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Östlich der Sonne

„Das Schloss liegt östlich von der Sonne und westlich vom Mond, und dahin findest du den Weg nie und nimmer.“

(Norwegisches Volksmärchen1)

1 Quelle: Norwegische Volksmärchen, Herausgeberin: Klara Stroebe, Übersetzung: Reidar Th. Christiansen. Erschienen in der Reihe Die Märchen der Weltliteratur im Verlag Diederichs, Düsseldorf/Köln 1967

1

Tia zerfließt im Strom der Tänzer wie ein Blutstropfen im Wasser. Der Rhythmus pulsiert durch ihre Adern. Ihr Herzschlag folgt dem hypnotischen Hämmern der Basslines, verliert sich in den Vocals ineinander verschwimmender Tracks.

Das Dusk ist ein angesagter Club, die Männer in weißen Hemden, die Frauen sexy, nicht schlampig. Der „Koksnasen-Palast“ ätzen manche, Tias High aber kommt allein vom Tanzen. Sie hat noch nie gekokst und sie ist immer hier. Jeden … verdammten … Abend.

Sie lässt sich vom Beat tragen, treiben, schlüpft als rote Nixe durchs Gewühl diesseits der Doppeltüren. Der Club ist ihr Liebhaber, Dusks Aftershave ein dezenter Schweißgeruch, die flüchtige, anonyme Berührung fremder Körper seine Liebkosung. Sie gibt sich ihm ganz hin. Dusk zerrt sie auf die Tanzfläche, und das Scheinwerferlicht dort verwandelt das Blutrot ihres Minikleids in Flammen.

Manch einer, der mit seiner Freundin tanzt, hält inne und gafft unverhohlen. Eine Gruppe junger Männer nimmt Tia in die Mitte. Vorfreudig grinsend malt sich jeder der fünf aus, derjenige zu sein, der sie nachher abschleppen wird. Tia windet sich zwischen ihnen und um sie wie eine Schlange, schmiegt sich an Hüften, spreizt die Beine und lässt die fünf einen Hauch von schwarzer Spitze erahnen.

Sie katalogisiert das Angebot, während sie tanzt. Nicht Nummer eins, Zungenpiercing und Pickel. Auch nicht Nummer zwei, heimlich schwul. Vielleicht Nummer drei, muskulös und, die Lippenstiftspur am Hals verrät es, durchaus erfolgreich bei seinen Eroberungszügen. Sie tanzt an ihn heran und reibt ihr knallrot verpacktes Hinterteil an seinem Schoß. Nummer drei ist begeistert und schiebt ihr gleich hier und jetzt den Rock hoch.

Und dann sieht Tia den coolen Typen in der Lederjacke. Er lehnt an einer Säule neben der Tanzfläche und beobachtet das Gefummel mit einem halb amüsierten Kopfschütteln und einem halb verwegenen „Hello yeah!“-Nicken.

Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, tastet Tia hinter ihrem Rücken nach der Beule in den Jeans von Nummer drei und zieht den halb aufgesprungenen Reißverschluss hoch.

Der Typ in der Lederjacke lacht. Seine hellen Augen funkeln wie Discokugeln.

Tias knallrote Lippen spitzen sich zur Andeutung eines Kusses.

***

Micks schwere, schwarze Retro-Lederjacke mit ihren Reißverschlüssen und Nieten ist zu heiß für hier drin, aber sie auszuziehen wäre bloß eine Einladung für Diebe. Außerdem passt sie zu ihm wie eine zweite Haut, bildet einen faszinierenden Kontrast zum Hellgrau seiner Augen und den kurzen, blonden Haaren, die mit Schweiß und Gel aufgestellt sind.

Er ist allein hier: einsamer Wolf. „Steppenwolf, der Jacke nach zu schließen“, hat ihm eine Wasserstoffblondine ins Ohr geraunt. Ihre gelifteten Brüste in dem Schlangenlederimitat-Kleid konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie alt genug war, um seine Mutter zu sein. Aber solche Bräute sind hier die Ausnahme und werden eher belächelt.

Breitschultrig dank der Jacke kämpft er sich durchs Gewühl der „Kokser und Karrierefuzzis“, wie morgen wieder die Teenies lästern werden, die der Türsteher abgewiesen hat. Das Dusk ist ein Laden mit Klasse und eindeutig ab achtzehn; den Beweis dafür liefern auf der Tanzfläche fünf halbstarke Typen und eine heiße Braut im roten Minikleid. Die Frau zieht alle Blicke auf sich wie ein Filmstar, züngelt und flackert wie eine Flamme zwischen ihren Partnern, die genauso gut Holzklötze sein könnten.

Ihre Blicke treffen sich und es ist wie ein Stromstoß. Elektrisierend.

Sie öffnet verruchte rote Lippen und schenkt Mick ein Raubtierlächeln. Was sie ihm zuruft, geht im Techno-Scheiß aus den Boxen unter. Die Bedeutung aber ist klar: „Ich will dich.“

Er will sie auch.

***

Nur Bekloppte gehen im Dusk auf die Damentoilette, um zu pinkeln. Der Rest hat eine bessere Verwendung für die Kabinen.

Mick lässt sich von Tia in eine Kabine zerren und kaum hat sie abgeschlossen, presst er sie gegen die Tür und füllt ihren Mund mit seiner Zunge, als wollte er sie ersticken. Ihr Stöhnen fordert ihn heraus; er bedrängt sie heftiger, dringt noch tiefer in sie ein.

Der Knebel des Kusses verschluckt Tias gemurmelte Befehle. Sie entwindet sich Micks Griff und angelt nach ihrer Tasche, die auf dem Klodeckel liegt. Mick will sie ihr reichen, doch er ist zu groß und muss den Kuss abbrechen, um tief genug zu gelangen. Das Innenfutter der Tasche leuchtet knallrot wie Tias Kleid, wie der Lippenstift und die einzeln verpackten Kondome.

Tia hat seine Jeans bereits geöffnet, als er ihr den Gummi reicht. Sie rollt ihn mit den geübten Fingern einer erfahrenen Clubtänzerin aus.

Dann gibt es kein Halten mehr. Schwarze Spitze landet auf dem Boden und die Kabinentür erbebt unter Micks rhythmischen Stößen, während sich ihre beiden Herzschläge mit dem fernen Techno-Beat aus dem Saal und dem nahen, empörten Klopfgeräusch zu etwas ganz Neuem, Fremdem verbinden.

Tia kreischt und klammert sich an Mick fest, um nicht rücklings in den Waschraum zu fallen, als die Kabinentür abrupt aufschwingt. Eine der Bekloppten, die hier tatsächlich Pipi machen wollen, flieht.

„Au Kacke! Fickt euch gefälligst daheim!“, verklingt ihr empörter Ruf.

Manche Liebesgeschichten enden mit spontanem, heißem, stürmischem Sex.

Diese hat noch nicht begonnen.

2

Sie zieht ihn an wie ein Magnet. Unsichtbare Kräfte schieben Mick durchs Gedränge, bis er sie an der hinteren Bar entdeckt: das Mädchen in dem flammendroten Kleid.

Um sie pulsiert die Musik. Er kann Techno nicht ausstehen, aber der Techno-Scheiß hier im Dusk ist weniger Musik, eher so was wie ein Herzschlag.

Hola, guapo!“, sind ihre ersten Worte. Sie schenkt ihm dasselbe verruchte Lächeln wie gestern, ehe sie seine Hand gepackt und ihn mit sich gezerrt hat wie ein Kind, das wusste, wo die geheime Schokolade versteckt war. Auch das heutige rote Kleid schmiegt sich eng an ihre Brüste. Das Scheinwerferlicht malt Sommersprossen auf ihre nackten Schultern.

„Was trinkst du?“ Verstohlen fühlt er in der Gesäßtasche seiner Jeans nach, ob ein Schein da ist, ehe er die Hand hebt.

Yo tomo mojitos.“

„Du bist keine Deutsch…?“

Sie schüttelt den Kopf. „Soy española.“

Der Bartender sieht die erhobene Hand und kommt. Mick bestellt: „Einen Mojito für die Señora.“

Señorita“, korrigiert sie ihn, so als wäre der Unterschied bedeutsam. Mick kann keine fünf Worte Spanisch und weiß nur, dass „Señora“ so was wie „Lady“ heißen soll. Wenigstens lag er nahe genug dran und hat sie nicht aus Versehen einen schwulen alten Sack genannt.

„Du siehst gar nicht spanisch aus.“ Er fragt sich, ob sie ihn überhaupt versteht, doch sie erwidert in perfektem Deutsch: „Meinst du, weil ich blond bin? Nicht alle Spanierinnen haben schwarze Haare.“

Der Bartender bringt ihren Mojito. Sie schließt die roten Lippen auf eine Weise um den Strohhalm, dass Mick ein wenig schwummerig wird.

„Und was führt dich nach Deutschland?“

Sie leert das halbe Glas in einem Zug, ehe sie antwortet: „Nicht alle Spanier sind gut im Bett.“

***

„Wie heißt du, guapo?“, raunt sie beim Ausrollen des Gummis.

Er sagt: „Mick.“

Gehorsam keucht sie bei jedem seiner Stöße: „Mick, Mick, Mick!“, doch er ahnt, dass sie nur eine Show für ihn abzieht. Ihm wäre lieber, sie würde es lassen.

„Mick“ ist ohnehin nicht sein Name.

***

„Mick. Und wie noch?“

Sie sitzt, er lehnt an der Bar. Ein Strohhalm aus einem Mojito-Glas zieht zwischen ihnen eine dünne, schwarze Grenze.

„Jagger.“ Die Lüge ist so offensichtlich, dass es schon wieder nicht zählt. „Und du?“ Wer zuhört, muss meinen, sie würden einander seit fünf Minuten kennen. Erstes Date.

Me llamo Tia.“ Sie gibt dem Namen einen sexy, spanischen Spin.

„Tia? Und wie noch?“

Ein Schulterzucken. „Lopez? Hayek. Oder Rodriguez.“

„Oder Banderas?“ Er grinst.

***

Vielleicht ist sie wirklich ein Filmstar, denkt er nachher in der Kabine. Möglich wär’s.

Er entsorgt den Gummi und beobachtet, wie sie den Rock ihres Minikleids hinunter-, den Slip hochzieht. Ihre Nägel funkeln im kalten Neonlicht feuerrot.

Ganz Gentleman hält er ihr die Kabinentür auf. „Bis morgen?“

Sie nickt überrascht, fast ertappt, als würde der One-Night-Stand nicht schon drei Nächte dauern.

Hasta mañana“, verspricht sie dann kokett und entwischt ihm mit einem verruchten Lächeln.

3

Er ist nicht da.

Tia schluckt ihre Enttäuschung hinunter. In einem großen Teich wie dem Dusk kommt es auf ein Fischlein mehr oder weniger nicht an. Fehlt eins, bleiben noch immer neunundneunzig andere mit ihren ebenso nassen, glitschigen Körpern.

Tia ist die Meisterin im Fische fangen.

Sie weiß, dass ihr Dusk ein Trugbild ist, ein unwirklicher Ort. Seit einem halben Jahr kommt sie fast täglich hierher und doch kennt keiner ihr wahres Ich. Die Anonymität macht den Reiz aus: das Wissen, sein zu können, wer immer sie will.

Manchmal laden Männer sie auf einen Drink an der Bar ein, flüchtige Bekannte, mit denen sie irgendwann in der Kabine war, viele von ihnen Geschäftsreisende, die nur alle paar Wochen kommen. Man nickt sich zu und macht Smalltalk, der im Techno-Gedröhn untergeht, ehe sich die Wege wieder trennen. In ihrem vorigen Club war es anders, doch Tia hat aus den Fehlern gelernt. Zu viel Vertrautheit zerstört jede Magie.

Trotzdem treibt die Langeweile sie heute auf den Parkplatz. Sie schmiegt sich für einen Herzschlag an den Türsteher – es ist Lucki – und schlüpft an der Schlange vorbei, die geduldig jenseits der Doppeltüren wartet. Sie weiß nicht, warum sie geht. Es gibt auf dem Parkplatz nichts zu sehen, nichts außer aufgeplatztem Asphalt und zwei zornigen, betrunkenen Teenies.

„Mensch“, lallt einer, „ich wette, die Schlampen da drin …“

Sein Blick fällt auf Tia und sie erschauert, zupft an ihrem plötzlich zu kurzen Minikleid, späht hastig hinüber zu Lucki bei der Tür.

„Du! Tussi!“ Sie stolpert in ihren High Heels davon. Unstete Schritte folgen ihr: zwei Paar Sneakers, und fast glaubt sie schon den Cola-Rum-geschwängerten Atem im Nacken zu spüren. „Bleib da!“

„Verzieht euch!“, befiehlt jäh Micks Stimme. „Und du lass deine Eier in der Hose, wenn du sie behalten willst, kapiert?“

Erst jetzt dreht Tia sich um. Im roten Schein des Clubschilds wirkt Mick mit seiner Lederjacke wie ein sexy Racheengel. Der weniger betrunkene Teenie zerrt hastig seinen Freund weg, der tatsächlich am Hosenschlitz fummelt.

Adrenalin und Erleichterung machen Tia schwindelig. Sie taumelt auf Mick zu und wirft sich in seine Arme, führt seine Hände, bis sie um ihre Hüften liegen. So gehalten zu werden tut gut. Nur die Klamotten zwischen ihnen stören.

„Du musst einen sechsten Sinn haben, guapo.“

„Ich war bloß zufällig in der Gegend, Baby.“ Sein harter Akzent kitzelt etwas tief in ihr, spielt mit ihr, so wie es seine Finger manchmal tun. Sie presst sich an ihn, reibt ihre Hüften an seinen und spürt in seinen Jeans die Antwort. Mick erwidert den Druck und ihr Unterleib beginnt zu pulsieren, fast schmerzhaft heiß, wie Feuer.

„Wenn du willst …“, keucht sie. Der Wind fährt durch ihr verschwitztes Kleid, ihren heißen, feuchten Slip, und der Gedanke, es gleich hier auf dem Parkplatz zu tun, jagt ihr einen wohligen Schauder über den Rücken. Es wäre ein erstes Mal und sie will das mit ihm erleben. Ihrem Racheengel, ihrem Retter. Den Teenies, falls sie noch irgendwo lauern, eine Show bieten.

„Einem von uns würde der Hintern abfrieren“, gibt Mick zu bedenken und sie lacht ein wenig erleichtert, weil er das so normal sagt, weil es nicht klingt, als hielte er sie für eine nymphomanische Schlampe.

„Hast du ein Auto?“ Sie späht in die Richtung, aus der er gekommen sein muss, doch dort ist überall Parkverbot. Luckis Kastenwagen ragt einsam vor der Bushaltestelle auf.

Mick schüttelt den Kopf. Sie nimmt seine Hand. „Dann komm mit.“

Shit.“ Er klopft auf seine Gesäßtasche. „Ich muss mein Geld im …“

„Wer braucht Geld?“, fällt sie ihm übermütig ins Wort. Mit Mick im Schlepptau schlüpft sie an der Warteschlange vorbei und hält Lucki ihre beiden verschränkten Hände hin, obwohl nur auf einem Gelenk der Eintrittsstempel prangt. Sie flötet: „Guck mal, was ich gefunden habe“, und Lucki verdreht die Augen, doch er lässt sie und Mick rein.

Der Gang auf die Damentoilette ist schon Routine. Tia krallt ihre rot lackierten Fingernägel in Micks Hüften und hilft seinen Stößen nach, nimmt ihn so tief wie möglich in sich auf. Es fühlt sich gut an, aber es dauert nicht lange genug und sie ertappt sich dabei, mehr zu wollen: mehr als die kalten Wandfliesen, an denen ihr nacktes Hinterteil scheuert, mehr als den Klorollenhalter, der sich schmerzhaft in ihre Seite bohrt. Micks Jeans und Unterhose sind um seine Knie gebauscht und zum ersten Mal fragt sie sich, wie wohl der Rest seines Körpers aussieht. Sie schiebt verstohlen sein weißes Hemd hoch und erhascht einen flüchtigen Blick auf blondes Kräuselhaar, auf schwarze Tinte.

Nachher gehen sie gemeinsam auf einen Drink. Tia genießt diesen Weg zurück über die Tanzfläche zur Bar. Schwarze Spitze kratzt bei jedem Schritt an ihren wunden Schenkeln, doch sie saugt die neidischen Blicke und das verstohlene Schnuppern ringsum in sich ein, wie eine Flamme den Sauerstoff aus der Luft saugt.

Mick, ganz Gentleman, fegt für sie die Chipskrumen vom schwarzen Kunstleder des Barhockers. Der Bartender kommt und Tia wartet auf die Einladung, ehe ihr bewusst wird, dass Mick kein Geld dabei hat.

Dann lädt sie ihn auf eine Cola ein und nachher auf ein Bier. Sie bleiben an der Bar sitzen, bis man sie um vier Uhr morgens rauswirft. Die Musik macht eine Unterhaltung fast unmöglich, doch im Dusk ist so was total okay. Mick grinst und gestikuliert; sie nickt und lacht, und alle ringsum glotzen auf ihre dezent gespreizten Beine, aber sie tun es verstohlen, damit der Racheengel in der Lederjacke nichts merkt.

Es ist ein neues Gefühl, fast wie ein Date.

„Bist du morgen da?“, fragt sie zum Abschied.

Micks Grinsen erlischt. „Mal sehen“, erwidert er unverbindlich und mit einem halben, entschuldigenden Lächeln: „Ich bin oft unterwegs.“

Sie ertappt sich bei der Frage, was er „unterwegs“ tut. Die Frage hat sie sich noch bei den wenigsten gestellt. Es ist eine Frage, die man besser nicht stellt. Vielleicht hat er daheim eine spießige Freundin, die nicht Tia heißt, sondern Christiane oder Christine, und die den gemeinsamen Laptop auf seine Knie stellt und mit ihm Blumen-Arrangements für die Hochzeit shoppt. Vielleicht ist er ein karrieregeiler Junior-Mitarbeiter in einem beschissenen Ingenieursbüro.

Sei morgen da, hätte sie ihn fast angefleht, doch sie schweigt. Christine würde so etwas sagen, nicht Tia.

Tia ist das Licht, das die Motten anzieht.

4

Der Morgen dämmert, als Tia aus dem Taxi steigt. Muttis Schlafzimmer liegt einen Stock tiefer als die Garconniere und zum Glück hinten raus. Trotzdem schlüpft Tia aus ihren High Heels und schleicht barfuß die Treppe hoch.

Schließt die Tür zur Garconniere auf.

Huscht rein, sperrt ab und tritt ins Bad.

Lässt das rote Kleid, das nach der Nebelmaschine im Dusk müffelt, zu Boden sinken.

Erst dann schaltet sie das Licht ein.

Sie erschrickt schon lange nicht mehr über ihr Spiegelbild, das wächsern bleiche Gesicht mit Lippen so rot wie Blut und einem fiebrigen Glanz in den Augen, unter denen Ringe so tief wie Kanalschächte prangen. Sie katalogisiert den Schaden: wunde Schenkel und einen beginnenden blauen Fleck vom Klorollenhalter.

Dann wankt sie in die Dusche, dreht das Wasser auf, wäscht Mick und das Dusk von sich ab.

***

Tia träumt. Sie träumt, dass sie Christine ist, eine karrieregeile Junior-Mitarbeiterin in einem beschissenen Ingenieursbüro.

Das dumpfe Hämmern der Techno-Beats in ihrem Kopf wird zum beharrlichen Klopfen an der Tür.

„Christine! Schläfst du etwa noch?“, keift Muttis Stimme. Und nach einer Pause: „Tinchen!“

„Tinchen“ hat dieselbe Wirkung wie ein Schwall kaltes Wasser ins Gesicht. Sie wankt aus dem Bett, durchquert die Diele und öffnet die Tür der Garconniere. Lehnt am Türrahmen und lässt nicht zu, dass sich der Besuch hereindrängt.

„Wann bist du gestern heimgekommen?“, überfällt Mutti sie. „Ich habe dich ein halbes Dutzend Mal angerufen!“

Christine unterdrückt mit viel Mühe ein Gähnen. „Dort ist kein Empfang, weißt du doch.“

„Ich wollte die Polizei holen! Ich dachte, was wenn dich einer …?“

Auf der Toilette gevögelt hat? Sie will lachen, aber das Lachen bleibt ihr im Hals stecken. So ist das mit Mutti.

Mutti wünscht sich, Christine würde nicht ins Dusk gehen oder wenn schon, dann wenigstens, um dort Freundinnen zu treffen. So wie in ihrem letzten Club. Christine war nie gut darin gewesen, Freunde zu finden, doch Tia fiel es leichter. Bald hing sie mit einer losen Clique in der Chill-out-Lounge des Achterbahn ab und lästerte über die Typen und die Outfits der Tussis. Die Lounge wurde ein Ort wie jeder andere. Als dann eines Abends die Grafikerin Melanie Tia fröhlich mit „Hallo, Christinchen!“ begrüßte und ihr Nicki, die Aldi-Kassiererin, erzählte, ihre Großtante wohne auch in der Kurfürstenstraße, war jede Magie erloschen. Tia wird den Fehler kein zweites Mal machen. Sie kommt allein ins Dusk und geht allein, sucht nicht Vertrautheit, sondern sucht einen unwirklichen Ort.

„Wie spät ist es?“

„Schon nach halb neun“, erwidert Mutti vorwurfsvoll und Christines Herz setzt einen Schlag lang aus.

„Ich muss los!“ Sie knallt die Tür zu, hört Mutti rufen: „Komm nicht zu spät, es gibt Hackbraten!“ und stolpert ins Bad, rutscht auf Kleid und Slip aus, die anklagend am Boden liegen. Sie dreht das Wasser so heiß wie möglich und lässt es laufen. Muttis Schritte entfernen sich, doch Christine ahnt, dass der Hackbraten heute Abend mit einer Beilage aus Vorwürfen und Enttäuschung serviert werden wird.

***

„Klaus lässt fragen, wann die Kalkulation fertig ist.“ In Leonies „wann“ schwingt Genugtuung mit.

Klaus Zörtling, Christines Boss, wollte die Kalkulation bis morgen haben und vorher noch die Übersetzungen für das peruanische Dammprojekt. Sie öffnet den Mund, doch da schlendert der Teamleiter schon selbst mit einem jovialen Lächeln herbei.

„Frau Binder! Ja, wo bleibt denn meine Kalkulation?“

Die Sekretärin Leonie, ein Vampir-Weibchen, das sich von Veganer-Menüs und Schadenfreude ernährt, huscht zufrieden in ihr Vorzimmer zurück.

„Ich muss noch die peruanischen …“

„Die laufen nicht weg.“

„Aber Sie wollten …“

„Prioritäten, Frau Binder“, unterbricht Herr Zörtling sie gönnerhaft. „Nur die Konkurrenz hat leere Schreibtische! Bei uns heißt es mitdenken, nicht bloß mitarbeiten.“ Für einen gruseligen Moment fürchtet sie, er wolle ihr den Kopf tätscheln.

Auf ihrem Schreibtisch liegen zwanzig peruanische Rechnungen und Verträge mit Übersetzungen in Reinschrift, dazu drei dicke Aktenordner voller Unterlagen für die neue Kalkulation. Christine hat mittags wieder durchgearbeitet und wird trotzdem kaum vor neun nach Hause kommen.

Es ist jeden … verdammten … Tag … dasselbe.

Der Boss geht pünktlich, klar. „Schicken Sie mir die Kalkulation aufs Smartphone“, befiehlt er noch und kaum fünf Minuten später schwänzelt auch Leonie mit einem geflöteten „Tschüssili!“ davon. Vor der Glastür warten Ramona und Irene, die beiden anderen Sekretärinnen, und eine neue Junior-Mitarbeiterin namens Laura auf sie. Nur Christine ist nicht zum Damenabend in der nahen Bar eingeladen.

Ihr Smartphone klingelt. Sie flucht im Stillen und zwingt zugleich ein Lächeln auf ihre Züge, weil Mutti den Unterschied hört.

„Ich bin noch im Büro. Ich muss was fertig machen.“

Der Hackbraten werde kalt, jammert Mutti. Manchmal schleicht sich die Frage auf Christines Zunge, ob Mutti weiß, dass sie wie das Klischee einer Fünfziger-Jahre-Hausfrau klingt. Hackbraten und Klopse sind seit Vatis Tod die einzige Sprache, die Mutti versteht.

„Ich kaufe mir eine Pizza. Ja, bevor ich in den Club gehe.“ Ja, Mutti, allein. Und nein, Mutti, ich gehe verdammt noch mal nicht hin, um Freundinnen zu finden, erst recht nicht, um mit Networking meine Karriere voranzutreiben! „Mutti, ich weiß, wann morgen mein Wecker läutet!“

Sie hat das alles so verdammt satt, Mutti, die Arbeit, die Arbeit, Mutti. Nur der Gedanke ans Dusk hält sie am Leben: der Gedanke, dass sie heute Abend Christines Haut abstreifen kann, um wieder Tia im roten Kleid zu sein.

***

Heute Abend weiß sie: Es ist nicht genug.

Sie krallt die roten Fingernägel in Micks Hüften. Er hat dort schon Blutergüsse und er fasst Tia so hart an, wie sie will. Aber sie braucht mehr als das, mehr als Micks Zunge tief in ihrem Mund und das Scheuern der Wandfliesen an ihrem Hinterteil.

Jemand rüttelt an der Klinke. „Zack, bamm, haltet euch ran!“, johlt eine Männerstimme. „Oder kriegst du ihn etwa nicht hoch?“

Mick lässt so schnell von Tia ab, als hätte er einen Stromschlag bekommen, und seiner Miene nach, weiß er nicht recht, ob er lachen oder hinausstürzen und sich prügeln soll. Tia hebt mit spitzen Fingern ihren Slip auf. Der Fliesenboden ist klebrig und stinkt leicht nach Erbrochenem.

Es genügt nicht.

„Ich will“, platzt sie im Flur heraus, im Dämmerlicht zwischen ...

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