches, Blumiges, das nicht nur vom Flieder kam? Aus den Augenwinkeln bemerkte sie trotz des Zwielichtes, dass die Glyzinie, die Passionsblume und die anderen Pflanzen dringend Wasser brauchten, das würde sie gleich nach dem Essen erledigen. Nun jedoch steuerte sie den riesigen Strandkorb an, der seit zwei Wochen hier thronte. Eine unerwartete Steuerrückzahlung hatte ihr die Verwirklichung dieses Traums ermöglicht: ein echter Nordsee-Strandkorb, grau-weiß gestreift, mit Fußbänken, Ablagetischchen, anthrazitfarbenem Korbgeflecht und zwei Bullaugen an beiden Seiten. Er war ein Ausstellungsstück gewesen und hatte leichte Gebrauchsspuren – weswegen er tatsächlich einigermaßen bezahlbar gewesen war. Sie hatte ihn vom ersten Moment an geliebt. Man konnte sich darin verstecken, in den Himmel davon träumen, nachts die Sterne sehen und dem Wind ein Schnippchen schlagen. Und sein Abendessen darin zu sich nehmen.

Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken. Der Strandkorb, von dem sie nur die Rückseite sah, gab scheinbar ein Ächzen von sich. Und er wackelte. Als ob jemand an einer der Fußbänke rüttelte, die sie von ihrer Position aus nicht sehen konnte. Emma fuhr so erschrocken zusammen, dass ihr beinahe das Handy aus der Hand gefallen wäre. Eine Faust donnerte ihr direkt in die Magengrube – zumindest fühlte es sich so an. Sie begann, kurz und schnell zu atmen, viel zu schnell. Dennoch zwang sie sich, weiterzugehen. Vielleicht saß dort nur eine Taube? Pickte ein paar Krümel vom letzten Mittagessen …

Noch bevor Emma den Korb umrundet hatte, entdeckte sie jedoch weinrote Sneakers auf der Fußbank. Und die Hosenbeine einer blauen Jeans. Das konnte nicht sein! Was suchte ein fremder Mann auf ihrer Dachterrasse? Was wollte er?

Einen Moment verharrte sie stocksteif und wusste nicht, was sie tun sollte. Ihr Atem ging noch schneller. Zurückschleichen und die Polizei rufen? Nach etwas suchen, mit dem sie sich wehren könnte? Die Hosenbeine bewegten sich nicht. Sie stellte möglichst lautlos ihr Wasserglas in einem Blumentopf ab und streckte die Hand mit dem Smartphone darin in Richtung des Eindringlings aus, als sei es eine funktionstüchtige Waffe. Wie albern! Aber irgendwie fühlte sie sich so stärker. Wie war er nur hier heraufgelangt? Die Verbindungstür vom Treppenhaus aufs Dach war immer abgesperrt. Bisher zumindest.

»Hallo?«, rief sie mit zittriger Stimme und ohne Hoffnung, dass sich nur ein Geist aus dem Old Vic Theatre gleich um die Ecke hier materialisiert hatte. Nun sah sie ihn richtig: Da saß ein Mann. In ihrem Strandkorb. Auf ihrer Dachterrasse. Im Dunkeln! Und lebendig war er auch. Immerhin riss er nun die Beine vom Bänkchen und sprang auf. Sie hielt noch immer ihr Telefon sinnlos vor sich.

»Oh, sorry«, murmelte er und strich sich eine verirrte, braune Haarsträhne aus der Stirn. Der Typ war groß, ziemlich athletisch gebaut und höchstens ein paar Jahre älter als sie. Über der Jeans trug er ein eng anliegendes Shirt in einem leuchtenden Orangeton.

»Was machen Sie hier?«, wollte sie laut und empört rufen, aber ihre Stimme kam kaum über ein Piepen – ein Kükenpiepen – hinaus. Wann hatte sie das letzte Mal laut mit jemandem gesprochen? Letzte Woche mit ihrer Mutter am Telefon?

Der Typ sah sie irritiert an. »Wie bitte?«

»Was machen Sie auf meiner Dachterrasse?«, brachte Emma mühsam heraus. Sie spürte, wie ihre Finger den Sandwichteller umklammerten, als sei er eine Diskusscheibe, die sie ihm zur Not in den Bauch rammen könnte. Wenn sie die Kraft dazu hätte.

»Sorry«, wiederholte der Mann. »Ich habe Sie erschreckt! Das tut mir leid! Wirklich! Ich kann alles erklären!«

Er trat einen Schritt zurück, wobei er beinahe über die Fußbank stolperte, ruderte mit den Armen und griff nach ihrer Hand. Sie wich aus, er fing sich trotzdem. Als er wieder fest stand, zog er verlegen die Augenbrauen hoch.

»Darf ich mich vorstellen?«, fragte er höflich, und mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie den Kerl kannte. Das war der Fahrradkurier, der ihr schon einige Pakete gebracht hatte. Der, der immer so mies gelaunt aus der Wäsche schaute.

»Ich bin Nathan Burberry. Ich ziehe morgen hier ins Haus ein. Ich habe gerade die Schlüssel bekommen.«

Sie starrte ihn fassungslos an. Der? Ihr Nachbar? Und er würde nun ihre Dachterrasse mitbenutzen?

»Aber …«, stammelte sie und stellte den Sandwichteller auf die Ablage an der Seite des Strandkorbs. Dann klammerte sie sich ratlos am Korbgeflecht fest. Gleich würden ihre Knie versagen.

»Freut mich, dass Sie so begeistert sind!« Nun grinste er von einem Ohr zum anderen. »Aber …«, versuchte sie es erneut. »Mein Strandkorb … das ist mein …«

»Oh, Pardon!« Er ließ einen Schuh an den anderen knallen, als stünde er vor einem General stramm. »Den wollte ich nicht gleich so dreist annektieren. Er sah nur so … einladend aus. Und der herrliche Blick …«

Sie hätte jetzt – spätestens jetzt – laut auflachen, sich eine Strähne hinters Ohr streichen und ihm tief in die Augen blicken sollen. Sie hätte ihn einladen sollen, ein Glas mit ihr zu trinken, auf gute Nachbarschaft anzustoßen – aber alles, was sie spürte, war Angst – die Angst, hier oben nicht mehr allein zu sein, ihren Schutz zu verlieren, ihre Festung einstürzen zu sehen. Sie wollte die Dachterrasse nicht teilen – nicht mit ihm und auch sonst mit niemandem. Das war ihr Reich – die einzige Freiheit, die sie besaß.

»Es kommt nicht wieder vor – versprochen«, sagte er versöhnlich. »Außer vielleicht – also, ich würde morgens mein Handtuch hinlegen, um den Korb zu reservieren. Mal am Wochenende. Bei schönem Wetter? Oder bei Regen? Nicht?«

Ja, klar, das war witzig gemeint, britischer Humor … aber Emma schaffte es nicht, zu lächeln.

»Mal im Ernst«, redete er weiter. »Man hat mir gesagt, die Dachterrasse stünde allen Mietern offen. Und immerhin grenzt auch meine Wohnung daran.« Er deutete mit dem Finger hinter sich in Richtung des zweiten Appartements, das hier oben lag. »Wir werden uns sicher einigen.«

Emma blieb der Mund offen stehen.

»Sie ziehen in Mrs Watersheds Wohnung? Aber wo ist sie denn hin?«

Sie hatte angenommen, er würde irgendwo im Haus einziehen – aber direkt in die Nachbarwohnung? Tür an Tür quasi … Ihr schnürte es den Hals zu.

Der Eindringling zog die Augenbrauen hoch – ob aus Entrüstung oder Verwunderung, konnte Emma nicht deuten.

»Freundliche Nachbarn hat man mir versprochen. Hier kümmert man sich noch umeinander, wurde mir gesagt.«

Nahm er sie schon wieder hoch? Emma spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss – sicher leuchtete ihr Gesicht fast so sehr wie sein Shirt.

»Ich war einige Zeit verreist«, sagte sie schnell.

Sie musste ihm nicht auf die Nase binden, dass sie außer den Namen nichts von ihren Nachbarn wusste. Sie hatte Mrs Watershed immer nur durch den Türspion beobachtet, bevor sie den Müll wegbringen musste und vorher kontrollieren wollte, ob niemand im Treppenhaus war. Die kleine alte Lady, das immerhin war ihr aufgefallen, hatte sich in den letzten Monaten nur noch mühsam die Treppe hinaufgequält. Einen Lift gab es nämlich nicht.

»Ah, verstehe. Dann hat vermutlich Ihre Zwillingsschwester vor ein paar Tagen das Paket angenommen, das ich geliefert habe«, sagte er.

Verdammt! Es ging schon los! Er zwang sie zum Lügen und jetzt stand sie wie die Blöde da. Und sein charmantes Schmunzeln! Das verunsicherte sie zusätzlich.

»Mrs Watershed hatte einen Schlaganfall und wäre nicht mehr alleine zurechtgekommen«, erklärte er nun. »Sie lebt mittlerweile in einem Pflegeheim. Vielleicht möchten Sie sie ja mal besuchen. Mrs Frampton – Sie wissen schon, die Hauseigentümerin aus dem Erdgeschoss – kann Ihnen bestimmt sagen, wo Sie sie finden.«

»Das tut mir leid für Mrs Watershed«, schaffte es Emma, zu antworten. Sie musste ihm unbedingt etwas entgegensetzen.

»Trotzdem gehört dieser Teil der Dachterrasse zu meiner Wohnung.« Oh je, das klang vermutlich ziemlich pampig. Aber so höflich wie die Briten würde sie sowieso nie werden und sicher hatte er längst aus ihrem Akzent geschlossen, dass sie Deutsche war. Und von den Deutschen, das hatte sie schon festgestellt, glaubten sowieso alle, dass sie keine Veranlagung zur Höflichkeit besaßen.

»Wissen Sie, Mrs Frampton besitzt zwar alle anderen Appartements im Haus – dieses hier jedoch nicht. Und eben auch nicht dieses Terrassenstück. Das gehört meiner Tante Gwendolyn Martins.«

Das klang doch mal energisch – aber wieso schaffte sie es dann nicht, ihm ins Gesicht zu sehen?

»Aha«, sagte er nachdenklich und ging ein paar Schritte in die Mitte der ebenen Fläche. Er deutete auf den Dachaufbau, hinter dem sich ihr und sein Appartement verbargen. »Wenn wir also die Wohnungsachsen in Gedanken nach hier draußen verlängern, sehen wir zweifelsfrei, dass dieser Teil hier Ihnen gehört und der dort drüben mir.«

Sie nickte und starrte auf seine Seite der Dachterrasse.

»Mist«, sagte er. »Können wir vielleicht Appartements tauschen?«

»Nein …!«, rief sie schon aus, bevor sie verstanden hatte, dass er sich wieder einen Spaß mit ihr erlaubt hatte.

Während auf ihrem Teil der Dachterrasse neben dem herrlichen dunkelvioletten Flieder zwei große Blumenbeete ins Auge stachen, unzählige Töpfe voller bunter Blüten leuchteten, der Strandkorb zum Verweilen einlud und alles wie aus einer House-&-Garden-Zeitschrift wirkte, dominierte auf seiner Hälfte abblätternde Wellpappe, morsches Holz und eine rostige Hollywoodschaukel, auf deren Gestänge sich nicht mal mehr die Tauben zu setzen getrauten. Das erkannte man sogar im Halbdunkel der Großstadt.

»Hm, verstehe«, sagte er, und in seinem Gesicht schien mit einem Mal eine Müdigkeit auf, von der sie sich wünschte, sie könnte sie vertreiben. Die Honigfarbe seiner Augen verfinsterte sich plötzlich, und eine Aura von Melancholie umgab ihn, die sie frösteln ließ.

»Entschuldigen Sie noch einmal, dass ich einfach so in Ihr Reich eingedrungen bin«, sagte er langsam. »Ich wollte wirklich nur für einen Moment die Aussicht genießen, bevor ich in der alten Bleibe die letzten Kisten einpacken gehe. Ich hatte nicht die Absicht, mich bei Ihnen breitzumachen.«

»Schon okay«, sagte sie.

»Sind Sie Deutsche?«, rief er ihr nach, als sie sich zum Gehen wandte.

Sie drehte sich zu ihm zurück und nickte.

Ein spöttisches Leuchten flammte mit einem Mal in seinen Augen auf.

»Dann könnten Sie vielleicht eine Dachterrassen-Nutzungs-Liste aufhängen, in die wir uns eintragen.«

Sein Lachen war tief und warm, aber dennoch stach es ihr ins Herz. Sie beeilte sich, nach drinnen zu gelangen. Sein »Bye« erwiderte sie so leise, dass er es unmöglich hören konnte. Dass sie Truthahnsandwich, Handy, Wasserglas und Salzstreuer draußen vergessen hatte, bemerkte sie erst eine halbe Stunde später, als es wieder zu regnen begonnen hatte.

Fast bis Mitternacht konnte Emma sich weder auf Malermeister Schwarzners Website konzentrieren, noch auf ihren Instagram-Account. Und das, obwohl sie zu ihrem Ausflugspost schon 43 Kommentare erhalten hatte. Sie scrollte durch die Accounts, die sie abonniert hatte, hinterließ hier ein paar Smileys, dort ein paar Herzchen und gelegentlich einen bestätigenden oder aufmunternden Kommentar. Normalerweise gab sie sich mehr Mühe mit der Interaktion, schließlich sollten ihre Follower den Eindruck gewinnen, dass sie nicht nach Klicks gierte, sondern dass es ihr wirklich um Kommunikation ging, um Verbundenheit, ja, in gewisser Weise um Freundschaft. Ich bin da, ich höre dir zu und ich sehe, was dich bewegt – dieses Gefühl war es, das sie ihnen vermitteln wollte.

Immerhin ließ der Post von Magicmag ein Bild in ihrem Inneren entstehen, dass sie gleich umsetzen musste. Auf Magicmags Foto sah man eine herzförmige Kartoffel, die in zwei Teile zerfallen war. Darunter hatte sie geschrieben: »#ausdertraum #trennungsschmerz #allblack.«

Beinahe schlafwandlerisch tauchte Emma in ihr Grafikprogramm ab, probierte Farben, platzierte Schriftzüge und arrangierte die Bildelemente. Nach einer guten halben Stunde hatte sie das Gefühl, fertig zu sein, und betrachtete ihr Werk.

Vor einem dunkelblau-violetten Hintergrund zeichneten sich ein paar zarte Sterne und eine schmale Mondsichel am oberen Rand ab. Unten erblickte man die dunkle Silhouette eines sich anblickenden Liebespaares unter einer Laterne, darüber prangte in einer wunderschön geschwungenen, fast weißen Schrift, die sie neu entdeckt hatte, der Spruch: »Come, love, be my nightguide.«

Ohne lange nachzudenken postete sie ihr neues Werk und fragte dazu: »Was rettet euch, wenn die Nacht besonders dunkel ist?«

Wie würde sie selbst auf diese Frage antworten? Hier, im Netz, bei ihren Freunden würde sie schreiben: »Troy«, und sie würde es ihren Followern überlassen, zu interpretieren, wer oder was Troy war. Der Kater munterte sie in dunklen Stunden durchaus auf – aber retten? Nein, dafür taugte er dann leider doch nicht. Was war es dann? Schlaf. Träume. Und wenn diese nicht kamen?

Sie sah sich vor dem Apothekerschrank ihrer Eltern stehen, mitten in der Nacht, völlig erschöpft von den Mühlen des Gedankenstroms, der nicht abreißen wollte. Warum hatte sie nicht anders reagiert? Warum hatte sie das eine anstatt des anderen gesagt? Warum war sie einfach davongelaufen? Wie hatte es überhaupt so weit kommen können? Immer dieses Warumwarumwarum ohne Aussicht auf die Chance, jemals eine Antwort zu erhalten. In der ersten Zeit hatten Schlaftabletten sie gerettet, eine kurze Zeit lang zwei, drei Gläser Rotwein, doch dann hatte sie zwar einschlafen können, lag aber ab halb vier, vier wach – wenn die Nacht am erbarmungslosesten war. Am kältesten. Am dunkelsten. Am einsamsten. Es blieb ihr nichts, als es auszuhalten. Hinzunehmen. Es war eine Form der Strafe, die sie verdient hatte, für ihr unbesonnenes Verhalten.

Das erste Mal ohne Hilfsmittel hatte sie viel später in Tante Gwens Cottage in Worthing durchgeschlafen. Vielleicht, weil alles fremd dort war, nichts einen Erinnerungswert barg und sie so tun konnte, als sei sie eine Fremde ohne Vergangenheit. Tante Gwen war so rücksichtsvoll gewesen und hatte nicht über Deutschland mit ihr gesprochen. Nur über die Zukunft. Über ihr letztes Studiensemester. Über London. Das Appartement. Über die Schönheiten der Stadt, die Abwechslungen, die sie bot. Die Ablenkungen. Emma war zuversichtlich gewesen, dass das neue Umfeld ihr helfen würde zu verdrängen. In Worthing war sie stundenlang am Strand spazieren gegangen, hatte tief die Meeresluft eingesogen und war abends so müde gewesen, dass sie schon auf dem Sofa vor dem Fernseher einschlief. Doch kaum war sie in London angekommen, ging es wieder los. Dass sie in der ersten Nacht nicht durchschlafen konnte, schob sie auf die fremde Umgebung, die ungewohnten Geräusche. Aber auch nach ein paar Wochen wurde es nicht besser. Ihr graute es davor, ins Bett zu gehen, sie zögerte es immer weiter hinaus. Doch dann war der nächste Tag noch viel schlimmer. Sie schlief auf Hörsaalbänken ein, in der Bibliothek oder in der U-Bahn. Einmal war sie erst an einer Endstation wieder aufgewacht, deren heruntergekommene Betonödnis ihr suggeriert hatte, sie wäre genau da, wo sie hingehörte: auf dem Abstellgleis. Entsetzt hatte sie die Spiegelung ihres blassen Gesichts in der verschmierten Fensterscheibe des Zuges gesehen und nur mit Mühe die Tränen zurückhalten können.

Mittlerweile waren die ersten Kommentare zu ihrem Post eingegangen – obwohl es kurz vor ein Uhr war. Wie immer gab es Witzbolde, die Sachen geschrieben hatten wie »zwei Flaschen Scotch« oder »eine Packung Kondome«, aber es gab auch erstaunlich intime Geständnisse. »Mein Schmusehund aus Kindertagen«, war zu lesen. »Das Porträt meiner Großmutter«, hatte eine Ani87 geschrieben. »Sein letzter Liebesbrief«, »das Ultraschallfoto« oder »das weiche Fell meiner Katze« waren auch dabei.

Emma fühlte sich von den offenen Antworten ein wenig getröstet – immerhin so weit, dass sie sich nun ihren Aufträgen widmen konnte. Sie schaffte es, die Betaversion der Website fertigzustellen und schickte Malermeister Schwarzner einen Link zur Überprüfung. Sicher würde er einige Tage brauchen, bis er sich der fremden Materie widmen und ihr ein Feedback geben konnte.

Es war noch stockdunkel draußen, als sie spürte, wie sich die Müdigkeit einer Decke gleich um ihre Schultern legte. Sie fröstelte, gähnte und bemerkte beim Blick aus dem Fenster, dass in keinem der Häuser, die sie hinter der Scheibe erkennen konnte, noch Licht brannte. Drei Uhr vierzehn zeigte der Wecker auf dem Nachttisch, als sie die Bettdecke eng um sich zog. Das Letzte, was sie wahrnahm, war eine kleine Vibration der Matratze und etwas Schweres an ihren Füßen. Troy, war ihr letzter Gedanke.

Kapitel 2

#AUFGUTENACHBARSCHAFT

Luca @Em_dreams: Und was rettet dich vor der Dunkelheit der Nacht?

Em_dreams @Luca: Eine warme Hand auf meiner Hüfte.

Mit einem Ruck fuhr sie im Bett hoch und blinzelte in die bleichen Sonnenstrahlen, die sich durch die Ritzen im Rollo ihren Weg ins Zimmer bahnten. Es klang, als setze jemand einen Pressluftbohrer direkt neben ihrem Kopf an. What the … mit einem Mal war ihr klar, woher der Lärm kam. Es klingelte an ihrer Tür! Was für eine Unverschämtheit! Sie ließ sich Lieferungen immer – immer! – erst nach 14 Uhr bringen, und bisher hatte das einwandfrei geklappt. Schon wieder dieses Geklingel! Total penetrant! Sie sprang aus dem Bett, rannte zur Tür und riss sie auf. Vor lauter Schreck bekam sie keinen Ton über die Lippen.

»Hi, tut mir leid, Sie zu stören«, sagte dieser Typ, dieser Kerl, diese Nervensäge – dieser neue Nachbar! Herrje, würde sie ab sofort in jeder Sekunde ihres Lebens mit seiner Anwesenheit rechnen müssen?

»Wir stecken mit dem Klavier fest. Wenn Sie so wahnsinnig freundlich sein könnten, Ihre Tür offenzulassen, kämen wir bestimmt um die Ecke.«

Hinter ihm erschienen die hochroten Köpfe eines bärtigen und eines kahlköpfigen Mannes, die erst neugierig gafften und dann süffisant grinsten.

Kein Wunder, sie war verknittert, verschlafen und trug einen uralten, zerknautschten Flanellschlafanzug. Am liebsten hätte sie die Tür sofort zugeworfen. Sollte er das Klavier doch in seine Wohnung über die Dachterrasse hieven. Schließlich hatte diese einen direkten Zugang dorthin vom Treppenhaus aus. Doch Emma blieb regungslos stehen, unfähig sich zu bewegen. Sie starrte nur die schwitzenden und stöhnenden Männer an, die das Klavier immer weiter in ihre Wohnung hineinschoben und war schließlich gezwungen, aus dem Weg zu gehen. Endlich war es geschafft, und erleichtert warf sie die Tür zu.

Schnell huschte sie zurück in ihr Bett, registrierte, dass es erst kurz nach halb neun war, und versuchte, das Gerumpel im Treppenhaus zu ignorieren. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Sicher würde sie gleich wieder einschlafen. Warum benutzte er eigentlich keinen Außenaufzug? Er wusste doch, wie eng das Treppenhaus war. Sie zählte im Geiste die Treppenstufen, spürte, wie sie langsam zurück in die Traumwelt glitt. Herrlich!

Doch da klingelte es erneut. Emma setzte sich im Bett auf, fuhr sich durchs Haar und stand zum zweiten Mal an diesem Tag auf. Diesmal griff sie im Vorbeigehen wenigstens nach ihrem Morgenmantel, der an der Badezimmertür hing, schlüpfte hinein und öffnete dann die Wohnungstür. Die drei Männer grinsten schelmisch von einem Ohr bis zum anderen.

»Sorry, diesmal ist es das Bett!«

Dieser Nathan sah nicht wirklich so aus, als würde es ihm leidtun.

»Wir beeilen uns auch!« Er stand schon halb in ihrem Flur.

Ihr Blick fiel auf seine vor Schweiß glänzenden Oberarme, was die gut ausgebildeten Muskeln deutlich betonte, und ihr fiel nichts ein, außer zu nicken. Der Anblick des Eisengestells, das die Männer nun herumwuchteten, beschwor Bilder herauf, die sie schnell zu verdrängen versuchte. Finger, die diese Eisenstreben umklammerten. Verschwitzte Körper, die sich aneinanderpressten, lustvolles Stöhnen …

»Vielen Dank, ich weiß das sehr zu schätzen«, sagte er betont freundlich, und Emma zuckte erschrocken zusammen. Für einen Moment hatte sie seine Anwesenheit völlig vergessen.

Nun bemerkte sie, wie er verstohlen über ihre Schultern hinweg in ihr Zimmer zu schauen versuchte. Trotz aller Höflichkeit – neugierig schien er schon auch zu sein.

»Danach kommen nur noch das Sofa und der Schrank. Spätestens in zehn Minuten haben wir alles oben. Vielleicht könnten Sie freundlicherweise einfach die Tür offenlassen?«

»Na gut«, sagte sie, weil ihr kein Gegenargument einfiel, und wandte sich rasch ab.

Ratlos ging sie in ihr Zimmer zurück. Was sollte sie jetzt bloß tun? An Schlaf war nicht mehr zu denken, obwohl ihre Augen vor Müdigkeit noch schmerzten. Frühstück? Sie aß nie Frühstück. Sie fing immer mit dem Lunch an. Duschen gehen wollte sie auch nicht -mit drei Männern im Treppenhaus und ihrer offenen Tür kam das nicht infrage. Vielleicht sollte sie einfach das tun, was sie sonst nach dem Aufstehen tat: sich einen Kaffee kochen. Immerhin versprach der Morgenhimmel – wann hatte sie den zuletzt gesehen? – einen freundlichen Tag, und sie würde ihren Espresso auf der Dachterrasse trinken können. Am besten im Strandkorb, eingemummelt in ihrer Bettdecke.

Während sie auf den Kaffee wartete, wanderte ihr Blick immer wieder zu der offenen Tür. Gerade wurde ein moosgrünes Sofa vorbeigetragen, von dem sie sich nicht vorstellen konnte, dass es überhaupt in die kleine Ein-Zimmer-Wohnung passte. Wo doch schon das riesige Eisenbett darin stand. Apropos, überlegte sie, wie konnte sich ein Fahrradkurier ein Appartement in dieser Gegend leisten? Ohne die Großzügigkeit von Tante Gwen, die ihr nur einen symbolischen Betrag in Höhe von umgerechnet 500 Euro berechnete, hätte es sich Emma nie erlauben können, nach Lambeth zu ziehen – nach Central London. Dieser Nathan musste für die etwas mehr als dreißig Quadratmeter garantiert 1500 Euro auf den Tisch legen. Dafür müsste er ganz schön kräftig strampeln … Oder hatte er Mrs Frampton mit seinem Gentleman-Gehabe dermaßen um den Finger gewickelt, dass sie ihm die Wohnung günstiger überließ? Kaum vorstellbar! Dem Drachen in Menschengestalt war jede Art von freundlicher Regung völlig fremd.

Mit der Espressotasse in der Hand und der Bettdecke um die Schultern überquerte Emma die Dachterrasse und ließ sich in den Strandkorb sinken. Die Luft war noch kühl, aber klar, und die Londoner Skyline wirkte wie frisch gewaschen. Alles zeichnete sich deutlich vor dem blauen Himmel ab, wirkte zum Anfassen nah. Beinahe einladend.

Ein empörtes Maunzen ließ sie kurz zusammenzucken, und schon sprang Troy mit einem Satz auf ihren Schoß.

»Hat dich der Nachbar auch geweckt?«, fragte sie das Tier und kraulte es im Nacken.

Sie war froh, dass Troy einen ähnlichen Tag- und Nachtrhythmus hatte wie sie selbst und ebenfalls eher im Dunkeln aktiv war. Vielleicht war das aber auch seinem Alter geschuldet. Sie wusste nicht, wie betagt er war, aber sie hatte schon bemerkt, dass Troys schwarze Haare rund um die Schnauze langsam immer grauer wurden. Der Latz auf der Brust war nach wie vor reinweiß und hob sich noch immer so leuchtend von seinem dunklen Fell ab, wie an dem Tag, als er hier oben das erste Mal aufgetaucht war. Sie vergrub ihre Nase zwischen den Ohren des Katers und murmelte Koseworte, die er nicht verstand.

Wie alle Katzen war Troy ausgesprochen sturköpfig und unabhängig. Er kam und ging, wie es ihm passte. Und wenn ihm danach war, gekrault zu werden, forderte er das so vehement ein, dass es Emma manchmal fast unheimlich wurde. Sie hatte nie eine Katze besessen und hätte sich vermutlich keine angeschafft. Doch Troy war in einem Moment aufgetaucht, in dem sie sich nach nichts mehr gesehnt hatte als nach der Wärme eines lebendigen Wesens. Und zwar eines, das keine Ratschläge gab, keine Forderungen an sie stellte (außer denen nach Futter, Wasser und Streicheleinheiten) und sie nicht besorgt oder mitleidig anschaute! Da war ihr Troy geradezu perfekt vorgekommen.

Es war in ihrem ersten Winter in der britischen Hauptstadt gewesen, und wenn sie die Augen schloss, konnte sie noch immer den Eissturm hören, der in diesen Tagen so hartnäckig ihr Dachappartement umtost hatte. Vier Monate war sie zu dem Zeitpunkt in London gewesen und obwohl das Eingewöhnen mit jedem Tag hätte leichter werden sollen, war es immer schwerer geworden. Es fühlte sich an, als ob sich die Dunkelheit und die Kälte, die Einsamkeit und das Heimweh wie eine nasse Decke um sie legten und sie immer tiefer zu Boden drückten. Ihre Kommilitonen zogen durch die Pubs, schwärmten von der Weihnachtsdekoration bei Harrods und gingen zum Schlittschuhlaufen auf die Eisfläche vor der atemberaubenden Kulisse des altehrwürdigen Sommerset House, wo abends sogar ein DJ auflegte. Ein-, zweimal war sie mitgegangen, aber die vielen Menschen, der tosende Verkehr, der Großstadtlärm hatten sie jedes Mal geängstigt. Auf der einen Seite all das Glitzern, die grellen Leuchtreklamen, die schreiend bunten Schaufenster und aufwendigen Weihnachtsdekorationen. Auf der anderen Seite die Bettler und Obdachlosen, die dazwischen herumschlurften wie Gespenster, die gehetzten, rempelnden Massen und ab und an die Töne einer Geige oder eines Akkordeons, denen niemand Beachtung schenkte und die ihr Tränen in die Augen trieben. Sie verabschiedete sich bei beiden Unternehmungen schnell von Kathy und Peter und Anisha und Ivan und den anderen, deren Namen sie bereits vergessen hatte, um zurück in die Stille ihres Appartements zu flüchten. Wo sie nichts sah und nichts hörte außer dem Schnee, der sich großflächig auf der Dachterrasse niederließ und damit den Lärm ein wenig dämmte. In diesem Moment war der Wunsch in ihr aufgetaucht, die Geborgenheit ihrer dreißig Quadratmeter nicht mehr zu verlassen. Und obwohl sie wie üblich die ganze darauffolgende Nacht wachgelegen und gegrübelt hatte, war ihr nichts eingefallen, was dagegen gesprochen hätte. Einzig, um die Schlussprüfungen abzulegen, würde sie im Frühjahr vor die Tür gehen müssen. Aber sonst?

Troy war kurz nach diesem Entschluss, der sich erstaunlich problemlos umsetzen ließ und nur von äußerst seltenen Besorgungen in nächster Nähe unterbrochen wurde, aufgetaucht. Es war an dem Tag gewesen, als sie ihre Familie das erste Mal absichtlich und ganz bewusst angelogen hatte. Bei dem Skype-Telefonat, dem auch ihre Schwester Jana zugeschaltet war, hatte sie sich ein albernes blinkendes Rentiergeweih aus Plastik aufgesetzt, damit alle glaubten, sie wäre fröhlich und ausgelassen.

Emma hatte geplappert wie ein Wasserfall, viel gekichert und von den tollen neuen Freunden erzählt, von Einladungen zu exklusiven Weihnachtspartys und dass sie den Eindruck hätte, sie müsse unbedingt hingehen, um dazuzugehören. Jana hatte gleich angebissen und ein bisschen neidisch gewirkt. Ihr Vater schien zwar traurig, dass sie über die Feiertage nicht kommen wollte, gleichzeitig aber erleichtert, dass er das Geld für ihren Flug sparen würde, den sie sich als Studentin nicht selbst leisten konnte. Nur ihre Mutter hatte geschwiegen, und Emma war sich sicher, dass sie die wahren Gründe erahnte. Dass Emma es dieses Jahr nicht über sich brachte, Weihnachten daheim zu verbringen, als sei nie etwas geschehen. Am Ende fügten sich alle: Dann war es dieses Jahr eben so. Dann würde Emma eben nicht kommen. Kein Beinbruch. Bestimmt besuchte sie die Familie im neuen Jahr. Als Emma schließlich die Verbindung beendete, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und weinte endlos. Sie saß da, ließ es über sich ergehen, als seien es fremde Tränen, die da aus ihren Augen rannen und starrte blicklos ins Dunkle vor der Terrassentür. Weihnachten nicht zu Hause zu feiern – das wäre ihr bis vor Kurzem als die schrecklichste Strafe vorgekommen, die sich jemand für sie ausdenken konnte. Aber nach diesem Jahr war alles besser, als Weihnachten in Regensburg zu verbringen.

Gerade als sie all ihre Kraft zusammennahm, um sich an der schmalen Küchenzeile einen Tee aufzubrühen, hörte sie den Schrei. Er war kurz und wild, und er klang, als ob jemand mit dem Tod kämpfte. Sie erstarrte, blieb wie angewurzelt stehen und musste sich zwingen zu atmen. Ihre Hände begannen zu zittern und das Schlucken fiel ihr schwer. Dann ertönte der Schrei noch einmal, schriller nun, und sie hörte ein Krachen und ein Splittern, das es nur in ihrem Inneren gab. Da war sie sich sicher. Ganz sicher. Schließlich entdeckte sie den dunklen Kopf mit der hellen Brust darunter, der sich unten an die Terrassentür presste. Weit aufgerissene, lagunengrüne Augen blickten sie an, und ehe sie nachdenken konnte, hatte sie schon die Tür geöffnet und die Katze war ins Warme geschlüpft.

Von diesem Tag an war der Kater immer öfter vorbeigekommen, schließlich blieb er sogar über Nacht. Es schien ihm bei Emma zu gefallen, die sich anfangs sehr unsicher fühlte, wie man wohl mit einer Katze umging. Aber das Tier wirkte gesund und normal – und er verhielt sich so, wie es Emma von Katzen erwartete. Nie gab er ihr einen Grund, besondere Maßnahmen seinetwegen zu ergreifen. Katzenfutter, Streu und ein Klo bestellte sie im Internet, ansonsten war der Kater mit dem zufrieden, was er bei ihr vorfand. Nach einiger Zeit fiel ihr ein, dass sie ihm einen Namen geben sollte, und als ihr auf einer Website der Name »Troy« ins Auge sprang, wusste sie, dass es der richtige war. Einerseits klang er nach einem coolen Typen, andererseits aber auch nach dem deutschen »treu«. Und so war Troy ja auch – treu. Und trotzdem unabhängig, denn manchmal bekam sie ihn tagelang nicht zu Gesicht. Am Anfang hatte sie sich dann oft Sorgen gemacht – ganz gegen ihren Willen. Obwohl sie seine Gegenwart sehr genoss, sperrte sie sich gegen den Gedanken, ihr Herz zu sehr an ihn zu hängen. Was, wenn ihm im Londoner Großstadtdschungel etwas Schlimmes widerfuhr? Natürlich war Troy nur ein Kater, aber sie hatte Angst, dass all die gerade noch so übermächtigen Gefühle von Trauer, Verzweiflung und Schuld wieder an die Oberfläche gepresst würden, wenn ihm etwas zustieße. Doch Troy war viel mehr Großstädter als sie und außer mit einem dicken Kratzer unter dem rechten Auge war er bisher immer unversehrt zurückgekehrt. Sie hoffte, das würde noch lange so bleiben.

Ein merkwürdiger Geruch riss Emma aus ihren Gedanken, und sie bemerkte jetzt erst, dass sich Troy längst davongemacht hatte, um einen Dachspaziergang zu unternehmen. Sie beugte sich schnuppernd aus ihrem Strandkorb vor und spähte um das Geflecht der Seitenwand herum. Die drei Männer standen keine zehn Meter entfernt mit dem Rücken zu ihr und zogen an Zigaretten. Zumindest zwei von ihnen. Na toll! Würde der Typ ihr in Zukunft ständig die frische Luft verpesten? Und jetzt schnippte der Bärtige auch noch seine Kippe in ihre Richtung.

»She’s really a stroppy cow, believe me!«, hörte sie ihn nun sagen. A stroppy cow? Hatten das nicht immer ihre männlichen Kommilitonen über besonders blöde Frauen gesagt? Garantiert meinte er sie damit!

»Yeah, du hast recht«, antwortete dieser Nathan.

Was war das denn hier? Die Lästerecke, in der man über Nachbarinnen herzog? Ihr fiel kein cooler Spruch ein, den sie den Kerlen an den Kopf hätte werfen können – schon gar nicht auf Englisch – und selbst wenn, hätte sie sich vermutlich nicht getraut, ihn auszusprechen. Sie zog die Bettdecke enger um sich und hoffte, dass die Typen gleich verschwinden würden. Doch der Geruch wurde sogar stärker. Emma hielt die Luft an.

»Geile Aussicht«, sagte der Glatzköpfige aus nächster Nähe.

Ein weiterer, zudem noch qualmender Zigarettenstummel landete direkt vor ihrem Strandkorb.

»Stopp!«, hörte sie Nathan rufen.

Doch da starrte der Glatzkopf bereits von oben auf sie herab.

»Sie haben da was verloren«, flüsterte Emma, offenbar zu leise, denn er quittierte ihren Einwand nur mit einem »Hä?«. Sie getraute sich nicht, ihre Worte zu wiederholen.

»Sorry«, mischte sich nun Nathan ein. »Komm, Greg, wir haben hier nichts zu suchen.« Auch er schielte zu Emma herab und warf ihr so etwas wie einen um Verzeihung heischenden Blick zu. Emma fühlte sich völlig überfordert. Es war ihr furchtbar peinlich, angeglotzt zu werden, wie sie da in ihre Bettdecke gehüllt herumsaß. Sie war außerdem sauer, dass dieser Greg einfach seine Kippen herumschmiss – noch dazu auf ihrer Seite der Dachterrasse und gleichzeitig hasste sie sich für ihre Spießigkeit. Was war schon dabei?

Ohne weiter nachzudenken, raffte sie ihre Bettdecke, sprang auf und rannte in ihr Appartement.

»Sorry, Lady!«, rief Greg ihr hinterher.

Emma schloss schnell die Balkontür. Sie sehnte sich mit einem Mal heftig nach Mrs Watershed. Vor allem, weil diese eine so gut wie unsichtbare Nachbarin gewesen war.

Irritiert sah sich Emma in ihrem Appartement um. Die Wohnungstür hatten die Männer geschlossen. Offenbar waren sie fertig. Was nun? Sie fühlte sich fehl am Platz, die Geborgenheit, die ihr diese vier Wände sonst schenkten, war abhandengekommen. Mit dem Zigarettenrauch verflogen. Es war die falsche Uhrzeit, der falsche Platz. Gewöhnlich schlief sie um diese Zeit tief und fest. Meist traumlos. Nun fühlte sie sich wie ausgespuckt, als hätte sie am Abend zuvor zu viel getrunken. Lustlos rührte sie sich ein kleines Müsli zusammen und kauerte sich mit der Schale und dem Smartphone ins Bett. Sie rief ein paar Nachrichtenseiten auf, doch kaum hatte sie irgendetwas entdeckt, das sie interessierte, überkam sie das Gefühl, sie habe etwas Unangenehmes verdrängt, dem sie sich besser widmen sollte. Der Nachbar. Der Zigarettengestank. Der Lärm am frühen Morgen. Jetzt rumpelten die Männer wieder mit irgendwelchen Kisten oder Kleinmöbeln durchs Treppenhaus und machten es ihr unmöglich, ihre Gegenwart zu vergessen.

Sie rief Instagram auf und scrollte durch die Timeline. Jana hatte ein Video vom vorgestrigen Maitanz gepostet, das Personalchefs sicher nicht dazu verleiten würde, sie einzustellen. Aber okay, Jana war mittlerweile auch schon 21 und sollte wissen, was sie von sich zeigte. BritMom hatte das Foto eines schwarzen Totenkopfes veröffentlicht, der von weißen Kletterrosen umrankt war, darunter die Worte: »Wenn die Nacht kommt, küsst mich die Einsamkeit und liebkost mich die Verzweiflung. Verdammnis euch, unerwünschten Gefährten!«

»Oh je.« Emma entfuhr ein Seufzen.

Sie wusste durch ein paar private Nachrichten, dass BritMom ihre sechsjährige Tochter Poppy allein erzog, als Friseurin arbeitete und mehr schlecht als recht durch den Alltag kam. Brittany, wie sie eigentlich hieß, wohnte mit Poppy in einer winzigen Wohnung, kleiner noch als Emmas, und hatte ständig Pech mit den Kerlen. Einmal hatte sie Emma geschrieben, dass sie davon träumte, ihren eigenen Salon zu eröffnen, irgendwo an der Küste mit Blick aufs Meer, einen anständigen Kerl an ihrer Seite, der sie nicht schlug, betrog und mit ihrem Geld abhaute – das hatte sie in nur 27 Lebensjahren alles schon erlebt. Und zwar nicht nur mit Poppys Vater. Emma hatte nicht gewusst, wie sie darauf reagieren sollte. Statt aufmunternder Worte hatte sie ihr Fotos von Magnolienblüten, Katzenbabys und Strandszenen geschickt. Und für Poppy hatte sie in einem Foto den Kopf von Elsa, der Eisprinzessin, gegen den des Mädchens ausgetauscht. »1000 Küsse von Poppy«, hatte ihr Brittany daraufhin geschrieben. »Sie nimmt das Foto sogar nachts mit ins Bett.«

Ohne weiter darüber nachzudenken wechselte Emma vom Bett an den Schreibtisch und öffnete ein neues Photoshop-Projekt. Sie fügte zunächst einen himbeerroten Hintergrund ein (Brittanys Fotos nach zu urteilen war dies ihre Lieblingsfarbe), auf den sie schlanke florale Ranken legte, ganz dezent. Und dann arrangierte sie darauf Bildschnipsel, die Brittany ein traumhaftes Leben zeigten: Fotos eines Friseursalons im schönsten Vintage-Look, Meeresansichten, ein wenig Sonnenuntergang, das strahlende Lachen von Poppy – ein Foto, das ihr Brittany erst vor Kurzem geschickt hatte – und irgendwo versteckte sich auch ein muskulöser Kerl, eine sexy Mischung aus Meeresgott Neptun und Bradley Cooper, dessen Gesicht nicht genau zu erkennen war, der aber Tatkraft und Vertrauen ausstrahlte. Wie so oft, wenn sie ganz in ihrem Tun aufging, bemerkte sie kaum, wie schnell die Zeit dahinflog. Aber sie spürte, wie sich etwas in ihr beruhigte. Sei es durch die Konzentration, sei es durch die Beschäftigung mit schönen Dingen, mit dem Arrangieren von Bildern, die sie ohne langes Nachdenken ganz intuitiv zusammenstellte und die ihr das Gefühl gaben, sie hätte eine andere Person – jemanden, den sie in der realen Welt gar nicht kannte – begriffen, ihr Innerstes erfasst.

Bevor sie lange darüber nachdenken konnte, ob dieser Gedanke vielleicht ein wenig vermessen war, hängte sie die Bilddatei an eine private Nachricht, die sie Brittany schickte.

»Ich musste an dich denken und habe dir ein kleines Bild zur Aufmunterung zusammengebastelt«, schrieb sie. »So eine Art – ich weiß nicht – ich würde es ›Dreamtableau‹ nennen. Ich hoffe, es gefällt dir.« Woher dieses Wort gekommen war, wusste sie selbst nicht. Vielleicht, weil sie so träumerisch und selbstvergessen daran gearbeitet hatte.

Dreißig Sekunden später kam eine Antwort. Herzaugensmileys in Hülle und Fülle. Und ein kurzes Video von Brittany, die lachend und weinend zugleich in ihre Smartphone-App schaute.

»Oh my god, ist das wundervoll!« Sie hielt das Bild, das sie offensichtlich gleich ausgedruckt hatte, neben sich und strahlte zwischen ihm und der Kamera hin und her. »You made my day, ach was, meine Woche, meinen Monat! Wie kann ich dir dafür nur danken? Du hast wirklich all meine Träume in das Bild gepackt. Genau, wie sie sind. Woher wusstest du das?«

Emma klickte spontan auf das kleine Videosymbol, dann sprach sie in die Kamera: »Freut mich, dass es dir gefällt, Brittany. Mir hat es riesigen Spaß gemacht, es zusammenzustellen. Gib Poppy einen Kuss von mir.«

Sie spürte, wie sie selbst beinahe zu Tränen gerührt war, weil sie sich so freute, Brittany glücklich gemacht zu haben. War es nicht das, was zählte? Andere zu erfreuen? Das ging auch, ohne dass man zusammen an einem winzigen Tisch in einem überteuerten Café saß und sich anschreien musste, um einander im Lärm der Umgebung zu verstehen. Wenn jemand sie fragte, würde sie sagen: Ja, Brittany – das ist meine Freundin. Und es kam ihr inzwischen nicht einmal mehr merkwürdig vor, dass sie sie noch nie im wahren Leben gesehen hatte. Denn was war das schon – das wahre Leben? Wenn man Menschen in der digitalen Welt zum Lachen und Weinen bringen konnte, dann war das ganz schön wahr, dieses Leben.

Sie scrollte weiter durch Instagram und hinterließ Kommentare, hier ein »Ich drück die Daumen, dass du deine Prüfung schaffst!« und dort ein »Oh my god, das süßeste Baby, das ich je gesehen habe!«. Sie wusste, dass es die anderen freute, wenn sie direkt auf ihre Posts reagierte, warum also sollte sie ihnen diesen kleinen Gefallen nicht tun?

Irgendwann entdeckte sie das Posting von Luca, jemand, von dem sie nicht einmal wusste, ob es ein Mann oder eine Frau war. Manchmal war sie sicher, es mit einer Frau zu tun zu haben, dann wieder gar nicht. Luca fotografierte gerne extravagant gekleidete Passanten – Männer wie Frauen und seine – oder ihre – poetischen Beschreibungen fesselten Emma: »Swingende Rocksäume streicheln zart Frauenbeine« oder »Maronenbrauner Mantel – Herbsttristesse zum Anziehen«. Bei allem strahlte Luca Melancholie aus und nun hatte sie – oder er – berichtet, dass die geliebte Großmutter gestorben war. Vor Emmas Auge stieg sofort ein Bild auf, die Großmutter, von der Luca noch vor Kurzem ein faszinierendes Schwarz-Weiß-Foto eingestellt hatte, auf denen die scharfen Kanten um Kinn und Nase in seltsamem Kontrast zu den sanften Augen voller weltumfassender Weisheit gestanden hatten. Sie suchte ein paar Bilder von Lucas Account zusammen und fing mit dem nächsten Dreamtableau an.

Sie spürte nicht, wie die Stunden dahinflossen.

Doch irgendwann schubste sie mit einer kräftigen Handbewegung die Maus davon, und es klang beinahe, als ob diese empört quiekte. Manchmal stieß sie an die Grenzen der Computerbearbeitung. Sie wünschte sich Schraffur für den Hintergrund, aber irgendwie bekam sie diese nicht so hin, wie sie es sich vorstellte. Es wirkte alles zu gleichförmig, zu machine made, nicht lebendig genug. Sie würde selbst etwas zeichnen und es dann einscannen. Wie lange hatte sie schon nicht mehr mit der Hand gearbeitet, fiel ihr auf.

Emma kramte in den Schubladen des Rollcontainers unter ihrem Schreibtisch – aber sie fand die große Schachtel mit den Pastellkreiden in allen Regenbogenfarben nicht. Simon hatte sie ihr zum achtzehnten Geburtstag geschenkt.

Vielleicht hatte sie die Malstifte in Deutschland zurückgelassen?

So wie Simon.

An den sie nicht denken wollte.

Sie musste noch das Katzenklo sauber machen.

Den Kühlschrankbestand überprüfen.

Staubsaugen. Dienstags war immer Staubsaugen dran.

Und das Tableau fertigbekommen. Mit oder ohne Stiften.

Lieber mit.

Sie stieß die Schublade mit einem Scheppern zu, sodass der Stapel Papier, der darauf lag, ins Rutschen geriet. Hektisch und erfolglos zugleich versuchte sie ihn aufzufangen. Nur einen Flyer erwischte sie.

PaperLove stand darauf. Der Laden war vor zehn Tagen eröffnet worden, im Erdgeschoss des Nebenhauses. So wie es klang, gab es dort Papier und Bürobedarf, aber ebenso Bücher, und ein Café schien auch angeschlossen zu sein. Bestimmt hatten sie Kreidestifte. Wo es Papier gab, musste es Kreidestifte geben.

Emma stellte fest, dass es erst kurz vor zwölf war. Nichts auf der Welt konnte sie dazu bringen, zu dieser Stunde ihre Wohnung zu verlassen. Normalerweise stand sie um diese Zeit erst auf. In den Straßen drängten sich jetzt allmählich die Passanten, die zum Lunch strebten, und so vertieft in Handydisplays oder Zeitungen waren, dass sie kaum auf ihr Umfeld achteten und Emma mit ihren Händen, Ellenbogen oder Füßen viel zu nah kamen. Außerdem war sie noch immer im Schlafanzug. Besser sie ging in die Routine über, die sie sich in den letzten achtzehn Monaten angeeignet hatte.

Am Anfang hatte sie sich fest vorgenommen, jeden Morgen spätestens um acht Uhr aufzustehen. Ein paar Tage war ihr das auch gelungen. Drei, um genau zu sein. Dann hatte sie den Wecker ausgestellt, sich schuldbewusst ein paar Minuten hin und her gewälzt und sich dann mit schwelendem schlechten Gewissen einem Dämmerzustand hingegeben, aus dem es kaum ein Entkommen gab. An vielen Tagen war es beinahe elf gewesen, bis sie endlich aufstand, zerschlagen und schlecht gelaunt. Immer wieder hatte sie versucht, sich klarzumachen, dass sie niemandem darüber Rechenschaft ablegen musste, wann sie ihren Tag begann. Hauptsache, sie erledigte ihre Arbeit fristgerecht.

Irgendwann gestand sie sich ein, dass sie nachts am besten arbeiten konnte. Zum einen war es dann still, kein Telefon, keine E-Mails lenkten sie ab. Zum anderen war ihr Schlafproblem damit gelöst. Sie musste sich nicht mehr stundenlang von rechts nach links und wieder zurück drehen und das Gedankenkarussell verfluchen, das sie wachhielt. Wenn sie erst um drei oder vier ins Bett ging, kam sie viel schneller zur Ruhe. Am besten sogar, wenn draußen ein allererstes Schimmern das Heraufziehen der Morgensonne ankündigte. Als könne sie sich nur im Hellen dem Schlaf ausliefern. Als schütze die Helligkeit sie vor der Finsternis ihrer Seele.

Sie versuchte, ihren neuen Rhythmus vor ihrer Familie zu verbergen, deren Mitglieder gerne schon mal am Sonntagmorgen um acht anriefen – sie waren es gewohnt, um diese Uhrzeit schwatzend, pfeifend und mit Tassen klappernd ekelerregend gute Laune vor sich her zu wälzen. Emma dagegen sprach vor dem ersten Kaffee nie und danach nur, wenn es wirklich wichtige Dinge mitzuteilen gab. Frühestens ab mittags stieg ihr Bedürfnis nach Kommunikation. Wenn sie gelegentlich die Statistiken anschaute, konnte sie das auch an ihrem Instagram-Account nachvollziehen. Kaum ein Foto, das sie vor dem Lunch gepostet hatte.

Jetzt war es Zeit für einen – und an diesem Tag ausnahmsweise den zweiten – Kaffee. Emma stellte die kleine Espressomaschine auf den Gasherd und wartete, bis das Wasser durch das Sieb nach oben gedrückt wurde, Dampf entwich und sich der Duft nach Kaffee im ganzen Raum ausbreitete. In diesen wenigen Minuten strukturierte sie den weiteren Tagesablauf durch, denn das hatte sie schnell verstanden: Wenn sie sich schon den Luxus gönnte, ihren Mitmenschen so selten wie möglich von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, dann musste sie ihre Zeit gut einteilen. Inzwischen hatte sie sogar einen Wochenplan ausgearbeitet, an den sie sich möglichst eisern hielt. Im Grunde verlief jeder Tag gleich – und zwar an allen sieben Tagen der Woche, so war es einfacher. Es gab nur kleinste Variationen.

Der Plan sah so aus:

  • Nach dem Aufstehen (nicht näher spezifiziert) Kaffee trinken
  • 10 Minuten Yoga auf der Dachterrasse (nur bei schönem Wetter)
  • Pflanzen gießen
  • Den ersten Post des Tages absetzen
  • E-Mails bearbeiten
  • Kundentelefonate
  • Kleines Frühstück, Porridge, Müsli oder Toast
  • Zwei Stunden ungestörte Arbeit an aktuellen Aufträgen
  • Duschen
  • Neue Posts vorbereiten, Ideenfindung, Recherche, grafische Umsetzung, Statistiken auswerten, Anpassungen und Verbesserungen
  • Kleines abendliches Mittagessen
  • Instagramen (Posts einstellen, Kommentare beantworten, selbst kommentieren, neue Accounts und Trends suchen, Kontaktpflege)
  • Gärtnern
  • Bestellungen ordern (Lebensmittel, Klamotten, Dinge des täglichen Lebens etc.)
  • Nach Bedarf: Mitternachtsimbiss
  • Zur freien Verfügung (Serien gucken, lesen, Musik hören)
  • Unerledigtes, spontane grafische Ideen umsetzen, Neues ausprobieren
  • Dreimal die Woche: eine Stunde lang den Crosstrainer auf der Dachterrasse benutzen.
  • Wann immer nötig – also immer: Kater kraulen

Durch andere Instagram-User hatte sie Bulletjournaling kennengelernt, was immer mehr in Mode kam. Wunderschöne selbst gestaltete Kalenderblätter, Selftracking-Tabellen und To-do-Listen, mit denen man all die Dinge festhalten, festlegen und aufzeichnen konnte, die man sonst garantiert vergaß – und zwar auf eine ästhetisch sehr ansprechende Weise: mit thematisch passenden Illustrationen, übersichtlichen Einteilungen und liebevollen Mutmach-Slogans verziert. Das ging von den Terminen zum Fensterputzen über destruktive Worte, die man nicht mehr verwenden wollte, bis zum Durchstreichen von Wassertropfen für jedes Glas, das man tagsüber getrunken hatte. Emma hatte sich in die Methode verliebt und führte nun selbst zahllose Listen und Aufstellungen. Dort trug sie ein, wann sie Bettwäsche wechseln sollte, welche Blumenzwiebeln wann in die Erde gehörten, wie lange sie auf dem Crosstrainer gestanden und welche Yogaübungen sie schon sehr gut konnte, besser lernen musste oder neu kennenlernen wollte.

Apropos … Emma blickte von der Liste auf, mit der sie ihren Kaffeekonsum verfolgte, und sah, dass es draußen noch immer trocken war. Sicher konnte sie ihre heutigen Yogaübungen nach dem Kaffee draußen absolvieren – natürlich nicht ohne vorher überprüft zu haben, ob die Luft rein war.

Dank YouTube hatte sie sich ein paar einfache Übungen zusammengestellt, die ihr dabei halfen, trotz des vielen Sitzens keine Rückenprobleme zu bekommen. Neben dem Sonnengruß beherrschte sie den Stuhl, die Vorwärtsbeuge, die Plankenstellung, die Dreieck-Position und den Herabschauenden Hund. Am Anfang war sie ein paarmal beinahe umgekippt, weil sie ständig auf das Video schauen musste, um zu verstehen, was von ihr verlangt wurde. Wie schob man denn die Ferse im 45-Grad Winkel zum Boden? Und während der linke Arm auf dem linken Oberschenkel ruhte – wo war da der rechte Arm? Ach so, das Atmen hatte sie dabei völlig vergessen … Und wenn dann auch noch Troy auf ihren Rücken sprang, ging gar nichts mehr. Doch nach ein paar Wochen gelang es ihr immer besser, die Übungen fließend ineinander übergehen zu lassen und sich nur noch auf das tiefe Luftholen und Ausatmen zu konzentrieren. Nach und nach stellte sie fest, dass sie sich anschließend in der Tat wacher fühlte und sich auch bei der Arbeit besser konzentrieren konnte.

Kurz wartete sie noch ab, dann nahm sie ihre Yogamatte mit nach draußen und begann mit den Übungen. Als sie nun wieder langsam aus der Position des Herabschauenden Hundes in die Vertikale zurückkehrte, fiel ihr Blick am Flieder vorbei auf die Nachbarwohnung. Hatte sich da etwas bewegt? Etwas glitzerte in der Sonne, und eine Reflexion blendete sie so stark, dass sie wegsehen musste. Den neuen türkisblauen Vorhang nahm sie erst wahr, als sie noch einmal hinschaute, um zu erkennen, was dort so funkelte. Doch sie entdeckte nur das Gesicht ihres neuen Nachbarn, düster umrahmt von dunklem Bartschatten. Sie zuckte unwillkürlich zusammen – hatte er schon die ganze Zeit dort gestanden? Ihr bei ihren Yogaübungen zugesehen? Nun zog er schnell den Vorhang zu. Erst jetzt erkannte sie, dass im Stoff kleine Spiegelscherben eingewebt waren, die das Funkeln verursacht hatten. Ein Spanner mit einer Mädchengardine? Was war das denn für ein Typ?

Bevor sie zur Gießkanne griff, um aus dem großen Regenfass Wasser zu schöpfen, schlüpfte sie schnell wieder in ihren Morgenmantel. Was er wohl von ihr dachte, wenn er sie um diese Zeit noch immer so herumspringen sah? Dabei ging ihn das doch nichts an! Verdammt, wie sehr würde er ihre Freiheit noch einschränken? Bei der nächsten Gelegenheit sollte sie ihm vielleicht klarmachen, dass sie sich beobachtet fühlte. Doch dazu müsste sie etwas tun, was sie ganz und gar nicht wollte – mit ihm reden.

»So weit kommt’s noch«, sagte sie zu den Ranunkeln und dem Islandmohn, »dass mir der Kerl meine Dachterrasse madig macht.«

Den Nachmittag über – mittlerweile geduscht und in ihre Lieblingsjogginghose (ausgewaschenes Dunkellila) sowie den Hoodie (warmer Beerenton) gekleidet – arbeitete sie an ihrem nächsten Auftrag, eine Website für eine kleine Apotheke in Bad Oldesloe. Die Arbeit war furchtbar langweilig und diesmal dehnten sich die Minuten wie Kaugummi. Aber es musste nun mal sein. Wenigstens war es nebenan ruhig, und mittlerweile hatte sie so viele ähnliche Webseiten erstellt, dass sie in diese hier vieles einbauen konnte, was schon vorproduziert war. Wenn sie zwischendurch nicht weiterkam, fiel ihr Blick auf den Flyer des neu eröffneten Papierladens. Sollte sie sich dorthin wagen? Dann könnte sie heute Abend gleich das Zeichnen ausprobieren, sobald sie mit ihrer Arbeit fertig war.

Als es Viertel vor sieben war, stand sie entschlossen auf. Sie müsste sowieso den Müll runterbringen. Und um diese Uhrzeit war in dem Laden bestimmt nicht mehr viel los – er würde in fünfzehn Minuten schließen. Sie atmete tief durch, betrachtete sich kurz im Spiegel und sprach sich Mut zu: »Nur ins Nebenhaus. Es wird kaum jemand da sein. Du wirst niemandem irgendwas erklären müssen.«

Als sie es bereits die halbe Treppe hinunter geschafft hatte, so leise wie möglich, fiel ihr der Müll ein. Den hatte sie vergessen. Schnell sprintete sie die Stufen wieder hoch, griff nach den Tüten und spurtete nach unten. Sie öffnete die Tür zum Hinterhof, in dem die Müllcontainer standen, und blickte direkt in Mrs Framptons zerfurchtes Gesicht. Sofort beschleunigte sich Emmas Herzschlag.

»’n Abend«, brachte sie hervor.

»Ach, Sie habe ich ja ewig nicht gesehen«, sagte Mrs Frampton, und es klang wie ein Vorwurf. »Ich dachte schon, Sie wären ausgezogen und die Wohnung stünde leer. Was bei dem Wohnungsmangel in unserer schönen Stadt wahrlich eine Schande wäre.«

Emma lächelte wortlos und quetschte sich an Mrs Frampton vorbei.

»Hat sie mich wieder nicht verstanden, the German Madel

Mrs Frampton tat wie immer, als kapierte Emma kein Wort – obwohl sie genau wusste, dass Emma die englische Sprache sehr wohl verstand. Emma ahnte, dass der Hausdrache auf nichts sehnlicher wartete als auf eine unfreundliche Reaktion ihrerseits. Doch den Gefallen würde sie ihr nicht tun. Und auch an Tante Gwens Unwillen, die begehrte Wohnung zu verkaufen, würde sich diese Lady die Zähne ausbeißen.

Schnell warf sie den Müll fort und verließ den Hof über den Seitenausgang. Gleich würde der Laden schließen, sie musste sich beeilen. Erst wandte sie sich nach rechts, dann wurde ihr klar, dass der Shop links liegen musste, und sie machte eine schnelle Kehrtwende.

»Achtung!«, schrie jemand und schon spürte sie etwas gegen ihre Waden donnern. Ein Kind brüllte dicht unter ihr, und in letzter Sekunde konnte sie einen vielleicht Zweijährigen vor dem Umkippen bewahren. Er hatte mit seinem Laufrad nicht mehr anhalten können und es schmerzhaft in ihre Beine gerammt. Emma spürte, wie ihr Kopf heiß wurde, ihr Magen krampfte sich erschrocken zusammen und sie stotterte unzählige Male »sorry«. Eine wütend dreinblickende Mutter kam näher und tötete sie beinahe mit ihren Blicken. Dann setzte sie den Jungen wieder auf das Laufrad, während sie gleichzeitig einen Kindersportwagen festhielt. Emma wäre am liebsten sofort nach Hause gerannt – das war schon wieder ein bisschen zu viel Kontakt mit der Außenwelt gewesen. Aber sie hatte auch keine Lust, Mrs Frampton noch einmal zu begegnen, die garantiert noch im Hof herumschlich. Daher zog sie die Schultern hoch und machte, dass sie weiterkam. Glücklicherweise war der Schreibwarenladen, den sie suchte, keine zehn Schritte entfernt. Seufzend lehnte sie sich gegen die Eingangstür und wartete, bis sich ihr Atem wieder beruhigt hatte. Sie wusste genau, warum sie in dieser Stadt nicht auf die Straße ging.

Das Erste, was sie wahrnahm, als sie die Tür schließlich öffnete, war der Geruch: eine betörende Mischung aus Kaffee, Büchern, Farbe und frisch gebackenen Keksen. Der verwinkelte Raum war mit hellem Parkettboden ausgelegt. In sandfarbenen, luftigen Holzregalen vor den weißen Wänden waren Bücher drapiert, es gab Postkarten mit pastellig gestalteten Schriftzügen, Weidenkörbe voller Geschenkpapiere, alte Zigarrenschachteln mit bunten Schreibstiften darin und weiter hinten eine Glasvitrine mit Kuchen. Um diese Uhrzeit lagen nur noch zwei Brownies darin, die allerdings mehr als appetitlich aussahen. Vielleicht würde sie sich einen davon gönnen.

»Kann ich helfen?«, fragte eine freundliche Stimme, und Emma zuckte zusammen.

»Nope«, erwiderte sie, ohne nachzudenken. Um sich gleich darauf zu verbessern. Denn niemals würde sie in diesem riesigen Sortiment Kreidestifte finden.

»Haben Sie …« Und warum fiel ihr jetzt das englische Wort dafür nicht ein? Noch so ein Grund, nicht allzu viele persönliche Kontakte zu pflegen: Sie konnte sich mit ihren Sprachkenntnissen nur blamieren, war sie überzeugt. Sie deutete mit den Fingern längliche, eckige Stifte an, dann fiel ihr wenigstens das Wort chalk ein.

Die blonde Frau mit der freundlichen Stimme, die sich perfekt in das Design des Ladens einfügte, wies auf ein kleines Regal in einem Durchgang.

»Meinen Sie die?«

Emma betrachtete die Pastellkreiden in allen Schattierungen und strich mit dem Finger darüber. Erst jetzt wurde ihr klar, wie lange sie schon nicht mehr mit der Hand gezeichnet hatte. Dabei hatte sie früher fast monatlich mindestens ein Notizheft mit Skizzen gefüllt. Sie nickte der Verkäuferin zu, die sich in den Kassenbereich zurückzog.

Neben den Pastellkreiden gab es Prismacolor-Buntstifte, Graphitstifte und marmorierte Stifteverlängerer, Radiergummis in Einhorn- oder Gehirnform, spezielle Buntstiftspitzer und Rolletuis aus bunten Stoffen für Stifte. Emma konnte sich gar nicht sattsehen. Sie probierte auf dem bereitliegenden Papier die Test-Buntstifte aus und war von deren Farbintensität ganz berauscht. Irgendwann spürte sie, dass die Verkäuferin hinter ihr stand und mit etwas Papier knisterte. Emma fuhr zu ihr herum.

»Oh Gott, Entschuldigung, Sie wollen bestimmt schließen«, rief sie aus.

Die Frau, die etwa in Emmas Alter war, lächelte, und ihre Augen strahlten dabei in einem so intensiven Blau, dass Emma ganz warm ums Herz wurde. Ob das die Ladenbesitzerin war? Sie hatte trotz ihrer Größe von vermutlich knapp unter eins achtzig ein zartes, etwas altmodisch wirkendes Gesicht mit einer schmalen, langen Nase und winzigen Sommersprossen, einen sanft geschwungenen Mund und einen beneidenswerten Porzellanteint. Sie sah aus, als sei sie gerade einem Jane-Austen-Film entsprungen und habe ihr historisches Kostüm nur kurzzeitig abgelegt.

»Nein, kein Problem, ich muss sowieso noch umsortieren. Schauen Sie sich in Ruhe um. Ich weiß, wie schwer es ist, sich für die richtigen Stifte zu entscheiden, sie sind alle wunderschön!«

»Allerdings«, antwortete Emma und versank wieder im Anblick der Farben.

Endlich entschied sie sich für einen klassischen Farbenkasten mit der ganzen Pastellpallette.

»2

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