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Nur einmal werden wir noch wach

Über das Buch

Verdächtige Weihnachtsmänner, skrupellose Nikoläuse, tödliche Weihnachtsbraten und Leichen unter Mistelzweigen – vergessen Sie den Einkaufsstress, achten Sie nicht auf das ungewohnte Geräusch in Ihrem Kamin, auf den eigenartigen Nachgeschmack Ihres Glühweins, auf die seltsame rote Flüssigkeit, die aus den Strümpfen am Kaminsims tropft … Lesen und genießen Sie Weihnachten mit Sherlock Holmes, Inspector Banks, Inspector Morse, Ellery Queen und vielen anderen.

Otto Penzler (Hg.)

NUR EINMAL WERDEN WIR NOCH WACH

24 mörderische Weihnachtskrimis

Ins Deutsche übertragen von Stefan Bauer, Axel Franken, Stefanie Heinen, Barbara Röhl, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher

Mit Illustrationen von Melanie Korte

lübbe

Für Bradford Morrow

Einen originellen und wunderbaren Schriftsteller

Und weisen, unersetzlichen Freund.

Einleitung

Otto Penzler

Weihnachten ist die glücklichste Zeit des Jahres, heißt es, und das gilt wohl für die meisten von uns außer für die Mürrischsten – jene, die behaupten, sie könnten es gar nicht erwarten, dass die Feiertage vorbei sind, denn sie hassen die (ihrer Meinung nach) erzwungene Fröhlichkeit, die religiösen Aspekte von Christi Geburtstagsfeier (obwohl es keinerlei biblische oder historische Beweise dafür gibt, dass Jesus tatsächlich am 25. Dezember geboren wurde) und den krassen Konsumwahn, der mit dem Ganzen einhergeht.

Diesen Griesgramen wird dieses Buch gefallen.

Während die meisten von uns damit beschäftigt sind, Geschenke für ihre Lieben zu kaufen, das Haus zu schmücken, den Weihnachtsbaum aufzustellen, Mistelzweige an die Türen zu hängen und ganz allgemein die zusätzliche Wärme in den Grüßen der Freunde und Ladenbesitzer zu genießen, finden diese unsympathischen Seelen Trost in der Tatsache, dass Verbrechen, Gewalt und sogar Mord auch zu dieser Jahreszeit blühen, in der angeblich doch nur Friede, Freude und Liebe herrschen.

Kriminalgeschichten, die in der Weihnachtszeit spielen, begleiten uns schon lange Zeit, und es ist wahrlich erstaunlich, wie viele Schriftsteller ihre Kreativität genau auf diese Zeit im Jahr konzentriert haben. Vielleicht liegt das ja daran, dass Gewalt zur Weihnachtszeit ganz besonders fehl am Platze wirkt, wodurch sie zusätzliches Gewicht erhält. Erinnern Sie sich doch nur einmal daran, wie oft Sie den wütenden und traurigen Ausruf »und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit!« gelesen oder gehört haben, wenn von schrecklichen Ereignissen während der Feiertage berichtet wird.

Wenn man an Weihnachtsgeschichten denkt, dann kommt einem unwillkürlich als Erstes Charles Dickens in den Sinn, der mit seiner Weihnachtsgeschichte die größte ihrer Art geschrieben hat. Schon zum Zeitpunkt ihrer Erstveröffentlichung im Jahre 1843 genoss sie enorme Popularität, und seitdem tragen wir sie in unserem Herzen, und das nicht nur als Buch, sondern auch als Film. Tatsächlich ist sie sogar gleich mehrfach verfilmt worden, sodass jede Generation sie von Neuem kennen- und schätzen lernen kann. (Allerdings ist die Version mit Alastair Sim nach wie vor die beste.) Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte bereicherte die englische Sprache sogar um ein Wort. Heute weiß jeder, was es heißt, ein »Scrooge« zu sein, ein Geizhals. Und sie veränderte auch eine Weihnachtstradition. Nachdem Ebenezer Scrooge einen Straßenjungen gebeten hatte, den größten Truthahn aus dem Schaufenster des Geflügelhändlers zu holen, überdachte ganz England noch einmal sein Weihnachtsessen, dessen Mittelpunkt bis dahin eine gebratene Gans gewesen war.

Als reine Geistergeschichte erscheint Dickens’ Weihnachtsgeschichte jedoch nicht in dieser Sammlung. Außerdem ist sie ohnehin schon in verschiedenen Ausgaben zu haben. Im Gegensatz dazu sind viele der Geschichten in dieser Anthologie nicht so einfach zu bekommen. Manche sind sogar nicht mehr erhältlich oder auch nur irgendwie auffindbar. In Bezug auf Anthologien gibt es ein Klischee (und Klischees werden zu Klischees, weil sie für gewöhnlich wahr sind). Oft werden Anthologien mit einer guten Party verglichen, auf der man alte Freunde wiedersieht und neue kennenlernt.

Mit den Geschichten von Arthur Conan Doyle und Ellery Queen sind Krimileser vermutlich vertraut, auch wenn sie sie schon länger nicht mehr gelesen haben. Doch nur wenige werden auch die eher obskuren Geschichten von Norvell Page oder Mary Roberts Rinehart kennen.

Die Vielfalt der Themen und Stile mag überraschen. Die Palette reicht von wahrlich beängstigend über herzerwärmend und humorvoll bis hin zu verwirrend. Das ist natürlich kein Zufall, denn jeder wahrhaft talentierte Autor hat seine eigene Stimme, und wie Schneeflocken sind keine zwei gleich … auch wenn nie jemand wirklich bewiesen hat, dass das tatsächlich auf Schneeflocken zutrifft, und ich nehme an, das wird in nächster Zeit auch niemand tun.

Aus gutem Grund wird zu Weihnachten mehr gelesen als zu jeder anderen Zeit im Jahr. Wenn Familien und Freunde in früheren Zeiten zusammenkamen, gab es nicht allzu viele Unterhaltungsmöglichkeiten. Wohlhabendere Familien besaßen Musikinstrumente, und für junge Damen war es üblich, Klavier, Cembalo oder andere Instrumente zu erlernen. Bei den Armen war das anders. Doch eine gruppenfreundliche Form der Unterhaltung, die sich in allen sozialen Schichten fand, war das Vorlesen aus einem Buch, und dafür gab es keine bessere Zeit im Jahr als jene paar Tage, da der Alltag einmal vergessen war.

Auch heute noch sind Bücher das beliebteste Weihnachtsgeschenk, egal ob in gedruckter oder elektronischer Form. Und so ist Lesen nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil der Weihnachtszeit. Einige der Geschichten zwischen diesen Buchdeckeln eignen sich ganz besonders dafür, zum Vergnügen einer Gruppe von Nachbarn, Freunden und Familie vorgelesen zu werden. Machen Sie es ruhig. Versammeln Sie ein paar Menschen um den Weihnachtsbaum, bieten Sie ihnen Süßigkeiten und warme Getränke an, suchen Sie sich einen bequemen Stuhl und lesen Sie laut Peter Loveseys Puddingprobe vor oder Das größte aller Rätsel von Colin Dexter. Das mag ja vielleicht nicht besser sein, als sich Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte oder Ist das Leben nicht schön? im Fernsehen anzusehen, aber es wird jene Art von Abend werden, an den man sich noch nach Jahren mit einem Lächeln auf den Lippen erinnert.

Und falls irgendjemand diese nette, altmodische Aktivität nicht zu schätzen weiß … Nun, Sie können ihn immer noch umbringen.

Otto Penzler, Weihnachten 2012, New York

Ins Deutsche übertragen von Rainer Schumacher