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Pferdeflüsterer-Academy 3 - Eine gefährliche Schönheit

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Als das Böse das erste Mal über sie kam, war es Abend. Der Junge hatte den ganzen Nachmittag mit ihr trainiert, sie war müde vom Springen. Jetzt stand sie in ihrem Paddock, spürte die Abendsonne auf ihrem Rücken, genoss die Wärme und roch das duftende Heu, das in ihrer Futterraufe lag.

Hinter dem Zaun standen die Braune und ihr Neugeborenes. Sie hörte die Kiefer der Braunen malmen. Irgendwo zwitscherte eine Amsel.

Und plötzlich fuhr eine weiß glühende Klinge in ihren Kopf und das Böse drang in sie ein. Es spaltete ihren Kopf und breitete sich in ihrem gesamten Körper aus. Sie versuchte, sich zu wehren, stieg hoch auf und trat um sich. Und wusste, dass es vergeblich war. Die fremde Macht, die von ihr Besitz ergriffen hatte, war stärker als sie.

Mit seinen Krallen griff das Böse in ihre Eingeweide und riss ihr das Herz aus der Brust. Der Himmel über dem Stall war jetzt nicht mehr blau, sondern blutrot und es regnete Flammen.

Dann war es wieder vorbei, genauso plötzlich, wie es begonnen hatte. Sie stand schweißgebadet da, zitterte am ganzen Leib. Schaum triefte aus ihrem Maul.

Als sie den Kopf hob, sah sie die Braune, die sich an den äußersten Rand ihres Pferchs zurückgezogen hatte. In ihren Augen stand die blanke Angst.

Sie hatte ihr Fohlen an den Zaun gedrängt und schützte es mit ihrem Körper.

Vor ihr schützte sie es, vor ihr.

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Der Frühling lag in der Luft.

Er war noch nicht zu sehen. Auf den Wiesen und Feldern hinter dem Schloss und im Wald gab es noch jede Menge Schnee und an den Rändern des Sees zog sich eine dünne Eisschicht entlang. Aber als Zoe jetzt die Augen schloss und tief einatmete, konnte sie es riechen: den Duft von frischem grünen Gras und wilden Frühlingsblumen. Sie spürte die Wärme der Sonne in ihrem Gesicht und hörte Vögel, die in den noch kahlen Ästen der Bäume zwitscherten. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie mit dem Nestbau begannen.

Sie machte die Augen wieder auf und trat durch den hohen Torbogen auf den Steinsteg, der über den Schlossgraben führte. Dann rannte sie los. Am Parkplatz vorbei hinunter zur Pferdeweide.

Obwohl die schneebedeckten Berggipfel im Sonnenlicht badeten, war es empfindlich kühl. Die Pferde, die erwartungsvoll die Köpfe hoben, als Zoe an das Holzgatter trat, störte die Kälte nicht. Ein dichtes langes Fell bedeckte ihre Körper und schützte sie vor Schnee und Nachtfrösten. Sie hatten den ganzen Winter auf der Koppel verbracht.

„Hallo, Silver.“ Zoe streichelte die samtige Nase der silbergrauen Stute, die ihren Kopf über die Absperrung streckte. Ihre Augen suchten währenddessen die Weide ab. Und als sie Shaman sah, machte ihr Herz einen kleinen Satz.

Der schwarze Mustang kam mit langsamen, zögernden Schritten auf sie zu. Seine Ohren waren hoch aufgerichtet, seine Nüstern geweitet, die goldbraunen Augen wachsam. Früher wäre er auf Zoe zugaloppiert. Die Erinnerung tat weh.

Sie blieb ruhig stehen. Zwang sich abzuwarten. Lass ihn kommen, sagte Caleb immer. Lass ihm Zeit.

Als er vor ihr stand, schüttelte Silver ihre Mähne und verzog sich. Die Stute spürte, dass Zoe jetzt ganz bei Shaman war.

Zoe streckte ihre Hand aus, die Handfläche offen und nach oben gerichtet. Ein Angebot. Und Shaman nahm es an.

Er senkte den pechschwarzen Kopf, schnupperte an ihren Fingern. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer Haut und atmete seinen würzigen Duft ein. Genoss seine Nähe.

Erst nach einigen Minuten hob sie die Hand und ließ ihre Finger behutsam über seine Stirn wandern. Sie strich über seine verfilzte Mähne. Es war so lange her, dass sie sie das letzte Mal gekämmt hatte. Er ließ sie gewähren und hielt ganz still.

„Soll ich mal zu dir reinkommen?“, flüsterte Zoe.

Sein Körper versteifte sich, als ob er die Frage verstanden hätte und erst darüber nachdenken müsste. Aber dann wich er nicht zurück, sondern machte sogar einen kleinen Schritt auf sie zu.

„Also gut“, wisperte Zoe. Ihr Herz schlug jetzt schnell und aufgeregt.

Sie zwang sich, ein paarmal tief durchzuatmen, bevor sie einen Fuß hob und auf das untere Brett der hölzernen Absperrung stellte, die die Pferdeweide umgab.

Shaman beobachtete sie aufmerksam, doch er machte keine Anstalten zu fliehen. Auch als sie ihre Beine über das Gatter schwang und auf der anderen Seite zu Boden sprang, blieb er stehen.

Sie trat dicht an ihn heran und schlang ihre Arme um seinen Hals – und auch das ließ er geschehen.

Vor Erleichterung kamen ihr die Tränen. Sie liefen heiß über ihre Wangen und versickerten in seinem glänzenden Winterfell.

Gib ihm Zeit, hörte sie Caleb wieder sagen, und genau das hatte Zoe in den letzten zwei Monaten getan. Jeden Tag war sie zur Koppel gekommen und hatte Shaman besucht. Und hatte abgewartet, obwohl alles in ihr danach drängte, das Gesicht in seiner Mähne zu vergraben, ihn zu umarmen, ihn endlich wieder zu reiten.

Es hatte Wochen gedauert, bis er sich das erste Mal wieder von ihr berühren ließ. Aber so nah wie heute hatte er sie noch nie an sich herangelassen.

„Guck mal, was ich dir mitgebracht habe“, flüsterte sie in sein Ohr. Ihre Linke klopfte seinen Hals, mit der rechten Hand griff sie in ihre Jackentasche und zog das Halfter heraus, das sie vorhin aus der Sattelkammer geholt hatte.

Früher, als zwischen ihnen noch alles gut gewesen war, hatte Zoe Shaman oft ohne Sattel und Zaumzeug geritten. Wenn er es duldete, dass sie ihm das Halfter überzog, dann würde sie …

Bevor sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, senkte Shaman den Blick, sah den Lederriemen und begriff, was Zoe vorhatte.

Er warf den Kopf in die Höhe, so heftig und ungestüm, dass Zoe erschrocken aufschrie. Dann machte er auf den Hinterbeinen kehrt und galoppierte davon.

Sie spürte das Getrommel seiner Hufe in ihrem ganzen Körper, wie Schläge, die auf sie einprasselten.

Du wirst einen langen Atem brauchen, hatte Caleb ihr prophezeit, als Zoe Ende Dezember damit begonnen hatte, sich Shaman mit winzigen, vorsichtigen Schritten zu nähern. Inzwischen war es März und die alte Vertrautheit, die Seelenverwandtschaft, die Zoe und Shaman einmal verbunden hatte, war immer noch ein ferner Traum.

Und sie war selbst schuld daran – das war das Schlimmste. Durch ihren verdammten Ehrgeiz hatte sie Shamans Vertrauen verloren.

Seufzend stopfte sie das Halfter zurück in die Tasche und machte sich auf den Rückweg zum Schloss. Die Frühlingsgefühle, die sie gerade noch erfüllt hatten, waren weg.

Auf dem Parkplatz am Schloss stand ein Pferdetransporter, der vorhin noch nicht da gewesen war. Soeben öffnete sich die Fahrertür, eine Frau sprang heraus. Sie trug Reithosen und eine dunkelgrüne Cordjacke. Ihre kurz geschnittenen dunklen Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen. Lachfältchen tanzten um ihre Augen.

Sie sah sich suchend um und erblickte Caleb im selben Moment wie Zoe. Der junge Lehrer war wie immer schwarz gekleidet, vom Cowboyhut auf dem Kopf bis zu den Stiefeln. Seine hochgewachsene schlanke Gestalt wirkte im hellen Sonnenlicht wie ein Schattenriss.

Mit großen Schritten trat er auf die Frau zu und reichte ihr seine Hand. „Mrs. Harris? Ich bin Caleb Cole.“

„Freut mich, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen.“ Die Frau lächelte. „Ich hab schon so viel von Ihnen gehört.“

Caleb nickte. Er fragte nicht, was Mrs. Harris über ihn gehört hatte. Er wusste, was sie meinte, genau wie Zoe. Durch seine Arbeit als Pferdeflüsterer war Caleb international bekannt.

Er hatte nur eine halbe Stelle als Lehrer für Natural Horsemanship an der berühmten Snowfields Academy, auf die Zoe seit letztem Herbst ging. In der übrigen Zeit arbeitete er als Pferdetrainer mit traumatisierten und schwierigen Pferden. Obwohl die Schule sehr abgelegen im Westen Kanadas lag, brachten viele Pferdebesitzer ihre verstörten Tiere hierher, damit Caleb sie von ihren Ticks und Ängsten befreite.

Manchmal dauerte es Wochen, bis Caleb es schaffte, das Vertrauen eines Pferdes zu gewinnen. Aber es gelang ihm nahezu immer. Und jeder seiner Trainingserfolge trug dazu bei, dass er in der Pferdewelt noch bekannter wurde. Längst bekam er viel mehr Anfragen, als er annehmen konnte.

„Wie geht es Crystal?“, fragte er jetzt. „Wie hat sie die lange Fahrt überstanden?“

„Super“, sagte Mrs. Harris. „Sie war total ruhig und geduldig. Sie ist so ein wunderbares Pferd.“

Ein wunderbares Pferd? Wieso brachte die Frau sie dann zu Caleb, fragte sich Zoe.

Mrs. Harris und Caleb waren inzwischen zur Rückseite des Transporters gegangen. ALASKA, las Zoe auf dem Nummernschild.

Was für eine Fahrt, dachte sie beeindruckt. Mit dem Transporter brauchte man mindestens sieben Stunden von der Landesgrenze bis zur Schule. Die Strecke führte durch riesige Wälder und einsame Täler. Menschenleeres Gebiet. Offensichtlich war Mrs. Harris die ganze Strecke alleine gefahren. Ziemlich mutig.

„So, meine Süße! Du hast es geschafft.“ Mrs. Harris hatte inzwischen die Ladeklappe des Transporters geöffnet und verschwand im Wagen.

„Eine neue Patientin?“ Zoe trat neben Caleb und reckte neugierig den Hals.

„Oh, hi, Zoe!“ Caleb bemerkte sie erst jetzt. Bevor er antworten konnte, erschien ein weißer Pferdeschweif in der offenen Klappe. Mrs. Harris führte die Stute rückwärts heraus und mit jedem Schritt, den Crystal nach draußen machte, wuchs Zoes Begeisterung.

Ihr Fell war so strahlend weiß, dass es einen fast blendete. Auch ihre seidenweiche Mähne und der Schweif schimmerten bläulich-weiß wie Schnee. Das einzig Dunkle an Crystal waren ihre Augen, mit denen sie Zoe und Caleb jetzt neugierig musterte. Die Pupillen waren von einem tiefen glänzenden Schwarz.

„Boah, ist die schön!“, rief Zoe aus, viel lauter, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte.

Caleb hob warnend die Hand und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Laute Geräusche, Schreie und plötzliche Bewegungen waren ein absolutes No-Go, wenn ein neues Pferd in Snowfields ankam.

Eine ruhige, entspannte Atmosphäre war enorm wichtig, denn die Tiere waren vom Transport ohnehin schon gestresst. Meistens waren sie so panisch und nervös, dass es eine ganze Weile dauerte, bis Caleb sie auf die kleine Koppel hinter dem Stall gebracht hatte, die für die verstörten Therapiepferde reserviert war.

Crystal blieb jedoch absolut cool. Obwohl sie stundenlang in dem dunklen Transporter verbracht hatte und nun plötzlich im hellen Sonnenlicht stand, zuckte sie nicht einmal mit der Wimper, als ihre Besitzerin sie zu Caleb und Zoe führte.

„Ja, sie ist wirklich ein Traum“, sagte Mrs. Harris und lächelte Zoe an. „Crystal ist mein schönstes Pferd.“

„Warum ist sie hier?“, fragte Zoe. „Ich meine, sie wirkt vollkommen normal.“

Caleb zog missbilligend die Brauen hoch. Er mochte es überhaupt nicht, wenn man die Pferde, mit denen er arbeitete, als verrückt oder gestört bezeichnete. In den meisten Fällen haben nicht die Pferde ein Problem, sondern die Besitzer, sagte er immer. Eigentlich müsste ich mit ihnen arbeiten.

Ein Pferd wurde nicht grundlos überängstlich oder aggressiv. Es reagierte nur auf seine Umgebung, auf die bewussten und unbewussten Signale, die die Menschen aussandten.

Mrs. Harris wirkte allerdings kein bisschen gestört. Ihr Blick war offen und freundlich. Und sie liebte Crystal, das merkte man an dem strahlenden Lächeln, mit dem sie die Stute betrachtete. Zum Glück hatte sie Zoe die direkte Frage nicht übel genommen.

„Ich hab Crystal noch nicht so lange“, erwiderte sie. „Sie ist erst seit einem halben Jahr bei mir. Aber die Vorbesitzer hatten große Probleme mit ihr. Sie haben mir erzählt, dass Crystal aus heiterem Himmel ausgerastet ist. Die Leute hatten einen Reiterhof und wollten Crystal danach auf keinen Fall behalten.“

„Vielleicht hat jemand sie misshandelt und wollte es hinterher nicht zugeben“, sagte Zoe.

Mrs. Harris zuckte mit den Schultern. „Vielleicht. Irgendeinen Grund muss es ja gegeben haben. Auf jeden Fall wurde sie verkauft. Und so hab ich sie bekommen.“ Nachdenklich tätschelte sie den Hals der Stute. „Seit sie bei uns ist, gab es nicht das geringste Problem. Crystal ist ruhig, ausgeglichen, pflegeleicht. Sie fügt sich gut in die Herde ein und lässt sich prima führen.“

„Trotzdem haben Sie sie zu Caleb gebracht?“, fragte Zoe.

Mrs. Harris nickte. „Ich möchte, dass meine Tochter sie reitet. Amy ist fünfzehn und hat gerade mit dem Turnierreiten begonnen. Aber bevor ich sie auf Crystals Rücken lasse, will ich natürlich ausschließen, dass Crystal irgendwie gefährlich sein könnte.“

„Wir werden Crystal ein paar Wochen hierbehalten und beobachten“, sagte Caleb. Er fuhr mit den Fingern durch die Mähne der Stute, dann glitt seine Hand über ihren weißen Rücken. „Sie wirkt tatsächlich vollkommen entspannt. Und das nach einer so langen Reise.“

Mrs. Harris seufzte. „Ich hoffe wirklich, dass alles okay mit ihr ist. Wie geht es denn jetzt weiter? Wo wird Crystal untergebracht?“

„Sie kommt auf die kleine Koppel hinter dem Stall“, sagte Caleb. „Im Moment sind da nur drei andere Pferde, ganz friedliche Vertreter ihrer Art, mit denen sie sich bestimmt gut verstehen wird. Sie ist die Außentemperaturen gewohnt?“

„Ja. Sie hat in Alaska auch immer draußen übernachtet. Ihr Fell ist dicht, sie braucht nicht mal eine Decke.“

„Super.“ Caleb nickte.

„Aber ich schon“, sagte Mrs. Harris.

„Was?“ Caleb blinzelte verwirrt.

„Ich hätte recht gerne eine Decke“, sagte Mrs. Harris. „Und gegen ein Bett hätte ich, ehrlich gesagt, auch nichts einzuwenden.“

Caleb lächelte. „Sie haben ein Zimmer im Gästehaus.“ Er zeigte auf den Neubau, zu dem ein Fußweg hinter dem Parkplatz führte. „Soll Zoe Sie hinbringen? Sie kann Ihnen auch mit dem Gepäck helfen.“

„Ach, ich glaub, ich find es auch allein. Und ich hab nur eine kleine Tasche dabei.“ Mrs. Harris’ Blick wanderte neugierig über Zoes Gesicht. „Zoe heißt du? Irgendwie hab ich das Gefühl, dass ich dich kenne. Kann das sein?“

Und ob das sein konnte. Noch vor einem Jahr war Zoe mit ihrer Querflöte um die Welt getourt und in allen großen Konzerthäusern aufgetreten. Sie war ein internationaler Star, ein Wunderkind, dessen Konzerte Monate zuvor ausverkauft waren und deren YouTube-Videos von knapp einer Million Fans aufgerufen wurden.

Aber das war vorbei. Nach einem Zusammenbruch hatte Zoe ihre Karriere aufgegeben und mit dem Reiten begonnen. Hier in Snowfields interessierte sich niemand für klassische Musik, ihr früheres Leben spielte keine Rolle. Und das war auch gut so, fand Zoe.

„Ich glaube nicht“, sagte sie hastig. „Ich war jedenfalls noch nie in Alaska.“

Mrs. Harris nickte, aber ihre Miene war skeptisch. Man konnte förmlich sehen, wie sie ihre Erinnerung durchforstete.

„Na, dann wollen wir mal.“ Caleb griff nach Crystals Halfter. „Ich bin gespannt, wie es Crystal bei uns gefällt. Kommst du mit zur Weide, Zoe? Du kannst mir helfen.“

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Caleb brauchte eigentlich keine Hilfe mit Crystal, sie ließ sich so brav zur Koppel führen wie ein Schoßhündchen. Aber auch ihm war Mrs. Harris’ neugieriger Blick aufgefallen.

„Danke“, sagte Zoe erleichtert, als Crystals Besitzerin ihre Tasche aus dem Auto geholt hatte und außer Hörweite war.

„Wofür?“ Diesmal wanderte nur eine von Calebs Augenbrauen in die Höhe.

Bevor Zoe etwas erwidern konnte, hatte er sich in Bewegung gesetzt und sie folgte ihm schweigend. Sie führten Crystal am Schlossgraben entlang, hinter dem die dicken weißen Mauern des Internats in die Höhe ragten. Oben endete das Ganze in einem Gewirr aus spitzen Giebeln und runden Türmen.

Das Hauptgebäude der Snowfields Academy sah aus wie ein mittelalterliches Schloss, dabei war es erst vor hundert Jahren von einem Eisenbahnmillionär erbaut worden, der sich damit ein Denkmal setzen wollte.

Als die Anlage in ein Eliteinternat für Profireiter umgebaut worden war, war der alte Gebäudekomplex durch moderne Anbauten ergänzt worden, in denen die Mensa, Seminarräume, die Reithallen und die Stallungen untergebracht waren.

Auf dem Schulgelände befanden sich auch noch ein Supermarkt, die Blockhäuser, in denen die Lehrer und alle anderen Angestellten wohnten, und das Gästehaus, in dem Mrs. Harris übernachten würde.

Die Koppel, auf der Crystal fürs Erste bleiben sollte, lag windgeschützt und abgeschieden zwischen dem modernen Stallgebäude und der großen Reithalle.

Jetzt passierten sie den kleinen Round-Pen mit den hohen Weidepaneelen, in dem Caleb mit seinen Pferden arbeitete.

„Bei mir war es damals genauso“, sagte er unvermittelt, ohne Zoe dabei anzusehen.

„Was?“ Sie war verwirrt. „Wovon sprichst du?“

„Nachdem ich als Profireiter aufgehört hatte, hat es mich total genervt, wenn mich jemand darauf angesprochen hat“, erklärte er. „Es waren immer die gleichen Fragen, immer die gleichen Bemerkungen. Aber sie hatten nichts mit mir zu tun. Es war, als ob die Leute gar nicht mich meinten, sondern einen Wildfremden.“

Bevor Caleb sich entschieden hatte, Pferdeflüsterer zu werden, war er mit Shaman internationale Turniere geritten – mit riesigem Erfolg. Bei den Olympischen Spielen in London hatten sie die Silbermedaille errungen, bei der darauffolgenden Weltmeisterschaft Gold.

Aber dann hatte Caleb Shaman enttäuscht, genau wie Zoe den Mustang enttäuscht hatte. Seitdem ließ der Hengst Caleb nicht mehr auf sich reiten. Immer wenn Zoe daran dachte, wurde ihre Brust eng vor Panik. Jetzt verdrängte sie den Gedanken an Shaman mit aller Macht.

„Und wie bist du deine Fans losgeworden?“, fragte sie stattdessen.

Caleb zuckte mit den Schultern. „Es hört auf. Nach einiger Zeit vergessen sie dich. Es geht schneller, als man denkt.“

„Gut“, sagte Zoe.

Caleb schob den Holzriegel nach oben, mit dem das Gatter der Pferdeweide verschlossen war. Als er die Leine von Crystals Halfter löste, hörte Zoe schnelle Hufschläge. Zwei Reiter kamen über das freie Feld galoppiert, das sich hinter dem kleinen Round-Pen bis zum Wald erstreckte.

Auch jetzt zeigte Crystal keine Unruhe, sie drehte nur neugierig den Kopf und musterte die Pferde, die rasch näher kamen.

Ein großer Fuchs mit weißer Blesse, gefolgt von einem wunderschönen dunkelbraunen Lusitano-Hengst. Die Reiter waren Cyprian und Isabelle. Beide waren in Calebs Pferdeflüsterer-Klasse.

Sie hatten Caleb und Zoe gesehen und lenkten die Pferde auf sie zu.

Noch bevor sie sie erreicht hatten, spürte Zoe das vertraute Flattern in ihrer Magengegend, als ob sich dort ein Insektenschwarm in Bewegung setzte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, versuchte, sich zusammenzureißen. Aber das machte die Sache nur noch schlimmer.

„Hi.“ Jetzt brachte Cyprian Fire vor dem Eingang zum Round-Pen zum Stehen. Seine fast unnatürlich blauen Augen wanderten einen Moment lang über Zoes Gesicht, was die Insekten in ihrem Magen erneut aufscheuchte. Dann flog Cyprians Blick weiter zu Crystal, die immer noch neben Caleb stand, obwohl er sie nicht mehr festhielt.

„Was ist das denn für eine Schönheit?“, fragte Cyprian. „Die sieht man ja schon von Weitem leuchten!“

„Das ist Crystal“, sagte Caleb. „Sie ist gerade aus Alaska angereist.“

„Die Schneekönigin.“ Cyprian lächelte sein stilles, etwas schiefes Cyprian-Lächeln. „Ich wusste immer, dass es sie gibt.“

„Hi zusammen!“ Jetzt hatte auch Isabelle sie erreicht. Sie parierte Branco direkt neben Fire durch und starrte Crystal neugierig an. Zoe senkte den Blick, wie immer, wenn Cyprian und Isabelle nebeneinander standen.

Sie war sich ziemlich sicher, dass die beiden mehr als nur Freunde waren. Cyprian und Isabelle ritten so oft zusammen aus, sie saßen im Unterricht an einem Tisch und waren unglaublich vertraut miteinander. Manchmal stellte Zoe sich vor, wie Cyprian mitten im schneebedeckten Wald aus dem Sattel sprang und wie Isabelle ebenfalls abstieg. Und wie Cyprian seine Arme um sie legte und sie an sich zog.

In der Schule, in Gegenwart von anderen, berührten sich die beiden nie. Aber Zoe spürte die Schwingungen zwischen ihnen wie ein leises Flirren.

„Wer ist das?“, fragte Isabelle. „Ein neues Therapiepferd?“

„Crystal“, stellte Caleb die Stute erneut vor. „Aus Alaska.“

Isabelle sprang aus dem Sattel. Sie ließ Branco einfach stehen, ohne ihn anzubinden, und ging an Zoe vorbei durch das immer noch geöffnete Gatter. Ihre seidenglatten braunen Haare flossen unter dem Helm hervor und in sanften Wellen über ihre schmalen Schultern.

Isabelle war vermutlich die einzige Person auf der Welt, die nach einem schnellen Galopp immer noch so aussah, als käme sie gerade aus dem Schönheitssalon. Alles an ihr war bezaubernd, sogar ihre Sprache. Sie stammte aus Quebec und redete mit einem süßen frankokanadischen Akzent.

„Crystal ist ein paar Wochen zur Beobachtung hier“, sagte Caleb. „Obwohl ich, ehrlich gesagt, glaube …“

„Das gibt’s doch nicht“, murmelte Isabelle.

„Was?“, fragte Caleb irritiert. Und dann: „Bist du okay, Isabelle?“ Denn Isabelles schönes schmales Gesicht war auf einmal totenbleich. Nur auf ihren Wangen glühten zwei kreisrunde rote Flecken. Ihre mandelförmigen dunklen Augen waren weit geöffnet, sie sah aus, als ob sie gerade ein Gespenst erblickt hätte.

Isabelle war jetzt nur noch ein paar Meter von Crystal entfernt.

Die Stute schnaubte laut, warf den Kopf nach oben und stieß ein helles Wiehern aus. Es klang wie eine freudige Begrüßung.

Aber Isabelle reagierte, als ob die Stute nach ihr geschnappt hätte. Erschrocken machte sie einen Satz nach hinten, rutschte dabei auf einem gefrorenen Grasbüschel aus und wäre fast gefallen.

„Vorsicht.“ Zoe trat mit einem großen Schritt neben sie und ergriff ihren Arm.

Keine schnellen, hastigen Bewegungen in Gegenwart der Pferde. Das predigte ihnen Caleb ständig. Und Isabelle war eine seiner besten Schülerinnen und assistierte ihm oft, wenn er mit besonders schwierigen Pferden arbeitete. Wieso verhielt sie sich jetzt so unprofessionell?

Durch Isabelles Daunenjacke hindurch spürte Zoe, dass ihre Klassenkameradin zitterte.

„Alles klar?“, fragte sie leise. Was für eine bescheuerte Frage.

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