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Nur eine rasante Affäre?

1. KAPITEL

„Ich hab zwar keine Ahnung, wer er ist, aber er ist völlig nackt“, flüsterte Jessie Connor atemlos und spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg.

Kaum fünfzehn Meter von ihr entfernt stand der schönste Mann, den sie je gesehen hatte. Splitterfasernackt! Gott sei Dank wandte er ihr den Rücken zu, sonst hätte ihr Herz womöglich versagt!

Die dunklen Strähnen seines nassen Haars reichten bis zu seinen starken breiten Schultern. Glitzernde Wassertropfen rannen von seinem muskulösen braungebrannten Körper und fielen auf die weißen Steinfliesen am Rande des Swimmingpools.

Ohne einen Ton von sich zu geben, wich Jessie zurück, bis sie die warme wettergegerbte Holzwand des Ferienhauses ihrer Schwester Allie durch den leichten Baumwollstoff ihres blauen Sommerkleides spürte. Doch die gespeicherte Sonnenwärme der Hauswand war nichts im Vergleich zu der Hitze, die in ihrem Körper loderte.

„Wer ist das denn? Kennst du ihn?“, raunte Allie ihr zu.

Ein wenig geistesabwesend betrachtete Jessie ihre Schwester, die mit einem besorgten Stirnrunzeln ebenfalls an der Hauswand lehnte, die Arme schützend um ihren Babybauch gelegt. „Na ja, ich kann jetzt zwar nur seine Rückseite beurteilen, aber ich würde sagen, ich kenne ihn nicht.“

„Rutsch mal, ich will auch mal gucken!“ Allie drängelte sich nach vorn und spähte neugierig um die Hausecke – ein bisschen zu neugierig für eine verheiratete Frau, fand Jessie.

„Wow, sein Hintern ist fast so knackig wie der von Linc!“, bemerkte sie mit auffallend roten Wangen.

Jessie beschloss, diese unpassende Bemerkung über ihren Schwager zu ignorieren. „Interessanter wäre, ob dir dieser Hintern da bekannt vorkommt.“

„Natürlich nicht, ich bin schließlich verheiratet!“

„Sieh an, jetzt ist es ihr wieder eingefallen“, murmelte Jessie.

„Wir sollten besser Linc informieren.“

„Sei nicht albern. Das können wir doch auch allein regeln.“

Skeptisch zog Allie die Augenbrauen hoch. „Nein, das können wir nicht! Ich bin im achten Monat schwanger, und der Kerl ist riesengroß! Hast du seine Schultern gesehen?“

„Ja, unter anderem …“

„Du kannst ihn nicht allein stellen! Vielleicht hat er eine Waffe.“

„Und wo bitte soll er die versteckt haben? Der Kerl ist splitternackt“, erwiderte Jessie mit wachsender Ungeduld. „Wie kann er es wagen, einfach in unserem Pool zu schwimmen? Das ist Hausfriedensbruch, und darauf werde ich ihn hinweisen.“ Mit einem Blick auf den runden Bauch ihrer Schwester fügte sie ruhig hinzu: „Du bleibst am besten hier. Linc wird ja jeden Augenblick mit Emmy zurück sein.“

„Und was, wenn er dich nun angreift?“ Allies Flüstern klang ebenso verzweifelt wie verärgert.

„Keine Bange! Ich hab einen Plan.“

Finster zog Allie die Augenbrauen zusammen. „Ich weiß nicht, ob mich das beruhigt.“

„Bei Bruce Willis hat es in ‚Stirb langsam 2‘ jedenfalls super funktioniert.“

„Bist du übergeschnappt?!“

„Psst!“ Jessie legte ihrer Schwester energisch den Finger auf den Mund. „Er ist vielleicht gut gebaut, aber bestimmt nicht taub!“ Sie atmete tief durch, ehe sie einen weiteren Blick um die Hausecke riskierte.

Nachdenklich nagte sie an der Unterlippe. Wahrscheinlich hatte Allie recht. Sie sollte ihn besser nicht direkt ansprechen.

Aber seit sie bei ihrer Rückkehr von der Ultraschall-Untersuchung ihrer Schwester das imposante schwarze Motorrad in der Einfahrt entdeckt hatten, pulsierte eine Überdosis Adrenalin durch ihre Adern.

Diese Impulsivität war ihre größte Schwäche. Sogar Toby, ihr dämlicher Exverlobter, hatte ihr das in den zwei Jahren ihrer Beziehung immer wieder zu verstehen gegeben. „Wenn du wenigstens auch im Bett so zügellos wärst!“, hatte er ihr wütend entgegengeschleudert, als ihre Verlobung vor sechs Monaten endgültig in die Brüche ging.

Das gleißende Sonnenlicht spiegelte sich auf der glatten Wasseroberfläche des Pools und blendete Jessie, während sie den Fremden beobachtete. Der war gerade dabei, sich mit einem T-Shirt abzutrocknen. Sie spürte, wie die altbekannte Wut in ihr hochstieg, wie immer, wenn sie über die Beleidigungen ihres Exverlobten nachdachte.

Zügellos war sie wirklich nicht – aber auch nicht frigide, falls er das gemeint hatte. Und leider war ihr erst nach einer ganzen Weile aufgegangen, dass Toby Collins nicht ihr „Mister Right“ war, nach dem sie immer gesucht hatte. Ihre Vorstellungen vom Leben waren einfach zu verschieden gewesen. Während sie davon träumte, mit ihm eine Familie zu gründen und Kinder zu haben, fantasierte Toby von einer Frau, die im Bett für ihn die Wildkatze spielte und ansonsten brav den Mund hielt. Noch immer wurde sie wütend, wenn sie daran dachte, dass sie zwei lange Jahre gebraucht hatte, um das zu erkennen.

Jetzt zog der Eindringling eine Jeans über seine muskulösen Schenkel. Angestrengt versuchte Jessie das aufkeimende Gefühl der Enttäuschung zu ignorieren, als seine überaus ansprechende Kehrseite vollständig unter dem ausgeblichenen Stoff der Hose verschwand.

Kerle! Verärgert knirschte sie mit den Zähnen. Dieser unverfrorene Typ sollte sich nur nicht einbilden, dass er mit seinem unverschämten Benehmen ungestraft davonkäme!

Wild entschlossen streifte sie die Sandalen von den Füßen.

„Okay, los geht’s!“, wisperte sie Allie zu. „Lauf du zurück zum Auto und ruf Linc an.“

„Jessie … nicht …“

Geschickt wich sie ihrer Schwester aus, die sie mit ausgestreckten Armen zurückhalten wollte. Es war Zeit, dem Eindringling Paroli zu bieten!

Gedankenverloren knöpfte Monroe Latimer seine Jeans zu. Als er die Hände in die Hosentaschen schob, um sie zurechtzuziehen, geriet ihm der alte Brief in die Finger, den er bereits das ganze Jahr mit sich herumtrug. Das Papier war schon fleckig und stark zerknittert. Ein Wassertropfen löste sich aus seinem nassen Haar, fiel auf den Umschlag und direkt auf die Adresse seines Bewährungshelfers Jerry Myers. Mit einer energischen Bewegung strich Monroe die dunklen Haarsträhnen aus seiner Stirn. Seufzend fragte er sich zum hundertsten Mal, warum er diesen Brief so lange mit sich herumgetragen hatte. Und was zum Henker ihn geritten hatte, vom Highway abzufahren und hierher zu kommen.

Neugierde? Ärgerlich schüttelte Monroe den Kopf – normalerweise war er schlau genug, genau dieser Art von Impuls aus dem Weg zu gehen. Er zog den Brief aus dem Umschlag und las, was er längst auswendig kannte:

Lieber Monroe,
du wunderst dich jetzt sicher, denn du kennst mich nicht. Mein Name ist Alison Latimer. Ich bin mit deinem äl
teren Bruder Lincoln verheiratet. Linc sucht nun schon seit Jahren erfolglos nach dir. Deshalb schicke ich diesen Brief an Jerry Myers, in der Hoffnung, dass er ihn an dich weiterleitet.

Linc und ich sind jetzt seit fünf Jahren verheiratet. Wir leben in London, verbringen aber die Sommermonate immer in unserem Ferienhaus im Oceanside Drive, East Hampton auf Long Island in den USA.

Bitte, Monroe, komm uns besuchen! Linc und ich würden uns riesig freuen, wenn du eine Weile bei uns bliebest. Jerry meinte, Linc sei dein einziger noch lebender Verwandter. Ich weiß, du hast deinen Bruder seit über zwanzig Jahren nicht gesehen, aber er hat nie aufgehört, nach dir zu suchen.

Familie ist wichtig, Monroe. Bitte komm uns besuchen.

Alles Liebe, Allie.

Monroe war froh, dass man auf dem abgegriffenen Kuvert die Absenderadresse nicht mehr entziffern konnte. Womöglich hätte er sonst doch bei seinem Bruder vorbeigeschaut, wenn er die Hausnummer gewusst hätte. Entschlossen zerknüllte er den Brief und stopfte ihn wieder in die Hosentasche. Jetzt, wo er gesehen hatte, in welch nobler Gegend sein Bruder und dessen Frau lebten, würde er ihn wohl endlich wegwerfen können. Auf keinen Fall konnte er diese Einladung annehmen. Hier war er einfach fehl am Platz.

Alison Latimer hatte keine Ahnung. Familie war gar nicht wichtig. Jedenfalls nicht für ihn. In den letzten vierzehn Jahren hatte er immer tun können, was er wollte und wann er es wollte, und er hatte nicht vor, das zu ändern. Familie war doch letztlich auch nur eine Art von Gefängnis, und davon hatte er in seinem Leben nun wirklich schon mehr als genug gehabt!

Monroe spürte, wie die altbekannte Bitterkeit in ihm hochstieg. Der frische Seewind fuhr durch das Blumenbeet nahe dem Pool und trug den Duft von Sommerblumen und Chlor zu ihm herüber. Na, wenigstens habe ich ein Bad in einem 5-Sterne-Pool gekriegt, dachte er und lächelte unwillkürlich. Und noch dazu in einem der schönsten Gärten, die ich je gesehen habe!

Gerade als er dabei gewesen war, sein Motorrad zu wenden, um zurück zum Highway zu fahren, hatte sein aufmerksamer Künstlerblick das charmante Holzhaus in den Dünen entdeckt. Die riesigen Fenster und der wunderschöne Wintergarten gaben ihm ein einladendes Aussehen. Es stand ein wenig abseits von den Nachbarhäusern auf einer Landzunge, ganz nahe dem Atlantik, und schien ihn regelrecht zu rufen.

Wie alle Häuser in dieser Gegend war es von einem hohen Zaun und einer noch höheren Hecke umgeben. Trotzdem hatte er das verheißungsvolle Glitzern des Pools wahrgenommen, als er mit seiner Maschine über eine Anhöhe fuhr. Verschwitzt und völlig ausgepowert – er war immerhin schon bei Tagesanbruch in Maryland losgefahren und bis New York würde er auch noch einige Stunden durchhalten müssen – hatte er ein paar Mal am Gartentor geklingelt, um sicherzugehen, dass niemand zu Hause war.

Nach einem kurzen Check, der ergeben hatte, dass die Alarmanlage nicht eingeschaltet war, war er dann über das Tor geklettert und hatte sich eine kleine Erfrischung im Pool gegönnt. Das Kribbeln im Bauch hatte ihn angenehm an seine Kinderzeit erinnert, wenn er an einem langweiligen Sommernachmittag heimlich etwas Verbotenes getan hatte.

Jetzt sollte er sich allerdings schleunigst aus dem Staub machen. Die Bewohner konnten schließlich jeden Augenblick zurückkommen und die Polizei rufen. Hausfriedensbruch sollte nicht auch noch in seiner Akte stehen. Also, bloß weg von hier!

Auf Zehenspitzen schlich Jessie über die Terrasse und erstarrte vor Schreck zur Salzsäule, als der Eindringling ruckartig irgendetwas in seine Hosentasche steckte, das er die ganze Zeit reglos betrachtet hatte. Doch er drehte sich nicht um, sondern hob nur sein T-Shirt vom Boden auf. Erleichtert wagte Jessie wieder zu atmen.

Zufrieden vor sich hinsummend ließ sich der gut aussehende Fremde auf den warmen Steinfliesen nieder, rieb seine Füße mit dem T-Shirt trocken und griff nach einer Socke.

Entschlossen legte Jessie ihre beiden Zeigefinger aneinander, sodass sie eine Pistole formten, presste sie dem Mann zwischen die Schulterblätter und rief so gebieterisch wie möglich: „Keine Bewegung! Ich bin bewaffnet!“

Das Summen verstummte sofort. Schlagartig versteifte sich sein Rücken, während die Socke zu Boden fiel.

„Okay, keine Panik!“ Seine Stimme klang barsch und irgendwie mürrisch.

„Hände hoch! Und nicht umdrehen!“

Seine Haut fühlte sich glatt und warm an, und sie spürte, wie sich die festen kraftvollen Muskeln unter ihren Fingern anspannten, als er langsam die Arme hob. So aus der Nähe betrachtet, sah er plötzlich um einiges gefährlicher aus. Auf seinem linken Oberarm entdeckte Jessie ein verblasstes Tattoo, und die sonnengebräunte Haut seines Rückens war von einem Zickzackmuster weißer Narben bedeckt.

„Hören Sie, nehmen Sie die Waffe weg und ich verschwinde von hier. Ist doch gar nichts passiert.“

Er wollte sich umdrehen, aber sie presste ihre Finger nur noch fester gegen seine Wirbelsäule. „Ich habe gesagt, nicht umdrehen!“

„Schon gut, schon gut!“ Verängstigt klang er nicht, eher genervt.

Vielleicht war sein kleiner Badeausflug doch keine so gute Idee gewesen … „Ich nehme jetzt meine Arme herunter“, knurrte er. „Ich war den ganzen Tag mit dem Motorrad unterwegs und bin total erledigt.“ Seine Arme sanken herab.

Einige unendlich lange Sekunden verstrichen, dann fragte er: „Und wie machen wir jetzt weiter?“

Jessies Herz hämmerte wie wild in ihrer Brust. Herrgott, wenn sie das wüsste! Wo Linc nur blieb? Ihre Finger begannen schon wehzutun.

„Kommen Sie hier aus der Gegend? Sie haben einen reizenden englischen Akzent“, versuchte der Eindringling es auf die charmante Tour.

„Die Frage lautet wohl eher, woher Sie kommen!“, konterte Jessie scharf. Sie würde sich doch nicht von einem arroganten Einbrecher anmachen lassen!

Plötzlich beugte er sich nach vorn. Jessies Herzschlag setzte aus. „Was zum Teufel tun Sie denn da?“

„Meine Socken aufheben. Was dagegen?“ Seine Antwort kam ruhig und ein wenig herablassend.

Vor Wut schnaubend erwiderte sie: „Von mir aus! Aber das nächste Mal fragen Sie erst!“ Kaum hatte Jessie dies gesagt, zuckte es in ihren verkrampften Fingern.

Der Eindringling hatte es genau gespürt und drehte sich ruckartig herum.

Erschrocken schrie Jessie auf, als ihr Gefangener in einer einzigen geschmeidigen Bewegung in die Höhe schnellte und sie an den Armen packte.

„Lassen Sie mich sofort los!“, zischte sie, während sie versuchte, sich aus seinem stählernen Griff zu befreien.

„Der Finger-Trick! Ha, Hut ab! Ich hätte nicht gedacht, dass ich darauf hereinfallen würde.“

Markante blaue Augen musterten sie aus einem Gesicht, das sogar Michelangelo beeindruckt hätte. Dieser Mann war einfach atemberaubend schön! Wie hypnotisiert starrte Jessie ihn an: die hohen Wangenknochen, der Dreitagebart am Kinn und die kleine verwegene Narbe in der linken Augenbraue.

Mit ihren nackten Füßen trat sie wild um sich. Schließlich traf sie ihn am Schienbein.

„Au! Lass das, du kleines …“, entfuhr es ihm. Dann presste er sie an sich und umschlang ihren Körper noch fester mit seinen Armen.

„Erst, wenn Sie mich loslassen, Sie – Sie Einbrecher!“ Sein frischer, männlicher Geruch verwirrte sie. In der Absicht, ihm kräftig auf die nackten Zehen zu treten, hob Jessie ihr Knie.

Doch der Fremde war nun wachsamer und wich ihr geschickt aus.

„Hey!“

Sein Griff lockerte sich. Blitzschnell drehte Jessie sich herum und versuchte, ihm zu entkommen, aber er packte sie erneut, diesmal von hinten. Starke Arme umschlangen sie unterhalb ihrer Brüste. Mühelos hob er Jessie in die Luft. Wütend trat sie um sich, aber diesmal hielt er sie so, dass ihre Tritte ins Leere gingen.

„Meine Schwester ist im Haus und sie hat eine Waffe!“, stieß sie atemlos hervor.

„Ja, klar!“ Seine Umklammerung wurde noch enger, sodass ihr fast die Luft wegblieb. „Sie sind ja wirklich eine ganz Gefährliche! Da muss ich mich aber in Acht nehmen!“

In Jessies Ohren begann es zu summen. Bald würde sie ohnmächtig werden. Sie spürte nur noch seinen kraftstrotzenden Körper. Sein heißer Atem an ihrem Ohr ließ sie erschauern. Was würde Bruce Willis jetzt wohl tun? Denk, Mädel, denk!

„Ich warne Sie“, presste Jessie schließlich hervor, „wenn Sie mich nicht loslassen, muss ich Ihnen wehtun!“

Monroe verbiss sich das Lachen. Jetzt, wo sein Ärger darüber verflogen war, dass sie ihn mit diesem dämlichen Trick hereingelegt hatte, bewunderte er ihre Kühnheit. Ihm wehtun? Was für eine lächerliche Drohung! Sie war fast zwei Köpfe kleiner als er und sehr zart – trotz der bemerkenswerten Rundungen, die sich weich und aufreizend gegen seine Unterarme pressten. „Sie fürchten sich wohl vor gar nichts, was?“

Er würde ihr auf keinen Fall wehtun, aber einen kleinen Denkzettel verdiente sie schon. Immerhin hatte sie ihn vorhin fast zu Tode erschreckt. „Wie wollen Sie mir denn wehtun?“, flüsterte er ihr neckend ins Ohr.

„Glauben Sie, das macht mir Angst, Sie Schwachkopf?!“

„Schwachkopf?“ Er lachte. Mit ihrem elegant wirkenden Akzent klang es, als ob sich die Lady eines Rittergutes über einen ihrer Bauernburschen empörte. Unwillkürlich musste er an die vielen Sommer seiner Kindheit zurückdenken, die er in London bei seiner englischen Großmutter verbracht hatte. Eine seiner wenigen guten Kindheitserinnerungen. Etwas spöttisch lächelnd stellte er fest: „Ah, Sie sind Engländerin. Der Akzent kam mir gleich bekannt vor.“

„Na wie schön für Sie!“

Scheinbar missbilligend schnalzte er mit der Zunge: „Meine liebe Granny pflegte immer zu sagen, englische Manieren seien die besten. Sie bilden da wohl eine Ausnahme?“ Genießerisch sog er den berauschenden Duft ihres wild gelockten roten Haars ein.

„Ich bringe Ihnen gleich Manieren bei!“, stieß sie bissig hervor, während sie sich in seinen Armen wand.

Belustigt lachte Monroe auf. Die Sache begann ihm Spaß zu machen. Er spürte, wie sich ihre Brüste mit jedem ihrer raschen Atemzüge hoben und senkten. Ihr hübsches, vor Ärger sicher leicht gerötetes Gesicht hingegen konnte er sich leider nur vorstellen. Die hohen Wangenknochen, die samtige pfirsichfarbene Haut, die winzigen Sommersprossen auf der süßen kleinen Nase und diese großen meergrünen Augen. Zwar hatte er nur einen kurzen Blick auf ihr Gesicht erhascht, dennoch hatte sich ihm bereits jedes Detail eingeprägt.

Erneut begann sie, gegen ihn anzukämpfen. Deutlich spürte er, wie sich ihr fester, kleiner Po durch das dünne Sommerkleid, das sie trug, gegen seinen nackten Bauch presste.

Die Welle des Verlangens, die ihn plötzlich durchfuhr, überraschte ihn. Fast zärtlich intensivierte er den Druck seiner Arme. Wie gut sie duftete! „Sie sind wirklich süß!“, raunte er lächelnd und grub sanft seine Nase in ihr weiches Haar. „Das heißt, wenn Sie nicht gerade versuchen, mich umzubringen.“

„Nimm sofort die Finger von ihr!“

Erschrocken blickte Monroe auf.

Ein Mann, dessen aggressiver Gesichtsausdruck nichts Gutes ahnen ließ, kam mit geballten Händen schnurstracks auf sie zu marschiert. Ein kleines Mädchen sprang hinter ihm her. Aus dem Augenwinkel nahm Monroe eine hochschwangere Frau wahr, die den beiden folgte. Plötzlich machte die Sache gar keinen Spaß mehr!

„Verdammt noch mal!“ Ruckartig entließ er Miss Furchtlos aus seinen Armen.

Wütend wirbelte sie zu ihm herum, fixierte ihn erbost mit ihren grünen Augen und rannte dann schleunigst zu der schwangeren Frau hinüber.

„Wer sind Sie und was zum Teufel tun Sie auf meinem Grund und Boden?“, fragte der Mann drohend.

Mit erhobenen Armen versuchte Monroe einen Ausweg aus dieser Situation zu finden. Der Kerl war sogar noch ein paar Zentimeter größer als er und machte einen sehr kräftigen Eindruck. Die maßgeschneiderte Hose und das teure Designerhemd gaben ihm ein wohlhabendes und kultiviertes Aussehen. Mit dem Typen allein würde er schon fertig werden, aber er konnte ihn ja schlecht angreifen, wenn ein kleines Kind dabei war. Und falls sie bereits die Polizei gerufen hatten, wäre es sicher auch nicht klug, der Anzeige wegen Hausfriedensbruch noch eine weitere wegen Körperverletzung hinzuzufügen. Er musste diplomatisch vorgehen.

„Ich bin nur ein bisschen geschwommen. Ich dachte, es wäre niemand da.“

„Tja, falsch gedacht!“, knurrte der Mann. Seine eisblauen Augen funkelten gefährlich. „Geh zu Jessie, Emmy!“, befahl er dem kleinen Mädchen.

Monroe beobachtete, wie seine Miss Furchtlos die Kleine an die Hand nahm. Der temperamentvolle Rotschopf starrte ihn immer noch genauso wütend an wie vorhin, nur dass jetzt ein Fünkchen Triumph in ihren Augen aufglimmte.

„Dieser Eindringling verdient eine Lektion!“ Demonstrativ begann der Typ seine Ärmel hochzukrempeln. Erstaunlich muskulöse Unterarme kamen zum Vorschein.

Monroe kniff die Augen zusammen und bereitete sich mental auf den Schmerz vor. Er würde nicht zurückschlagen.

„Nein, Linc! Nicht!“, schrie die schwangere Frau.

Verwundert öffnete Monroe die Augen.

Krampfhaft hielt die Frau den Arm des Mannes umklammert, während sie in Monroes Gesicht forschte. „Wer sind Sie?“, fragte sie mit weicher Stimme.

„Niemand, Ma’am. Und ich habe nichts gestohlen … nur gebadet.“ Wenn er bloß endlich an diesem Kerl vorbei käme und von hier verschwinden könnte!

„Du bist Monroe“, sagte sie so leise, dass er nicht sicher war, ob ihm seine Fantasie einen Streich gespielt hatte.

„Was zum Teufel ist hier los?“, rief der Kerl, der immer noch aussah, als wollte er jeden Moment auf ihn losgehen.

„Linc, das ist dein Bruder! Sieh doch die Ähnlichkeit!“

Plötzlich wurde Monroe klar, wen er da vor sich hatte. Sein Mund war auf einmal staubtrocken. Er hatte sich doch nur ein kurzes Bad gönnen wollen – und nun das!

„Monroe?“ Der Mann, der ihn eben noch verprügeln wollte, sah nun aus, als hätte er gerade selbst einige Schläge einstecken müssen. Monroe wusste nur zu gut, wie ihm zumute war!

Seit seinem zehnten Lebensjahr hatte er dieses Gesicht nicht mehr gesehen. Aber jetzt, wo er sich die Zeit nahm, es genauer zu betrachten, erkannte er es wieder. Der Mann hatte die gleichen klaren blauen Augen wie er selbst. Und dieses Kinn – jeden Morgen sah er es im Spiegel!

„Ich sollte jetzt besser gehen“, murmelte er.

Sein Bruder, die schwangere Frau, die offenbar seine Frau war, sogar das kleine Mädchen und der wagemutige Rotschopf, alle starrten ihn an, als sei er das achte Weltwunder.

„Ich habe schon nicht mehr zu hoffen gewagt, dass ich dich noch einmal wiedersehen würde“, brachte sein Bruder sichtlich bewegt hervor.

„Es war ein Fehler“, stammelte Monroe. „Ich hätte wirklich nicht deinen Pool benutzen sollen.“

„Ach, der blöde Pool ist mir doch egal!“

„Ich muss gehen“, wiederholte er dumpf. Ein kurzer Blick auf Miss Furchtlos zeigte ihm, dass sie auf einmal gar nicht mehr triumphierend dreinschaute. Ihr Gesicht war plötzlich genauso flammend rot wie ihr Haar.

„Du kannst jetzt nicht gehen, Monroe“, sagte die Frau seines Bruders herzlich und machte einen Schritt auf ihn zu. „Du und Linc, ihr habt so viel nachzuholen, so viel zu bereden. Wir möchten, dass du eine Weile bei uns bleibst. Darum haben wir dich eingeladen.“

Sie schien es tatsächlich ernst zu meinen. „Das ist sehr freundlich, Ma’am“, presste er hervor, „trotzdem, ich kann einfach nicht hierbleiben.“

Wie aus weiter Ferne hörte er seinen Bruder fluchen, während seine Schwägerin mit einem traurigen Kopfschütteln fortfuhr: „Du bist Lincs einziger Bruder. Du gehörst zur Familie, Monroe. Und wir wollen auch, dass Emmy dich kennenlernen kann. Du bist schließlich ihr Onkel.“

Zögernd schaute er das kleine Mädchen an, das gerade damit beschäftigt war, Miss Furchtlos etwas ins Ohr zu flüstern. Nein, er war nicht ihr Onkel! Und er gehörte auch zu keiner Familie!

„Ich bin übrigens Allie. Und das ist unsere Tochter Emmy und das meine Schwester Jessie.“

Etwas unbeholfen nickte Monroe ihnen zu. Während das kleine Mädchen fröhlich zurückwinkte, verzog der Rotschopf keine Miene. Sie schien von seinem Besuch nicht halb so begeistert zu sein wie ihre Schwester.

„Wir haben noch ein freies Gästezimmer, Monroe“, verkündete seine Schwägerin und fasste ihn am Arm. „Du kannst doch sicher ein Weilchen bleiben und uns alle näher kennenlernen.“

Der Klang ihrer Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie ihn heute auf keinen Fall gehen lassen würde. Ihm rutschte das Herz in die Hose.

„Ich werde nicht in eurem Haus schlafen!“ Keine zehn Pferde brächten ihn dazu!

„Oh, wir haben auch noch ein kleines Apartment über der Garage. Da bist du absolut ungestört. Linc, warum führst du deinen Bruder nicht schon einmal ins Haus? Vielleicht hat er ja Lust auf ein kühles Bier? Und dann kannst du ihm sein Zimmer zeigen.“

„Natürlich. Hast du all deine Sachen, Roe?“

Roe. So hatte ihn seit fast zwanzig Jahren niemand mehr genannt.

„Ich glaube, nach der ganzen Aufregung haben wir uns jetzt wirklich ein Bier verdient“, sagte Linc mit einem verlegenen Lächeln.

„Aber ich …“ Er hatte doch noch gar nicht zugestimmt, zu bleiben.

Seine Schwägerin drückte ihm lächelnd sein T-Shirt und seine Schuhe in den Arm.

„Okay“, seufzte Monroe und folgte seinem Bruder widerstrebend ins Haus.

Fassungslos starrte Jessie dem vermeintlichen Einbrecher hinterher, der anscheinend ebenfalls ein wenig verwirrt war. Linc hatte einen Bruder? Das war ihr neu!

„Das ist doch einfach unglaublich, oder?“, rief Allie strahlend. „Vor über einem Jahr habe ich seinem ehemaligen Bewährungshelfer den Brief geschrieben und nie wirklich geglaubt, dass Monroe ihn überhaupt bekommt. Und nun ist er hier!“

„Seinem Bewährungshelfer!

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