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Reifezeit der Lust

Dank

Ich danke allen Kursteilnehmerinnen aus meinen Tantra Kursen sowie den Paaren und Einzel-Patient*innen aus meiner Praxis für ihre Offenheit und den Mut, mir von sich zu erzählen und ihre Gefühlswelten mit mir zu teilen. Ich konnte viel von ihnen lernen.

Ich danke Sylvia Rati für die spannenden Diskussionen um sexuelle Identitäten. Ich danke Merle von Bredow für ihre weisen Worte zum Verhältnis von Liebe und Tod. Ich danke Dr. Antje Halfmeier für ihre Unterstützung und Anregung bei medizinischen Fragen. Ich danke Karen-Susan Fessel, die sich als Lektorin so engagiert auf den Text eingelassen und durch Lob und wohlwollende Kritik die Lesbarkeit des Textes deutlich verbessert hat. Am meisten danke ich Petra Helmensdorfer, die mich nicht nur mit ihrer Liebe begleitet hat, sondern auch den Text sorgfältig mit mir durchgegangen ist.

Reifezeit der Lust

Vorwort

1. Grundsätzliches

2. Mythen und Realitäten

3. Fakten und Vermutungen

4. Vorstellungen und Fantasien

5. Unterschiede im erotischen Erleben

6. Die Vielfalt sexueller Identitäten

7. Solist*innen, Paare und Lustgruppen

8. Körperliche Veränderungen

9. Seelische Störungen

10. Geistige Einschränkungen

11. Geheime innere Sexkiller

12. Altersbedingt höhere Hürden beim Sex

13. Überwindungen solcher Hürden

14. Reife Varianten der sexuellen Liebe

15. Übungen zur Kultivierung reifer Lust

16. Sex Tipps für Best Agers

17. Spirituelle Dimensionen

18. Vorbereitung für spirituelle Weitungen

19. Ausblick auf die Liebe bis zum Tod

Bücher, Blogs und Websites

Zur Autorin

Vorwort

In meinem Verständnis von Sexualität geht es immer um Formen von Liebe, auch wenn es sich zuweilen mehr um eine lustvolle Begegnung als um eine tiefe Liebesbeziehung handelt.

Und wenn wir Sex als expansivste Form gelebter Liebe begreifen und dabei nicht auf die bekannten Ausdrucksformen fixiert sind, können wir entsprechend der Theorie der Cherokee (Workshops in 2000-2006) auch sagen: Jede Zelle, die sich gerade teilt, explodiert in sexueller Energie und bringt neue Formen hervor.

Sexuelle Energie ist also eine der positivsten Formen expandierender Lebensenergie.

Das ist für Sie zu banal?

Mitnichten!

Wie im Kleinen (der Zelle), so im Großen (dem ganzen Körper), wie im Innen (der einzelnen Person), so im Außen (der Paarbeziehung, letztlich der Welt).

Und jedes Beenden alter Lebensformen trägt schon neue Formen in sich. Wir brauchen sie nur zu entdecken und innerlich anzunehmen.

Im Alter sehen manche Veränderungen kleinschrittiger aus. Na und?

In der Geh-Meditation z. B. werden die Schritte klein gehalten, um sie bewusster zu tun und ihnen eine Bedeutung zu geben. Diese Chance birgt besonders das Alter mit seiner bewegungsbezogenen Verlangsamung, mit den gemachten Erfahrungen und einem Plus an Sinnorientierung. Und wenn es beim Sex auch um Beziehung und Bindung geht, ist das nur dauerhaft in der Welt der Langsamkeit möglich. In dieser Welt geht es weniger um das „Machen“ und um Leistungen, sondern um das bewusste Sein, das Miteinandersein.

Aber was macht genau das Alter mit der Liebeslust? In diesem Buch möchte ich sowohl realistische Grenzen aufzeigen als auch Mut machen, neue oder veränderte Formen der Liebeslust im Alter zu entwickeln. Genauso, wie viele ihre Esskultur verfeinern, so kann auch die Liebeslust kultiviert, verfeinert und vielfältiger gestaltet werden.

Denn Sex ist nicht gleich Sex. Die sexuelle Energie wandelt sich genauso wie das Leben selbst. Sie kennt keinen Ruhestand. Sie ist allerdings abhängig von den äußeren Lebensbedingungen, der Schichtzugehörigkeit, der Gesundheit, der Kultur, die die Menschen prägt und geprägt hat, den kollektiven Werten und Einstellungen sowie den biografischen Prägungen und dem jeweiligen Lebensabschnitt. Und die dem jeweiligen Lebensabschnitt subjektiv angemessene Wandlung kann aktiv gestaltet werden.

Für wen ist das Buch geschrieben?

Im Wesentlichen beziehe ich mich auf alle Geschlechter, sogenannte Cis-Personen (also Menschen, bei denen körperliches und soziales Geschlecht übereinstimmen) und Transpersonen (Menschen, bei denen es – noch oder dauerhaft- different ist) und Menschen mit nicht-binären Identitäten (also Menschen, die sich nicht auf ein Geschlecht reduzieren wollen). Daher verwende ich auch das Trans-Sternchen (*) in den Endungen und wechsle ab und zu die Geschlechterbezeichnungen, auch damit der Text flüssig lesbar bleibt. Dennoch bin ich mir bewusst, dass ich als frauenliebende Frau eine entsprechende Sicht auf das Thema Sex im Alter habe. Daher geht es im Text vorrangig um die Sicht von Frauen oder weiblich identifizierten Personen, die Frauen oder Männer lieben. Gleichzeitig können die Informationen auch für Männer mit allen sexuellen Identitäten interessant sein, um sich im Kontakt mit dem (weiblichen) Liebesgegenüber besser verstehen zu können. Außerdem hoffe ich, dass alle Geschlechter die meisten Aussagen für sich übersetzen können, denn sonst müsste ich für die Alterssexualität jeder Identität und Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung ein eigenes Buch schreiben.

Die meisten meiner Anregungen beziehen sich auf den derzeitigen Mainstream, nämlich Paare – meist heterosexuelle – mit ergänzenden Kapiteln für Lesben, Schwule, Transidente und für Solosex im Vergleich zu Paaren und zu Gruppensex. Polyamouröse Beziehungen, BDSM-Spiele für die immer größer werdende SM-Subkultur oder sexuelle Kreisrituale werden hier nicht explizit beschrieben, ebenso keine Form von Sexarbeit. Ausnahme ist die Sexualbegleitung in Altenheimen.

Insgesamt lassen sich die Anregungen in diesem Buch auf die meisten Beziehungsformen übertragen und anwenden.

Die Probleme um sexuelle Delinquenz lasse ich hier außen vor – im Bewusstsein, dass die Täter zu einem großen Teil alternde Männer sind. Ich habe aber aktuell keine Lust, mich näher damit zu beschäftigen, weil mir die (indirekte) Beschäftigung damit im Bereich der Psychotherapie „reicht“.

Da das Buch auch einige eher spröde, aber wichtige Informationen liefert, versuche ich diese durch ein paar scherzhafte Textfelder (grau markiert) und ein paar kleine Beispiele (kursiv gedruckt) aufzulockern. Insbesondere die Witze sind eine Auswahl aus drei Erzählseminaren; meine Internetrecherchen konnten die Quellen leider nicht immer zurückverfolgen.

Sie können das Buch längs- oder querlesen. Gehen Sie einfach Ihrer momentanen Neugierde nach.

Mein Wunsch dabei: Ich möchte, dass Ihnen zumindest einige Beschreibungen „unter die Haut gehen“ und vielleicht sogar Ihr Herz erreichen. Dann war es die Arbeit wert, dieses Buch geschrieben zu haben.

Kapitel 1

Grundsätzliches

Wir bleiben das ganze Leben lang sexuelle Wesen, ob wir unser Wesen nun aktiv ausleben oder nicht. Daraus folgt: Sexuelle Lust gibt es in allen Altersstufen vom jugendlichen bis ins hohe und höchste Alter. Sie kann Liebe, Begehren, Genuss, Freude, Bestätigung, Stärkung, Abbau von Spannungen, emotionale Nähe und Bindung zum Ausdruck bringen. Und wenn Paare sich sexuell lieben, verbinden sie sich intim und tief miteinander – jedenfalls wenn die Ausdrucksformen für beide stimmig und erfüllend sind und beide sich diesem gemeinsam kreierten „Lustwesen“ hingeben können. Voraussetzungen dafür sind Vertrauen, offene Kommunikation, Entspannung, erotische Wohlspannung und emotionale Nähe. Unter diesen Voraussetzungen sind Berührungen dabei nie nur körperliche, sondern tiefe Berührungen der Seelen.

Nach meiner langjährigen Erfahrung als Sexual-Beraterin und Paar- wie Einzeltherapeutin kann ich mittlerweile sagen: Die Alten entdecken die Liebeslust – auch in ihrer sexuellen Form. Sie haben oft nur keine Lust auf die tradierten Formen des „Liebe-Machens“, sondern suchen nach Wegen, auch körperlich lustvoll in Liebe zu sein.

Das hat sich inzwischen herumgesprochen und wird auch in Filmen wie z. B. „Wolke 9“1 oder „Wie beim ersten Mal“2 oder „Silber Sinnlich Sexy – und wie ich es werde“3 für die älteren Jahre kreativ thematisiert. Auch das Buch „Silver Sex“ der alten Dame Ruth Westheimer (87)4 wurde endlich ins Deutsche übersetzt und von vielen aktuellen Werken ergänzt.

In Fernsehfilmen haben sich z. B. Christiane Hörbiger oder die kürzlich gestorbene Iris Berben als Grandes Dames der Lebens- und Liebeslust im Alter erwiesen und taugen sicher für einige als Vorbilder. In den www.tipps-vom-experten.de ist sogar von einer neuen „sexuellen Revolution“ der „Generation 60 plus“ die Rede, die für den lebenslangen Wert der Sexualität steht.

Um die sechzig herum zeigen sich zwar die ersten altersbedingten Körperveränderungen (wie das schüttere, graue Haar, die faltige Haut, Speckpölsterchen, hängender Po oder Bauch, eine Andeutung von Doppelkinn), doch die Lust auf Sex bleibt ungebrochen. Gerade die „Jungen Alten“ der heutigen Zeit sind oft noch „smart“ im Kopf und körperlich fitter als ihre Vorfahren. Auch die Erfahrung, erotisch unwiderstehlich zu sein, passiert aufgrund einer erotischen Ausstrahlung, die auch mit faltiger Haut noch möglich ist. Wahrscheinlich - so mutmaßt man mit 60plus - sind es die Achtzigjährigen, die keinen Sex mehr haben oder spätestens dann in einen Endzeitjammer verfallen. Dann aber sollte ein möglichst die Angehörigen und die Pflegeversicherungen nicht zu belastendes „sozialverträgliches Ableben“ erfolgen. Mit achtzig taucht dann die Frage auf, wie man je glauben konnte, dass ein Leben ohne den Gedanken an Sex überhaupt möglich ist. Sind sie dann über 80, lächeln sie nicht selten verschmitzt darüber.

Das Geheimnis lustvoller Sexualität ist gerade im Alter die aktive Pflege und die fantasievolle Kultivierung dieses Lebensbereiches, so dass selbst aus langjährigem, etwas langweiligem Grau wieder eine Vielfalt von Farben entstehen kann. Denn wenn wir nicht aktiv etwas aus dem Alter machen, macht es etwas mit uns … Und wenn jemand endlich den Job beendet hat, muss er das nicht auch gleich mit Sex und Lebensfreude tun. Die neue Aufgabe heißt, statt Verluste von Rollen, Funktionen, Machtpotenzialen und Kontakten zu bejammern: neue Prioritäten setzen – eventuell solche, die mehr mit Lebenslust zu tun haben?

Auf einer Postkarte las ich den Kurztext:

„Keine Angst vor dem Alter!

Sie können noch ganz viel Unvernünftiges tun – nur langsamer.“

Als Hintergrund ein altes Paar, das die Köpfe so zusammensteckt, als ob sie etwas aushecken würden.

Kirsten von Sydow5 bescheinigt dabei den Alten „eine größere Varianz im sexuellen Verhalten und Erleben die nicht mit biologischen Faktoren erklärt werden kann“. D. h. die bunte Vielfalt ist bei vielen längst da, und grau ist nur das Haar auf dem Kopf.

Auch in der Gerontologie werden der Alterssexualität wichtige psychische Funktionen zugeschrieben wie Kommunikation von Nähe und Zuneigung, Bestätigung von Beziehung und eigener Identität sowie Aktivierung des eigenen Belohnungssystems im Hirn und damit der Zufriedenheit mit dem Leben. Außerdem fördert sexuelle Aktivität auch das allgemeine Aktivitätsniveau und wirkt einem geistigen wie körperlichen Abbau entgegen.

Auch bleibt die Fähigkeit zu sinnlicher, körperlicher Kommunikation länger erhalten als etwa die Fähigkeit zu sprachlicher Kommunikation. Dazu kommt, dass jetzt zur allgemeinen Geschlechtsreife die lebenslang erworbene sexuelle Reife und die persönliche Reife ein gutes Gegengewicht gegen alte sexuelle Normen, Regeln und Verbote darstellen können.

Wichtig bei der weiteren Beschäftigung mit Sex in all seinen (Alters-)Variationen ist die Beachtung seiner vier Hauptdimensionen:

• Die Beziehungsdimension:

Schaffen von Nähe, Geborgenheit, Zärtlichkeit, von gegenseitigem Vertrauen, Verbundenheit und Bestätigung der Beziehung

• Die Lustdimension:

das sinnliche Erleben von Erotik, Erregung und Orgasmen, den körperlich intensivsten Ausdruck von Liebe und Hingabe

• Die Identitätsdimension:

Selbstbestätigung, Wahrnehmung der erwachsenen sexuellen Identität

• Die reproduktive Dimension: das Zeugen von Kindern bzw. Verhütung von Schwangerschaft

Mit dieser Reihenfolge ist auch schon die Priorisierung im Alter benannt: Die Beziehungsdimension ist die vorrangige, die Lustdimension kommt danach, die Identitätsdimension verliert ihre aktuelle Wichtigkeit und die reproduktive Dimension kommt außer bei Männern mit sehr viel jüngeren Frauen nicht mehr infrage.

Ist Sex in jungen Jahren wirklich glücklicher, liebevoller und entspannter ist als der Sex der Großeltern? Häufig ist er schneller, wilder, abenteuerlicher, aufregender, rauschhafter und sportlicher. Die Notwendigkeit der Akzeptanz körperlicher Einschränkungen ist für gesunde und äußerlich attraktive Junge noch ein seltenes Thema.

Fazit: Jede sexuelle Energie (ob als Gedanke, Gefühl oder als Handlung) ist gelebte Lebensenergie. Sie ist ein Ausdruck der Hingabe an das Leben selbst. Sex wird also in unserem Leben immer eine Rolle spielen, auch wenn er manchmal eher indirekt gelebt wird: z. B. gilt der Paartanz als der „vertikale“ Ausdruck für ein „horizontales“ Bedürfnis.

Allerdings verändert sich der Körper und mit ihm der Sex sowie die Gedanken rund um den Sex im Laufe des Lebens, so dass Sex im Alter oft ganz anders ist als früher vorgestellt. Vielleicht ist es weniger der „HeißspornSex“ der Sturm-und–Drang-Zeit, der die ganze Person durcheinanderwirbelt, sondern mehr der stille, tiefe Sex, der unter die Haut geht und seine Tiefe aus der Reife der Persönlichkeiten bezieht.

Auch muss es nicht mehr der angepasste Sex sein, für dessen Zustandekommen vorschnell Kompromisse gemacht werden, Rücksichtnahme wichtiger wird als Selbstausdruck und die eigenen Bedürfnisse und Wünsche bis zur Unkenntlichkeit zurückgestellt werden - oder umgekehrt: bei dem ein Teil eines Paares viel zu oft die Verantwortung übernimmt oder ständig meint, die Initiative ergreifen zu müssen. Statt solche Gewohnheiten im Alter einfach fortzuführen, können weise Alte auch solche Normen und Regeln wie alten Ballast hinter sich werfen und sich lieber mit der lächelnden Unsicherheit eines Neubeginns begegnen.

Der Genuss von Sex ist außerdem unabhängig davon, ob wir mit dem Fahrrad oder dem Rollator unterwegs sind. Hierbei geht es nämlich um Gefühls- und weniger um Fortbewegungen. Und wie die Gefühlsbewegungen ausgedrückt werden, wird mit zunehmendem Alter bei Frauen wie Männern immer unterschiedlicher, so dass auch die Aussagekraft von Durchschnittswerten immer geringer wird. Dabei hat sich herausgestellt, dass sowieso prinzipiell alle (Körper-)Formen und Wahrnehmungen erotisierbar sind – wenn wir ihnen eine entsprechende Bedeutung geben. Das dann ausgelöste Begehren kann sowohl zum störenden Gefühl als auch zum energiegeladenen Lebenselixier werden – je nach der Bedeutung, die wir ihm geben.

Manche stoßen dieses Lebenselixier allerdings in den Rumpelkeller unwichtig gewordener Dinge. Sie leben freiwillig oder aus Mangel an Gelegenheit sexuelle Abstinenz und vermissen sexuelle Aktivität nicht besonders

– im Gegensatz zu denen, die frustriert sind über ihre „Sexout-Beziehungen“.

Auch diese Entscheidung verdient Respekt. Allerdings braucht eine Person schon viel Energie, um alle sexuellen Gedanken, Wünsche und Handlungen zu sublimieren (etwa in geistige Aktivitäten oder soziales Engagement umzuwandeln), zu verdrängen (also z. B. nur noch den Träumen zu überlassen) oder auf andere zu projizieren (z. B. in der attraktiven Nachbarin zu sehen): All das sind Aktivierungen innerer Kräfte, die dann an anderer Stelle fehlen. Gerade das Verdrängen und Projizieren sind Abwehrformen, die die Alten zwar vordergründig „pflegeleichter“ und „gemütlicher“ machen, aber auch müder, störrischer oder depressiver.

Ausnahme sind die selbstbewusst und gerne „Asexuellen“, deren Liebe und Leidenschaft so sehr in die Kunst, ins soziale oder politische Engagement oder die Arbeit geht, dass hier ihre Liebeslust ihren Lebe-Ort findet, so dass sie ehrlich nichts vermissen.

Dennoch halten sich nicht nur bei Alten, sondern gerade bei jungen Menschen die Mythen und Vorurteile, auf die ich in Kapitel 2 eingehen werde. Das Fatale dabei: Selbst die Tabuisierung von „Alterssex“ zu erwähnen, ist schon wieder tabuisiert.

Damit möchte ich in dieser Ideen- und Ratgeberin schwungvoll aufräumen.

Daher meine acht Grundthesen:

• Sexualität ist eine Form der Lebensenergie jedes Menschen, unabhängig vom Alter, vom Geschlecht, der sexuellen Orientierung, des sozialen Standes und der Normen und Werte der Kultur und des Zeitgeistes.

• Für Sex ist es nie zu spät, aber im Alter ändern sich die Bedürfnisse, die Formen und die Sprache der Liebeslust.

• Die meisten sexuellen Varianten werden nicht durch das Alter an sich, sondern durch generations- und kulturbedingte Faktoren sowie durch Dynamiken der Beziehung bestimmt.

• Alle Körperformen (auch die altersbedingten Veränderungen) sind erotisierbar, wenn sie eine lustfördernde Bedeutung bekommen.

• Qualität wird wichtiger als Quantität, und bewusste Langsamkeit wird wichtiger als Schnelligkeit.

• Im Alter geht es beim Sex weniger um das „Machen“ und „Leisten“ als vielmehr um das „in Liebe Sein“.

• Sex und Denken ist ein Gegensatzpaar, das nicht im gleichen Zeitfenster erscheinen kann.

• Die Zeit für den besten Sex ist das Alter. Die eigene Sterblichkeit kann dabei zu einer weisen Beraterin werden.

Mit der Qualität des Liebeslebens ist Folgendes gemeint: die Intensität, die Bezogenheit, die Tiefe, die Weite und die Freiheit von äußeren Normen. Wenn das Liebesleben so gelebt wird, ist auch die gesamte Beziehung geprägt durch folgende Charakteristika:

• Zärtlichkeit,

• Sinnlichkeit

• Gelassenheit,

• Humor,

• Vertrauen,

• Geborgenheit

• körperliche Nähe,

• das Gefühl von Verbundenheit und

• gegenseitige Bestätigung.

Diese Qualitäten werden in diesem Buch mehrfach in unterschiedlichen Facetten wiederholt, weil sie mir so wichtig sind.

Wann fängt denn Alter an?

Wikipedia als bekanntestes Internetlexikon definiert es ab dem 65. Lebensjahr und unterscheidet zwischen „jungen Alten“, „alten Alten“ und „Hochbetagten“.

Altersbedingte Veränderungen der Sexualität beginnen bereits um das 40. Lebensjahr. Die meisten Frauen erleben im darauffolgenden Lebensjahrzehnt hormonelle Veränderungen, die die Wechseljahre6 einleiten. Bei einigen Männern tritt in dieser Zeit ein als Midlife Crisis oder Andropause bezeichneter Einschnitt in der psychosozialen Altersentwicklung auf, der auf psychischen Veränderungen, geänderten Lebensumständen und der Erfüllung von Reproduktionsaufgaben basiert. Viele fangen spätestens dann an mit Fitnesstraining, gesunder Ernährung und einer Schublade voll Nahrungsergänzungsmitteln gegen Alterungsprozesse. Die spezielle Befürchtung dabei: „Zeit und Leidenschaft verrinnen gemeinsam“7. Fakt ist allerdings, dass bei Männern das Testosteron8 schon ab dem 20. Lebensjahr im Sinkflug begriffen ist und die Potenz schleichend reduziert.

In psychologischer Hinsicht spricht man von Alterssexualität meist als von der Zeit nach den klimakterischen und Midlife-Veränderungen9. Radebold10 spricht zwischen 60 und 65 Jahren vom „höheren Lebensalter“, zwischen 65 und 75 Jahren von den „jungen Alten“ und ab 75 Jahren von den „alten Alten“.

Aber heutzutage stelle ich immer wieder fest, dass Frauen wie Männer sich oft selbst 7-10 Jahre jünger einschätzen und zu den offiziellen Gruppen nicht dazugehören wollen. Es gefällt mir, wenn Vanessa del Rae11 zwischen biologischem (die zählbaren Lebensjahre), sozialem (die den Alten zugeschriebenen Rollen und Eigenschaften) und gefühltem (die subjektive Selbstwahrnehmung) Alter unterscheidet und von keiner selbstverständlichen Übereinstimmung ausgeht. Auch die Grenzen zwischen den verschiedenen Altersgruppen können als fließend angesehen werden.

Und – wo ordnen Sie selbst sich ein?

Ein Spaziergänger trifft eine sehr faltige, runzelige Frau mit vielen grauen Strähnen im Haar auf einer Parkbank. Sie schaut glücklich und verträumt in die Weite.

„Entschuldigen Sie“, spricht er die Frau an, „Sie sehen so zufrieden und glücklich aus. Was ist das Geheimnis Ihres Älterwerdens?“

Die Frau antwortet: „Jeden Tag 60 bis 80 Zigaretten, mindestens eine Flasche Whisky, keinen Sport und jede Menge junger Liebhaber … und das mein ganzes Leben lang!“

„Unglaublich!“, staunt der Mann, „und darf ich Sie fragen, wie alt Sie jetzt sind?“

„Neununddreißig …“

Was ist denn guter, anstrebenswerter Sex?

Guter Sex ist die körperlich-seelische Art des lustvollen Austausches, die für beide stimmig ist und für beide Befriedigung und nachhaltige Erfüllung bringt.

Dabei kommt es nicht auf Stellungen, Bewegungen und Erregungen an, sondern um Berührung aus der inneren Berührtheit, um Hingabe, Spannkraft, freudvolles Tun, entspanntes Lassen und um liebevolle Begegnung. Was das konkret bedeutet, entscheiden Sie selbst – in Verbindung mit Ihrem Liebesgegenüber.

 

1 von Regisseur Andreas Dresen

2 von Regisseur David Frankel (2012)

3 del Rae 2012

4 2014, erstmals in den USA in 2005 erschienen

5 zit. n. Hartmann et al. 2013

6 auch Klimakterium genannt

7 Bäuerlein 2016

8 männliches Sexualhormon

9 Wikipedia 2019

10 1992

11 2014

Kapitel 2

Mythen und Realitäten

Mythen sind ja subjektive oder kollektive Überzeugungen, die das eigene (Sexual-)Leben beeinflussen, aber nicht unbedingt der Realität entsprechen. Sie helfen, uns zu orientieren und Prozesse zu verstehen. Sie sind Ausdruck von Kultur und Zeitgeist. Gerade die sexuellen Mythen sind oft allerdings auch hemmend und behindernd. Auch wenn sie intellektuell durchschaut und kritisiert werden, halten sie sich so hartnäckig wie eine Zecke, die sich einmal im Bein festgebissen hat. Und verstärkt wird ihre Wirkung auch noch durch viele Liebesromane, Filme oder erzählte Geschichten. Hier also die Beschreibung einiger aktueller Mythen.

Sex im Alter ist „igitt“, wenn viele heutige Erwachsene sich ihre Eltern bei ihrer eigenen Zeugung oder ihre Großeltern beim Sexakt vorstellen. Das Gleiche gilt, wenn Kinder oder Jugendliche sich ihre Eltern beim Sex vorstellen. Eine solche Abwehr hängt damit zusammen, dass Sex wie automatisch gekoppelt wird an jugendliche, fitte und gesunde Körper, an Liebe, Abenteuerlust oder die angebliche Leichtigkeit eines Sexvergnügens für nur eine Nacht. Dieses jugendliche Körperbild als kollektive Norm für den Zugang zu Flirt, Erotik und Sexualität schiebt alles über 55 auf das Trockendock der Asexualität. Und da Junge definieren, was Sex ist, werden z. B. der Austausch bereits kleiner Zärtlichkeiten unter Alten als normabweichendes Verhalten definiert.

Schon die Adjektive, mit denen allgemein eine neue Liebe beschrieben wird, machen klar, in welcher Lebensphase diese verortet wird:

Solch eine Liebe wird als „frisch“ und „zart“ und „knospend“ oder einfach „jung“ bezeichnet. Nun sind aber immer weniger Menschen in diesem Land frisch und knospend und jung. Die Hälfte der Deutschen ist jetzt schon über 45 – mit steigender Tendenz. Und die Lebenserwartung steigt jedes Jahr um drei Monate.

Und auch dieses zweifelhafte Kompliment: „Für Dein Alter siehst Du noch ziemlich gut aus!“ bedeutet nicht etwa eine Ausnahmeerlaubnis (wer sollte auch die Macht haben, sie zu geben?), sondern suggeriert, dass Alter, Schönheit und sexuelle Attraktivität ja eigentlich doch nicht zusammengehören. Im Gegenteil: Die körperlichen und geistigen Alterungsprozesse (der als gegeben angenommene „Altersabbau“ der Ü60-Generation) werden wie eine Krankheit angesehen. Sie geben dem Körper zwar noch eine „Restlaufzeit“ bis zum Tod, sie lassen aber „wie naturgegeben“ die sexuelle Lust und ihre Realisierbarkeit schrumpfen bis auf plötzliche kleine Geilheiten Demenzkranker z. B. bei pflegerischen Berührungen, die es aber zum Erhalt menschlicher Würde einzudämmen gilt.

Das ist ein kollektiver Denkfehler in Verbindung mit jugendlicher Arroganz, der sich trotz anderer Forschungsergebnisse (s. Kapitel 3) zumindest aktuell noch hält. Ob dies in 20 Jahren noch so ist? Hoffentlich nicht!

Patient: „Herr Doktor, nach dem Sex habe ich immer ein Pfeifen im Ohr.“

Doktor: „Na, was erwarten Sie denn in Ihrem Alter - standing ovations?“

Wenn alte Menschen allerdings erst einmal unsicher und frustriert sind, weil die alte Art, Sexualität zu leben, nicht mehr möglich ist, hören sie oft: „Schauen Sie doch einmal in den Spiegel!“ Als ob sie mit dem Erwerb gegerbter Haut, Speckröllchen, Hängebusen oder schütterer Haare schon den Zustand altersbedingter Asexualität mit erworben und sich bei derart „natürlichen“ Abbauprozessen schließlich nicht zu beklagen hätten. Alles andere wäre einfach absurd und krank. Und wer will sich schon als unwürdiger Lustgreis oder als perverse Nymphomanin sehen? Dann besser „Frauenversteher“ oder Vorleserin im Altersheim nebenan.

Besonders wirkt sich das Asexualitäts-Stigma auf Frauen aus, die im Bild vieler Junger zur Nicht-Frau werden und diese Zuweisungen nicht selten selbst verinnerlicht haben. Andererseits machen die alten Frauen mit aktiver Sexualität vielen Männern Angst, weil sie aufgrund der Abkopplung der Lust von der Fruchtbarkeit kraftvoller und selbstbewusster für sich eintreten können.

Aber sowohl Frauen als auch Männer haben es schwer, ihre sexuelle „Natur“ (was immer sie darunter verstehen) zu würdigen, wenn sie die Natur unserer Erde gleichzeitig mit Füßen treten.

Ein weiterer kollektiver Mythos ist die „Frisch-Fleisch-Falle“12. Das bedeutet, die sexuelle Erfüllung an der Lebensart und den Körpern von Teens und Twens zu orientieren, die am besten die Körper der begehrten Pin-Ups haben und somit den männlichen und indirekt auch vielen weiblichen Ansprüchen gerecht werden. Die Falle: Gerade wegen ihrer Perfektheit in der Umsetzung männlicher Entwürfe werden sie nur als Fetische, aber nicht als lebendige Frauen betrachtet, also nicht wirklich geachtet.

Zwei einsame ältere Männer vertreiben sich die Zeit mit ausgiebigen Chats. Noch scheuen sie ein Treffen, sind aber beglückt über all die schönen Worte. Beide glauben fest, der andere sei eine 23jährige sexy Blondine.

Natürlich gibt es auch die lebendigen jungen Frauen und Männer, die schnelle Kontakte machen können, allerdings häufig lieber unverbindlich leben, wenig differenzierte sexuelle Aufklärung haben und ihr Selbstwertgefühl von den „likes“ der veröffentlichten Selfies abhängig machen. Statt der körperlich fühlbaren, greifbaren Kontakte machen sie die minütliche Erfahrung, dass allein schon das Wischen auf dem Smartphone für eine Dopamin Ausschüttung im Hirn, also für eine Aktivierung des Belohnungssystems sorgt. Da muss ein Liebesgegenüber schon starke Reize bieten, um die Aufmerksamkeit von Smartphone oder Tablet auf sich selbst zu lenken.

Gleichzeitig können sie sich darauf verlassen, dass Dopamin als Hormon der Begierde vor dem Orgasmus enorm ansteigt, um dann im Orgasmus plötzlich abzufallen und einem erhöhten Prolaktinspiegel Platz zu machen, der Sattheit und ein Gefühl der Belohnung macht.

Das Gegenteil ist dann die „Greisen-Falle“13, in der die Rollen als hilflose oder neidisch-pessimistische Alte mit passivem Selbsthass zelebriert werden. So wird zuweilen die Identitätskrise nach Berentung negativ „gelöst“ und die Verantwortung für die Sorge um sich anderen überlassen. Aber die verbitterten Gesichter zeigen oft an, dass dies wohl kein geschickter Trick ist, um andere für sich arbeiten zu lassen, sondern eine Vermeidung von innerem Wachstum. Dazu gehört auch eine resignative Sex-Vermeidung, statt sich mit den Ängsten und notwendig gewordenen neuen Formen auseinanderzusetzen. Entsprechend dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung tritt dann auch genau die sexuelle Lustlosigkeit ein, die jemand in der eigenen passiven Hilflosigkeit befürchtet hat.

Der hartnäckigste Mythos für alle Altersstufen ist jedoch: Wenn zwei sich lieben, haben sie automatisch Lust aufeinander und können diese Lust selbstverständlich in die Tat umsetzen. Und wenn sie keine Lust (mehr) haben, müssen sie folgerichtig ihre Liebe infrage stellen. Auch wenn viele, viele Paare die gegenteiligen Erfahrungen machen: Dieses Klischee hält sich wie eine Zecke am Bein und kann das Hirn ziemlich erweichen, so dass ein kluges Nachdenken über den Sinn der Unlust kaum noch möglich ist.

Natürlich wirken sich beim Thema Mythen und Vorurteile stark die oben angedeuteten Generationsunterschiede aus: Z. B. haben die Geburtsjahrgänge 19101950 wenig Sexualaufklärung erhalten und waren oft auf Fantasien oder Vorurteile angewiesen, aber gleichzeitig gab es eine strikte Sexualmoral und geschlechterbezogen die sexuelle Doppelmoral in der Erziehung, d. h. Männer durften mehr als Frauen, Sex sollte ihnen durchaus Spaß machen, was von Frauen nicht unbedingt erwartet wurde. Männer standen gleichzeitig (wie die jungen Männer heute oft auch) unter der Erwartung, sie müssten sich sexuell besser auskennen und bei den Frauen dominant auftreten.

Die Möglichkeiten der Verhütung waren zunächst noch unzureichend mit der Folge großer Schwangerschaftsängste bei den Frauen. Häufige Traumatisierungen (durch Krieg, Kriegsfolgen, sexuelle Gewalt / Missbrauch) waren oft nicht bewusst verarbeitet. Nicht selten kommt Verdrängtes im Alter wieder hoch und produziert vielfältige sexuell einschränkende Traumafolgestörungen.

Bei den ab ca. 1950 Geborenen gab es aber auch positive Veränderungen durch die zweite Frauenbewegung, die Pille und die sogenannte “sexuelle Revolution“. Gerade Letztere hat erst einmal Tabus gebrochen, mehr (äußere) Freiheiten von alten Verboten erbracht, aber auch so manchen Sex-Druck erzeugt, der auf Kosten der Differenziertheit der Wunscherfüllung ging. Auch die hier erlebten sexuellen Grenzüberschreitungserfahrungen haben so manche Frauen wieder zurückfallenlassen in die alten Tabus, während die Männer sich daraufhin mehr mit dem inneren wie äußeren Leistungsdruck auseinandersetzen mussten.

Allerdings: Trotz der gesellschaftlich tolerierten Tabubrüche haben immer noch viele ältere Menschen die Moral ihrer Jugend „konserviert“ und kultivieren z. B. den Mythos vom starken Mann und der schwachen Frau, was die sexuelle Interaktion beider Geschlechter verfremdet und reduziert – wenn sie nicht zumindest im Alter neue, für beide stimmige Formen entwickeln.

Ein weiterer Faktor sind die Kulturunterschiede. In den letzten Jahren besonders auffällig war das Aufeinanderprallen von Normen und Werten zwischen islamischer und christlicher Kultur bei Migrant*innen, Asylant*innen, Eingebürgerten und Einheimischen. Dies wird jetzt noch einmal verschärft nach der mühsam und mäßig gelungenen Integration der Geflüchteten, die neben den Kultursprüngen, der Armut, dem Verlassen Müssen der Ursprungsfamilie auf z. T. gefährlichen Wegen auch noch die Kriegstraumatisierungen als psychischen Ballast mit sich schleppen. Da verhalten sich die weißen deutschen Mittelschichtsbürger*innen oft wie die Herrschenden, die wissen, was etwa in einer Ehe richtig und was falsch ist.

So verhalten sie sich getreu dem Mythos von der bürgerlichen Ehe, also der klassischen Versorgungsehe, in der „natürlicherweise“ der Sex im Alter abnimmt, aber die Frau weiterhin ihren Mann bedienen sollte14. Diese Rollenverteilung kehrt sich zuweilen im Alter um: die

Männer werden fürsorglicher und die Frauen selbstbewusster. Manchmal passiert eine Rollenveränderung auch plötzlich (z.B. nach einer Erkrankung), was das Gleichgewicht beider enorm erschüttern kann. Wenn dabei sexuelle Aktivitäten immer mehr einknicken, wird auch oft die zärtliche Interaktion beendet, obwohl noch längst nicht alle Möglichkeiten einer erotisch-zärtlich-sexuellen Interaktion ausgeschöpft sind.

Eine Möglichkeit der Spannungsreduktion stellen dann nicht selten Streits und Nörgeleien dar. Der alltägliche „Streit anstatt“ ist zwar quälend, ist aber auch eine Form von Zuwendung.

Es gibt inzwischen auch den umgekehrten Mythos: „Sex bis ins hohe Alter ist schaffbar, hält fit, Potenzmittel und Hormonpillen werden es schon richten.“

Warum soll es Viagra bald in Tropfenform geben?

Weil die Pillen nicht durch die Öffnung des Schnabelbechers passen …

Das kommt zwar den Interessen der pharmazeutischen Industrie entgegen. Ob der erotische Fitnesswahn alten Menschen aber tatsächlich nützt und nicht nur neuen Druck aufbaut, ist kritisch zu hinterfragen. Denn einerseits kann es einen Mann stolz machen, auch im Alter häufig noch „zu können“, andererseits winkt hier ein neuer Leistungsdruck, der einem entspannten und zufriedenen Alter eher zuwiderläuft. Es hat auch etwas Seltsames, wenn es gerade nach Überwindung der ersten Sinn- und Aktivitätskrisen des Ruhestands viel um Entschleunigung, Entspannung und Vereinfachung des Lebens geht – aber der Sex soll auf Turbospeed bleiben.

Manche transportieren auch die gefühlte „Rushhour“, also den aktiven Arbeitsmodus aus der Zeit vor dem Ruhestand in die Rentenzeit und sprechen schmunzelnd vom „Unruhestand“, da sie jetzt so viele Freizeitaktivitäten ausbauen oder nachholen oder die neue ehrenamtliche Tätigkeit sowie die aktive Großelternzeit mit Inbrunst wahrnehmen wollen, dass sie weiterhin abends todmüde ins Bett sinken und das Fallenlassen in die Liebeslust wieder einmal auf den nächsten Urlaub verschieben.

Was aber, wenn jetzt bei knapper Rente das Geld für einen entspannten Urlaub fehlt? Der Mythos vom aktiven, fitten, jugendlich gealterten Menschen als neues Idol bleibt. Das aber halte ich nicht einmal für das Hauptproblem, sondern durch das Beibehalten des Zustandes von „Machen und Leisten“ vermeiden Ruheständler*innen möglicherweise die notwendige Sinnund Beziehungskrise, die freie Zeit zum Erkennen und Lösen braucht. Dabei könnte nämlich auch herauskommen, dass gerade während der aktiven Arbeits- und / oder Familienphase ein Entfremdungsprozess des Paares, aber auch der einzelnen Person zu sich selbst entstanden ist. Dadurch hat sich möglicherweise die Öffnung für Nähe und Körperlichkeit schleichend reduziert. Es gab in den vielen Jahren zuvor so viele Wiederholungsschleifen, festgemauerte Widerstände und routinierte Abläufe, dass viele in der Beziehung zu sich oder zum Liebesgegenüber energiesparend auf „Autopiloten“15 geschaltet haben und neue Erfahrungen gar nicht mehr für möglich halten. Eine Folge davon ist, dass der früher einmal sehnsüchtige und liebeshungrige Blick trübe geworden ist und das sexuelle Verhalten vorhersehbar geworden ist. Das schwächt die gesamte Lebendigkeit und bietet keine Herausforderung mehr. Extremer ausgedrückt: Eine solche Rück-Entwicklung ist die Vorstufe der Vergreisung.

Komiker*innen nehmen ja gern den gerade herrschenden Zeitgeist unter die Lupe. Und nicht umsonst tönt Dr. Eckart von Hirschhausen in seinem neuen Programm16 über das Älterwerden: „Wenn das Leben endlich ist, wann fangen wir endlich an zu leben?“

Die im Familien- und Berufsleben erworbene Reduktion der eigenen fühlbaren Lebendigkeit zu erkennen, schmerzt erst einmal. Wenn aber die Sehnsucht nach Nähe, Körperlichkeit, Erotik und Sexualität nicht weiter im Dornröschenschlaf dahindämmert, sondern in besonderen Situationen wachgeküsst wird, kann sie sich in Hoffnung verwandeln, auch die eigene Sexualität jenseits von Gewohnheiten und Quickies aus Zeitmangel neu oder weiter zu entwickeln.

Daraus können sich auch Rollenkonflikte oder traurige Bestandsaufnahmen ergeben. Es gehört Mut dazu, das Ureigene zu entwickeln, sich darin zu zeigen, dabei das Anderssein des Liebesgegenübers wohlwollend wahrzunehmen und nach Möglichkeiten von Gemeinsamkeit zu suchen. Das ist eine hohe Kunst, und diese Kunst hat als Voraussetzung weniger angeborene Talente als vielmehr gute, wertschätzende Kommunikation, emotionale (Wieder-)Öffnung, eine Portion Selbstwertschätzung, Abkehr von schnellen Urteilen und Bewertungen und eine gut eingeübte Konfliktfähigkeit. Dann kann auch die realistische, selbstkritische Seite zur verträumten Seite sagen: „Willkommen in der Gegenwart. Willkommen in der Wirklichkeit. Nur die ist lebbar.“

Und die Zukunft? Auch wenn sie nicht mehr endlos lang zu sein scheint, kann sie die Vergangenheit überholen und birgt noch viele Möglichkeiten für inneres Wachstum – immer im Tanz zwischen Bewahren und Erneuern. Damit meine ich nicht die Übertragung des kollektiven Selbstoptimierungswahns auf die zarte Struktur sexueller Kommunikation. Damit meine ich das Hinbewegen zum eigenen Wesen, also zu dem, was sich authentisch und lebendig anfühlt. Dabei ist es immer wieder eine persönliche Entscheidung, ob jemand viel in Bildern der Vergangenheit lebt oder alle verfügbare Energie in die eigene erotisch-sexuelle Zukunft steckt, auch wenn gegenwärtige Grenzen dafür überwunden oder akzeptiert werden müssen.

Ich könnte auch fragen: Wollen Sie den schon lange in der Vorratskammer gelagerten, übersüßten oder faden Dosenpfirsich essen oder machen Sie sich die Mühe, einen frischen Pfirsich zu kaufen, seine Samthaut zu fühlen, ihn zu riechen, zu waschen und neugierig auf seine fruchtige Süße in ihn hineinzubeißen? Sie könnten sich geirrt haben, und er ist noch gar nicht reif oder überreif.

Auch im Liebesleben gibt es Risiken und Fehlermöglichkeiten. Ja und? Entspannen Sie sich auch in diese Möglichkeiten hinein, statt am sicheren Ort der vorgefertigten und standardisierten Genussmittel festzukleben. Das Risiko hier ist der dumpfe Blick auf das erloschene sexuelle Feuer.

Was heißt das übersetzt für Sex im Alter?

Sie können sexuelle Begegnungen standardisieren, aus zweiter Hand erleben oder durch Mythen und Beurteilungen festlegen. Alles andere scheint dann unmöglich, unmoralisch oder fremd.

Zwei ältere Frauen sitzen auf einer Friedhofsbank. Während des Gesprächs über die Toten packt die eine ihren Lippenstift aus und beginnt sich zu schminken.

Die andere fragt erstaunt: „Wie alt sind Sie denn?“

„78“.

„Und da schminken Sie sich noch?“

Die erste ziemlich erbost: „Wie alt sind denn Sie“?

„98“.

„Und da gehen’s noch heim?“

Das Gemeine an sexuellen Mythen: Sie sind oft verkleidet als aufgeklärtes Gedankengut oder Beschreibungen der „menschlichen Natur“ (was immer dies sei).

Zusammengefasst wurde dies durch Bernie Zilbergeld17 als sexuelle Mythen von Männern in unserer Zeit:

• „Wir sind aufgeklärte Leute und fühlen uns wohl beim Sex.

• Ein wirklicher Mann mag keinen „Weiberkram“ wie Gefühle und dauernd reden.

• Jede Berührung ist sexuell oder sollte zu Sex führen.

• Männer können und wollen jederzeit.

• Beim Sex zeigt ein wirklicher Mann, was er kann.

• Beim Sex geht es um einen steifen Penis und was mit ihm gemacht wird.

• Sex ist gleich Geschlechtsverkehr.

• Ein Mann muss seine Partnerin ein Erdbeben erleben lassen.

• Zum guten Sex gehört ein Orgasmus.

• Beim Sex sollten Männer nicht auf Frauen hören.

• Guter Sex ist spontan, da gibt es nichts zu planen oder zu reden.

• Echte Männer haben keine sexuellen Probleme.“

Sexuelle Mythen von Frauen wurden untersucht von Philippsohn, Heiser und Hartmann18:

• „Die Frau ist zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse des Mannes da.

• Eine Frau ist immer bereit und will immer.

• Sexualität ist etwas Unreines, Schmutziges.

• Die Frau ist beim Sex passiv und folgt dem, was der Mann bestimmt.

• Jeder Körperkontakt muss zum Sex führen.“

Generelle sexuelle Mythen im Alter:

• Sexualität sollte sich im Laufe des Lebens nicht ändern.

• Im Alter braucht man keinen Sex mehr.

• So aufgeklärt, wie wir sind, haben die beschriebenen Mythen keinen Einfluss mehr auf uns.

Sie finden das dumm und haben vernünftige Gegenargumente? Ja, sicher, aber dennoch können einzelne dieser realitätsfernen Glaubenssätze „von hinten durch die Brust ins Auge“ die Sicht auf die eigene Liebeslust, aber auch die des jeweiligen Liebesgegenübers versperren, vernebeln oder zumindest die Lust dabei einschränken. Eine Reduktion der Lust auf Lust ist meist die Folge.

Ich höre dies z. B. immer wieder von Menschen, die solche Glaubenssätze von ihren Eltern übernommen haben, sich jetzt redlich davon abgrenzen und unangenehmerweise doch noch einzelne Wirkungen verspüren oder auf ihr Liebesgegenüber projizieren. Manche merken, wieviel ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Geschichte nötig ist, um sich wirklich davon zu befreien.

In der Vorbereitung eines Feuerrituals hatte ich die Teilnehmerinnen gebeten, einmal alle körper- und lustfeindlichen Sätze ihrer Mütter und Großmütter auf einzelne Zettel zu schreiben. Diese sollten dann noch einmal laut vorgelesen und anschließend im offenen Feuer verbrannt werden, begleitet von lauten Rufen der Gruppe. An der emotionalen Bewegtheit der Teilnehmerinnen war für alle erkennbar, wie sehr Sätze wie „Du bist viel zu hässlich, um sexy zu sein“ oder „Du bist eine richtige Schlampe, so oft, wie Du Sex hast“ die Frauen immer noch schmerzten, wütend und hilflos machten, obwohl sie sich intellektuell längst davon distanziert hatten. Und es gab so viele Zettel zu verbrennen, dass ich kaum noch am Feuer stehen konnte. Als es danach darum ging, sich im Blick auf die lodernden Flammen auch die Wärme, die Hitze, die Verwandlungskraft und die Leidenschaft des Feuerelements zu vergegenwärtigen, konnte sich so manche Frau mehr aufrichten und stand fester auf dem Boden.

Und welche Mythen schleichen sich immer noch heimlich in Ihren Hinterkopf?

Können Sie unterscheiden zwischen realen Problemen und solchen, die durch Mythen hervorgerufen werden? Dann werden Sie diesen Mythen kaum noch zum Opfer fallen.

 

12 Schneider, J., 2016

13 siehe Butler 1996

14 siehe auch Kapitel 2

15 wie bei Autofahrten auf langen Strecken

16 „Endlich“ in Bremen 2020

17 zit. n. Drimalla 2016

18 zit. n. Drimalla 2016

Kapitel 3

Fakten und Vermutungen

Die eine Sexualität im Alter gibt es nicht. Allein der Begriff „Alterssexualität“ suggeriert ja eine Besonderheit mit dem Implikat vermuteter Defizite. Die Möglichkeiten, mit Lust und Liebe umzugehen, sind so vielfältig wie die Menschen in diesem wie in allen anderen Lebensabschnitten. Untersuchungen zu Sexualität und Partnerschaft im Alter19 zeigen sogar, dass das sexuelle Interesse gleichbleibt. Auch Veränderungen im Erleben und in der Aktivität korrelieren nicht mit dem biologischen Alter, sondern mit dem Partnerschaftsstatus, also damit, ob es eine solche gibt und wie lange sie dauert. Auch andere soziokulturelle Gegebenheiten wie zum Beispiel soziale Benachteiligung und Sex-Tabus im kulturellen Umfeld bewirken jeweils unterschiedliches Erleben und unterschiedliche sexuelle Aktivitäten.

Ein Fakt westdeutschen Sexuallebens: Es gibt viel mehr Wissen darum, wie ein Kind gezeugt und dann großgezogen werden kann, als es differenziertes Wissen darum gibt, wie Sex mit dem größtmöglichen Genuss lebbar ist. Das ist eine der Grundlagen für die oftmals gepflegte Langeweile beim Sex langjähriger und älterer Paare.

Dass es immer noch viel zu wenige differenzierte Untersuchungen zur Sexualität alter Menschen gibt, kann mit dem Zitat des amerikanischen Sexualforschers Elmar Brähler20 erläutert werden: „Weil wir dachten, ältere Menschen hätten keine Sexualität, haben wir sie nicht befragt. Und weil wir sie nicht befragt haben, dachten wir, sie hätten keine“.

Nach Angaben des Zentrums für Altersforschung gibt es bei den über 60-Jährigen so viele Partnerschaften wie nie zuvor. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2014 mehr als 100.000 Ehen geschlossen, bei denen ein Partner über 50 war – zwei Drittel mehr als noch im Jahr 2000. Und als die Universität Osnabrück Menschen zwischen 50 und 70 zu ihrem Sexualleben befragte, gaben 60 % der Frauen und 80 % der Männer an, regelmäßig Geschlechtsverkehr zu haben.

Den Umfragen von Berberich und Brähler21 zufolge oder in der Berliner Altersstudie BASE I22 sind die „jungen Alten“, die in Partnerschaften leben, noch zu großen Teilen sexuell aktiv (89 %), mit einem Unterschied von ca. 4 % zwischen Männern und Frauen. Einer der Hauptbefunde in o. g. BASE I war die Einsicht, dass Wohlbefinden als wichtige Grundlage für einen Zugang zur Sexualität im Laufe des Lebens relativ stabil bleibt.

Gesprochen wird vom „Wohlbefindens-Paradoxon des Alters“, weil die erwarteten Einbrüche durch mehr altersbedingte Störungen gar nicht auffindbar sind, sondern subjektiv adaptiert und ausgeglichen werden. Auch die geringere Häufigkeit sexueller Aktivitäten hat offensichtlich keinen negativen Effekt auf die Zufriedenheit mit der eigenen sexuellen Beziehung. Die Teilnehmer einer weiteren Studie23 zeigten „über die gesamte Zeit stabile sexuelle Zufriedenheitswerte, obwohl sich die sexuelle Aktivität mit dem Alter als Folge hormoneller und physischer Veränderungen verringerte.“ Hintergrund könnte sein, „dass psychische Anpassungsprozesse bei Menschen in langjährigen Partnerschaften besonders gut gelingen“. Deutlich weniger sexuelle Aktivitäten sind bei Singles zu finden.

Erst kurz vor dem Tod sinkt das Gefühl des Wohlbefindens und Glücks dramatisch ab – eventuell aufgrund der starken körperlichen Abbauprozesse und folgenden Einbußen an erlebter Lebensqualität24.

Im späteren Alter nimmt rein statistisch gesehen die sexuelle Aktivität im Laufe der Jahre ab. Aber immerhin sind es bei den in Beziehung lebenden 80-jährigen Männern noch 30,8 % und bei den in Beziehung lebenden Frauen noch 25 %. Nur bei denen, die nicht in Beziehung leben, sinkt der Anteil der klassischen Formen heterosexueller Aktivitäten. Dies natürlich insbesondere bei den Frauen, da diese die längere Lebenserwartung haben, also entweder Witwen sind oder weniger Auswahl unter potentiellen Sexpartnern haben und noch stärker unter einer negativen Selbstsicht in Bezug auf Ästhetik, sexueller Attraktivität und Hemmnissen bei Such-Aktivitäten leiden25.

Hinzu kommt, dass viele Frauen zwar Lust auf Zärtlichkeit, manchmal auch auf Sex, haben, aber keine Lust auf eine „Neuauflage“ klassischer heterosexueller Beziehungen mit der alten Hausfrauenrolle. Hier zeigt sich nämlich, dass der Ort für ein befriedigendes Sexleben nicht nur das Liebeslager im Wohn- oder Schlafzimmer ist, sondern auch Küche, Bad und andere Orte, an denen die Qualität des Miteinanders zum psychologischen Vorspiel wird.

Faktisch sieht es so aus, dass, während weit über die Hälfte der über 80-jährigen Männer noch eine Partnerin haben, von den Frauen im gleichen Alter nicht einmal jede Zehnte noch einen Partner hat. Gleichzeitig ist festzustellen, dass viele verheiratete Männer dem Verlangen der über 60-jährigen Frauen nach Gleichberechtigung oft nicht gewachsen sind und an alten Rollen festzuhalten versuchen.

Frauen werden im Schnitt sieben Jahre älter als Männer; jenseits der 65 herrscht also – aus weiblicher Sicht – Männermangel. Dabei haben Singles gegenüber Frauen in Partnerschaften weniger Sex (trotz sexueller Selbstliebe bei allen) und partnerschaftlich Gebundene etwas mehr sexuelle Aktivitäten und mehr Zufriedenheit damit, wie in einer weiteren Studie26 deutlich wird. Ebenso hängt die sexuelle Zufriedenheit der alternden Frauen offenbar mehr mit der (positiven) Beziehung zum eigenen Körper zusammen; der Zusammenhang der sexuellen Zufriedenheit mit sexuellen Aktivitäten wie Geschlechtsverkehr oder Selbstbefriedigung konnte nicht nachgewiesen werden (!).

Amerikanische Befragungen27 zeigen auch, dass noch ein Drittel bis ein Viertel der Befragten vom siebten bis achten Lebensjahrzehnt sexuell aktiv sein dürfte, wobei die Häufigkeit des (heterosexuellen) Geschlechtsverkehrs von monatlich bis wöchentlich schwankt28. Männer gaben den Geschlechtsverkehr häufiger aus Potenz- oder Libidioverlust auf, Frauen häufiger als Folge des Partnerverlustes.

Deutsche Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen; ich gebe aber zu bedenken, dass all diese immer wieder zitierten Untersuchungen schon älteren Datums sind29 und Sexualität meist als heterosexuelle Akte mit Penetration30 bzw. mit Orgasmen definieren. Homosexuelle Aktivitäten werden meist separat untersucht, und intime Zärtlichkeiten gelten oft nicht als sexuelle Aktivität. Die aktuellste Hamburger Studie31 befragt zwar auch Ältere nach sexuellen Erfahrungen und Wünschen, hat aber den Schwerpunkt „Sexuelle Gesundheit und sexuell übertragbare Infektionen“.

In der groß angelegten amerikanischen Studie von 200732 zeigten sich auch folgende Ergebnisse: „Wesentliche Grundlage für eine erfüllte sexuelle Beziehung ist nach den Studien eine vertraute, vertrauende und intime Beziehung, in der körperliche Veränderungen und eventuelle Einschränkungen nicht als Behinderung, sondern als Option für eine neue, dem Alter und dem Erfahrungshorizont angepasste Möglichkeit des Ausdrucks von Zärtlichkeit, körperlicher und emotionaler Nähe verstanden wird. Ein gesundes Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, mit der eigenen, sich verändernden Ästhetik umzugehen, hat ebenfalls eine wesentliche Bedeutung für einen schamfreien und entspannten Umgang mit der eigenen Sexualität.

Hier wurde des Weiteren festgestellt, „dass auch das Erreichen sexueller Erfüllung über Masturbation / Onanie im letzten Lebensdrittel für viele Menschen eine wichtige Rolle spielt. Etwa die Hälfte aller Männer und ein knappes Viertel aller Frauen gaben an, sich selbst zu befriedigen. Und die Dunkelziffer in diesem immer noch tabuisierten Bereich ist hoch. Das hängt mit der Tabuisierung von Sex zusammen: „Was unter meiner Bettdecke passiert, geht niemanden etwas an“. Hierbei wurde auch deutlich, dass sich dabei die Zahlen zwischen Alleinstehenden und in festen Partnerschaften lebenden Menschen nur unwesentlich unterschieden; dies also in allen Lebensformen als Teil der Sexualität empfunden wurde.

In den Interviews der amerikanischen Studie behaupten sogar nicht wenige Menschen ab 50 oder 60, jetzt den besten Sex ihres Lebens zu haben – vorausgesetzt, die Gesundheit macht keinen Strich durch die Rechnung. Gefördert wurde guter Sex und allgemeines Wohlbefinden durch ein der eigenen Gesundheit angemessenes Aktivitätsniveau.

Auch das Bildungsniveau über 50-jähriger Frauen steht nach einer Untersuchung in den USA in einem direkten Zusammenhang mit der empfundenen Zufriedenheit beim Sex, der Fähigkeit Lust zu verspüren, Orgasmen zu haben und entsprechende Gelegenheiten zu suchen. Also auch wenn einige es nicht gern glauben wollen: je höher die Bildung, umso stärker die Lust.

Ebenso korreliert der Grad des religiösen Engagements negativ mit Sex, d. h. je aktiver jemand in der Kirchengemeinde jedweder Konfession mitarbeitet, umso weniger sexuelles Engagement wird gezeigt. Dazu kommen natürlich – je nach Kirche – die christlichen Sex-Tabuisierungen ohne Trauschein und Kinderzeugung und die kirchliche Doppelmoral, dass Frauen als Jungfrauen in die Ehe gehen sollten und Männer durchaus vor- und außereheliche Erfahrungen machen dürfen. Das spielt für viele in reiferen Jahren keine Rolle mehr, da die innere Autonomie gewonnen hat oder die Tabuthemen für sie nicht mehr zutreffen.

Deshalb Schnee von gestern im Alter? Nein, nur im Detail, aber die erworbene geistige Enge, Scham- und Schuldneigung sind hartnäckige Sex-Verhinderungs-Geister. Durch sie entsteht meist ein sorgfältig totgeschwiegener Graben zwischen geheimem Wunschbild und kollektiver Normierung – gerade bei langjährigen Paaren –, über den nur die Sehnsucht Blicke werfen kann. Diese Sex-Verhinderungs-Geister weichen nur nach aktiver und oft schmerzhafter Auseinandersetzung mit ihnen und ihren Hintergründen.

Auch die Bewohner*innen von Alten- und Altenpflegeheimen oder anderen Anstalten der Gleichförmigkeit, Passivität, Verkindlichung und Langeweile verlieren oft an Lebendigkeit und Spontaneität, was sich bald wie eine Käseglocke über die sexuellen Bedürfnisse legen kann – wenn diese nicht erlaubt und aktiv gefördert werden33. Hier zeigt sich nämlich die andere Seite der Schwarz-Weiß-Malerei in den Bildern von alten Menschen: entweder die „Urlauberkarikatur“34 überaktiver Kreuzfahrtschiff-Tourist*innen, die die Romantik stiller Orte zerstören, oder missmutig vor sich hindösende, manchmal auch ewig meckernde Pflegefälle, die dem Staat „auf der Tasche liegen“.

Rückgängig ist in fast allen Befragungen die Häufigkeit des „klassischen Geschlechtsverkehrs“ heterosexueller Paare zugunsten von Kuscheln, Küssen und anderen Zärtlichkeiten. Das bedeutet, der klassische Geschlechtsverkehr35 verliert seine Rolle als zentraler Akt der Befriedigung und macht anderen Formen und Zeichen der Liebe Platz.

Die freie Lust auf und an der Liebe ist natürlich noch weitgehend Utopie, aber für ihre Realisierung bestehen jetzt mehr Chancen denn je. Das zeigt sich jetzt schon in einigen Metern Ratschlags-Literatur, im Aufgreifen von Themen wie „Sex im Alter“ durch Pro Familia und andere Institutionen.

Spannend finde ich bei der genannten Untersuchung in 2007, dass angenommen wird, eine neue Generation, die sich von traditionellen Verhaltensmustern stark distanzieren konnte, komme jetzt ins mittlere und höhere Lebensalter. Zu den kollektiven Erfahrungen dieser Generation gehören die sexuelle Liberalisierung, die Einführung moderner Verhütungsmethoden in den 1960er Jahren und ...

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