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Out of Balance – Kollision

Inhalt

  1. Cover
  2. Out of Balance – Die Serie
  3. Über diese Folge
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1. Das Camp
  8. 2. Der matte Kiesel
  9. 3. Der Orkan
  10. 4. Einer zu wenig
  11. 5. Im Frachter
  12. 6. Khichuri
  13. 7. Schrott
  14. 8. Noch mehr Schrott
  15. 9. Der Professor
  16. 10. Geh weg!
  17. 11. Das vermeintliche Paradies
  18. In der nächsten Folge

Out of Balance – Die Serie

Die Erde in naher Zukunft: Alle Versuche, den Klimawandel aufzuhalten, sind gescheitert. Intensive Sonneneinstrahlung, unreines Wasser, verschmutzte Luft und Hungersnöte sind die Folge.

Um den Hunger zu bekämpfen, entwickeln Biotechnologie-Unternehmen genmodifizierte Nahrungsmittel in eigens dafür gebauten Raumstationen. Es heißt, die Nahrungsmittel sollen allen zugutekommen – klar aber ist, dass nur diejenigen davon profitieren werden, die am besten zahlen: die First Class.

Auf all diesen Raumstationen herrscht die sogenannte Balance-Regel. Schon ein Mensch zu viel sprengt die Kapazitäten. Überzählige werden auf andere Stationen umgesiedelt, wenn es dort Todesfälle gegeben hat – wenn es sein muss auch ohne den Rest der Familie.

Doch nicht alle folgen blind der gegebenen Ordnung: Im Untergrund bilden sich Unruhen, und eine Rebellion gegen das menschenverachtende Regime bahnt sich an …

Über diese Folge

Ein Camp nahe Berlin: Hier sucht die Biotechnologiefirma SpaceSeed neue Feldarbeiter für ihre Raumstation Kopernikus. Um seine Schwester vor der Rekrutierung zu retten, meldet Cap Hallberg sich freiwillig. Doch auf halber Strecke zur Kopernikus geraten er und die zwei anderen Rekruten Michael und Larissa in eine Wolke aus Weltraumschrott, der den Frachter schwer beschädigt und sogar ein Loch in die Außenhülle reißt.

Und während die drei um ihr Leben kämpfen, erwartet Lawrence Huggins den Frachter schon ungeduldig. Der Security Chief der Kopernikus benötigt nicht nur dringend die Rekruten für die Feldarbeit – an Bord des Frachters befindet sich noch eine ganz besondere Ladung. Denn Huggins hat von oberster Stelle einen Auftrag erhalten, der die Zukunft von SpaceSeed für immer ändern soll …

Über die Autorin

Kris Brynn ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die die Wand ihres Kinderzimmers lieber mit Bildern der Mondlandung schmückte, als mit Pferdepostern. Trekkie aus Überzeugung und Autorin aus Leidenschaft. Während des Studiums der Literaturwissenschaften begann sie sich auch durch die klassische Phantastik zu lesen und entwickelte ein Faible für Inselutopien. Ihr Kunstgeschichtsstudium schloss sie mit einer Arbeit ab, die sich mit Filmarchitektur im SF-Genre beschäftigt. Nachdem sie zwei Jahrzehnte für ein internationales Medienunternehmen gearbeitet hat, widmet sie sich jetzt ganz ihren Storys. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart.

1. Das Camp

Wie immer stürzten sie sich auf die Lager, wenn sie in den Slums nichts gefunden hatten.

»Sie kommen!«, schrie Michael von oben. Er saß rittlings auf einer dicken Astgabel, das Fernglas vor den Augen.

Cap schaute hoch und konnte den hageren Körper ihres Spähers gegen das grelle Sonnenlicht kaum ausmachen. Er kniff die Augen leicht zusammen und beschattete sie mit der Hand. »Wie viele?«

Michael strich sich über den Vollbart, und ein Teil des Meerjungfrauentattoos auf seinem Unterarm schob sich unter dem Hemdsärmel hervor. Es sah aus, als kitzele die Flosse die Rinde des Baums. »Es sind zwei«, sagte er schließlich. »Zwei Jeeps.«

»Die waren doch erst letzte Woche da«, brummte Cap mehr zu sich selbst. »Denen muss ja verdammt langweilig sein.«

»Kann das Logo nicht erkennen. Vielleicht ist es CropUniverse. Einer der Typen hat so eine reflektierende Großfressenbrille auf.«

Das war nichts Besonderes, die Männer von der Security hielten sich alle für die Crème da la Crème.

»Jepp!« Michael setzte das Fernglas ab und zurrte das Lederband um seinen Hals zurecht. »Sag den anderen Bescheid. In zehn Minuten sind die Typen im Camp.« Noch während des letzten Satzes schwang er ein Bein über den Ast und begann hinunterzuklettern.

Louis, der bis dahin stumm neben Cap gestanden hatte, unruhig wie ein Jagdhund an der Leine, spurtete los. Cap wartete, bis Michaels Füße den Boden berührten, klopfte ihm auf die Schulter, und gemeinsam rannten sie hinterher.

Einige Alte behaupteten, von hoch oben sähe das Gelände aus wie ein Zirkus. Wäscheleinen als Lampionschnüre und bunte Zelte wie Zuckertüten, die naschhafte Kinder auf den Boden geworfen hätten. Ein gelb-blau-rotes Farbenmeer aus Zeltplanen, manche heil, manche von den Stürmen zerrissen. Und mittendrin die große Kochjurte, das Hauptzelt, in dem Elefanten tanzten und Trapezkünstler durch die Luft segelten.

Cap wusste mit Begriffen wie »Zirkus«, »Zuckertüten« und »Trapez« nichts anzufangen. Die Alten sprachen von einer Zeit lange vor seiner Geburt; in der sie selbst noch nicht gelebt hatten und die sie nur vom Hörensagen kannten. Die Allerältesten unter den Campbewohnern schwärmten von der »Hippie-Atmosphäre«. Auch etwas, was Cap nichts sagte.

Für ihn war das Lager einfach sein Zuhause. In das er hineingeboren worden war, in dem er selbst einen Sohn gezeugt hatte und in dem Sohn und Ehefrau gestorben waren. Er hatte nie ein anderes gehabt.

Michael bog zum Wohnwagen ab, Cap sprang mit Louis über herausragende Heringe, hastete geduckt unter der aufgehängten Wäsche hindurch, und gemeinsam wichen sie geschickt Bewohnern aus, bis sie die Mitte eines großen Platzes erreichten.

In einer einzigen Bewegung riss Louis eine rote Flagge aus der aufgesprungenen, trockenen Erde und schwenkte sie über dem Kopf, während Cap mit einem Kochlöffel auf einen Topf hämmerte, den er sich aus der Jurte geschnappt hatte.

»Hey!«, schrie er. »Macht euch vom Acker! Es ist wieder so weit!«

Köpfe flogen herum. Viele machten ihrem Unmut lautstark mit Stöhnen und Flüchen Luft.

Cap trommelte weiter. »Macht, dass ihr wegkommt!«

»Sie haben’s kapiert.« Die Fahne landete im Dreck, und Louis zerrte an seinem Ärmel. »Wir sind dran.« Er nahm Cap den Topf aus der Hand und drückte ihn einer unschlüssig herumstehenden alten Frau in die Armbeuge, die ihr Haar zu einem grauen Knoten zusammengebunden hatte. »Hier, Lara. Wenn du ihn bitte zurückbringen würdest.«

Sie nickte freundlich.

Sie hatte nichts zu verlieren.

Andere schon.

Cap und Louis stürmten davon.

 

2. Der matte Kiesel

Brigadier Lawrence Huggins beobachtete Nia, deren Augen der blau-braunen Murmel folgten. Abgesehen vom Arboretum im Zentrum der Station, das von einer Panoramakuppel überdacht wurde, hatte man vom Konferenzsaal aus die beste Sicht auf die Erde. Auch wenn der Planet vor Jahren schillernder im Weltall gestrahlt hatte, faszinierte ihn der Anblick jedes Mal aufs Neue.

In Gedanken verglich er das Bild des Planeten mit den Aufnahmen, die die ersten Astronauten einst von ihm gemacht hatten. Bevor aus ihm ein matter Kiesel inmitten der schwarzen, weiten See geworden war.

Über Mitteleuropa zog ein Sturm auf. Nicht ungewöhnlich. Das Wetter machte dort unten, was es wollte. Hier oben hingegen blieb alles ruhig. Zumindest außerhalb von Kopernikus.

»Doktor Patel?«, sprach Mr Hong sie an.

Lawrence konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als Nia bei der Erwähnung ihres Namens leicht zusammenzuckte. Irritiert strich sie sich eine Strähne ihres dichten schwarzen Haars hinters Ohr. Eine Geste, die Lawrence liebte.

Das Haar von indischstämmigen Frauen war bei der First Class für Perücken äußerst beliebt. Wenn Nia die abgeschnittenen Strähnen, die sich jedes Mal auf dem Boden kringelten, nachdem sie beschlossen hatte, sich ein neues Selbst zu verpassen, verkaufen würde, ergäbe das sicherlich kein schlechtes Zubrot.

»Alles gut, Sir«, sagte sie in die Kamera.

Die korrekte Antwort auf alle potenziellen Fragen, die ein Geschäftsführer stellen könnte, dachte Lawrence, und sein Grinsen wurde etwas breiter.

Der ältere Asiate auf dem View Screen an der langen Wand des Konferenzsaals zog die Augenbrauen hoch. Die Zeit hatte ihn um das meiste seines Haars erleichtert, und den übrig gebliebenen Kranz trug er extrem kurz. Miene und Gesten wirkten nonchalant, aber Lawrence wusste, dass dieser Eindruck täuschte. Mr Hong konnte ein Hai im Koibecken sein.

»Es gab also keine auffälligen Krankheitsfälle, die Sie mir melden müssten?«, hakte Hong nach und wischte in einer fahrigen Bewegung eine unsichtbare Faser von seinem Jackett.

»Nein, Sir. Nur die üblichen marginalen Verletzungen, die während der Erntezeit bei einigen Arbeitern auftreten und über die ich schon beim letzten Briefing berichtet hatte. Kleine Schnitte an der Hand. Leichte Verätzungen. Solche Dinge.«

Nia war bei dem Wort »Ernte« leicht ins Stocken geraten. Kein Wunder, denn das sogenannte Feld, auf dem der weiterentwickelte Weizen gezüchtet wurde, ähnelte eher einem Hochregallager.

»Ansonsten: Erkältungen, Magenverstimmungen … das Übliche eben«, fuhr sie fort.

»Keine neuen Schwangerschaften?«

Es sollte wahrscheinlich beiläufig klingen, aber Nias schlanker Körper schien sich bei den Worten zu verkrampfen.

Sie strich vorsichtig mit den Fingern über die glänzende Tischplatte und zeichnete kleine Kreise. Ihre Art, sich zu sammeln, um Ruhe zu bewahren.

»Selbstverständlich nicht, Mister Hong, Sir«, antwortete sie und blickte dem Präsidenten von SpaceSeed dabei fest in die Augen. »Die wöchentlichen Urinuntersuchungen der weiblichen Angestellten wiesen keinerlei hormonelle Abweichungen auf.«

»Die letzten Überzähligen haben wir vor vier Wochen nach Kepler gebracht«, sagte Lawrence neben ihr ein wenig lauter als nötig. Als Security Chief einer Weltraumstation bot es sich an, immer etwas harscher zu sprechen als alle anderen. Auch wenn sein Londoner Akzent dann überdeutlich wurde. »Vier Neugeborene. Das hatte mit einigen« – Lawrence räusperte sich – »nicht fachgerecht durchgeführten Screenings zu tun, die Doktor Patels unzulänglich qualifizierter Vorgänger –«

»Ich erinnere mich nur allzu gut, Brigadier Huggins«, unterbrach ihn Hong barsch. »Und ich hoffe, Sie alle haben nicht vergessen, dass SpaceSeed sich weitere Zwischenfälle, egal welcher Art, nicht leisten kann. Mit der Übernahme der Nachbarstation Kepler haben wir unseren Wirkungskreis erweitert, aber um das führende Biotechnologieunternehmen bleiben zu können, müssen wir die Dinge im Griff behalten. Fest. Wir dürfen uns nicht von CropUniverse abhängen lassen. Die First Class zählt auf uns, und wir brauchen sie ebenso.«

Lawrence verschränkte die Arme vor der Brust. Er ließ sich nicht gern sagen, wie er seinen Job zu machen hatte. Genauso wenig wie er sich von Nia sagen ließ, dass er seine durchgeschwitzten Trainingsklamotten in den Wäscheschlucker werfen und nicht einfach in die Ecke des gemeinsamen Schlafzimmers pfeffern sollte.

Hong bohrte weiter. »Die Plätze, die wir für die neuen Rekruten Ihrer Abteilung frei gehalten haben, sind noch vorhanden, Brigadier? Die haben Sie in Ihre Rechnung mit aufgenommen? Sie wissen, dass ich Sie bei der Rekrutierung, soweit ich kann, unterstütze.«

»Gewiss, Sir. Danke, Sir. Haben wir.«

»Und der Sachverhalt des … momentanen Ungleichgewichts ist nicht bis zu den Arbeitern auf Kopernikus durchgedrungen?«

»Natürlich nicht, Sir«, antwortete er ein wenig zu schnell. »Wir haben die unvorhergesehenen Todesfälle auf Kepler ausgeglichen, so wie es Vorschrift ist – aber von der Vakanz weiterer Plätze hier auf Kopernikus weiß keiner außer den hier Anwesenden.«

Hoffentlich. Lawrence zwang sich, unverkrampft zu wirken. Der Alte konnte einfach keine Ruhe geben. Wenn die Erntehelfer, denen in naher Zukunft eventuell Sterilisationen bevorstünden, erführen, dass die Raumstation nach dem Transport der Säuglinge vier Menschen zu wenig beherbergte, bräche ein Sturm los. Ein Sturm, den die Security, seine Truppe, zu bekämpfen hätte. Aber er musste diese Plätze für die ankommenden Rekruten freihalten. Wenn die Bewohner außerdem erfahren würden, was mit den Säuglingen auf Kepler wirklich geschah … Lawrence wollte sich das nicht vorstellen. Nur er, Hong und die leitende Sicherheitschefin auf Kepler, Liz Kreissler, wussten davon. Und sie sprachen in Anwesenheit der anderen – wenn überhaupt – nur in Chiffren darüber. Äußerst anstrengend, aber eben auch äußerst notwendig.

»Natürlich ist mir das Ableben einiger Bewohner auf Kepler im Gedächtnis geblieben«, sagte Hong. »Ein bedauerlicher Zwischenfall, der uns aber recht gelegen kam, wenn man bedenkt, dass wir auf diese Art den redundanten Nachwuchs losgeworden sind. Auf Kepler gab es Todesfälle durch …?«

»Einen kleineren Unfall in der Kantine der Raumstation«, ergänzte Lawrence geduldig, was ihn enorme Kraft kostete. Am liebsten wäre er aufgesprungen und hätte den Screen mit den Fäusten malträtiert. Das hatten sie doch schon hundertmal durchexerziert! »Die dadurch mangelnde Humanmasse konnte wenige Zeit später durch hier auftretenden Überschuss … durch die Neugeborenen, wollte ich sagen … ausgeglichen werden, wie Sie schon korrekt anmerkten.« Jedoch nur für kurze Zeit. Dann würden sie für die First Class, die in den Großstädten der Erde in ihren großkotzigen Herrenhäusern lebten, zur Adoption bereitstehen. Die sich die Erweiterung ihrer Familien etwas kosten ließen. Weil sie selbst oft nicht in der Lage waren, Nachwuchs zu zeugen. Die Mediziner auf der Erde machten die Enhancements dafür verantwortlich.

Die unsichtbaren Kreise, die Nia auf der Tischplatte zeichnete, wurden größer und unregelmäßiger. Ihre schmalen Finger zitterten vor Zorn, und Lawrence wusste, warum. Sie hasste es, wenn er so sprach. Wenn er einen Aufstand als einen »kleineren Unfall« bezeichnete. Und Menschenleben als »Humanmasse«.

Das Gleichgewicht auf den Raumstationen zu halten wurde jedoch immer schwieriger. Weder Kopernikus noch Kepler waren dafür gemacht worden, eine Kleinstadt zu beherbergen. Regeln waren nötig. Die Menschen begehrten jedoch immer mehr und heftiger gegen diese Regeln auf. Ja, Menschen – nicht »Überschuss«. Das wusste er doch alles. Aber Hong hörte die Wahrheit nicht gern.

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