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Rivalen aus Leidenschaft

1. KAPITEL

Zahllose Kabel schlängelten sich über den Beton, und mit einem der zehn Zentimeter hohen Absätze ihrer handgefärbten Schuhe blieb sie darin hängen, stolperte fluchend und knickte um.

Harley Jacob rang nach Luft und wartete, bis der Schmerz wieder nachließ. Sie runzelte die Stirn beim Anblick des Kratzers auf ihrem petrolfarbenen Schuh, der farblich perfekt zu ihrem Kaschmirkleid passte. Es war das Kernstück der Herbstkollektion ihres Modelabels.

Seufzend verdrängte sie den Frust. Ihr heutiger Plan war wichtiger als hundert Paare dieser handgefärbten Schuhe.

Um nicht noch einmal zu stolpern, bahnte sie sich nun äußerst vorsichtig ihren Weg und achtete bei jedem Schritt darauf, nicht auf das Wirrwarr aus Kunststoffrohren, gefährlich aussehenden Elektrowerkzeugen und aufgestapeltem, staubigem Baumaterial zu treten.

Dieser saudumme Bauunternehmer!

Wer immer auch das Sagen bei Demont Designs Architecture and Property Development haben mochte, er hetzte nicht nur von Termin zu Termin, sondern hatte auch vollkommen unerwartet Harleys Ankauf des Morris-Buildings zum Stillstand gebracht. Dieser Kauf sollte bereits in wenigen Tagen abgeschlossen werden, und jetzt lag der ganze Deal plötzlich ohne jede Erklärung auf Eis.

Am Ende des Raums stand eine Gruppe von Männern eng zusammen. Harley versuchte, nicht daran zu denken, wie albern sie mit dem Helm und der gelben Warnweste aussah. Für sie war so ein Aufzug die reinste Demütigung.

Mit jedem Schritt wuchs ihre Entschlossenheit. Bei diesem Deal ging es ihr nicht um den Ruf ihrer Familie, die hier in New York zum elitären Immobilienadel gehörte, vielmehr wollte sie ihrem Modelabel und ihren wohltätigen Unternehmungen zum Erfolg verhelfen.

Dieser Deal war für sie etwas Persönliches. Sie durfte auf keinen Fall schon wieder versagen.

Als sie sich der Gruppe näherte, die genau wie sie Schutzausrüstung und Warnwesten trug, wurde das ohrenbetäubende Hämmern leiser.

Anscheinend hatten die Männer das Klacken ihrer Absätze gehört, denn sie drehten sich allesamt zu ihr um und die Unterhaltung erstarb augenblicklich.

Selbstbewusst hob sie das Kinn. Sie würde sich nicht abwimmeln lassen. Sie hatte schließlich genug Erfahrung darin, sich in Männerdomänen durchzusetzen.

Genau wie ihre beiden Geschwister hatte auch sie in den Schulferien immer im Familienunternehmen gearbeitet. Aber während ihr Bruder und ihre Schwester Akten sortiert und Anrufe entgegengenommen hatten, hatte Harley wegen ihrer Dyslexie immer nur Papierkörbe ausgeleert und Kaffee für die ihrem Vater unterstellten Manager gekocht.

„Ich suche Mr. Demont.“

Die Gruppe teilte sich vor ihr. Belustigt und neugierig sahen die Männer zu dem Mann hinüber, der sich mitten in der Gruppe über einen aufgeklappten Laptop gebeugt hatte und sich jetzt langsam aufrichtete. Der Blick, mit dem er Harley musterte, war durchdringend.

„Ich bin Jack Demont.“

Harley rang nach Luft. Nein, das konnte einfach nicht sein! Jack? Jacques? Jacques Lane?

Fassungslos musterte sie ihn. Der Mann, den sie hier treffen wollte, war Jacques Lane? Eine sexy Aura umgab ihn. Heute war er ein erwachsener Mann, damals war er ein junger Kerl gewesen, den sie angehimmelt und zu lieben geglaubt hatte.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Auch wenn er sie nicht zu erkennen schien, bestand für Harley kein Zweifel. Immer noch besaß er einen Hauch von dem französischen Akzent, bei dem sie einst vor Lust die Zehen in ihren Designerschuhen angespannt hatte.

Er sah sie aus seinen meeresblauen Augen einen Moment lang eindringlich an. Ihr Verstand war plötzlich wie benebelt.

Er wandte den Blick nicht von ihr ab, doch seine Pupillen weiteten sich fast unmerklich.

Harley presste die Schenkel fest aneinander. Seltsam, wie rasend schnell sich Ärger und Frust in brennende Erregung verwandeln konnten, und das alles nur wegen dieses Mannes, den sie gar nicht mehr kannte! Er war Teil ihrer Vergangenheit, und jetzt war er es offenbar, der den Deal ohne ersichtlichen Grund zum Stillstand gebracht hatte.

Entschlossen gab sie sich so herablassend wie nur möglich. „Könnten Sie mir einen Moment Ihrer wertvollen Zeit schenken?“

Verdammt! Sogar ihre Stimmbänder verkrampften sich bei seinem Anblick. Sie klang irgendwie heiser und atemlos.

Schnell räusperte sie sich. Es war an der Zeit, hier die Oberhand zu gewinnen.

Wollte Jack wirklich so tun, als würde er sie nicht kennen und nicht wissen, wieso sie ihn hier aufsuchte? Harley würde nicht klein beigeben. Sie trat einen Schritt vor und legte die Akte und ihre Handtasche auf die Baupläne auf dem Tisch.

Wenn Jack Demont glaubte, er könne sie in diesem Männerumfeld einschüchtern oder dadurch, dass ihre Familien vor neun Jahren im Streit jeden Kontakt abgebrochen hatten, dann hatte er anscheinend ihre Erziehung durch ihren knallharten und rücksichtslosen Vater vergessen, der Harley entweder mit Geringschätzung behandelt oder sie auf ihre Misserfolge aufmerksam gemacht hatte. Er hatte nie verbergen können, wie enttäuscht er von ihr war.

Jacks Lippen zuckten kurz, als er den Blick abwandte und seinen Laptop zuklappte. „Gentlemen, entschuldigen Sie uns bitte. Für weitere Fragen steht Ihnen jetzt der Vorarbeiter zur Verfügung.“

Bei seinem beißenden Tonfall und seinem kalten Blick fiel Harley wieder ein, wieso sie eigentlich hier war. Der Vertrag. Die Unterschrift.

Die Männer zogen sich zurück. Zwischen Harley und dem Mann, der jetzt unter einem anderen Namen lebte, war nichts mehr als eine gemeinsame Vergangenheit und eine prickelnde erotische Spannung.

Ja, ein paar aufregende Monate lang hatte sie geglaubt, den Teenager Jack zu lieben, denn in ihrer damaligen Naivität hatte sie noch an Liebe und Romantik geglaubt.

Aber vielleicht empfand ja auch nur sie diese überwältigende Anziehungskraft, und Jack erkannte sie tatsächlich nicht. Möglicherweise hatte es ihm überhaupt nichts ausgemacht, dass sie damals ohne jede Erklärung mit ihm Schluss gemacht hatte. Hatte er sie schon in dem Augenblick vergessen, als er mit seiner Familie nach Frankreich zurückgekehrt war? Waren Harleys Gewissensbisse und der Liebeskummer vielleicht vollkommen unnötig gewesen?

Damals hatte sie von dem perfekten Mann geträumt, doch heute wusste sie, dass es diesen perfekten Mann nicht gab.

Im Laufe der Jahre hatte Jack sich verändert, doch das stand ihm sehr gut. Das dunkelblonde Haar trug er jetzt kürzer, anstatt der jugendlich-wilden Mähne war das Haar jetzt an den Seiten und hinten kurz geschnitten.

Der jungenhafte Charme war ebenfalls aus seinem gut aussehenden Gesicht verschwunden.

Vor ihr stand ein Mann mit hochgekrempelten Ärmeln und gebräunten, muskulösen Unterarmen. Die Männlichkeit schien ihm aus jeder Pore zu strömen.

Schon sein Blick bewies Harley, wer hier das Sagen hatte. Er strahlte Macht aus mit seiner stolzen breiten Brust, seiner Körpergröße und seiner unnachgiebigen Haltung.

Harley holte tief Luft. „Ich …“

„Was kann ich für Sie tun?“

Sie hatten gleichzeitig gesprochen.

Beide verstummten und sahen sich erneut durchdringend an.

Harley sammelte ihre Entschlossenheit und versuchte, sich nicht von den lustvollen Erinnerungen ablenken zu lassen. Endlich traf sie den Mann, der als ihr Verhandlungspartner den Ankauf des Gebäudes aufhielt. Sie würde sich seine Unterschrift unter dem Vertrag holen, und dann würden sie sich niemals wiedersehen.

Durch die Feindschaft zwischen den Lanes und den Jacobs war sie im Vorteil. Sie kannte ihre Feinde nämlich. Das hier war ihr Schlachtfeld, und es war ihr Traum, der auf dem Spiel stand. Auch wenn sie den Ansprüchen ihres Vaters nicht genügte, so war sie immer noch eine Jacob.

Mit seiner Abfälligkeit hatte ihr Vater ihr über Jahre hinweg harte Lektionen erteilt. Jeder Tag war für sie ein Kampf mit den Erwartungen anderer und mit ihren persönlichen Grenzen, die ihr durch ihre Dyslexie gesetzt wurden, gewesen. Es brauchte deshalb mehr als Jacks erotische Ausstrahlung, um sie vom Kurs abzubringen.

Immer noch blickte er sie durchdringend und sinnlich an, als sei er in Gedanken bereits dabei, ihr das Kaschmirkleid vom Körper abzustreifen, aber es kam ihr dennoch nicht so vor, als würde er sie wiedererkennen.

Allerdings konnte Jacks Ahnungslosigkeit auch ein Vorteil für sie sein. Jetzt würde sie es nämlich sein, die ihn aus dem Gleichgewicht brachte. „Erinnerst du dich nicht mehr an mich?“

„Oh, ich erinnere mich sehr gut an dich, Harley.“ Eindringlich musterte er sie von Kopf bis Fuß. Sein Lächeln reichte allerdings nicht bis zu den Augen.

Harley spürte seine Blicke wie ein Kribbeln überall am Körper.

Erst jetzt registrierte sie, was er gesagt hatte. Die lustvolle Glut in ihr erstarb, und ihr wurde kalt.

Jack hatte den Verkauf also ganz bewusst gestoppt. Welche Erklärung konnte es sonst dafür geben? Versuchte er, sich mit dieser Verzögerung für den Streit zwischen ihren Familien zu rächen? Oder ging es ihm bei dieser Rache ausschließlich um Harley?

Sie schob eine Hüfte vor und stützte sich mit einer Faust darauf. „Wirklich?“

Mit Abfälligkeit oder Ärger hatte sie gerechnet, denn schließlich hatte sie ihn vor Jahren urplötzlich fallen lassen. Sie sah, wie er die Zähne zusammenbiss. Anscheinend erinnerte er sich nicht nur an sie, sondern auch an den verbitterten Streit zwischen ihren Familien.

„Selbstverständlich.“

In jenem Sommer hatte sie nicht nur gelernt, wie man jemandem das Herz brach, sie hatte auch viele Lügen durchschaut und den Betrug erkannt, der sich vor aller Augen abgespielt hatte, und sie hatte erkannt, wie viel die Liebe wert gewesen war, die sie damals zu empfinden geglaubt hatte.

Energisch riss sie sich aus den Erinnerungen an die Zeit, als sie noch naiv für den jungen Jack geschwärmt hatte. Er kam jetzt so dicht auf sie zu, dass sie den Kopf heben musste, um ihm weiterhin in die Augen sehen zu können.

„Ich erinnere mich bestens an dich.“

Obwohl er so abweisend wirkte, empfand sie den Klang seiner Worte wie eine Liebkosung. Sie spürte den Klang seiner tiefen Stimme wie ein Vibrieren zwischen ihren Schenkeln.

Genauso war es auch schon mit siebzehn gewesen. Wann immer er in ihrer Nähe gewesen war, hatte ihr Körper auf ihn reagiert. Jetzt war sie erwachsen, und ihr Verlangen wuchs in Jacks Nähe noch um ein Vielfaches.

Harley fühlte sich hin- und hergerissen. Sie war eine erfolgreiche Unternehmerin, die unbedingt einen Deal zum Abschluss bringen wollte, und gleichzeitig war sie wieder das unsichere, verliebte Schulmädchen, das sich in der eigenen Familie einsam fühlte und den selbstbewussten Jacques mit dem exotischen Akzent und dem aufreizenden Lächeln vergötterte.

Nein!

Sie biss sich auf die Lippe, um die in ihr aufsteigende Erregung niederzukämpfen.

Er und ich, das ist Vergangenheit!

Die Vorfälle jenes schicksalhaften Familienurlaubs mit Jacks Familie hatten sie damals innerlich zerstört. In ihrer Verwirrung, Enttäuschung und Angst hatte sie unvermittelt mit Jack Schluss gemacht, obwohl sie eigentlich bis über beide Ohren in ihn verliebt gewesen war.

Anscheinend hatte ihr Körper immer noch eine Schwäche für diesen Mann. Allerdings wäre Jack der letzte Mann auf Erden, der für sie infrage käme.

Wie in Zeitlupe packte er seine Sicherheitsweste vorn an der Brust, ohne den Blick von Harley abzuwenden. Er riss die Klettverschlüsse auf und entblößte das saubere blaue Hemd darunter. Die obersten Knöpfe standen offen, und der Ausschnitt offenbarte ihr den Ansatz seines blonden Brusthaars.

Wie kam sie denn jetzt auf solche Gedanken? Sie war hier wegen des Deals! Wegen dieses Gebäudes! Hastig hob sie den Blick wieder zu seinen Augen und sah noch ganz kurz den Anflug von Triumph in seinem Blick. Er hatte sie ertappt! Wie ein Kind mit der Hand in der Keksdose.

„Bist du nur hergekommen, um mich anzustarren?“ Fragend zog er eine Braue hoch und kam näher. „Oder gefällt es dir einfach nur schmutzig?“ Sein Blick glitt an ihr hinunter.

Eingebildeter Dreckskerl.

Aber so wie er das Wort schmutzig mit seinem leichten, sinnlichen Akzent aussprach, wollte Harley sich am liebsten im Klang dieses Wortes wälzen, sich darin von Kopf bis Fuß suhlen.

Hastig riss sie sich wieder zusammen, als er die Sicherheitsweste auf den Tisch warf und sich langsam die Ärmel herunterkrempelte, ohne dabei den belustigten Blick von Harley abzuwenden.

„Ich bin hier, um diese Verträge unterschreiben zu lassen.“

„Dafür habe ich Leute in den Büros.“ Er schob die Hände in die Taschen seiner Hose und zog den Stoff über seiner Männlichkeit straff. „Vielleicht solltest du dir dort einen Termin geben lassen. Bestimmt verträgt sich die Umgebung dort … besser mit deiner Garderobe.“

Arrogantes, eingebildetes Arschloch!

„Ich habe schon mehrmals versucht, mich mit dir in deinem Büro zu treffen, das weißt du sicher.“

Er zuckte nur mit den Schultern und senkte ganz leicht den Kopf.

Ihr kribbelte es in den Fingern. Sie wollte diesen Kopf mit beiden Händen packen und zu einem Kuss zu sich ziehen … Sie wollte Jack erregen und ihm die Selbstbeherrschung rauben. Aber sie nahm sich vor, ganz ruhig und leise zu sprechen. Auf keinen Fall würde es ihr jetzt etwas nützen, wenn Jack merkte, wie sehr er sie aus ihrer professionellen Rolle geworfen hatte und wie stark ihr Interesse an ihm war.

„Ich will herausfinden, wieso unser Deal nicht zum Abschluss kommt. Hoffentlich sagst du mir jetzt nicht, dass du nur wegen dieser alten Familienfehde nicht auf den Deal eingehst.“ Ihr reichte ein Blick in seine eiskalten Augen, um die Antwort zu erfahren.

„Meine Anwälte haben mir geraten, die Verträge bis aufs letzte Komma durchzugehen. Und sie haben tatsächlich einen Fehler in den Verträgen entdeckt.“

„Einen Fehler?“

Dreimal hatte Harley das Vertragswerk geprüft, bevor sie es an ihre Anwälte übergeben hatte, die von ihr üppige Bonuszahlungen erhalten hatten, um Harleys Schwächen auszugleichen. Die Schwächen, unter denen sie zeit ihres Lebens gelitten hatte.

„Dann hat es nichts damit zu tun, dass ausgerechnet ich die Käuferin bin? Ich bin es nämlich nicht, die ihren Namen geändert hat.“ Sie trat näher, und von dem dezenten, männlichen Duft, der ihn umgab, wurde ihr leicht schwindlig.

„Ich muss zugeben, dass mir dein Name bekannt vorkam, als ich mich an die Give Foundation gewendet habe, um über die Unstimmigkeiten in den Unterlagen zu sprechen.“ Wieder lächelte Jack sie abfällig an. „Aber ich kann Ihnen versichern, Miss Jacob, ich habe keinerlei Hintergedanken. Ich bin einfach nur ein geradliniger Geschäftsmann. Bei mir bekommst du, was du siehst. Mit Handschlag, natürlich.“

Harley beugte sich vor. Ihre Füße fühlten sich wie angewurzelt an. Falls er glaubte, er könne sie einschüchtern, dann hatte er sich die falsche Geschäftspartnerin ausgesucht. Sie war es leider gewohnt, einen Schritt zurückzuliegen und kritisiert zu werden. Normalerweise reagierte sie darauf mit boshaften Kommentaren. Auch das hatte sie von ihrem Vater gelernt. „Ich kann Ihnen versichern, Mr. Demont, dass jedweder Fehler lediglich ein Versehen ist und leicht richtiggestellt werden kann.“

Hoffentlich ließ es sich tatsächlich so leicht korrigieren! Wenn dieser Deal platzte, würde ihr Vater unweigerlich davon erfahren. Er hielt ohnehin nichts von diesem Kauf. Im Grunde war er gegen alles, was seine jüngste Tochter unternahm.

„Es gibt keinen Grund für eine weitere Verzögerung. Dieser Vertrag ist grundsolide.“ Sie hob das Kinn. Auch wenn sie sich nicht sicher war, wollte sie zumindest so tun.

Doch in ihrem Inneren spürte sie die altbekannte, eiskalte Panik. Ihr ganzes Leben lang hatte die Dyslexie ihr bei jedem ehrgeizigen Plan im Weg gestanden. Aber dieses Mal hatte der Fehler eine zehnmal schlimmere Auswirkung. Sie wollte das Morris-Building unbedingt haben. Es passte perfekt zu ihren Vorstellungen, und es befand sich in bester Lage.

In Gedanken konnte sie schon die ausdruckslose, enttäuschte Stimme ihres Vaters hören. Das unausgesprochene Ich hab’s dir ja gesagt, das sie schon seit der zweiten Klasse zu hören bekommen hatte. Auf keinen Fall wollte sie ihren Vater Hal oder – schlimmer noch – sich selbst ein weiteres Mal enttäuschen.

„Ein grundsolider Vertrag? In der Vergangenheit habe ich das Vorgehen von Jacob Holdings eher als rücksichtslos empfunden, und das … schreckt mich ehrlich gesagt ab.“

War das tatsächlich ein abfälliger Blick, mit dem er sie musterte? Kaum merklich ließ Harley die Schultern sinken. Ihr ganzes Leben lang erduldete sie jetzt schon Herablassung und Geringschätzung. Zeit ihres Lebens machte es sie verlegen, sich dumm und wertlos zu fühlen, doch Jacks Worte trafen sie mit chirurgischer Präzision genau an ihrer empfindlichsten Stelle.

„Ich verhandele lieber mit … angenehmeren Parteien.“ Er hob seine Sachen vom Tisch und steckte sich das Handy in die Hosentasche. „Bis die Vertragsunterlagen korrigiert sind …“

Harley spürte ihren Puls im ganzen Körper. Jack hegte immer noch den alten Groll, der zwischen den Lanes und den Jacobs herrschte.

„Ich bin aber nicht Jacob Holdings! Dieser Deal hat nichts mit meiner Familie zu tun.“

Jack musterte sie vollkommen unbeeindruckt. Seine Entscheidung stand offenbar fest, und anscheinend konnte ihn nichts und niemand umstimmen.

„Wir werden ja sehen.“ Teilnahmslos lächelte er sie an und ging durch den weitläufigen Raum zu den Fahrstühlen hinüber.

Für den Bruchteil einer Sekunde bewunderte Harley seinen Hintern, der sich muskulös unter dem edlen Anzugstoff abzeichnete, doch dann lief sie ihm hinterher, so schnell das in ihrem eng sitzenden Kleid möglich war.

Verdammte Dyslexie! Würde die Auswirkung dieser Schwäche auf alles, was Harley anfing, denn niemals nachlassen? Wie konnte Jack ihr nur unterstellen, dass die Firma, die sie gegen den Willen ihres Vaters aufgebaut hatte, etwas mit Jacob Holdings zu tun hatte, dem Unternehmen, das nach wie vor unter der Führung ihres Vaters stand? Harley hatte schließlich lange dafür gekämpft, ihren eigenen Weg zu gehen, der nicht durch den Nachnamen ihrer Familie vorbelastet war.

Ihre Geschwister waren allesamt direkt nach ihrem Harvard-Abschluss bei Jacob Holdings eingestiegen. Harleys Schullaufbahn war hingegen von Misserfolgen geprägt gewesen, und deshalb hatte sie sich fest entschlossen etwas Eigenes aufgebaut, ohne auf ihren Familiennamen zu setzen, der ihr in Manhattan bestimmt eine Menge Türen geöffnet hätte.

Ganz bewusst hatte sie ihre Firma Give genannt, um anonym zu bleiben. Immer wieder hatte sie sich nicht nur gegen ihre Familie auflehnen müssen, auch die wenigen Männer in ihrer Vergangenheit hatten einfach nicht begreifen können, wieso sie ein so sorgenfreies, privilegiertes Leben aufgab, um sich ihren Weg allein zu erkämpfen.

„Warte!“

Die Fahrstuhltüren öffneten sich. Jack betrat die Kabine, und Harley musste die letzten Schritte laufen, um ihn einholen zu können.

Wenn er glaubte, sie würde jetzt den Schwanz einziehen und widerspruchslos hinnehmen, dass der Deal geplatzt war, dann unterschätzte er sie aber gewaltig.

Okay, sie hatte einen Fehler gemacht, aber damit konnte sie umgehen. So etwas ließ sich korrigieren. Das hier waren ihr Deal und ihr Traum!

Harley wollte nämlich eine Schule speziell für Kinder mit Dyslexie gründen, die mit den modernsten Geräten ausgestattet war und die sich trotzdem alle leisten konnten, und nichts würde sie davon abhalten, sich diesen Traum zu erfüllen. Jacques Lane hatte sich zu einem arroganten Arschloch entwickelt! Es gab nur eines, was Harley bei der Erfüllung ihrer Träume im Weg stand: sie selbst.

Sie hatte die Fahrstuhltüren fast erreicht, als sie mit dem Absatz an einer Abdeckfolie hängen blieb und nach vorn gerissen wurde. Sie ruderte wild mit den Armen durch die Luft, aber es gab nichts, was ihren Sturz auf den Betonboden hätte aufhalten können.

Ihre Unterlagen und ihre Handtasche fielen zu Boden. Harley prallte gegen eine feste Brust.

Ihr blieb die Luft weg, als Jack sie auffing und sie an kraftvolle Männermuskeln gepresst wurde.

Eben noch war sie außer sich vor Wut auf ihn gewesen, jetzt spürte sie ihn erregend an ihrem ganzen Körper.

Ihr Verstand war nicht einmal mehr zu den einfachsten Gedanken fähig.

Die ruhigen und überzeugenden Argumente erstarben auf ihren Lippen.

Jacks Duft überwältigte sie. Er roch vage vertraut und dennoch verlockend fremd. Erinnerungen und Emotionen schlugen über ihr zusammen, glutvolle Lust stieg in ihr auf.

Sie sah zu ihm hoch, und er blickte ihr in die Augen.

Die vergangenen neun Jahre schienen sich plötzlich in Luft aufzulösen. Harley kam sich wieder wie siebzehn vor. Sie war dem gut aussehenden, achtzehnjährigen Jungen aus Frankreich vollkommen verfallen gewesen. Beim letzten gemeinsamen Familienausflug in Aspen hatte sie ihn angefleht, sich mehr als nur einen Kuss von ihr zu holen, doch der junge Jack hatte sich ihren Wünschen nicht gefügt. Seine Skrupel, Integrität und Willenskraft hatten für sie beide gereicht.

Doch geküsst hatte er sie, als sei es der letzte Kuss vor ihrem Tod, und ihren ersten Orgasmus verdankte sie ihm ebenfalls, selbst wenn er sich dabei ständig gegen ihre beharrlichen Versuche gewehrt hatte, ihm die Kleider vom Leib zu zerren und alles stärker zu beschleunigen, als er es zulassen wollte.

Hart spürte sie seine Erektion an ihrem Bauch. Seine Nasenflügel blähten sich, als versuche auch er gerade, die Nuancen ihres ureigenen Dufts neu kennenzulernen. Doch anstatt sie beide an die Leidenschaft und Hitze der Küsse zu erinnern, die sie sich einst so innig ersehnt hatte, stellte er Harley langsam wieder auf die Füße.

„Vorsicht, Prinzessin, sonst brichst du dir noch einen Fingernagel ab.“

Mistkerl!

Er glaubte also, sie würde verwöhnt von ihrem Treuhandfonds leben und sich nebenbei ein bisschen mit Immobilien beschäftigen. Offenbar kannte er sie genauso wenig wie sie ihn.

„Mr. Demont, ich lasse mich nicht einfach so abschieben. Geben Sie mir die Zusage, dass mein Kauf des Morris-Buildings nicht noch länger unnötig verzögert wird. Mein Bauunternehmer wartet nur auf das Startsignal.“

Harley riss sich von seinem Anblick los. Aus der Nähe betrachtet fielen ihr an Jacks männlichem Körper die Vorteile gegenüber dem jungen Jack auf. Sie hatte ihn nie wirklich nackt gesehen. Im Moment wollte sie allerdings, dass nicht nur sein überheblicher Gesichtsausdruck, sondern auch seine Kleidung verschwand.

Aber sie war keine ungeduldige Jungfrau mehr, die sich naiv von Lügen beeinflussen ließ. Also schön, sie fand ihn attraktiv. Das war keine große Sache und würde sie nicht davon abhalten, sich zu holen, was sie wollte. In den Jahren, seit sie Jack das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie gelernt, dass Sex absolut überbewertet wurde.

Er lehnte sich mit einem musternden Blick an die Kabinenwand. „Du bist es gewohnt, dass du bekommst, was du willst, richtig?“

„Nein.“ Ganz im Gegenteil. „Dieses Gebäude ist mir extrem wichtig. Wie bekommen wir die Verkaufsverhandlungen wieder in Gang?“

„Willst du, dass wir die Sorgfaltspflicht vernachlässigen?“ Er kam dichter zu ihr, und sie glaubte, kaum noch atmen zu können, als er sie von Kopf bis Fuß mit Blicken zu verschlingen schien.

Sie lehnte sich bewusst nach hinten und gewann dadurch in der kleinen Fahrstuhlkabine wenigstens ein paar Millimeter Abstand zu Jacks einschüchternder Präsenz. „Natürlich nicht.“

„Glaubst du, nur weil du eine Jacob bist, kannst du andere dazu drängen, unsaubere Verträge zu unterzeichnen? Wirst du jetzt vielleicht ein paar Beziehungen spielen lassen?“

Wieder drang er in ihre persönliche Distanzzone ein.

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