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Purpurumhang

Vorwort

Sind Psychotherapeuten und -therapeutinnen auch Menschen. Ich meine, ja!

Leiden sie auch an Depressionen? Trinken sie manchmal zu viel Alkohol? Können sie Leistungsdefizite haben? Eine Rechtschreib- oder Rechenschwäche? Eine Bindungsstörung? Sind sie vielleicht sogar unfähig, eine Liebesbeziehung einzugehen. Leiden sie unter Ängsten, wie Klaustrophobie, Akrophobie oder Arachnophobie? Können sie ein zwanghaftes Verhalten entwickeln und sich beispielsweise ständig ihre Hände waschen?

Psychotherapeuten und -therapeutinnen sitzen auf ihren Sesseln, schauen ihre Patienten und Patientinnen an, als wüssten sie eine Lösung. Aber wissen sie wirklich eine Lösung für sie – oder für sich selbst? Nicht immer.

Leider führen im Heilberuf tätige Menschen die Spitze der Berufsgruppen an, die eine hohe Selbstmordrate aufweisen.

Doch es gibt ein Geheimnis, das nicht nur für Psychotherapeuten und -therapeutinnen gilt, sondern für alle Menschen.

Wenn sich eine Person ihrer eigenen Schwächen bewusst ist und aus vollem Herzen ihr Verhalten verändern will, dann schafft sie es.

Denn Menschen verfügen über Selbstheilungskräfte.

Vielleicht ist das die wahrhaftige Aufgabe der Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen, ihre Patienten und Patientinnen dabei zu unterstützen, ihre selbstheilenden Kräfte in sich zu aktivieren, sodass sie wieder an sich glauben können und Hoffnung schöpfen.

Dies zeigt uns die Geschichte der Menschheit ständig: Menschen haben sich im Glauben an eine bessere Zukunft nach Kriegen und Katastrophen verändert und einen Neuanfang geschafft. Wir müssen nur genau hinschauen.

Tartana Baqué

Bin ich ein schlechter Mensch,
weil ich mich in einen anderen Mann verliebt habe?

Nein.
Nur wenn du selbst denkst, dass es schlecht sei, ist es schlecht.

Denn die Liebe ist rein. Sie gibt und nimmt ohne Bewertung in Achtung und Respekt.

Prolog

„Here is Delta Lima Charly. Málaga, we are clear for landing. Roger.”

„Delta Lima Charly established ILS 12. Clear to land runway 12, wind calm. Roger.“

Conte Giovanni de Orsini landet seine Citation, die im Licht der spanischen Sonne, wie ein Vogel glänzt. Er folgt dem Marshaller mit seinem Flugzeug zu seiner Außenposition auf dem Verkehrsflughafen von Málaga. Antonio sein Fahrer erwartet ihn.

„Wollen Sie direkt ins Hotel?“, fragt er und verstaut das Gepäck in den Kofferraum des Mercedes.

„Si, si Antonio. Direkt ins Los Almendros. Ich bleibe für zwei Tage. Ich muss das Treffen des Clubs vorbereiten.“ Conte Giovanni de Orsini zieht seinen Blazer aus und lockert die Krawatte. „Verdammt heiß hier in Málaga.“

Im Hotel begrüßt die Rezeptionistin ihn herzlich. Er ist hier Stammgast. Zielsicher wendet er sich zu den Aufzügen und fährt in den vierten Stock in seine Suite. Es ist halb 10 als er die Treppen zum Restaurant Los Olivos hinuntereilt.

Kurz vor der letzten Stufe gerät eine unmittelbar vor ihm laufende schwarzhaarige Frau ins Stolpern. Reaktionsschnell packt er zu und kann sie noch rechtzeitig vor einem Sturz bewahren.

Grüne Augen blicken ihn erschrocken an. Laut hört er ihren Herzschlag, fühlt ihn an seiner Brust. Für einen Moment steht die Welt still.

Leise flüstert sie „Gracias“ mit deutschem Akzent.

„De nada“, antwortet er und eilt davon.

Das Los Olivos ist trotz der späten Uhrzeit gut besucht. Mehrere Frauen heben ihren Kopf, als er das Restaurant betritt und dem Kellner zuwinkt. Mit seinen ein Meter neunzig ist er es gewohnt, aufzufallen. Seine stahlblauen Augen in seinem braungebrannten Gesicht erfassen die vollbesetzten Tische.

Der Kellner eilt herbei und weist ihm einen Tisch auf der Terrasse in der hinteren Ecke zu. So mag er es gerne. Dicht genug, um alles zu beobachten, weit genug weg, um nicht gesehen zu werden.

Er streicht sich durch sein kurzes, leicht ergrautes Haar und folgt dem Kellner. Auf seinem Stuhl setzt er sich bequem hin und streckt seine langen Beine aus. Ein Blick in die Karte genügt ihm.

„Ich nehme wie üblich das Steak rare und einen gemischten Salat. Bitte bringen Sie mir eine Flasche Medoc, den 88er“, bestellt er in perfektem Spanisch mit einem italienischen Akzent.

Dann schaut er sich um und bemerkt die Schwarzhaarige von vorhin. Sie nimmt an einem Ecktisch vor ihm Platz. Nach einer Weile kommt sie mit einer älteren Frau, die am Nebentisch sitzt, ins Gespräch.

Erstaunt hebt er seinen Kopf, als er die Wortfetzen „Roulette, Spiel und Verlust“ hört. Vorsichtig rückt er seinen Stuhl etwas vor, um mehr zu verstehen. Die Unbekannte spricht so laut, dass er ihre Erzählung problemlos genau verfolgen kann. Immer wieder fährt sie sich mit den Händen durch ihr Haar und zupft an ihrem weißen Kleid herum. Er kann ihr Gesicht nicht sehen, da sie mit dem Rücken zu ihm sitzt, aber er spürt, wie emotional sie ist. Konzentriert verfolgt er das Gespräch und macht sich Notizen.

Julia Bergheimer heißt sie, eine Psychotherapeutin aus Deutschland.

Sein Steak ist kalt, als er mit dem Essen fertig ist. Er steckt sein Notizbuch weg.

Julia Bergheimer hat ihn auf eine Idee gebracht.

Vor zehn Jahren gründeten er und sein Bruder Emilio mit drei weiteren Freunden den CLUB ONE, einen exklusiven Wohltätigkeitsverein mit einer begrenzten Anzahl von Mitgliedern. Manche von ihnen frönen im Geheimen ihren sexuellen Vorlieben. Damit die Anonymität der Personen geschützt bleibt, treffen sich die Mitglieder stets vermummt und kommunizieren mittels Sprachverzerrers.

Conte Giovanni de Orsini wird beim nächsten Clubmeeting Julia Bergheimer als Therapeutin und Coach für seine Mitglieder vorschlagen. Er ist in diesem Moment überzeugt, dass sie als Fachfrau ihm und auch den anderen bei psychischen Problemen helfen kann. Auch ist er sich sicher, dass sie kein Problem mit der Schweigepflicht haben wird. Und erst recht wird sie aufgrund ihrer eigenen prekären Situation das Arbeitsangebot des Clubs gewiss nicht ausschlagen können.

Er schiebt seinen Stuhl beiseite, um aufzustehen. Plötzlich bleibt er mit einem Fuß hängen. Ein schepperndes Geräusch ertönt, und die beiden Frauen drehen sich zu ihm um.

Im Schein der Tischkerze blickt er in Julia Bergheimers erschrocken aufgerissene Augen. Sie erkennt ihn sofort und lächelt ihn an. Sein Herz klopft unwillkürlich schneller. Kurz nickt er ihr zu und verlässt mit schnellen Schritten das Restaurant.

Ist es Zufall, dass er diese Fremde schon zweimal getroffen hat? Er schüttelt leicht seinen Kopf, als er seine Suite aufschließt. Sein letzter Kontakt mit einer Spanierin, reicht ihm. Er hat keine Zeit für Frauengeschichten.

1

„Und ich werde jetzt von 10 rückwärts bis 1 zählen. Mit jeder Zahl, die ich zähle, spürst du, wie Energie und Kraft durch deinen Körper fließen. Du wirst wacher und wacher. Alles, was dein Unterbewusstsein nicht erinnern möchte, wirst du vergessen. Voller Zuversicht wirst du diese Woche all die Dinge verwirklichen, so wie du es dir vorgestellt hast.“

Ich beobachte, wie Evas Brust sich langsam hebt und senkt und fahre weiter fort: „Wenn ich die Zahl 1 sage, dann öffnest du deine Augen und fühlst dich frisch und klar, als hättest du einen tiefen Schlaf getan, aus dem du nun erwachst.“

Eva atmet ein. Und ich spreche weiter: „Und jetzt beginne ich zu zählen: 10…9…8…7…6…“, nun hebe ich meine Stimme „5…4…3…2…“, und sage laut: „1.“

Langsam öffnet sie ihre Augen.

„Bleib noch liegen. Komm‘ erst zu dir.“

Eva streckt sich und schaut mich an. „Wie lange habe ich geschlafen?“

Ich blicke auf meine Uhr. „Fünfundzwanzig Minuten. Und, wie fühlst du dich?“

„Noch benommen.“ Sie stellt ein Bein nach dem anderen auf den Boden und setzt sich aufrecht hin. „Das war irre. Ich fühle mich zwar komisch, aber irgendwie befreiter.“

„So soll die Hypnose wirken.“ Ich nehme ein Übungsblatt vom Schreibtisch und gebe es ihr.

„Übe dein Ich-Stabilisierendes Selbstsicherheits- und Entspannungs-Training zu Hause. Mit der heutigen Hypnose habe ich das I.S.T. mental verstärkt. Du wirst dich ab sofort besser konzentrieren können. Auch kannst du jetzt intensiver lernen und alles Gelernte behalten.“

„Danke.“ Eva nimmt das Blatt und legt es in ihren Schnellhefter. „Steht unser nächster Termin?“

„Klar, wie immer sehen wir uns nächste Woche.“

Ich erhebe mich vom Schreibtischsessel und begleite sie zum Praxisausgang. An der Eingangstüre bleibt Eva stehen.

„Lass dich umarmen“, sage ich, weil ich weiß, dass sie darauf wartet.

Viele meiner Jugendlichen wollen umarmt werden. Ich habe das Gefühl, als ob es in den Familien weniger Körperkontakt gibt und die Jugendlichen darum meine Nähe brauchen. Dabei ist es wissenschaftlich bewiesen, dass Körperkontakt für Menschen lebenswichtig ist.

Zu Beginn unserer Therapie reagierte Eva stocksteif auf meine vorsichtigen Berührungen an ihrem Arm. Heute geht sie erst aus der Praxis, wenn ich sie umarmt habe.

„Ich bin mir sicher, dass du deine Prüfung am Montag schaffen wirst“, sage ich.

Für einen Moment spüre ich, wie sie sich an mich lehnt. Ich halte sie fest.

„Du kannst das“, flüstere ich ihr ins Ohr.

„Danke, Frau Bergheimer. Ich schreibe Ihnen eine WhatsApp, wie die Prüfung gelaufen ist.“

„Mach das. Wir sehen uns dann nächste Woche Freitag, um die gleiche Zeit.“

Die Praxistür fällt ins Schloss. Feierabend.

Ich falte die Decke auf dem Sofa zusammen. Drapiere die Kissen wie gewöhnlich; die zwei weißen Kissen kommen nach außen und die beiden gelben nach innen.

Es ist ein warmer Frühlingstag, und die Sonne erhellt meinen Praxisraum. Ich stecke meinen Kuli zu den anderen, die sich auf meinem Schreibtisch in dem schwarzen Becher angesammelt haben. Evas Akte verstaue ich im Sicherheitsschrank und schließe ihn ab. Ich drücke den Schalter, und die Rollos an beiden Praxisfenstern fahren herunter. Den Computer und den Drucker in meinem Büro schalte ich aus. Wie üblich ziehe ich die Stecker, weil die Geräte auch im Standby Strom verbrauchen. Mein Sohn Georg nervte mich früher damit. Und jetzt, wo er nicht mehr zu Hause wohnt, befolge ich brav seine Anweisungen und schalte alle elektronischen Geräte aus.

Ich bin froh, dass ich Peter überreden konnte, die Einliegerwohnung für meine Praxis zu nutzen. Wir bauten sie für Georg damals an. Aber nach seinem Abitur entschied er sich, in Berlin Medizin zu studieren. Vielleicht übernimmt er die internistische Praxis von seinem Vater. Es versetzte mir einen Stich, als Georg von seinen Zukunftsplänen erzählte. Ich dachte immer, dass er Psychotherapeut werden würde, denn er hatte mir als Sechzehnjähriger begeistert bei den Testauswertungen geholfen.

Über den Flur nehme ich den privaten Ausgang, um in unsere Wohnung zu gelangen. Angenehm kühl ist es in der Villa. Sie entstand in den Dreißigerjahren. Peter und ich sind stolz auf unsere Bauhausvilla, die wir vor zwanzig Jahren in Köln-Marienburg erworben haben.

Während in der Mikrowelle meine Lasagne vor sich hin brutzelt, überprüfe ich meine Handtasche: Autoschlüssel, Fahrzeugpapiere, Visakarten, Portemonnaie und Haustürschlüssel. Den kleinen Reisekoffer habe ich schon gestern Abend gepackt.

Mein rechtes Augenlid zuckt leicht. Ein Zeichen, dass ich angespannt bin. Nur nicht nervös werden. Ich brauche meine Konzentration.

Ende Mai, und ich will das Wochenende nutzen, um meine finanziellen Sorgen loszuwerden. Endlich werde ich Peter beweisen, dass ich eine brillante Taktikerin bin, die genau weiß, was sie tut. Wie oft hat er mir vorgeworfen, dass ich unser Geld verspiele.

Ich muss lächeln bei der Vorstellung, wie ich ihm meinen Gewinn auf den Tisch blättern werde. Ich weiß genau, wie ich diesmal vorgehen muss. Akribisch habe ich wochenlang die sechsunddreißig Roulette-Zahlen in meiner Kladde notiert. Jeweils zwölf Zahlen unter der Nummer 1, der Nummer 2 und der Nummer 3. Jede Reihe bildet eine Kolonne. Während meines Psychologiestudiums hatte ich vier Semester Statistik belegt und mich intensiv mit der Wahrscheinlichkeitstheorie beschäftigt. Ich bin mir absolut sicher, dass ich alles richtig berechnet habe.

Mein Handy klingelt.

„Hallo Lisa.“

„Hallo Julia, wie geht‘s? Alles gepackt?“

„Ja. Ich esse noch schnell einen Happen, und dann fahre ich los. Schade, dass du nicht mitkommst.“

„Finde ich auch. Aber meiner Mutter geht es immer noch nicht so gut.“

„Sag ihr gute Besserung von mir. Vielleicht fährst du das nächste Mal nach Bad Neuenahr mit. Ich würde mich freuen.“

„Ich denke auch, dass es dann klappen wird.“

„Du fehlst mir, Lisa. Wirklich. Mit niemandem habe ich so viel Spaß wie mit dir.“

„Geht mir genauso. Genieße jetzt dein Wochenende. Geh in die Sauna, und lass dich verwöhnen. Du kannst dringend etwas Entspannung gebrauchen. Vielleicht liest du auch mal ein Buch, anstatt nur Fachliteratur. Und … Julia … bleib vom Roulette-Tisch weg. Du hast in der letzten Zeit einfach kein Glück.“

„Ich passe auf! Mach dir keine Sorgen“, beschwichtige ich sie.

Mir ist der Gedanke unangenehm, wie viel Geld ich ihr schulde. Von meinem Plan erzähle ich ihr nichts. Sie würde ihn mir nur ausreden wollen.

Als Informatikerin denkt sie so schrecklich logisch. Von meinen Berechnungen und strategischen Spielzügen hält sie absolut nichts.

Doch ich habe selbst mehrfach erlebt, wie ich mit kleineren Einsätzen und meiner Spieltechnik gewonnen habe. Ich darf mich nur nicht ablenken lassen, keine anderen Spielzüge zwischendurch machen und ganz wichtig: Ich muss früh genug nach einem Gewinn den Spielsaal verlassen.

Ich verstaue den Koffer in meinem Mercedes Cabrio. Mit einem leisen Brummton verschwindet das Verdeck in den Kofferraum. Mein knatschrotes Auto war immer mein Kindheitstraum gewesen. Vor fünf Jahren hatte ich es kaum fassen können, als ich ihn als Jahreswagen ergattern konnte.

Laut drehe ich die Musik im Autoradio auf, fahre unsere Auffahrt runter und biege rechts auf die Maiglöckchenstraße ab. Sarah Conner singt gerade ihren neuen Song „Vincent“. Ganz schön mutig, überlege ich, während ich den Text mitsinge: „Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt. “

Aber was passiert mit allen kleinen Jungen, die Vincent heißen? Ich höre schon die Eltern, die sich bei mir melden, weil ihr Kind in der Schule gemobbt wird.

Aber hat im Leben nicht alles immer positive wie auch negative Auswirkungen?

Zum Beispiel die Erfindung des Autos: Sie ist gut, weil wir mit Fahrzeugen große Entfernungen überwinden können. Sie ist schlecht, weil die Autoabgase unsere Luft verpesten und Menschen durch Verkehrsunfälle sterben.

Oder die Atomkraft: Sie ist gut, weil wir damit sehr viel Energie und Strom erzeugen. Sie ist schlecht, weil diese Kraft Städte, wie z. B. Osaka, ausrotten kann. Auch bei natürlichen Dingen wie unserer Nahrung, egal ob man Fleisch, Süßigkeiten oder Gemüse nimmt. Auch hier gilt: Es ist gut, was wir essen, weil wir ohne Nahrung nicht leben können. Aber sie ist ebenso schlecht, weil wir dadurch auch Allergien entwickeln könnten oder zu dick werden.

Bei Köln-Rodenkirchen geht‘s auf die Autobahn. Der Fahrtwind zerzaust mein Haar, und die Sonne scheint mir ins Gesicht.

Okay, ich gebe es zu: Ich fühle mich wie die Hauptdarstellerin in einem Rosamunde Pilcher-Film. Ich erfülle das absolute Klischee! In ihren Filmen fahren alle Hauptdarsteller ein Cabrio.

Ich drehe das Radio leiser.

Auch wenn es mir davor graut, aber ich muss Peter anrufen, denn wir hatten abgesprochen, dass ich heute für ihn die Praxisabrechnung mache.

Ich klicke seinen Namen auf der automatischen Wahlwiederholung in meinem Auto an.

„Julia? Was gibt‘s?“, höre ich seine Stimme, die seltsam angespannt wirkt.

„Sorry, Peter. Nur ganz kurz. Ich bin auf dem Wege nach Bad Neuenahr. Ich habe die Gemüsesuppe in den Kühlschrank gestellt. Frisches Baguette ist auch da. Sonntagmittag bin ich wieder zurück.“

„Wie stellst du dir das vor? Du weißt doch, dass du am Monatsende die Abrechnung für meine Privatpatienten machen musst.“

„Ja, ja. Mach kein Drama. Ich habe mir den Sonntagnachmittag dafür freigehalten.“

„Fährt Lisa mit? Oder spielst du wieder?“

Ich höre seinen typischen Zischlaut. Er entsteht, wenn Peter die Luft zwischen seinen Zähnen rauspresst.

„Du weißt, dass ich absolut gegen deine Spielerei bin. Von mir bekommst du keinen Cent mehr. Und deine Mutter hat angedeutet, dass du dir Geld von ihr geliehen hast.“

„Spiel du mal schön weiter Golf “, falle ich ihm ins Wort. „Wir können ja mal die Kosten gegenrechnen. Gerade wurde der Jahresbeitrag deines Luxusvereins erhöht. Wenn ich mir mal eine Auszeit in den Ahr-Thermen nehme, brauchst du nicht gleich los zu meckern.“

„Julia, lenk nicht ab. Du bist fast jedes Wochenende weg.“

„Und du?“ Ich stocke und meine Worte kommen kurz. „Du, du bist den ganzen Mittwochnachmittag und Freitag ab 4: 00 Uhr auf dem Golfplatz. Ich sitze ich am Wochenende allein zu Hause rum oder arbeite. Auch noch für dich.“

„Ich will jetzt nicht mit dir diskutieren.“ Seine Stimme wird schärfer. „Wenn du deine Pflichten als Ehefrau erfüllen würdest, wäre ich auch öfter zu Hause. Mit deiner Gefühlskälte jagst du mich aus dem Haus.“

Ich schlucke.

„Du brauchst mich jetzt nicht fertigzumachen“, brülle ich los. Tränen steigen mir in die Augen, fest umklammere ich das Lenkrad. „Ich habe dir immer den Rücken freigehalten. Wer macht dir denn jeden Monat die Abrechnung?“

Ich höre sein Schnaufen, und bevor er mich anschnauzen kann, sage ich schnell: „Peter, ich bin jetzt im Auto. Ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren. Ciao.“

Abrupt drücke ich die Telefontaste am Lenkrad.

Es ist immer dasselbe. Wieso habe ich ihn überhaupt angerufen?

Mist, jetzt heule ich wieder. Wieso lasse ich mich von ihm in die Enge treiben?

Nach vierundzwanzig Ehejahren sollte ich doch darüberstehen. Und ich, dumme Kuh, mache ihm noch an meinem freien Sonntag die Abrechnung. Es ist seine Praxis und nicht meine.

Wütend auf mich und auf ihn trete ich mit aller Wucht auf das Gaspedal. Der Mercedes macht einen Satz. Der Tacho zeigt hundertsechzig Stundenkilometer. Die Autobahn ist frei. Leitplanken, Bäume und Sträucher fliegen an mir vorbei. Der Fahrtwind lässt meinen Wagen erzittern. Ich nehme den Fuß vom Gas und fahre diszipliniert die letzten zwanzig Kilometer nach Neuenahr. Mit Schwung fahre ich auf den Vorplatz des Spielcasinos. Gerade fährt ein gelber Porsche weg, und ich kann direkt vor dem Eingang parken. Die Parkgebühren habe ich schon mal gespart. Ins Hotel checke ich später ein. Vielleicht kann ich mir heute die Suite leisten, und nicht, wie sonst, das einfache Einzelzimmer.

Im Rückspiegel überprüfe ich mein Aussehen. Ich ziehe meine Lippen nach und kämme mir die zerzausten Haare glatt. Lisa hatte mir vorgeschlagen, dass ich meine Haare schwarz färben soll. Aber ehrlich gesagt, bin ich zu faul dazu. Wenn man erst mit dem Färben anfängt, dann muss man dranbleiben. Die paar grauen Haare und die paar weißen Haare an meinen Schläfen finde ich noch nicht so schlimm. Ich schüttle den Kopf und mein schulterlanges Haar fällt mir locker auf die Schultern. Fertig. Ich bin bereit für meinen großen Auftritt.

Das Jugendstil-Casino mit seinen Türmchen mag auf manche Menschen kitschig wirken, doch ich finde es wunderschön. Immer, wenn ich die große Freitreppe heraufschreite und durch die Eingangstüre das Spielcasino betrete, fühle ich mich wie in einer Märchenwelt.

Lisa und ich fahren seit zwei Jahren regelmäßig nach Bad Neuenahr. Am Anfang spielten wir manchmal aus Spaß und beobachteten die Leute, die total verbissen an den Spieltischen standen. Seit Lisa nicht mehr so oft mitfahren kann, analysiere ich das Roulette-Spiel systematisch.

Ich gebe zu, in der letzten Zeit spielte ich jedes Wochenende. Aber warum soll ich allein zu Hause zu bleiben? Dazu habe ich keine Lust. Peter ist auf dem Golfplatz. Früher bin ich öfter mit ihm gegangen, aber er hat mich wegen meines schlechten Abschlags geärgert und mich sogar vor seinen Freunden bloßgestellt. Darum spiele ich nicht mehr Golf. Seit mehr als zwei Jahren geht jeder von uns seine eigenen Wege.

„Guten Tag, Frau Bergheimer“, begrüßt mich die Garderobiere mit einem strahlenden Lächeln, „schön, Sie wiederzusehen.“

„Hallo Frau Schmidt, wie geht es ihnen?“

Ich mag sie, weil sie immer freundlich ist. Bei meinem letzten Besuch hatte sie mir erzählt, dass sie im Dezember achtundsechzig Jahre alt wird. Sie muss als Fünfundzwanzig-Stundenkraft im Casino arbeiten, weil sie von ihrer Rente nicht leben kann.

„Es muss, Frau Bergheimer, es muss“, sie nimmt mir meinen Mantel ab, „viel Glück heute Abend.“

„Danke, werde ich haben.“ Siegessicher lächle ich sie an.

Meine Handtasche fest unter meinen rechten Arm geklemmt, schreite ich durch die Eingangshalle. Ich gehe vorbei an den einarmigen Banditen, die in allen Farben leuchten und die unterschiedlichsten grellen Töne produzieren. Fast alle Plätze sind an den Maschinen besetzt, obwohl es erst früher Nachmittag ist. Ich verstehe die Leute nicht, die von solchen Spielautomaten abhängig sind. Sie sind der Willkür der Automaten ausgesetzt. Es ist reine Glückssache, ob sie gewinnen oder verlieren.

Alle vier Kassen sind offen. Hinter dicken Glasscheiben sitzen die Angestellten in ihren Uniformen. Ich stelle mich bei der Kasse 1 an.

„Tausend Euro. Bitte fünf in Hunderter und zehn in Fünfziger Chips“, weise ich den Kassierer an.

Ich reiche ihm meine Kreditkarte durch den unteren Schlitz. Gewissenhaft zählt er die blauen und goldenen Jetons laut ab. Einen Stapel nach dem anderen schiebt er mir durch den Spalt zu.

Die goldenen Fünfziger Plastikstücke lasse ich in meiner Kostümjacke verschwinden, weil ich in den tiefen Taschen genügend Platz für die Chips habe. Die blauen Hunderter stecke ich mit meiner Visakarte in meine Handtasche. Diese Jetons will ich erst einsetzen, wenn ich auf der Gewinnerspur bin. Denn je höher der Einsatz, umso höher der Gewinn.

Gedämpftes Licht umfängt mich, als ich den vorderen Bereich des Spielsaals betrete. Bodenlange beigefarbige Samtvorhänge verdecken die Sicht nach draußen. Der weinrot gemusterte Teppichboden verschluckt meine Schritte. Nur das Klackern der Kugeln und die Ansagen der Croupiers und zwischendurch das Jubeln eines Gewinners nehme ich wahr. Die prächtigen Kronleuchter verbreiten zeitlose Eleganz. Es ist, als ob die Zeit stillsteht, Tag und Nacht ohne Bedeutung.

„Möchten Sie etwas trinken?“, fragt mich ein Kellner.

„Gern. Bringen Sie mir einen trockenen Sekt an Tisch 10. Und, bitte extra Eiswürfel dazu.“

Er hebt seine Augenbrauen. „Der Sekt kommt direkt aus dem Kühlschrank!“

„Ich weiß“, antworte ich. „Bitte bringen Sie mir trotzdem Eis.“ Ihm zu erklären, dass ich mein Getränk mit Eis besser vertrage und nicht so schnell beschwipst bin, führt nur zu endlosen Diskussionen. Ich habe das schon oft genug erlebt. Alle meine Freundinnen, die ebenfalls den Sekt wie ich trinken, bleiben dabei.

An Tisch 10 wird direkt am Ende des Spieltischs ein Platz frei. Für mein Kolonnen-Spiel äußerst günstig, denn so habe ich die drei Spielreihen direkt vor mir. Ich setze mich auf den Stuhl und öffne den obersten Knopf an meinem Rockbund. Auf die Dauer wird mein Magen zu sehr eingeschnürt, und ich habe dann Schmerzen. Ich blicke in die Runde. Keiner meiner Mitspieler ist mir bekannt. Gut so. Den Croupier habe ich öfter gesehen. Ich nicke ihm kurz zu. Wortlos erwidert er meinen Gruß. Man kennt sich, aber man hält Distanz. Es wird im Casino nicht gern gesehen, dass man mit den Angestellten vertraut ist.

Langsam lasse ich zwei Eiswürfel in mein Glas gleiten, wobei ich höllisch aufpassen muss, dass der Sekt nicht überschäumt. Soviel zu der Ansage: Der Sekt kommt aus dem Kühlschrank!

Von der Anzeigetafel schreibe ich mir die letzten Zahlen ab. Damit ich weiß, welche Kolonnen am häufigsten gekommen sind, ordne ich sie gleich den richtigen Reihen zu. Zwei Spielrunden warte ich ab. Trinke einen Schluck aus meinem Sektglas.

Ich bin voll da und konzentriert.

Zuerst lege ich einen Chip auf das linke und einen zweiten auf das rechte Kolonnenfeld direkt vor mir. Die Mitte lasse ich frei. Es kommt die „1“. Meine linke Kolonne gewinnt. Meinen Chip lasse ich liegen. Meinen rechten Jeton zieht der Croupier mit seinem Rateu ein. Er wirft mir meinen Gewinn, zwei Stück zu. Reingewinn: 1 Chip, den ich sofort in die zweite meiner Jackentaschen verschwinden lasse. Ich lächle. Super, so kann es weitergehen.

Eine ältere Frau mit weißen Haaren und knallrot geschminkten Lippen sitzt mir schräg gegenüber. Sie nickt mir kurz zu.

Wie ich sehe, spielt sie auch Kolonne. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, entsteht zwischen uns eine Gemeinschaft, wir kämpfen um den Sieg. Mal schauen, ob ich ihr folge, wenn sie die Reihen wechselt.

Zwei Stunden spiele ich nun schon, und meine linke Jackentasche beult sich langsam aus.

Ich mache eine Pause und gehe an die Bar.

Vorsichtig hole ich meine Chips aus meiner Tasche und staple sie vor mir. Fünfhundert Euro habe ich gewonnen.

Was soll ich tun? Weitermachen oder Aufhören?

Ich blicke auf die Uhr. 18: 00 Uhr. Zu früh, um ins Hotel zu gehen. Ich will meine Glückssträhne ausnutzen. Bisher lief alles so gut, genau wie ich es erwartete habe. Ich bestelle mir noch ein Glas vom offenen Sekt und esse ein Sandwich mit Lachs und Gürkchen. Dann kehre ich in den Spielsalon zurück.

Mein alter Platz ist besetzt. Nach einigem Suchen finde ich an Tisch 12 einen freien Stuhl. Jetzt sitze ich direkt vor der roten Spielfläche Rouge, links neben mir die Kolonen. Sorgfältig schreibe ich den Verlauf von der Anzeigetafel wieder ab und beobachte das Spiel. Der Lautstärkepegel ist enorm gestiegen, denn es ist 20: 00 Uhr, und alle Spieltische sind geöffnet.

Aber ich konzentriere mich auf mein Spiel. Da ich mehr und schneller gewinnen will, setze ich nun meine blauen Hunderter-Chips. Neben dem Croupier bemerke ich einen älteren Mann im hellbauen Anzug, der mich dauernd anschaut. Bei meinem nächsten Gewinn nickt er mir freundlich zu und winkt einen Kellner heran. Kurz drauf bringt mir ein junger Mann ein Glas Sekt.

„Herr Winterthur hat Ihnen diesen Drink spendiert“, informiert er mich.

Herr Winterthur hebt sein Glas und lächelt mich an.

Mir ist das unangenehm. Ich will hier spielen, nicht flirten. Abgesehen davon, dass dieser schmalzige Typ mit seinem Lippenbärtchen absolut nicht mein Fall ist. Aber ich will nicht unhöflich sein. Ich hebe mein Sektglas und bedanke mich mit einem Lächeln. Allerdings bitte ich den Kellner, mir noch Eiswürfel zu bringen.

Schleppend ist diesmal mein Spiel. Ich gewinne und verliere im Wechsel.

Eine vollbusige Lady setzt sich neben mich, sie kann die Aufmerksamkeit meines Verehrers auf sich lenken. Ich bin erleichtert.

Vor zwei Wochen hatte ich einen Typen im Spielkasino kennengelernt, der unbedingt mit mir ins Hotel wollte. So etwas will ich heute auf keinen Fall erleben.

Plötzlich quetscht sich ein Mann zwischen mich und meine Sitznachbarin. Er rammt mir seinen Ellbogen in den Rücken. Hastig wirft er drei blaue Chips auf Rot.

Ich reibe mir die schmerzende Stelle.

„Sorry, tut mir leid“, sagt er und wischt sich mit einem großen Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn. Dicht bleibt er hinter mir stehen.

Wie ich das hasse! Ich spüre seinen heißen Atem im Nacken.

Andere Spieler wechseln auch auf Rot. Das Feld ist überladen mit blauen, roten und sogar violetten Chips. Ich schaue auf die Anzeigentafel. Zehnmal ist Schwarz hintereinander gekommen. Das ist schon eine ganze Menge! Nach der Wahrscheinlichkeitstheorie von D‘Alembert müsste jetzt Rot kommen. Denn so wie ich seine Theorie verstanden habe, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Rot kommen muss, je häufiger Schwarz fällt.

„Faites vos jeux“, ruft der Croupier und dreht den Kessel. Das ist meine Chance!

Schnell lege ich zwei blaue Chips auf Rot.

„Rien ne va plus“, kommt die Ansage, und der Casino Angestellte wirft die Kugel in entgegengesetzter Richtung in die Roulette Schale. Kein Laut ist am Tisch zu hören, nur das Klackern der Kugel. Nach mehreren Hüpfern bleibt sie im Fach der schwarzen 29 liegen.

Verloren! Mist!

Meine Wangen brennen.

Der Dicke hinter mir ist verschwunden.

Ich darf jetzt nicht aufgeben. Ich muss verdoppeln. So viel Geld habe ich noch. Es wäre ja gelacht, wenn ich mir meinen Verlust nicht zurückhole.

Erneut rollt die Kugel. Sie fällt in das Fach der roten 1 … und … springt in die schwarze 24.

Ich ziehe meinen hochgerutschten Rock zurecht. Mein Nacken tut mir weh. Ich überlege kurz, aufzustehen und eine Pause zu machen. Aber jetzt müsste Rot kommen. Bei so viel Schwarz!

Es ist zum Verrücktwerden!

Wieder fällt die Kugel in ein schwarzes Fach.

Meine Handtasche ist leer. Der Griff in die Jackentasche beruhigt mich. Noch habe ich einige Chips.

Mein Schädel brummt. Wie Libellen, die über dem Wasser tanzen und sich nicht vorwärtsbewegen, flirren meine Gedanken in meinem Kopf.

Ich darf nicht aufgeben! Jetzt keine Panik!

Ich werfe dem Croupier meine Praxiskreditkarte zu.

„Zehn Hunderter!“, höre ich mich sagen.

Ein No-Go, das weiß ich.

Ich sehe mich handeln, wie aus der zweiten Reihe. Setze, verliere, setze. Noch einmal fünf Blaue auf Rot!

„Rien ne va plus!“

Ich verknote meine Hände, bis meine Knöchel weiß hervortreten. Wage nicht die Augen zu erheben.

Klack, klack …

„Vingt-sept, siebenundzwanzig, Rouge, Impair!“, kommt die nüchterne Ansage des Croupiers.

Endlich, endlich habe ich gewonnen!

Jetzt beginnt bestimmt meine Gewinnsträhne.

Den Einsatz ziehe ich ab und lasse fünf Blaue auf Rot stehen. Mein Verlust ist zu hoch. Jetzt kann und darf ich nicht aufhören.

Mir stockt der Atem. Mein Herz klopft wie wild.

Fast wäre die Kugel auf Zero gefallen. Sie macht jedoch einen großen Satz, überspringt die rote 7 und landet in der schwarzen 8.

Tränen steigen mir in die Augen. Schnell senke ich meinen Kopf und ziehe meine Haare ins Gesicht.

Bloß nicht schlappmachen.

Ich bin so weit gegangen, jetzt kann ich auch die letzten Chips setzen. Nichts außer einem Gewinn kann mich noch retten. Wahllos setze ich – und verliere.

Ich atme tief durch. Packe meine restlichen Jetons auf den Tisch. Versuche einen Neustart. Ordentlich schreibe ich die Zahlen in meine Kladde. Suche einen Rhythmus, dem ich folgen kann. Aber ich finde keinen Einstieg ins Kolonnenspiel. Sinnlos setzte ich hier und dort. Jage verzweifelt meinem Gewinn hinterher.

Mit teilnahmsloser Miene zieht der Croupier meinen letzten Blauen von dem roten Feld mit den anderen Jetons zu sich heran.

Mit Mühe unterdrücke ich den Impuls, nach meinem Chip zu greifen. Will nicht zulassen, dass die große Harke ihn mir endgültig wegnimmt. Am liebsten würde ich dem Croupier zurufen, dass er ihn mir zurückgeben soll.

Weil es mein letzter ist.

Weil ich das Hotel nicht bezahlen kann.

Weil ich eigentlich gar nicht spielen wollte … weil ich alles verloren habe.

Mit flinken Fingern sortiert der Casinoangestellte die vielen bunten Chips nach Farben in die Holzkästen. Plastikstücke für ihn. Geld, Verlust, Zukunft und Leben für mich.

Der Mann neben mir nimmt einen blauen Jeton von seinem Gewinnstapel.

„Ein Stück für Sie!“, dröhnt es in meinen Ohren.

Mit seinem Rateu fängt der Croupier den Hunderter geschickt auf und lässt ihn in einem besonderen Schlitz im Spieltisch verschwinden.

Meinen finanziellen Tod scheint niemand bemerkt zu haben. Oder?

Mir gegenüber schaut mich eine Frau im schwarzen Kleid mit großen Augen an. Zeigt sich Mitleid in ihrem Gesicht?

Ruckartig stehe ich auf. Nicht losheulen. Keiner soll merken, dass ich verloren habe. Alles verloren habe.

Mit steifen Schritten, den Kopf leicht nach unten geneigt, gehe ich aus dem Spielsaal. Leises Gemurmel erfüllt den Raum. Nur die Ansagen der Croupiers und das Klackern der Kugeln sind zu hören.

Wie in Trance verlasse ich den Spielsalon. Unbeachtet, als wäre ich nie hier gewesen.

Eine andere Garderobiere reicht mir meinen Mantel, wünscht mir einen guten Abend.

Ich will nur noch weg. Der Schock hat mich nüchtern gemacht.

2

Ich eile, nein, ich renne zu meinem Auto. Bloß weg von hier. Mit zitternden Händen drehe ich den Zündschlüssel um. Der Motor heult auf. Mit quietschenden Reifen verlasse ich den Parkplatz.

Mein Leben ist ein Scherbenhaufen.

Mein heißgeliebtes Auto! Ich werde es verkaufen müssen.

Mein Kopf ist leer. Meine Augen brennen.

Irgendwann stehe ich vor unserer Villeneinfahrt auf der Maiglöckchen Straße. Wie ich gefahren bin? Ich weiß es nicht. Mein Auto hat mich gefahren.

Meine Beine sind schwer wie Blei, als ich die Auffahrt hochgehe. In unserem Schlafzimmer sehe ich Licht.

Mist, Peter ist zu Hause! Das hat mir gerade noch gefehlt!

Ich krame in meiner Handtasche. Warum muss der Haustürschlüssel immer ganz unten in einer Ecke versteckt sein?

Aber läuten will ich auf keinen Fall. Jetzt bloß keine blöden Fragen beantworten müssen.

Endlich spüre ich das kalte Metall des Schlüssels und schließe die Türe auf.

Das Flurlicht schaltet sich ein, und Peter steht am unteren Treppenabsatz, die Haare völlig zerzaust.

„Wieso bist du denn schon hier?“, faucht er mich an, dabei zupft er mit beiden Händen sein T-Shirt zurecht.

„Lass mich in Ruhe“, antworte ich betont ruhig und quetsche mich mit dem Koffer an ihm vorbei.

Im ersten Stock öffne ich die Schlafzimmertüre.

Im Halbdunkel stoße ich mit jemanden zusammen. Panik steigt in mir hoch. Ich lasse den Koffer fallen und greife zum Lichtschalter. Grell leuchtet die Deckenlampe auf.

Linh steht vor mir. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie mich an. Ihre Hände drücken das bisschen Stoff, genannt Nachthemd, an ihren Busen. Ihr nackter Po, ist umso besser zu sehen.

Linh? Ich kenne sie. Sie ist die vietnamesische MTA aus Peters Praxis.

Es ist mir nie der Verdacht gekommen, dass sie etwas mit Peter haben könnte.

Peter schubst mich beiseite und baut sich vor mir auf, sodass ich Linh nicht mehr voll im Blick habe.

„Ich sehe, du hast wieder gespielt! Und verloren! Leugnen ist zwecklos!“, schimpft er und fuchtelt dabei wild mit seinen Händen vor meinem Gesicht herum.

Irritiert blicke ich ihn an.

Spinnt er? Was redet er da? Er betrügt mich. Er ist der Schuldige.

„Lenk‘ bloß nicht ab“, drohe ich ihm und hole tief Luft. Meine Stimme überschlägt sich, als ich losbrülle: „Ich will sofort, dass sie geht!“

Dabei recke ich meinen Kopf hoch und balle meine Hände zu Fäusten. „Und du … du kannst gleich mit verschwinden.“

„Ich gehe, wann ich will. Das ist mein Haus. Du wirst mich mit deiner Spielsucht nicht in den Ruin treiben“, schreit Peter zurück, und seine grauen Augen schimmern wie Eisberge: „Ab sofort sperre ich unsere gemeinsamen Konten. Am besten ich informiere auch noch den Westdeutschen Rundfunk darüber, was sie für eine feine Psychologin unter Vertrag haben!“

Ich stehe da wie in Stein gemeißelt. Begreife die Welt nicht mehr.

Peter schnappt sich seine Jeans und sein blaues T-Shirt. Ohne meine Antwort abzuwarten, wirft er Linh ihre Kleider zu. Schiebt sie an mir vorbei zur Tür.

„Du wirst noch von mir hören“, brüllt er und poltert die Treppen herunter. Mit einem dumpfen Knall fällt die Haustüre ins Schloss.

Totenstille.

Immer noch stehe ich da. Bewegungslos. Bin wie erstarrt. Langsam löst sich in mir ein Schrei. Laut hallt er durchs Haus und endet in einem heftigen Schluchzen. Wie ein angeschossenes weidwundes Tier, sacke ich zusammen. Bin nur noch ein Häufchen Elend auf dem kalten Parkettboden.

Wie lange ich dort gelegen habe, weiß ich nicht. Starr vor Kälte schleppe ich mich nach unten in die Küche. Wie ferngesteuert mache ich mir einen Pfefferminztee. Mit der heißen Tasse in den Händen gehe ich ins Wohnzimmer. Lasse mich auf die Couch fallen. Stopfe zwei Kissen hinter meinen Rücken und kuschle mich in die Tigerfelldecke. Zum Schluss packe ich mir mein Lieblingskissen auf meinen Bauch. Die Hitze der Tasse erwärmt langsam meine Hände.

Ist das alles nur ein böser Traum?

Fast bin ich geneigt, mich zu kneifen. Aber ich weiß es nur allzu gut: Es ist wahr. Alles ist passiert. Ich fühle mich wie in einem der schlimmsten Szenarien eines Films.

Nur das hier ist real.

Langsam tauchen Erinnerungsfetzen auf. Ich höre Peters laute Stimme, wie er mich anklagt. Sehe in das erschrockene Gesicht von Linh. Die Tragweite der Geschehnisse der letzten vierundzwanzig Stunden, wird mir mehr und mehr bewusst.

Ich greife zum Handy und wähle Lisas Nummer. Ihren analytischen Verstand brauche ich jetzt. Schon zu Schulzeiten war sie das ideale Pendent zu mir. Mehr als einmal hat sie mir geholfen, wenn ich mich in irgendwelche Phantasien verrannte.

Der Signalton ihres Handys ertönt. Jetzt das achte Mal.

„Julia? Weißt du, wie spät es ist?“

„Sorry, ich habe gar nicht auf die Uhr geschaut. Tut mir wirklich leid. Aber ich brauche dringend deine Hilfe.“

„Was ist passiert? Du hörst dich schrecklich an.“

„Peter betrügt mich.“

Endlich habe ich es ausgesprochen.

„Ich habe ihn heute Nacht mit Linh, seiner Arzthelferin, in unserem Schlafzimmer erwischt.“

„Das ist ja furchtbar. Soll ich zu dir kommen?“

„Nein, lass mal. Ich bin einfach nur müde, ganz, ganz müde. Zu kaputt, um jetzt irgendwelche Gespräche zu führen. Ich wollte nur deine Stimme hören. Eine Stimme, der ich vertraue.“

Meine Tränen kann ich nicht mehr zurückhalten.

„Beruhige dich, Julia. Wir werden schon einen Ausweg finden. Ich komme morgen früh. Gleich um 8: 00 Uhr zum Frühstück. Okay?“

„Danke, das ist lieb von dir.“ Ich schnaube in mein Taschentuch. „Danke, Lisa. Ich bin froh, dass ich dich habe.“ „Schlaf gut, Julia. Morgen sieht die Welt schon anders aus.“

„Ich versuche es. Bis morgen.“

Ich sitze auf der schwarzen Designercouch. Trage immer noch mein rotes Kostüm. Ins Schlafzimmer will ich nicht gehen. Achtlos werfe ich die Jacke und den Rock auf den Sessel. Nur mit Unterwäsche bekleidet, strecke ich mich auf dem Sofa aus. Im Fernseher läuft irgendwas. Ich lasse ihn an; höre Stimmen, die Leben bedeuten. Sie helfen mir, nicht nachzudenken. Traumfetzen quälen mich im Halbschlaf.

… mehrere Männer und Frauen sitzen nackt um einen Roulette-Tisch. Wer kein Geld mehr hat, muss aufstehen. Beim nächsten Run trifft die Kugel den Kopf des Spielers, der dann zerplatzt. Der Croupier fordert mit breitem Grinsen zum nächsten Spiel auf: „Faites vos jeux.“ Ich stehe auf …

Der Haustürgong ertönt. Ich schrecke hoch. Einige Sekunden brauche ich, um mich zu orientieren.

„Ich bin so froh, dass du da bist“, begrüße ich Lisa. Es ist bescheuert, doch als sie mich in ihre Arme nimmt, muss ich losheulen.

„Alles wird gut, Julia. Beruhige dich.“

Mein lautes Weinen wird leiser, bis ich verstumme.

„Geh erst einmal ins Bad und dusche dich“, fordert sie mich auf, „glaub mir, du fühlst dich danach viel besser.“ Vorsichtig löst sie unsere Umarmung. „Ich mache uns schon mal einen Kaffee und Frühstück.“

Ohne Widerspruch folge ich ihrer Anweisung. So ist sie nun mal, immer sieht sie sofort das Wesentliche.

Nach der Dusche fühle ich mich tatsächlich besser. Der Kaffeeduft weckt meine Lebensgeister. Im Wohnzimmer hat Lisa den Frühstückstisch gedeckt. Sie hat sogar eine Vase mit gelben Rosen auf den Tisch gestellt.

„Oh, wie schön“, bedanke ich mich, und endlich kann ich wieder lächeln, wenn auch zaghaft. Mein Magen knurrt laut, und wir lachen darüber.

„Du siehst“, sagt sie und zwinkert mir mit ihren blaugrauen Augen zu. „Das Leben fordert seinen Tribut.“

Nachdem wir etwas von dem Kaffee getrunken und zwei Bissen vom frischen Brötchen mit Honig gegessen haben, ergreift Lisa meine Hand.

„Und? Jetzt erzähl mir genau, was geschehen ist.“

„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“

„Am besten von Anfang an.“

„Okay.“

Ich schlucke, lasse ihre Hand los und bedecke meine Augen.

„Ach Lisa, ich weiß, ich hätte mit dem Spielen aufhören müssen.“

Ich rutsche auf die Stuhlkante, als wäre ich bereit zum Sprung.

„Ich weiß nicht, was mit mir los war, Lisa. Irgendwie hat mich der Teufel geritten. Glaub‘ mir, ich hatte alles genau geplant. Und eigentlich hätte ich gewinnen müssen.“ Ich nehme die Hände herunter, schaue auf den Tisch. „Jetzt habe ich alles verloren. Keinen Cent habe ich mehr.“

Mir laufen die Tränen über die Wange.

„Lisa, … ich … ich kann dir dein Geld nicht wie versprochen zurückzahlen.“

Lisa richtet sich auf und schaut mich mit ihrem typischen Röntgenblick an, dem meistens nichts verborgen bleibt.

„Das Geld ist mir jetzt nicht wichtig. Ich mache mir Sorgen um dich, Julia. Ich denke, du brauchst professionelle Hilfe. Als Psychotherapeutin weißt du doch am besten, wie man mit einer Sucht umzugehen hat.“

„Ich werde kein Spielcasino mehr betreten“, beteuere ich sofort. „Das verspreche ich dir … und dein Geld werde ich dir zurückzahlen. Sobald ich kann.“

Lisa setzt ihre Kaffeetasse ab und schaut mich ernst an. Ihre Stimme klingt traurig.

„Du weißt, dass du mit Versprechungen dein Problem nicht lösen kannst. Hast du schon mal daran gedacht, in eine Klinik zu gehen?“

Entsetzt fahre ich von meinem Stuhl auf.

„Bist du verrückt? Das werde ich bestimmt nicht machen. Ich bin doch nicht irre! Was soll ich denn als Psychotherapeutin dort?“ Ich stehe auf, muss mich bewegen, und mir ist der Appetit vergangen.

„Lass dir den Vorschlag durch den Kopf gehen, Julia. Du weißt selbst, dass es so nicht weitergehen kann“, beruhigt sie mich mit sanfter Stimme.

Meinen inneren Tumult besänftigt das nicht. Ich öffne die Terrassentüre.

„Lass uns nach draußen gehen. Das Wetter ist so schön warm.“

Wir legen die roten Polsterauflagen auf die grauen Rohrstühle. Die Sonne scheint uns ins Gesicht. Einen kleinen Moment sitzen wir still nebeneinander. Die Natur ist zauberhaft. Eigentlich möchte ich das hier nur genießen: die Sonne, die Luft und die gelben, roten und weißen Rosen, die ich vor Jahren als Begrenzung entlang der Terrasse gepflanzt habe. Doch wirklich gelingen will es nicht.

Immerhin: Langsam verschwindet meine Wut, und ich fühle mich ein bisschen ruhiger.

„Weißt du, Lisa. Die Spielerei ist gar nicht mal das Schlimmste.“

Ich hole tief Luft und stelle mein Wasserglas mit einem lauten Knall auf den Gartentisch.

„Mein Leben ist kaputt. Peter hat mich betrogen. Vierundzwanzig Jahre sind wir verheiratet.“ Ich stehe auf und laufe hin und her. „Und … und ich weiß noch nicht mal, wie lange er mit dieser Linh schon rummacht.“

„Die MTA in seiner Praxis, ja?“

„Genau die. Da mache ich für ihn die Abrechnungen, damit er Golf spielen kann, währen er …“ Ich schnappe nach Luft und verkrampfe die Hände ineinander.

„Wie kann ich nur so blöd sein!“ Tränen laufen mir über das Gesicht. „Ich hasse ihn. Ich hasse dieses blöde Arschloch!“

„Komm, Julia.“

Lisa steht auf und nimmt mich in ihre Arme. Ihre Wärme beruhigt mich.

Zusammengeknülltes Haushaltspapier liegt überall herum. Die Rolle ist leer.

„Weißt du, er will mich sogar beim WDR anschwärzen. Ausgerechnet jetzt, wo meine Einschaltquote als beratende Psychologin gestiegen ist. Wie soll ich denn meine Schulden bezahlen können, wenn mir dieser Job verloren geht.“

„Mach dich nicht verrückt. Er wird ganz bestimmt nicht den WDR anrufen. Er ist nicht so dumm. Er will schließlich nicht für deinen Lebensunterhalt aufkommen müssen.“

Lisa streichelt mir beruhigend über den Rücken.

„Er ist so gemein. Betrügt mich mit Linh in unserem Schlafzimmer. Will mir meine Existenz kaputtmachen. Und dabei habe ich immer alles für ihn getan. Ihm beim Studium geholfen. Seine Praxis mit aufgebaut. Immer habe ich mich um alles gekümmert. Und jetzt verlässt er mich für eine Jüngere.“

Ich klammere mich an Lisa wie ein kleines Baby.

Stille.

Plötzlich lässt Lisa mich los und schaut mich mit großen Augen an.

„Ich habe eine Idee: Du nimmst dir eine Auszeit. Geh drei Wochen weg, flieg in die Sonne, schalt mal ab. Keinen Menschen hören und sehen.“

„Meinst du?“

Ich strecke mich, als wäre ich in einem Schraubstock gewesen. Schnaube mir noch einmal die Nase und sammle alle Papiertücher auf. Dann blicke ich in ihr Gesicht. Typisch Lisa, sie denkt immer praktisch. Ich schwanke, überlege. Aber warum eigentlich nicht?

„Gute Idee. Aber wie soll ich das finanzieren? Ich habe ja kein Geld mehr. Und Peter hat bestimmt schon alle Kreditkarten gesperrt.“

„Hast du nicht eure gemeinsame Visa-Karte, die du immer bei deinen Internetbestellungen benutzt?“

„Ja, habe ich. Hoffentlich hat er die noch nicht gesperrt.“

„Dann lass uns schnell die Reise buchen.“

Wir gehen über die Terrasse zum Patienteneingang meiner Praxis. Dort fahre ich sofort den Computer hoch.

„An was hast du denn gedacht?“, frage ich sie.

„Ich war mal im Los Almendros Golf- und SPA-Hotel in Marbella. Dort hat es mir sehr gut gefallen“, sagt sie und holt ihr Handy raus. „Okay Google, suche Hotel Los Almendros in Marbella.“

Die Webseite des Hotels öffnet sich.

Lisa diktiert mir den Link.

Nach einigem Suchen finde ich die notwendigen Angaben. Ich buche für kommende Woche Mittwoch ein Zimmer mit Halbpension und einem Intensiv-Golftraining. Aus der Schreibtischschublade hole ich die Kreditkarte.

„So, das kann jetzt Peter bezahlen“, sage ich grimmig.

Ich tippe nacheinander Kartennummern in den Computer. Banges Warten. Endlich taucht die Bestätigung der Buchung auf dem Bildschirm auf.

„Und jetzt musst du sofort den Flug buchen“, stupst mich Lisa an, „dann hast du alles erledigt.“

Und ich habe Glück, denn einen passenden Flug für Mittwoch finde ich auch. Wir umarmen uns als hätten wir eine Schlacht gewonnen.

„Kannst du mich am Mittwoch zum Flughafen bringen?“

„Aber klar doch.“

„Danke! Du bist ein Schatz!“

Lisa schaut mir prüfend ins Gesicht: „Kann ich dich jetzt allein lassen?“

„Ja, kein Problem. Mir geht es schon deutlich besser“, beruhige ich sie. „Ich muss eine Menge erledigen. Es sind nur noch vier Tage, die ich zur Vorbereitung habe.“

In den darauffolgenden Tagen habe ich alle Hände voll zu tun. Das ist gut, denn mir bleibt dadurch kaum Zeit über Peter und mich nachzudenken. Meinen Kummer verdränge ich erfolgreich.

Eine positive Verdrängung, wie ich gelernt habe. Denn wenn ich mich jetzt meinen seelischen Schmerzen hingeben würde, hätte ich überhaupt keine Energie und Kraft, um mich aus meiner Misere zu befreien. Ich weiß das so genau, weil ich drei Jahre zuvor von einer Freundin sehr enttäuscht worden bin. Monatelang blockierte ich mich mit der Frage, warum sie mich so behandelt hat.

Dieses Mal will ich nicht depressiv in Selbstmitleid versinken. Mit dem Spielen will ich erst recht nicht anfangen. Die Idee, nach Marbella zu fliegen und mir eine Auszeit zu nehmen, kommt mir immer logischer und passender vor.

Sofort mache ich mich daran, eine To-Do-Liste zu erstellen. So viele Dinge muss ich noch erledigen, bevor ich fliege.

Ganz oben auf meiner Liste steht: Peter anrufen.

Sonntagnachmittag war geplant, dass ich die Abrechnung für seine Praxis mache. Aber ich denke im Traum nicht daran. Nein, das werde ich ums Verrecken nicht tun. Ich suche seine Telefonnummer in meinem Handy. Jedoch drücke ich nicht auf den grünen Hörer. Zu viele Gedanken gehen mir durch den Kopf.

Ich brauche noch Zeit.

Als zweiten Anruf habe ich meine Kollegin Katja eingetragen. Wir sind seit zehn Jahren in einer Inversionsgruppe, und wir haben dieselbe moderate integrative Einstellung zur Psychotherapie. Bei der KV haben wir uns gegenseitig als Vertretung bei Notfällen eingetragen. Und jetzt habe ich einen Notfall. Sie muss mir helfen und sich um einige meiner Patienten kümmern.

„Hallo Katja, ich bin‘s, Julia. Hast du kurz Zeit?“

„Ja, klar! Was ist los, dass du mich an einem Samstagnachmittag anrufst.“

„Ich muss überraschend für drei Wochen die Praxis schließen. Kannst du einige Patienten von mir übernehmen?“

„Ist was passiert?“

„Nicht direkt, aber ich brauche dringend eine Auszeit. Näheres erzähle ich dir später.“

„Wann brauchst du mich denn?“

„Ab diesem Mittwoch.“

Ich höre ein lautes Schnaufen. „Julia, das ist aber sehr knapp.“

„Ja, ich weiß. Sorry, wirklich. Kannst du heute Abend zu mir zum Essen kommen? Dann können wir die Patienten durchsprechen, die du vielleicht übernimmst.“

„Okay, ich komme gegen 19: 00 Uhr.“

„Danke, bis nachher.“

Geschafft. Ich lege das Handy beiseite und atme tief durch. Konzentriert arbeite ich weiter meine Liste ab. Dem WDR schreibe ich eine E-Mail. Ich werde erst im Oktober mit der neuen Staffel beginnen. Bis dahin habe ich genügend Stoff für meine Sendung gesammelt.

Ich wende mich nun meinen Patienten zu. Es ist nicht so einfach. Bei denen, die sehr lange bei mir sind, kann ich ein Schlussgespräch planen und die Therapie beenden. Die, die ich gerade aufgenommen habe, kann ich relativ einfach an Katja weitergeben. Schwieriger ist es bei den Patienten, mit denen ich gerade in einem intensiven therapeutischen Prozess bin.

Besonders leid tut mir, dass ich Eva vertrösten muss. Sie hat mir über WhatsApp geschrieben, dass sie die Klausur bestanden hat. Doch jetzt braucht sie einen Termin, weil sie sich mit ihrem Freund zerstritten hat. Auch eine Mutter mit ihrem siebenjährigen Sohn bittet dringend um einen schnellen Gesprächstermin. Die Schule meint, ihr Sohn sei Autist. Die Schulkinder aus seiner Klasse mobben ihn.

Ich blättere in meinem Kalender die Seiten hin und zurück. Nervös beiße ich mir auf die Lippe.

Ich komme mir so niederträchtig vor. Nur weil es mir nicht gutgeht, lasse ich meine Patienten im Stich. Ich fühle mich für ihr Wohl verantwortlich und überlege kurz, ob ich meine Reise nach Marbella nicht besser canceln soll. Dieses blöde Verantwortungsgefühl.

Ich lege den Kuli beiseite und stütze den Kopf in beide Hände. Mir ist klar, dass ich durch meine Erziehung geprägt wurde, weil ich schon früh die Verantwortung für meine Geschwister übernehmen musste. Jetzt sitze ich als Erwachsene da und bekomme ein schlechtes Gewissen, sobald ich zu jemandem nein sagen muss. Besonders schwer fällt es mir, einem Patienten abzusagen, wenn ich meine eigenen Interessen realisieren möchte.

Mit einem tiefen Seufzer stehe ich auf, hole die Patientenakten aus dem Schrank und staple sie auf meinen Schreibtisch. Die Unterlagen für mein Gespräch mit Katja lege ich auf das Regal. Die Patienten, mit denen ich eine Sitzung machen muss, bestelle ich per WhatsApp für Montag und Dienstag in die Praxis, und die restlichen Personen informiere ich per E-Mail.

Obwohl ich versucht habe, an nichts anderes zu denken, quält mich mein schlechtes Gewissen. Ich muss Peter sagen, dass ich seine Abrechnung nicht am Sonntagnachmittag machen werde. Einen kurzen Moment zögere ich und überlege, ob ich sie nicht vielleicht Sonntag früh machen könnte. Mit der flachen Hand klatsche ich auf meinen Schreibtisch.

„Nein! Nein! Nein!“ Ich rufe laut und schüttle heftig den Kopf. Fast wäre mir die Lesebrille runtergefallen. Ich werde diesen Sonntag nicht in seiner Praxis arbeiten.

Was sage ich?

Ich werde nie mehr in seiner Praxis etwas für ihn tun.

Mit einem Ruck drücke ich seine Nummer auf dem Display meines Handys und schalte den Lautsprecher an.

„Hallo?“ Es ist Linhs Stimme, die ich höre.

Mist, soll ich auflegen? Quatsch. Sie sieht meine Telefonnummer.

Bevor ich handeln kann, klingt Peters Stimme an mein Ohr.

„Was ist Julia?“

„Hallo, Peter. Nur ganz kurz. Ich fahre für drei Wochen weg.“

„Wie stellst du dir das vor?“

Ich nehme sehr wohl den drohenden Unterton in seiner Stimme wahr.

„Es ist Ende Mai, und du muss die private Abrechnung machen.“

„Für wie blöd hältst du mich?“, kontere ich, schiebe den Schreibtischstuhl vom Tisch und stehe auf. „Linh kann die Abrechnung machen. Ich habe es ihr oft genug gezeigt.“

„Ist das jetzt deine Rache?“, brüllt Peter „Das mit Linh, hast du dir selber zu zuschreiben. Deine Frigidität hat mich aus dem Haus getrieben.“ Er zischt, wie immer. „Dass ich deine Touren zum Casino überhaupt so lange toleriert habe, hast du nur meiner verständnisvollen Art zu verdanken. Ich arbeite hart, und du? Du verspielst unser Geld. Also halt den Ball flach, bevor du mir vorwirfst, dass ich fremdgehe!“

„Weißt du, ich habe dir immer den Rücken freigehalten, damit du drei Mal in der Woche Golf spielen kannst.“ Ich stocke. Kämpfe mit den aufsteigenden Tränen. „Und, und du? Wie ich jetzt weiß, hast du mit Linh rumgemacht. Du brauchst mir nichts vorzuwerfen.“

Ich bemerke, dass er tief Luft holt und sage schnell: „Lass es gut sein, Peter. Ich will keinen Streit. Mittwoch fliege ich nach Marbella und werde mein Handicap verbessern. Das war dir doch immer so wichtig“, füge ich schnell hinzu. „Wenn du mich sprechen willst, du hast ja meine Nummer. Ciao.“

Ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, drücke ich den roten Telefonhörer auf meinem Display.

Ich setze mich auf den Sessel. Unbeweglich bleibe ich sitzen. Weinen kann ich nicht mehr. Meine Augen brennen. Ich war doch immer für ihn da. Habe ihm geholfen, wo ich konnte.

Bin ich jetzt unfair? Lasse ich ihn im Stich?

Entschlossen stehe ich auf.

Was soll der Quatsch?

Er betrügt mich, und ich mache mir Gedanken, ob ich ihm gegenüber unfair bin?

Lisa hat mir vor Jahren schon gesagt, dass ich mich zu meinem Nachteil verändert habe.

Aber meine Familie ist mir immer wichtiger gewesen als ich selbst. Ich habe für alle eine heile Welt aufgebaut, die aber auf meine Kosten ging. Stimmt, langsam wird mir klar, dass mein Anteil am Leben immer schmaler wurde und meine Freiheiten sich kontinuierlich verringerten. Peter habe ich zum allmächtigen wunderbaren Arzt hochstilisiert und meine Mitspracherecht in der Partnerschaft, meine Persönlichkeit und meine Bedürfnisse hintenangestellt.

Unschlüssig stehe ich vor dem Kleiderschrank. Drei Wochen sind eine lange Zeit. Es ist bestimmt zehn Jahre her, seit ich mit Peter auf den Malediven war. Mit einem Ruck hole ich den großen Reisekoffer vom Schlafzimmerschrank.

Jetzt bitte keine Sentimentalitäten.

Ich habe keinen Schimmer, was ich einpacken soll. Lieblos eng aneinander gequetscht hängen Kleider, Hosen und Jacken auf der Stange. Das eine oder andere Kleid ziehe ich raus. In letzter Zeit habe ich mir gar nichts Neues gekauft, realisiere ich.

Ich schaue in den Kleiderschrankspiegel. Eine vollschlanke Frau mit einem dicken Bauch und Fettröllchen, die rechts und links am seitlichen Rücken hervorquellen, schaut mich müde an.

Auch nicht gerade vorteilhaft, meine heutige Kleiderwahl. Das graue Leinenkleid mit einem weißen Rundkragen wirkt bieder und farblos. Die altrosa Strickjacke verstärkt noch den Eindruck einer älteren Frau. Mein blasses, verhärmtes Gesicht mit der braunen Lesebrille strahlt überhaupt keine Energie aus. Ich setze die Brille ab, um mich besser sehen zu können. Aber das nutzt auch nichts. Ich stelle fest, dass meine ehemals schwarzen Haare doch ganz schön grau geworden sind. Straff nach hinten zusammengebunden wirke ich noch älter als ich bin.

Traurig drehe ich meinem Spiegelbild den Rücken zu. Ich sehe wie sechzig aus.

Aber bitte, wann habe ich mal Zeit für mich? Jeder will was von mir! Peter, Georg, meine und seine Patienten. Keiner fragt mich, wie es mir geht. Alle wollen nur, dass ich für sie da bin.

Ich wuchte den großen Koffer wieder auf den Schrank.

Das werde ich ändern! Ich werde mich jetzt um mich kümmern. Ich bin wichtig!

Kurz entschlossen nehme ich den kleinen Reisekoffer. Zwei Kleider, zwei kurze Hosen, Golfdress, Badeanzug und das Übliche. Zum Schluss noch die Schuhe. Ich setzte mich auf den Koffer. Mit Ach und Krach schaffe ich es, den Reisverschluss zu schließen.

Mittwoch steht Lisa pünktlich um 14: 00 Uhr mit ihrem Auto vor der Villa.

„Hast du alles dabei? Ausweis, Tickets, Handy, Schlüssel?“, fragt sie und schaut mich abwartend an.

Meine Mutter hätte mich auch so anschauen können.

„Alles okay“, rufe ich ihr zu.

Vorsichtshalber kontrolliere ich noch einmal den Inhalt meiner Handtasche, bevor ich die Haustüre abschließe. Wie in Zeitlupe drehe ich den Schlüssel im Schloss. Einmal. Zweimal.

Meine Hände zittern.

Der Schlüssel fällt zu Boden.

Ich bücke mich und hebe ihn auf. Für einen kurzen Wimpernschlag stehe ich plötzlich vor einer massiven hölzernen Haustüre mit goldenem Löwen-Drehknauf in der Mitte. Rechts und links daneben zwei schwere Terrakottablumentöpfe mit Oleandersträuchern, die voller weißer Blüten sind. Die Türe öffnet sich, und ich sehe zwei breite Treppen in einer hohen Eingangshalle. Plötzlich rieche ein herbes Männerparfüm. Durch eine riesige Fensterfront schaue ich auf das weite Meer …

„Brauchst du Hilfe?“, höre ich Lisa rufen. Sie kommt die drei Stufen zu mir hoch.

Irritiert erwache ich und drehe mich um.

„Ich nehme dir das Gepäck ab.“ Lisa nimmt meine Golfausrüstung.

„Ja, danke. Es fällt mir schwer, weißt du. Es ist mir, als ob ich hier nie mehr glücklich sein werde. Ich habe Angst vor dem, was kommt. Was wird mit mir und Peter werden?“

„Komm Julia, denk nicht so viel nach.“ Lisa verstaut mein Gepäck und startet den Motor.

Ich gucke aus dem Autofenster und sehe, wie sich eine Wolke vor die Sonne schiebt. Die Bäume werfen große Schatten auf die Villa.

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