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Piper und das Rätsel der letzten Uhr

Der Autor

Christoph Marzi
wuchs in der Eifel auf. Er begann im Alter von fünfzehn Jahren zu schreiben. Nachdem er mehrere Kurzgeschichten verfasst hatte, erschien 2004 sein Romandebüt Lycidas. 2005 wurde Marzi der Deutsche Phantastik-Preis für das beste Roman-Debüt verliehen. Seine Malfuria-Trilogie für jüngere Leser wurde auf Anhieb zum Bestseller. Christoph Marzi arbeitet als Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Saarbrücken.

Die Illustratorin

Kristina Andres
studierte zunächst Kunstgeschichte und Literatur, dann Kunst bei dem norwegischen Maler Olav-Christopher Jenssen. Weil sie das schon immer tun wollte, begann sie, Kinderbücher zu zeichnen.

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Titel

Christoph Marzi

Piper und das Rätsel der letzten Uhr

Mit Illustrationen von Kristina Andres

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Inhaltsverzeichnis

 

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Widmung

Für Lucia, die sich gerne gruselt,
&
für Stella, die sie dabei begleitet

»Ein Abenteuer passiert dem, der es am wenigsten erwartet.«
G. K. Chesterton

1. Kapitel

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Langweilig!, dachte Piper Hepworth, als sie die große Pfütze betrachtete. Wolken schwammen darin und ihr eigenes Gesicht, undeutlich und träge. Sterbenslangweilig, ja, so fühlte sich hier alles an.

»Du musst George Earles Nichte sein.« Die Stimme gehörte einer älteren Dame, die ein Kopftuch trug und irgendwie genauso aussah wie Mottenpulver in alten Schränken riecht.

»Hallo«, sagte Piper.

»Du bist groß für eine Elfjährige.«

Piper zuckte müde die Achseln. So wie es aussah, wusste wirklich jeder hier Bescheid.

»Du siehst deinem Onkel gar nicht ähnlich.«

»Ich sehe meinem Vater ähnlich«, antwortete Piper und lächelte höflich. Onkel George war der ältere Bruder ihrer Mutter.

»Und?«

Piper wusste nicht, was sie antworten sollte.

»Gefällt es dir bei uns?«

Bei uns, das bedeutete: in Buckbridge-in-the-Moor. Eine kleine Ortschaft mit kaum mehr als fünfzig Häusern, mitten im Dartmoor, und umgeben von flachen Hügeln, felsigen Erhebungen und vielen, vielen Hecken, die sogar die Mauern aus groben Steinen überwucherten. Eine Straße führte ins Dorf hinein, dieselbe Straße führte kurz darauf wieder heraus.

»Es ist nett«, sagte Piper.

»Schön«, sagte die Frau. »Ich bin Miss Naughton.«

»Hallo, Miss Naughton.«

»Du bist ein höfliches Mädchen«, stellte Miss Naughton fest. »Magst du Katzen?«

Piper wusste nicht wirklich, was diese Frage sollte. »Katzen sind okay«, sagte sie. Sie erinnerte sich, als sie einmal eine Katze im Unterricht gezeichnet und eine Verwarnung kassiert hatte, weil man bei Mr Darren in der Mathematikstunde keine Katzen zeichnen soll.

»Ich hasse Katzen.« Verschwörerisch kam Miss Naughton näher. »Sie sehen aus, als würden sie immerzu etwas aushecken.« Sie roch tatsächlich nach Mottenkugeln. »Verstehst du das?«

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Wieder wusste Piper nicht, was sie darauf antworten sollte.

»Ich lege Giftköder im Garten aus, das lehrt sie, nicht so arrogant zu sein. Du weißt doch, was arrogant bedeutet?«

Piper nickte geduldig.

»Du solltest dich vor den Katzen in Acht nehmen, mein Kind.«

Piper musste daran denken, dass Kühe ihr viel mehr Angst machten. Sie sahen so aus, als würden sie geheime Pläne aushecken, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Piper fand Kühe unheimlich. Aber das sagte sie der fremden Frau besser nicht. Miss Naughton schien jemand zu sein, der Kühe mochte, und Piper wollte nicht, dass das Gespräch kompliziert wurde.

»Wohin gehst du?«, wollte Miss Naughton wissen.

»In die Bücherei.«

»Dann bestell Mr Aysgarth doch einen schönen Gruß. Er soll sich vor den Katzen in Acht nehmen.«

»Mach ich«, versprach Piper.

Miss Naughton tätschelte ihr den Kopf und dann ging sie weiter die Straße entlang.

Piper schaute ihr nach und seufzte.

Seit gestern Nachmittag war sie nun schon hier im Dartmoor. Zu Besuch bei Onkel George, mit einem Haufen Schulaufgaben im Gepäck. Kelly und Nora, ihre beiden besten Freundinnen, waren in St. Ives. Alles, was Spaß machte, war in St. Ives. Sie wäre sogar lieber in die Schule gegangen, als hier zu sein. Alles war interessanter als Buckbridge-in-the-Moor. Selbst die Mathestunde bei Mr Darren. Das Kopfsteinpflaster der Straße war noch nass vom Regen der letzten Nacht. Es regnete viel in dieser Gegend. Dicke Wolken zogen schnell über den grauen Himmel, der weiter hinten in das dumpfe Grün der Hügel überging. Die Luft roch nach frischem Gras und Erde und nach dem klaren Wasser der Bäche und Flüsse, die überall die Wiesen durchzogen. Die Fäulnis der fernen Moore war hier kaum mehr als eine flüchtige Erinnerung.

Piper betrachtete erneut die Pfütze. Dann stampfte sie mit ihren Gummistiefeln, die ihr ein wenig zu groß waren, hinein, lauschte dem leisen Plitschplatsch und beobachtete die unruhigen Wellen.

Schließlich folgte sie der Straße den Hügel hinab.

Die Häuser waren recht klein und mit Reetdächern versehen, manche sogar noch mit Stroh. Breite Flecken von Moos machten sie teilweise etwas dunkel. Blumenkübel standen auf den Fensterbänken. Rosenhecken und andere Heckenpflanzen wuchsen überall dort, wo es Halt zum Ranken gab.

Eine Gruppe von Frauen, die alle wie gute Freundinnen von Miss Naughton aussahen und vollgestopfte Einkaufstaschen aus Stoff trugen, standen vor einem Gemischtwarenladen und unterhielten sich schnatternd. Als sie Piper sahen, winkten sie ihr zu.

Meine Güte, wusste denn wirklich jeder hier, wer sie war?

Sie winkte zurück und schlenderte weiter die Straße hinab.

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In kleinen Dörfern wie diesen, das wusste sie jetzt, wurde wirklich alles zu einer sensationellen Neuigkeit. Und die Tatsache, dass George Earle, ledig und kinderlos und in seiner Freizeit ein Bienenzüchter, sich für ein paar Tage um die Tochter seiner Schwester kümmern musste, hätte es wohl bis zur Schlagzeile in der lokalen Zeitung gebracht, wenn es denn eine lokale Zeitung gegeben hätte.

»In Orten, die so abgelegen und so klein sind wie Buckbridge«, hatte Pipers Vater bemerkt, »verbreiten sich Neuigkeiten schneller, als die Druckerschwärze zu Buchstaben wird.«

Piper verstand jetzt, was er damit gemeint hatte.

Gezwitscher, das war es. Die Leute hier zwitscherten wie die Vögel und dazu brauchten sie nicht einmal Internetzugang. Buckbridge-in-the-Moor war wie Twitter, nur noch schneller.

Piper hielt inne und dachte einen Gedanken, der ihr nicht gefiel. Ihr Vater und ihre Mutter waren jetzt auf den Hebriden-Inseln in Schottland, schauten sich die Gegend an und hatten Spaß. Pipers Vater schrieb besondere Reiseführer für Touristen, die andere Touristen hassten und ihnen aus dem Weg gehen wollten. Er zeigte ihnen, wie das ging. Und Pipers Mutter war selbstständige Steuerberaterin, was für Pipers Geschmack viel zu viel mit Zahlen zu tun hatte.

Piper seufzte.

»Wir möchten etwas Besonderes machen«, hatte ihr Vater ihr gestanden.

»Weil wir zehn Jahre verheiratet sind.«

»Ihr möchtet ohne mich feiern?« Piper hatte sofort gemerkt, dass etwas faul an der Sache war.

»Wir möchten zu zweit verreisen.«

»Erwachsene tun das manchmal«, hatte Pipers Mutter zu erklären versucht.

Piper war nicht erfreut gewesen, nein, ganz und gar nicht. Sie verreiste so gerne mit ihren Eltern.

»Hin und wieder«, hatte ihr Vater ihr geduldig zu erklären versucht, »müssen Eltern auch mal etwas allein unternehmen.« Dann hatten sich beide angeschaut, als wollten sie etwas aushecken.

Piper hatte gelächelt und eingelenkt: »Ist gut.«

Sie seufzte noch mal. Diesmal lauter.

Am Dorfbrunnen angekommen kreuzte eine Katze ihren Weg. Sie hatte glänzendes schwarzes Fell und weiße Flecken am Hals.

»Hüte dich vor Miss Naughton«, sagte Piper.

Die Katze blieb kurz stehen, starrte sie nur an und ging dann ihres Weges.

»Na ja, ich habe dich gewarnt.«

Mit langsamen Schritten latschte Piper weiter. Sich zu beeilen, machte keinen Sinn. Zeit hatte sie mehr als genug.

Schon die Fahrt hierher war sterbenslangweilig gewesen. Ihre Mutter hatte sie gestern mit dem Auto hergebracht. Die Gegend war immer verlassener geworden, es gab viele Kreuzungen und mindestens genauso viele Hügel. Überall sah es gleich aus. Hecken, Bäume, ein Bach, eine Brücke, Hecken, Bäume, ein anderer Bach. Irgendwann war sie eingeschlafen, und als sie aufwachte, waren sie auch schon in Buckbridge-in-the-Moor angekommen. Ihre Mutter war hektisch gewesen und hatte in Eile ihren Bruder George begrüßt, Pipers Reisetasche in den Eingang gestellt, ihre Tochter geküsst und versprochen, ganz schnell wieder herzukommen.

Dann war sie gefahren und Piper hatte fluchend festgestellt, dass sie ihren MP3-Player im Auto liegen gelassen hatte.

Jetzt war sie also hier. Ohne MP3-Player. Und mit einem Onkel, der nicht viel redete.

Immerhin hatte sie ihr Handy dabei.

»Damit bleiben wir in Kontakt«, hatte ihre Mutter gesagt.

Und ihr Vater hatte angemerkt: »Du kannst deine Freundinnen anrufen und SMS schreiben.«

Blöd nur, dass man Buckbridge-in-the-Moor im vermutlich größten Funkloch der Welt errichtet hatte. Während der ersten Stunden nach ihrer Ankunft hatte das pinkfarbene Handy vergeblich versucht, ein Netz zu finden, und Piper hatte es schließlich aus Mitleid ausgeschaltet.

»Oh Mann«, stöhnte sie leise, kaum hörbar. Sie kickte einen Stein vor sich her und sah ihm nach, als er in einer Pfütze versank.

Sie latschte weiter und gähnte dabei mehrmals.

Vor der kleinen Bücherei blieb Piper schließlich stehen.

Sie betrachtete die Bücher im Schaufenster: Für die Kinder gab es dort John Masefield, Roald Dahl, Enid Blyton und Diana Wynne-Jones, für die Erwachsenen Charlotte Brontë, Rosamunde Pilcher und Agatha Christie. Alte Schmöker. Gähn! Dazu Bücher wie Wandern im Dartmoor, Die Geschichte des Torfs und Angeln – Sport der Ruhe. Noch mehr: Gähn!

Zwischen den Büchern schimmerte ihr Spiegelbild.

Das schlaksige Mädchen im Spiegel lächelte nicht. Die karierte Regenjacke, eine orangefarbene Wollmütze, unter der dunkles Haar hervorquoll, wachsame Augen, haselnussbraun, eine alte Jeans, dazu die geblümten Stiefel, die zu groß waren, dafür aber wasserdicht – das bin ich, dachte Piper.

Dann fasste sie sich ein Herz und betrat die Bücherei.

Beim Klingelingeling der Türglocke schaute Mr Aysgarth auf. Er war von unbestimmtem Alter und hatte einen langen Bart, der wie störrische Schafswolle aussah. Kleine Äuglein lugten über die Ränder einer Nickelbrille hinweg. Er sah so staubig aus, wie Piper sich den Bibliothekar vorgestellt hatte. Abwartend saß er hinter einem alten Sekretär, neben dem eine grün-gelbe Topfpflanze mit großen breiten Blättern verwelkte. Auf dem Sekretär stand ein Schild, auf dem mit schnörkeligen Buchstaben sein Name zu lesen war.

»Ah, das kleine Fräulein Hepworth«, begrüßte er sie. Seine Stimme raschelte so leise, als würde er die Wörter einzeln umblättern.

»Piper«, sagte Piper.

»Ein musikalischer Name«, stellte er fest. Unter dem Bart war ein verschmitztes Lächeln zu erkennen.

Die Bücherei war nicht sehr groß. Die Regale quetschten sich in den kleinen Raum, schmiegten sich an den Wänden in die Höhe bis hinauf zur Decke. Es roch nach Räucherstäbchen (wie zu Hause in St. Ives, wenn ihre Mutter Yoga machte).

»Hüten Sie sich vor den Katzen«, sagte Piper, bevor sie es vergaß.

Mr Aysgarth kraulte sich den Bart. »Du hast also Miss Naughton getroffen.«

»Ich soll Ihnen das ausrichten.« Versprochen war versprochen.

»Sie hasst Katzen«, erklärte Mr Aysgarth belustigt.

»Ich weiß.«

»Aber weißt du auch, warum?«

Piper schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es auch nicht«, sagte Mr Aysgarth. »Aber alle hier wissen, dass es so ist, weil sie es jedem erzählt.«

Piper war froh, dass sie niemandem von den Kühen erzählt hatte. So etwas würde sich hier verdammt schnell herumsprechen, dessen war sie sich sicher, und sie wollte nicht, dass alle sie nur noch die Kühe-Hasserin nannten.

»Du bist hier, weil du ein Buch suchst«, stellte Mr Aysgarth fest. Keine sehr geistreiche, dafür aber eine treffende Bemerkung.

»Dir ist langweilig.«

Piper zuckte die Achseln. »Ich lese gerne.« Warum sollte sie wohl sonst hier sein?

»Das ist gut«, sagte Mr Aysgarth. »Die Welt ist voller Geschichten und die meisten davon sind bis zum Rand vollgestopft mit Abenteuern. Abenteuer in Geschichten sind harmloser als wirkliche Abenteuer, aber das weißt du sicherlich. Kinder wissen so etwas.« Er hustete, was ebenfalls wie das Rascheln beim Umblättern klang, nur lauter. »Außerdem weiß man ja nie, wann einem so ein Abenteuer widerfährt. Und wenn man viel über Abenteuer liest, dann ist man gewappnet.«

Das leuchtete Piper ein. Sie dachte an Bücher wie Tom Sawyers Abenteuer, Die Schatzinsel und Alice im Wunderland, die bei ihren Eltern zu Hause im Bücherregal standen. »Haben Sie denn ein Abenteuerbuch?«

»Alle Bücher, die ich habe, sind Abenteuerbücher.«

Piper bezweifelte insgeheim, dass Die Geschichte des Torfs und Angeln – Sport der Ruhe abenteuerlich waren, sagte aber nichts. Stattdessen fragte sie sich, ob er wohl auch ein Buch über böse Kühe hatte.

»Such dir eins aus. Man findet nur dann das richtige Buch, wenn man es sich selbst aussucht«, forderte Mr Aysgarth sie auf.

Piper ging zu dem erstbesten Regal und schaute sich die Bücher an. Die Buchrücken waren brüchig und ihre Farbe verblasst. Piper berührte sie leicht mit dem Finger, das tat sie immer, wenn sie Bücher aussuchte.

Mr Aysgarth schwieg. Das leise Rascheln, das sich jetzt anders anhörte als seine Stimme, verriet Piper, dass er womöglich gerade Zeitung las. Sie lugte zu ihm hinüber. Bingo! Er las in einem Heft über Schafe.

Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Schafe!

Dann fand sie ein Buch.

Sie zog es aus dem Regal und pustete den Staub vom Buchdeckel. Das Buch sah schön aus, irgendwie spannend. Es hieß Die 13 Uhren – ein seltsamer Titel, fand Piper. Das Buch war dünn und sah so aus, als könne man es in einem Rutsch lesen. Piper schlug es auf und las die ersten Sätze. Es ging um einen Duke, der in einem Schloss auf einem einsamen Hügel lebte, umgeben von dreizehn Uhren, die alle nicht gingen. Alles an dem Duke war kalt, sein Lächeln und auch sein Herz.

»Du hast eins gefunden?«, fragte Mr Aysgarth. Er war neugieriger, als Piper lieb war.

»Ja, sieht ganz so aus«, sagte sie. Es schien ein gruseliges Buch zu sein und Piper mochte es, sich beim Lesen zu gruseln. Allerdings hatte ihre Mutter ihr im letzten Jahr verboten, etwas von Stephen King zu lesen, und selbst Dracula hatte sie ihr weggenommen (obwohl das schon sehr alt und bestimmt nicht so gruselig war wie manche Sachen, die im Fernsehen kamen).

»Kennst du Jules Verne?«, fragte der Buchhändler. »In achtzig Tagen um die Welt steht drüben, eine Reihe weiter. Das könnte dir gefallen.«

»Glaub ich nicht«, sagte Piper nur. Das Letzte, was sie jetzt lesen wollte, war ein Buch über Menschen, die Spaß daran hatten zu reisen.

»Hm«, machte Mr Aysgarth nur. Das war alles.

Da das Buch über die dreizehn Uhren dünn war, suchte sie noch weiter. Ein Regal daneben standen Tierbücher. Piper ging die Buchtitel durch und entschied sich für die Geschichte eines Otters in Devonshire. Das Buch war fleckig grün und etwas gelb und mit einem gezeichneten Otter darauf. Sie mochte es gleich auf Anhieb. Piper ging hinüber zu dem Sekretär.

»Kann ich die beiden ausleihen?«, fragte sie.

Mr Aysgarth beugte sich vor und nahm die beiden Bücher entgegen. »James Thurber, hm, geistreich und tiefsinnig«, murmelte er zufrieden. »Und Henry Williamson.« Er schaute das Mädchen an. »Eine gute Wahl«, sagte er. »Wirklich eine gute Wahl«, wiederholte er und warf Piper einen anerkennenden Blick zu. Dann klappte er die Bücher auf und suchte zwischen dem Gerümpel im Inneren des Sekretärs nach seinem Stempel.

»Ich registriere sie für deinen Onkel.« Es war keine Frage. »Der Earle tummelt sich meist in der Ecke dahinten«, fuhr er fort und Piper folgte seinem Zeigefinger dorthin, wo sich eine Reihe von Büchern über Fischzucht und Bienenhaltung befand. »Dein Onkel mag Bienen sehr.«

»Ja, ich weiß«, sagte Piper. War ja auch schwer zu übersehen. Hinter dem Cottage standen vier Bienenstöcke.

Mr Aysgarth stempelte das Rückgabedatum hinten in die Bücher. Piper mochte das Geräusch des Stempelns. In St. Ives wurden die Bücher mit einem piepsenden Scanner in einen Computer eingelesen. Irgendwie war hier in Buckbridge alles viel ruhiger.

»Wie gefällt es dir bei uns?« Mr Aysgarth überreichte ihr die Bücher.

»Es ist sehr ruhig.«

»Nicht viele Kinder, was?«

Piper schüttelte den Kopf.

»Die sind alle in der Schule, hm.« Mr Aysgarth musterte sie abwartend.

Piper sagte: »Dachte ich mir.«

»Und du? Warum bist du nicht in der Schule?«

»Meine Eltern sind verreist. Diesmal ohne mich. Deswegen bin ich bei Onkel George.«

»Du hast demnach Ferien, sozusagen.«

»Ich bin beurlaubt. Für ein paar Tage«, sagte Piper und fügte freimütig hinzu: »Ich wäre aber eigentlich lieber in der Schule.«

Mr Aysgarth grummelte nur wieder: »Hm.« Dann zwinkerte er ihr zu. »Du darfst die Bücher zwei Wochen behalten. Aber so lange brauchst du bestimmt nicht.«

Piper hielt die Bücher fest in der Hand. Es war ein gutes Gefühl, sie dort zu wissen. »Ich bring sie zurück, bevor ich wieder nach Hause fahre.«

Mr Aysgarth nickte. »Viel Spaß beim Lesen.« Er schlug das Heft mit den Schafen erneut auf. Das Gespräch war offensichtlich beendet.

»Danke«, sagte Piper. Dann ging sie nach draußen.

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2. Kapitel

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Als Piper zurückkam, sah sie schon von Weitem, dass Onkel George nicht zu Hause war. Der grüne, mit Schlammspritzern übersäte Landrover Defender stand nicht an seinem Platz neben dem Cottage. Onkel George arbeitete für den Dartmoor National Park. Er kümmerte sich um den Wildbestand und weitere Dartmoor-National-Park-Sachen. So müde wie ihr Onkel am Abend immer war, musste das eine ganze Menge andere Sachen sein, vermutete Piper.

»Er redet nicht viel, deswegen mag er die Natur.« Das hatte ihre Mutter gesagt.

»Vielleicht mag er auch einfach nur die Natur und redet deswegen nicht viel«, hatte Piper überlegt.

Doch wie man es auch drehte, Onkel George mochte kurze knappe Sätze wie »Das da ist dein Zimmer, ich hoffe, es gefällt dir« und »Das sind die Bienenstöcke, sei vorsichtig.« Oder »Das ist die Küche, im Kühlschrank findest du alles«. Bevor er wegfuhr sagte er noch: »Meide das Moor, es ist zu unsicher. Hier ist der Haustürschlüssel, falls du allein unterwegs bist.«

Er war wortkarg, aber nett. Und er sah aus wie Pipers Mutter, wenn sie ein nicht-ganz-so-gut-aussehender Mann gewesen wäre.

»Mein Handy funktioniert nicht«, hatte Piper sich beklagt.

»Du kannst das richtige Telefon benutzen.«

Das richtige Telefon war ein großes altmodisches Ding mit einer Wählscheibe anstelle der Tasten. Es hing an der Wand in der Diele. Ein geringeltes schwarzes Kabel, das wie ein Ringelschwänzchen aussah, verband den Hörer mit dem Gerät.

»Das Telefon hat aber keinen Internetzugang«, hatte Piper bemerkt.

»Ich weiß. Brauchst du das Internet?«

»Ja, eigentlich schon.«

»Das tut mir leid.«

»Und wie soll ich jetzt erfahren, was es Neues gibt?«, hatte Piper leise und wütend gegrummelt.

»Morgens gibt es die Sun.«

Piper hatte mit den Augen gerollt und nicht weiter nachgefragt.

Oh Mann, Onkel George!

Das Cottage, in dem er lebte, lag am Rand der Ortschaft. Es war klein und duckte sich an einen sanften Hügel. Eine Mauer, die halb so hoch war wie Piper, umgab das Grundstück und dornige Hecken und Ranken überwucherten sie fast überall. Bis auf ein paar freie Stellen, die voller grüner Flechten und Moos waren. Es gab nicht viele Fenster im Haus bis auf wenige, die klein wie kurzsichtige Augen waren. Das mit dunklem Reet gedeckte Dach hatte einen Schornstein, der gedrungen wirkte.

In der Nacht hatte Piper nicht schlafen können, weil sie ein leises Getrippel und Getrappel gehört hatte.

»Das sind nur Mäuse«, hatte Onkel George ihr am Morgen beim Frühstück erklärt.

»Mäuse?«

»Mäuse sind nicht schlimm. Ratten sind schlimm. Aber Ratten haben wir keine.«

»Aber Mäuse.«

»Sie haben Angst vor uns, also musst du keine Angst vor ihnen haben.«

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