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Out of Balance – Zusammenbruch

Inhalt

  1. Cover
  2. Out of Balance – Die Serie
  3. Über diese Folge
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1. Funkelnder Teppich
  8. 2. Ebene B
  9. 3. Vergiftung
  10. 4. Ludditen
  11. 5. Entscheidungen
  12. 6. Taking Sides
  13. 7. Bühnenpräsenz
  14. In der nächsten Folge

Out of Balance – Die Serie

Die Erde in naher Zukunft: Alle Versuche, den Klimawandel aufzuhalten, sind gescheitert. Intensive Sonneneinstrahlung, unreines Wasser, verschmutzte Luft und Hungersnöte sind die Folge.

Um den Hunger zu bekämpfen, entwickeln Biotechnologie-Unternehmen genmodifizierte Nahrungsmittel in eigens dafür gebauten Raumstationen. Es heißt, die Nahrungsmittel sollen allen zugutekommen – klar aber ist, dass nur diejenigen davon profitieren werden, die am besten zahlen: die First Class.

Auf all diesen Raumstationen herrscht die sogenannte Balance-Regel. Schon ein Mensch zu viel sprengt die Kapazitäten. Überzählige werden auf andere Stationen umgesiedelt, wenn es dort Todesfälle gegeben hat – wenn es sein muss auch ohne den Rest der Familie.

Doch nicht alle folgen blind der gegebenen Ordnung: Im Untergrund bilden sich Unruhen, und eine Rebellion gegen das menschenverachtende Regime bahnt sich an …

Über diese Folge

Nach der Explosion auf dem Weizenfeld befindet sich die Kopernikus noch immer im Ausnahmezustand: Die Verletzten werden von Dr. Nia Patel versorgt, und Huggins sucht weiterhin fieberhaft nach dem Spion. Außerdem häufen sich nun die Probleme mit Ludd und seinen Anhängern.

Der offizielle Verantwortliche für die Explosion: CropUniverse – ein Konkurrenz-Unternehmen. Doch Cap und Larissa ahnen, dass mehr dahintersteckt. Bevor sie allerdings weitere Details herausfinden können, überschlagen sich die Ereignisse. Plötzlich rasten die Feldarbeiter völlig grundlos aus. Es gibt mehrere Todesfälle. Haben diese Verhaltensstörungen etwas mit dem Unglück auf dem Feld zu tun? Und werden Cap und Larissa die nächsten Opfer?

Über die Autorin

Kris Brynn ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die die Wand ihres Kinderzimmers lieber mit Bildern der Mondlandung schmückte, als mit Pferdepostern. Trekkie aus Überzeugung und Autorin aus Leidenschaft. Während des Studiums der Literaturwissenschaften begann sie sich auch durch die klassische Phantastik zu lesen und entwickelte ein Faible für Inselutopien. Ihr Kunstgeschichtsstudium schloss sie mit einer Arbeit ab, die sich mit Filmarchitektur im SF-Genre beschäftigt. Nachdem sie zwei Jahrzehnte für ein internationales Medienunternehmen gearbeitet hat, widmet sie sich jetzt ganz ihren Storys. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart.

1. Funkelnder Teppich

Lawrence hatte gerade ein weiteres enervierendes Gespräch mit Neu-Peking beendet, als ein Summen an der Tür jemanden ankündigte.

»Herein!«, rief er in freudiger Erwartung, Nia zu sehen. Sie hatten sich am Morgen wie so oft gestritten. Ihre Meinungsverschiedenheiten gehörten inzwischen genauso zum gemeinsamen Tagesablauf wie das schweigsam eingenommene Abendessen oder die Nächte, die jeder auf der eigenen Bettseite verbrachte. Sie bat ihn morgens nicht mehr, ihr Parfum für den Tag auszusuchen, sondern achtete darauf, vor ihm aufzustehen und das Quartier zu verlassen. Sie verbrachte mehr Zeit auf der Krankenstation als Kommandantin Beljajew auf der Brücke.

Vielleicht wollte sie jetzt eine Aussöhnung?

Zu Lawrence’ Unmut schob sich ein beleibter Mann im roten Stationsoverall und mit ungekämmten Haaren in den Raum.

»Was machen Sie hier, Ludd?«, blaffte der Brigadier. »Hat Ihre Schicht nicht längst begonnen?«

»Professor Ludd, wenn ich bitten darf. Und nein – ich habe noch Zeit genug, um eine Beanstandung vorzubringen.«

Lawrence’ Mund verzog sich zu einem gehässigen Lächeln. Er wusste, was jetzt kommen würde. »In der Tat? Formulieren Sie diese bitte schriftlich.« Er stand auf, wollte durch die Tür treten und Ludd dabei in den Korridor zurückdrängen, aber der Professor versperrte ihm den Weg.

»Abgesehen davon, dass Sie schon wieder ein kleines Kind aus den Händen seiner rechtmäßigen Eltern gerissen haben – ein Vorgehen, das ich zutiefst verabscheue –, besitzen Sie nicht die Handhabe, ich wiederhole, nicht die Handhabe, unsere persönliche Kommunikation, sowohl untereinander als auch mit Familien und Freunden, zu speichern und zu durchsuchen.«

Er hatte richtig vermutet, es ging um die vor einigen Tagen angekündigte Maßnahme. »Zuerst: Ihnen ist gegenwärtig, dass mit Kepler ein intensiver Personentransfer läuft? Arbeitskräfte, die uns beim Neuaufbau des Felds helfen, im Tausch gegen den Nachwuchs von Paaren, die den Bogen ihrer Fruchtbarkeitsriten überspannt haben? Und Ihnen ist außerdem bewusst, dass wir durch das Vorgehen der Kommunikationsüberwachung versuchen, dem Attentäter auf die Spur zu kommen?«, fragte Lawrence sarkastisch.

Ludd plusterte sich auf wie ein Gockel. »Machen Sie sich nicht lächerlich! Sie wissen genauso gut wie ich, dass der Attentäter längst nicht mehr auf der Station ist. Wer wäre dermaßen verblödet, sich noch hier aufzuhalten, nachdem er den Auftrag ausgeführt hat? Piloten, Frachtarbeiter … alle Personen mit zeitlich begrenzten Aufenthalten auf der Station kämen infrage. Diese weit hergeholte Begründung ist ein Vorwand für Ihr impertinentes Prozedere. Und ich wiederhole: Sie haben dazu kein Recht.«

Lawrence richtete sich zu seiner vollen Größe auf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Nein?«

Der Professor ließ sich von der muskulösen Gestalt des Security Chiefs nicht beeindrucken. »Nein!«

»Sie haben nicht den Eindruck, dass Sie eventuell falsch informiert sind, Ludd?«

»Professor Ludd. Und ich bin richtig informiert. Auch in einer bedrohlichen Situation, in der wir uns – zumindest Ihrer Meinung nach – momentan befinden, ginge Ihre Befugnis nicht so weit.« Der Professor wich nicht zurück, weder äußerlich noch innerlich. »Selbst wenn eine Anordnung der Geschäftsleitung vorläge, fehlt Ihnen in dieser Sache der Rückhalt der Nördlichen Hemisphäre. Ihr Vorgehen widerspricht evident den Persönlichkeitsrechten, die uns zustehen.«

Lawrence lachte lustlos und fühlte Ärger in sich aufsteigen. »Sie sind amüsant, Ludd. Wollen Sie sich nicht im Pub vorstellen? Uns fehlt noch ein Stand-up-Comedian.«

»Es heißt Professor Ludd. Und ich möchte«, postulierte er nun um einiges lauter als zuvor, »nachdem ich Ihnen verbal angekündigt habe, dass wir mit diesem Prozedere nicht d’accord gehen, in aller Förmlichkeit mitteilen, dass wir gedenken, Ihnen die Stirn zu bieten.«

»Wie ich schon sagte, Sie sind eine echt komische Nummer«, entgegnete Lawrence, dem es große Mühe bereitete, ruhig zu bleiben. Sein Londoner Akzent kam durch, und er konzentrierte sich auf die nächsten Worte. »Darf ich mich höflich erkundigen, wie die Umsetzung dieses Trutzes aussehen wird? Die Bühne gehört ganz Ihnen. Für fünf Minuten, ich habe einen Termin.«

Ludd schien nicht zu merken, dass ihn der Brigadier verhöhnte. »Wir streiken.«

Lawrence prustete. »Ohne Witz?« Das war lächerlich.

»Etliche Männer und Frauen auf dieser Station stehen hinter mir. Etliche!« Ludds Gesichtsfarbe nahm eine ungesunde Röte an. »Wir werden dies mit finsterer Entschlossenheit in die Tat umsetzen!«

»Nun, Mister Ludd«, Lawrence betonte die Anrede überdeutlich. »Dann wünsche ich Ihnen viel Vergnügen. Ich kann Ihnen jetzt schon mitteilen, dass ich mich amüsieren werde. Sie entschuldigen mich nun? Ich habe zu tun.« Mit diesen Worten schob er den Professor auf den Flur und verschloss die Bürotür mit dem Abdruck seines Daumens. Bemüht, sich seine Wut nicht anmerken zu lassen, bummelte er herausfordernd langsam den Korridor entlang.

Ein Streik! Katastrophe! Er brauchte einen Vertrauenspartner auf der Station. Dringend. Das Attentat, durchgeknallte Arbeiter, ein Spion der NH und jetzt noch Arbeitsniederlegung: Das konnte er alles nicht mehr allein bewältigen.

*

Cap atmete schwer und starrte in die Sterne. Funkelnde Flusen in einem schwarzen Teppich. Manche strahlten heller als andere, manche erschienen größer. Insgeheim hatte er befürchtet, ihm könne schlecht werden, ihm könne der Verlust von oben und unten auf den Magen schlagen, aber nun fühlte er sich fast glücklich. Trotzdem würde er diese bodenständige Art zu denken nie aufgeben können. Oben und unten. Hinten und vorn. Die Erde war seine Heimat. Egal wie unwirtlich sie war. Für das All fühlte er sich einfach nicht geschaffen. Jetzt und hier vergaß er jedoch den Mist, der auf Kopernikus geschah –wenn auch nur für ein paar Stunden.

»Alles okay?«, fragte der Pilot des Shuttles.

»Was?«

»Sie haben geseufzt. Klang irgendwie … merkwürdig.« Er lachte, und sein blonder Walrossschnurrbart, der ihm bis zu den Mundwinkeln reichte, zitterte wie eine behaarte Raupe.

»Ist ’ne Weile her, seit ich das letzte Mal …« Cap suchte nach dem richtigen Wort, aber ihm wollte keines einfallen, und so beendete er den Satz mit: »… hier draußen war.«

»Und die Erfahrung gehört nicht zu Ihren glücklichsten, nach allem, was man sich erzählt.«

»Man erzählt sich was über mich?« Cap zog die Augenbrauen hoch.

»Na ja, Weltraumschrott auf der Route spricht sich unter Piloten rum.« Die Raupe zitterte erneut. »Aber keine Panik. Alles sauber hier.«

Das hatte Jack Kramer, der Pilot des Raumers, der Cap, Larissa und Michael nach Kopernikus gebracht hatte, sicher auch gedacht.

»Kein schlechter Ausblick hier, was?«, sagte der Pilot.

»Kann man sich dran gewöhnen«, stimmte Cap zu. »Allerdings reicht es mir, wenn wir geradeaus fliegen. Keine abrupten Schwenks, bitte.«

Der Pilot lachte. »Abrupt geht hier gar nichts, Mister Hallberg. Wir sitzen nicht in einem Achterbahnwaggon.« Er griff nach einem Becher in einem provisorisch montierten Halter neben seinem Sitz. »Kein Alkohol«, betonte er bei Caps argwöhnischem Blick. »Labberige Weizenmilch. Gibt es fassweise auf den Stationen und ist das Einzige, was sie ohne großes Geschrei für die Fahrten rausrücken. Zumindest verdurstet man nicht auf den Flügen.«

»Welche Stationen fliegen Sie noch an, außer Kopernikus und Kepler?«

»Keine mehr. Nur die langweilige Erde, die allerdings mit dem Raumer. Fracht und so weiter. Ersatzteile, Verpflegung, Passagiere. Na, Sie kennen das ja jetzt auch.« Er gluckste und stellte den Becher zurück. »Muss ja ein Höllenritt gewesen sein, den Sie da absolviert haben.«

Cap verspürte einen Stich und wechselte das Thema. »Wie geht’s da unten?«

»Auf der Erde?« Der Pilot schüttelte den Kopf. »Kriege ich nicht mit. Bin ständig unterwegs. Weiter als zur Koordinationsstelle komme ich nicht. Muss ich aber auch nicht. Ist halt immer noch trocken und staubig.« Er fuhr sich über die Lippen, als ob ihn allein der Gedanke an die Temperaturen auf der Erde durstig machte. »Hier oben gefällt’s mir eindeutig besser. Wollte nicht da unten leben. Wollte ich nicht«, murmelte er.

Einige Sterne explodieren, andere werden neu geboren, fuhr es Cap durch den Kopf. Schwarze Löcher verschlingen alles, was ihnen zu nahe kommt, und trudelnder Weltraumschrott kann die Außenhülle der Frachter beschädigen. So viel weniger gefährlich war es im All seiner Meinung nach nicht. Auch hier mochte einen der Tod erwischen. Und zwar schneller, als man bis drei zählen konnte.

Sternenklare Nächte jedoch waren in seiner Heimat eine Kostbarkeit. Es gab gewiss Kinder, die noch nie mit dem Finger gen Himmel gedeutet und ihre Eltern gefragt hatten, was denn da oben blinke und funkele. Der Kosmos war schön und erhaben, daran gab es keinen Zweifel. Aber auf dem ehemals Blauen Planeten bekam das fast niemand mit. Auch Cap hatte den Sternenhimmel vor seinem Abflug noch nie gesehen – weswegen das Bild der Unendlichkeit ihm fast die Tränen in die Augen trieb. Dennoch fehlten ihm die Farben. Die Farben der Erde.

»Bäume sind auch ganz hübsch«, sagte Cap abwesend.

»Was?«

»Bäume. Tut mir leid, ich war in Gedanken. Sie sprachen über den Ausblick hier.«

»Ah. Bäume. Ja. Da gibt es noch ein paar, habe ich gehört. Sie sind also aus den Camps und nicht freiwillig hier.« Es war eine Feststellung.

Cap nickte, obwohl der letzte Aspekt nicht ganz der Wahrheit entsprach.

»Und wie ist es da, in den Camps?«

»Heiß, wie überall.«

»Und sonst?«

»Staubig.«

Der Pilot zog amüsiert einen Mundwinkel hoch. »Sag ich doch. Will nicht da unten leben.«

Das Shuttle zog nach links oder rechts oder backbord oder steuerbord – Caps Magen machte einen kleinen Hüpfer, spontan wurde ihm übel –, und dann kam die glänzende Hülle von Kepler in Sicht. Wie ein beleuchteter gigantischer Pilz schwebte die Station im Schwarz des Alls.

Zischend stieß Cap Luft aus. Den Anflug auf Kopernikus vor einigen Wochen hatte er verpasst, da er damit beschäftigt gewesen war, nicht in den Frachtraum zu kotzen und Michael das Leben zu retten. Außerdem waren seine Eier Gefahr gelaufen, durch das Leck im Raumer ins Vakuum gesogen zu werden, wie Fenna es nach seiner Ankunft so treffend formuliert hatte.

»Effektvoll, nicht?«, fragte der Pilot, wartete jedoch nicht auf eine Antwort. »Sie hatten ja bis jetzt nicht das Vergnügen, Kopernikus von außen zu sehen. Ja, das kann einen schon kurz aus der Fassung bringen. Und der Luxus … Aber das ist für Sie inzwischen nichts Neues mehr, was? Teppiche. Sitzgruppen. Heiße Duschen. Auch für uns Piloten. Tolle Bars. Die Qualität der Spirituosen ist bombastisch. Ich weiß, wovon ich spreche, schließlich bin ich einer von denen, die das Zeug anliefern. Und auch die restlichen Bedürfnisse –« Wieder kicherte er. »Na, ich muss Ihnen davon auch nichts erzählen. Sie kennen ja die Station mit all ihren Vorzügen. Ich meine, wenn man bedenkt, was vor hundert Jahren alles im All herumgetrudelt ist: Saljut 7, MIR, die ISS, die NHSS. Keine Schwerkraft, minimale Grundfläche – zumindest verglichen mit heute –, Krebs durch kosmische Strahlung, keinerlei Luxus. Grundgütiger!« Nicht einer der Namen sagte Cap irgendetwas, aber er hatte keine Chance einzuhaken; der Pilot schwafelte selbstvergessen weiter. »Ist nicht schade um die alten Blechdosen.

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