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Rechtsanwälte küssen besser

1. KAPITEL

„Du bewegst deinen Hintern augenblicklich in Richtung Sylt, verstanden?“, schallte es unmissverständlich durch den Raum. Sophie Keller hatte das Telefon auf laut gestellt.

„Aber ich habe doch keinen Schimmer von Familienrecht und diesen Scheidungsfolgenvereinbarungen!“, protestierte sie energisch.

„Dann liest du dir das Wissen eben im Zug an. Schließlich hast du mehr als zwei Stunden Zeit dazu“, bellte die männliche Stimme verärgert zurück.

„Jawohl, Chef!“, beendete Sophie das Gespräch wütend.

„Ihr Vater hat recht“, mischte sich Pia Tietze, Anwaltsgehilfin in der Kanzlei Keller & Keller, die das Ganze mit angehört hatte, zögerlich ein.

„Wie jetzt?“, funkelte Sophie sie an. „Sie finden es richtig, dass ich Hausbesuche bei Mandanten mache? Dieses Privileg haben nur meine Jungs, die in Fuhlsbüttel einsitzen. Die sind schließlich aus gutem Grund verhindert, mich in der Kanzlei aufzusuchen. Aber bei dem Kerl sehe ich keine Notwendigkeit.“

„Dirk Römer ist Multimillionär“, versuchte Pia der aufgebrachten Anwältin auf die Sprünge zu helfen.

„Na und? Dann soll er mit seinem Privatjet einfliegen!“

Sophie sah ganz bestimmt nicht ein, dass sie alles stehen und liegen lassen sollte, um ihr freies Wochenende bei einem scheidungswilligen Baulöwen und seiner zukünftigen Exgattin in Kampen zu verbringen und mit ihnen auszudiskutieren, wer nach der Scheidung was bekam. Dazu hatte sie nicht Jura studiert. Dieses Studium konnte man nur mit einem klaren Ziel vor Augen ertragen. Und ihres war, Menschen zu helfen, die wirklich in Not geraten waren. Und sie war gut darin. Verdammt gut sogar!

„Es ist Römers dritte Scheidung“, setzte Pia nach.

„Umso schlimmer“, ereiferte sich Sophie: „Ein alternder Don Juan, das fehlt mir gerade noch!“

„Er ist Mitte dreißig!“, konterte Pia.

„Wow, stramme Leistung, aber ich fahre trotzdem nicht hin. Ich kann mir nicht leisten, meinen guten Ruf als Strafverteidigerin zu verlieren.“

„Und wir können uns nicht leisten, einen guten Mandanten zu verlieren“, erwiderte Pia und zog mit den Worten: „Schauen Sie sich das mal an!“ einen der Aktenschränke auf. Widerwillig erhob sich Sophie vom ledernen Chefsessel ihres Vaters und warf einen Blick in den Schrank. Pia deutete auf die Batterie von Akten und erklärte nicht ohne Stolz: „Das hat Ihr Vater alles Herrn Römer zu verdanken. Der Mann hat uns nämlich nicht nur die drei strittigen Scheidungen beschert. Er prozessiert darüber hinaus mit der Versicherung, dem Finanzamt, der Baubehörde, hat diverse Schadensersatzklagen am Hals und …“

„… und mein Vater würde es mir nie verzeihen, wenn ich den scheidungswütigen Goldesel durch meine Absage in die Hände eines Kollegen treiben würde. Okay, okay, ich bin ja schon unterwegs“, knurrte Sophie. „Können Sie mir einen anständigen Zug raussuchen?“

Pia versuchte vergeblich, sich ein Grinsen zu verkneifen. „Zehn Uhr. Herr Römer sagte am Telefon: zehn Uhr. Und wenn Herr Römer zehn Uhr sagt, dann meint er das auch. Ich habe schon über Internet gebucht und einen Platz für Sie reserviert. Hier ist das Ticket.“

„Vielleicht hat er bald noch einen Prozess an der Hacke, weil ihm jemand eins auf die Nase gegeben hat“, erklärte Sophie, während sie nach der Fahrkarte griff. Und sie würde gut zielen und anständig zuhauen. Zornig zog sie das Standardwerk mit dem Titel Die Scheidung und ihre Folgen aus dem Regal und stopfte es in eine Plastiktüte, die unter dem Gewicht sofort riss. Sophie konnte Scheidungen partout nicht leiden. Deshalb hasste sie diese vier Wochen im Jahr, die ihr Vater auf seinem Segelboot verbrachte und sie ihn vertreten musste. Hätte sie ihn bloß nicht angerufen! Und warum war er überhaupt zu erreichen gewesen? Sie hätte dem reichen Römer eine spontane Absage erteilen und sich nicht bei Papa rückversichern sollen.

Laut fluchend sammelte Sophie das Buch vom Boden auf. Es war aufgeklappt. Scheidungsfolgenvereinbarung stand dort in fetten Lettern. Zwar hatte sie schon ein wenig Ahnung von diesem ganzen Kram – dafür sorgte schon der Jahresurlaub ihres Vaters, der sich als knallharter Scheidungsanwalt einen Namen gemacht hatte –, doch sie verspürte nicht die geringste Lust, tiefer in die Materie einzusteigen.

„Ich werde nie wieder Urlaubsvertretung für meinen Vater machen“, zischte sie, während sie mit wehendem Mantel und dem Buch unter dem Arm aus der Tür schoss.

„Ich weiß“, grinste Pia. Das hatte die Tochter vom Chef bereits beim letzten Mal angedroht, nachdem sie für ihren Vater die Scheidung zwischen einem Countrysänger und einem 21-jährigen Wäschemodel hatte übernehmen müssen. Wenn sich Pia recht erinnerte, hatte Sophie diesen Johnny-Cash-Verschnitt für Arme sogar einen hirnlosen Blödmann genannt, weil er den künstlich aufgepumpten 75 D des Models überhaupt erst das Jawort gegeben hatte.

In letzter Sekunde kam Sophie auf den Hamburger Hauptbahnhof gehetzt. Sie hatte es zu Hause gerade noch geschafft, ein paar herumliegende Kleidungsstücke zusammenzuraffen, sie in den Koffer zu werfen und den gesamten Inhalt ihrer Dessous-Schublade hinterherzukippen. Für Dessous hatte sie eine absolute Schwäche. Und immer zusammenpassend: Sie würde niemals einen roten BH mit einem weißen Slip kombinieren oder umgekehrt. So hatte sie aus Zeitmangel, die richtigen Kombinationen zu wählen, vorsichtshalber gleich alles mitgenommen. Den schweren juristischen Schinken hatte sie ebenfalls in den Koffer gestopft. Nun konnte sie ihn kaum mehr heben. Wie gut, dass er Rollen besaß.

Eine Minute noch bis zur Abfahrt. Da blieb keine Zeit mehr, den richtigen Wagen zu suchen. Sophie überlegte krampfhaft, wie sie noch rechtzeitig mit ihrem Koffer in den Zug steigen sollte. Die Rollen halfen bei diesem Problem gar nichts. Während sie an dem Koffer zog und zerrte, spürte Sophie, wie ihr der Schweiß in die Augen rann. Ein starker Mann, das wäre es jetzt. Noch dreißig Sekunden. Das konnte doch nicht wahr sein. Sie würde den Zug verpassen, weil sie ihr Gepäck mit dem dämlichen Buch vollgestopft hatte. Sophie überlegte gerade, ob sie Römer nicht einfach wegen Körperverletzung verklagen sollte, als sie von oben eine Hand bemerkte, die sich ihr helfend entgegenstreckte. Sie gehörte dem Schaffner. Der versuchte jetzt, die junge Frau in den Zug ziehen, aber es bewegte sich nichts.

„Der Koffer. Sie müssen den Koffer nehmen!“, japste Sophie. Der Schaffner schaltete sofort, sprang auf den Bahnsteig und hievte heldenhaft das schwere Teil in den Zug. Dabei berührte das Monstrum von Koffer Sophies Bein und riss ein nicht zu übersehendes Loch in ihre Strumpfhose. Prima, sie hatte nämlich nur die eine mitgenommen. Der Pfiff ertönte, und der Zug fuhr an.

„Haben Sie da Ihre Schwiegermutter drin?“, scherzte der Schaffner und deutete auf den Koffer. Sophie zog es vor, das mit der Schwiegermutter geflissentlich zu überhören. Woher sollte der Schaffner auch wissen, dass er damit ganz nebenbei ihren wundesten Punkt getroffen hatte? Bis vor einem halben Jahr hatte sie nämlich ernsthaft geglaubt, eine potenzielle Schwiegermutter zu besitzen. Doris. Eine tolle Frau, mit der Sophie sich super verstanden hatte, bevor deren Sohn Max sie einfach verlassen hatte. Manchmal telefonierte Sophie noch mit ihrer Ex-Fast-Schwiegermutter, und es ging ihr runter wie Öl, dass Doris ihre nunmehr echte Schwiegertochter Sabrina gar nicht leiden konnte.

„Dann zeigen Sie mal Ihre Fahrkarte“, unterbrach der Schaffner Sophies Gedanken an die Mutter jenes Mannes, dessen Namen ihr nie mehr über die Lippen kommen würde. Warum? hatte sie ihn gefragt. Er hatte herumgedruckst und dann jene Worte gesprochen, die sich Sophie in Hirn und Herz eingebrannt hatten: Weißt du, Sabrina ist einfach eine Frau zum Heiraten!

Sophie hatte nicht lange nachdenken müssen, um die Botschaft zu verstehen. Im Gegensatz zu dir, sollte das heißen. Dich heiratet man nicht. Sophie hatte lange gerätselt, was ein solches Geschöpf wohl von ihr unterschied. Bis sie ihren Ex und Sabrina zufällig in der Sauna getroffen hatte. Die Frau zum Heiraten hatte nicht geschwitzt und ausgesehen, als wäre sie in der Oper. Und das nackt. Das konnte allerdings kein normal sterbliches Wesen schaffen. Und Sophie schon gar nicht!

„Wird das noch was mit dem Fahrschein?“, fragte der Schaffner. Sophie begann hektisch zu suchen. Wo hatte sie die Fahrkarte hingetan? An einen Ort, wo sie das Ticket schnell wiederfinden würde, daran erinnerte sie sich genau, aber wo war dieser Ort?

Der Schaffner rollte mit den Augen, als schließlich zu seinen Füßen der Inhalt einer mittelgroßen Damenhandtasche ausgekippt wurde. Wozu bitte brauchen Frauen zwei Puderdosen und vier Lippenstifte? Gut, das mit der Packung Kondome konnte er verstehen bei so einem hübschen jungen Ding.

Sophie lief rot an, als sie die Packung erblickte. Wenn der Schaffner wüsste, dass sie diese nur aus einem einzigen Grund bei sich trug: um nicht zu vergessen, dass es einmal so etwas wie Sex in ihrem Leben gegeben hatte! Seit der Sohn ihrer potenziellen Fast-Schwiegermutter sich für die Frau zum Heiraten entschieden hatte, hatte Sophie es auf jeden Fall nicht mehr getan! Ihr suchender Blick fiel auf den Koffer. Die Seitentasche. Ja, das war der magische Ort.

„Jetzt weiß ich, wo sie ist!“, rief Sophie aus, sprang auf, zog triumphierend die Karte aus der Seitentasche des Koffers hervor und raffte eilig das Zeug vom Boden zusammen.

„Wagen zehn ist am anderen Endes des Zuges“, erklärte der Schaffner mit einem mitleidigen Blick auf ihr Ticket.

Völlig durchgeschwitzt kam Sophie beim Wagen zehn an und entdeckte zu ihrer Erleichterung in dem richtigen Abteil diesen Mann. Selbst durch sein Jackett hindurch war unschwer zu erkennen, dass er genau der passende war, um ihren Koffer auf die Ablage zu wuchten. Die Schultern dazu hatte er jedenfalls. Ein bisschen zu bieder gestylt für ihren Geschmack, aber mit Sicherheit ganz Gentleman. Sie öffnete die Tür.

„Ist hier noch frei?“ Keine Antwort. Trotzdem schenkte Sophie dem Typ ein Lächeln, aber der verzog keine Miene. Na wunderbar, dachte sie und tat so, als würde sie den Koffer allein auf die Ablage hieven wollen. Natürlich in der Erwartung, dass der feine Anzugträger ihr diese Arbeit umgehend abnehmen würde.

2. KAPITEL

Ben Kampmann betrachtete das Treiben der jungen Frau skeptisch aus den Augenwinkeln. Beinahe wäre er automatisch aufgesprungen, um ihr zu helfen, aber er hatte sich noch in letzter Sekunde bremsen können. Es war gar nicht so einfach für ihn, seine gute Erziehung zu vergessen, aber diese Frau war gefährlich. Das hatte Ben auf den ersten Blick gespürt. Was für ein bezauberndes Lächeln! Eines, das ihn augenblicklich erwärmte. Und deshalb war es ihm unmöglich, ihr den Koffer abzunehmen. Das war genau der Typ Frau, um den er seit der Sache mit Jana einen Riesenbogen machte. Lächelnde Chaotinnen, die ihn magisch anzogen. Leider immer noch, wie er in diesem Augenblick feststellen musste. Jeder andere vernünftige Mann würde um so eine Frau einen Riesenbogen machen, er hingegen starrte das Loch in ihrer Strumpfhose an, als wäre es ein kostbares Geschenk. Es ärgerte ihn maßlos, dass Makel dieser Art sein Herz höher schlagen ließen. Warum fuhr ausgerechnet er, der immer bemüht war, alles richtig zu machen, auf Frauen mit kleinen Unzulänglichkeiten ab? Bei dem Gedanken musste er seufzen, denn es gab keine logische Erklärung. Im Gegenteil, sein Kopf protestierte sogar dagegen, aber der Verstand hatte einfach keine Chance. Er musste seine Finger förmlich in den Sitz krallen, um nicht aufzuspringen und ihr den Koffer doch noch abzunehmen. Bestimmt drehte sie sich gleich um, sah ihn mit ihren Kulleraugen an und bat um Hilfe. Dann heißt es tapfer sein, Ben!

Sophie überlegte gerade, ob er vielleicht eine Extraeinladung brauchte. So unhöflich konnte man gar nicht sein. Ob sie ihn fragen sollte? Nein, wenn er das nicht freiwillig machte, konnte er ihr gestohlen bleiben. Wahrscheinlich hatte er Angst um seinen teuren Anzug. Vielleicht sollte sie auf den Schaffner warten, aber bis der hier war, das konnte dauern. So lange wollte sie nicht mitten im Abteil stehen bleiben und dem geschniegelten Schweiger ihre Rückseite zeigen. Auf keinen Fall. Sie musste es unbedingt aus eigener Kraft schaffen. Tief durchatmen, bücken, greifen, stemmen und hoch damit. Das war ein guter Plan, und er musste gelingen.

Ben wollte den Blick von ihrem süßen Hintern abwenden, aber er konnte nicht. Und wenn er nun doch schnell den Koffer auf die Ablage hob und sie dann die ganze Fahrt nach Westerland nicht mehr beachtete? Ausgeschlossen, das hielt er keine zwei Stunden durch. Komplett ignorieren war die einzig wirksame Waffe gegen diese wandelnde Verführung. Der armen Frau nur mal eben helfen wollen, das hatte ihn schon mal schier um den Verstand gebracht. Vor drei Jahren, als Janas Obsttüte geplatzt war, sie ihn angelächelt und er ihr daraufhin die kullernden Äpfel von der Straße gesammelt hatte. Aus der kleinen Gefälligkeit waren zwei verrückte Jahre geworden. Jahre, in denen er sich heftig dagegen gesträubt hatte, sie als mögliche Ehefrau in Betracht zu ziehen – obwohl es nie langweilig mit ihr gewesen war. Doch als er sich endlich dazu durchgerungen hatte, ihrem Temperament Tor und Tür zu öffnen und so auch seinem verhängnisvollen Hang zu mehr Lässigkeit einen Platz in seinem Leben zu geben, hatte Jana einen Heiratsantrag von diesem millionenschweren Bauheini bekommen und ihn auch prompt angenommen. Den Tag würde er nie vergessen. Nein, keinen Handschlag würde er für diese dunkel gelockte Versuchung tun …

Sophie stieß einen tiefen Seufzer aus, packte den Koffer beherzt an und hievte ihn unter Aufbringung ihrer geballten Willenskraft auf die Ablage. Dabei rutschte ihr Rock nach oben und gab den Blick auf ihre wohlgeformten langen Beine frei.

Bei diesem Anblick schluckte Ben trocken. Zwei Stunden allein mit dieser Frau in einem kleinen Zugabteil, das war so wie fastend in einem Drei-Sterne-Restaurant eingesperrt zu sein. Entweder wechselte er das Abteil, oder er versuchte zu schlafen. In diesem Augenblick bremste der Zug ab und die dunkel gelockte Versuchung kam direkt auf seinen Schoß zugeschossen. Was sollte er tun? Er musste sie festhalten, damit sie nicht auf dem Boden landete. Als hätte er es geahnt. Sein Körper reagierte umgehend auf diese plötzliche Nähe zu ihr. Ihm wurde höllisch heiß, und er hoffte nur eines: dass sie es bitte nicht merken möge, wie heftig er auf sie angesprungen war. Dieser Duft, diese Wärme …

Sophie aber empfand nur zwei Dinge. Das Ganze war ihr unendlich peinlich – und seine Hände auf ihren Hüften, die fühlten sich gut an, aber sie konnte sie ihm ja schlecht abhacken. Auf den Rest dieses arroganten Kerls konnte sie nämlich gut und gerne verzichten.

Mit einem Ruck befreite sie sich und ließ sich stöhnend auf den gegenüberliegenden Sitz fallen, nicht ohne ein „Dankeschön“ herauszupressen. Und was machte er? Er tat so, als wäre das alles gar nicht passiert. Sophie konnte es nicht fassen. Er ignorierte sie, obwohl sie ihn jetzt unverwandt anstarrte, weil sie mit Erstaunen feststellte, dass er eigentlich ziemlich attraktiv war. Römische Nase, dunkles volles Haar und haselnussbraune Augen, die allerdings starr an ihr vorbeiblickten.

Ben versuchte krampfhaft, an etwas anderes zu denken als an die Frage, die sich bereits gefährlich weit in seiner Fantasie ausgebreitet hatte: Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich die Vorhänge zuziehe? Ich würde nämlich gern mit Ihnen schlafen! Mist! Jana. Ja, er sollte lieber an ihren Anruf denken und die Tatsache, dass er ihrem Ruf nach Sylt sofort gefolgt war. Ihr reicher Gatte wollte die Scheidung. Ihre tränenerstickte Stimme war Musik in Bens Ohren gewesen, das musste er zu seiner Schande gestehen. „Dirk will mich verlassen. Er glaubt, dass ich was mit Pit, dem Rettungsschwimmer, habe, der abends im ‚Strandhuis‘ kellnert, und nun will er die Scheidung. Er hat sich schon einen Anwalt besorgt und will mir alles nehmen. Du musst sofort kommen. Ich will auch einen Rechtsbeistand. Ich will das Haus in Kampen behalten! Und du verschaffst es mir!“

„Und? Hast du wirklich was mit ihm?“, hatte er Jana gefragt.

„Natürlich nicht“, hatte sie seine Unterstellung empört von sich gewiesen und voller Überzeugung hinzugefügt: „Jedenfalls nicht jetzt. Das ist doch schon so lange her. Ich habe dir doch schon damals von Pit erzählt!“

Ben hatte sich verkniffen, ihr zu sagen, dass sie diesen kellnernden Rettungsschwimmer ihm gegenüber niemals erwähnt hatte. In den ganzen zwei Jahren nicht. Ob sie etwa während ihrer Beziehung Kontakt miteinander hatten? War anzunehmen, denn auch die Bekanntschaft mit diesem Millionär hatte Jana ihm ja hartnäckig verschwiegen. Sie hatte ihm weismachen wollen, sie hätten sich morgens zufällig auf der Straße kennengelernt und schwups, am selben Abend schon hätte er um ihre Hand angehalten. Haha, wer es glaubt! Ben verscheuchte den Gedanken an die flatterhafte Art seiner Ex und ihren Hang, sich die Wahrheit so zu schnitzen, wie es ihr gerade passte. Das war Schnee von vorgestern. Und es berührte sein Herz nicht mehr, was sie tat oder ließ, das allein wollte er sich mit seinem Besuch in Kampen beweisen. Ganz bestimmt war er geheilt und würde jetzt, wo sie geschieden wurde, auf keinen Fall mehr bei ihr schwach werden. Und dann würde er frei sein und sich endlich mit Staatsanwältin Nicole Burger verabreden. Die war hübsch und so schön vernünftig. Keine Frau mit Laufmaschen. Nichts zum Verstandverlieren. Sie hatte ein sympathisches Lächeln, aber keines, das ihn willenlos zum Schmelzen brachte. Genau die richtige Frau, um endlich eine Familie zu gründen. Er musste mit ihr nur noch alles klarmachen, und dann war er endgültig immun gegen Versuchungen dieser Art.

Vorsichtig wandte er den Blick in Richtung der süßen Verlockung. Als sich ihre Blicke trafen, schloss er rasch die Augen. Er hatte keine Wahl. Nur schlafend konnte er garantieren, dass er keine Dummheiten machte.

Sophie hatte zunehmend den Eindruck, das Abteil mit einem leicht Verrückten zu teilen. Normal war das jedenfalls nicht. Sie würde sich jetzt einfach in ihr Fachbuch vertiefen. Doch da fiel ihr ein, dass das keine gute Idee war, denn um das Buch herauszunehmen, müsste sie den Koffer wieder von der Ablage wuchten. Und es war schließlich nicht so, dass sie gar nichts von Scheidungen verstand. Bestimmt mehr als das scheidungswütige Paar, das auf der Insel auf sie wartete. Die würden mit Sicherheit nicht merken, dass sie eher im Strafrecht zu Hause war. Außerdem sträubte sich etwas in ihr, vor diesem merkwürdigen und gleichzeitig attraktiven Mitreisenden ausgerechnet ein Buch über Scheidungen aufzublättern. Warum riskiert er nicht wenigstens einen Blick? fragte sie sich. Mit einem Seufzer schloss sie die Augen, weil sie nicht mehr darüber grübeln wollte, an was für einer psychischen Störung ihr Gegenüber wohl leiden mochte. Oder war er vielleicht schlichtweg stumm oder blind?

Beim Aufwachen galt Sophies erster Blick ihrem Reisebegleiter. Wie hingegossen lag er auf den Sitzen, das Jackett hatte er ausgezogen, sein Haar war verwuschelt. Und welche Überraschung: Ein Lächeln war auf sein Gesicht gezaubert! Wahrscheinlich war der Mann einfach nur total verliebt und bemerkte andere Frauen gar nicht. Aber selbst das würde Sophie niemals als Entschuldigung für den Koffer gelten lassen!

„Nächster Halt: Keitum“, ertönte es schrill aus den Lautsprechern. Sophie wunderte sich, dass er nicht einmal von dieser alles durchdringenden Stimme aufwachte. Sie würde ihn jedenfalls nicht wecken. Sollte er doch aufwachen, wenn der Zug wieder in Hamburg ankam. Schade, dass er so ein Idiot war. Den Blick immer noch auf den schlafenden Schnösel gerichtet, griff Sophie nach ihrem Koffer und konnte gerade noch verhindern, dass er ihr aus der Hand glitt und auf den Abteilboden donnerte. Schnaufend balancierte sie ihn an dem fest schlafenden und immer noch lächelnden Mann vorbei. Sie würde das Monstrum von Koffer bis Westerland ganz nach vorne in den Zug bugsiert haben, um es dort nicht den ganzen Bahnsteig entlangschleppen zu müssen.

Ben wachte auf, als ihm etwas gegen den Kopf knallte. Erschrocken öffnete er die Augen und sah seine Reisebegleitung nur noch von hinten. Sie schien nicht einmal gemerkt zu haben, dass sie ihn mit ihrer Handtasche beinahe k. o. geschlagen hatte.

„Auf Nimmerwiedersehen, Miss Chaos“, murmelte er und spürte im selben Moment, dass das ganze Abteil noch von der Energie dieser Frau zu vibrieren schien. Über allem lag ihr betörender Duft. Er atmete tief durch, und erst, als der Zug in Westerland einlief, griff Ben nach seinem Koffer, während er krampfhaft versuchte, fest an Staatsanwältin Nicole Burger zu denken.

3. KAPITEL

Sophie war eilig auf den Bahnhofsvorplatz getreten und sah sich suchend nach einem turbogebräunten Playboytypen mit bis zum Bauchnabel geöffnetem Hemd um. So jedenfalls stellte sie sich ihren bereits zweimal geschiedenen neuen Mandanten, Multimillionär Dirk Römer, vor.

„Entschuldigen Sie, aber sind Sie Dr. Keller junior?“, fragte nun eine sympathisch klingende Stimme hinter ihr. Bevor sie überhaupt antworten konnte, hatte ihr eine gebräunte Hand den schweren Koffer abgenommen.

Sophie fuhr herum und sah in ein Paar blaue, spöttisch blickende Augen.

„Römer. Dirk Römer“, stellte er sich mit Handschlag vor und fügte skeptisch hinzu: „Aber sind Sie nicht noch viel zu jung, um solche Fälle zu stemmen?“

Sophie musterte ihn durchdringend.

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