Logo weiterlesen.de
Ostseefunkeln

Über das Buch

Laura gilt als pflichtbewusst und karriereorientiert. Doch als sie in einem Hotel auf Rügen ihren Verlobten im Bett mit ihrer Freundin erwischt, knallen bei ihr die Sicherungen durch. Nach einer Nacht auf dem Polizeirevier flüchtet sie sich zu ihrer Tante Gerti, um dort zur Ruhe zu kommen. Diese wird jedoch gründlich durch die Hunde des Nachbarn gestört. Für Anwältin Laura juristisch ein klarer Fall – doch dummerweise gibt es etwas, das sie unbedingt von dem nervigen Nachbarn haben möchte …

Über die Autorin

Marie Merburg ist im Süden Deutschlands aufgewachsen und lebt auch heute noch mit ihrer Familie in Baden-Württemberg. Für ihren Roman »Wellenglitzern« hat sie sich aber die deutsche Ostseeküste als Setting ausgesucht. Sie lässt ihre Heldin von der beeindruckend schönen Landschaft Rügens bezaubern und ihr bei einem Segelkurs salzige Meerluft um die Nase wehen. Ein weiterer Roman ist bereits in Vorbereitung.

Unter dem Namen Janine Wilk schreibt die Autorin auch erfolgreich Kinder- und Jugendbücher.

Marie Merburg

Ostseefunkeln

Roman

Prolog

Es war kurz nach Mitternacht. Die Terrasse des Kurhauses in Binz war stimmungsvoll beleuchtet. Der Strand lag nur wenige Schritte entfernt, und durch die Dunkelheit drang das sanfte Rauschen der Wellen zu uns herauf. Von den weißen Rundbogenfenstern des Hotels, den schmiedeeisernen Balustraden bis hin zu den gestutzten Lorbeerbüschen strahlte alles gehobene Eleganz aus. Außer mir. Meine Haare waren zerzaust, und ich trug nur noch einen Schuh. Den anderen hatte ich bei meiner Flucht verloren. Im Zickzack rannte ich um die Tische auf der Terrasse herum, doch meine Verfolger waren mir dicht auf den Fersen. In der Hand schleifte ich Cosmas Brautkleid im Wert eines Kleinwagens hinter mir her. »Ihr seid solche Schweine!«, rief ich mit erstickter Stimme. Tränen brannten in meinen Augen, doch ich hielt sie mit aller Macht zurück.

»Laura, jetzt lass uns doch in Ruhe darüber reden!«, verlangte mein Freund Frederick in gedämpftem Tonfall. Er wollte wohl vermeiden, dass wir zu viel Aufsehen erregten.

Aber dafür war es mittlerweile zu spät. Da wir bei unserer Verfolgungsjagd gerade zwei Runden durch die Hotellobby gedreht hatten, folgte uns nun eine Schar Schaulustiger. Darunter erkannte ich auch einige der illustren Hochzeitsgäste der Familie von Gudenberg. Genau wie Frederick und ich hatten sie sich für ein verlängertes Wochenende auf Rügen eingefunden, um dem gesellschaftlichen Ereignis der Frankfurter Oberschicht beizuwohnen. Mit dem Vorfall, der sich im Augenblick gerade abspielte, hatte jedoch garantiert niemand gerechnet. Am allerwenigsten ich selbst. Ein paar Angestellte des Hotels waren uns ebenfalls gefolgt und beobachteten das Treiben mit schockierten Gesichtern.

»Gib sofort mein Kleid wieder her!«, keifte meine Freundin Cosma von Gudenberg ein paar Schritte hinter Frederick. Ihr Hochzeitskleid schien ihr weit mehr Sorge zu bereiten als der Skandal, den wir verursachten. Dabei konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr Verlobter Johannes morgen noch mit ihr vor den Altar treten würde.

»Hol es dir doch!«, gab ich angriffslustiger zurück, als ich mich fühlte. Hinter meiner wütenden Fassade lagen die armseligen Trümmer meines Selbstbewusstseins und mein zerstörtes Vertrauen in die Welt.

»Laura, jetzt sei bitte vernünftig«, insistierte mein Freund. »Du bist doch sonst auch nicht so übertrieben emotional.«

Seine Bitte stieß bei mir auf taube Ohren. Denn die vernünftige Laura existierte nicht mehr. Die Laura, die nie die Stimme erhob, niemals unter PMS litt und Streitigkeiten auf besonnene Weise beilegte, war Geschichte. Damit war endgültig Schluss!

»Reg dich doch deswegen nicht so auf!«, beschwor mich nun auch Cosma. »Laut Frederick hast du eh nicht so gerne Sex. Somit habe ich dir eigentlich einen Gefallen getan!«

»Einen Gefallen? Spinnst du?« Ich hielt kurz inne, um sie fassungslos anzustarren.

Blitzartig machte Frederick einen Satz nach vorne. Fast hätte er meinen Arm zu fassen bekommen, aber es gelang mir gerade noch rechtzeitig, mich unter ihm wegzuducken. Ich rannte weiter.

Leider hatte ich keinen genialen Masterplan, wie das Ganze hier enden sollte. Im Inszenieren großer Dramen war ich nun mal keine Fachfrau. Vor etwa zehn Minuten hatte es in meinem Hirn eine Art Kurzschluss gegeben, und seither erkannte ich mich selbst kaum wieder. Innerhalb eines Wimpernschlags war mein Leben auf den Kopf gestellt worden. Nämlich in dem Moment, als ich meinen Verlobten Frederick und meine beste Freundin Cosma beim Sex erwischt hatte.

»Bleib endlich stehen, Laura!«, rief Frederick entnervt. Offensichtlich war er mit seiner Geduld am Ende.

Natürlich tat ich ihm nicht den Gefallen. Ich riss einen Stuhl zu Boden, als ich scharf nach links abbog. Mittlerweile war ich ziemlich außer Atem. Schweiß perlte mir von der Stirn, und ich bekam Seitenstechen. Körperlich war ich leider nicht in Bestform. Dazu schien Cosmas monströses Tüll-Kleid mit jeder Minute mehr zu wiegen.

»Das war doch nur Sex«, zischte meine Freundin. Da sie mithilfe ihres Personal Trainers ein straffes Fitnessprogramm einhielt, war Cosma deutlich weniger außer Atem als ich. In mitleidheischendem Tonfall fügte sie hinzu: »Schließlich muss ich ab morgen für den Rest meines Lebens mit dem immer gleichen Mann schlafen. Ich wollte vor meiner Hochzeit nur noch mal ein bisschen Spaß haben. Das mit Frederick hatte rein gar nichts mit Gefühlen zu tun. Es ist völlig unnötig, sich deswegen so aufzuregen.«

»Es soll mir also gleichgültig sein, dass du mit meinem Freund schläfst?«, fuhr ich sie an. Dass Cosma nicht nur meine beste Freundin, sondern gleichzeitig auch meine Chefin war, kümmerte mich im Augenblick wenig. »In was für einer kranken Welt lebst du eigentlich? In meiner ist das nämlich unverzeihlich.«

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie ein Mann mit hochrotem Kopf auf uns zulief und beschwichtigend die Arme hob. Ein goldenes Namensschild schimmerte am Anschlag seines edlen Jacketts. Wahrscheinlich der Hotelmanager. Das bedeutete wohl, dass die Polizei auch bald eintreffen würde. Mir rannte eindeutig die Zeit davon.

Frederick versuchte, mir den Weg abzuschneiden, doch ich wechselte abrupt die Richtung. Um ein Haar wäre ich dabei Cosma in die Arme gelaufen, doch ich schwang mich auf einen Tisch und rutschte auf dem Hintern geschickt auf die andere Seite. Man hätte meinen können, ich wäre tagtäglich vor anderen Leuten auf der Flucht. Trotzdem konnte es so nicht weitergehen! Ich nutzte den kurzen Moment, den ich durch meine Stunteinlage gewonnen hatte, und kletterte auf die kniehohe Mauer, die die Terrasse des Kurhotels umgab. Dort hob ich demonstrativ das Brautkleid in die Höhe. Irgendwo in der Menge hörte ich jemanden sagen: »Mein Gott, ist das Kleid hässlich! Wer will denn so was tragen?«

Ich hätte demjenigen gerne zugestimmt, doch momentan hatte ich andere Sorgen. Mit zittrigen Fingern ließ ich das Zippo-Feuerzeug aufspringen. »Keinen Schritt weiter!«

Meine Verfolger blieben wie angewurzelt stehen. Durch den Tumult hatten sich mittlerweile auch einige Hotelfenster über uns geöffnet. Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden ruhte auf mir.

»Nein … Nein, bitte«, stammelte der Hotelmanager. »Lassen Sie bitte das Feuerzeug fallen!«

Cosma war leichenblass im Gesicht. »Wenn du das machst, werfe ich dich hochkant raus!«, drohte sie. »Du wirst in Frankfurt nie wieder einen Job als Anwältin finden. Dafür werde ich sorgen.«

Mir entfuhr ein ersticktes Lachen. »Glaubst du etwa, ich würde noch einen Tag länger für dich schuften?«

Ich blickte in die Runde, aber durch meinen Tränenschleier hindurch sah ich alles nur noch verschwommen. Mein Selbsterhaltungstrieb verbot mir jedoch, vor aller Augen loszuflennen. Jetzt gab es kein Zurück mehr. »Ich tue dies für alle, die schon mal betrogen worden sind«, rief ich mit erhobener Stimme. »Für alle, die wie ich erleben mussten, dass ihre Liebe und ihre Loyalität mit Füßen getreten werden. Diese Verräter haben unsere Liebe nicht verdient.«

Jemand in der Menge klatschte, und aus einigen der geöffneten Hotelfenster erklangen Anfeuerungsrufe. Es waren eindeutig nur weibliche Stimmen.

»Ich tue dies für alle, die keine Rache nehmen konnten«, fuhr ich schniefend fort. »Das hier ist für die Gerechtigkeit!«

Demonstrativ hielt ich die Flamme an den Tüll des Brautkleids. Sämtliche Anwesenden hielten den Atem an. Für einen Augenblick sah ich mich selbst dort oben stehen: eine offenbar übergeschnappte Frau, die auf die vierzig zuging, nur einen Schuh anhatte und gerade dabei war, ein fremdes Brautkleid anzuzünden. Um Himmels willen! Dabei war vor einigen Stunden mein Leben noch perfekt gewesen. Wie hatte es nur so weit kommen können?

1. Kapitel

§ »§ 58: Die Wahrscheinlichkeit einer ungeahnten und irrwitzigen Katastrophe steigt exponentiell an, je größer und teurer die geplante Hochzeit ist.«

Auszug aus »Lauras Gesetzbuch des Lebens«

Einige Stunden zuvor

Ich öffnete das Fenster unseres Hotelzimmers. Sofort wehte mir der frische, salzhaltige Duft der Ostsee um die Nase. Von hier oben konnte ich einen Teil des Strands sehen, der sich direkt vor dem Hotel befand. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel, und das azurblaue Meer erstreckte sich bis zum Horizont. Was für ein atemberaubender Ausblick! Die Lage des Hotels war wirklich traumhaft. Ich musste zugeben, dass sich schon allein dafür die lange Anreise gelohnt hatte. Dabei hatte ich wochenlang auf Cosma eingeredet, die Hochzeit nicht auf Rügen stattfinden zu lassen. In organisatorischer und finanzieller Hinsicht wäre es nämlich weitaus klüger gewesen, in Frankfurt zu heiraten. Schließlich lebten dort Familie und Freunde des zukünftigen Ehepaars sowie die einflussreichen Geschäftsleute, die zur Hochzeit geladen waren. In Zeiten des Klimawandels war es eigentlich ein No-Go, über hundert Gäste mit Auto, Flugzeug oder Helikopter quer durch Deutschland nach Rügen zu beordern. Meine Argumente hatten Cosma allerdings wenig beeindruckt. Sie stammte aus der reichen Unternehmerfamilie von Gudenberg. Die aufwendige Organisation hatte selbstverständlich ein Hochzeitsplaner übernommen, und auch die horrenden Kosten hatten Cosma nur wenig gekümmert. Eine ganze Hochzeitsgesellschaft nach Binz in das edle Kurhaus einzuladen konnte man sich in ihren Kreisen durchaus leisten. Denn schließlich heiratete man nur einmal im Leben. So hoffte ich jedenfalls für Cosma. Als Anwältin war ich in diesem Punkt berufsbedingt etwas skeptisch.

Jetzt, da wir hier waren, konnte ich allerdings nachvollziehen, wieso Cosma sich von der Location nicht hatte abbringen lassen. Dabei war Rügen eigentlich der letzte Ort, an dem ich mich aufhalten wollte. Denn auf der Insel lebte eine Person, der ich unter gar keinen Umständen über den Weg laufen wollte. Aber davon wussten weder meine beste Freundin noch mein Verlobter.

Ich lehnte mich an den Fensterrahmen, schloss die Augen und inhalierte tief die frische Luft. »Ist das herrlich«, entfuhr es mir leise.

Die vergangenen Monate waren hart gewesen. Cosma, die nicht nur meine beste Freundin, sondern auch meine Vorgesetzte war, hatte mir wegen der Hochzeit einen Großteil ihrer Arbeit aufs Auge gedrückt. Ich hatte die Rechtsabteilung unserer Firma somit allein geführt und quasi im Büro gelebt. Das hatte mir dunkle Ringe unter den Augen und ein exorbitantes Schlafdefizit eingebracht. Hauptsächlich arbeitete ich in meinem Job Verträge aus. Das klang vielleicht langweilig, aber ich mochte Verträge. In ihnen wurde zwischen zwei Parteien alles klar geregelt. Keine Eventualität wurde ausgelassen, und alle wussten, was sie zu erwarten hatten. Diese Sicherheit fehlte mir manchmal im zwischenmenschlichen Bereich. Menschen verhielten sich oft unberechenbar, und zuweilen starben sie auch einfach ohne jede Vorwarnung, obwohl sie ein Kind und Verantwortung übernommen hatten.

Hinter mir hörte ich das Rauschen der Toilettenspülung, und Frederick kam aus dem Badezimmer. Mein Verlobter trat hinter mich und legte die Hände an meine Hüften.

»Ein wunderschöner Ausblick, oder?«, fragte ich ihn, ohne den Kopf zu wenden. »Und das Hotel lässt auch keine Wünsche offen.«

»Ich will gar nicht wissen, was das alles kostet«, gab er pragmatisch zurück. »Gegen eine angemessene Hochzeitsfeier habe ich ja nichts einzuwenden. Aber dieses Theater übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe. Dabei ist das zwischen Cosma und Johannes nicht mal die große Liebe, wenn du mich fragst. Immerhin sind sie die Sprösslinge der beiden größten Unternehmerfamilien in Frankfurt. Das ist keine Hochzeit, sondern eine Fusion.«

Ich gab ihm einen nachsichtigen Klaps auf die Hand. »Sei doch nicht immer so bissig!«, rügte ich ihn. »Cosma und Johannes mögen sich sehr, da bin ich mir sicher.«

In einiger Entfernung zum Strand konnte ich Segelboote und größere Schiffe ausmachen, die als weiße Farbtupfer das Meer bevölkerten. Ich fragte mich, zu welchen Zielen sie wohl aufgebrochen waren und welche Abenteuer ihnen bevorstanden.

»Hier an der Ostsee zu wohnen muss traumhaft sein«, meinte ich sehnsüchtig. Das war wirklich kein Vergleich zu dem grauen Häusermeer in der Stadt mit dem allgegenwärtigen Lärm, der Hektik und schlechten Luft.

»Im Winter, wenn es stürmt und regnet, ist es bestimmt nicht mehr so idyllisch«, meinte Frederick. »Und unsere Penthouse-Wohnung in Frankfurt hat auch ihre Vorzüge.« Er zog mich näher an sich, und sein warmer Atem streifte mein Ohr. »Übrigens hat mir Timo schon wieder ein Kaufangebot gemacht. Deutlich höher als das letzte. Da seine Geschäftsräume ein Stockwerk tiefer liegen, möchte er das Penthouse unbedingt haben. Wir sollten ernsthaft über einen Verkauf nachdenken. So ein Angebot abzulehnen wäre töricht.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Von mir aus.«

Mein Herz hing nicht gerade an der topmodernen Penthouse-Wohnung. Ich hatte mich von Frederick nur zum Kauf überreden lassen, weil er die Wohnung als großartige Wertanlage angepriesen hatte. Offenbar zu Recht. Doch über geschäftliche Dinge wollte ich mir im Moment keine Gedanken machen! Jetzt waren wir auf Rügen, und ich konnte es kaum erwarten, ans Meer zu gehen. Ich wollte meine Zehen in den warmen Sand graben, Möwen beobachten und meine Knöchel von den Wellen umspülen lassen.

Fredericks Hände gingen auf Wanderschaft und strichen verlangend über meinen Hintern. »In diesem Kleid siehst du richtig sexy aus, Laura! Du solltest öfter so etwas tragen.«

»Meinst du wirklich?« Skeptisch blickte ich an mir herab. Das hellblaue Wickelkleid betonte meine Taille, doch der Ausschnitt war für meinen Geschmack etwas zu offenherzig. Normalerweise trug ich Hosenanzüge in gedeckten Farben. Als Anwältin war es schließlich wichtig, seriös und kompetent zu wirken. Aber Cosma hatte mich zu dem Kleid überredet, und immerhin war ich ihre Trauzeugin.

Fredericks Zunge schnellte hervor und hinterließ einen feuchten Fleck an meinem Ohrläppchen. Nur mit Mühe unterdrückte ich ein Seufzen. Natürlich war mir klar, auf was seine Bemühungen abzielten. Doch Sex war eigentlich das Letzte, wonach mir im Moment der Sinn stand. Die Fahrt nach Rügen und der Hochzeitsempfang, der gleich nach unserer Ankunft stattgefunden hatte, waren anstrengend gewesen.

»Unser letztes Mal ist schon so lange her, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann.« Fredericks Hände glitten hoch zu meinen Brüsten.

Verflixt, er hatte recht! Ich hatte ein wahnsinnig gutes Gedächtnis, worüber ich während meines Jurastudiums dankbar gewesen war. Mein Hirn speicherte einfach alles ab. So lieferte es mir jetzt auch die Information, dass der letzte Koitus am 14. Februar, also am Valentinstag, stattgefunden hatte. Inzwischen war es Ende Juni. Erschrocken sog ich die Luft ein. Meine Güte, das waren über vier Monate! Dabei waren Frederick und ich noch nicht einmal verheiratet. Seit unserer Verlobung vor einem Jahr hatte keiner von uns den Versuch unternommen, konkrete Hochzeitspläne zu schmieden. Frederick war ein erfolgreicher Unternehmensberater, und wir beiden hatten einfach immer zu viel um die Ohren.

»Ich will dich!«, raunte er mir mit heiserer Stimme zu.

Obwohl ich nach wie vor keine Lust auf Sex hatte, erwachte mein schlechtes Gewissen. Würde es mich denn umbringen, wenn ich Frederick die Freude machte? Wahrscheinlich dauerte das Ganze ohnehin nur ein paar Minuten. Dann konnte ich immer noch den späten Nachmittag nutzen und zum Strand gehen, bevor ich mich für Cosmas Junggesellinnenabschied umzog. Da zeitgleich auch der Junggesellenabschied von Johannes stattfinden sollte, war es vielleicht ganz klug, Frederick heute Abend nicht völlig ausgehungert auf die Piste ziehen zu lassen. Manchmal musste man in einer Beziehung eben über seinen Schatten springen und dem sexuell bedürftigen Partner entgegenkommen. Cosma, die ebenfalls Jura studiert hatte, nannte dies »außergerichtliche Vereinigung«: Bevor es zum Streit kam, ging man auf einen körperlichen Kompromiss ein, der für beide Seiten zwar nicht die pure Erfüllung darstellte, aber immerhin für Frieden in der Beziehung sorgte.

Um dieses Friedens willen riss ich mich nun zusammen und drehte mich zu Frederick um. Das dunkelblaue Jackett, das er vorhin zum Hochzeitsempfang getragen hatte, hatte er inzwischen ausgezogen, und die obersten Knöpfe seines weißen Hemds standen offen. Fredericks dunkelblondes Haar war mit Gel perfekt in Form gebracht. Er sah wirklich verdammt gut aus. Nach wie vor hatte ich keine Ahnung, wieso seine Wahl damals ausgerechnet auf mich gefallen war. Frederick hätte jede Frau haben können.

Ich lächelte und strich ihm liebevoll über die Wange. Wie immer war Frederick perfekt rasiert und seine Haut so glatt wie ein Babypopo. »Es tut mir leid, dass ich mich in letzter Zeit so wenig um dich gekümmert habe! Du bist mir unglaublich wichtig, weißt du das?«

»Hm«, brummte er abwesend. Fredericks Aufmerksamkeit galt offenbar meinen Brüsten sowie der Frage, wie man das Wickelkleid aufkriegte. Er zerrte entnervt an einem Ende des versteckten Satinbands.

»Wir sollten uns in Zukunft wieder mehr Zeit für uns nehmen«, schlug ich vor und legte ihm lächelnd die Arme um den Hals. »Ich will nicht, dass wir uns wegen der Arbeit noch auseinanderleb…«

Weiter kam ich nicht, denn Frederick presste seine Lippen auf meine, um mich zu küssen. Oder um mich zum Schweigen zu bringen, da war ich mir nicht so sicher.

Auf erotischer Ebene tat sich bei mir leider immer noch nicht viel, im Gegenteil. Mein nüchterner Verstand begann sich nun sogar mit Fredericks Kusstechnik zu befassen. Die war mir natürlich nicht neu, immerhin waren wir schon seit über acht Jahren zusammen. Aber mal ganz objektiv betrachtet, küsste er mit angespannten und eher unnachgiebigen Lippen. Frederick ging überhaupt nicht auf meine spielerischen Neckereien ein. Das Ganze wirkte bei ihm ein wenig verbissen und monoton. Ich erschrak. Meine Güte, was tat ich denn da? Das war Frederick gegenüber absolut nicht fair. Ich musste sofort damit aufhören! Vielleicht sollte ich mich lieber mal selbst analysieren?

»Lass es uns tun!«, sagte Frederick resolut. »Jetzt, sofort!«

Er war noch nie der Typ für Kuschelsex oder stundenlange Zärtlichkeiten gewesen. Frederick war es gewohnt, zu bekommen, was er wollte. Das strahlte er mit jeder Faser seines Körpers aus, und darauf beruhte auch ein Großteil seiner Anziehungskraft. Der Rest erledigte sein gutes Aussehen für ihn.

Er gab seine Bemühungen, das Wickelkleid zu öffnen, auf und widmete sich stattdessen meinem Hintern. Mit gespreizten Fingern begann er, ihn fest zu massieren. Frederick stand auf Frauenhintern, und eine »Po-Massage« gehörte für ihn zum Liebesspiel dazu. In diesem Punkt hatte er einen kleinen Fetisch. Meist ließ er die Pobacken in schwungvollen Kreisbewegungen rotieren, genau wie jetzt. Reflexartig quiekte ich auf.

»Ja, genau das gefällt dir!«, stöhnte er zufrieden.

Nein, das tat es eigentlich nicht. Für mich fühlte es sich eher so an, als würde ich von einem Osteopathen eine Lockerungsmassage gegen chronische Verstopfung erhalten. Ich wollte nicht abstreiten, dass es wahrscheinlich Frauen gab, denen genau das gefiel. Grundsätzlich war es für mich auch okay, dass Frederick die Po-Massage antörnte. Ich hätte mir nur etwas mehr Fingerspitzengefühl und weniger Vehemenz bei der Durchführung gewünscht. Dummerweise wusste Frederick nichts von meinen Vorbehalten. Denn in all der Zeit hatte ich es nicht über mich gebracht, mit ihm darüber zu sprechen. Schon allein beim Gedanken daran versank ich vor Scham fast im Boden. Keine Ahnung, weshalb ich solche Probleme hatte, Gespräche über Sex zu führen! Andere Frauen redeten so lässig über Orgasmen und Stellungen, als würden sie lediglich über Dinkelkeks-Rezepte sprechen. Ich konnte das nicht. Dabei gefiel mir Sex. Sehr sogar. Aber ich konnte einfach nicht darüber sprechen.

Ohne seine Massage zu unterbrechen, drängte Frederick mich in Richtung Hotelbett. Mein Blick wanderte zu dem gemütlichen Kingsize-Bett mit den weißen Baumwolllaken. Bis vor fünf Minuten hatte es auf mich durchaus einladend gewirkt. Die Gutenachtpralinen lagen sogar noch auf den Kopfkissen. Vier Monate, rief ich mir erneut ins Gedächtnis. Seit über vier Monaten lebten mein Verlobter und ich wie Bruder und Schwester. Das durfte einfach nicht sein!

»Laura, das ist so heiß«, stöhnte Frederick. Prompt intensivierte er seine Po-Massage. Der monatelange Sexentzug schien in ihm den leidenschaftlichen Liebhaber zu wecken. Meinem nüchternen Verstand entging nicht, dass die Qualität seiner Küsse dabei noch stärker abnahm. Mit steigender Erregung gingen Fredericks Zungenbewegungen gegen null. So ähnlich musste es sich anfühlen, eine Seegurke im Mund zu haben. Und meine Pobacken rotierten unter seinen Händen mittlerweile wie eine Waschmaschine im Schleudergang.

Plötzlich hatte ich eine Art Offenbarung. In dem Moment, als ich mit den Kniekehlen an das Hotelbett stieß, wurde mir klar, dass ich Frederick und unserer Beziehung zuliebe endlich ehrlich sein musste! Immerhin waren wir verlobt und hatten vor, zu heiraten. Wo sollte das enden, wenn ich Frederick nicht endlich die Wahrheit sagte? Das Gespräch hinauszuzögern würde alles nur noch schlimmer machen. Meine Güte, ich war immerhin Anwältin und konnte mich sogar vor Gericht durchsetzen! Da war ich doch wohl auch in der Lage, eine Unterhaltung über sexuelle Vorlieben zu führen, oder? Jeder konnte das. Absolut jeder. Außerdem war Frederick mein Verlobter. Da meine Eltern gestorben waren und ich keine Geschwister hatte, war Frederick der Mensch, der mir am nächsten stand. Ich musste ihm einfach vertrauen!

Ich holte tief Luft und nahm all meinen Mut zusammen. »Frederick …« Ich räusperte mich, um meine Unsicherheit zu überspielen. Das Herz schlug mir bis zum Hals. »Könntest du vielleicht etwas sanfter sein?«

Na bitte, das war doch halb so schlimm gewesen! Vielleicht etwas allgemein formuliert, aber im Prinzip hatte ich es auf den Punkt gebracht. Endlich war es raus! Mir fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herzen.

Irritiert hielt Frederick inne und runzelte die Stirn. »Was? Wieso sanfter?«

Verflixt! Detailfragen hatte ich eigentlich nicht vorgesehen. Verlegen fixierte ich die weiße Hoteldecke über mir. Beim besten Willen konnte ich Frederick nicht in die Augen sehen. »Ich meine, bei … äh … deiner Po-Massage. Kannst du dabei bitte zärtlicher vorgehen? Das ist sonst etwas unangenehm.«

Er grunzte. »Du hast dich noch nie beschwert. Ich weiß, dass dir das gefällt. Schließlich kenne ich mich mit Frauen aus.«

Ich riss meinen Blick von der Hoteldecke los und sah ihn perplex an. Mit so einer Entgegnung hatte ich absolut nicht gerechnet. »Aber ich habe dir doch gerade gesagt, dass mir das nicht …«

Weiter kam ich nicht, denn Frederick presste erneut seine Lippen auf meinen Mund. Er machte genauso weiter wie zuvor. Unwillkürlich versteifte ich mich in seinen Armen. Zugegeben, ich hatte nicht wahnsinnig viel Erfahrung, was Männer betraf. Aber sollten offene Gespräche über Sex nicht anders ablaufen? Dass Frederick meine Bitte einfach ignorierte, war nicht richtig!

Mit fahrigen Fingern zerrte er erneut am Satinband meines Kleids, um mich auszuziehen. Eine Welle des Widerwillens überschwemmte mich. Nein, ich konnte das nicht! Plötzlich war mir unsere viermonatige Sexpause gleichgültig. Ich presste die Hände an seine Brust und schob ihn mit aller Kraft von mir. »Hör sofort auf!«

Widerwillig gab Frederick mich frei. »Was ist denn jetzt schon wieder?«

»Ich will nicht mehr.«

Demonstrativ rückte ich mein Kleid zurecht und lief mit wackligen Knien zurück zum Fenster. Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, atmete ich tief die frische Meeresluft ein. Obwohl in meinem Inneren immer noch ein Sturm tobte, bemühte ich mich um einen ruhigen Tonfall, als ich mich wieder zu Frederick umwandte und erklärte: »Ich finde es nicht in Ordnung, dass du meine Wünsche einfach ignorierst.«

»Wieso bist du denn plötzlich so zickig? Bisher hattest du beim Sex nie ein Problem.« Er stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte fassungslos den Kopf. »Na toll, du weißt echt, wie du einem Mann die Stimmung vermiesen kannst!«

Fredericks Frust war ihm deutlich anzusehen. Er riss die Minibar auf und durchsuchte den Inhalt nach Alkoholischem. Memo an mich: Sex-Probleme in Zukunft nicht mehr kurz vor der geplanten Durchführung ansprechen!

»Ich dachte, du wärst nicht so nervtötend wie andere Frauen«, brummte mein Verlobter.

»Was meinst du denn damit?«, fragte ich irritiert.

Er nahm zwei kleine Cognacflaschen heraus und leerte sie kurz hintereinander. Dann stieß er hart die Luft aus.

»Du bist eben nicht der emotionale Typ, der dauernd nur quatschen und Probleme machen will«, antwortete er schließlich. »So verhalten sich Frauen nämlich normalerweise. Das macht den Umgang mit dir für einen Mann auch so unglaublich angenehm.«

Ich schnaubte. Nur weil ich bemüht war, mich rational und verständnisvoll zu verhalten, sollte ich keine »normale« Frau sein? Frederick hatte wohl keine Ahnung, wie es im Moment in mir aussah. Wider besseres Wissen bohrte ich weiter: »Ich bin nicht wie andere Frauen? Was genau soll das denn heißen?«

Frederick öffnete den Schrank. Anscheinend hatte er vor zu duschen, denn er suchte sich frische Unterwäsche und legere Kleidung für den Junggesellenabschied heraus. An seinen verkrampften Schultern und abgehackten Bewegungen erkannte ich, dass er immer noch sauer war.

»Du willst ein Beispiel?«, fragte er gereizt. »Na schön! Ich habe mir vor unserer Beziehung schon mit einigen Frauen den Film Titanic angesehen. Alle außer dir sind am Ende, als Jake ertrinkt, in Tränen ausgebrochen.«

Dieses Beispiel sorgte leider nicht dafür, dass ich dem Problem auf die Spur kam. »Wieso hätte ich denn weinen sollen?«, entgegnete ich verwirrt. »Erstens war es nur ein Film. Zweitens kannten sich Jake und Rose praktisch kaum. Und drittens wäre auf der im Wasser treibenden Tür durchaus noch Platz für Jake gewesen. Hätten sie ihre Schwimmwesten unter der Tür fixiert, wäre genug Auftrieb für zwei gewesen. Das ist sogar mathematisch erwiesen, Frederick! Man könnte an der Stelle höchstens weinen, weil der Regisseur die Zuschauer anscheinend für unsagbar dumm hält.«

Auf dem Weg zum Badezimmer blieb Frederick neben mir stehen. »Siehst du, genau das meine ich, Laura! Du bist wie der Eisberg, gegen den die Titanic gefahren ist.« Er warf mir einen bitteren Blick zu. »Und Eisberge lassen sich nun mal ganz schlecht ficken.«

2. Kapitel

§ »Wird eine unbescholtene Verlobte von ihrem Verlobten verlassen, kann sie für den gemeinschaftlichen Geschlechtsverkehr eine Entschädigungszahlung verlangen, sofern sie in einer gemeinsamen Wohnung gelebt haben.«

Nach § 1300 BGB (unwirksam seit 1998)

Benommen saß ich auf dem Hotelbett und starrte mit brennenden Augen ins Leere. Für einen Besuch am Meer war es mittlerweile zu spät. Es dämmerte bereits, und eigentlich hätte ich mich schon längst für Cosmas Junggesellinnenabschied fertigmachen müssen. Die Männer waren zum Feiern nach Stralsund gefahren, damit wir Frauen das Hotel für uns hatten. Schon vor über einer Stunde hatte Frederick sich von mir verabschiedet. Dabei hatte er ganz ungezwungen gewirkt – als wäre nichts zwischen uns vorgefallen. Nachdem er frisch geduscht und angezogen aus dem Badezimmer gekommen war, schien die Sache für ihn erledigt gewesen zu sein.

Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. Leider konnte ich den Vorfall nicht so einfach vergessen. Fredericks Worte hatten sich wie eine Ohrfeige angefühlt. So hatte er noch nie mit mir geredet. Wirklich noch nie. Und schon gar nicht in dieser vulgären Ausdrucksweise. Eigentlich war Frederick kein aufbrausender emotionaler Typ. Deshalb passten wir auch so gut zusammen. Was war nur in ihn gefahren?

Nun, wenn ich ehrlich zu mir selbst war, lief es zwischen uns schon seit einiger Zeit nicht mehr besonders gut. Tiefergehende Gespräche führten wir kaum noch, und unser Sexleben war quasi nicht existent. Im Grunde lebten Frederick und ich nur nebeneinanderher. Aber auch wenn in unserer Beziehung die Leidenschaft fehlte, so hatten wir uns immerhin auch noch nie richtig gestritten. Bei Problemen setzten wir uns zusammen und diskutierten das Ganze aus, bis wir eine Lösung gefunden hatten. Ohne Geschrei, fliegendes Geschirr oder verletzende Worte. Ich hatte geglaubt, das wäre ein Zeichen für gegenseitigen Respekt, Vertrauen und Freundschaft. Doch anscheinend verhielten Frauen sich nicht so rational. Oder um es mit Fredericks Worten zu sagen: so kalt wie ein Eisberg.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit seinem Vorwurf umgehen sollte. Natürlich hätte ich in einer emotionalen Überreaktion seine teuren Anzüge aus dem Hotelfenster werfen können. Doch leider hatte Frederick recht: Ich war nicht der Typ für das große Drama. Trotzdem hatte ich durchaus Gefühle, Himmel noch mal! Genau wie jede andere Frau. Deshalb konnte ich seine verletzende Bemerkung auch nicht einfach übergehen und weitermachen wie bisher. Gleich morgen würde ich Frederick um ein klärendes Gespräch bitten. Bei dieser Gelegenheit würde ich auch von ihm verlangen, sich meine sexuellen Wünsche in Zukunft zu Herzen zu nehmen und sie nicht einfach zu ignorieren.

Fredericks widersprüchliche Aussagen würden mich bis dahin aber wahrscheinlich um den Schlaf bringen. Anscheinend begrüßte er im Alltag meine rationale Art, doch im Bett sollte ich zu einem temperamentvollen Vollblutweib mutieren? Allerdings eins, das nicht so unverschämt war und die Durchführung seiner Po-Massage kritisierte? Das war doch völlig unsinnig! Ein Mensch konnte nicht per Knopfdruck seinen Charakter ablegen und zu einer völlig anderen Person werden.

Müde fuhr ich mir übers Gesicht, obwohl ich dabei wahrscheinlich mein Make-up verschmierte. Mir war klar, dass jede Beziehung ihre Tiefpunkte hatte. Die Kunst bestand darin, gemeinsam die Probleme anzugehen und nicht kampflos aufzugeben, oder? Natürlich wusste ich nicht, was Frederick davon hielt, aber ich war fest entschlossen, an unserer Beziehung zu arbeiten. Auch wollte ich mir wieder mehr Zeit für ihn nehmen. Ich würde Cosma sagen, dass sie nach der Hochzeit wieder häufiger in die Firma kommen musste. Schließlich war sie die Chefin der Rechtsabteilung, nicht ich. Cosma hatte gewisse Pflichten zu erfüllen, auch wenn sie die Tochter des Firmeninhabers war.

Wie aufs Stichwort klopfte es an der Tür. »Laura? Süße, bist du da?«, erklang Cosmas helle Stimme von draußen.

»Moment! Ich komme sofort.«

Hastig knipste ich das Licht an und checkte im Spiegel mein Äußeres. Ich sah nicht so schlimm aus, wie ich befürchtet hatte. Nur ein paar blonde Haarsträhnen hatten sich aus der Hochsteckfrisur gelöst, und die Wimperntusche war etwas verschmiert. Ich machte mich zurecht, atmete tief durch und streckte den Rücken durch. Cosma zuliebe würde ich mich zusammenreißen und mir nichts anmerken lassen. Schließlich ging es an diesem Wochenende um ihre Hochzeit. Als Freundin und Trauzeugin durfte ich ihr den schönsten Moment im Leben nicht mit meinen Problemen verderben!

Ich setzte ein Lächeln auf, als ich Cosma öffnete. »Wie geht es der zukünftigen Braut?«

»Ich schwebe wie auf Wolken«, erwiderte sie strahlend. Wie üblich hauchte sie mir zur Begrüßung rechts und links ein Küsschen auf die Wange.

Meine Freundin trug für ihren Junggesellinnenabschied ein schwarzes Designerkleid, das sich eng an ihren schlanken Körper schmiegte. Sie kam aus gutem Hause, sah aus wie eine Elfe und wusste sich in jeder Situation richtig zu benehmen. Dass wir beide Jura studiert hatten, war wohl unsere einzige Gemeinsamkeit. Trotzdem waren wir seit unserer Studienzeit unzertrennlich. Und sobald sie von ihrem Vater zur Leiterin der juristischen Abteilung ernannt worden war, hatte sie mich als ihre Stellvertreterin eingestellt. Aber auch Cosma hatte von unserer Freundschaft profitiert. Ehrlich gesagt hätte sie ohne meine Hilfe das Studium wohl kaum bestanden.

»Der Empfang war großartig, oder nicht?« Cosma rauschte an mir vorbei ins Zimmer. Der Duft ihres teuren Parfums folgte ihr wie eine unsichtbare Schleppe. »Die perfekte Mischung aus Tradition und Moderne. Stilvoll, aber mit einer Prise Extravaganz.«

»Ja, es war sehr schön.« Ich schloss die Tür und folgte ihr.

Cosma war vor dem Kleiderschrank stehen geblieben. Mit leuchtenden Augen betrachtete sie das weiße Tüllkleid, das auf einem Bügel an der Schranktür hing. »Da ist ja mein Baby!«, hauchte sie entzückt.

Ihre Begeisterung für dieses Brautkleid ließ mich schmunzeln. Bei dem Preis, den es gekostet hatte, war Begeisterung allerdings durchaus angebracht. Für meinen Geschmack bestand das Kleid jedoch aus zu vielen Lagen Tüll. Außerdem vermisste ich eine klare Linie. Meiner Meinung nach wirkte das Kleid eher, als hätte jemand wahllos Stoff- und Tüllbahnen abgewickelt und zusammengenäht. Doch meine Freundin war sofort von dem außergewöhnlichen Designerstück hingerissen gewesen. Wohingegen ich – laut Cosma – von Mode nicht die geringste Ahnung hatte.

»Es hat den Transport gut überstanden«, beruhigte ich sie. »Es hatte den Rücksitz des Autos ganz für sich allein und war sicher verpackt in seiner Schutzhülle.«

Ich hatte Cosma schwören müssen, das Kleid wie meinen Augapfel zu hüten und es so ins Hotel zu schmuggeln, dass es der Bräutigam garantiert nicht zu Gesicht bekam.

Cosma strich ehrfürchtig über den Stoff. »Meinst du, es wird Johannes gefallen?«

Ich grinste. »Johannes würde dich auch heiraten, wenn du in einem Nachthemd erscheinst. Denn auch darin würdest du bezaubernd aussehen.«

»Ach, Laura, du sagst immer genau das Richtige, damit ich mich besser fühle.« Sie drehte sich zu mir um und schloss mich mit bebenden Lippen in die Arme. »Ich bin so froh, dass du hier bist!«

Ich strich ihr über den Rücken. »Hey, das ist doch selbstverständlich! Wir gehen füreinander durchs Feuer, schon vergessen? Und als Trauzeugin ist es meine Aufgabe, für deine seelische Ausgeglichenheit zu sorgen.«

»Wenn das so ist …« Sie machte sich von mir los und grinste. »Was kannst du mir denn aus eurer Minibar anbieten? Ich könnte etwas zur Beruhigung gebrauchen.«

Cosma setzte sich auf das Sofa, während ich die Minibar durchforstete. »Mal schauen, was Frederick übrig gelassen hat«, murmelte ich, weil ich wusste, dass Cosma ebenfalls Cognac mochte. Mich hätte man mit dem Zeug jagen können.

»Frederick hat schon vor dem Junggesellenabschied getrunken?«, fragte sie überrascht. »Das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich.«

»Wir …« Ich stockte. Da ich meine beste Freundin nicht anlügen wollte, musste ich den Streit wohl doch erwähnen. »Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit.«

Ich fand noch einen Cognac und reichte Cosma das Fläschchen. Doch sie regte sich nicht und starrte mich mit geöffnetem Mund an.

»Frederick und du?«, entfuhr es ihr ungläubig. »Aber das ist unmöglich. Ich kenne kein harmonischeres Paar. Meine Güte, ihr schnauzt euch nicht mal an, wenn einer dem anderen auf den Fuß tritt! Ich habe von Anfang an gewusst, dass ihr füreinander geschaffen seid.«

Frederick war ein Freund der Familie von Gudenberg. Vor über acht Jahren hatte Cosma mir permanent von ihm vorgeschwärmt und nicht lockergelassen, bis ich einem Date mit ihm zugestimmt hatte. Kurze Zeit später waren Frederick und ich ein Paar geworden. Wieder ein deutlicher Beweis dafür, dass mein Leben ohne Cosma völlig anders verlaufen wäre. Nun hatte ich einen gutaussehenden Verlobten, ein Penthouse im Zentrum Frankfurts, war beruflich erfolgreich und verdiente mehr Geld, als ich ausgeben konnte. Was vor allem daran lag, dass ich viel zu viel arbeitete, um Zeit zum Shoppen zu haben. Alles in allem konnte ich mich wirklich glücklich schätzen. Oder?

»Frederick und ich bekommen das wieder hin«, beruhigte ich Cosma. Um sie nicht mit meinen Problemen zu belasten, wechselte ich lieber das Thema. »Die Hochzeit auf Rügen stattfinden zu lassen war wirklich eine großartige Idee. Ich bin ganz verzaubert von der Insel.«

»Nicht wahr!« Cosma ging nur allzu gerne auf mein Ablenkungsmanöver ein. In ihre großen blauen Augen trat ein Leuchten. »In unserer Suite können Johannes und ich vom Bett aus direkt aufs Meer blicken. Ich kann es kaum erwarten, dort als verheiratete Frau aufzuwachen.« Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. »Nach der ganzen Aufregung und monatelanger Planung ist es endlich so weit. Wobei es sich irgendwie unwirklich anfühlt. So gewaltig.« Sie verstummte und drehte gedankenverloren das Cognacfläschchen zwischen den Fingern.

Ich setzte mich neben Cosma und musterte sie. »Das traditionelle Muffensausen vor dem Jawort?«, tippte ich.

Sie warf mir einen Seitenblick zu. »Dir kann ich nichts vormachen, oder?« Sie zog eine Grimasse. »Ich freue mich unglaublich, aber gleichzeitig macht es mir Angst. Johannes geht es ähnlich.«

»Ihr habt offen darüber geredet?«, entgegnete ich erstaunt.

Sie nickte. »Offenheit ist in einer Ehe die Basis. Johannes findet, es wäre wichtig, dass wir auch unangenehme Dinge miteinander besprechen. Und vor Gott, der Familie und dem Gesetz einen Schwur zu leisten, der bis zum Tod gelten soll, kann ziemlich beängstigend sein. Es hat gutgetan, mit Johannes darüber zu reden. Jetzt fühle ich mich ihm noch näher.«

Ihre Worte hinterließen ein nagendes Gefühl in meinem Inneren. Auch ich hatte versucht, mit meinem Verlobten ein unangenehmes Thema zu besprechen. Doch im Gegensatz zu Johannes und Cosma hatte es bei uns zu einem Streit geführt. Ich fühlte mich Frederick kein bisschen näher oder verbunden. Im Moment schien uns eher ein Abgrund zu trennen.

»Wir haben abgemacht, dass wir es heute Nacht noch mal so richtig krachen lassen«, fuhr Cosma fort. »Ohne Wenn und Aber. Ohne Reue.«

Ich zog die Augenbrauen in die Höhe. »Wie ist das denn gemeint?«Sie zuckte mit den Schultern. »Genauso wie ich es gesagt habe. Vor unserem Treueeid genießen wir das Leben noch mal in vollen Zügen. Was auf dem Junggesellenabschied passiert, ist Johannes’ Sache. Und umgekehrt geht es ihn nichts an, was wir Mädels heute machen.« Sie grinste und öffnete das Cognacfläschchen. »Wenn ich also Lust habe, einem Stripper an den durchtrainierten Hintern zu fassen, dann werde ich das ohne schlechtes Gewissen tun.« Cosma leerte das Fläschchen in einem Zug. Es hätte cool und abgeklärt gewirkt, wenn sie nicht umgehend einen Hustenanfall bekommen hätte.

Ich fand die Absprache zwischen Johannes und Cosma ziemlich merkwürdig. Vielleicht hatte Frederick mit seiner Behauptung recht, dass es zwischen beiden eher eine Fusion als eine Liebesheirat war? Würde Cosma ihrer Familie zuliebe tatsächlich eine Zweckehe eingehen? Wenn ja, hatte ich mir ein völlig falsches Bild von ihrem Charakter gemacht. Wahrscheinlich hatte ich mich deshalb auch nie getraut, Cosma direkt nach ihren Gefühlen für Johannes zu fragen. Eigentlich wollte ich die Antwort gar nicht hören. Tief in meinem Herzen glaubte ich an die große Liebe, und eine Heirat ohne echte Gefühle stand für mich nicht zur Diskussion. War das vielleicht auch ein Grund dafür, dass ich seit der Verlobung mit Frederick keinen Versuch unternommen hatte, unsere Hochzeit zu planen? Wollte ich ihn eigentlich gar nicht heiraten? Ich stutzte. Wieso schossen mir heute nur all diese kritischen Gedanken durch den Kopf? Es musste daran liegen, dass ich zur Abwechslung mal nicht am Schreibtisch vor meterhohen Aktenbergen saß und bis zum Umfallen arbeitete. Oder die frische Seeluft auf Rügen wirbelte in meinem Hirn zu viele Gedanken auf.

Cosma warf einen Blick auf die Uhr. »Wir müssen los! Die anderen sind wahrscheinlich schon unten. Das kalte Buffet wird in einer halben Stunde eröffnet, und die Stripper kommen auch bald. Bis dahin müssen wir einen ordentlichen Alkoholpegel erreicht haben!«

Ich stöhnte. »Du hast tatsächlich Stripper einbestellt?«

Cosma kicherte. »Mein Hochzeitsplaner hat darauf bestanden. Er meinte, im Zuge der Gleichberechtigung kommt ein Junggesellinnenabschied ohne Stripper heutzutage nicht mehr infrage.« Sie stand auf und klatschte in die Hände. »Komm schon! Das wird ein toller Abend. Wir lassen es so richtig krachen!«

Ihre Begeisterung war ansteckend. »Na schön, lass uns feiern!« Ich erhob mich ebenfalls und strich mein Wickelkleid glatt. Da ich keine Lust hatte, mich umzuziehen, würde ich es einfach anlassen. Immerhin hatte Frederick gesagt, dass ich darin sexy aussah.

Cosma hob drohend den Zeigefinger. »Wehe du trinkst nichts, Laura! Wir werfen heute alle Vernunft über Bord.«

»Oh weh!« Ich zog eine Grimasse. Cosma wusste genau, dass ich keinen Alkohol vertrug. Schon nach einem Schnaps lag ich besoffen unter dem Tisch. Und ich hasste es, wenn ich die Kontrolle über mich verlor. Mir schwante, dass dieser Abend noch ein schlimmes Ende nehmen würde.

*

»Ich sag dir, er macht die besten Brüste in ganz Europa«, schwärmte Cosmas Cousine Anna mir gerade von ihrem Schönheitschirurgen vor. Sie war sichtlich angetrunken und hielt sich schwankend am Tisch des kalten Buffets fest. »Dieser Mann liebt Brüste. Sonst würden sie nicht so gut werden.«

»Aha«, entgegnete ich mäßig interessiert.

Es war fast Mitternacht, und die Stimmung auf der Junggesellinnenparty war eher durchwachsen – trotz des Alkohols, der freizügigen Stripper und eines angesagten DJs. Bei den Männern schien es ähnlich gewesen zu sein, denn sie waren schon vor einer halben Stunde vom Junggesellenabschied zurückgekehrt. Die meisten hatten sich an die Hotelbar oder auf ihre Zimmer verzogen, doch einige Männer hatten ohne Skrupel unsere Junggesellinnenparty gesprengt. Die nun anwesenden Freunde und Ehemänner im Saal hatten die Feierlaune der Frauen endgültig in den Keller sacken lassen. Ich hoffte, Cosma war darüber nicht allzu enttäuscht! Gerne hätte ich meine Freundin etwas aufgemuntert, doch schon seit geraumer Zeit hatte ich sie nicht mehr zwischen den Mädels herumschwirren sehen.

»Die Implantate fühlen sich an wie echt.« Anna drückte demonstrativ auf ihrem Dekolleté herum. »Willst du mal anfassen?«

Ich zuckte zurück. »Äh, nein, danke, eigentlich …«, wollte ich abwehren, doch Anna hatte sich schon meine Hand geschnappt und drückte sie an ihre Brust.

Da sich meine Hand nun schon mal auf einem Fremdbusen befand, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mal kurz zu tasten. Faszinierend! Allerdings kam ich zu einem anderen Urteil als Anna. Meine Brüste fühlten sich deutlich weicher und nachgiebiger an. Man spürte den Unterschied sofort.

»Großartig!«, log ich höflich. »Dein Mann ist bestimmt ganz begeistert.«

Anna lachte dreckig. »Das kannst du laut sagen! Er kann kaum seine Finger davon lassen.«

Bevor sie sich dazu hinreißen ließ, mir von Einzelheiten zu berichten, entschuldigte ich mich bei ihr und verließ klammheimlich die Party.

Bisher hatte ich Frederick nirgends entdeckt. Deshalb vermutete ich, dass er gleich nach seiner Ankunft auf unser Hotelzimmer gegangen war. Ich hatte vor, die Gunst der Stunde zu nutzen und ihn schon jetzt um das klärende Gespräch zu bitten. Wenn es gut lief, würde mir das wahrscheinlich eine schlaflose Nacht ersparen.

Ich zückte die Schlüsselkarte, öffnete unsere Zimmertür … und blieb wie angewurzelt stehen. Als Erstes fiel mein Blick auf Fredericks nackten Hintern. Dann setzte sich – Stück für Stück, wie bei einem Puzzle – die Szene vor meinen Augen zusammen:

Ein schwarzer Spitzenslip auf dem Boden.

Fredericks Anzughose, hinuntergeschoben bis zu den Knöcheln. Cosmas schwarzes Designerkleid, hinaufgeschoben bis zu den Hüften.

Erhitzte Gesichter.

Die Kommode im Eingangsbereich, die im Takt der rhythmischen Bewegungen an die Wand stieß.

Fassungslos starrte ich auf die beiden Menschen, denen ich bis eben noch mein Leben anvertraut hätte. Die Situation hätte nicht eindeutiger sein können. Nun wurde mir auch klar, wieso ich Cosma nicht mehr auf der Party vorgefunden hatte.

»Laura!«, stieß Frederick erschrocken aus.

Geschockt taumelte ich zur Seite, bis ich mit dem Rücken an den Kleiderschrank stieß. Meine Knie wurden weich und drohten unter mir nachzugeben. Haltsuchend tastete ich um mich. Doch das Einzige, was ich zu fassen bekam, war Cosmas Brautkleid. Obwohl es mir die Luft zum Atmen nahm, konnte ich meinen Blick nicht von Frederick und Cosma losreißen.

Meine Freundin sagte kein Wort. Auf ihrem schönen Gesicht zeichneten sich weder Reue noch Scham ab. Betreten löste sich Frederick von ihr und trat einen Schritt zurück, wodurch ich ihre entblößten Geschlechtsteile zu Gesicht bekam. Immerhin hatte der Mistkerl ein Kondom benutzt. Doch der Anblick war endgültig zu viel für mich. Es war, als würde in meinem Inneren ein Schalter umgelegt. Lichtpunkte begannen vor meinen Augen zu tanzen, und in meiner Brust schien etwas zu explodieren.

»Ich habe euch beide geliebt und hätte alles für euch getan«, flüsterte ich mit erstickter Stimme.

»Ach bitte, Laura!«, gab Cosma seufzend zurück. »Jetzt mach doch kein Drama daraus!«

Was? Ich sollte kein Drama daraus machen? Meine Hand krallte sich in ihrem Hochzeitskleid fest. Ausgerechnet jetzt kam mir in den Sinn, dass das Gesetz mir im Jahr 1997 noch erlaubt hätte, von meinem Verlobten bei Beziehungsende eine Entschädigungszahlung für sexuelle Dienste zu verlangen. Doch Fredericks Geld wollte ich überhaupt nicht. Mein blutendes Herz verlangte nach Rache. Wenn Cosma das Drama so sehr fürchtete, dann würde sie jetzt ein ordentliches Drama bekommen! Ohne weiteres Nachdenken riss ich ihr Brautkleid vom Schrank und schnappte mir Fredericks Zippo-Feuerzeug, das neben den kubanischen Zigarren auf dem Tisch lag. Als Cosma wutentbrannt aufschrie, jagte ich schon hinaus auf den Hotelflur.

3. Kapitel

§ »Eine Heirat ist in Deutschland ungültig, wenn sich ein Ehegatte bei der Eheschließung im Zustand der Bewusstlosigkeit oder vorübergehender Störung der Geistestätigkeit befand oder nicht wusste, dass es sich um eine Eheschließung handelt.«

nach § 1314 BGB

Es war mitten in der Nacht. Wie ein Häufchen Elend saß ich vor Polizeiobermeister Werner auf der örtlichen Wache. Frederick lehnte mit verschränkten Armen an der Wand, während Cosma auf einem weißen Plastikstuhl Platz genommen hatte. Neben ihr lag Beweisstück A, das Brautkleid. Völlig intakt und ohne das kleinste Brandloch.

»Feuerfest«, sagte ich matt. »Seit wann gibt es denn feuerfesten Tüll? Hätte ich das Feuerzeug doch nur an die Korsage gehalten! Die hätte bestimmt gebrannt.«

Herr Werner sah von seinen Notizen auf und maß mich mit strengem Polizistenblick. Ich schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Er hatte einen graumelierten Oberlippenbart, und unter seinen Augen lagen dicke Ringe. »Seien Sie lieber froh, Frau Schröder! Nur deshalb hat diese Angelegenheit ein glimpfliches Ende genommen.«

»Glimpfliches Ende?«, fauchte Cosma und sprang vom Stuhl auf. »Diese Irre hat mein Brautkleid beschädigt.«

Herr Werner seufzte. »Ich habe das Kleid gerade eingehend untersucht, Frau von Gudenberg. Es ist kein Schaden zu erkennen.«

»Aber … aber es ist dreckig und zerknittert«, beharrte Cosma. »Das werde ich nicht auf mir sitzen lassen! Ich will eine Anzeige machen. Wegen … wegen mutwilliger Zerstörung und seelischer Grausamkeit.«

Ich stieß ein abfälliges Schnauben aus. »Ich bin jetzt schon gespannt, was der Richter für grausamer hält: ein zerknittertes Hochzeitskleid oder eine Braut, die am Abend vor ihrer eigenen Hochzeit Sex mit dem Verlobten der besten Freundin hat. Und es nicht mal für nötig hält, sich dafür zu entschuldigen.«

»Oha!« Herr Werners buschige Augenbrauen schossen in die Höhe. Da er uns bisher lediglich zur Wache beordert und unsere Personalien aufgenommen hatte, waren wir noch nicht zum eigentlichen Grund des Vorfalls gekommen.

»Damit ich das richtig verstehe, Frau Schröder: Ihre Freundin«, er deutete mit seinem Kugelschreiber auf Cosma und danach auf Frederick, »hat mit Ihrem Verlobten geschlafen? Und Sie haben sich dann das Brautkleid Ihrer Freundin geschnappt, um es zu verbrennen.« Er zeigte erneut auf Cosma. »Denn Frau von Gudenberg will eigentlich dieses Wochenende auf Rügen heiraten?«

Ich nickte. »Das fasst im Grunde alles zusammen.«

»Mein lieber Scholli!«, murmelte er kopfschüttelnd.

Mit hochrotem Kopf setzte Cosma sich wieder auf den Plastikstuhl und starrte verkniffen ins Leere. Ich sah zu Frederick, der bisher kaum etwas gesagt hatte. Auf Cosmas Unverschämtheiten zu reagieren fiel mir nicht schwer. Meine ehemals beste Freundin war offensichtlich in die Verteidigungshaltung übergegangen und wollte mich als Schuldige darstellen, um ihr Gewissen zu entlasten. Doch mit Fredericks Schweigen konnte ich nur schwer umgehen. Empfand denn wenigstens er Reue? Auch wenn ich ihm diesen Fehltritt nicht verzeihen konnte, hoffte ich, dass Frederick immerhin so viel Anstand besaß, sich schuldig zu fühlen.

»Na schön, ich verzichte auf eine Anzeige«, verkündete Cosma plötzlich. »Es ist besser, wenn wir die Angelegenheit nicht unnötig aufbauschen.«

Ihr war anscheinend klargeworden, dass der Vorfall sie nicht ins beste Licht rückte. Cosma stand erneut auf, doch dieses Mal gefasst und mit hocherhobenem Kinn. »Aber deinen Job bist du los, Laura. Ich kündige dir hiermit. Fristlos. In meiner Abteilung kann ich keine durchgeknallte Irre gebrauchen.«

Als Anwältin hätte Cosma eigentlich wissen müssen, dass diese Kündigung jeglicher Rechtsgrundlage entbehrte. Aber ich wollte den Job ohnehin nicht mehr.

»Unter dieser Kündigung wirst du mehr leiden als ich«, prophezeite ich ihr. Jahrelang hatte ich meiner Freundin die Arbeit abgenommen, ihr den Rücken freigehalten und für sie schwierige Entscheidungen getroffen. Ohne mich würde ihre Abteilung im Chaos versinken.

»Das … das werden wir ja sehen«, entgegnete sie wenig überzeugend. Ihre Nasenflügel bebten, als sie sich an Polizeiobermeister Werner wandte. »Brauchen Sie mich noch?«

Er warf einen Blick auf seine Notizen und schüttelte gemächlich den Kopf. »Nein, eigentlich nicht. Da Sie auf die Anzeige wegen Sachbeschädigung nun doch verzichten, können Sie gehen! In erster Linie habe ich sie drei zur Wache mitgenommen, um eine weitere Eskalation vor Ort zu vermeiden. Dem Hotelmanager war sehr daran gelegen, dass die anderen Gäste zu so später Stunde nicht länger gestört werden. Im Namen der Hotelleitung muss ich Sie allerdings bitten, sich ab sofort unauffällig zu verhalten, Frau von Gudenberg.«

Cosma nickte ihm knapp zu. »Selbstverständlich.«

Ohne mich oder Frederick eines weiteren Blickes zu würdigen, schnappte sie sich ihr Brautkleid und verließ mit angespannter Miene die Polizeiwache.

Ich fragte mich, was Cosma bei ihrer Rückkehr ins Hotel wohl erwartete. Trotz ihrer merkwürdigen Vereinbarung mit Johannes bezweifelte ich, dass er ihren vorehelichen »Ausrutscher« ohne weiteres akzeptieren würde. Immerhin war das Ganze nicht gerade diskret abgelaufen. Spätestens morgen früh würde wohl auch der letzte Hochzeitsgast davon erfahren haben. Ich wäre jedenfalls keine Wette eingegangen, dass Cosma dieses Wochenende tatsächlich im Brautkleid vor den Altar treten würde. Zugegeben, dieser Gedanke weckte ein ziemlich hässliches Gefühl der Genugtuung in mir.

Fredericks Räuspern durchbrach die Stille. »Und was ist mit mir?«

Herr Werner lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Hände vor dem Bauch. Seine Polizeiuniform saß um die Körpermitte herum ziemlich straff. »Sie haben Glück, dass das Hotel auf eine Anzeige verzichtet. Der Vater der Braut ist sehr bemüht, den Vorfall unter den Tisch zu kehren. Ich nehme an, er hat schon eine entsprechende Entschädigungszahlung an die Hotelleitung veranlasst. Zum jetzigen Stand der Dinge hat die Angelegenheit für keinen von ihnen rechtliche Folgen.«

Frederick nickte. »Das ist gut. Es wäre Laura gegenüber nicht fair, wenn der Vorfall Konsequenzen für sie hätte.«

Das waren die ersten verständnisvollen Worte, die ich von ihm hörte. Meine Augen begannen zu brennen, und im Versuch, die Tränen zurückzuhalten, schluckte ich schwer.

Frederick machte einen Schritt auf mich zu. Um Fassung ringend sah ich zu ihm auf.

»Es war falsch, was Cosma und ich getan haben«, sagte er mit belegter Stimme. »Eigentlich wollte sie uns helfen und mit mir über unseren Streit von heute Nachmittag sprechen. Sie hat sich Sorgen gemacht. Doch als wir dann beim Thema Sex waren, hat sich irgendwie …« Er stockte, schüttelte den Kopf und fuhr sich durch die Haare. »Keine Ahnung, plötzlich war die Stimmung zwischen uns so aufgeladen. Ich habe mich hinreißen lassen. Das war dir gegenüber weder fair noch gerecht. Es tut mir leid, dass unsere Beziehung so enden muss.«

Frederick schien klar zu sein, dass ein Fehltritt mit der besten Freundin unverzeihlich war. Selbst für einen »Eisberg« wie mich. Trotzdem war ich dankbar für seine Worte. Wenigstens hatte der Mann, mit dem ich die letzten Jahre Tisch und Bett geteilt hatte, den Anstand, seine Untreue nicht herunterzuspielen.

»In einem Punkt hat Cosma allerdings recht«, fuhr er fort. »Du hast dich verhalten wie eine durchgeknallte Irre. Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass du derart die Fassung verlieren kannst. In dir steckt ein Mensch, den ich überhaupt nicht kenne.«

Damit war mein Anflug von Dankbarkeit auch schon wieder verschwunden. Ein bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus. »Und ich hätte niemals für möglich gehalten, dass du mich betrügst.«

Frederick wollte etwas erwidern, doch schließlich nickte er nur.

Er wandte sich zum Gehen. »Womöglich ist es besser so, Laura. Vielleicht müssen wir beide unser Glück woanders suchen.«

Obwohl er damit lediglich das Offensichtliche aussprach, schmerzte es. Hier endete also unser gemeinsamer Weg. Es wäre allzu leicht gewesen, Frederick die alleinige Schuld dafür zu geben. Doch glückliche Partner gingen selten fremd. Unsere Beziehung war leider nur oberflächlich betrachtet perfekt und harmonisch gewesen. Doch ich hatte nicht den Mut besessen, mir diese unschöne Wahrheit einzugestehen.

Wie aus weiter Ferne hörte ich Fredericks gemurmelte Abschiedsworte. Als die Tür hinter ihm zuschlug, breitete sich in meinem Inneren eine eisige Kälte aus. Irgendwo in meinem Bewusstsein hatte schon die ganze Zeit eine Erkenntnis gelauert, die mich jetzt mit der Wucht eines Güterzugs überrollte: Mein Leben war ein Scherbenhaufen. Mein Verlobter, meine beste Freundin und mein Job hatten mir Halt gegeben. Doch all dies hatte ich innerhalb einer einzigen Nacht verloren. Ich war allein. Zitternd schlang ich die Arme um meinen Oberkörper.

Herr Werner, der dem Gespräch schweigend gelauscht hatte, beugte sich zur Seite und zog eine Schublade auf. Dann stellte er eine Flasche vor mich auf den Schreibtisch.

»Sanddornlikör!«, erklärte er. »Das Geschenk einer dankbaren Familie. Ich habe nämlich ihren entlaufenen Hund innerhalb von zwanzig Minuten gefunden. Dabei war der Köter schon seit Tagen spurlos verschwunden.« Er holte ein Glas und schenkte mir ein. »Ganz im Vertrauen: Den Hund habe ich nur so schnell gefunden, weil er mir quasi in die Arme gelaufen ist. Ich habe ihn erwischt, als er gerade an den Hinterreifen meines Polizeiautos gestrullert hat. Aber das habe ich natürlich nicht verraten.« Herr Werner zwinkerte mir zu, und ich musste gegen meinen Willen lächeln.

Ich wollte nach dem Glas greifen, doch er hielt mich zurück. »Haben Sie vor, heute Nacht noch Auto zu fahren?«, fragte er plötzlich streng.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich besitze gar kein Auto. In der Großstadt war das bisher nicht nötig. Wir sind mit dem Wagen meines Verlobten nach Rügen gefahren.«

Meines Ex-Verlobten, korrigierte ich mich in Gedanken.

»Dann spricht aus polizeilicher Sticht nichts gegen ein Schlückchen«, meinte Herr Werner zufrieden. »Sie sehen nämlich so aus, als könnten Sie etwas Kräftigendes gebrauchen.«

Ich schnupperte am Sanddornlikör. Obwohl er das dunkle Orange eines fruchtigen Mango-Maracujasafts besaß, roch er herb und ein wenig bitter. »Sie trinken nicht mit?«

Entrüstet sah mich der Polizist an. »Wo denken Sie hin? Ich bin im Dienst.«

Während er sich wieder hinter den Schreibtisch setzte, nahm ich einen kräftigen Schluck. Der Geschmack des Likörs war ungewöhnlich, aber ich mochte ihn. Die Wärme des Alkohols breitete sich wohltuend in mir aus.

Herr Werner musterte mich eingehend. »Sie legen ein unglaublich kontrolliertes Verhalten an den Tag, Frau Schröder. Jedenfalls wenn man mal von der Sache mit dem Brautkleid absieht.« Er machte eine Kopfbewegung zur Tür, durch die Frederick und Cosma verschwunden waren. »Andere Frauen an Ihrer Stelle hätten sich nicht so ruhig und gelassen mit den beiden in einem Raum aufhalten können.«

Ich zuckte halbherzig mit den Schultern und leerte das Glas. »Ich glaube, ich stehe einfach nur unter Schock. Wegen allem. Noch nie zuvor bin ich derart ausgerastet.«

Und doch … Irgendwie war diese Aktion befreiend gewesen. Es fiel mir jedenfalls schwer, meine Tat aufrichtig zu bereuen. Hatte Frederick womöglich recht? Steckte tatsächlich auch eine völlig andere Laura in mir?

Herr Werner wollte mir nachschenken, doch ich schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Das reicht.« Ich deutete auf seine Unterlagen. »Soll ich Ihnen von den Einzelheiten berichten?«

Er winkte ab. »Nicht nötig. Das Wichtigste habe ich notiert. Aber mir wäre wohler, wenn Sie nicht ins Hotel zurückkehren, Frau Schröder. Die Situation könnte erneut eskalieren.«

Diese Befürchtung teilte ich leider. Wenn Cosma mir noch ein einziges Mal Vorwürfe wegen ihres doofen Brautkleids machte, konnte ich für nichts garantieren.

»Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen, eine andere Unterkunft zu finden«, bot er an.

Mein Blick wanderte zum Fenster. Die Welt da draußen lag in völliger Dunkelheit. Es war verrückt, aber ich wollte hier nicht weg. Außerhalb dieser kleinen Polizeiwache mit den flackernden Neonröhren wartete nur die Einsamkeit auf mich. Sobald ich in einem Hotel mit meinen Gedanken allein war, würden mich die Bilder der heutigen Nacht einholen. Dazu kämen all die bohrenden Fragen: Vielleicht hatte Frederick mich nicht zum ersten Mal betrogen? Hätte ich früher bemerken müssen, dass er und Cosma sich körperlich zueinander hingezogen fühlten? War Cosma mir jemals eine richtige Freundin gewesen? Und wie sollte es jetzt weitergehen?

»Ich kann jetzt nicht allein sein«, sagte ich leise.

Da ich kein Auto hatte, war ich sozusagen auf Rügen gestrandet. Erneut traten mir Tränen in die Augen, doch ich riss mich mit aller Macht zusammen. Es hatte eine Zeit in meinem Leben gegeben, in der ich sämtliche Tränen vergossen hatte, die ein Mensch besaß. Ich hatte geweint, bis ich innerlich völlig leer und ausgehöhlt gewesen war. Die Tränen hatten jedoch nicht geholfen und nur dazu geführt, dass ich mich noch schwächer und verletzlicher gefühlt hatte. Damals hatte ich mir geschworen, niemals wieder zu weinen, solange es nicht einen triftigen Grund dafür gab. Etwas, das schlimmer war als das, was ich als Kind erlebt hatte.

»Gibt es vielleicht jemanden, den Sie anrufen können? Der sich um Sie kümmern kann?«, fragte Herr Werner mitfühlend.

In Gedanken ging ich meine Freunde und Bekannte durch, die unter den Hochzeitsgästen waren. Doch alle, die mir einfielen, waren sowohl mit mir als auch mit Cosma und Frederick befreundet. Ich bezweifelte, dass sie sich offen auf meine Seite stellen würden. Im Streitfall setzte man in diesen Kreisen auf Neutralität. Wenn das nicht möglich war, hielt man zu der stärkeren Partei. Und die war nun mal eindeutig nicht ich.

»Nein, leider gibt es …« Ich hielt inne. Doch! Es gab jemanden, den ich anrufen konnte. Eine Person, die sich nicht mal ansatzweise für gesellschaftliches Ansehen und Kommerz interessierte. Noch vor ein paar Stunden hatte ich ein Zusammentreffen um jeden Preis verhindern wollen. Aber jetzt …

Ich atmete tief ein und sah Herrn Werner entschlossen in die Augen. »Haben Sie zufällig die Nummer von Gertrud Peters aus Glowe?«

4. Kapitel

§ »§ 12: Will man unter allen Umständen ein zutiefst unangenehmes Zusammentreffen mit einer anderen Person vermeiden, sollte man ein inständiges Bittgebet an jede bekannte Gottheit dieser Welt sprechen. Das hilft zwar nichts, gibt einem aber das gute Gefühl, etwas getan zu haben, und lenkt einen im Vorfeld vom Unvermeidlichen ab.«

Auszug aus »Lauras Gesetzbuch des Lebens«

Mit einem lauten Summton schwang die Tür der Polizeiwache auf. Ich blickte nervös über die Schulter und erschrak gleich zweifach. Meine Tante kam in einem seltsamen braunen Kaftan, der an einen Mehlsack erinnerte, hereingeschwebt. Um ihren Hals hing ein Bergkristall in der Größe eines Hühnereis, und ihre weißen Haare standen wirr vom Kopf ab. Wohl eine Albert-Einstein-Gedächtnisfrisur. Als Tante Gerti mit glückseligem Lächeln auf mich zulief, machten ihre Jesuslatschen bei jedem Schritt ein klatschendes Geräusch. Keine Frage, meine Tante sah noch ausgeflippter aus als früher! Doch noch mehr erschreckten mich die zahlreichen Falten in ihrem Gesicht, die Altersflecken und dunklen Ringe unter ihren Augen. Tante Gerti war alt geworden. War es tatsächlich schon so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten?

»Laura, Kindchen!«, rief sie überschwänglich und breitete die Arme aus. »Das allmächtige Universum hat meine Gebete erhört und dich endlich zu mir geschickt.«

Wenn tatsächlich das Universum für den ganzen Mist verantwortlich war, den ich in den letzten Stunden erlebt hatte, dann war das Universum eine superfiese Socke.

Ich stand auf und ließ mich von meiner Tante in die Arme schließen. Die starken Gefühle, die diese Umarmung in mir auslöste, überraschten mich. Tante Gertis Körperwärme umgab mich wie eine schützende Decke, und für einen Moment fühlte ich mich herrlich geborgen. Der charakteristische Geruch meiner Tante nach Sandelholz, Patschuli, Kardamom und Salbei hüllte mich ein. Es war die Duftmischung ihrer liebsten Ayurveda-Räucherstäbchen. Ich schluckte gerührt und strich mit der Hand über ihren Rücken. Ihr seltsamer Kaftan fühlte sich genauso kratzig an, wie er aussah.

Tante Gerti löste sich von mir und studierte eingehend mein Gesicht. »Mein Mädchen …«, hauchte sie bewegt. »Du ahnst gar nicht, wie sehr es mich freut, dich zu sehen.«

Kein Vorwurf kam ihr über die Lippen, weil ich mich so lange nicht gemeldet hatte. Dabei bestand unsere Familie nur noch aus uns beiden. Trotz ihres glücklichen Lächelns erschien mir meine Tante jedoch auch abgekämpft und erschöpft. Allerdings hatte ich sie auch mitten in der Nacht aus dem Bett geholt.

»Du wirkst so unglaublich erwachsen und ernst. Eine Frau mitten im Leben«, stellte sie fest. »Wie lange ist das jetzt her, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben? War das bei Wilhelms Beerdigung?«

Die Beerdigung meines Onkels lag schon weit über zehn Jahre zurück. Sein Verlust schmerzte mich noch immer. Er war ebenfalls Anwalt gewesen, und ich hatte ihn sehr geliebt. Onkel Wilhelm war wie ein Vater für mich gewesen.

»Nein.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ostseefunkeln" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen