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Riskantes Verlangen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Reihe
  3. Über diese Folge
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Prolog
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. Epilog

Über die Reihe

Tall, Dark and Deadly – die drei Walker Brüder führen erfolgreich ihre eigene Sicherheitsfirma »Walker Security«. Und obwohl die Brüder komplett unterschiedlich sind, haben sie doch eines gemeinsam: sie brennen für die Menschen, die sie lieben und sind gnadenlos, wenn sie für etwas kämpfen, an das sie glauben. Kein Fall ist ihnen zu schwer und keine Gefahr zu groß.

Über diese Folge

Riskantes Verlangen

»Auf einmal eroberte er ihren Mund und küsste sie, als wollte er von ihr Besitz ergreifen. Und, Himmel, wie sehr sie sich danach sehnte.«

Der ehemalige FBI-Agent Royce Walker findet schon lange Gefallen an der spröden und korrekten Bezirksstaatsanwältin Lauren – doch er hat sich geschworen ihr niemals zu nahe zu kommen und ihr seine Schwäche zu gestehen.

Als Lauren plötzlich in Gefahr schwebt, kann Royce jedoch nicht länger tatenlos zusehen. Die Gefühle entflammen zwischen ihnen und reißen sie in einem Strudel aus Leidenschaft und Verlangen fort – direkt in Richtung der tödlichen Gefahr…

»Riskantes Verlangen« ist der erste Band der Reihe »Tall, Dark and Deadly« von Erfolgsautorin Lisa Renee Jones.

Über die Autorin

Lisa Renee Jones lebt derzeit in Colorado Springs. Sie veröffentlichte in den USA bereits über 40 Bücher und wurde mehrfach mit dem Genrepreis ausgezeichnet. Ihre Titel erscheinen regelmäßig auf den Bestseller-Listen der New York Times und der USA Today.

Prolog

Er saß in Manhattan in einem Café – in einer dunklen Ecke mit dem Rücken zur Wand – und hatte den Laptop vor sich auf dem Holztisch stehen, als die Kellnerin seinen Kaffee brachte und wortlos wieder ging. Die große weiße Tasse stand auf einer Untertasse und enthielt simplen schwarzen Kaffee. Er war kein Freund von Aromen und Süßkram, es sei denn, sie traten in der Gestalt sanfter weiblicher Kurven auf, die er gern unter oder über sich hatte, um sie danach schnell wieder loszuwerden. Frauen wurden von ihm benutzt und entsorgt, sodass sie keine Schwierigkeiten machen konnten, denn so etwas brauchte und wollte er in seinem Leben nicht haben.

Diskret griff er nach dem kleinen USB-Stick, den die Kellnerin auf die Untertasse gelegt hatte, schloss ihn an seinen Computer an und nippte an seinem heißen Kaffee.

Nach einigen Klicks erschien auf dem Bildschirm das vertraute Bild einer Frau mit kastanienbraunem Haar, die zu dem Grund geworden war, aus dem er noch lebte und weswegen er jeden Tag aufstand. Neben dem Foto waren ihre Gewohnheiten, Mitgliedschaften, Vorlieben und Abneigungen dort aufgelistet. Details über eine Überweisung auf sein Auslandskonto erschienen auf der Seite. Er starrte zu dem Tisch direkt gegenüber hinüber und hätte bei der Vorstellung, man könnte ihn kaufen und ihn würde der angebotene Scheck reizen, beinahe laut losgelacht. Hierbei ging es um sehr viel mehr als Geld. Denn an diesem Tisch saß seine Zielperson und war ihm so nah, dass er beinahe den Vanillegeruch ihres Shampoos riechen konnte, von dem er wusste, dass es immer in ihrer Dusche stand. Sie war eine zarte kleine Blume, auch wenn sie das nicht wusste und im Gerichtssaal die harte Frau spielte. Aber sie würde es wissen, wenn er mit ihr fertig war. Sie würde es wissen, weil er vorhatte, sie in Stücke zu reißen, ihr ein Blütenblatt nach dem anderen auszurupfen, und er würde jeden Augenblick davon genießen. Er hatte ein Profil von ihr erstellt, so wie sie es immer bei den Verdächtigen in den Fällen machte, die sie für den Bezirksstaatsanwalt bearbeitete. Schließlich hatte er sich seinen Spitznamen »Dirt Diver« redlich verdient. Genau wie seine Zielperson die Gewohnheiten und vermeintlichen Schwächen der Verdächtigen vor Gericht gegen diese nutzte, würde er die ihren gegen sie verwenden. Er würde sie verspotten, ihr ankündigen, dass er es auf sie abgesehen hatte und mitansehen, wie sie so tat, als wäre ihr das völlig gleichgültig, und sich törichterweise keine Unterstützung holte. Dann würde er ihre Welt zum Einsturz bringen, genau wie sie es mit seiner getan hatte. Er hatte vor, ihre Folter in die Länge zu ziehen und sie dazu zu bringen, seinen Namen zu schreien und um ihr Leben zu flehen. Dann, und erst dann, würde er sie umbringen.

1

»Du brauchst einen Mann.«

Lauren Reynolds stöhnte, als ihre beste Freundin diesen Vorschlag viel zu laut machte, und hatte das Gefühl, als wäre einer der eleganten Kronleuchter in dem noblen New Yorker Ballsaal gerade zu einem Scheinwerfer geworden. »Sprich gefälligst leise, sonst hört dich noch jemand.«

»Du bist aber empfindlich«, erwiderte Julie spöttisch, und ihre himmelblauen Augen funkelten ebenso wie ihr blaues, tief ausgeschnittenes Kleid. »Warum interessiert es dich, was diese Leute denken?«

»Es muss mich interessieren, und das weißt du auch. Diese Leute sind die Freunde und Kollegen meines Vaters, der hier heute zufälligerweise seinen Geburtstag feiert. Und ich habe jetzt genug von deiner ›Du brauchst einen Mann‹-Litanei, die ich mir schon die ganze Woche anhören muss. Wir können nicht alle so aussehen wie Marilyn Monroe, der die Männer zu Füßen gelegen haben. Vermutlich ist es einfach so, dass Blondinen bevorzugt werden und wir Brünetten uns mit Schokolade und Frauenzeitschriften zufriedengeben müssen.«

»Wie langweilig.«

»Langweilig ist für mich völlig in Ordnung. Ich habe dank der Karriere meines Vaters und meines Jobs schon mehr als genug mit männlichen Egos zu tun.«

Julie stellte ihr Glas auf eine der zahlreichen Bars, die ebenso wie die Tische mit köstlichem Finger Food in dem großen Saal aufgestellt worden waren. »Endlich kommen wir der Sache auf den Grund. Du warst ganz offensichtlich viel zu lange in der Welt deines Daddys eingesperrt und von allem abgeschirmt und hast vergessen, dass nicht alle Männer Politiker sind.«

»Ich arbeite im Büro des Bezirksstaatsanwalts, Julie«, begehrte Lauren auf. »Und ich werde bald mit einem Mordprozess vor Gericht gehen, der mit der Todesstrafe enden könnte, und das wäre nicht das erste Mal, dass ich dieses Urteil erwirke. Das kannst du wohl kaum als ›eingesperrt und abgeschirmt‹ bezeichnen. Und ich bin auch nicht ständig von Politikern umgeben.«

»Ach, bitte. Der Bezirksstaatsanwalt wird ja wohl immer noch gewählt, und dieser ganze besondere, über den wir hier reden, mischt in der Politik gut mit, wie du ganz genau weißt.« Julie musterte Lauren kurz, und ihre Miene und ihr Tonfall wurden sanfter, als sie hinzufügte: »Hör mal, abgesehen davon, dass du keinen Mann an deiner Seite hast, mache ich mir auch so Sorgen um meine beste Freundin. Du musst mal zur Ruhe kommen und dich amüsieren. Seitdem du mit den Vorbereitungen für diesen Prozess begonnen hast, arbeitest du rund um die Uhr. Und davor war es auch nicht viel besser.«

»Das ist eine große Sache«, beharrte Lauren. »Es ist …

»Es ist immer eine große Sache für dich«, fiel ihr Julie ins Wort. »Aus genau diesem Grund bearbeitest du auch Mordfälle und keine einfachen Diebstahlsdelikte. Du machst unzählige Überstunden, ohne dich zu beschweren, und dann schaffst du es sogar irgendwie noch, deine Pflichten als Tochter zu erfüllen. Manchmal kommst du mir vor wie ein Roboter.«

»Es ist sein Geburtstag, Julie.«

»Das mit heute Abend verstehe ich ja«, sagte sie. »Es sind die vielen anderen Veranstaltungen, und die Betonung liegt auf ›viele‹, bei denen du dich wegen ihm sehen lässt, und das muss aufhören.« Sie senkte den Kopf und sprach leise weiter. »Du brauchst ein eigenes Leben, und das führt mich zum eigentlichen Thema und einem heißen Kerl zurück, und nein, rein virtuelle Flirts gelten nicht.«

»Ich habe gerade erst eine Beziehung hinter mir und brauche keine neue.«

»Gerade erst ist gut. Du hast deinen Exverlobten, der dich betrogen hat und außerdem heißer auf die Macht deines Vaters als auf dich war, vor über sechs Monaten rausgeworfen. Deine Gefühle und dein Selbstvertrauen haben ziemlich darunter gelitten, und aus diesem Grund würde ich dem Kerl am liebsten heute noch einen Besuch abstatten und ihm in die Eier treten. Doch stattdessen werde ich dir dabei helfen, wieder auf die Beine zu kommen.«

»Julie«, stieß Lauren hervor. »Ich werde dir sehr wehtun, wenn du nicht endlich die Klappe hältst.«

»Du bist wunderschön und sexy«, beharrte Julie, als hätte Lauren überhaupt nichts gesagt, »und er hat dafür gesorgt, dass du dich wie Ugly Betty fühlst, dabei gleichst du doch der wundervollen Audrey Hepburn. Du brauchst einen heißen Mann, der dir den Kopf verdreht und dich daran erinnert, dass du mehr bist als die Anwältin und das, was dein Vater aus dir machen will.«

Lauren schnaubte. »Bei meinem Glück suche ich mir ausgerechnet einen Reporter aus, der sich nicht als solcher zu erkennen gibt, mich als eine Schlampe darstellt und dafür sorgt, dass sich die ganze Sache zu einem Riesenskandal für meinen Vater auswächst.«

Julies Augen funkelten schelmisch, und dann riss sie sie weit auf. »Eigentlich ist das genau das, was du brauchst, Lauren.«

»Was soll das denn bitteschön heißen?«, entgegnete Lauren und starrte ihre Freundin finster an, da sie sich schon denken konnte, was jetzt kommen würde. Der Todesstoß. Julie liebte diesen Todesstoß und bezeichnete damit ihr Schlussplädoyer bei allem, was innerhalb und außerhalb eines Gerichtssaals geschah.

»Dein Vater wird sich bald zur Ruhe setzen, aber er will den Kennedys nacheifern und dich dazu bringen, ebenfalls für ein Amt zu kandidieren. In der Sache wird er keine Ruhe geben, bis er dich davon überzeugt hat.« Ihre Augen funkelten schelmisch. »Ein Skandal würde ihm nicht wirklich schaden, dir aber dabei helfen, eine politische Karriere von vorneherein auszuschließen.«

Lauren verzog das Gesicht. »Du hast anscheinend unsere goldene Regel gebrochen und in der Öffentlichkeit zu viel getrunken, denn du redest Unsinn. Ich arbeite für das Büro des Bezirksstaatsanwalts und muss auch an meine eigene Karriere denken, wie du sehr gut weißt.«

Julie schürzte die perfekten Lippen. »Ich weiß nichts Derartiges. Du willst doch ebenso wenig als Bezirksstaatsanwalt wie für ein anderes Amt kandidieren. Und deine Verurteilungsrate hat die Erwartungen bei Weitem übertroffen, daher würde man dir eine ganze Menge verzeihen.«

»Jeder Skandal, den ich dem Büro beschere, wirkt sich auch auf den Bezirksstaatsanwalt aus. Außerdem bin ich sowieso nicht erpicht auf Skandale.«

»Du liebe Güte«, grummelte Julie, »ich wollte dich mit diesem Thema doch nur aus der Reserve locken, und die Tatsache, dass du es nicht einmal merkst, sagt eine Menge aus, auch wenn ich nicht genau weiß, was.«

Im vorderen Teil des Raums wurde etwas angekündigt, das mit Kuchen und Geschenken in einer halben Stunde zu tun hatte. Lauren strich mit einer Hand über ihr für sie untypisches knallrotes Seidenkleid, und ihr Blick fiel auf die schmale Silberuhr an ihrem Handgelenk, das letzte von vielen Geschenken ihres Vaters.

Damit entschuldigte er sich dafür, dass er sie lange arbeiten ließ, ihren Geburtstag vergaß und für viele andere Dinge. Bisher wusste sie noch nicht, womit sie sich ein Geschenk an seinem Geburtstag verdient hatte oder wann sie das herausfinden würde.

Julie berührte ihren Arm. »Ist alles in Ordnung?«

Lauren holte tief Luft und atmete laut aus. »Ja, alles in Ordnung. Ich brauche nur noch mehr Champagner.«

»Musst du deine Toleranzschwelle für deine Stiefmutter noch ein bisschen herabsenken?«

»Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen«, bestätigte Lauren, die sich schon jetzt vor dem unausweichlichen Augenblick fürchtete, an dem sie nett zu der Trophäenfrau ihres Vaters sein musste.

»Na, dann lass uns unsere goldene Regel für heute vergessen«, verkündete Julie. »Und ich sehe zu, dass du schnell eine weitere blubbernde Dosis Geduld serviert bekommst.«

Einige Minuten später nippte Lauren an einer Champagnerflöte und winkte einem der Freunde ihres Vaters auf der anderen Seite des Raums zu. Dabei fragte sie sich, ob der Mann wirklich ein Freund war oder sich nur eine bessere Position verschaffen wollte.

Julie beugte sich zu ihr herüber. »Hör mal, während du dem alten Knacker zugewunken hast, habe ich meinen Zauberstab geschwungen und genau den richtigen Mann entdeckt, der dir die orgasmische Glückseligkeit verschaffen kann. Mr ›Bei mir bekommt jede Frau weiche Knie‹ ist anwesend.«

»Hast du nicht erst vor wenigen Minuten behauptet, bei gesellschaftlichen Ereignissen wie diesem wären keine heißen Männer zu sehen?«

»Er ist der Traum deiner schlaflosen Nächte«, meinte sie grinsend. »Zumindest hat mir eine bestimmte Brünette letztes Wochenende nach ein paar Gläsern Wein etwas in der Art gestanden.«

Royce Walker. Sie konnte nur von Royce Walker sprechen. Lauren hatte mit einem Mal einen Kloß im Hals, als die Sprache auf den scharfen Berater des Staatsschutzes kam, der zusammen mit seinen beiden Brüdern auch noch eine private Sicherheitsfirma besaß – und der definitiv mehr als einmal ihre Fantasie beschäftigt hatte. »Er ist heute hier?«

»Hier drüben, Royce!«, rief Julie und grinste noch breiter. »Er ist nicht nur hier, er kommt sogar gerade zu uns herüber. Du kannst mir später danken.«

»Oh, großer Gott, Julie«, schimpfte Lauren. »Warum hast du das getan? Ich habe doch heute Abend schon genug um die Ohren.« Und, verdammt, sie wollte doch nur ab und zu mal träumen und sich ihre Fantasien bestimmt nicht von der Realität ruinieren lassen.

»Wenn du dich nicht darum kümmerst«, meinte Julie und zog Laurens Oberteil ein Stückchen nach unten, »dann muss ich das eben tun.«

»Guten Abend, die Damen«, erklang es hinter ihnen, und seine Stimme klang ebenso rau und maskulin, wie man es von einem Mann erwartete, der einen Körper wie ein Gott und langes rabenschwarzes Haar besaß, das er bei einem Anlass wie dem heutigen bedauerlicherweise im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

Lauren zupfte ihr Kleid wieder zurecht und warf Julie einen warnenden Blick zu. »Wir sprechen uns später.«

»Natürlich«, erwiderte Julie grinsend, und im nächsten Augenblick trat Royce auch schon zwischen sie, wobei er sie beide deutlich überragte. »Hallo, Royce.«

Lauren drehte sich um und ihr fiel sofort sein perfekt sitzender Smoking auf, der von Royce kristallblauen Augen noch übertroffen wurde. »Hallo«, sagte er, und auf einmal klang seine Stimme viel leiser und fast schon intim.

»Hallo«, erwiderte sie und zermarterte sich das Gehirn, was sie noch sagen könnte, doch der unerwartete Blickkontakt ließ sie erstarren und nahm ihr offenbar auch die Fähigkeit, irgendetwas über die Lippen zu bringen.

»Sollten Sie nicht irgendwo sein und dafür sorgen, dass Ihre Brüder keinen Ärger bekommen?«, erkundigte sich Julie.

»So anstrengend und nahezu unmöglich das ist«, erwiderte er, »wäre es doch eine angenehmere Aufgabe, als sich hier mit einem Haufen Möchtegernen abgeben zu müssen. Aber manchmal erfordert es die Pflicht, dass man sich einen Smoking anzieht und Nerven aus Stahl beweist.«

Lauren keuchte, und obwohl dies eine unbewusste Reaktion war, hatte sich ihr Gehirn anscheinend wieder erholt. Auch wenn sie nicht immer mit ihrem Vater einer Meinung war, liebte sie ihn. »Sie wissen schon, dass dies die Geburtstagsparty meines Vaters ist, oder?«

»Ah«, murmelte Julie. »Mir fällt gerade auf, dass ich eigentlich dachte, ihr wärt einander schon offiziell vorgestellt worden, aber dem ist gar nicht so, oder?«

Royce schürzte die viel zu sinnlichen Lippen. »Es freut mich, Sie endlich ›offiziell‹ kennenzulernen, Miss Reynolds«, sagte er und reichte Lauren die Hand. »Auch wenn wir uns schon einige Male über den Weg gelaufen sind.«

Sie ignorierte seine Hand. »Sie wussten, wer ich bin, und haben dennoch einen solchen Kommentar über die Feier meines Vaters gemacht?«

»Als Ihr Vater mich für heute Abend eingeladen hat, habe ich ihm vorgeschlagen, dieses alberne Event abzusagen und stattdessen lieber ein Grillfest mit seiner Familie zu veranstalten«, erklärte er. »Ich wollte sogar das Bier und meine Brüder zur Unterhaltung mitbringen, aber er war nicht daran interessiert. Also ja, ich wusste, wer Sie sind, als ich diesen Kommentar gemacht habe.«

»Sie haben meinem Vater vorgeschlagen …« Sie schüttelte den Kopf. »Im Ernst?«

Er hielt zwei Finger hoch. »Großes Pfadfinderehrenwort. Ich war zwar nie bei den Pfadfindern, dafür aber sieben Jahre beim FBI, und das ist immerhin nah dran.«

»Und wie hat mein Vater auf Ihren Vorschlag reagiert?«

»Er hat mir gesagt, ich soll mich ›gefälligst in Schale werfen und meinen Arsch auf dieser Party sehen lassen‹.«

Lauren musste lachen. »Oh ja, das ist typisch für meinen Vater. Sie haben ihm das also tatsächlich vorgeschlagen.«

»Ich war noch nie für meine Zurückhaltung bekannt, noch nicht einmal früher bei den Verhandlungen mit Entführern.« Er reichte ihr erneut die Hand. »Sollen wir es noch einmal versuchen? Es freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Reynolds.«

Sie mochte ihn. Er war so anders als … nun ja, eigentlich als alle anderen hier und sogar anders als Julie. Als sie seine Hand nahm, war sie nicht auf das Kribbeln gefasst, das sofort durch ihren Arm schoss. »Lauren«, brachte sie schließlich über die Lippen und stellte entsetzt fest, dass ihre Stimme brach. »Sie können mich Lauren nennen.«

Er führte ihre Fingerknöchel an seine Lippen und sah sie mit seinen wunderschönen blauen Augen an. »Lauren«, wiederholte er leise und ließ ihre Hand wieder los. Mann, oh Mann, sie sehnte sich so sehr danach, wieder von ihm berührt zu werden, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte.

»Da vorne ist jemand, mit dem ich unbedingt reden muss«, behauptete Julie. »Ich bin gleich wieder da.« Sie drehte sich um, zwinkerte Lauren noch einmal verschwörerisch zu und verschwand.

Royce stützte sich mit einem Ellbogen auf die Bar. »Wie lange sind Sie beide schon befreundet?«

»Seit fünf Jahren«, antwortete sie und war froh, dass sie ein unverfängliches Thema gefunden hatten. »Wir haben uns in unserem letzten Jahr an der juristischen Fakultät kennengelernt.« Lauren setzte sich auf einen Barhocker und schlug die Beine übereinander, wobei ihr Rock ein wenig über das Knie hochrutschte, was sie rasch korrigierte.

Royce beobachtete sie dabei, und plötzlich war sie nervös und sich seines Blickes überdeutlich bewusst. »Sie beide scheinen sehr verschieden zu sein«, meinte er und sah ihr in die Augen.

»Ist das etwas Schlimmes?«

»Ganz und gar nicht«, erwiderte er. »Nur selten. Normalerweise gibt man sich gern mit Menschen ab, die einem ähnlich sind, aber Sie arbeiten beide als Anwältinnen, das ist dann vermutlich die Gemeinsamkeit.«

»Ich kenne jede Menge Anwälte, mit denen ich nicht länger als unbedingt nötig sprechen möchte«, stellte Lauren klar. »Julie und ich sind uns größtenteils darin einig, was richtig und was falsch ist, und wir helfen leidenschaftlich gern anderen Menschen. Das verbindet uns mehr als irgendein Blatt Papier, auf dem steht, dass wir als Anwältinnen arbeiten dürfen.«

Er zog eine Augenbraue hoch. »Ist sie nicht Scheidungsanwältin?«

»Sie strebt danach, Menschen aus einer unglücklichen Ehe zu befreien und in ein neues Leben zu entlassen. Es ist nicht immer das, was man tut, das einen Unterschied macht, sondern dass man es überhaupt versucht.«

»Das klingt für mich wie ein perfekter Wahlkampfslogan.«

»Lassen Sie mich raten«, sagte sie trocken. »Mein Vater hat Ihnen erzählt, dass ich für ein politisches Amt kandidiere.« Als er nickte, schüttelte sie den Kopf. »Natürlich hat er das. Ich liebe meinen Vater, und ich unterstütze seine Karriere, was ich nicht im Geringsten bereue. Aber wie oft er auch betont, dass ich ebenfalls eine Kandidatur anstrebe, es wird einfach nicht passieren. Und damit meine ich niemals. Unter gar keinen Umständen.« Sie senkte die Stimme. »Weil mein Vater derart in der Öffentlichkeit steht, war mein Leben in vielerlei Hinsicht schon immer fremdbestimmt. Aber damit ist es vorbei, wenn er in den Ruhestand geht. Und Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich diesen Tag herbeisehne.« Das Geständnis war ihr über die Lippen gekommen, bevor sie es aufhalten konnte und ihr war nicht klar, warum sie diesem Mann, diesem Fremden, überhaupt so etwas Privates anvertraute.

Er blickte auf sie herab und musterte sie mit einer solchen Intensität, dass sie ganz nervös wurde und das Gefühl bekam, er könne ihr in die Seele sehen. Sie zwang sich seinen Blick zu erwidern und Royce, der sich so sehr von allen anderen Männern unterschied, die sie bisher gekannt hatte, offen in Augenschein zu nehmen. Die Luft zwischen ihnen schien zu knistern und sich aufzuladen. Der Rest des Raumes verblasste, und da war nichts als diese plötzliche, intensive, knisternde Spannung. »Ich würde gern mehr über Sie herausfinden, Lauren Reynolds«, sagte er leise.

Etwas Wunderbares, Wildes und Verwegenes regte sich bei seinen Worten und seiner faszinierten Miene in ihr – etwas, das ihr ganz und gar nicht vertraut war. Das Profil einer »sicheren« Beziehung, die sie immer angestrebt hatte, schien überhaupt nicht auf diesen Mann zuzutreffen und das war ungemein aufregend. Allein die Vorstellung, sie könnte ihren Gefühlen tatsächlich nachgeben, ließ sie erschauern. Sie biss sich auf die Unterlippe und starrte auf seine Brust. Im Gerichtssaal mochte sie selbstsicher auftreten, aber sie war nicht Julie, sie war keine Verführerin, die wusste, wie man einen Mann in die Knie zwang. Jetzt hatte sie Royce Walkers Aufmerksamkeit und wusste nichts damit anzufangen.

Royce beugte sich vor, sodass ihr sein herber, männlicher Geruch in die Nase stieg, und sie kämpfte gegen den beinahe übermächtigen Drang an, ihn zu berühren. »Mache ich Sie nervös, Lauren?«

Sie reckte das Kinn in die Luft, sah ihm in die Augen und war erschrocken, dass er sie so gut durchschaut hatte. »Sie sagen wirklich immer, was Sie denken, oder?«

»Spricht denn irgendetwas dagegen?«

Die Antwort gefiel ihr. »Sie machen mich nicht nervös.« Das entsprach sogar der Wahrheit. Sie war zwar unsicher, auch wenn sie es sich nur ungern eingestand, doch letzten Endes fürchtete sie sich einfach davor, dass niemand mehr so war, wie er zu sein vorgab, und vor allem nicht dieser Mann, der ihr ehrlicher vorkam als jeder andere Mensch.

Er sah sie einen Moment lang fragend an und reichte ihr dann eine Hand. »Dann tanzen Sie mit mir.«

Bevor ihr eine Ausrede einfallen konnte, führte er sie auch schon in die Mitte des Raumes. Ihre Vorfreude toste wie ein Stromstoß durch sie hindurch. Sie würde mit Royce Walker tanzen, seinen kräftigen Körper dicht an ihrem spüren, und ihr war klar, dass es politisch höchst unkorrekt wäre, bei der Geburtstagsparty ihres Vaters einfach vor Wonne und Begierde dahinzuschmelzen – wobei ihr wahrscheinlich genau das passieren würde.

***

Während Royce sie durch die Menschenmenge führte, gingen ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Lauren hatte keine Ahnung. Sie wusste nicht, wie sehr er sich nach ihr sehnte. Wie verlockend er ihre wunderschöne blasse Haut fand und die Vorstellung, sie nackt auszuziehen und diese Haut zu liebkosen, zu kosten, jeden Zentimeter davon zu streicheln und zu spüren, wie sie sich an ihn schmiegte. Oder wie fasziniert er davon war, wie kleine gelbe Flecken in ihren Augen tanzten, wenn sie von etwas sprach, das ihr viel bedeutete. Er fragte sich, wie sie wohl aussehen mochte, wenn sie erregt war und jemanden begehrte. Wurden ihre Augen dann grüner und dunkler?

Sie bahnten sich einen Weg auf die Tanzfläche, und Royce führte Lauren zu den anderen Paaren, die sich dort im Takt der Musik langsam drehten. Er wappnete sich für die Wirkung, die es auf ihn haben würde, sie zu berühren, und zog sie in seine Arme. Ihre Blicke trafen sich, und die gegenseitige Anziehungskraft, die sie bei ihren zufälligen Begegnungen schon häufiger gespürt hatten, brach warm über sie herein. Doch damit hatte er bereits gerechnet. Auf irgendeine Art hatte er immer gewusst, dass diese Frau eine starke Wirkung auf ihn hätte, dass sie etwas in ihm aufleben lassen würde, das er schon seit sehr langer Zeit nicht mehr zur Kenntnis genommen oder gefühlt hatte. Das er schon lange, bevor er vor fünfzehn Jahren zum FBI gegangen war, nicht mehr gespürt hatte, und danach war das Leben bei der Agency irgendwie alles gewesen und auch doch wieder gar nichts. Es ließ sich nicht leugnen, dass er sich jedes Mal zu dieser Frau hingezogen gefühlt hatte, wenn sie einander über den Weg gelaufen waren. -Dennoch hatte es ihm widerstrebt, sich ihr zu nähern. Er wusste genau, dass er nicht in ihre politische Welt hineinpasste, dass sein Vordringen in die Politik aus rein geschäftlichen Gründen geschah, wohingegen sie dieses Leben tatsächlich lebte. Heute Abend hatte das Leben sie aus den völlig falschen Gründen zusammengebracht.

Sie fühlte sich in seinen Armen klein und zerbrechlich an, und sie war unglaublich nervös, auch wenn sie das vehement leugnete. Natürlich wollte er sie nicht nervös machen, aber er genoss es doch zu wissen, dass er eine solche Wirkung auf sie hatte – selbst wenn diese Frau für ihn tabu war. Er durfte nicht mit ihr flirten, sie nicht begehren und dennoch konnte er nicht damit aufhören.

Sie schmiegte sich an ihn, legte den Kopf an seine Brust, und ihr süßer Duft nach Vanille und Honig schien ihn von innen heraus zu wärmen. Er schloss die Augen und dachte voller Verachtung an seine Gründe, aus denen er an diesem Abend hier war, bereute es jedoch nicht im Geringsten, sie jetzt in den Armen zu halten. Ihm war klar, dass es nur ein kurzer Moment war und sie nicht bei ihm bleiben konnte. Denn in dem Augenblick, in dem er den Auftrag angenommen hatte, war er auch einverstanden gewesen, Lauren aufzugeben.

2

Sie tanzte mit Royce Walker und konnte das Offensichtliche nicht länger leugnen. Sie war hin und weg von ihm. Was immer es auch war, es ließ ihren Körper kribbeln und ihr Blut schneller durch ihre Adern fließen. Sie begehrte diesen Mann nicht nur, zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie sich, sie wäre mehr wie Julie. Nur für eine Nacht wollte sie alles vergessen, sich von ihrem Verlangen leiten lassen und dorthin gehen, wohin dieser Mann sie führte.

Seine Lippen berührten ihr Ohr. »Sie duften einfach wunderbar.«

Laurens Augenlider flatterten, bevor sie zu ihm aufblickte. Dieser Mann hatte etwas unglaublich Kraftvolles und Provokatives an sich. Normalerweise hatte sie gern die Kontrolle, und das war auch einer der Gründe, warum sie so gern vor Gericht stand. Dort wurde sie respektiert, hatte das Sagen und war nicht von dem Einfluss ihres Vaters abhängig. Royce würde ihr diese Kontrolle jedoch nicht überlassen. Das wusste sie rein instinktiv, aber es war ihr gleichzeitig auch egal. Royce’ Macht kam aus ihm selbst und war nicht gekauft oder erschwindelt, sondern eine Eigenschaft, die sie als verlockend und sexy empfand. Eine Macht, die er von Natur aus besaß und die ihn wie eine zweite Haut umgab, die einfach ebenso existierte wie er. Sie hatte nicht vor, sich diese Nacht mit ihm von ihrer Unsicherheit verderben zu lassen.

Sie schluckte mehrmals, da sie auf einmal einen trockenen Hals hatte. »Sie haben gefragt, ob ich mich vor Ihnen fürchte.«

Er musterte erst ihre Lippen und sah ihr dann in die Augen. »Eigentlich habe ich gefragt, ob ich Sie nervös mache.«

»Genau. Nein. Sie machen mich nicht nervös. Und Sie jagen mir auch keine Angst ein.« Sie erlaubte sich die Freiheit und den Luxus, mit einer Hand diskret über seine breiten Schultern und dann seinen Arm zu streichen, und genoss es, seine Muskeln unter dem Stoff zu spüren. Es war unpassend von ihr, so etwas in der Öffentlichkeit und noch dazu auf einer Feier ihres Vaters zu tun, aber sie konnte an nichts anderes denken als daran, dass jeder Zentimeter dieses Mannes hart und perfekt zu sein schien. »Aber ich glaube, ich jage mir selbst ein wenig Angst ein.«

Er legte die Hände enger um ihre Taille und verengte die Augen. »Das müssen Sie mir erklären.« Er blieb stehen und sah sie mit einem intensiven, durchbohrenden Blick an. »Was wollen Sie mir damit sagen?« Ihr gegenseitiges Verlangen war fast schon greifbar und hing wie ein feiner Nebel in der Luft, der sich auf ihre Haut zu legen schien.

Seine Reaktion verwirrte sie und ließ Unsicherheit in ihr aufsteigen. Wieso war sie nur auf die Idee gekommen, sie könnte auf schüchterne Weise mit ihm flirten? Sie war nicht Julie und wusste nur, wie man vor Gericht auftreten musste. Eine Verführung war eine ganz andere Sache. »Ach, nichts. Ich … Das war dumm. Vergessen Sie, dass ich überhaupt etwas gesagt habe.«

Auf einmal nahm Royce ihre Hand und zog sie von der Tanzfläche, wobei sie mit ihren hohen Absätzen nur mit Mühe mit ihm Schritt halten konnte. Bevor sie überhaupt nachdenken konnte, hatte er sie in eine entlegene Ecke geführt, wo sie sich mit dem Rücken an die Wand lehnte und er sich neben ihr mit einer Schulter abstützte. Er war ihr so nah und überragte sie derart, dass man sie vom Ballsaal aus nicht mehr sehen konnte.

Als sie zu ihm aufblickte, war sie ein wenig eingeschüchtert und auch nervös, weil er derart auf ihre Worte reagierte. »Royce?«, fragte sie zögerlich.

Seine Stimme klang rau, eindringlich und auf seltsame Weise gereizt, und sein Blick war so intensiv, dass sie schon glaubte, er könnte sie verbrennen. »Was wollen Sie mir damit sagen, Lauren? Haben Sie vor irgendetwas Angst? Gibt es da etwas, das ich wissen sollte …«

»Nein«, fiel sie ihm rasch ins Wort und stellte wieder einmal fest, wie unglaublich dämlich sie sich als Verführerin anstellte. Jetzt glaubte dieser Mann doch glatt, sie würde in Gefahr schweben. »Ich meine, ja.« Sie war schon so weit gegangen, dass sie keinen Rückzieher mehr machen wollte. Nicht wenn Royce Walker sie in eine Ecke drängte und ihr das so unfassbar gut gefiel. Lauren streckte eine Hand aus und berührte seine wundervoll perfekte Brust. Vergiss deine Hemmungen, nahm sie sich vor. »Ich … will …«

»Sie wollen was?«

»Dich.« Großer Gott, hatte sie das gerade wirklich laut gesagt?

Er verengte die Augen, und seine Stimme wurde eine Oktave tiefer. »Und das macht dir Angst?«

»Auf angenehme Weise«, gestand sie leise und wiederholte es noch einmal etwas lauter: »Auf angenehme Weise.«

Plötzlich mischte sich Julies Stimme in ihre Unterhaltung ein. »Entschuldigt, wenn ich störe, aber der Kuchen soll jetzt angeschnitten werden und alle suchen nach Lauren.«

Lauren hätte am liebsten laut geschrien, weil ihre Freundin zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt aufgetaucht war.

Royce schien ihrer Meinung zu sein, da er nur einen kurzen Blick über die Schulter warf. »Wir brauchen noch eine Minute«, erklärte er barsch.

Julie räusperte sich. »Aber Beeilung.« Dann war sie wieder verschwunden.

Royce sah Lauren fragend an, sein Blick wanderte suchend über ihr Gesicht, aber seine Miene verriet ansonsten nichts. »Du solltest lieber zu deinem Vater gehen. Wir reden dann später.«

Sie wusste, dass sie den Rest der Feier nicht überstehen würde, wenn sie sich die ganze Zeit fragte, wie er das gemeint hatte. »Da gibt es nichts zu reden. Du willst mich, oder du willst mich nicht. Was von beidem trifft zu, Royce?«

Seine Antwort bestand aus einer Bewegung und nicht aus Worten. Er senkte den Kopf und strich mit den Lippen über ihre. Die Berührung war flüchtig, aber irgendwie trotzdem besitzergreifend und stark, und Lauren jagte ein heißer Schauer den Rücken hinunter, der dann in einem anderen, weitaus intimeren Bereich mündete.

»Oh, ich will dich«, sagte er mit heiserer Stimme. »Und aus genau diesem Grund müssen wir uns unterhalten.«

Ihr sackte der Magen in die Kniekehle. Jetzt fing er schon wieder vom Reden an. Warum mussten sie sich unbedingt unterhalten? Darauf konnte sie gut verzichten. Sie brauchte eine kurze Flucht aus der Wirklichkeit und kein Verhör.

Royce lachte überraschend auf. »Jetzt mach nicht so ein Gesicht.« Er stupste sanft ihr Kinn. »Geh jetzt mit deinem Vater feiern, damit wir danach von hier verschwinden können.« Er beugte sich vor und sein Mund war so dicht an ihrem Ohr, dass sie seinen warmen Atem spüren konnte. »Zusammen.«

***

Zehn Minuten später stand Lauren auf der Bühne im vorderen Teil des Raumes und versuchte, sich auf ihren Vater und die Geburtstagsgeschenke zu konzentrieren, die er gerade auspackte. Ihrem Vater war sein öffentliches Bild deutlich wichtiger als sie. Gut, er wollte sie dabeihaben, aber nur, weil es gut für sein Image, seine Politik und diese verdammte Dynastie war, die er und sein Vater, der ebenfalls Politiker gewesen war, ins Leben rufen wollten. Und weil er weiterhin im Rampenlicht stehen würde, wenn sie in die Politik ging, ohne dafür selbst ein Amt bekleiden zu müssen.

Wie üblich stand ihre Stiefmutter Sharon schweigend neben ihm, hatte ihr langes braunes Haar im Nacken hochgesteckt und ihre exotischen Gesichtszüge zu einer Maske verzogen, die Freude und Hingabe ausdrückte. Die Presse liebte sie, und ihr Ehemann vergötterte sie aus den völlig falschen Gründen.

Sharon musterte Lauren und kam dann in ihrem für diesen Anlass gänzlich unpassenden engen blauen Kleid auf sie zu. Lauren konnte dieses Wort nicht mehr hören, aber die Wahrheit sah nun einmal so aus, dass Sharon unpassend war. Das wusste Sharon ebenfalls, und ihr war auch klar, dass Lauren es wusste. Aber ihr Vater war in diesen Dingen anderer Meinung. Er, der sonst so praktisch veranlagt und konservativ war, schien nur ihre falschen Brüste zu bemerken, die dafür sorgten, dass er sich vital und jung fühlte.

»Lauren, Liebes«, säuselte Sharon und stellte sich neben sie. »Du wirkst heute irgendwie abgelenkt.«

Lauren knirschte mit den Zähnen, schaffte es aber, nonchalant mit den Achseln zu zucken. »Du weißt doch, was ich über solche Partys denke.«

Sharon musterte sie missbilligend. »Diese Party, wie du sie bezeichnest, ist die Geburtstagsfeier deines Vaters.«

Lauren unterdrückte den kindischen Drang, die Augen zu verdrehen und plötzlich hatte sie große Sehnsucht nach der Familie, die sie einst gehabt und inzwischen längst verloren hatte. »Ich werde für nächstes Jahr ein Picknick im Garten oder ein Essen in kleiner Runde vorschlagen. Irgendetwas Normales, wie Familien es eben machen.«

Sharon lächelte sie selbstgefällig an. »Wir sind nicht wie die meisten Familien, und dafür danke ich Gott.«

»Genau das meine ich«, murmelte Lauren und ließ sich von einem Kellner eine Champagnerflöte reichen, wobei sie Royce’ heißen Blick spürte, ohne ihn dafür ansehen zu müssen. Aber sie wusste, dass er an der Bar lehnte und auf sie wartete. Sie trank einen Schluck und schwor sich, dass es in dieser Nacht nur darum gehen würde, das Leben zu genießen.

»Wie ich sehe, hast du die Uhr bekommen«, sagte Sharon und musterte Laurens Handgelenk. »Du könntest dich zumindest dafür bedanken.«

Lauren machte sich nicht die Mühe, etwas darauf zu erwidern. Sharon würde nie den Unterschied zwischen wahrer und erkaufter Liebe verstehen. »Wo ist denn mein lieber Bruder Brad?«, erkundigte sie sich stattdessen, und in ihre Stimme stahl sich ein leicht gereizter Unterton. Sie mochte Sharons Sohn ebenso wenig wie seine Mutter. Er war achtzehn und Lauren siebzehn gewesen, als ihr Vater, keine drei Jahre nach dem Krebstod ihrer Mutter, wieder geheiratet hatte. Obwohl sie mit dieser Heirat zu Stiefgeschwistern geworden waren, hatte er praktisch sofort damit angefangen, mit ihr zu flirten. Daran hatte sich bis jetzt, sieben Jahre später, nichts geändert.

»Brad«, erwiderte Sharon, »i

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