Logo weiterlesen.de
Pflege: fit

Siegfried Huhn

Pflege: fit

Praxiswissen für den Alltag

Inhalt

Vorwort

Pflegewissen und evidenzbasierte Pflege

Altersbilder und Pflege

Pflege alter Menschen

Mundgesundheit braucht gute Pflege

Pflege bei Schlaf und Schlafstörungen

Obstipation und pflegerische Obstipationsprophylaxe

Paradoxe Diarrhoe

Therapie bei chronischer Obstipation

Kontrakturprophylaxe: Immer geschmeidig bleiben

Sturzprophylaxe: Kriminalistische Fähigkeiten erforderlich

Mobilitätsförderung in der Pflege

Fixierung und Stürze: Der Werdenfelser Weg

Der Schlaganfall im Pflegeheim

Medikamentenmanagement: Unerwünschte Wirkung vermeiden

Arzneimittel-Therapiesicherheit

Schwerhörigkeit: Betroffene sinnvoll unterstützen

Altersblindheit: Unterstützung für den Alltag

Schmecken und Riechen

Widerstände: Wenn Bewohner Pflege ablehnen

Gewalt durch Bewohner gegen Pflegepersonen

Gewalt durch Pflegepersonen gegen Bewohner

Autor

Vorwort

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Sie halten ein Buch mit Beiträgen zur praktischen Pflege in den Händen. Die Inhalte behandeln Themen, die in Gesprächen mit Pflegepersonen und in Fortbildungen häufig als interessant oder auch als dringlich beschrieben worden sind. Die Inhalte orientieren sich an den konkreten Fragen aus dem Pflegealltag. Für die Veröffentlichung haben der Verlag und ich uns vorgenommen, die Inhalte praxisnah und kompakt vorzustellen, damit Sie als LeserInnen schnell alle nötigen Informationen zu dem jeweiligen Wissensgebiet bekommen. Es handelt sich um Pflegethemen der bewohnernahen Versorgung, mit denen ich mich als Fortbildner und Autor seit vielen Jahren beschäftige. Alle Beiträge sind für diese Buchausgabe fachlich überarbeitet worden. Die Beiträge sind so gestaltet, dass sie in sich geschlossen sind und auch unabhängig voneinander gelesen werden können. Dadurch kommt es an einigen wenigen Stellen zu inhaltlichen Doppelungen. Wir wollten Ihnen damit aufwendiges Nachschlagen durch Querverweise ersparen und den Lesefluss erhalten.

Pflegepersonen wollen ihren Bewohnern eine Pflege anbieten, die sowohl die fachlichen als auch die persönlichen Bedürfnisse abdecken. Der Gesetzgeber fordert eine Pflege, die nach neuesten Erkenntnissen durchgeführt wird. Deshalb haben wir an den Anfang einen Beitrag zu Evidenzbasierter Pflege gestellt, um diesen so häufig verwendeten Begriff greifbar zu machen und aus der pflegewissenschaftlichen Betrachtung in Alltagshandeln zu überführen. Sie werden beim Lesen feststellen, dass ohne die Erfahrung der Pflegepersonen und ohne die Vorstellungen der Bewohner kein Evidenzhandeln hergestellt werden kann. Im Gegenteil: der Anspruch an evidenzbasierte Pflege stärkt die Pflegepersonen als fachlich kompetente Akteure in der Versorgung alter Menschen und im Gesundheitswesen. Erfahrung und Fachwissen ermöglichen die Begründung von Pflegehandeln und stärken somit die Pflegeposition im Dialog mit anderen Fachleuten, mit Prüfinstanzen, mit Angehörigen und selbstverständlich auch mit den Bewohnern. Fachwissen bietet die Chance sich zu positionieren und in kritischen Momenten mit mehr Gelassenheit zu reagieren. Dazu soll dieses Buch einen Beitrag leisten.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich von den Beiträgen anstecken lassen und dadurch Anregungen für weitere Veröffentlichungen geben wollen, so freuen wir uns darüber und werden gerne darauf eingehen. Teilen Sie uns Ihre Vorschläge mit. So wie Sie ihre Bewohner gut versorgen wollen, so wollen der Verlag und ich unseren Lesern Büchern anbieten, die deren Bedürfnissen entsprechen. Wir freuen uns über jede Anregung.

Mit kollegialen Grüßen aus Berlin und Hannover

Ihr Siegfried Huhn

Pflegewissen und evidenzbasierte Pflege

Mancherorts lässt sich vernehmen, ein Gespenst gehe um in der deutschen Pflegelandschaft, nämlich das der Evidenz.

Was nicht evidenzbasiert ist, gelte ja gar nicht mehr und berufliche Erfahrung spiele keine Rolle mehr. Zudem würde Praxiswissen durch Pflegewissenschaft überrollt und zunichte gemacht. Wissenschaftlern wird oft vorgeworfen, die Pflegepraxis nicht zu kennen und keine Ahnung von den tatsächlichen Bedingungen zu haben. Entstanden ist die evidenzbasierte Medizin bereits in den 1970er-Jahren. In der heutigen Form wurde sie um 1990 von David Sackett (1934 – 2015) eingeführt, der eine wissenschaftlich begründete Versorgung für alle Patienten forderte. Andere Fachbereiche der Gesundheitsversorgung haben sich dieser Forderung angeschlossen. Schon ab Mitte der 1990er-Jahre entwickelte sich die evidenzbasierte Pflege, die dann in Deutschland 1999 in der Gründung des Deutschen Zentrums für Evidenz-basierte Pflege durch Johann Behrens und Gero Langer in Halle ein Gesicht und einen institutionellen Rahmen bekommen hat. Somit gelten die Regeln der wissenschaftlichen Versorgung für pflegebedürftige Menschen und Bewohner von Pflegeheimen.

Berufsordnung für Pflegeberufe

Die Rahmenberufsordnung für professionell Pflegende verpflichtet Pflegepersonen, sich auf dem aktuellen Stand des Wissens zu halten, und dieses Wissen so einzusetzen, dass der Patient/Bewohner eine seinem Bedarf und seinen Bedürfnissen gerechte Pflege erhält. Die Selbstverpflichtung der Pflegeberufe in ihren Standesrichtlinien (Berufsordnung) macht darüber hinaus deutlich, dass ein Pflegeangebot nach dem allgemein anerkannten Stand pflegewissenschaftlicher und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse gestaltet werden muss. Daraus lässt sich eine notwendige Auseinandersetzung mit evidenzbasierter Pflege und Forschungsergebnissen zwingend ableiten.

Was meint evidenzbasierte Pflege?

Unter evidenzbasierter Pflege oder evidenzbasierter Praxis wird verstanden, dass Patienten und Bewohner eine Versorgung erhalten, die nach dem besten Stand des Wissens und nach den Bedürfnissen des Patienten oder Bewohners gestaltet wird. Dabei setzt sich Wissen aus – Forschungsergebnissen,

– Expertenwissen,

– Erfahrenswissen der Pflegepersonen,

– Präferenzen der Patienten/Bewohner

zusammen. Die Vorstellungen und Wünsche der Patienten oder Bewohner werden gleichberechtigt in den Entscheidungsprozess einbezogen. Hierdurch wird die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte pflegerische Vorgehensweise begründet, nachvollziehbar und mit allen Beteiligten partnerschaftlich gestaltet.

Evidenzbasierte Pflegepraxis beschreibt also in erster Linie ein Pflegehandeln, das sich fachlich und sachlich begründen lässt. Pflege passiert nicht einfach so aus Tradition und weil es irgendwie zur Situation passt. Vielmehr wird nach bestem Wissen und den fachlichen Kenntnissen das Pflegehandeln festgelegt und für alle nachvollziehbar erklärt.

Deutlich wird bei dieser Beschreibung, dass spezielles pflegerisches Wissen weiterhin genutzt werden muss und in die jeweilige Begründung einfließt. Damit ist ausdrücklich auch das Wissen aus der Praxis und die Umsetzung der Empfehlungen gemeint. Erfahrungswissen, das sich aus überlegtem theoretischen Fachwissen und in der Praxis erworbenem Wissen ergibt, unterscheidet sich jedoch von traditionellem Wissen, das aus reiner Überlieferung und vagen Vermutungen herrührt und nicht hinterfragt wurde.

Evidenzbasiertes Wissen wird in einem fortlaufenden Prozess ohne Ende entwickelt:

– vorhandenes Wissen aus Theorie und Praxis zusammenfassen,

– Wissen miteinander vergleichen und prüfen, – daraus neue Erkenntnisse ableiten und weiterentwickeln,

– Projektphase/Neues ausprobieren,

– Erkenntnisse der Berufsgruppe zur Verfügung stellen,

– Lehren und Lernen,

– Überleitung in die Pflegepraxis,

– Praxiserfahrung und Theoriebildung,

– vorhandenes Wissen aus Theorie und Praxis zusammenfassen.

Fachliche Mängel im Pflegehandeln

Die Pflegewissenschaftlerin Monika Krohwinkel hat im Rahmen ihrer Forschung bei Schlaganfallkranken und in ihrem Pflegekonzept der „Fördernden Prozesspflege“ Mängel im Pflegehandeln festgestellt und in den vier sogenannten „defizitären Kategorien der Pflege“ zusammengefasst. Diese Kategorien gelten auch heute noch und sind im Pflegealltag weiterhin erkennbar.

Unsichtbarkeit

Pflegehandeln wird nur auf die jetzige Situation bezogen und auf den kurzfristigen Erfolg ausgelegt. Die möglichen negativen Auswirkungen von Pflegemaßnahmen werden nicht oder nur begrenzt erkannt.

Fragmentierung

Zusammenhänge von Bedürfnissen, Fähigkeiten und Problemen werden nicht oder nicht ausreichend erkannt. Das Pflegeangebot wird zerlegt und nicht ganzheitlich gestaltet. Die Patienten/Bewohner werden wohlwollend versorgt, jedoch im Sinne der Einrichtung oder der Pflegepersonen.

Diskontinuität

Patienten/Bewohner erhalten mit Wechsel der Pflegeperson ein unterschiedliches Pflegeangebot. Jeder macht so, wie er denkt. Die Pflegepersonen sprechen sich zu wenig ab und machen das, was ihnen richtig und praktisch erscheint.

Abhängigkeit

Pflege wird an den Defiziten des Patienten/ Bewohners ausgerichtet. Fähigkeiten werden nicht erkannt. Patienten/Bewohner werden in Abhängigkeit gehalten, ihre Vorstellungen nicht oder zu wenig berücksichtigt. Pflegeentscheidungen werden oft über den Kopf der Patienten/Bewohner hinweg gestaltet.

(nach Krohwinkel 2007)

Pflegehandeln regelmäßig prüfen

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, vorhandenes Wissen regelmäßig zu überdenken und zu prüfen, ob sich neue Erkenntnisse ergeben haben. Erkenntnisse sind einem steten Wandel unterworfen. Erkenntnisgewinn geht immer mit der Prüfung derzeitigen Pflegewissens einher, wodurch sich oft zeigt, dass den bisherigen pflegerischen Maßnahmen die theoretischen Grundlagen fehlen und die derzeitige Praxis verändert werden muss.

Das führt oft zu Verwirrung und Unsicherheit bei den Pflegepersonen, die selbstverständlich davon ausgegangen sind, richtig zu handeln. Neuen Entwicklungen wird daher weniger in einer sachlich begründeten Skepsis begegnet, sondern eher abwehrend widerständig. Das zeigt jedoch, wie wichtig es ist, sich regelmäßig zu bestimmten Themen fortzubilden.

Beispiele pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse

Es gibt inzwischen zahlreiche Beispiele, aus denen sich ein direkter Einfluss wissenschaftlicher Erkenntnisse auf das Pflegehandeln ergeben und ein Nutzen für die Berufspraxis am Bewohner ableiten lässt.

Beispiel 1:

In einer Untersuchung konnten Pflegewissenschaftler nachweisen, dass Freiheitentziehende Maßnahmen nicht helfen, Stürze zu verringern (Köpke et al. 2012). Zahlreiche Praxisbeispiele bestätigen inzwischen diese Ergebnisse. Die Arbeit hat nicht nur Einfluss auf die Fixierungspraxis, sondern kann auch im Rechtsfall gute Argumente liefern, weshalb von einer Fixierungsmaßnahme abgesehen wurde (Papenberg 2015). Das bedeutet, hier erfahren Pflegeeinrichtungen und Pflegepersonen eine Rechtssicherheit aus pflegefachlicher Sicht, die bei gerichtlichen Auseinandersetzungen vor Rechtsansprüchen schützen kann.

Beispiel 2:

Die Übersichtarbeiten aus der Kontrakturprophylaxe haben gezeigt, dass die bekannten Maßnahmen zur Kontrakturprophylaxe zwecklos sind und zum Teil sogar schädigen können und das Kontrakturrisiko erhöhen (Huhn 2011; IQP 2011; Scheffel & Hantikain 2011). Die Ergebnisse haben in der Konsequenz dazu geführt, dass die bisherigen Maßnahmen zur Kontrakturprophylaxe nicht mehr Gegenstand der MDK-Prüfung in den Pflegeheimen sind.

Beispiel 3:

Mehrere Untersuchungen haben gezeigt, dass subkutane Infusionen in ihrem Ergebnis genau so wirksam sind wie intravenöse Infusionen und ideal sind, bei nicht ausreichendem Trinken zur Prophylaxe und bei leichter bis mittlerer Dehydratation Flüssigkeit zuzuführen (Huhn 2013). Dadurch sind subkutane Infusionen als verordnungsfähig eingestuft und können vom Arzt verschrieben werden. In der ambulanten Versorgung durch Pflegedienste sind subkutane Infusionen dadurch zu einer abrechenbaren Leistung geworden.

Beispiel 4:

Verschiedene Untersuchungen belegen, dass die klinische Risiko-Einschätzung bei Patienten/Bewohnern durch Pflegefachpersonen den jeweiligen Risiko-Skalen nicht unterlegen ist (Balzer 2014; Kottner & Schröder 2010; DNQP 2005). Damit kann auf die Verwendung von Skalen verzichtet werden, was eine Zeitersparnis bedeuten kann und der Pflege-Fachlichkeit einen höheren Stellenwert einräumt.

Verantwortung gegenüber den Menschen

Häufige wird von den Berufsangehörigen der Pflegeberufe betont, dass die Berufstätigkeit mit einer hohen Verantwortung einhergehe, weil sie sich auf Menschen beziehe.

Der Pflegewissenschaft gegenüber wird vorgeworfen, eben nicht den einzelnen Menschen in seiner Besonderheit zu sehen, sondern allgemeine Regeln aufzustellen. Das Argument trifft es jedoch nicht. Hier wird außer Acht gelassen, dass ein wesentliches Kriterium wissenschaftlicher Güte bedeutet, stets zu prüfen, ob Untersuchungsergebnisse sich auf einzelne Personen und spezielle Gruppen übertragen lassen. Erst daraus ergibt sich die Gültigkeit der Erkenntnisse.

Verantwortliches Handeln den Menschen gegenüber macht einen regelmäßigen Wissenserwerb nötig und pflegewissenschaftliche Erkenntnisse müssen schneller in das Pflegehandeln am Bewohner einfließen. Das können jedoch die Pflegepersonen in ihrem Berufsalltag nicht alleine leisten. Pflegepersonen brauchen hierzu die Unterstützung aus der Leitungsebene. Bildungs- und Wissensmanagement kann sich dabei nicht auf das Angebot von Fortbildungsseminaren oder die Ausgabe von Handlungsanweisungen beschränken. Vielmehr braucht es den Austausch aller Beteiligten und für neue Entwicklungen einen gezielten Praxistransfer. Dabei muss mit Unruhe und Widerstand gerechnet werden, worin die eigentliche Herausforderung liegt (Vollmar & Meyer 2015).

Berufspolitische Herausforderung

Für die gegenwärtige Situation und die Zukunftsgestaltung auch in der Praxis der Pflegeberufe braucht es dringend eine berufspolitische Kompetenzdiskussion, in der deutlich werden muss, was in den Pflegeberufen geleistet wird bzw. geleistet werden kann. Insbesondere auch, dass es sich bei professioneller Pflege um theoriegeleitete Berufsinhalte handelt, die wissens- und wissenschaftsbasiert sind und keine haushaltsähnlichen Tätigkeiten darstellen.

Es kann darüber hinaus nicht sein, dass die einzelnen Bereiche innerhalb der Pflegeberufe in einen Wettbewerb treten, der oft einfach in Theorie und Praxis unterschieden wird. Vielmehr soll es zu einem Wissensaustausch, zu Teilhabe und Ergänzung kommen: die theoretische Arbeit braucht praxisnahe Informationen und die personennahe Arbeit braucht theoretische Fundierung.

Wissenschaftliche Fachgesellschaften mit Pflegesektionen

Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe/AG Pflegewissenschaft: www.dbfk.de

Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft: www.dg-pflegewissenschaft.de

Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie: www.dggg-online.de

Deutsches Netzwerk evidenzbasierte Medizin/ Sektion Pflege: www.dnebm.de

Literatur

Balzer, K. (2014): Dekubitusrisikoeinschätzung – mit oder ohne Risikoskala? Berlin

Bartholomeyczik, S. (2002): Dimensionen eines professionellen Pflegeverständnisses. In: Hurrelmann & Razum (Hg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften. Weinheim S. 931 – 959

Behrens, J.; Langer, G. (2010): Evidence-based Nursing and Caring. Methoden und Ethik der Pflegepraxis und Versorgungsforschung. Bern

DNQP (2005): Expertenstandard Sturzprophylaxe. Osnabrück

DPR (2004): Rahmenberufsordnung. Berlin

Huhn, S. (2011): Strategien der Kontrakturprophylaxe bei mobilitätseingeschränkten Bewohnern von Pflegeheimen. München

Huhn, S. (2012): Subkutane Infusion. Effektiv und praktikable. In: Die Schwester/Der Pfleger 8 (52)

IQP (2011): Kontrakturprävention in der Pflege Älterer. München

Köpke, S. et al. (2012): Effect of a Guidline-based Multi-component Intervention in Use of Physical Restraints in Nursing Homes. A Cluster Randomized Controlled Trial. In: JAMA 307 /2177 – 2184

Krohwinkel, M. (2007): Rehabilitierende Prozesspflege am Beispiel von Apoplexiekranken. Bern.

Papenberg, A.-M. (2015): Der Sturz. Im Spannungsfeld zwischen Haftungsrecht und pflegerischen Möglichkeiten. Köln

Scheffel, S.; Hantikain, V. (2011): Präventive Maßnahmen zur Kontrakturprophylaxe in der Geriatrischen Pflege. In: Pflege 3 (17) 183 – 194

Schneider, H. (Hg.) (2008): EBN – Evidence-based Nursing. Wien

Vollmar, H.C.; Meyer, G. (2015): Das hohe Lied der Implementierung gesicherter Maßnahmen in die Gesundheitsversorgung. Editorial. In: Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen. 2 (109) 95 – 96

Altersbilder und Pflege

Jedes Lebewesen ist einem Alterungsprozess unterworfen. Menschen unterscheiden sich darin nur in einer Weise von anderen Lebewesen: Menschen wissen um diesen Prozess des Älterwerdens und das er in das Sterben mündet.

Was ist Alter?

Sie erleben von Anfang an die unterschiedlichen Altersstufen bei anderen Personen bis zum Erreichen des entsprechenden eigenen Alters. Alt werden und Alt sein sind demnach für Menschen eine biologische Gewissheit, die an anderen Menschen wahrgenommen und irgendwann an sich selbst erlebt wird.

„Alter“ ist schon immer ein relativer Begriff, abhängig von der Lebenserwartung in der Bevölkerung, den sozialen Gefügen und auch von der Sicht einzelner Personen. Das Alter beschreibt die letzte Lebensphase, in die der Mensch naturgegeben hineinwächst. Für die meisten Menschen beginnt das Alter mit dem Eintritt in den Ruhestand, also in Deutschland nach dem Gesetz derzeit mit 65 Jahren. Auch politisch und soziodemografisch wird diese Einteilung verfolgt.

Das „Altern“ des Menschen jedoch beschreibt die tatsächlichen oder erlebten Veränderungen zumeist in körperlichen oder geistigen Bezügen. Es handelt sich um einen komplexen persönlichen Prozess, der von Faktoren wie den Erbanlagen oder Umweltbedingungen abhängig ist. Altern ist eine individuell unterschiedlich ablaufende Tatsache, die sich nicht verhindern und nur wenig beeinflussen lässt.

Alterungsvorgänge im menschlichen Körper führen zu Veränderungen an praktisch allen Organen. Werden diese Veränderungen von den Betroffenen lange nicht erfahrbar, oder aber als „Altern“ erfahrbar, kann sich die persönliche Beurteilung des eigenen Alters entsprechend unterschiedlich darstellen. Das hängt im Wesentlichen von der Einschätzung der Gesundheit und erlebbaren Leistungsfähigkeit ab. Tatsächlich sind aber auch die objektiven Unterschiede in keinem anderen Lebensabschnitt so groß wie im Alter.

Altersbilder

Der Blick auf das Alter und auf alte Menschen ist in hohem Maße durch Bilder bestimmt, die in Personen oder innerhalb einer Gesellschaft entstehen oder vorherrschen. Solche Altersbilder bestimmen die Vorstellung vom eigenen Alter und dem Alter anderer Menschen, sowie die Vorstellung vom Altern als Prozess und dem persönlichen Umgang mit alten Menschen. Altersbilder schaffen oder beeinflussen die gesellschaftliche Realität, an der sich das vorherrschende Verständnis vom Alter begründet und orientiert. Altersbilder drücken nicht nur Annahmen darüber aus, wie Alt-Sein ist oder nicht ist, sondern auch Erwartungen daran, wie das Alter und der alte Mensch sein sollten oder nicht sein sollten. Die Bilder vom Alter beinhalten also auch Vorstellungen davon, was als normal im Alter gesehen wird. Dabei werden sowohl das soziale Verhalten der alten Menschen, aber auch die körperliche Fitness oder Gebrechlichkeit und geistige Frische in Altersbildern ausgedrückt. Diese Bilder bewerten das Alter und das Altsein und überführen diese Bewertungen in emotionales und moralisches Denken und in Erwartungen den alten Menschen gegenüber. Daraus entstehen dann Meinungen, Einstellungen und der soziale Umgang mit alten Menschen. Die jeweiligen Altersbilder tragen zur Verstetigung institutioneller Praktiken bei, die häufig ungerechtfertigte und unangemessene Meinungen, Überzeugungen, Einstellungen und Ungleichbehandlungen stützen und begründen. Im Alltag finden sich dazu Äußerungen von der „süßen kleine Oma“ bis zu dem „alten Drachen“ oder der „richtigen Hexe“ Diese Verniedlichungen oder auch Verteufelungen entspringen alle den persönlichen Vorstellungen und Altersbildern. Der jeweiligen positiven oder negativen Beschreibung liegen Bilder zugrunde, an denen sich die Personen entsprechend der jeweiligen Situation ausrichten. Beides wird dem alten Menschen nicht gerecht.

DAS ALTER IST WEIBLICH

 

 

Frauen

Männer

Bevölkerung

65 +

59,4 %

40,6 %

Bevölkerung

80 +

70,8 %

29,2 %

Alleinlebend

65 +

80,9 %

19,1 %

Pflegebedarf

65 +

74,0 %

26,0 %

Pflegebedarf

80 +

81,0 %

19,0 %

Armutsschwelle

80 +

87,6 %

12,4 %

Pflegende Angehörige

80,0 %

20,0 %

Im Pflegeheim lebend

78,9 %

21,1 %

An Demenz erkrankt

70,0 %

30,0 %

 

 

Quelle: Schulz 2006; DZA 2016

Altern und Pflege

Es ist äußerst schwierig, die Normalität des Alters zu erfassen und die Vielschichtigkeit der Realität des Alters in ein Altersbild zu bringen. Auch bei der Beurteilung des Alters und der Alterungsprozesse durch Angehörige der Pflegeberufe finden sich vielfach einfache Polarisierungen, in denen der einsame, leidende und abhängige Mensch dem unabhängigen, unternehmenslustigen und geistig regen alten Menschen gegenübergestellt wird. Hierdurch wird der alte Mensch nicht als vollständige Person gesehen, sondern auf einige wenige Merkmale reduziert und danach bewertet. Berufsbedingt überwiegt die Defizitorientierung mit negativen Vorstellungen, insbesondere von Hinfälligkeit und Pflegebedarf im Alter. Im kognitiv-psychischen Bereich werden dem Alter insbesondere das Nachlassen geistiger Fähigkeiten, demenzielle Entwicklungen, Unzufriedenheit und geringe Flexibilität zugeordnet. Bei Widerspruch durch alte Menschen wird oftmals unreflektiert von Altersstarrsinn gesprochen.

Positive Aspekte, wie Reife, Gelassenheit, Wissen und Lebensweisheit, Zufriedenheit und Freude am Dasein, werden von den Angehörigen der Gesundheitsberufe seltener gesehen. Altersbedingte Zugewinne, wie mehr Freizeit, weniger Verpflichtungen, Selbstbestimmung und finanzielle Unabhängigkeit werden so lange gesehen, bis ernsthafte altersbedingte Beschwerden und Pathologien auftreten. Beim Auftreten von altersbedingten gesundheitlichen Beeinträchtigungen werden diese eher als Bestätigung des vorherrschenden Altersbildes gesehen.

Institutionelle Altersbilder können soweit beeinflussen, dass sich die gesundheitliche Versorgung, insbesondere in den Bereichen Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation, geringer darstellt als bei jüngeren Gruppen. Institutionelle Altersbilder legen in den jeweiligen Institutionen (Pflegeheim, ambulante Pflege, Arztpraxis, Krankenhaus, Krankenkasse usw.) Maßstäbe und Handlungsanweisungen für die gesundheitliche Versorgung fest und tragen entscheidend dazu bei, ob Interventionen als sinnvoll erachtet, eingeleitet und durchgeführt werden. Die Umgangsformen alten Menschen gegenüber und die Bewilligung von Teilhabe an Entscheidungsprozessen sowie der Förderung von Selbstwirksamkeit hängt in hohem Maße von den Altersbildern der verantwortlichen Berufsangehörigen und den Vorstellungen in den Teams ab.

Altersbilder alter Menschen

Auch alte Menschen selbst haben für sich Altersbilder, die nicht immer der Wirklichkeit entsprechen. Die persönlichen Altersbilder der alten Menschen wirken sich nachhaltig auf das Selbstbild, die eigenen Möglichkeiten, die Lebensplanung und die Gestaltung des eigenen Alternsprozesses aus. Sie beeinflussen die Erlebens- und Verhaltensspielräume von Menschen, insbesondere deren Entwicklung und Nutzung von Stärken und Fähigkeiten.

Dennoch entsteht häufig die Situation, dass kalendarisch gleichaltrige Personen von alten Menschen als älter, weniger flexibel und auch kränker gesehen werden. Eigene Beschwerden und Krankheitsgeschehen werden vielfach als im Vergleich harmlos qualifiziert oder ganz negiert. Etwas seltener kann sich diese paradoxe Wahrnehmung auch in die andere Richtung zeigen, in der das eigene Leiden höher eingeschätzt wird als das der anderen.

Gesellschaft des langen Lebens

So alt wie im 21. Jahrhundert sind Menschen in den westeuropäischen Ländern bisher nicht geworden. Die Lebenserwartung ist seit 1900 um mehr als 30 Jahre gestiegen. Nach Schätzungen der Altersforschung wird die Anzahl der Hochaltrigen in den nächsten Jahrzehnten weiterhin steigen. Die höhere Lebenserwartung hat unterschiedliche Gründe. Alternsvorgänge sind eine Mischung aus den vorliegenden Genen, also einer gewissen Veranlagung, und äußeren Bedingungen wie Ernährung, körperlichen und gesundheitlichen Belastungen sowie Umwelteinflüssen, etwa der Luftverschmutzung oder Wettereinflüssen. Die Entwicklungen in der Medizin und die verbesserte Notfallversorgung haben die Überlebenschancen im Krankheitsfall deutlich erhöht. Die Veränderungen in der Arbeitswelt, insbesondere die verringerten körperlichen Belastungen und der höhere Arbeitsschutz, haben erheblich dazu beigetragen, dass mehr Menschen gesund das Rentenalter erreichen, als das in früheren Generationen der Fall gewesen ist. Es kann von einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung ausgegangen werden.

Die Lebenserwartung von neugeborenen Mädchen liegt heute in Deutschland bei 82,4 Jahren, die der Jungen bei 77,17 Jahren. Bei Erreichen des 80. Lebensjahrs werden Frauen heute im Durchschnitt noch 8,97 Jahre, die 80-jährigen Männer noch 7,65 Jahre leben. Die Mehrheit der Menschen in Westeuropa kann davon ausgehen, nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben noch viele Jahre bei guter Gesundheit vor sich zu haben und ihr Leben frei gestalten zu können.

Grenzen des langen Lebens

Die beschriebenen Fortschritte führen jedoch auch dazu, dass sich in der Gesellschaft des langen Lebens neben den positiven Möglichkeiten des Alters auch die Grenzen des Alters zeigen. Die möglichen Auswirkungen eines langen Lebens können auch in vielfachen gesundheitlichen Einschränkungen, in Behinderung und in Pflegebedarf münden.

So wird gleichzeitig mit den positiven Errungenschaften sehr wahrscheinlich auch die Anzahl der chronisch kranken und pflegebedürftigen Menschen steigen. Diese werden trotz ihrer Krankheiten und körperlichen Beschwerden deutlich länger leben, als das noch in der vorherigen Generation der Fall war. Bei alten Menschen besteht grundsätzlich ein höheres Risiko für Komplikationen, Folgekrankheiten und die Chronifizierung von Erkrankungen mit Verlust an Selbstständigkeit und Alltagsbewältigung. Dem muss in den verschiedenen Pflegebereichen von Anbeginn begegnet werden. Das erfordert von den Pflegepersonen weitaus mehr spezielles pflegerisches und medizinisches Wissen, als das bisher der Fall gewesen ist.

Literatur:

Aner, K.; Karl, U. (2010): Handbuch soziale Arbeit und Alter. VS Verlag Wiesbaden

Becker, St.; Brandenburg, H. (2014): Lehrbuch Gerontologie. Huber Bern

Generali Deutschland (2017): Generali Altersstudie. Köln

Höffe, O. (2018): Die hohe Kunst des Alters. C.H. Beck. München

Voges, W. (2008): Soziologie des höheren Lebensalters. Maro Verlag Augsburg

Statistisches Bundesamt (2010): Statistisches Jahrbuch 2010. Wiesbaden

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Pflege: fit" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen