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Rendezvous mit einem Highlander

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PROLOG

Ihr Duft lockte ihn.

Sogar von der trostlosen Felszunge unter dem Wachturm von Domhnaill aus konnte Duncan der Tapfere Lady Cristianas Duft im Wind riechen. Der berauschende Duft kam allerdings nicht von einer Kräuterseife oder einem Bad mit Rosenblüten. Es war der Duft ihres legendären Mets, der den Steilhang hinunterwehte und Duncan und seine Männer in eine Wolke aus Nelken und Honig einhüllte.

Wer hätte gedacht, dass eine Frau, die einen so himmlischen Trank braute, einem Mann Obdach verweigern würde?

„Sagt ihr, ich bitte im Namen christlicher Nächstenliebe“, rief Duncan dem mürrischen Wachposten zu, der ihnen keinen Einlass zum angestammten Familiensitz der DomhnaillFamilie gewähren wollte. Der grauhaarige Torwächter hatte Duncans Männer lange in der Kälte warten lassen, während er Nachrichten mit seiner hartherzigen Herrin austauschte.

„Der Lairds will seinem Feind kein Obdach gewähren“, erwiderte der Wachmann, obwohl Duncan wusste, dass er log. Die Gerüchte über den schlechten Gesundheitszustand des Laird waren überall zu hören gewesen. Er regierte nicht länger seine Burg. „Er trug mir auf, Euch mitzuteilen, dass es in der Nähe ein Kloster gibt …“

„Auf der anderen Seite des Bergs“, ergänzte Duncan und machte seinem Ärger Luft. „Sag deinem Laird und seiner herzlosen Tochter, dass ich gerne meine Rüstung ablegen werde, wenn ich dafür die Eiszapfen an meinem Mantel auftauen lassen kann, bis der Sturm vorüber ist.“

Zum Teufel mit dem Stolz der Domhnaills.

In den vergangenen fünf Jahren hatten sie die Schmach nicht verziehen, die ihre Familie erlitten hatte, als Duncans Bruder das Brautbett mit Cristianas Schwester vor der Trauung genossen hatte. Sie hatten den Ehevertrag für nichtig erklärt, die Tat der Liebenden als Kriegserklärung gesehen und so die Kluft zwischen ihren Clans vergrößert.

Der Wind pfiff um die Felsen, wirbelte um die Füße der Männer und ließ die Mähnen der Pferde wild herumwehen. Den ganzen Tag hatte es heftig geschneit, sodass sie nicht weiter nach Norden reiten konnten. Duncan hatte keine andere Wahl, als einen Unterschlupf zu finden und das Ende des Sturms abzuwarten.

Genau, wie er es geplant hatte.

Der alte Wachmann über ihren Köpfen verschwand und nach ein paar Augenblicken erschien ein neues Gesicht im Schneegestöber. Die Gestalt lehnte sich aus dem Fenster des Wachturms, und langes, zimtfarbenes Haar und ein goldenes Seidentuch fielen über das Sims. Die schwere Pelzkapuze, die sie trug, konnte die vollen, offenen Haare in dem erbarmungslosen Wetter kaum bändigen.

Die Herrin des Mets persönlich.

Cristiana of Domhnaill hatte kein Lächeln für ihn übrig, als sie ihn begrüßte.

„Ihr werdet jede Klinge und jeden Pfeil abgeben, Sir“, befahl sie in einem Ton, der verriet, dass sie es gewohnt war, dass man ihr gehorchte. „Und auch dann werdet ihr erkennen, dass unsere Gastfreundschaft für Eidbrüchige begrenzt ist.“

„Ihr seht gut aus, Mylady.“ Duncan verbeugte sich im Sattel, eine schwierige Aufgabe, wenn man bedachte, dass seine Knochen schon seit ein paar Leugen steifgefroren waren. „Ich zweifle nicht, dass Eure Gastfreundschaft so großzügig wie Euer vergebendes Herz sein wird.“

„Ich freue mich, dass wir uns verstehen. Ich werde die Zugbrücke hinunterlassen, aber Ihr müsst warten, bis meine Männer euch entwaffnet haben, bevor Ihr einen Fuß daraufsetzt.“ Noch während sie sprach, knarrte der Mechanismus der Brücke laut, und die großen Zahnräder stöhnten protestierend. „Wir essen heute spät, um das neue Jahr willkommen zu heißen. Ihr könnt Euch uns dann anschließen. Ich habe Gäste, Sir, und hätte Euch sonst keinen Einlass gewährt. Aber ich kann es mir nicht leisten, unbarmherzig zu erscheinen.“

Sie verschwand in einem Wirbel goldener Schleier und zimtfarbener Strähnen und ließ den Tag so noch kälter werden. Duncans zufriedenes Grinsen konnte sie nicht mehr sehen.

„Wir haben es gewagt und waren erfolgreich.“ Dankbar bekreuzigte er sich, da das Risiko ein tödliches gewesen war. Denn obwohl er gehofft hatte, als um Hilfe bittender Reisender in die Domhnaill-Festung eingelassen zu werden, hatte er nicht vorhergesehen, wie schnell die Kälte und der Schnee sie überraschen würden. Die unbarmherzigen Winter der Highlands hatten mehr Männer das Leben gekostet als die Klingen der Feinde.

Neben ihm schnaubte einer seiner besten Ritter.

„Ihr nennt es Erfolg, wenn wir dem Feind in den Schoß fallen und nichts haben, um uns zu verteidigen?“ Misstrauisch beäugte Rory the Lothian die bewaffneten Wachen, die über die heruntergelassene Zugbrücke ritten. „Ich habe schon immer gewusst, dass Ihr ein Draufgänger seid, Duncan, aber ich dachte, Ihr würdet mit gezücktem Schwert und fluchend in den Tod gehen.“

„Manche Schlachten kann man nicht mit dem Schwert gewinnen.“ Während er seinen Schwertgurt löste, hoffte Duncan, dass er seinem Instinkt trauen konnte, wenn es um Cristianas Charakter ging.

Vor fünf Jahren hatten sie nur wenig Zeit miteinander verbracht, aber sie hatte sich ihm mit einer Leidenschaft versprochen, die er niemals vergessen hatte. Ohne die Missetat seines Bruders wären sowohl er als auch Donegal seit vielen Monden schon mit Domhnaill-Frauen verheiratet gewesen.

Das Unheil wäre nicht über seine Leute hereingefallen. Die Männer und die Reichtümer seiner Burg hätten seine Ländereien beschützt und vor dem Verfall bewahrt.

Rory blickte finster drein, als er einen eisverkrusteten Dolch aus einem Gurt an seinem Schenkel zog.

Aye. Und in diesem Fall könnte Euer Feind mit dem einzigen Schwert, das Ihr noch besitzt, bezwungen werden, wenn wir hier fertig sind.“ Rory senkte die Stimme, als die Wachen von Domhnaill näher kamen, um den wachsenden Haufen Stahl an sich zu nehmen.

All seiner Waffen entledigt, lenkte Duncan sein Pferd auf die Holzbohlen der Brücke. „Genau diese Taktik hat das letzte Mal den ganzen Ärger verursacht.“ Er hatte nie verstanden, warum die Domhnaills es für nötig gehalten hatten, einen Ehevertrag für ihre Tochter zu brechen, wenn die Ehe doch nur vorzeitig vollzogen worden war.

Ihre Entschuldigung war gewesen, dass Donegal zu grob gewesen sei. Aber welche verhätschelte Jungfrau beschwerte sich nicht nach dem ersten Mal in gleicher Weise?

Nein, der unerträgliche Stolz der Domhnaills war sie alle teuer zu stehen gekommen. Sogar Cristiana, die von Duncan mehr als gerecht behandelt worden war, hatte ihre Vermählung abgelehnt. Irgendwie hatte sie ihren Vater davon überzeugt, dass die Culcanons nur nach Domhnaill gekommen waren, um die Kluft zwischen den beiden Familien noch weiter zu vertiefen, und dass Duncan sie eines Tages ebenfalls schlecht behandeln würde, wenn sie Mann und Frau wurden. Der alte Laird, der schon damals von seinen Töchtern beherrscht wurde, hatte die Verbindung abgelehnt und die Eheschließungen verboten. Und diese Tat war der Beginn all der Probleme gewesen, die Duncans Clan in den letzten drei Jahren auseinandergerissen hatten.

Doch damit war nun Schluss. Er besaß gleichsam den Schlüssel, um das Problem seiner verwüsteten Ländereien und seiner zerstrittenen Leute zu lösen. Er hing an einem Lederband um seinen Hals, verborgen von seiner Tunika. Eine Karte, die ihn zu dem lange vergrabenen Schatz eines Urahnen, den er mit Cristiana gemeinsam hatte, führen würde. Er brauchte nur genug Zeit, um ihn zu suchen, bevor sie ihn für immer aus ihrer Burg verbannte.

1. KAPITEL

Der Duft von Nelken und Ingwer, die sie gerade in ihr dampfendes Gebräu geworfen hatte, brachte Cristiana nicht die übliche Freude. Sie atmete den herrlichen Geruch ein, der über dem kochenden Honigwasser schwebte, und überprüfte die richtige Mischung aus Hitze und Kräutern für ihren beliebtesten Met. Aber obwohl die Mischung nun ausgewogen schien, befürchtete sie, dieser Posten würde bitter werden. Ihrer Erfahrung nach braute sie den besten Met, wenn ihr das Herz leicht war, und momentan zog ihre Sorge sie mehr hinab, als es ihr eisbedeckter Mantel, den sie draußen getragen hatte, vermocht hatte.

Dass sich ein Feind unter ihrem Dach befand, war ihr in der vergangenen Stunde, in der sie die letzten Vorbereitungen für ein großes Mahl überwacht hatte, ständig durch den Kopf gegangen. Sie musste die Burg für ihren kranken Vater regieren und gleichzeitig die Aufgaben einer Dame pflegen, da ihre Mutter vor vielen Jahren gestorben und ihre Schwester weit fortgeschickt worden war, nachdem Duncans gefühlloser Verwandter sie ruiniert hatte.

Wie konnte er es wagen, sie aufzusuchen, nachdem er sich auf die Seite seines brutalen Halbbruders geschlagen hatte? Cristiana würde es sehr schwer haben, ihr Geheimnis vor Duncan zu verbergen, während er hier Zuflucht suchte.

Nachdem sie die brodelnde Mischung ein letztes Mal umgerührt hatte, verließ Cristiana den niedrigen Brauturm, den ihr Vater gebaut hatte, um die Gabe seiner Tochter zu unterstützen. Jahrelang hatte er versucht, sie am Metbrauen zu hindern, und erklärt, dass es eine Aufgabe für Töchter minderer Männer war. Aber als die Herren des Landes Interesse bekundeten, den Met zu kaufen und Könige anderer Länder Geschenke sandten, um eine kleine Menge davon zu erhalten, hatte ihr Vater eingesehen, dass es weise war, ihr nachzugeben.

Nun eilte sie durch die Burg, um sich um ihre Gäste zu kümmern, wohl wissend, dass sie keine Zeit mehr haben würde, sich vor dem Gastmahl umzuziehen. Ihr war wichtiger gewesen, noch Vorkehrungen zu treffen, damit keiner der Gäste Verdacht schöpfen konnte. Mehr hatte sie nicht tun können, um die Beweise für ihr Geheimnis vor ihrem neuen Besucher und seinen Männern zu verbergen. Die Vorbereitungen waren hastig und nicht so sorgfältig durchgeführt worden, wie sie es gerne gehabt hätte, aber ihre kurzfristige Regelung würde ausreichen, bis das Mahl vorüber war.

Das Neujahrsfest war auf Domhnaill schon immer mit großem Aufwand gefeiert worden, und Cristiana konnte es sich nicht leisten, dass eine Änderung des Festablaufs Misstrauen weckte und jemandem einen Hinweis auf die Probleme ihrer Familie gab.

Sie wischte mit dem Handrücken über ihre Stirn, auf der Schweißperlen standen, weil sie so hastig zur großen Halle geeilt war, richtete einen Wandteppich gerade aus und überlegte, was vor dem Mahl noch zu tun war. Schnell reichte sie einer kichernden Magd, die einen Bediensteten der Gäste zwickte und neckte, ihren pelzbesetzten Mantel. Cristiana sah die Magd streng an, ein Blick, der mehr Arbeit verhieß, falls sie sich nicht benahm.

„Ihr wart auch einmal so jung, Mylady.“

Eine tiefe männliche Stimme ertönte hinter ihr und erschreckte sie, da sie eine Unmenge an Erinnerungen hervorrief, die sie sich töricht fühlen ließ. Oh, wie hatte sie sich damals danach gesehnt, diese Stimme zu hören.

Als sie sich umdrehte, stand sie ihrem Feind direkt gegenüber, ohne eine schützende Mauer oder einen Burggraben, der sie trennte.

Duncan der Tapfere, legitimer Sohn von Malcolm Culcanon, erhob sich von einem Sitz im düsteren Gang vor der Großen Halle. Seine breiten Schultern verdeckten das Licht der nächsten Fackel und tauchten seine große, eindrucksvolle Gestalt in dunkle Schatten. Die fünf Jahre hatten kaum Spuren auf seinem gut aussehenden Gesicht hinterlassen. Seit seiner Jugend wetteiferten die Frauen der gesamten Highlands um seine Aufmerksamkeit. Auch Cristiana war sehr angetan von ihm gewesen, als sie sich kennengelernt hatten. Der interessierte Blick seiner dunkelgrünen Augen spiegelte seine Intelligenz wider. Das kurz geschnittene, braune Haar hatte zwar nicht die wallende Schönheit eitlerer Männer, doch Cristiana wusste die Reinlichkeit, die man an seinem Glanz erkennen konnte, zu würdigen. Vor allem bewunderte sie seine kriegerische Stärke, seine Brust, die so kräftig war, dass es sich anfühlte, als ob er ein Kettenhemd darüber trug oder genauer gesagt, für sie hatte es sich einst so angefühlt, als sie es gewagt hatte, seine Brust zu berühren. Doch sie hatte ihr Herz schon seit Langem gegen diesen arroganten Mann und seine Familie gestählt.

„Glücklicherweise war ich nie so töricht.“ Sie wandte sich von ihm ab, um zwei weitere Gäste willkommen zu heißen, die zum Fest eingeladen worden waren – einen benachbarten Lord und seine Gemahlin, die Domhnaill seit Generationen loyal verbunden waren.

„Duncan!“, rief die in Samt gehüllte Dame, Lady Beatrice of the Firth, begeistert, als sie Cristianas Begleiter sah. Sie hielt sich ihre juwelengeschmückte Hand vor die Brust, als müsse sie ihr Herz beruhigen. „Wie schön, Euch zu sehen. Wir haben gehört, wie erfolgreich Ihr die Normannen von unseren Grenzen vertrieben habt …“

„Wir müssen unsere Plätze einnehmen“, unterbrach ihr Gemahl seine Frau mit warnender, leiser Stimme. „Duncan hat nur Zuflucht vor dem Sturm gesucht. Zweifellos ist er von der Reise ermüdet.“

Da Widerspruch von Beatrice zu erwarten war, zog Peter of the Firth seine Gemahlin hastig in die Große Halle.

„Wenn Ihr nachher tanzen möchtet, Mylord“, rief Beatrice mit einem gezierten Lächeln über ihre Schulter, „wäre ich nur zu gern Eure Partnerin.“

Cristiana wollte das Gespräch nutzen, um Duncan aus dem Weg zu gehen, aber er musste ihre Absicht erraten haben, denn er umklammerte mit seiner starken Hand ihr Handgelenk und zog sie in die Dunkelheit, hinter einen großen Wandteppich.

„Sir“, protestierte sie und versuchte, ihre Hand wegzuziehen, doch es gelang ihr nicht, da er sie fest umschlungen hielt.

Angst kroch durch sie hindurch. Hier konnte sie niemand sehen. Würde er ihr Gewalt antun, so wie sein Halbbruder ihrer Schwester? Er hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass er wütend war, weil sie sich entschieden hatte, die Verlobung zu lösen.

„Wir müssen offen sprechen, bevor wir essen.“ Er flüsterte ihr die Worte ins Ohr und hielt Cristiana viel zu nah. „Ich bin bereit, Euch heute als Friedensangebot Gefolgschaft zu schwören. Werdet Ihr annehmen?“

Sie versuchte, ihre Angst zu besiegen, indem sie sich daran erinnerte, wie viele wichtige Lords und Ladys sich auf der anderen Seite des Wandteppichs befanden. Duncan konnte ihr doch nicht schaden wollen. Tief holte sie Luft und zwang sich, ruhiger zu werden. Und einen Herzschlag lang bemerkte sie den Duft seiner frisch gewaschenen Tunika und die Wärme seines kräftigen Körpers darunter. Seine Finger umspannten die Innenseite ihres Arms, während sein Schenkel ihre Röcke berührte.

Ihr Herz klopfte heftig angesichts der Kühnheit seines Vorschlags und seiner Nähe.

„Ich biete Euch Zuflucht und sonst nichts.“ Sie versuchte, nicht an das letzte Mal zu denken, als er sie so gehalten hatte. Die Süße des Kusses, die sie dazu gebracht hatte, sich zu wünschen, eine verheiratete Frau zu sein, bevor sie wusste, wie treulos ein Culcanon sein konnte. Denn obwohl Duncan wütend gewesen war, weil sie sich weigerte, ihn zu heiraten, so hatte er doch keine Zeit verloren, sich wieder mit seiner Geliebten auf einer nahe gelegenen Burg zu vergnügen. „Haltet eine wohltätige Geste nicht für selbstverständlich, sonst müsstet Ihr erleben, wie Eure Männer in aller Eile durch meine Tore hinauseskortiert werden.“

„Es wäre nicht klug, den neuen Verbündeten des Königs vor so vielen Zeugen zu brüskieren, Cristiana.“ Er lockerte seinen Griff. „Vielleicht habt Ihr nicht viele Neuigkeiten aus dem Königreich erhalten, seit Euer Vater krank ist, aber ich versichere Euch, Malcolm vereinigt sein Land und schafft eine neue Ordnung. Die Welt hat sich in den letzten fünf Jahren sehr verändert.“

Auf der anderen Seite des Wandteppichs trafen weitere Gäste ein, und ein Spielmann stimmte eine fröhliche Melodie an, um den Rest der Burg zu den Festivitäten in die Halle zu locken.

Bis heute Morgen war ihre größte Sorge gewesen, das Gastmahl reibungslos ablaufen zu lassen, um von der fortwährenden Abwesenheit ihres Vaters abzulenken. Nun deutete Duncan an, dass all ihre Bemühungen niemanden täuschen konnten und schlimmer noch, dass der Status ihrer Familie Schaden nehmen könnte, da sich kein Domhnaill am Hof des Königs aufhielt.

„Ihr vergesst Euch, Sir.“ Sie löste sich aus seinem Griff und beschäftigte ihre nervösen Hände, indem sie ihren Gürtel glättete. „Die Domhnaills waren schon immer loyale Anhänger der Krone. Und obwohl wir den König nie mit dem Unrecht behelligt haben, das Euer Verwandter meiner Schwester angetan hat, ist es noch nicht zu spät für uns, ihn um Gerechtigkeit anzusuchen, wenn Ihr wünscht, die Sache an ihn heranzutragen.“

Sie hatte die Verletzungen, die ihre Schwester erlitten hatte, nicht vergessen. Die Demütigung. Die blauen Flecken. Die Erinnerung daran stählte sie und verschloss ihr Herz für die anderen Erinnerungen an den Sommer, als die DomhnaillFrauen Verrätern ihr Herz geschenkt hatten.

„Cristiana, lasst Euch nicht von alter Wut blenden. Domhnaill braucht einen Anführer, und wenn Euer Vater keinen Nachfolger wählt, dann wird der König es für ihn tun.“

Diese Möglichkeit spiegelte ihre schlimmsten Ängste so genau wider, dass sie das Gefühl hatte, Duncan habe heute zum zweiten Mal ihre schützenden Mauern durchbrochen.

Sie war so aus der Fassung, dass sie nicht protestierte, als Duncan ihren Arm nahm und sie vom Wandteppich weg und wieder in den schwach beleuchteten Gang führte.

„Ich fühle mich geehrt, heute Abend Euer Tischnachbar sein zu dürfen“, verkündete er laut, als wären sie gerade mitten in einem harmlosen Gespräch gewesen. Indem er ihren stummen Schrecken zu seinem Vorteil nutzte, hatte er sich gerade eben den Platz neben ihr beim Gastmahl erschlichen.

Cristiana wusste, dass sie ihre fünf Sinne sammeln musste, bevor er das Kommando über das gesamte Fest übernahm.

Das Lied des Spielmanns endete mit einer hohen Note, und die Große Halle war beinahe voll. Knappen mit Wasserschalen und Leinentüchern gingen an den Tafeln entlang und boten die Schüsseln den Gästen dar, die sich die Hände waschen wollten.

„Ein armer Reisender wird immer eine Mahlzeit und ein warmes Feuer auf Domhnaill finden“, erwiderte sie mit erzwungener Fröhlichkeit und hielt sich so weit wie möglich von ihm entfernt.

Woher wusste er so viel über ihre Probleme hier? Sie schluckte ihre Furcht herunter und ließ sich durch die Menge zum Podest führen. Grüne Kieferngirlanden hingen von den Holzsparren und erfüllten den Raum mit dem Duft des Waldes. Ein Jongleur, den sie zum Meister des Festes gemacht hatte, führte die Dienerschaft an, die ein Willkommenslied anstimmte, während die Gäste ihre Plätze einnahmen.

„Heute erwärmt nur der Herd das Herz“, flüsterte Duncan ihr ins Ohr. „Ich kann mich entsinnen, dass das nicht immer so war.“

Sie erstarrte.

„Ihr habt kein Recht …“, begann sie, brach jedoch ab, als eine Dienerin sich näherte. Die Magd trug einen Krug Met und erinnerte Cristiana an ihre Pflichten als Gastgeberin.

Auch Duncan war sich dessen bewusst, denn er beugte sich zu ihr und gab sich keine Mühe, vor den Gästen zu verbergen, wie nahe er Cristiana kam.

„Vielleicht erinnert Ihr Euch an die Wärme, wenn Ihr mich bedienen müsst?“ Er löste sich etwas von ihr, überspielte seinen Rückzug aber mit einer Verbeugung über ihrer Hand.

Da sie befürchtete, dass er ihre Hand küssen könnte, wie es höfische Sitte war, zog sie sie sofort zurück. Aber Duncan lächelte nur und nahm seinen Platz am oberen Ende des Tisches ein.

Leise verfluchte sie ihn, nahm den Metkrug und ging auf das Podest zu. Die Herrin von Domhnaill hatte ihre Gäste am Anfang des Mahls immer persönlich bedient, und Cristiana hatte nicht vor, mit dieser Tradition zu brechen, nicht wenn sie so lange und hart darum gekämpft hatte, der Welt zu beweisen, dass alles hier seinen gewohnten Gang ging.

„Auf Eure Gesundheit, Mylord“, sagte sie und schaffte es sogar, ihren Kopf in seine Richtung zu neigen. Glücklicherweise halfen der erzwungene Knicks und der gebeugte Kopf, ihre brennenden Wangen zu verbergen.

Mit nur leicht zitternden Händen näherte sie sich Duncandem Tapferen und goss ihm einen Becher ihres feinsten Mets ein. Niemand ahnte in diesem Moment, dass ihre Welt gerade zerbrach. Keiner wusste, dass sie daran dachte, dass ihr Vater dem Tod geweiht und ihre geliebte Schwester ins Exil geschickt worden war.

Und dass Cristiana im Geheimen das illegitime Kind ihrer Schwester großzog.

2. KAPITEL

Die Süße blieb. Doch es war mehr daran.

Stunden später ließ Duncan den Honigwein in seinem Mund kreisen, nachdem das Mahl vorbei war und der Tanz begonnen hatte, und versuchte herauszufinden, was an Lady Cristianas berühmtem Met anders war als das letzte Mal, als er ihn probiert hatte. Er beobachtete Cristiana, als sie sich fröhlich vor ihrem Tanzpartner verneigte, einem Clanältesten, der ein Berater ihres Vaters war. Ebenso wie ihr Met war Cristiana vielschichtiger als in seiner Erinnerung. Die Zeit hatte die Weichheit ihrer Jugend aus ihrem Gesicht verschwinden lassen und eine elegantere und kultiviertere Schönheit hinterlassen. Sie bewegte sich anmutig und leicht, als sie tanzte, obwohl ihr ernster Gesichtsausdruck ihn vermuten ließ, dass sie lieber Kriegsstrategien als Festtagsfeierlichkeiten diskutieren wollte.

Weder sie noch ihr weicher Trank waren so einfach wie die Summe ihrer Teile. Man konnte keine Facette einzeln beurteilen. Doch der Gesamteindruck war faszinierend. Überwältigend. Er spürte das süße Brennen des Honigweins durch sein Blut pulsieren.

Aber möglicherweise verwechselte er auch nur die Wirkung der Frau mit ihrem Getränk.

„Ihr habt versprochen zu tanzen, Mylord.“

Die heisere Stimme in seinem Ohr war nicht die, die er gerade hören wollte. Er drehte sich um und sah sich plötzlich mit Lady Beatrices beeindruckendem Ausschnitt konfrontiert. Sie klimperte mit den Wimpern und streckte die Hand aus, um ihn dazu zu zwingen, entweder mit ihr zu tanzen oder sie öffentlich zurückzuweisen.

Oder hatte sie etwas ganz anderes im Sinn?

„Lady Beatrice.“ Duncan stellte seinen leeren Becher auf den Tisch und stand auf. „Ich bedaure, dass ich jetzt nicht tanzen kann, denn ich muss einem alten Neujahrsbrauch Rechnung tragen. Aber ich bin sicher, das Spiel wird Euch nicht enttäuschen.“ Der Brauch eines Spiels oder einer Herausforderung am Neujahrstag würde dem zweiten Teil seines Plans zugutekommen.

„Meine geschätzten Damen und Herren.“ Duncan erhob seine Stimme und übertönte die letzten Akkorde der Musik des letzten Tanzes. Daran gewöhnt, der Herrscher einer Großen Halle zu sein, kümmerte es ihn nicht, dass er den Platz des Lairds einnahm. „Ich möchte unserer Gastgeberin für ihre Gastfreundschaft und die fröhliche Stimmung danken, die sie hier geschaffen hat.“

Seine Worte wurden in der ganzen Halle wiederholt, wobei der Dank von Lady Beatrice nicht sehr herzlich ausfiel, die verärgert über den entfallenen Tanz schien. Drüben bei den Spielleuten akzeptierte Cristiana das Lob mit einem zurückhaltenden Kopfnicken, doch Duncan bemerkte, dass seine Anwesenheit ihr Unbehagen verursachte.

Aber sie verdiente es nicht, leichten Herzens zu sein, nachdem sie jegliche Verbindung zu ihm abgebrochen hatte, weil ihre Schwester launisch gewesen war.

„Und dem Geist der Jahreszeit angemessen“, fuhr er fort und verbarg seine Bitterkeit hinter einem herzlichen Tonfall, „erbitte ich den Segen der Dame.“

Alarmiert riss Cristiana den Kopf hoch. Ihr Blick wanderte durch die Halle, vielleicht auf der Suche nach Hilfe durch die Männer ihres Vaters. Aber wer würde ihn schon vom Podest führen, nachdem sie selbst ihn an ihren Tisch eingeladen hatte? Die eine Hälfte ihrer Wachen war angetrunken, die andere Hälfte umwarb die Mägde in den dunklen Ecken der Halle.

Duncan fuhr fort, entschlossen, seinen Willen durchzusetzen. „Ein Schatten ist zwischen unsere Familien gefallen, den ich eines Tages zu vertreiben hoffe. Heute erbitte ich nur einen Monat und einen Tag auf Domhnaill, um Euch einen wunderbaren Schatz zu Füßen zu legen.“ Er senkte die Stimme mit Rücksicht auf die Herausforderung, die seine Worte enthielten, und die Erzählkunst seiner schottischen Vorfahren half ihm, seine Zuhörer weiterhin zu fesseln. „Wenn Euch meine Gabe bis dahin nicht zusagt, werde ich Eure Burg für immer verlassen. Doch wenn sie Euch gefällt, dann bitte ich Euch, dass unsere Clans einen neuen Frieden schließen und die alten Wunden ein für alle Mal verheilen.“

Als er seinen Vorschlag vorgebracht hatte, wandten sich alle Köpfe im Raum zu Cristiana. Man musste ihr hoch anrechnen, dass sie ihren Gesichtsausdruck unter Kontrolle hatte, sobald sich die Aufmerksamkeit ihr zuwandte. Doch Duncan hatte das wütende Aufblitzen in ihren Augen trotzdem gesehen.

Er hätte sie nicht besser herausfordern können, wenn er ihr einen Handschuh vor die Füße geworfen hätte. Die öffentliche Bitte um einen Segen an einem Feiertag war etwas, das kein ritterlicher Hof verweigern durfte. Besonders nicht vor einer solch großen Ansammlung Verbündeter des Königs.

Es tat gut, ein wenig Rache für die alte Beleidigung zu nehmen.

„Eure Ernsthaftigkeit beindruckt mich“, erwiderte sie und knickste. Ihre schweren goldfarbenen Röcke schwangen über den Boden.

Hörte er als Einziger den Sarkasmus aus ihren Worten fließen, wie Hefeschaum über die Ränder eines Bechers floss?

Als sie sich aufrichtete, flüsterte der alte Ratgeber ihr etwas ins Ohr. Schlug er ihr vielleicht vor, Duncan in den Sturm hinauszutreiben? Oder riet er ihr, in der Öffentlichkeit zuzustimmen, bis sie heimlich eine Möglichkeit fanden, ihn aus ihrer Burg zu vertreiben?

Er würde es nie erfahren, denn Cristiana schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn angesichts des Ratschlags, den sie erhalten hatte.

„Seien all meine Gäste Eure Zeugen, so sei es.“

Sie winkte den Spielleuten zu, und die drei hoben ihre Lauten. „Und jetzt lasst uns tanzen.“

Es war die übliche Einladung zum Feiern, die eine Gastgeberin zu solchen Anlässen aussprach, aber da er an die gespannte Erwartungshaltung von Lady Beatrice neben ihm dachte und ihre Bereitschaft, sich auf ihn zu stürzen, nahm Duncan Cristianas Einladung lieber wörtlich. Zielstrebig ging er auf sie zu, schnappte sie sich, bevor sie die Tanzenden hinter sich lassen konnte, und drehte sie würdevoll.

Er konnte sich nicht helfen, er verspürte Schadenfreude nach all den Sorgen, die sie seiner Familie verursacht hatte. Nachdem sie ihn um das Domhnaill-Vermögen gebracht hatten, das ihm seine Braut eingebracht hätte, hatte Donegal sich gegen seinen eigenen Clan gewandt und hatte die CulcanonLändereien jeglichen Reichtums beraubt, während Duncan die letzten drei Jahre im Krieg gewesen war. Duncans Bemühungen im Krieg waren durch den Mangel an Männern und Waffen erschwert worden und hatten ihm seinen Aufstieg zum bedeutenden Krieger sehr schwer gemacht. Schlimmer noch – die Kämpfe hatten ihn langfristig das Leben vieler Männer gekostet.

„Ihr seid ein Schuft der niedersten Art“, zischte sie ihm leise zu, als sie bei einer Drehung nah aneinander vorbeigingen. „Was führt Ihr im Schilde, dass Ihr unbedingt auf einen Aufenthalt hier besteht?“

Duncan sah die Hitze in ihrem Blick. Die Feindseligkeit. Hatte sie sich noch nicht genug für die eingebildete Beleidigung ihrer Schwester gerächt?

Er erinnerte sich sogar an starke Leidenschaft.

Da der Tanz sie für eine Weile nicht mehr zueinanderführte, hatte er Zeit, sich eine Antwort zurechtzulegen. Als sie mit vor Ärger glänzenden Augen und geröteten Wangen wieder zu ihm zurückkehrte, legte sie ihre Hand auf seine, um langsam um ihn herumzugehen.

„Unsere Clans sollten sich aus einem bestimmten Grund vereinigen.“

Er hatte diese Antwort nicht geplant, doch die Worte verließen unkontrolliert seinen Mund. „Dieser Teil der Küste ist gefährlich und muss von einer starken Macht verteidigt werden, nicht von zwei verfeindeten Clans. Die Kluft zwischen unseren Familien hätte durch ein Bündnis geschlossen werden sollen.“

Sie übersprang einen Schritt, und ihr Gesichtsausdruck zeigte, dass sie überrascht war, bevor ihre Miene sich änderte und sie aufgewühlt erschien.

Da sie am Ende der Gruppe von Tänzern standen, ergriff Duncan ihre Hand und zog sie von der Feier fort. Er hielt nicht an den auf Böcken gestellten Tafeln an oder an der Erhöhung, die mit bestickter Seide verziert war, sondern verließ mit ihr die Große Halle.

Unmittelbar vor der Halle blieb sie stehen.

Nay. Ich bin keine dumme Jungfer, die einem starken Ritter überallhin folgt, nur weil er es so will.“

Sie befreite ihre Finger mit mehr Kraft aus seinem Griff als nötig gewesen wäre.

„Meine Dame, Ihr seid eine viel zu berechnende und kaltherzige Frau, als dass man Euch für dumm halten könnte.“ Die Verbitterung machte ihn unvorsichtig. Aber schließlich war seine Familie noch nie für Zurückhaltung berühmt gewesen. „Wenn Ihr das lieber vor Eurem gesamten Haushalt besprechen wollt, dann nur zu.“

Er drehte sich um, um sie anzusehen. Mit verschränkten Armen stand sie da. Ausdruckslos. Sie schwieg.

„Vielleicht sollten wir in Gegenwart Eures Vaters darüber sprechen?“, drängte er und überlegte, wie lange sie es schaffen würde, den alten Mann vor ihm zu verbergen. „Am besten spricht ohnehin der Laird für seine Leute.“

Er fragte sich, ob der Laird sich überhaupt in der Burg aufhielt. Keiner der Gäste in der Halle hatte seine Abwesenheit kommentiert. Waren sie so daran gewöhnt, von einer unverheirateten Jungfrau und einem alten Ratgeber regiert zu werden, dass sie es nicht seltsam fanden?

Sie war empört. Entschlossen straffte sie sich.

„Also gut.“