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RACHE – Auge um Auge

Inhalt

  1. Cover
  2. RACHE – Die Serie
  3. Über diese Folge
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1 ABSTURZ
    1. MONTAG, 01. FEBRUAR
  8. 2 HAUSBESUCH
  9. 3 NEUAUFTRAG
    1. MITTWOCH, 03. FEBRUAR
    2. DONNERSTAG, 04. FEBRUAR
  10. 4 DER LETZTE BULLE
    1. FREITAG, 05. FEBRUAR
  11. 5 GESTÄNDNISSE
    1. SONNTAG, 07. FEBRUAR
  12. 6 BAD COP – BAD COP
    1. MONTAG, 08. FEBRUAR
    2. DIENSTAG, 09. FEBRUAR
  13. 7 VERMINTES GELÄNDE
  14. 8 PHÖNIX
    1. MITTWOCH, 10. FEBRUAR
  15. 9 AMOK
  16. 10 ENDSTATION
  17. Leseprobe

RACHE – Die Serie

Laura Stein ist eine Getriebene. Die junge Kommissarin ging als Jugendliche durch die Hölle und überlebte. Aber die Vergangenheit verfolgt sie bis heute. Unerbittlich jagt sie seit Jahren dem Gangsterboss Victor Hansen hinterher. Um ihn zu stellen, ist ihr jedes Mittel recht. Selbst wenn sie einen Mörder als V-Mann rekrutieren muss …

Über diese Folge

Laura wird um Hilfe gebeten: Sie soll die Ehefrau des Ex-Polizisten Harald Brunner vor häuslicher Gewalt schützen. Die Kommissarin stutzt: Brunner hat eine brisante Verbindung zu Wolf. Doch der hat angeblich kein Interesse mehr an den alten Geschichten. Denn mit seiner geheimnisvollen Nachbarin Alina scheint endlich ein Neuanfang möglich …

Über den Autor

J. S. Frank hat nach seinem Germanistik-Studium mehr als zwanzig Jahre für ein internationales Medien-Unternehmen gearbeitet. Seit 2013 ist er freier Autor mit einem ungebrochenen Faible für die anglo-amerikanische und französische Literatur. J. S. Frank ist ein Pseudonym des Autors Joachim Speidel, der mit seinen Kurzgeschichten bereits zweimal für den Agatha-Christie-Krimipreis nominiert war. RACHE ist bereits seine zweite Thriller-Serie bei »be«.

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ABSTURZ

Zielscheibenschießen.

Das Dumme ist nur: Du bist die Zielscheibe. Und der Schütze mit der Waffe ist nur knappe zwei Meter von dir entfernt.

Er sitzt am Boden. Beine gespreizt. Es sieht komisch aus. Er hält mit beiden Händen die Pistole. Sie ist auf dich gerichtet. Er zieht den Abzug.

Bang, bang, he shot me down …

Die erste Kugel trifft dich in die Brust. Es fühlt sich an wie ein wuchtiger Schlag mit einem Vorschlaghammer. Du taumelst zurück. Die zweite Kugel trifft dich irgendwo im Hüftbereich. Wieder so ein Vorschlaghammer-Treffer.

Du fliegst nach hinten. Schwebst in der Luft. Starrst dabei hoch zur grauen Decke des Appartementflurs.

Bang, bang, I hit the ground …

Du knallst mit dem Rücken und dem Hinterkopf auf den Boden. Du zerspringst in tausend Teile wie eine Glasvitrine. Jedenfalls kommt es dir so vor.

Ach ja, die Decke des Appartementflurs ist immer noch grau. Nach und nach fügen sich die tausend Teile wieder zu einem großen Ganzen zusammen.

Zu dir.

Dein Herzschlag wummert dir in den Ohren. Das Atmen fällt dir schwer. Du hebst den Kopf. Siehst an dir herunter. Siehst die beiden zerfransten Einschusslöcher in deinem Hemd. Siehst, wie das Blut heraussuppt.

Komisch, du spürst keine Schmerzen.

Noch nicht.

Du bist voll mit Adrenalin.

Du spürst nicht mal, wenn du verreckst.

»Leg ihn um, Harry«, sagt eine gepresst klingende Stimme wie von ganz weit weg. »Leg ihn schon um!«

Du kennst diesen Harry, der auf dich geschossen hat, aber du kennst ihn nur vom Sehen. Ihr seid euch vorher schon ab und zu begegnet. Eine miese Ratte.

Er steht keuchend auf. Du hast ihm ins Bein geschossen und anschließend in die Brust. Aber der Scheißkerl hat eine Panzerweste unter seinem Hawaiihemd.

Hinter ihm liegt sein Kumpel mit dem Bauch auf dem Appartementflurboden. Du hast ihm eine Kugel in den Rücken verpasst. Er windet sich wie ein Wurm. Von ihm kommt die gepresst klingende Stimme: »Harry, leg ihn um!«

Hawaiihemd ist unschlüssig. Das Gesicht ist schmerzverzerrt. Seine Blicke gehen von seinem Kumpel zu dir und wieder zurück.

Hawaiihemd humpelt zu seinem Kumpel. Der schnauzt ihn an: »Arschloch! Du hast keine Zeit mehr. Du musst ihn abknallen. Mach schon!«

Du spannst die Bauchmuskeln an, um hochzukommen.

Jetzt spürst du die Schmerzen. Glühende Klauen, die dich aufreißen. Sie rauben dir den Atem. Dir wird schwarz vor Augen. Aber irgendwas in dir sagt: »Steh auf! Das ist deine einzige Chance.« Also versuchst du aufzustehen.

Du bist auf allen vieren.

Hawaiihemd kommt auf dich zu. Du hörst die genagelten Schuhe. Er zieht das Bein mit der Schusswunde nach.

Du setzt dich auf die Knie.

Er hebt den Arm mit der Pistole. Du blickst in die Mündung.

Dann hörst du eine fremde Stimme, hart, laut, bestimmt: »Stopp! Waffe runter!«

Hawaiihemd drückt dir den Lauf gegen die Stirn.

Wieder die fremde Stimme: »Waffe runter, oder ich schieße!«

Hawaiihemd nestelt mit der freien Hand in der Brusttasche herum, findet einen Ausweis, dreht den Arm nach hinten: »Ich bin ein Kollege von euch. Drogenfahndung. Kommissar Brunner.«

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Alles wimmelt von Polizisten in Uniform und in Zivil, von Kriminaltechnikern in Schutzanzügen und von Sanitätern und Notärzten.

Du bist immer noch auf den Knien. Eine Ärztin, rundes Gesicht, runde Schultern, runde Arme, sagt: »Wir legen Sie jetzt auf die Liege. Aber Sie müssen uns helfen. Hören Sie mich?«

Du hörst sie, aber du willst ihr nicht helfen. Du siehst, wie eine Liege aus der Wohnung der Nutte und ihres Zuhälters getragen wird. Das Skelettmädchen ist draufgeschnallt. Auf dem Gesicht eine Sauerstoffmaske. Sie lebt also noch.

Hawaiihemd steht mit dem Rücken zu dir. Dreht sich um. Sieht dich an. Ein Gesicht wie aus Beton. Die Finger formen sich zu einer Pistole.

Genau das Gleiche machst du auch. Ihr zielt aufeinander. Ihr drückt ab.

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Überall Menschen. Der ganze Innenhof dieser Wohnanlage, dieses Betonbunkers, ist voll von Menschen. Sie wollen die Toten sehen, die Schwerverletzten.

Du bist auf einer Liege festgeschnallt. Die Räder der Liege klappen auf, du wirst zu dem Rettungswagen gerollt. An deinem Wagen vorbei. An deinem Ford Camaro.

Frankie, dein Bruder, sitzt noch hinter dem Lenkrad. Sein Kopf hängt zum Fahrerfenster heraus. Er ist voller Blut. An der Schläfe klafft ein Einschussloch.

Du schüttelst den Kopf, bis die Sauerstoffmaske von deinem Gesicht rutscht. Du rufst: »Frankie!« Immer wieder: »Frankie!« Du rüttelst an den Befestigungsriemen. Du willst dich losreißen.

Die Transportliege kommt ins Schlingern. Die Rettungssanitäter haben alle Hände voll zu tun, damit die Liege nicht umfällt.

Du rufst in einem fort: »Frankie!«

Und die Liege kippt um und …