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Raw Deal (01) – Gegen alle Regeln

CHERRIE LYNN

Raw Deal

Gegen alle Regeln

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Barbara Slawig

Zu diesem Buch

Als ihr Bruder in einem Cagefight gegen den berüchtigten Mike »Red Reaper« Larson ums Leben kommt, bricht für Savannah eine Welt zusammen. Doch als Mike auf der Beerdigung auftaucht, gebrochen, voller Schuld und auf der Suche nach ihrer Vergebung, bricht ihr Herz ein weiteres Mal. Von seiner Brutalität und Besessenheit, die er im Ring zeigt, ist nichts mehr zu spüren, und je mehr Zeit sie mit Mike verbringt, desto tiefer verliert sie sich in dem Mann, den ihre Familie abgrundtief hasst. Ihre Liebe ist verboten und voller Gefahr. Doch wie soll Savannah von dem Mann loskommen, der nicht nur ihren Körper, sondern auch ihr Herz in Flammen setzt?

»Atemberaubend!« Natasha Is A Bookjunkie

1

Savannah Dugas hatte noch nie einen Weißkopfseeadler in freier Wildbahn gesehen. Dass jetzt einer dieser Vögel direkt über ihnen schwebte, als schwarzer Schatten vor dem unglaublich blauen Himmel, kam ihr irgendwie passend vor. Sie konnte den weißen Kopf erkennen, den dunklen Körper und die majestätisch breiten Schwingen. Tommy hatte Adler geliebt. Er hatte ein riesiges Adlertattoo auf dem Rücken gehabt, das Bild eines wilden und stolzen Wesens, dessen ausgebreitete Flügel bis zu Tommys Schultern reichten.

Dieses Tattoo würde sie nun nie wieder zu Gesicht bekommen.

Als sie von dem Adler zurück zu Tommys bronzefarbenem Sarg blickte, wurde ihr schwindelig, und eine Sekunde lang hatte sie Sorge, ohnmächtig zu werden oder sich übergeben zu müssen. Das war kein Wunder, denn Savannah hatte seit drei Tagen kaum etwas gegessen. Sie biss die Zähne zusammen und musste all ihre Willenskraft aufbieten, um die Übelkeit niederzukämpfen. Bleib stark, dachte sie. Ich muss stark sein. Ihre Mutter klammerte sich an ihren rechten Arm, und Rowan stützte sich schwer auf ihren linken. Savannah wusste, wenn sie jetzt zusammenbrach, würden die beiden anderen Frauen es auch tun. Regina Dugas hatte ihren Sohn verloren. Rowan Dugas hatte den Mann verloren, in den sie sich auf dem College verliebt hatte. Ihren Ehemann. Die Liebe ihres Lebens.

Und ich habe meinen Bruder verloren.

Der Pfarrer redete. Und redete. Und redete. Aus Staub bist du, zum Staub musst du zurück. Ringsum war Schniefen und leises Weinen zu hören. Savannah konnte den Blick nicht von den bunten Blumengestecken abwenden, die Tommys Sarg umrahmten. Die Farben verschwammen und vermischten sich miteinander. Tommy hätte die Blumen nicht gemocht. Überhaupt hätte ihm diese kleine private und pressefreie Trauerfeier am Familiengrab nicht gefallen. Tommy war immer herausragend gewesen – vielleicht hatte ihn das Leben deshalb nicht festhalten können. Sicherlich wäre ihm ein Jazzbegräbnis oder eine Abschiedsparty mit Bier vom Fass lieber gewesen. Aber nein, das wäre unter der Würde der Familie Dugas gewesen.

Ihr großer Bruder. Für immer fort.

Savannah blendete erneut alle anderen Menschen aus und schaute zu dem Adler hinauf. Vielleicht war das ja Tommy, der sich seine eigene Beisetzung anschaute. Normalerweise waren ihr solche Gedanken fremd, aber jetzt gefiel ihr die Vorstellung. Ich weiß, du bist bestimmt enttäuscht, sagte sie in Gedanken zu ihm und schloss die Augen. Tut mir leid. Ich hab’s versucht. Gut möglich, dass die anderen glaubten, sie würde den Himmel um Antworten bitten. Tatsächlich wünschte sie sich nur, ebenfalls davonfliegen zu können.

Sie spürte ein Zerren am linken Arm und kehrte auf die Erde zurück. Regina war der Überzeugung, dass man in allen Lebenslagen Haltung bewahren musste, aber Rowan hatte inzwischen völlig die Fassung verloren, weinte verzweifelt und lehnte sich schwankend an Savannah. Sie hatte das Gesicht in einem Haufen weißer Papiertaschentücher verborgen; dahinter drangen gedämpft ihre gequälten Schluchzer hervor. Immer mehr Trauergäste blickten zu ihr herüber, die tränenfeuchten Augen voll Mitgefühl.

Savannah legte Rowan einen Arm um die bebenden Schultern, zog sie an sich und murmelte tröstende Belanglosigkeiten. Oh Gott, was war eigentlich schlimmer? Selbst zu trauern oder die Trauer einer Frau mit ansehen zu müssen, deren gesamte Welt zusammengebrochen war?

Rowan beugte sich vor und gab würgende Geräusche von sich. Savannah zog sie von der Gruft fort, bevor sie sich übergab oder – noch schlimmer – sich auf Tommys Sarg warf und damit ein unangemessenes Spektakel bot. Als sie Rowan von der Feier fortgeleitete, spürte sie viele Blicke in ihrem Rücken. Sie ging mit ihr den kleinen Hügel hinab bis zu einer Steinbank, die ein gutes Stück von der wohlparfümierten Trauergemeinde entfernt stand. Als sie sich setzte, seufzten ihre Füße förmlich vor Erleichterung. Savannah hätte zwar nicht behauptet, dass sie sich wesentlich besser fühlte, während sie dort im warmen Sonnenschein saß, umgeben von Gruften und Mausoleen, wie sie für die Friedhöfe in New Orleans typisch waren, aber wenigstens bekam sie wieder Luft.

»Danke«, sagte Rowan, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte. »Ich hätte es keine Minute länger dort ausgehalten.«

»Ich auch nicht.« Savannah strich Rowan ein paar blonde Haarsträhnen aus dem Gesicht, die an ihren tränennassen Wangen klebten. Dann schaute sie in die Höhe. Der Adler kreiste immer noch am Himmel. »Schau mal, da oben.«

Rowan schniefte, gehorchte und atmete zittrig ein. »Wow.«

»Genau. Der ist schon fast die ganze Zeit da.«

»Ich war dabei, als Tommy sich das Tattoo hat stechen lassen.« Rowan sah zu, wie der Vogel träge im Wind dahinsegelte, und betupfte ihre Augen mit den Taschentüchern. »Bei jeder Sitzung. Er war so stolz auf dieses Tattoo. Ich habe ständig rumgemeckert, weil wir so viel Adlerkram im Haus hatten, ich wollte, dass er das alles in seine Männerhöhle schafft. Adler in jedem Zimmer.« Sie lachte leise und traurig. »Jetzt werde ich sie bestimmt nie wegtun können. Was zum Teufel soll nur aus mir werden, Savvy?«

Du wirst aufstehen und weitermachen, auch wenn es sich im Augenblick nicht danach anfühlt. Das konnte sie schlecht aussprechen. »Das wird schon. Wir sind alle für dich da, das weißt du doch. Daran wird sich nie etwas ändern.«

»Es fühlt sich immer noch wie ein Albtraum an. Ich rechne ständig damit, dass ich gleich aufwache. Ich bete darum.«

»Ich wünschte, es wäre so, Ro. Aber wir stecken beide darin fest. Wir stecken alle mit drin.«

»Tut mir leid, falls ich eine Szene gemacht habe.«

»Hast du gar nicht.«

»Es war einfach … oh Gott! Ich hatte bei diesem Kampf sofort ein schlechtes Gefühl. Das habe ich ihm auch gesagt, und jetzt muss ich ständig daran denken, wie er mich ausgelacht hat.«

»Er hat gelacht, weil du vor jedem seiner Kämpfe ein schlechtes Gefühl hattest. Es hat uns doch allen nicht gefallen. Mom musste jedes Mal ein Beruhigungsmittel nehmen, wenn er in den Käfig stieg.«

»Aber diesmal war es anders. Hast du das nicht auch gespürt?« Rowan sah sie aus ihren grünen Augen flehend an.

»Eigentlich nicht, Ro. Nicht mehr als sonst. Du hast mir gar nichts davon gesagt.«

»Ich weiß. Ich habe es nur ihm erzählt.« Sie schaute erneut zum Himmel hinauf. »Glaubst du, das ist Tommy, der sich von uns verabschieden will?«

Savannah zuckte die Schultern. Vorhin hatte sie das Gleiche gedacht, aber jetzt kam es ihr albern vor. Eine ehrliche Antwort hätte Rowan allerdings kaum getröstet. »Schon möglich.«

»Wenn Mike Larson hier wäre, würde ich ihm ins Gesicht spucken.«

Und da waren sie wieder, dieser Hass und die Vorwürfe, die Savannah ständig zu hören bekommen hatte – seit Tommys verhängnisvollem Mixed-Martial-Arts-Kampf gegen die Nummer eins der Rangliste im Schwergewicht, einen Kämpfer, der demnächst vermutlich den Champion herausfordern würde.

Rowan wäre vielleicht mutig genug gewesen, Larson ins Gesicht zu spucken, doch Savannah war sich bei sich selbst da nicht so sicher. Larson musste nur die Stirn runzeln, schon lief es ihr kalt den Rücken hinunter; sie konnte sich nicht vorstellen, ihn auch noch zu beleidigen. Während der vielen Berichte im Vorfeld des Kampfes hatte sie immer wieder den verbissenen Ausdruck in seinen eisblauen Augen, seine arrogante und angeberische Körperhaltung und seine prallen Muskeln bemerkt und war froh gewesen, dass nicht sie gegen ihn antreten musste. Und auch wenn sie das damals nie laut ausgesprochen hatte, so hatte sie doch ein wenig Mitleid mit Tommy empfunden, weil der mit Larson in den Käfig steigen musste.

»Er behauptet, es sei ein tragischer Unfall gewesen«, sagte sie leise. Bei den Interviews nach dem Kampf war ihr aufgefallen, dass Larsons Blick ein wenig von seiner eisigen Kälte verloren hatte. Seine Stimme war weniger hart gewesen. Er hatte so ausgesehen, als täte es ihm leid, und so hatte er auch geklungen. Savannah wollte das gern glauben. Rowan dagegen wollte jemandem die Schuld geben, damit sie nicht das Gefühl hatte, dass ihr ein grausames Schicksal Tommy ohne jeden Grund in so jungen Jahren entrissen hatte.

Der Kampf werde seine Karriere entschieden voranbringen, hatte ihr Bruder gesagt. Er hatte so hart dafür trainiert. Wenn er nur vorher gewusst hätte, dass dieser Kampf ihn das Leben kosten würde … Nun ja, so wie Savannah ihn kannte, wäre er das Risiko trotzdem eingegangen. Der Kampf war nicht einseitig gewesen; Tommy hatte ebenso viel ausgeteilt, wie er einstecken musste, zumindest am Anfang. Sie hatte sich Hoffnungen gemacht. Sie war so stolz auf ihn gewesen. Aber als ihm in der dritten Runde allmählich die Kräfte schwanden, war ihr das nicht entgangen, und dann am Ende … dieser eine verheerende Schlag gegen den Kopf …

Subdurales Hämatom, hatten die Ärzte gesagt. Blutungen im Gehirn. Er war k. o. gegangen, wieder zu sich gekommen und dann neben dem Käfig erneut zusammengebrochen. Danach hatte er es nicht mehr geschafft, zu ihnen zurückzukehren.

Doch an diese wenigen chaotischen Minuten durfte sie nicht zu lange denken, sonst würde sie ebenso zusammenbrechen wie Rowan. Eins stand jedenfalls fest: Sie würde sich nie mehr einen Kampf anschauen.

Savannah atmete tief ein und verdrängte entschlossen die Erinnerungen. Während sie Rowan zerstreut über den Rücken strich, schaute sie zu der Trauergemeinde hinüber. Gott, würde dieser Pfarrer denn nie aufhören zu predigen? Die ganze Veranstaltung sollte doch nur darüber hinwegtäuschen, dass all das, was Tom Allen Dugas einmal ausgemacht hatte, was er gewesen war oder hätte werden können, für immer fort war. Von ihm blieb nur sein Name auf dem Schild am Familiengrab. Nichts erinnerte mehr an seine Erfolge oder seine Leidenschaft oder seine Liebe zu der Frau, die jetzt neben Savannah saß.

»Ein Unfall«, spottete Rowan. Mehr sagte sie nicht, aber Savannah wusste genau, was sie dachte.

Auch wenn die Wahrheit Rowan ebenfalls nicht trösten würde, musste Savannah sie trotzdem aussprechen: »Was soll es denn sonst gewesen sein? Du glaubst doch nicht etwa, dass er es mit Absicht getan hat?«

»Sagt dir nicht wenigstens eine leise innere Stimme, dass Tommy ohne ihn noch leben würde?«

»Ja, schon, aber Rowan … Tommy ist schließlich in den Käfig gestiegen. Er ist das Risiko eingegangen. Larson war genauso blutig geschlagen wie Tommy. Ich habe da nur zwei Männer gesehen, die beide den Kampf gewinnen wollten.«

»Man kann auch gewinnen«, erwiderte Rowan bitter, »ohne den andern totzuprügeln.«

Savannah schwieg. Es war sinnlos, und vermutlich kam es auch nicht darauf an. Sollte Rowan ruhig das glauben, was ihr am meisten half. Außerdem hatte Savannah wie üblich weggeschaut, sobald es für Tommy schlecht lief. Es war ihr schon immer schwergefallen, mitzuerleben, wie einem geliebten Menschen Schmerzen zugefügt wurden. Aus diesem Grund hatte sie die letzten Momente zum Glück nicht mit angesehen. Sie wollte sie sich auch jetzt nicht anschauen. Niemals. Larson war freigesprochen worden. Tommys Tod galt als Unfall. Das war alles, was sie darüber wusste, und daran würde sie festhalten.

Also ließ sie das Thema fallen. »Fühlst du dich etwas besser?«

»Ein bisschen. Aber ich kann da nicht wieder hin. Können wir hier sitzen bleiben, bis es vorbei ist?«

»Klingt nach einer wunderbaren Idee.«

»Danke, Savannah. Ich liebe dich.« Rowan lehnte den Kopf an Savannahs Schulter. Savannah hielt sie fest, streichelte ihren Arm und schaute hinauf in den Himmel. Der Adler war fort.

Es hieß immer, nichts sei so deprimierend wie ein Begräbnis im Regen. Mike Larson konnte dem nicht zustimmen.

Er fand es sehr viel deprimierender, wenn der Himmel blau und wolkenlos war, die Bäume frühlingsdicke Knospen trugen und in den Ästen die Vögel sangen, während die Gruppe der Trauernden weiter unten am Hügel in winterlicher Starre verharrte.

Er wusste, wie sich das anfühlte, wenn die Welt es wagte, sich weiterzudrehen, während man selbst am Boden zerstört war.

»Das ist jetzt echt der falsche Zeitpunkt, Mann«, sagte sein Bruder. »Ich hab’s schon mal gesagt. Du kannst nicht einfach in ein Familienbegräbnis reinplatzen. Das macht man nicht.«

Mike blickte zu Zane hinüber und nickte. »Ich weiß. Du hast ja recht.« Seit er von der Trauerfeier erfahren hatte, verspürte er den unwiderstehlichen Drang, dabei zu sein, irgendetwas zu tun, wenigstens etwas zu sagen. Aber jetzt, wo er hier war … was gab es schon zu sagen oder zu tun? Tommy lag da unten im Sarg, und gleich würden sie – nun ja, das machen, was immer sie mit ihm vorhatten. Genau konnte er es nicht erkennen, denn die Familie hatte sich vor dem Eingang zu einem Bau versammelt, der wie ein Mausoleum aus Marmor aussah. Zu Hause in Houston hätte man Dugas in der Erde begraben. Aber hier standen Mike und sein Bruder inmitten von Dutzenden ähnlicher Bauwerke wie dem, vor dem sich die Familie eingefunden hatte. Einige Bauten waren aufwendig mit Statuen und Reliefs geschmückt, andere ganz schlicht, manche makellos, andere verwittert, und alle standen aufgereiht nebeneinander wie Häuser an schmalen Straßen. Doch wie immer man es auch betrachtete und was immer mit Dugas geschehen sollte, Mike war dafür verantwortlich. Er war verdammt noch mal die letzte Person, die Dugas’ Angehörige sehen wollten. Jetzt oder sonst irgendwann.

»Und was machen wir dann hier? Dieser Friedhof ist gruselig. Ich kann verstehen, dass die Leute ›Stadt der Toten‹ dazu sagen.« Zanes Augen waren hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, und sein langes schwarzes Haar hatte er unter eine Baseballkappe gestopft. Das war seine übliche Verkleidung, wann immer er sich in die Öffentlichkeit wagte, auch wenn Mike ihm oft lachend versicherte, so berühmt sei er nun auch wieder nicht. Tatsächlich liefen Zanes neueste Hits ständig im Radio, und er steckte mitten in einer ausverkauften Konzerttournee durch die USA und Kanada, daher konnte es durchaus passieren, dass sein kleiner Bruder von begeisterten Mädels umgerannt wurde, sobald er sich irgendwo blicken ließ.

»Weiß ich nicht.«

»Können wir dann bitte wieder gehen?«

Eigentlich schon. Mike hätte wissen müssen, dass er am Ende doch kneifen würde. Tommy im Käfig gegenüberzutreten war die eine Sache gewesen. Da hatte Mike sein Schicksal selbst in der Hand gehabt, niemand sonst. Aber hier hätte er sich Tommys trauernden Angehörigen stellen müssen. Worte waren noch nie seine Stärke gewesen. »Geh du einfach singen. Ich hab dich nicht gebeten mitzukommen.« Zanes Tour hatte ihn rein zufällig heute nach New Orleans geführt. Als Mike ihn angerufen und ihm gesagt hatte, dass er von Houston rüberfliegen würde, hatte sein Bruder jedoch darauf bestanden, ihn zum Friedhof zu begleiten … Hauptsächlich, um ihm sein Vorhaben auszureden.

Was habe ich denn vor? Offenbar gar nichts.

Zane sah auf die Uhr. »Ich muss wirklich los, zum Soundcheck. Bleibst du über Nacht?«

Er hatte sowieso nichts Besseres zu tun. »Warum nicht.«

»Cool. Lass uns gehen.« Zane wandte sich ab und steuerte auf den schwarzen Escalade zu, den sie sich an der Konzertarena geschnappt hatten. »Vielleicht überlasse ich dir ja sogar eins von meinen Groupies. Du siehst ein bisschen angespannt aus.«

»So was ist nicht mein Stil, das weißt du doch.« Wenn er angespannt wirkte, dann deshalb, weil er die weite Reise bis hierher gemacht und dann doch die Nerven verloren hatte. Aber was sagte man auch zu einer Familie, die man eigenhändig zerstört hatte? Es tut mir leid? Wohl kaum, verdammt.

Als sie eben um eine Ecke biegen wollten, die ihnen den Blick auf Tommys Trauergemeinde versperrt hatte, beobachtete Mike, wie sich zwei Frauen aus der Gruppe lösten – wobei eine der beiden die andere offenbar stützen musste – und zwischen zwei blendend weißen Grabstätten verschwanden. Er war ein gutes Stück von ihnen entfernt und hatte sie auch nur kurz gesehen, doch er meinte sich zu erinnern, dass sie während des Kampfes beide in der vordersten Reihe gesessen hatten. Diejenige, die kaum gehen konnte, war zierlich und blond, die andere groß, gertenschlank und dunkelhaarig.

»Hey, einen Moment noch«, sagte er zu seinem Bruder, wartete dessen Reaktion aber nicht ab, sondern eilte in dieselbe Richtung wie die beiden jungen Frauen. Zane blieb ihm natürlich auf den Fersen. Das machte der kleine Scheißer schon seit seiner Geburt.

»Was ist denn?«

»Da die zwei Frauen, die bei der Trauerfeier waren. Ich glaube, sie waren auch beim Kampf dabei. Eventuell gehen sie schon.«

»Dann wollen die bestimmt nicht ausgerechnet jetzt dein Gesicht sehen.«

Gut möglich. Aber zweien gegenüberzutreten, war weniger furchterregend, als allen auf einmal, und vielleicht bekam er ja so ein Gefühl für die Situation. Verdammt, er musste es wenigstens versuchen. Er fühlte sich dazu verpflichtet, sich aus der Nähe anzuschauen, welchen Schmerz er verursacht hatte. War das nicht das Mindeste? Und falls die beiden Frauen wütend wurden und ihn verfluchten, hatte er nicht auch das verdient?

Wie üblich schien Zane seine Gedanken zu lesen. »Mach jetzt bloß nicht aus lauter schlechtem Gewissen irgendwas, was du nachher bereust, Mann. Du bestrafst dich selbst schon hart genug. Lass dich nicht von denen da auch noch bestrafen. Es war nicht deine Schuld, das weißt du genau. Es war einfach ganz beschissenes Pech.«

Mike hatte sein Leben lang nichts als beschissenes Pech gehabt. Anscheinend wurde er das einfach nicht los. Als es ihm gelungen war, sich im MMA-Käfig einen Namen zu machen, hatte er gehofft, die schlimmen Zeiten wären vorbei und dass auch ihm das Glück nun endlich einmal hold sein würde. Aber das Pech hatte sich offensichtlich seinen Namen gemerkt, und was auch immer nun passieren würde, wenn er diesen beiden Frauen gegenübertrat, Zane musste es nicht miterleben. »Ich brauche keine Rückendeckung«, fuhr er seinen Bruder an.

»Du kriegst trotzdem welche.«

Na toll. Im Augenblick hatte er jedoch keine Zeit, sich um Zane Gedanken zu machen; sein Ziel war wieder in seinem Blickfeld. Die Frauen saßen auf einer Bank, und während er auf sie zuging, lehnte sich die Blonde an die Schulter ihrer Begleiterin. Die Brünette legte den Kopf in den Nacken und blickte suchend in den Himmel, sodass Mikes Blick unwillkürlich auf ihren langen anmutigen Hals fiel. Je näher er kam, desto bezaubernder fand er sie. Vor einer Woche war sie nur eins von vielen entsetzten Gesichtern im allgemeinen Chaos gewesen. Jetzt sah er, dass sie ein wunderschönes klassisches Profil hatte, und ihr kastanienbraunes Haar schimmerte im Sonnenlicht viel intensiver als in der Arenabeleuchtung. Scheiße, war sie schön. Mike vergaß fast, weshalb er hier war … aber dann fiel ihr Blick auf ihn.

Sie riss die Augen auf und schoss in die Höhe, offenbar ohne an die junge Frau zu denken, die sich an sie lehnte. Ihre Lippen bewegten sich, aber sie brachte keinen Laut hervor.

Die Blonde hatte dieses Problem nicht. »Was wollen Sie denn hier?«, fragte sie barsch und rappelte sich auf. »Wie können Sie es wagen …«

»Bitte, Rowan«, sagte die Dunkelhaarige. Ihre Stimme klang weich und selbst in dieser schrecklichen, peinlichen Situation warm wie Sonnenlicht, und sie brachte Rowan augenblicklich zum Schweigen.

Himmel, wer bist du?, dachte Mike.

»Ladys«, fing er vorsichtig an, während er zugleich die tränenfeuchten Wangen, die traurigen Augen und die nach unten gerichteten Mundwinkel der beiden wahrnahm. Alles seine Schuld. »Ich musste einfach herkommen und Ihnen und Ihrer Familie … mein Beileid aussprechen.«

»Ich … Savannah, ich kann das nicht.« Die Frau namens Rowan legte sich eine Hand auf den Mund und ging steif davon. Mike sah ihr betroffen nach, bis sie verschwunden war, wobei er bemerkte, dass Zane sie ebenfalls beobachtete. Dann richtete er seinen Blick hilflos auf die andere Frau. Savannah.

»Ich sollte ihr nachgehen«, sagte sie und machte die ersten Schritte.

»Warten Sie. Bitte.« Mike streckte eine Hand aus, berührte sie aber nicht. »Vielleicht war es verrückt von mir herzukommen. Ich weiß, es ist der völlig falsche Zeitpunkt. Ich wollte nur fragen, ob ich irgendwas …« Er atmete tief durch. »Irgendwas tun kann.«

Savannah biss sich auf die vollen Lippen, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wischte sie fort; die Bewegung wirkte ärgerlich. »Ich denke, Sie haben schon genug getan.«

»Nicht mit Absicht. Das müssen Sie doch wissen.«

Sie hob die Augenbrauen. »Muss ich das?«

Scheiße. Er war so mies in solchen Dingen. »Nein, ich wollte nur sagen, ich hoffe, dass es Ihnen bewusst ist. Vielleicht ist das in diesem Moment aber auch unmöglich, keine Ahnung. Ich weiß nicht mal, wer Sie sind. Ich wollte Tommys Angehörigen einfach nur sagen, wie leid es mir tut.«

»Tommy war mein großer Bruder. Die Frau, die da eben vor Ihnen weggerannt ist, war seine Frau. Sie waren erst zwei Jahre verheiratet. Sie hat Albträume von Ihnen. Nichts, was Sie jemals tun könnten, würde ihren Verlust auch nur ansatzweise lindern.«

»Ich weiß«, sagte er. Jetzt bemerkte er auch die Ähnlichkeit mit ihrem Bruder: Beide hatten dunkles Haar, dunkle Augen, klar geschnittene Gesichtszüge. »Ich habe ebenfalls Albträume und sehe darin Tommys Gesicht.«

Savannahs Miene wurde ein wenig weicher. Zane schlug Mike auf die Schulter, um ihm zu signalisieren: Lass uns endlich verschwinden. Sein kleiner Bruder hatte von Anfang an recht gehabt – er hätte gar nicht erst herkommen dürfen. Er nickte Savannah zu, wandte sich ab und wollte zum Escalade zurückzukehren.

Ein leises »Warten Sie« in seinem Rücken ließ ihn innehalten. Er drehte sich um. Sie blickte kurz zu den übrigen Mitgliedern ihrer Familie hinüber und kam dann ein paar Schritte näher. Auf diese Entfernung nahm er ihren Duft wahr: süß und geheimnisvoll. Und er entdeckte hier und da einen rötlichen Schimmer in ihrem Haar. »Wollen Sie sich später irgendwo mit mir treffen? Auf einen Kaffee? Wenn Sie tatsächlich reden möchten – ich würde es mir anhören.«

Mike spürte die Erleichterung am ganzen Körper, auch wenn Savannahs direkter Blick zugleich etwas Merkwürdiges mit seinem Herzen anstellte. Sie schien direkt in sein Innerstes zu blicken, immer tiefer und tiefer, und die Wahrheiten bloßzulegen, die dort unten verborgen lagen. Das konnte sie gern machen. Nur würde ihr wohl kaum gefallen, was sie dort vorfand.

»Das täte ich sehr gern, Savannah. Sagen Sie mir einfach wo. Ich kenne mich in der Stadt nicht aus.«

»Also dann, Kaffee und Beignets im Café du Monde. In zwei Stunden?«

»Einverstanden. Und vielen Dank.«

»Ich werde Ihnen zuhören, aber mehr kann ich nicht versprechen«, antwortete sie warnend. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, dass sich die Trauergemeinde auflöste. Savannah bemerkte, wohin er schaute, und sah ebenfalls hin. »Ich muss los. Falls Sie Rowans und meine Reaktion unfreundlich fanden, sollten Sie lieber gehen, bevor meine Mutter Sie sieht.«

Zane zog mit einigem Nachdruck an seinem Arm. Savannah wandte sich ohne ein weiteres Wort ab und kehrte zu ihrer Familie zurück. Zane musste Mike praktisch wegzerren – der Anblick ihrer schwingenden Hüften war faszinierend.

»Geht’s dir jetzt besser, Blödmann?«, fragte Zane, als sie eilig in den Escalade stiegen.

»Sie ist einfach umwerfend.«

»Oh Mann, nein. Bitte nicht.«

Mike winkte ab. »Ich weiß ja. Nur keine Sorge.«

2

Zum Glück hatte niemand außer Savannah und Rowan die unerwarteten Gäste bemerkt, und Savannah hoffte, dass sie Rowan dazu überreden konnte, die Begegnung vorerst geheim zu halten. Sie war zwar nicht völlig sicher, wie ihre Eltern es aufnehmen würden, wenn sie erfahren sollten, dass Michael Larson zu Tommys Trauerfeier erschienen war, aber sie konnte es sich ziemlich gut vorstellen. Savannah wollte sich keine Tiraden über ihn anhören, zumal sie später mit ihm Kaffee trinken würde.

Oh Mann, wie zum Teufel war sie nur auf diese Schnapsidee gekommen?

Das wusste sie selbst nicht, aber ihr Instinkt riet ihr, sich anzuhören, was er zu sagen hatte. Offenbar war er extra angereist – sie konnte sich zwar nicht erinnern, wo er lebte, aber er hatte ja gesagt, dass er sich in New Orleans nicht auskannte. Also war ihm das Ganze wichtig genug gewesen, um irgendwie Tommys Heimatstadt und Ort und Zeit der Beisetzung in Erfahrung zu bringen. Diese Information war nicht landesweit bekannt gegeben worden. Sie hatten alles getan, um die Trauerfeier im engsten Kreis abhalten zu können.

Rowan wartete neben dem weißen BMW von Savannahs Eltern auf sie, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf gesenkt. Immerhin wirkte sie gefasst. »Ich kann immer noch nicht glauben, was da eben passiert ist«, sagte sie, als Savannah näher kam.

»Wieso hast du ihm nicht ins Gesicht gespuckt?« Sie stieß Rowan mit dem Ellbogen an und entlockte ihr tatsächlich ein schwaches Lächeln.

»Also wirklich! Nie im Leben hätte ich mit ihm hier gerechnet.«

»Ich auch nicht. Aber weißt du, Rowan, es schien ihm wirklich leidzutun. Würde es dir helfen, wenn …«

»Nein.« Rowan schüttelte den Kopf. »Nein. Heute ganz bestimmt nicht. Vermutlich nie.«

Savannah nickte seufzend. »Ich kann dich verstehen.« Wie es schien, würde sie ihre Verabredung zum Kaffee auch vor ihrer Schwägerin geheim halten müssen. Vermutlich würde es gar nicht so einfach werden, ihrer Familie in zwei Stunden zu entwischen. Auch wenn sie es definitiv genießen würde, sie eine Weile nicht um sich zu haben.

Es war nicht etwa so, dass ihre Familie sie verrückt machte. Sie trieb sie in den absoluten Wahnsinn.

Und Michael …

Er war überhaupt nicht so, wie sie erwartet hatte. Gerechterweise musste sie allerdings zugeben, dass sie gar nicht gewusst hatte, was sie erwarten sollte, weil sie nie geglaubt hatte, dass sie ihm einmal gegenüberstehen würde. Vor dem Kampf hatte sie von ihm nur seine finsteren, rüden Drohungen und Schmähungen wahrgenommen. Sie wusste, dass er Michael »Larceny« Larson genannt wurde, aber am Anfang seiner Kämpferlaufbahn war auch oft der Beiname »Red Reaper« benutzt worden, weil er ein Tattoo von Gevatter Tod auf der Brust trug, in Rot statt in Schwarz. Nach Tommys Tod war dieser Spitzname wieder ausgegraben worden.

Er hatte kurz geschnittenes braunes Haar, ein eckiges Kinn mit Bartschatten, volle Lippen, Wangenknochen wie ein Leinwandschurke und natürlich diese kalten blauen Augen. Außerdem waren noch ein paar Platzwunden und Prellungen von dem Kampf mit Tommy sichtbar. Irgendwie hatte ihr das noch mehr den Atem verschlagen als die Tatsache, dass sie ihm persönlich gegenüberstand: Dass er noch die Spuren von Tommys letzten irdischen Handlungen trug.

Ja, wie Michael Larson aussah, hatte sie gewusst. Was sie so überrumpelt hatte, war sein Auftreten. Er wirkte … sanfter. Noch sanfter als in den reuevollen Interviews gleich nach dem Kampf.

Falls ein Mann von dieser Größe überhaupt sanft sein konnte. Oh Gott. Seine Jeans und das schwarze Langarmshirt hatten nicht verbergen können, was für Muskeln er besaß. Tommy war auch groß und stark gewesen, aber Michaels Größe hatte etwas Überwältigendes, etwas Einschüchterndes. Sie wirkte wie ein Schutzpanzer, aber dennoch hatte man ihm die Verzweiflung deutlich angesehen. Dem hatte sie nicht widerstehen können. Sie musste sich einfach anhören, was er zu sagen hatte.

»Wir sollten Mom und Dad lieber nicht erzählen, dass er hier war. Ich weiß nicht, wie sie das aufnehmen würden.«

»Ich schon. Und du musst keine Angst haben, dass ich es ihnen verrate. Er hatte kein Recht, hier aufzutauchen.«

»Falls er uns etwas zu sagen hatte, war dies vermutlich seine einzige Gelegenheit.« Sie würde mehr erfahren, wenn sie sich nachher mit ihm traf. Der Gedanke löste ein merkwürdiges Kribbeln in ihrem Bauch aus. Sicher war das keine Aufregung – zu einem solchen Zeitpunkt aufgeregt zu sein, wäre unangemessen gewesen. Neugier. Reine Neugier. Sie wollte ihn nicht vorschnell verurteilen, auch wenn sie mit der Ansicht allein dastand.

»Es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt. Sonst wäre es umgekehrt ausgegangen.«

»Rowan!«, fuhr Savannah sie an. »Was ist denn das für ein schrecklicher Gedanke? Du stehst immer noch neben dir. Das kannst du nicht ernst meinen.«

Rowan schüttelte nur heftig den Kopf, als wäre das Gespräch für sie beendet.

Also beließ Savannah es dabei und blickte schweigend und gedankenverloren über den Friedhof. Sie schaute noch einmal in den Himmel hinauf und suchte nach dem Adler, doch er war längst fort. Bald darauf näherten sich ihre Eltern. Ihre Mutter hatte feuchte Augen und drückte ein weißes Taschentuch an ihre Brust, während ihr Dad ihr den Hügel hinaufhalf. Er war ein großer, gut aussehender Mann im dunklen Anzug und mit grau meliertem Haar. Savannah gesellte sich zu den beiden und fasste ihre Mutter am anderen Arm. Sie musste nicht erst fragen, wie es Regina ging. Keinem von ihnen ging es gut, und das würde auch lange so bleiben.

»Oh, mein Liebling.« Regina löste sich von ihnen und schlang die Arme um Rowan. »Ich weiß, das war schwer für dich. Wir lieben dich so sehr.«

»Ich liebe dich auch, Mom.« Rowan hatte Regina fast von ihrer ersten Begegnung an »Mom« genannt. Ihre eigene Mutter war gestorben, als sie sechzehn war, ihr Dad war drei Jahre später durch einen Autounfall ums Leben gekommen. Und jetzt Tommy. Es war wirklich kein Wunder, dass sich Verbitterung in Rowans Herz gestohlen hatte, aber Savannah hoffte sehr, dass sich dieses Gefühl nicht dort festsetzen und Rowans Leben bestimmen würde. Sie war ein lieber Mensch. Sie hatte das alles nicht verdient.

Nachdem sie Regina und Rowan gut im Wagen untergebracht hatten, küsste Savannah ihren Vater auf die Wange und drückte ihn an sich. Charles Dugas hatte die ganze Tortur so stoisch wie immer durchgestanden, aber sie merkte ihm den Schmerz an, den er vor ihnen allen zu verbergen versuchte. »Ich liebe dich, Daddy.«

»Ich liebe dich auch. Kommst du mit zu uns?«

Sie war Gott sei Dank in ihrem eigenen Wagen hergefahren. »Ich schaue später vorbei. Jetzt muss ich erst mal kurz nach Hause und ein bisschen für mich sein.«

Sie wusste, dass er das verstehen würde, da sie beide eine Abneigung gegen lächerliche Zeremonien hatten. Er verzog ein wenig den Mund wie zu einem Lächeln. »Das habe ich mir schon gedacht. Aber du passt auf dich auf, ja?« Und das halbe Lächeln verschwand, als wäre es nie da gewesen. »Wir haben nur noch dich.«

»Oh Dad.« Sie umarmte ihn heftig, spürte seine glatt rasierte Wange an ihrer und atmete den Duft des Rasierwassers ein, das er benutzte, solange sie denken konnte. Plötzlich wünschte sie sich, wieder klein zu sein. Sorgenfrei. Glücklich. »Ich gehe nicht weg.«

Mike wusste zwar nicht genau, wie er sich das berühmte kleine Café in der Decatur Street vorgestellt hatte, aber so bestimmt nicht. An einem derart schönen Tag kamen die Gäste offenbar in Scharen. Die Tische im Freien unter der grün und weiß gestreiften Markise waren gut besetzt, und im Innern schien es ähnlich voll zu sein. Allerdings duftete es himmlisch: nach Kaffee und Zucker. Normalerweise mied Mike beides, doch heute war der richtige Tag für eine Ausnahme.

Savannahs wunderschön schimmerndes dunkles Haar konnte er nirgendwo entdecken. Allerdings war er auch früh dran, nachdem er bereits zwei Stunden totgeschlagen hatte. Gleich nach der Abfahrt vom Friedhof hatte Zane ihn abgesetzt, denn er musste zum Soundcheck und würde sich vor dem Konzert auch nicht noch einmal loseisen können. Mike war ziellos umhergeschlendert und hatte sich noch ein wenig die Stadt angeschaut. Am Jackson Square blühte es überall, Straßenmusikanten spielten Blues-Melodien, und Pferdekutschen ratterten vorbei. Bis jetzt gefiel ihm New Orleans sehr gut. Es wirkte entspannt, geheimnisvoll und ein wenig, als ob Geister und Dämonen hier ihr Unwesen treiben würden. Sein jüngster Bruder Damien schwärmte auch ständig von dieser Stadt – er verbrachte hier fast so viel Zeit wie auf seiner Ranch außerhalb von Houston, in seinem Nachtklub oder in den glitzernden Casinos von Las Vegas. Verdammt, gut möglich, dass er sich ebenfalls gerade in New Orleans aufhielt. Mike hatte länger nicht mehr mit ihm gesprochen. Das musste er unbedingt bald ändern.

Das Leben war so kostbar.

»Sind Sie schon lange hier?«, fragte jemand hinter ihm. Er drehte sich um und stand vor Savannah. Sie trug noch dieselbe dunkle Kleidung wie bei der Beisetzung, doch ihre Augen waren jetzt hinter einer großen Sonnenbrille verborgen, und das lange Haar hatte sie zu einem Knoten hochgesteckt. Eine lose Strähne streifte ihren rechten Augenwinkel. Mike hätte sie ihr zu gern aus dem Gesicht gestrichen.

»Erst seit ein paar Minuten«, sagte er. »Danke, dass Sie gekommen sind.«

Sie nickte, ging an ihm vorbei zur Theke und bestellte einen Café au Lait und sechs Beignets. Mike trat dazu und bezahlte trotz ihrer Proteste. Als sie das erledigt hatten, war einer der runden weißen Tische frei geworden, und Mike zog einen der Metallstühle darunter hervor, damit Savannah sich setzen konnte.

»Also«, fing sie an und schob die Sonnenbrille auf ihren Kopf, »wenn Sie New Orleans nicht kennen, woher kommen Sie dann?«

»Aus Houston.«

»Sind Sie geflogen oder gefahren?«

»Geflogen. Bis ich den Termin für die Beisetzung herausgefunden hatte, blieben mir für die Anreise nur noch ein paar Stunden. Ich hatte Glück, überhaupt noch einen Flug zu bekommen.«

»Wie haben Sie denn herausgefunden, wann die Beisetzung stattfand?«

»Durch meinen Manager. Keine Ahnung, aus welcher Quelle er es hatte.«

Sie schaute auf den Tisch und wischte zerstreut etwas Puderzucker weg, den die Gäste vor ihnen hinterlassen hatten. Mike nutzte die Gelegenheit, sie genauer anzuschauen. Sie trug kaum Make-up – ob sie das bewusst so entschieden hatte oder ob sie alles weggeweint hatte, konnte er nicht sagen. Ihre Augen waren nur wenig gerötet, und ihre Wangen glühten leicht. Ihre Lippen waren voll, aber die Mundwinkel wiesen nach unten. Irgendetwas sagte ihm, dass dieser Mund wunderschön lächeln konnte. Mike hätte es gern erlebt, aber wie die Dinge standen, würde das wohl nie passieren.

»Es tut mir leid«, sagte sie so leise, dass er sich anstrengen musste, sie trotz des Stimmengewirrs ringsum zu verstehen. Am liebsten hätte er die übrigen Gäste angebrüllt, verdammt noch mal den Mund zu halten, weil er keins ihrer Worte verpassen wollte. »Ich weiß einfach nicht, wie ich das alles finden soll.«

»Dass ich einfach so aufgetaucht bin, war sicherlich keine gute Idee. Das war mir klar, und mein Bruder hat es mir auch immer wieder gesagt. Ich wusste nur nicht, wie ich mich sonst mit Ihnen und Ihrer Familie in Verbindung setzen sollte.«

»Das konnte Ihr Manager nicht rausfinden?«

»Na ja … Anscheinend gaben seinen Quellen nicht mehr her.«

»Dann war Ihr Begleiter also Ihr Bruder, nicht jemand von der CIA.«

Er lachte leise. »Oh ja. Zane. Er hatte sich verkleidet. Er gibt ein Konzert hier in der Stadt.«

»Ein Konzert?«

»Ja, auch wenn ich es selbst kaum glauben kann: Er ist ein bekannter Rockmusiker geworden.«

Savannah runzelte die glatte, blasse Stirn und setzte sich auf. »Augenblick mal. Ihr Bruder … das war …«

»Ganz genau.«

»Zane Larson. August on Fire. Das ist Ihr Bruder? Ich meine, klar, der Nachname ist derselbe – wieso habe ich da noch nie zwei und zwei zusammengezählt? Oh Gott. Meine Schwägerin wäre ausgeflippt, wenn sie nicht viel zu aufgewühlt gewesen wäre, um ihn zu bemerken. Sie ist völlig vernarrt in ihn.«

»Vielleicht hätte ich ihn vorstellen sollen. Aber es war wohl kaum der richtige Zeitpunkt.«

»Nein. Es wäre ihr unangenehm gewesen.«

Mike musste lächeln, weil sie so erstaunt wirkte. Er lehnte sich zurück, während die Bedienung ihre Bestellungen auf dem Tisch abstellte, und sah dann zu, wie Savannah an ihrem Kaffee nippte. Man sah ihr an, wie sehr sie den Geschmack genoss, trotz ihrer Trauer. Mike trank ebenfalls einen Schluck und verliebte sich augenblicklich in diesen Kaffee. »Eigentlich sind wir nur Halbbrüder, aber wir haben beide den Mädchennamen unserer Mutter angenommen. Sagen wir es mal so: Keiner von uns versteht sich sonderlich gut mit seinem Vater.«

»Keiner von Ihnen?«

»Ich habe noch einen Halbbruder. Damien.«

»Oh.« Sie hielt die Kaffeetasse mit ihren schlanken Fingern und drehte sie langsam hin und her. Mike konnte höchstens raten, woran sie denken mochte, aber etwas an ihr weckte in ihm den Wunsch zu reden. Und das kam äußerst selten vor. »In meiner Familie gab es nur Tommy und mich«, fuhr sie fort. »Und jetzt nur noch mich.«

Die Bemerkung traf ihn wie ein Messerstich und nahm ihm den Wind aus den Segeln. Was sollte er darauf antworten? Alle paar Minuten wie ein Papagei »Es tut mir leid« zu murmeln, kam ihm lächerlich überflüssig und nutzlos vor. Das waren nur Worte.

»Savannah, falls ich irgendetwas für Sie tun kann, bitte sagen Sie es mir.« Auch das waren nur Worte. Aus irgendeinem Grund musste er es immer wieder aussprechen. Er verspürte den überwältigenden Wunsch, ihre Hand zu ergreifen, doch er widerstand der Versuchung.

»Da gibt es nichts, wirklich. Ich kann verstehen, weshalb Sie mit uns sprechen wollten, aber ich glaube, es war gut, dass Rowan und ich Sie aufgehalten haben. Wenn Sie möchten, dass ich meiner Familie etwas von Ihnen ausrichte, kann ich das natürlich tun.«

»Es ist Ihre Familie, Sie kennen sie am besten. Sollte ich das tun?«

Ihre Antwort war offen, aber sanft. »Besser nicht.«

»Ganz wie Sie meinen. Ich wollte es wenigstens versuchen.«

»Das hat sicherlich einigen Mut erfordert.«

Mike atmete hörbar aus. Sie hatte ja keine Ahnung. Es hatte mehr Mut erfordert als jeder seiner Kämpfe – und er hatte schon verdammt viele Kämpfe bestritten, auch als er noch kein Profi war.

»Ich habe es nicht beobachtet«, sagte sie, und zunächst glaubte er, sich verhört zu haben. Er rückte seinen Stuhl ein Stück näher heran. Sie hatte ihre Beignets bisher kaum angerührt. Er allerdings auch nicht.

»Sie haben sich den Kampf nicht angesehen? Ich dachte, Sie wären da gewesen. Als ich Ihnen auf dem Friedhof begegnet bin, habe ich geglaubt, Sie wiederzuerkennen.«

»Ich war da. Was ich sagen wollte: Ich habe weggeschaut. Sobald man erkennen konnte, dass er geschlagen war, konnte ich nicht mehr zusehen. Das konnte ich noch nie.« Sie blickte kurz auf seine Hände, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie rückte vom Tisch ab. »Ich muss gehen.«

»Savannah, warten Sie …«

»Es ist einfach zu schwer. Ich habe es versucht, aber es geht nicht. Bitte versuchen Sie, das zu verstehen.«

Er sackte in sich zusammen, geschlagen, dann lehnte er sich zurück, während sie aufstand. »Ich verstehe es ja.«

»Sie sind sicherlich ein netter Mensch. Das müssen Sie sein, sonst wären Sie nicht so weit gereist, um etwas wiedergutzumachen. Aber im Moment geht das einfach nicht.«

»Ich bin ein verflucht schrecklicher Mensch.«

Das ließ sie mitten in der Bewegung innehalten, als sie sich eben ihre Handtasche über die Schulter hängen wollte. »Wieso? Haben Sie meinen Bruder absichtlich getötet?«

»Nein.«

»Vor dem Kampf haben Sie einige echt miese Sachen gesagt.«

»Das hat er auch getan.«

»Aber er ist derjenige, der tot ist.«

»Wenn ich Ihnen erzählen wollte, was für ein Mensch ich bin, würden Sie mir doch nicht glauben. Also kann ich genauso gut das sagen, was Sie und Ihre Familie hören wollen. Ich bin ein böser und unmenschlicher Scheißkerl. Los, richten Sie ihnen das aus.«

»Sind Sie jetzt etwa sauer auf mich?«

»Überhaupt nicht.« Er stand ebenfalls auf, sodass er sie überragte. »Ich werde Sie nur nie davon überzeugen können, wie leid mir das alles tut, weil Sie mir keine Gelegenheit dazu geben.«

»Ich habe es gehört. Das reicht mir. Wenn Sie mir wirklich beweisen wollen, dass es Ihnen leidtut, dann fahren Sie wieder nach Houston, lassen Sie uns um meinen Bruder trauern, und bringen Sie beim nächsten Kampf möglichst nicht noch eine Familie in die gleiche Lage.« Sie wandte sich zum Gehen.

»Einen nächsten Kampf wird es vielleicht gar nicht geben«, sagte er zu ihrem Rücken. Sie blieb nach zwei Schritten stehen und sah ihn über die Schulter hinweg an.

Er zuckte die Achseln und wich ihrem durchdringenden Blick aus. »Ich denke ans Aufhören. Hab mich noch nicht entschieden.« Nach kurzem Zögern sah er ihr in die dunklen Augen. »Was glauben Sie, was würde Tommy tun? Wenn man heute mich beerdigt hätte, und nicht ihn, würde er aufhören? Oder weitermachen?«

Zu seiner Verblüffung ließ sie die Tasche wieder von der Schulter gleiten und setzte sich. Er tat es ihr nach. »Tommy würde nicht aufhören«, gestand sie. »Er ist zwar nie in so eine Situation geraten, aber ich habe ihn gut gekannt. Er hätte nie aufgehört. Es hat ihm viel zu gut gefallen.« Sie seufzte, zupfte nun doch eins der Beignets auseinander, aß einen Bissen und leckte sich mit einer schnellen Bewegung der Zunge den Puderzucker von den Fingern.

Das löste einige sehr unpassende Bilder in seinem Kopf aus.

Ein böser und unmenschlicher Scheißkerl. Vermutlich hat sie geglaubt, du machst Witze. Sie hat ja keine Ahnung. Ihr Bruder liegt kaum im Grab, durch deine Schuld, und du denkst gerade daran, sie zu vögeln.

»Mir gefällt es ja auch«, sagte er und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Kaffee. »Es ist das Einzige, worin ich je gut war, aber das musste ich auch sein. Meine Brüder haben sich darauf verlassen. Meine Mutter auch, mehr als ein Mal. Irgendwann habe ich beschlossen, es zu meinem Beruf zu machen.« Er wusste selbst nicht, warum er das Bedürfnis hatte, ihr von den halb verwesten Leichen in seinem Keller zu erzählen. Vielleicht damit sie erkannte, dass er ebenfalls wusste, was Schmerz war.

»Der Beschützer der Familie?«, fragte sie. Für seinen Geschmack schwang darin etwas zu viel Mitgefühl mit. Mitgefühl wollte er nun ganz bestimmt nicht von ihr.

»So was in der Art. Irgendwer musste sie beschützen, und ich war schon mit vierzehn fast eins achtzig groß und muskelbepackt.« Er zuckte die Achseln. »Da habe ich das halt übernommen.«

»Bei uns war das völlig anders. Meine Eltern sind ziemlich wohlhabend. Tommy war schon immer ein erstklassiger Sportler, und als er noch zur Schule ging, waren sie deswegen auch stolz auf ihn, doch als er dann beschlossen hat, Profikämpfer im MMA zu werden, hat sie fast der Schlag getroffen. Aber weil er immer nur gewonnen hat, haben sie ihre Meinung nach und nach geändert. ›Was du auch tust‹, haben sie immer zu uns gesagt, ›werd einer der Besten.‹« Sie blickte traurig vor sich hin. »Er wird mir fehlen.«

»Das glaube ich. Ich kann mir das kaum vorstellen. Meine Brüder … Manchmal würde ich sie am liebsten erwürgen, aber wenn einem von ihnen etwas zustieße, ich weiß nicht, was ich dann machen würde.«

»Genau das habe ich früher auch immer gedacht. Jetzt werde ich es wohl herausfinden.« Sie seufzte, und als sie erneut aufstand, wusste er, dass sie diesmal tatsächlich gehen würde. »Selbst unter diesen Umständen – es war schön, Sie kennenzulernen, Michael. Ich muss jetzt wieder zu meiner Familie. Sie fragen sich bestimmt schon, wo ich bleibe.«

In einem Punkt war er von ganzem Herzen einverstanden: Es war schön gewesen, sie kennenzulernen. Aber er wollte sie wiedersehen. Wenn er sie doch nur zu einem anderen Zeitpunkt kennengelernt hätte, an einem anderen Ort, aus einem anderen Anlass. Wie sollte er jetzt seine Wünsche äußern, ohne wie der letzte Drecksack dazustehen? Vielleicht gab es in ihrem Leben ja längst einen Mann, von dem sie bekam, was sie brauchte. Obwohl jeder Mann, der sie an einem solchen Tag allein ließ, ein grausames Arschloch sein musste. Wie auch immer, er musste es versuchen.

»Savannah, darf ich Ihnen meine Telefonnummer geben? Falls Sie irgendwas brauchen, egal was, auch wenn Sie mich mitten in der Nacht anrufen und zur Schnecke machen wollen: Rufen Sie mich an. Bitte.«

Sie befeuchtete ihre Lippen, und er meinte, erneut Tränen in ihren Augen zu erkennen. Sie nickte wortlos, wühlte in der Handtasche nach ihrem Telefon und reichte es ihm. Das Display zeigte ein Foto von ihr und ihrem Bruder, Arm in Arm, beide lächelnd. Wenn man die beiden so nebeneinander sah, war die Ähnlichkeit noch offensichtlicher. Das Foto schien ziemlich neu zu sein. Und er hatte mit seiner Einschätzung vorhin ganz richtig gelegen: Ihr Lächeln war wunderschön.

»Das ist ein hübsches Bild«, meinte er. »Sie fehlen ihm bestimmt auch.« Er navigierte zu ihrem Adressbuch und gab seine Daten ein.

»Ich werde wohl den Namen ändern«, sagte sie, als er ihr das Gerät zurückgab. »Wenn irgendwer Ihre Telefonnummer in meinem Handy entdeckt, ist der Teufel los.«

»Machen Sie das, wie Sie wollen.«

Einen Moment lang sah sie ihm in die Augen, und es kam ihm so vor, als würde sich ihr Atem beschleunigen. All die Geräusche ringsum, die Straßenmusikanten, die vielen Menschen verblassten für diese wenigen Sekunden. Er bemerkte ein winziges Muttermal über ihrer Oberlippe. Ihre Wimpern waren lang und sinnlich. Ihr Gesicht ein wenig gerötet.

»Fahren Sie gleich wieder nach Hause?«, fragte sie.

»Heute Abend treffe ich mich auf jeden Fall mit meinem Bruder, aber ich dachte mir, ich fahre noch ein paar Tage mit ihm im Tourbus umher. Sehe mir dies und das an. Danach geht es dann nach Hause.«

»Ehrlich gesagt, das klingt großartig. Ich glaube, ich wäre in den nächsten Tagen überall lieber als hier.«

Wollte sie etwa …? Nein. Unmöglich. Das wäre ja verrückt. Aber da hatte definitiv ein sehnsüchtiger Unterton in ihrer Stimme gelegen. Oh Gott, wenn es doch nur möglich wäre.

»Also dann«, sagte er und stand auf, während sie ihn weiterhin direkt ansah. »Danke, dass Sie gekommen sind. Und vergessen Sie nicht, was ich gesagt habe. Was immer Sie brauchen, Savannah.«

»Äh … Soll ich Sie irgendwo absetzen?«

»Ich nehme ein Taxi. Machen Sie sich keine Gedanken.« Er streckte ihr die Hand hin. Savannah blickte darauf, und etwas schwer Greifbares spiegelte sich in ihrer Miene, aber sie gab ihm die Hand. Ihr Händedruck war kräftig, ihre Finger geschmeidig, ihre Haut wundervoll weich. Doch er konnte spüren, dass ihre Hand zitterte. »Ich bete nicht mehr besonders oft«, sagte er und hielt ihre Hand weiter fest, überrascht, dass sie sich nicht entzog. »Aber ich werde ständig an Sie und Ihre Familie denken.«

Sie nickte. »Das weiß ich zu schätzen. Passen Sie auf sich auf.«

Dann ging sie fort. Sie schlängelte sich zwischen den Tischen und Stühlen hindurch und verschwand in der Menge, während er dort neben dem Tisch stehen blieb, allein in einem Meer von Menschen.

Er wusste genau: Es wäre verrückt, darauf zu hoffen, dass er je wieder von ihr hören würde.

3

Als der Anruf kam, um sechs Uhr morgens, hätte Savannah sich fast mit der Wimperntusche ins Auge gestochen. Der Maskarastab entglitt ihren Fingern und fiel klappernd ins Waschbecken. Um diese Uhrzeit meldete sich ihr Telefon normalerweise nicht so lautstark. Fluchend warf sie einen Blick auf die hübschen schwarzen Schmierflecken über ihrem Augenlid und im Waschbecken, kniff das betroffene Auge zu und tastete auf der Ablage nach dem Telefon. Verdammt.

Sobald sie den Namen auf dem Display las, war sie alarmiert. »Ro? Was ist passiert?«

»Ich brauche dich. Komm sofort her.«

Entnervt zerrte Savannah mit der freien Hand ein paar Kosmetiktücher aus der Box auf der Ablage. »Ich habe in einer Stunde einen Termin und bin noch nicht öffentlichkeitstauglich.«

»Du trägst doch sowieso Overalls und arbeitest im Dunkeln, wen interessiert es da, wie du aussiehst? Das hier ist ein Notfall.«

»Es ist nicht völlig dunkel. Was ist denn mit dir?«

»Komm einfach her.« Rowan legte auf.

»Meine Güte«, murrte Savannah. Was war denn jetzt los? Seit Tommys Tod waren sechs Wochen vergangen. Sie alle waren ruhiger geworden. Die Zeit hatte zwar noch nicht die Wunden geheilt, aber es fiel Savannah doch leichter, mit ihnen zurechtzukommen. Rowan schien es in letzter Zeit ebenfalls etwas besser zu gehen. Gerade eben hatte sie sich jedoch irgendwie … anders angehört. Tonlos. Sie hatte ihre guten und ihre schlechten Tage, wie sie alle, doch heute konnte Savannah sie anhand ihrer Stimme nicht einschätzen.

Egal. Savannah hatte zwar schon eine Tasse Kaffee getrunken, aber hierfür brauchte sie eindeutig noch eine zweite. Oder auch dritte.

Sie gab es auf, sich die Augen zu schminken, entfernte stattdessen alles Make-up und band ihr Haar wie gewohnt zu einem Pferdeschwanz zusammen. Wenn sie herausfinden wollte, was zum Teufel mit Rowan los war, und trotzdem um sieben für ihren ersten Massagetermin zur Stelle sein wollte, musste sie jetzt schnell in die Gänge kommen. Zum Glück wohnte Rowan nicht weit von Savannahs kleinem, altmodischem Apartment im French Quarter entfernt. Trotz eines Zwischenstopps bei Starbucks hielt sie schon zwanzig Minuten nach Rowans Anruf vor deren Haus. Es fiel ihr immer noch schwer, es nun nur noch als Rowans Zuhause zu betrachten – und nicht als das gemeinsame Haus von Rowan und Tommy.

Bevor Savannah klopften konnte, riss Rowan schon die Tür auf. Sie trug noch ihren pinkfarbenen Bademantel, und ihr Haar war zu einem kunstvollen Durcheinander hochgesteckt. Ihre Wangen waren gerötet, die Augen weit aufgerissen und glasig. Sie warf einen Blick auf die zwei großen White Chocolate Mochas, die Savannah in der Hand hielt, und sagte: »Die wirst du wohl beide selbst trinken müssen.« Dann endlich sah sie Savannah voll Verzweiflung ins Gesicht.

»Kein Problem. Aber … Rowan! Drehst du jetzt völlig durch?«

Rowan packte sie am Arm, zerrte sie in die Diele und nahm sich kaum Zeit, die Haustür zu schließen. Während Savannah sich bemühte, nicht das kostbare Koffein in ihren Händen zu verschütten, drängte Rowan sie den Flur entlang und durchs Schlafzimmer ins Bad. Es war so groß wie Savannahs Schlafzimmer.

»Ja. Das tue ich. Sieh dir das an.« Rowan deutete auf die Ablage.

Savannah hätte fast den Becherhalter samt Kaffee fallen gelassen.

Die weißen Dinger auf der Ablage waren unverkennbar. Unterschiedliche Typen und Marken, manche in Streifenform, manche viereckig, manche mit farbigen Markierungen. Sieben insgesamt. »Oh mein Gott«, sagte Savannah matt.

»Sie sind alle positiv.« Rowan schaute aus riesigen Augen auf die Ablage. Sie zitterte sichtlich. »Ich habe sie alle in den letzten drei Tagen gemacht.«

»Oh mein Gott, Rowan.« Savannah stellte die verdammten Becher ab. Dann stützte sie beide Hände auf die Ablage und betrachtete die Testergebnisse, die ihrer aller Leben für immer verändern würden. Pluszeichen. Zwei Striche. Und das wohl eindeutigste von allen: das Wort Schwanger.

»Tommy wird Vater«, sagte Rowan mit schwacher und zittriger Stimme.

Da gab es nur eins. Savannah drehte sich zu ihr um und nahm sie fest in die Arme. Rowan verbarg das Gesicht an ihrem Hals und weinte.

»Ich finde das wundervoll«, versicherte Savannah ihr und streichelte ihr den Rücken. »Es wird alles gut, alles gut.«

»Nein, wird es nicht«, schluchzte Rowan.

Oh nein. Bis eben hatte sie nicht erraten können, was in Rowan vorging. Jetzt war es klar. »Das ist der Schreck. Es ist nur der Schreck, ja? Der vergeht, und danach wirst du auch erkennen, dass alles gut wird. Was meinst du, seit wann bist du schwanger?« Besser, man lenkte sie möglichst schnell von der rein emotionalen Seite dieser Entdeckung ab.

»Ich weiß nicht. Mehr als sechs Wochen natürlich, aber ich war da nie sehr regelmäßig. Seit der Beisetzung war mir immer mal wieder ein bisschen übel, aber ich dachte, das käme vom vielen Weinen.«

»Als Allererstes musst du zum Arzt gehen.«

Rowan löste sich von ihr und nickte. Dann putzte sie sich mit den Kosmetiktüchern, die Savannah ihr reichte, die rote Nase. »Wie soll ich das nur deinen Eltern beibringen?«

»Du machst einfach den Mund auf und sagst es ihnen. Ehrlich, ist dir denn nicht klar, dass sie sich unglaublich freuen werden? Mom hat dich doch um ein Enkelkind angebettelt, seit du Tommy kennengelernt hast.«

»Stimmt, das hat sie. Aber … das war vorher.«

»Ro. Wir haben jetzt wieder einen kleinen Teil von Tommy bei uns. Das ist doch ein Grund zum Feiern. Ich verspreche, sie werden überglücklich sein. Und sie werden unbedingt wollen, dass du gut auf dich achtest. Mit andern Worten, du hattest völlig recht – ich trinke den ganzen Kaffee allein.«

Das entlockte Rowan ein schwaches Lächeln. Sie wischte sich mit dem Ärmel des Bademantels über die Augen.

»Fahr gleich heute zu Mom, ja?«, bat Savannah. »Verbring den Tag mit ihr. Sie wird sicher sofort mit dir einkaufen wollen. Und ruf bei deinem Arzt an.«

»Mach ich.«

»Versprochen?«

»Ich mach es.«

»Sehr gut. Ich muss jetzt wirklich los, okay?«

»Okay. Und danke für den Kaffee, auch wenn ich ihn nicht trinken darf.«

»Na ja, ich hätte ihn dir gegönnt. Aber auf die Art kriege ich umso mehr.«

Sobald Savannah sicher war, dass man sie von Rowans Haus aus nicht mehr sehen konnte, bog sie auf den Parkplatz eines kleinen Lebensmittelgeschäfts ein. Die Gefühle, die in ihr brodelten, ließen sich nicht länger unterdrücken. Sie hatte seit mehreren Wochen nicht mehr geweint, aber jetzt umklammerte sie das Lenkrad mit beiden Händen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Was für ein Glück, dass sie vorhin auf Make-up verzichtet hatte.

Oh Gott, ich würde alles tun. Nur gib ihn uns zurück. Mach, dass er für sein Kind da sein kann. Für seine Frau. Sie braucht ihn. Warum hat es ihn getroffen und nicht mich? Warum nicht mich? Er hatte so viel, wofür sich zu leben lohnt, er hatte noch so viel vor sich …

Immer das gleiche nutzlose Gebet, auf das sie nie eine Antwort bekommen würde.

Noch etwas hatte sie in den letzten Wochen möglichst vermieden, nämlich an Michael Larson zu denken. Für sie würde er jedoch immer mit der Erinnerung an ihren Bruder verknüpft sein, und nun sah sie ihn plötzlich vor sich, so deutlich, als hätte sie erst gestern mit ihm gesprochen. Was er wohl von dieser neuen Entwicklung halten würde? In den ersten Wochen nach Tommys Beisetzung hatte sie mehrmals seine Nummer im Adressbuch ihres Telefons aufgerufen, sie angestarrt und überlegt, ob sie den Eintrag nicht löschen sollte, wie man ein schmutziges Geheimnis löschte … Oder ob sie ihn anrufen sollte.

Warum? Was zum Teufel hätte sie ihm schon zu sagen? Doch sie kannte die Antwort, auch wenn sie es sich nur ungern eingestand. Sie wollte mit ihm reden, weil er ihr Trost gespendet hatte, ihrem inneren Widerstand zum Trotz. Durch seine Worte, den Klang seiner Stimme und ganz besonders durch die Art, wie er beim Abschied ihre Hand festgehalten hatte. Die Hand, die ihren Bruder zu Tode geprügelt hatte, hatte ihre gehalten, als wäre sie kostbar. Und seine Worte hatten sich angehört, als meinte er sie wirklich ernst. Was sie von der Hälfte der Menschen, denen sie seit Tommys Tod begegnet war, nicht behaupten konnte. Sie fragte sich, wie er mit der ganzen Sache mittlerweile zurechtkam.

»Oh, bitte«, murmelte sie vor sich. Inzwischen hatte er vermutlich schon vergessen, wer sie war. So schnell, wie er in ihren Gedanken aufgetaucht war, verdrängte sie die Erinnerung wieder. Sie riss sich zusammen, leerte einen der Becher mit lauwarmem Kaffee, nahm ein Pfefferminzbonbon in den Mund, trug etwas Lipgloss auf und fuhr weiter. Sie schaffte es tatsächlich, pünktlich bei der Arbeit zu sein.

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