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ROMANA EXKLUSIV BAND 241

CAROL MARINELLI

Im Zaubergarten der Liebe

Schon die wenigen Minuten im Aufzug mit Dante Costello waren eine Herausforderung gewesen – und nun soll Matilda seinen Garten umgestalten! Um seiner süßen Tochter eine Oase der Ruhe zu schenken, überwindet sie sich. Die Magie des Gartens führt sie in seine Arme. Doch sein durchdringender Blick lässt keinen Zweifel: Er will sie zu seiner Geliebten machen …

MAGGIE COX

Sehnsucht erwacht in Schottland

Ihr Job als Assistentin von Keir Strachan, Laird of Glenteign, führt Georgia auf ein gigantisches Anwesen mitten in der atemberaubenden Landschaft der schottischen Highlands. Wie sehr hat sie sich in ihrer düsteren Londoner Wohnung nach so viel Licht, Luft und Weite gesehnt. Allerdings spürt sie jetzt, dass ihr Chef ganz neue Sehnsüchte in ihr weckt …

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Unser Paradies in der Karibik

Was sich liebt, das neckt sich! Gegen die schlagfertige Anne-Marie hat Ethan keine Chance. Genauso wenig gegen seine Gefühle für die hübsche Modedesignerin. Wenn sie auf der malerischen Insel Bellefleur aufeinandertreffen, sprühen die Funken – und es fliegen die Fetzen! Denn Ethan traut den Frauen nicht mehr. Im Allgemeinen. Auch im Besonderen?

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Im Zaubergarten der Liebe

1. KAPITEL

Unpassend.

Das Wort kam Matilda in den Sinn, als der Mann sich sichtlich verärgert zu ihr umdrehte und ungeniert ihr perfekt geschminktes Gesicht betrachtete. Die Kosmetikerin hatte auf dem pinkfarbenen Lippenstift bestanden, um Matildas Porzellanteint und ihrem aschblonden, frisch frisierten Haar etwas Lebhaftes entgegenzusetzen. Nun wandte der Mann, den sie nach dem Weg gefragt hatte, sich ab und ging weiter.

Sie fand sein Verhalten unmöglich, weil man normalerweise mit einer höflichen Reaktion rechnen konnte, wenn man jemanden in einem Krankenhaus ansprach. Der Fremde hingegen beschleunigte das Tempo und funkelte sie über die Schulter an.

„Wohin?“

Obwohl er nur dieses eine Wort sagte, war sein starker Akzent unverkennbar. Ihre Verärgerung ließ ein wenig nach. Vielleicht war der Mann gerade nach Australien gekommen, um einen kranken Verwandten zu besuchen. Schnell überlegte sie, woher er kommen mochte. Vielleicht war er Spanier oder Grieche …

„Wohin wollen Sie?“, hakte er unwirsch nach und ging nun ein wenig langsamer.

Nun konnte sie auch seinen Akzent einordnen. Der Fremde war Italiener!

„Ich wollte wissen, wo der Veranstaltungsraum ist“, wiederholte Matilda langsam, während sie insgeheim bedauerte, dass der einzige Mensch, dem sie hier in dem unübersichtlichen Verwaltungstrakt begegnete, ausgerechnet Ausländer sein musste. „Dort findet die Eröffnung des Krankenhausgartens statt. Ich soll in …“ Sie blickte auf ihre Uhr und seufzte verzweifelt. „Ich sollte vor fünf Minuten da sein.“

„Merda!“, fluchte ihr Gegenüber, nachdem er ebenfalls auf die Uhr gesehen hatte.

Da er so unhöflich war und nun noch Furcht einflößender wirkte, wich Matilda schnell einen Schritt zurück und ging weiter. Sie würde den Raum schon selbst finden!

„Es tut mir leid.“ Sofort hatte der Mann sie eingeholt, aber sie setzte ihren Weg unbeirrt fort.

„Nein, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, weil ich Sie belästigt habe“, rief sie ihm über die Schulter zu. Inzwischen stand sie vor den Aufzügen und drückte auf irgendeinen Knopf, in der Hoffnung, dass es der richtige war. „Sie sind offenbar sehr beschäftigt.“

„Ich habe mich verflucht, nicht Sie.“ Unmerklich verzog er das Gesicht und zuckte die breiten Schultern, was ihn sofort freundlicher erscheinen ließ. Tatsächlich war sein Englisch perfekt. Lediglich sein Akzent war sehr stark – und ausgesprochen sinnlich, wie sie zugeben musste. „Ich werde auch dort erwartet. Ich hatte ganz vergessen, dass die Zeit umgestellt wurde. Meine Sekretärin hat nämlich beschlossen, in Mutterschaftsurlaub zu gehen.“

„Wie rücksichtslos von ihr!“, bemerkte Matilda leise, bevor sie den Aufzug betrat.

„Wie bitte?“

Sie spürte, wie sie errötete, und blickte starr geradeaus. Nur leider musste sie warten, bis der Fremde auf den Knopf gedrückt hatte, weil sie immer noch nicht wusste, wo der Veranstaltungsraum war.

„Ich habe Sie eben nicht verstanden“, hakte er nach.

„Ich habe auch nichts gesagt“, schwindelte sie und wünschte, der Lift würde sich endlich in Bewegung setzen. Dieser Mann schüchterte sie unglaublich ein. Seine Stimme, der Ausdruck in seinen Augen, seine ganze Art wirkten so herausfordernd.

Unpassend.

Wieder kam ihr das Wort in den Sinn. Diesmal bezog sie es allerdings nicht auf seine Reaktion, sondern auf ihre. Wie gebannt betrachtete sie seine gebräunten Hände, als er auf den Knopf drückte. Er trug eine sichtlich teure goldene Armbanduhr, und der markante Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase. Verstohlen betrachtete Matilda den Fremden von der Seite und nahm ihn erst in diesem Moment richtig wahr. Er war erstaunlich attraktiv.

Dieses Eingeständnis erschütterte sie, denn seit der Trennung von Edward hatte sie keinen anderen Mann auch nur angesehen, zumindest nicht auf diese Art und Weise. Seit jenem Tag war sie Männern gegenüber völlig immun gewesen. Bis zu diesem Augenblick.

Noch nie hatte sie einen so schönen Menschen aus der Nähe betrachtet. Und irgendwie kam dieser Mann ihr bekannt vor. Vermutlich hatte sie ihn schon einmal im Fernsehen gesehen, denn wenn sie ihm persönlich begegnet wäre, hätte sie sich daran erinnert.

Matilda merkte, wie ihr plötzlich heiß wurde. Sie zupfte am Kragen ihrer Bluse und wandte schnell den Blick ab. Erst als der Aufzug im vierten Stock hielt und die Türen aufglitten, merkte sie, dass sie unwillkürlich den Atem angehalten hatte. Zu ihrer Überraschung machte der Fremde einen Schritt zur Seite und ließ ihr den Vortritt. Doch sie wünschte, er wäre genauso unhöflich gewesen wie zuvor. Wünschte, sie würde ihm folgen, als sie auf den ungewohnt hohen Absätzen vor ihm den Flur entlangging. Sie war sich ganz sicher, dass er sie mit seinen dunklen Augen von Kopf bis Fuß musterte, und meinte, seinen Blick im Rücken zu spüren. In diesem Moment erschien ihr der Rock ihres schicken, neuen anthrazitfarbenen Kostüms viel zu kurz.

„Oh!“ Starr sah sie auf das Schwarze Brett und wurde erneut ärgerlich, als sie die Mitteilung las. „Die Eröffnung wurde ins oberste Stockwerk verlegt.“

„Das ergibt auch mehr Sinn.“ Der Fremde, der dicht hinter ihr stand, zog die perfekt geschwungenen Brauen hoch, bevor sie dem gezeichneten Pfeil zu einer weiteren Gruppe von Aufzügen folgten. „Schließlich wird heute der Dachgarten eröffnet und nicht der Veranstaltungsraum.“

„Ja, aber …“ Matilda verstummte und folgte ihm den Flur entlang. In den vergangenen vier Wochen hatte sie sich dafür eingesetzt, dass die Reden im Garten und nicht in irgendeinem sterilen Raum gehalten werden sollten, doch das hatte nichts mit diesem Mann zu tun. Die Verwaltung hatte beschlossen, den Sektempfang und die offizielle Eröffnung dort abzuhalten und anschließend aufs Dach zu bitten, wo der Geschäftsführer Hugh Keller das Band durchschneiden würde.

Die Aufgabe, über hundert Patienten in unterschiedlicher Verfassung in wenige Aufzüge zu verfrachten, hatte anscheinend niemand außer ihr Kopfzerbrechen bereitet – bis zu diesem Moment.

Ihre Verärgerung verflog allerdings gleich wieder und wich beinahe sofort jener Nervosität, die sie bereits zuvor überkommen hatte. Angespannt ballte Matilda die Hände zu Fäusten und biss sich auf die Lippe, als die Türen aufglitten.

Sie wollte nicht hineingehen.

Sie hatte große Angst davor, erneut von Klaustrophobie befallen zu werden. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und auf dem Absatz kehrtgemacht, aber der Fremde drückte auf den Türöffner und wartete bereits ungeduldig darauf, dass sie den Lift betrat. Und da sie bereits zu spät kam, hatte sie keine andere Wahl.

Inadeguato.

Dieses Wort ging ihm durch den Kopf, als die Frau zögernd neben ihm den Aufzug betrat.

Es war unpassend, so zu denken, so zu empfinden.

Dante spürte förmlich das Knistern, als die Türen sich schlossen und der Lift nach oben glitt. Es war jedoch nicht nur ihr betörender Duft, der ihm den Kopf verdrehte, sondern ihre Präsenz, die … Vergeblich suchte er nach einer geeigneten Bezeichnung, die seine Gefühle für diese Fremde beschrieb.

Sie war göttlich.

Das war zumindest eine Annäherung. Sie hatte ein elfenhaftes, von aschblondem Haar gerahmtes Gesicht, lebhafte, von dichten Wimpern gesäumte grüne Augen und volle Lippen, die jetzt nicht mehr diese grässliche Lippenstiftfarbe von vorhin trugen. Dante ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie bestimmt beim Schönheitschirurgen gewesen war, denn sie hatte nicht ein Fältchen, und ihre zierliche Nase passte perfekt zu ihren ebenmäßigen Zügen. Jedenfalls wirkte sie sehr gepflegt. Ihre Augen waren stark geschminkt, und ihr duftiges Haar glänzte. Offenbar gehörte sie zu den Frauen, die viel Zeit bei ihrer Kosmetikerin verbrachten. Wahrscheinlich hat sie ihren Mund mit Kollagen aufgespritzt und die ersten Falten mit Botox verschwinden lassen, überlegte er, während er sie eingehend betrachtete.

Schon lange hatte er keine Frau mehr so genau angesehen. Sehr lange schon nicht mehr.

Dante wusste, dass es sich nicht gehörte, jemanden so anzustarren, und es unpassend war, ein solches Verlangen für eine Frau zu verspüren, der er zum ersten Mal begegnete.

Eine Frau, mit der er nicht verheiratet war.

Als der Aufzug im nächsten Moment ruckelte und dann zum Stehen kam, runzelte sie die Stirn und biss sich erneut auf die Lippe. Sofort verwarf Dante seine Botox-Theorie.

„Wir sind stecken geblieben!“ Erschrocken sah sie ihn an und streckte dann nervös die Hand nach dem Alarmknopf aus, doch Dante kam ihr zuvor, indem er ihren Arm umfasste.

Matilda fühlte sich, als hätte sie sich verbrannt. Da sie ohnehin hypernervös gewesen war, seit sie ihn angesprochen hatte, war sie nun, da der Fremde sie berührte, höchst alarmiert, und zwar noch mehr als wegen des stecken gebliebenen Aufzugs.

„Das sind wir nicht. Der Lift bleibt manchmal hier hängen … Sehen Sie?“ Er ließ sie los, und erst jetzt bemerkte sie den goldenen Ring an seiner Hand.

Sie war enttäuscht und beruhigt zugleich, dass dieser ungewöhnlich maskuline Mann offenbar bereits vergeben war. Plötzlich kam sie sich albern vor, und zwar nicht, weil sie gerade so panisch reagiert hatte, sondern weil er so starke Gefühle in ihr weckte. Zerknirscht verzog sie das Gesicht.

„Tut mir leid. Ich habe es bloß eilig.“

„Sie wirken angespannt.“

„Kein Wunder!“, räumte sie ein. Nun, da sie wusste, dass der Mann verheiratet war, wurde sie ein wenig lockerer. Offenbar hatte sie die Situation falsch gedeutet, und ihre heftige Reaktion auf ihn beruhte keinesfalls auf Gegenseitigkeit. Wahrscheinlich machte nur die bevorstehende Eröffnung sie so nervös. Als ihr klar wurde, dass er ihre Worte auch falsch verstanden haben konnte, fügte sie hinzu: „Ich hasse Veranstaltungen dieser Art …“

Zustimmend nickte er. „Ich auch. Eigentlich habe ich heute Vormittag zig andere Verpflichtungen. Stattdessen werde ich in irgendeinem dämlichen Garten auf dem Dach eines Krankenhauses stehen und den Gästen sagen, wie sehr ich mich freue, dabei zu sein …“

„Wie bitte?“ Verärgert kniff Matilda die Augen zusammen, als der Fremde unwissentlich die Arbeit herabsetzte, die sie in dieses Objekt investiert hatte. „Sie halten den Garten für dämlich?“ Aufgebracht wirbelte sie zu ihm herum. Vermutlich ahnte er nicht, dass sie diesen Garten entworfen hatte, aber darum ging es auch gar nicht. Er hatte keine Ahnung, mit wem er da sprach, und tat seine Meinung trotzdem derart arrogant kund. Sie wollte gerade etwas Passendes antworten, als die Aufzugtüren sich öffneten.

„Keine Sorge. Es dauert hoffentlich nicht lange, und dann können wir bald verschwinden.“ Der Mann verdrehte die Augen. Wahrscheinlich erwartete er, dass sie ihm beipflichtete oder er sie gleich loswurde, doch sie eilte ihm nach und tippte ihm auf die Schulter.

„Können Sie sich vorstellen, wie viel Arbeit darin steckt, einen Garten wie diesen zu entwerfen?“

„Nein“, erwiderte er unhöflich. „Allerdings weiß ich genau, was es gekostet hat, und ehrlich gesagt fallen mir viele wichtigere Dinge ein, für die man das Geld hätte ausgeben können.“

Lediglich ihre Wut ermöglichte es ihr, mit ihm Schritt zu halten. „Die Patienten werden sich an dem Garten erfreuen, und das trägt zu ihrer Genesung bei“, erklärte Matilda.

Ungerührt zuckte er die Schultern. „Schon möglich. Aber wenn ich krank wäre, würde ich mir eher wünschen, dass die Ausstattung dem neuesten Standard entspricht, nicht dass da oben ein Garten auf mich wartet – falls ich es überhaupt dorthin schaffen sollte.“

„Sie verstehen gar nicht, worum es geht …“

Jetzt runzelte er die Stirn. „Ich habe nur meine Meinung geäußert, und das ist wohl mein gutes Recht, weil dieser sogenannte meditative Garten vor allem mit meinem Geld finanziert wurde.“

„Mit Ihrem Geld?“

„Dem meiner Firma.“ Der Mann nickte, und Matilda verwarf ihre Theorie, dass er ein Filmstar war. „Als ich hörte, wofür man die Spende ausgeben wollte, war ich zuerst dagegen. Dann hat irgendein Berufsanfänger ein so lächerlich günstiges Angebot gemacht, dass ich meine Zustimmung gegeben habe. Sicher ist dieser Landschaftsarchitekt jetzt pleite, aber das Krankenhaus hat seine Ruheoase, und ich stehe als Wohltäter da“, erklärte er überheblich. „Einem geschenkten Pferd schaut man nicht ins Maul.“

„Es heißt ‚Gaul‘“, konterte sie, während sie ihm über die Rollstuhlrampe folgte, die die ehemaligen Stufen ersetzte. Dann öffnete sie die Tür zum Dachgarten. Als sie hinaustrat, verflog ihr Zorn, und ihre Nervosität legte sich.

Das hatte sie, Matilda Hamilton, geschaffen.

Im Vorjahr hatte man den Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach auf den Neubau für die Notaufnahme verlegt. Daraufhin hatte die Verwaltung die Neugestaltung der kahlen Betonlandschaft als Rückzugsmöglichkeit für Patienten und ihre Angehörige sowie die Belegschaft in der Zeitung ausgeschrieben. Matilda war Landschaftsgestalterin und hatte bis dahin die meisten ihrer Aufträge durch ihren Verlobten Edward bekommen, denn als bekannter Immobilienmakler hatte er zahlreiche wohlhabende Kunden, die bereit waren, vor dem Kauf oder Verkauf hohe Summen für die Neugestaltung ihrer Anwesen auszugeben. Als es jedoch zunehmend in ihrer Beziehung kriselte, war ihr Wunsch, es ganz allein zu schaffen, immer größer geworden. Ungeachtet seiner bissigen Kommentare und Spötteleien ließ sie sich im Handelsregister eintragen und vereinbarte einen Termin mit dem Krankenhaus, um Messungen durchzuführen.

Matilda rechnete sich keine großen Chancen aus, doch kaum hatte sie das Dach betreten, gewann ihre Begeisterung die Überhand. Sie konnte sich bereits vorstellen, wie sie diese trostlose Dachlandschaft in eine Oase der Ruhe umwandeln würde. Zahlreiche kleine Bäume und Büsche in Kübeln würden Schutz vor dem Wind bieten und Schatten spenden, die Lichterketten darin abends und nachts eine magische Atmosphäre schaffen. Dazwischen sollten Kieswege verlaufen, auf denen die Patienten umherschlendern und entspannen konnten, und geschickt platzierte Mosaiktische würden zum Verweilen und Kaffee­trinken einladen. Verschiedene Wasserspiele sollten zum einen den Verkehrslärm übertönen, zum anderen den Besuchern beim Abschalten helfen und außerdem dafür sorgen, dass vertrauliche Gespräche nicht von anderen mitgehört werden konnten.

Interessiert hatte Hugh Keller ihren lebhaften, von Gesten untermalten Ausführungen gelauscht, als sie ihm bis ins kleinste Detail beschrieb, was sie vor ihrem geistigen Auge sah: eine Gruppe von Fontänen in der Mitte, die in verschiedenen, willkürlichen Abständen emporschossen und das Sonnenlicht reflektierten und um die die älteren Leute sitzen und die Kinder beim Spielen betrachten würden. Und nun war diese Vision Wirklichkeit geworden. Wenn Hugh gleich das Band durchschnitt, würde das Wasserspiel eingeschaltet und der Garten offiziell eröffnet werden!

„Matilda!“ Von überallher rief man ihren Namen, und Matilda war froh, dass sie sich von ihrem Begleiter trennen konnte. Wahrscheinlich merkt er es nicht einmal, dachte sie, während sie Glückwünsche und ein Glas Sekt entgegennahm. Sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie ausgerechnet an diesem Tag, dem vielleicht wichtigsten in ihrem Leben, an dem sie sich eigentlich auf ihren Erfolg konzentrieren und Kontakte knüpfen sollte, an nichts anderes als an ihre flüchtige Begegnung mit ihm denken konnte.

Energisch rief sie sich ins Gedächtnis, dass er unhöflich gewesen war, und lächelte, als Hugh ihr zuwinkte und sich einen Weg durch die Menge zu ihr bahnte. Sehr unhöflich sogar, überlegte sie. So gut er auch aussehen und so sexy er auch sein mochte, er war unmöglich und …

„Hallo, Hugh.“ Matilda küsste den älteren Herrn auf die Wange und versuchte, sich auf den Grund für ihre Anwesenheit zu konzentrieren. Aufmerksam hörte sie zu, als Hugh sie informierte, in welcher Reihenfolge die Reden gehalten werden würden und welche Rolle sie in dem Programm spielen sollte. So erinnerte er sie daran, dass sie sich bei dem Bürgermeister und den verschiedenen Sponsoren bedanken müsse. Ihre Gedanken schweiften allerdings immer wieder ab, und unwillkürlich sah sie sich nach dem Fremden um, der sie seit ihrer ersten Begegnung gleichermaßen ärgerte und erregte. Obwohl er sich unter die Gäste gemischt hatte und höflich Konversation zu machen schien, wirkte er distanziert und hob sich von der Menge ab.

Vielleicht spürte er sogar, dass er beobachtet wurde. Vielleicht war es ihre Sehnsucht, die ihn veranlasste, sich umzudrehen. Jedenfalls sah er sie plötzlich an und weckte sofort die gleichen Gefühle in ihr wie kurz zuvor im Aufzug. Ihr wurde schwindelig, und Matilda nahm Hughs Worte und das allgemeine Geplauder kaum noch wahr. Der Fremde starrte sie förmlich an, und sie spürte, wie sie errötete, als sie seinen Blick erwiderte. Ihr Verstand riet ihr, dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben, indem sie sich abwandte, doch sie ignorierte die Stimme der Vernunft.

„Sobald es etwas ruhiger ist, können wir hoffentlich darüber reden.“ Jemand, der sie versehentlich am Ellbogen berührte, brachte sie unvermittelt auf den Boden der Tatsachen zurück, und sie merkte, wie Hugh sie besorgt betrachtete. „Ist alles in Ordnung?“

„Es tut mir so leid, Hugh.“ Sie riss sich zusammen und kehrte dem Italiener demonstrativ den Rücken zu. Entschuldigend lächelte sie ihren Gesprächspartner an. „Ich habe gar nicht mitbekommen, was Sie zuletzt gesagt haben. Momentan bin ich das reinste Nervenbündel. Ich habe mich nur umgeblickt, um mich zu vergewissern, dass alles okay ist …“

„Alles sieht wunderbar aus, Matilda“, beruhigte Hugh sie und verstärkte damit ihre Schuldgefühle. „Sie haben hervorragende Arbeit geleistet. Kaum zu glauben, wie Sie einen tristen Hubschrauberlandeplatz in eine solche Oase verwandelt haben! Alle, die hier oben gewesen waren, sind ganz begeistert, vom Pförtner bis zum Berater. Ich freue mich, dass es endlich den Leuten offen steht, die es wirklich verdient haben – den Patienten und ihren Angehörigen.“

„Ich mich auch“, pflichtete Matilda ihm lächelnd bei. „Und, worüber wollten Sie mit mir sprechen, Hugh?“

„Über einen Job. Ich habe aber schon gehört, dass Sie jetzt sehr gefragt sind.“

„Das habe ich nur Ihnen zu verdanken“, räumte sie ein. „Um was für einen Job handelt es sich denn?“

Nun war er jedoch abgelenkt. Er lächelte den Bürgermeister an, der gerade auf sie zukam. „Vielleicht können wir nachher darüber reden, wenn der große Ansturm vorbei ist.“

„Natürlich.“ Sie nickte. „Ich freue mich darauf.“ Und das mehr, als Hugh ahnte. Vor allen Gästen eine Rede halten zu müssen stand ihr schon seit Wochen bevor. Die geschäftlichen Dinge, die mit der Leitung einer Firma verbunden waren, lagen ihr nicht besonders, aber sie hatte ihr Bestes getan, um dem Anlass entsprechend aufzutreten.

Sie war bei einer Hairstylistin und einer Kosmetikerin gewesen, um sich professionell frisieren und schminken zu lassen. Normalerweise band sie ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen, cremte sich mit Sunblocker ein und tuschte sich nur die Wimpern, doch jetzt trug sie eine Hochfrisur, und eine teure Grundierung ließ ihren Teint ganz ebenmäßig erscheinen. Auch das schicke Kostüm und die hochhackigen Pumps bildeten einen Kontrast zu ihrem üblichen Aufzug: T-Shirts, Shorts und derbe Stiefeletten.

Als die Reden gehalten wurden, stand Matilda mit klopfendem Herzen und angestrengt lächelnd da und stellte verzweifelt fest, dass alles, was sie zum Besten geben wollte, bereits gesagt wurde. Nachdem sie die Karteikarten mit ihren Notizen in ihre neue Handtasche getan hatte, ging sie tapfer zum Pult, lächelte weiter, während Hugh das Mikrofon justierte und es eine Rückkopplung gab.

Nervös ließ sie den Blick über die erwartungsvollen oder gelangweilten Mienen schweifen und dann auf einem Gesicht ruhen, das als Einziges ihre Aufmerksamkeit fesselte. Sie fragte sich, wie der Fremde wohl reagieren würde, wenn er erfuhr, wen er auf dem Weg nach oben beleidigt hatte. Doch er beachtete sie nicht einmal. Stattdessen konzentrierte er sich auf eine atemberaubende Brünette, die unverhohlen mit ihm flirtete.

Schnell sah Matilda weg und setzte zu der ersten Rede ihres Lebens an. Nachdem sie sich bei den Leuten bedankt hatte, die Hugh erwähnt hatte, atmete sie tief die frische Frühlingsluft ein. Und wie immer schöpfte sie Kraft aus dieser Entspannungsübung.

„Bei meinem ersten Treffen mit Hugh wurde mir klar, dass die Krankenhausleitung sich eine Oase der Ruhe wünschte“, sprach sie dann weiter. „Einen Ort, an dem die Menschen ihre Gedanken ordnen und etwas anderes als die typische Krankenhausluft atmen können.“ Das zustimmende Nicken einiger Gäste bewies ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war. „Und ich denke, dass es uns mit der Hilfe vieler Leute gelungen ist. In Krankenhäusern geht es mitunter sehr stressig zu, nicht nur für die Patienten und ihre Angehörigen, sondern auch für die Mitarbeiter. Und als ich den Auftrag übernommen habe, war es mein Ziel, einen Ort zu schaffen, an dem es keine Schilder und keine Lautsprecher gibt und an dem alle für eine Weile vergessen können, was im Gebäude vor sich geht. Ich hoffe, das ist mir gelungen.“

Natürlich hätte sie noch viel mehr sagen und sich bei weiteren Sponsoren bedanken können. Als Matilda den Blick über den Garten schweifen ließ, beschloss sie allerdings, dass es an der Zeit war, Mutter Natur für sich sprechen und die Gäste den Zufluchtsort, in den sie so viel Arbeit gesteckt hatte, erkunden zu lassen. So beendete sie ihre Rede mit der Aufforderung: „Und nun wünsche ich Ihnen viel Freude!“

Als Hugh das Band durchschnitt und die Wasserfontänen emporschossen und das Sonnenlicht reflektierten, empfand Matilda einen Anflug von Stolz angesichts des beifälligen Raunens und der begeisterten Ausrufe der Kinder. Diese taten genau das, was sie beabsichtigt hatte: Unter lautem Juchzen ließen sie sich nass spritzen. Lediglich ein kleines Mädchen mit blonden Locken machte nicht mit. Regungslos stand es da und blickte mit ernster Miene wie gebannt auf das Wasser. Matilda ertappte sich dabei, wie sie die Kleine beobachtete und sich sehnlich wünschte, diese würde sich unter die anderen mischen.

„Es ist hübsch, nicht?“ Sie hockte sich neben sie und streckte die Hand aus, sodass sie den Strahl durchbrach und ihr das Wasser über die Finger rann. „Du kannst es anfassen“, ermunterte sie sie und sah zu, wie die Kleine ihrer Aufforderung dann zögernd, beinah ängstlich nachkam. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, und ihre Augen begannen zu funkeln. Als Hugh auf sie zukam, stellte sie fest, dass sie das Mädchen noch nicht allein lassen wollte, damit es Mut fasste und sich zu den anderen Kindern gesellte.

„Meine Enkelin Alex“, machte Hugh sie miteinander bekannt. Er hockte sich ebenfalls hin, doch Alex nahm ihn gar nicht wahr, weil sie sich auf das Wasser konzentrierte, das über ihre Hände lief. „Offenbar mag sie Sie.“

„Sie ist wirklich süß.“ Matilda lächelte, aber ihre Lippen bebten ein wenig, als sie beobachtete, wie die Kleine weiterhin regungslos dastand, anscheinend gefangen in ihrer eigenen Welt. „Wie alt ist sie?“

„Zwei.“ Hugh stand wieder auf und holte ein Taschentuch hervor, um sich die Stirn abzutupfen.

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sie sich besorgt, denn er war ein wenig fahl geworden.

„Es wird gleich wieder“, antwortete er. „Ich habe in letzter Zeit nur leichte Kreislaufprobleme. Sie ist zwei“, wiederholte er, offenbar bemüht, das Thema zu wechseln. „Über Alex wollte ich auch mit Ihnen reden.“

„Ich dachte, es würde sich um einen Job handeln …“ Matilda verstummte, und sie blickten beide zu Alex, die nach wie vor regungslos verharrte. Nun allerdings strahlte sie übers ganze Gesicht, begeistert über den Anblick, der sich ihr bot, aber immer noch ohne an dem lustigen Treiben teilzunehmen. Matilda konnte sich beinah denken, was als Nächstes kommen würde.

„Sie hat einige Probleme“, erklärte Hugh rau. „Vor über einem Jahr war sie in einen Autounfall verwickelt. Zuerst sah es so aus, als hätte sie keinen Schaden davongetragen, aber kurz darauf fing sie an, sich ziemlich auffällig zu verhalten. Sie hat fürchterliche Wutanfälle, und dann zieht sie sich tagelang völlig in sich selbst zurück und spricht kein Wort. Die Ärzte haben schon die Vermutung geäußert, dass sie autistisch ist. Meine Frau Katrina und ich sind außer uns vor Sorge …“

„Das verstehe ich gut.“ Matilda lächelte mitfühlend, denn Hugh tat ihr leid, weil er das durchmachen musste. Er war ein sehr netter, sanftmütiger Mann, und obwohl er in den vergangenen Monaten viel mit ihr geplaudert hatte, hatte er nie auch nur durchblicken lassen, dass er private Probleme hatte. Sie allerdings auch nicht, wie sie sich eingestehen musste.

„Gestern Abend habe ich meinem Schwiegersohn gesagt, dass meine Frau und ich Alex ein Geschenk machen möchten“, fuhr Hugh fort. „Der hintere Teil seines Grundstücks ist abgezäunt und würde sich ideal für etwas wie dieses hier eignen – natürlich nicht in solchen Dimensionen. Es soll ein Ort ohne Steine, Mauern oder einen Teich sein …“

„Ein sicherer Ort“, ergänzte sie.

„Genau.“ Erleichtert nickte er. „Wo sie nicht hinfallen und sich verletzen, sondern herumtoben oder einfach nur dasitzen und etwas Schönes ansehen kann. Ich weiß, dass Sie in den nächsten Monaten ausgebucht sind, und möchte Sie auf keinen Fall unter Druck setzen, aber wenn ein Auftrag storniert wird, würden Sie dann darauf zurückkommen? Die Kinder haben sich so gefreut, als sie vorhin den Garten gesehen haben. Und wenn es Alex hilft …“ Er verstummte, und sie wusste, dass er nicht versuchte, ihr Mitgefühl zu gewinnen. „Mein Schwiegersohn hält es für Zeitverschwendung, aber zumindest hätte die Kleine einen Garten, in dem ihr nichts passieren kann und der ihr Freude macht. Ich werde ihn bestimmt überreden können. Schließlich liebt er sie sehr und würde alles für sie tun.“

Matilda wusste nicht, was sie erwidern sollte, denn tatsächlich standen die Leute inzwischen bei ihr Schlange. Dieser Mann hatte ihr jedoch zu dem Erfolg verholfen, und dieses kleine Mädchen verdiente jede Hilfe, die es bekommen konnte. Nachdenklich betrachtete sie die Kleine, und nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, lächelte sie.

„Hugh, ich brauche die Einzelheiten, und dann muss ich mir den Garten zumindest einmal ansehen, bevor ich zusage. Ich wollte mir ein paar Wochen freinehmen, bevor ich mit meinem nächsten Auftrag anfange. Darauf könnte ich wohl verzichten. Außerdem habe ich gute Beziehungen. Wo wohnt Alex denn?“

„In Mount Eliza.“ Matilda schnitt ein Gesicht, denn dieser exklusive Stadtteil mit Blick auf die Port Phillip Bay war ziemlich weit von der Innenstadt von Melbourne entfernt. „Vor dem Unfall war es ihr Feriendomizil, aber seitdem … Wäre es einfacher, wenn Sie dort wohnen würden? Es ist genug Platz.“

„Anders würde es gar nicht gehen“, gestand sie. „Ich werde die Männer so bestellen, dass sie frühmorgens anfangen, und muss dann vor Ort sein, um ihnen zu sagen, wie ich es mir vorstelle.“

„Kein Problem“, versicherte Hugh, und sie überlegte einen Moment, bevor sie schließlich nickte.

„Ich mache es gern.“

„Wirklich?“

„Natürlich.“ Nun strahlte Matilda. Da Hugh sich so freute, bereute sie ihren spontanen Entschluss nicht im Mindesten.

„Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, weil Sie keinen Urlaub machen können.“

„Das bringt die Selbstständigkeit offenbar mit sich.“ Matilda zuckte die Schultern. „Die Auftragslage wird nicht immer so sein. Irgendwann kommen auch wieder magere Zeiten, und vielleicht ist mit der Umgestaltung des Gartens gar nicht so viel Arbeit verbunden. Ich brauche, wie gesagt, noch Informationen von Ihnen, und außerdem müssen Sie Ihren Schwiegersohn um Erlaubnis bitten. Schließlich kann ich den Garten nicht über seinen Kopf hinweg umgestalten. Also, wie groß ist der Teil des Grundstücks, und was …?“ Sie verstummte, als eine weitere Gruppe auf sie zukam und seine Sekretärin Hugh am Arm berührte, weil er einen wichtigen Anruf entgegennehmen sollte.

„Das hier ist weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort.“ Er lächelte entschuldigend. „Sie sollten die Feier genießen. Vielleicht können wir heute Abend beim Essen darüber sprechen. Ich frage meinen Schwiegersohn, ob er Zeit hat. Wenn Sie ihm davon erzählen, wird er sicher begeistert sein. Da ist er ja … Ich sage ihm gleich Bescheid.“

„Gute Idee.“ Wieder hockte Matilda sich hin, um mit Alex zu spielen. Dabei blickte sie in die Richtung, in die Hugh winkte. Ihr Lächeln verschwand, als sie den Mann bemerkte, der sie seit einer Weile so beschäftigte. Stirnrunzelnd kam er um die Wasserspiele herum und beobachtete sie dabei.

„Dante!“, rief Hugh, der die Spannung zwischen ihnen anscheinend nicht bemerkte.

Dante beachtete allerdings keinen von ihnen, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt seiner Tochter. Matilda spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte, als er sich hinhockte und liebevoll mit Alex sprach.

„Ich rede gleich mit Dante und lasse dann für heute Abend einen Tisch reservieren“, verkündete Hugh, der so erfreut war, dass er ihre verblüffte Miene nicht bemerkte.

Matilda nickte nur flüchtig, als ihr die Zusammenhänge klar wurden. Schon die wenigen Minuten im Aufzug mit diesem Mann waren eine Herausforderung für sie gewesen, und nun sollte sie in seinem Haus wohnen!

Er ist verheiratet und hat ein Kind, rief sie sich energisch ins Gedächtnis, und beinah gelang es ihr, sich einzureden, dass sie sich das Knistern zwischen ihnen nur eingebildet hatte.

Und wenn es nicht der Fall war und es diese Anziehungskraft tatsächlich gab, würde sie keine Sekunde vergessen, dass Dante bereits vergeben war!

2. KAPITEL

Eigentlich wollte sie das alles gar nicht.

Als sie auf das Restaurant zuging, hätte Matilda am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht und die Flucht ergriffen. Sie verabscheute die Formalitäten, die der Umgestaltung eines Gartens vorausgingen, und die Tatsache, dass sie das Grundstück in diesem Fall noch nicht einmal gesehen hatte, machte die Besprechung im Grunde überflüssig. Andererseits war ihr klar, dass es mit ihrem zunehmenden Erfolg zusammenhing. Vorbei waren die Zeiten, in denen sie im legeren Outfit bei ihren Kunden auftauchte und diesen bei einer Tasse Kaffee ihre Pläne sowie einen Kostenvoranschlag vorlegte, nur um sich anschließend tagelang nervös zu fragen, ob die Leute anrufen würden, und sich Sorgen zu machen, ob sie vielleicht zu viel oder, was noch schlimmer war, zu wenig berechnet hatte und im Fall eines Auftrags mit Verlust würde arbeiten müssen.

Nun fanden die ersten Besprechungen im Büro ihrer potenziellen Kunden oder in einem Restaurant statt. Und selbst wenn sie das Glück hatte, zu diesen nach Hause eingeladen zu werden, musste sie als dynamische Geschäftsfrau auftreten, weil ihre neue Klientel es offenbar von ihr erwartete.

Allerdings waren es nicht nur die unvermeidlichen Formalitäten, die ihr an diesem Abend bevorstanden. Im Schatten eines großen Pfeilers neben dem Restaurant blieb Matilda stehen und nahm einen kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche. Während sie ihren Lippenstift nachzog und sich übers Haar strich, musste sie sich den wahren Grund für ihre Nervosität eingestehen.

Dante.

Selbst beim Gedanken an seinen Namen krampfte sich ihr Magen zusammen. Am liebsten hätte sie das Ganze als flüchtige Begegnung abgehakt und ihn vergessen. Und nun würde sie für ihn arbeiten!

Vielleicht brauche ich genau dieses Essen, tröstete sich Matilda, als sie wieder aus dem Schatten des Pfeilers trat. Womöglich würde ein Abend in Gesellschaft dieses arroganten, selbstgefälligen Kerls sie für immer kurieren. Außerdem würde Hugh auch dabei sein.

Eine auffällige silberfarbene Limousine, die in diesem Moment vor dem Restaurant vorfuhr, erregte ihre Aufmerksamkeit. Als der Fahrer um den Wagen herumging und die hintere Tür öffnete, wich Matilda schnell wieder in den Schatten zurück, denn Dante stieg aus. Sie hatte keine Lust, mit ihm ins Restaurant zu gehen und Small Talk zu machen, bis Hugh eintraf.

Er war wirklich atemberaubend. Matilda seufzte und kam sich etwas komisch vor, weil sie ihn beobachtete. Und offenbar war sie nicht die Einzige, die so dachte. Kaum war er aus dem Wagen gestiegen, hatten zahlreiche Leute sich zu ihm umgedreht, und einige waren sogar stehen geblieben, als wäre er ein Prominenter, der über den roten Teppich schritt. Doch gerade als der Chauffeur die Tür schließen wollte und der Portier ihn begrüßte, drang ein schriller Schrei aus der Limousine, der alle veranlasste, sich umzudrehen.

Vor allem Dante.

Selbst aus der Entfernung konnte Matilda sehen, wie angespannt er war, als er zum Wagen zurückkehrte. Aus diesem stieg nun eine junge Frau mit seiner vor Zorn starren Tochter auf dem Arm aus. Entsetzt beobachtete Matilda, wie er ihr die anscheinend verängstigte Kleine abnahm und diese zu beruhigen versuchte, indem er sie an sich presste, sanft auf sie einredete und dabei ihre Handgelenke umfasste, damit sie ihn nicht kratzte. Noch nie hatte sie einen solchen Wutanfall miterlebt und war ganz erstaunt, dass ein Kind in diesen Zustand verfallen konnte.

„Das Mädchen braucht einen Klaps auf den Po, wenn Sie mich fragen“, gab eine ältere Dame ungebeten ihre Meinung zum Besten.

Matilda musste an sich halten, um nichts Scharfes zu erwidern, und war selbst überrascht, dass sie sich über diese gedankenlosen Worte so ärgerte. Sie rang schon mit sich, ob sie zu Dante gehen und ihm Hilfe anbieten sollte, als der Anfall vorüberging. Alex sackte förmlich in sich zusammen und begann jetzt so herzzerreißend zu schluchzen, dass es Matilda in der Seele wehtat. Nachdem er die Kleine noch einmal getröstet hatte, nickte Dante der jungen Frau zu und übergab sie ihr wieder. Er beobachtete, wie die beiden einstiegen, und betrat dann das Restaurant, ohne die Schaulustigen zu beachten, die sich inzwischen versammelt hatten.

Obwohl dieser Vorfall sie ziemlich mitgenommen hatte, bemühte Matilda sich, selbstsicher zu wirken, als sie ihm folgte und sich drinnen suchend nach Hugh umsah. Als der Ober sie allerdings zum Tisch führte, hätte sie erneut am liebsten die Flucht ergriffen.

Es war ein Tisch für zwei Personen. Aber statt des älteren Mannes mit dem freundlichen Gesicht, der sie immer an einen Teddybär erinnerte, erwartete Dante sie. Während sie auf ihn zuging, stand er da und blickte ihr ausdruckslos entgegen. Hätte sie den Zwischenfall mit seiner Tochter nicht selbst beobachtet, hätte sie niemals geglaubt, was Dante gerade durchgemacht hatte, denn man merkte ihm nichts an.

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie die Gäste sich umwandten, aber ihr war klar, dass diese Neugier nicht ihr galt. Dies bestätigten die Gesprächsfetzen, die sie dabei aufschnappte.

„Ist er ein Promi?“

„Er kommt mir irgendwie bekannt vor …“

Man glaubte ihn zu kennen, weil er einfach perfekt war – ein Mann, wie er einem normalerweise von den Covers der Hochglanzmagazine entgegenblickte, ein Mann, der eigentlich eine unverschämt teure Armbanduhr hätte tragen oder im Fond einer Luxuslimousine hätte sitzen müssen.

Jedenfalls gehörte er nicht zu den Männern, mit denen Matilda normalerweise essen ging. Und schon gar nicht allein …

Verzweifelt hoffte sie, ein Ober möge erscheinen und einen zweiten Tisch heranziehen und ein weiterer möge ein drittes Gedeck bringen. Hoffentlich war es nicht das, wonach es aussah!

„Matilda.“ Dante hatte tadellose Manieren. Er wartete, bis sie Platz genommen hatte, bevor er sich ebenfalls setzte, und ließ sie zuerst bestellen.

Sie war froh, dass sie zu Fuß gekommen war. Einen Parkplatz hätte sie nur nach langem Suchen gefunden, und ein Taxi war an einem Freitagabend nur schwer zu bekommen. Nun konnte sie einen Gin Tonic bestellen und sich etwas Mut antrinken.

„Hugh lässt sich entschuldigen.“ Dante lächelte flüchtig, als sie die Stirn runzelte.

Der Hugh, den sie kannte, hätte sich nicht vor diesem Essen gedrückt, zumal er sie ja praktisch angefleht hatte, den Auftrag zu übernehmen.

„Nach der Eröffnungsfeier hatte er Kopfschmerzen“, fuhr Dante fort. „Er sah nicht gut aus. Deswegen habe ich ihn in sein Büro gebracht, wo er …“ Offenbar auf der Suche nach dem richtigen Wort, schnippte er mit den Fingern. „… einen Schwächeanfall hatte.“

Entsetzt blickte Matilda ihn an. „Oh nein …“

„Es geht ihm gut“, versicherte er schnell. „In den letzten Monaten hatte er Bluthochdruck und nimmt deshalb Medikamente. Aber anscheinend hat das, was man ihm zuletzt verschrieben hat, den Blutdruck zu stark gesenkt. Deswegen hatte er einen leichten Kollaps. Zum Glück waren wir im Krankenhaus. Ich musste nur zum Hörer greifen …“

„Dann sind Sie also kein Arzt.“

Nun wirkte Dante ein wenig erschrocken. „Du meine Güte, nein! Wie kommen Sie denn darauf?“

„Ich weiß nicht.“ Sie zuckte die Schultern. „Ich hatte den Eindruck, dass Sie sich im Krankenhaus gut auskennen …“

„Das kommt daher, dass ich zu viel Zeit dort verbracht habe“, erwiderte er, und sie nahm an, dass er von Alex sprach. Er gab allerdings nichts preis und nahm den Faden wieder auf. „Hugh ist inzwischen zu Hause, aber er muss sich unbedingt schonen. Er hat ein sehr schlechtes Gewissen, weil er Sie versetzen muss, nachdem Sie so nett waren, die Einladung so kurzfristig anzunehmen. Ich habe ständig versucht, Sie über Handy zu erreichen …“

„Es ist aus“, antwortete Matilda nervös. „Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, es einzuschalten.“

Im Stillen ging sie mit sich ins Gericht. Dante hatte also verzweifelt versucht, die Verabredung abzusagen, und war wegen ihrer Nachlässigkeit gezwungen gewesen, doch zu kommen, obwohl er von Anfang an gegen das Projekt gewesen war und in diesem Moment sicher lieber zu Hause bei seiner Tochter gewesen wäre.

Inzwischen hatte der Ober ihre Drinks serviert, und dankbar trank sie einen Schluck, während sie die Speisekarte studierte. Ihr brannten die Wangen, weil ihr durchaus bewusst war, dass Dante sich weit weg wünschte.

„Ich habe mich bereit erklärt, den Garten umgestalten zu lassen“, brach er schließlich das Schweigen. „Hugh sagte, ich müsste mich mit Ihnen treffen, um Ihnen mein Einverständnis zu geben. Soll ich irgendetwas unterschreiben?“

„Das hier ist kein Sorgerechtsverfahren.“ Matilda blickte auf und schaffte es zum ersten Mal, seit sie sich zu ihm gesetzt hatte, ihm in die Augen zu sehen. „Ich brauche nichts Schriftliches von Ihnen. Ich wollte einfach nur sicher sein, dass Sie sich freuen, wenn ich den Auftrag ausführe.“

„Es ist kein Problem“, meinte Dante. „Die Pläne habe ich dabei. Ich habe den betreffenden Teil des Grundstücks markiert.“ Er blickte auf und nickte dem Ober zu, der gerade zu ihnen an den Tisch getreten war.

„Möchten Sie bestellen, Sir?“

Dante wandte sich an Matilda, doch sie schüttelte den Kopf.

„Geben Sie uns noch etwas Zeit?“, bat Dante, woraufhin der Ober sich diskret zurückzog. Offenbar nahm Dante an, dass sie überfordert war, denn er fuhr fort: „Ich nehme wie immer Gnocchi, aber der tasmanische Wildlachs soll hier hervorragend sein …“

„Das glaube ich gern“, fiel sie ihm ins Wort. „Ich kann mit einer Speisekarte durchaus umgehen, Dante. Und es gibt auch keinen Grund, diese Farce fortzuführen …“

„Farce?“

Sie widerstand der Versuchung, die Augen zu verdrehen.

„Wir müssen nicht hier sitzen und zusammen essen …“

„Ich verstehe Englisch, Matilda“, unterbrach er nun sie und lächelte angespannt. „Warum nennen Sie es eine Farce?“, wollte er wissen.

„Weil wir beide wissen, dass Sie Ihren Garten gar nicht umgestalten lassen wollen und sich wohl nur dazu bereit erklärt haben, weil es Hugh nicht gut geht …“ Dante wollte etwas einwerfen, aber sie sprach unbeirrt weiter. „Sie haben versucht, mich anzurufen, um abzusagen. Also, warum ersparen wir uns nicht einen unangenehmen Abend? Wir trinken unsere Drinks aus, ich nehme die Pläne mit und rufe Sie an, damit wir einen Besichtigungstermin vereinbaren können. Wir müssen wirklich keine große Sache daraus machen …“

„Sie wollen also nichts essen?“

„Ich möchte Ihnen nicht Ihre kostbare Zeit stehlen.“ Mühsam schluckte Matilda. Sie war sich nicht sicher, ob sie das Thema ansprechen sollte, das sie offenbar beide beschäftigte. „Ich habe Sie vorhin kommen sehen …“ Wieder trank sie einen Schluck und wartete darauf, dass Dantes Miene sich veränderte und er einräumte, dass es schwierig für ihn gewesen sei zu kommen. Allerdings ließ er sich auch diesmal nichts anmerken und antwortete einfach nicht. „Alex wirkte ziemlich … außer sich. Deswegen steht Ihnen der Sinn bestimmt nicht danach, den Abend in einem Restaurant zu verbringen.“

„Alex verhält sich oft so“, erwiderte Dante sachlich, was Matilda nicht im Mindesten beruhigte. „Und da es schon nach acht ist und ich den ganzen Tag lang nicht dazu gekommen bin, muss ich jetzt unbedingt etwas essen.“ Mit einem Fingerschnippen bedeutete er dem Ober zu kommen und sagte dann unwirsch zu ihm: „Für mich das Übliche.“

„Natürlich, Sir. Und was darf ich Ihnen bringen, Madam?“

Matilda zögerte. Sie war hin- und hergerissen, ob sie gehen oder lieber bleiben sollte.

„Madam?“ Dante lächelte angespannt.

„Ich nehme den Lachs. Danke“, fügte sie demonstrativ hinzu, als der Ober die Speisekarten entgegennahm. Dann fiel ihr ein, dass es sich um ein Geschäftsessen handelte. „Tut mir leid, dass ich eben so unhöflich war“, wandte sie sich an Dante, nachdem der Ober gegangen war. „Nach meinem Gespräch mit Hugh hatte ich nur den Eindruck, dass dieses Treffen das Letzte war, wonach Ihnen der Sinn steht.“

„Komisch.“ Er trank einen Schluck. „Den Eindruck hatte ich bei Ihnen auch …“ Als sie ihn verwirrt ansah, lächelte er.

„Warum?“, hakte sie nach.

„Hugh hat mich angewiesen, Sie nicht zu verärgern.“ Nun lächelte er so charmant, dass sie auch nicht mehr ernst bleiben konnte. Allerdings war es mehr die Vorstellung, dass dieser Mann von irgendjemandem Befehle entgegennahm, die sie amüsierte. „Er meinte, Sie wären über Monate ausgebucht und hätten sich bereit erklärt, für diesen Auftrag auf Ihren Jahresurlaub zu verzichten.“

„Das stimmt“, räumte Matilda ein. „Aber …“

„Er hat mir auch erzählt, dass Sie sich dazu verpflichtet fühlen, weil er sich damals für Ihr Angebot ausgesprochen hat, und ihm einen Gefallen tun wollen …“

„Ja, ich habe mich bereit erklärt, Ihren Garten während meines Urlaubs umzugestalten“, erklärte sie, diesmal nachdrücklicher. „Und ja, ich fühle mich Hugh gegenüber in gewisser Weise verpflichtet, weil er so viel Vertrauen in meinen Vorschlag hatte. Aber ich versichere Ihnen, dass ich den Auftrag sehr gern angenommen habe.“

„Wirklich?“, fragte Dante ungläubig.

„Allerdings.“ Sie nickte bekräftigend. „Zufällig mag ich meine Arbeit, Dante. Ich wollte nur sicher sein, dass es Ihnen recht ist, wenn ich bei Ihnen wohne.“

„Das ist es.“ Er nickte kurz.

„Weil Hugh krank ist?“

„Spielt es denn eine Rolle?“

Matilda dachte einen Moment nach, bevor sie antwortete. „Für mich schon“, erwiderte sie dann. „Vielleicht ist es ja übertriebener Stolz oder sogar neurotisch, aber wenn ich mich mit Leib und Seele in ein Projekt stürze, wünsche ich mir, dass man meine Bemühungen auch zu schätzen weiß. Falls Sie und Ihre Frau sich nur dazu bereit erklärt haben, um Hugh einen Gefallen zu tun, machen Sie es aus dem falschen Grund. Wenn es etwas bringen soll, muss ich von Ihnen beiden wissen, was Ihre Tochter mag und was nicht. Ich möchte den Garten so gestalten, dass die ganze Familie Spaß daran hat.“

„Das ist fair.“ Angespannt zuckte Dante die Schultern. „Ehrlich gesagt, glaube ich zwar nicht, dass ein Garten, so schön er auch sein mag, meiner Tochter helfen kann, aber ich möchte es wenigstens versuchen. Schließlich habe ich schon alles andere ausprobiert …“

„Ich habe Hugh klargemacht, dass die Probleme Ihrer Tochter damit nicht auf wundersame Weise gelöst werden. Ein eigenes Reich könnte ihr etwas Trost spenden und Seelenfrieden schenken …“

„Wenn es so wäre …“, sagte er langsam, und Matilda erschauerte, als sie den Schmerz hörte, der aus seinen sorgfältig gewählten Worten sprach, „… dann wäre es das allemal wert.“

„Was halten Sie davon, wenn ich die Pläne mitnehme und sie mir einmal ansehe?“, erkundigte sie sich sanft. „Dann könnte ich vielleicht am Sonntag mit Ihrer Frau über Alex sprechen …“

„Meine Frau ist tot.“

Dante sagte das so beherrscht und wirkte dabei so emotionslos, als hätte er gerade einen Schalter umgelegt. Von dem Schmerz, den sie eben noch wahrgenommen hatte, war nichts mehr zu spüren.

„Ich hatte keine Ahnung“, flüsterte sie. „Das tut mir sehr leid.“

Er reagierte jedoch überhaupt nicht auf ihre Worte und ließ sie einfach schmoren, bis der Ober das Essen servierte. Schweigend würzte er seine Gnocchi mit Salz und Pfeffer, bis sie es nicht mehr aushielt. Sie entschuldigte sich und flüchtete in die Damentoilette, wo sie sich über das Waschbecken beugte und das Gespräch mit geschlossenen Augen noch einmal Revue passieren ließ.

„Verdammt!“, fluchte sie dann und öffnete die Augen, nur um sie gleich wieder zu schließen, als eine andere Frau kam, um sich die Hände zu waschen. Schnell nahm sie ihren Lippenstift aus der Tasche und zog sich die Lippen nach. Sobald sie allein war, betrachtete sie ihr erhitztes Gesicht in dem großen Spiegel mit Goldrahmen und atmete tief durch.

Ich werde mich noch einmal entschuldigen, nahm sie sich vor. Sie würde gleich zum Tisch zurückkehren und Dante sagen, es täte ihr wirklich leid. Nein, sie würde es dabei belassen. Schließlich hatte sie nichts Falsches getan. Natürlich hatte sie angenommen, dass er verheiratet war. Er hatte ein Kind und trug einen Ehering. Es gab nichts, wofür sie ihn um Verzeihung bitten musste.

Und warum war sie dann geflohen? Warum wäre sie am liebsten in der Damentoilette geblieben?

„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich, als sie sich wieder auf ihren Platz setzte.

„Ja“, schwindelte sie. Dann seufzte sie. „Diese Dinge liegen mir einfach nicht.“

„Welche Dinge?“

„Geschäftsessen.“ Matilda lächelte angespannt. „Obwohl ich schon einige hinter mir habe.“

„Ich dachte, Ihre Firma existiert noch nicht lange.“

„So ist es.“ Sie trank einen Schluck Wein, bevor sie hinzufügte: „Aber mein ehemaliger Verlobter war Makler …“

„Autsch!“, bemerkte Dante, woraufhin ihre Mundwinkel zuckten.

„Er ist, was seinen Beruf betrifft, sehr gut“, verteidigte sie Edward. „Und er weiß genau, wie ein Haus sich gut verkauft. Ihm habe ich meine ersten Aufträge zu verdanken. Wenn er das Anwesen eines Verstorbenen im Angebot hatte, war dies oft vernachlässigt, besonders der Garten. Das war dann mein Part …“

„Und er konnte gleich ein paar Nullen an den ursprünglichen Preis dranhängen!“, sagte Dante trocken.

Niedergeschlagen nickte Matilda. „Am Anfang war es aber nicht so.“

Er lächelte angespannt. „Das ist es nie.“

„Und was machen Sie?“ Sie aß eine Gabel voll Reis, während er ein Stück Brot nahm und es in ein Schälchen mit Essig und Öl tunkte. Wie immer wenn sie ausging, wünschte sie, sie hätte dasselbe bestellt wie ihr Gesprächspartner.

„Ich bin Strafverteidiger“, erwiderte er, woraufhin sie mitten in der Bewegung erstarrte. „Autsch!“, fügte er hinzu, als sie nichts erwiderte.

„Jetzt, da Sie es erwähnen, glaube ich, dass ich schon einmal von Ihnen gehört habe. …“ Erneut trank sie einen Schluck, als sie sich an die Berichte erinnerte, die sie vor einigen Monaten gelesen hatte. „Dante Costello. Sie haben diesen Typen verteidigt, der …“

„Wahrscheinlich.“ Er zuckte die Schultern.

„Aber …“

„Ich verteidige die Chancenlosen.“ Ihr offensichtliches Unbehagen schien ihn nicht im Mindesten zu stören. „Und normalerweise gewinne ich.“

„Und ich schätze, Ihre Spende an das Krankenhaus war ein Versuch, Ihr Image aufzupolieren.“

„Richtig.“ Dante nickte. Diesmal fand sie seine Überheblichkeit allerdings nicht ärgerlich, sondern richtig erfrischend, weil er so ehrlich war. „Ich versuche, etwas zurückzugeben, manchmal voller guter Vorsätze.“ Erneut zuckte er die Schultern. „Manchmal weil …“

„Weil?“, hakte Matilda nach, und nun lachte er sogar.

„Genau wie Sie es sagen, Matilda. Ich versuche, mein Image aufzupolieren.“

Es gefiel ihr, wie er ihren Namen sagte. Der tiefe Klang seiner Stimme und sein italienischer Akzent hatten etwas Exotisches. Vor allem aber war es das erste Mal, dass Dante gelacht hatte, und die Wirkung war einfach verblüffend. Seine Züge erschienen plötzlich viel weicher und ließen den Menschen hinter der coolen Fassade erahnen.

Die Atmosphäre war nun viel entspannter, und sie aßen in einvernehmlichem Schweigen weiter. Schließlich kam Matilda wieder auf den Grund für ihr Treffen zu sprechen.

„Es wäre nicht schlecht, wenn Sie mir ein bisschen über Alex erzählen könnten – was sie mag und was nicht.“

„Sie liebt Wasser“, antwortete Dante, ohne zu zögern. „Und …“ Er verstummte und schüttelte den Kopf. „Es ist nichts, was man in einem Garten verwenden könnte.“

„Sagen Sie es mir“, ermunterte sie ihn.

„Mehl. Sie spielt gern mit Teig oder Mehl …“

„Weil es so beruhigend ist“, erklärte sie und stellte fest, dass er überrascht blinzelte. „Das habe ich bei meinen Recherchen für das Krankenhausprojekt herausgefunden. Viele autistische Kinder …“ Erschrocken über ihre mangelnde Sensibilität, verstummte sie, denn sie erinnerte sich, dass es nur eine Vermutung war und die Familie es nicht hören wollte. „Ich bin so …“

„Bitte entschuldigen Sie sich nicht wieder“, fiel Dante ihr mit einem trockenen Unterton ins Wort. „Es wird allmählich langweilig. Vielmehr“, fuhr er fort, während sie noch nach einer passenden Antwort suchte, „sollte ich Sie um Verzeihung bitten. Ich habe Sie vorhin in Verlegenheit gebracht, als ich Ihnen von meiner Frau erzählt habe. Ich kann ziemlich direkt sein.“ Angespannt lächelte er, und sie lächelte ebenfalls, schwieg aber, damit er weitersprach.

Zum ersten Mal, seit sie ihm begegnet war, trog ihr Instinkt sie nicht. Sie beobachtete, wie Dante schluckte und sie forschend betrachtete. In dem Moment wusste sie, dass er sie einzuschätzen versuchte und abwog, ob er fortfahren sollte oder nicht. Unwillkürlich verstärkte sie den Griff um ihr Besteck. Sie hatte Angst, sich zu bewegen oder sonst etwas zu tun, das den Bann brechen könnte.

Schließlich nickte Dante unmerklich und redete weiter.

„Noch vor fünfzehn Monaten hatte ich eine ganz normale, gesunde Tochter. Sie lernte gerade laufen, sie lächelte, winkte, warf uns Kusshände zu und fing sogar an zu sprechen. Dann wurden sie und meine Frau in einen Autounfall verwickelt. Alex saß in ihrem Kindersitz. Es dauerte zwei Stunden, bis die Feuerwehr beide aus dem Wagen befreit hatte …“

Matilda erschauerte, als er erzählte, und in dem Augenblick konnte sie ihn verstehen, konnte verstehen, warum er seine Gefühle verbarg und sprach, wie er es sicher auch vor Gericht tat. Ohne sich anmerken zu lassen, welchen Schmerz und welches Entsetzen er empfand, nannte er nur die schrecklichen Fakten, und das in dem sachlichen Tonfall eines Nachrichtensprechers.

„Jasmine war bewusstlos und wurde für tot erklärt, als man sie ins Krankenhaus einlieferte.“ Er trank einen Schluck, wohl eher um sich eine Atempause zu gönnen, als seinen Durst zu löschen, wie sie vermutete. Ansonsten wirkte er jedoch ungerührt, und sie konnte nur erahnen, was er durchgemacht hatte und welche Willenskraft und Selbstbeherrschung es ihn kostete, die Ereignisse so nüchtern wiederzugeben. „Zuerst sah es so aus, als wäre Alex fast unverletzt. Da sie einige Blutergüsse hatte, behielten die Ärzte sie für einige Tage zur Beobachtung im Krankenhaus, aber es schien ihr gut zu gehen …“

Dante runzelte die Stirn und blickte Matilda mit zusammengekniffenen Augen an. Dennoch war ihr klar, dass er sie gar nicht wahrnahm, sondern gerade einen schmerzlichen Moment noch einmal durchlebte. Regungslos saß sie da, und schließlich fuhr er fort: „Aber ich schätze, ich war damals nicht so aufmerksam …“ Erneut verstummte er, und nun nahm sie den Faden auf, um mehr über ihn zu erfahren und ihn besser kennenzulernen.

„Sicher hatten Sie zu dem Zeitpunkt den Kopf voll“, bemerkte sie sanft, und nach kurzem Zögern nickte er.

„Ich frage mich oft, ob mir etwas entgangen ist. Ich war so dankbar, dass Alex allem Anschein nach unversehrt war, aber ein paar Monate später – es war am zweiundzwanzigsten September – fing sie an zu schreien …“ Als er sah, wie Matilda die Stirn runzelte, lächelte er wehmütig. „Ich erinnere mich so genau an das Datum, weil es Jasmines Geburtstag war. Jeder Tag war schwer für mich, aber der ganz besonders …“ Er führte es nicht näher aus, brauchte es auch nicht. „Ich wollte gerade zum Friedhof fahren, und es schien so, als wüsste Alex es. Zu sagen, sie hätte geschrien, wäre untertrieben. Es war kein normaler Wutanfall, sie war völlig hysterisch. Es hat Stunden gedauert, sie zu beruhigen. Wir haben einen Arzt gerufen, und er meinte, sie würde meine Trauer spüren und es würde sich wieder geben. Allerdings war mir klar, dass es nicht normal war und irgendetwas nicht stimmte. Leider hatte ich recht.“

„Es ging so weiter?“

Dante nickte. „Es wurde jedes Mal schlimmer. Sie bekommt fürchterliche Wutanfälle und lässt sich nicht trösten. Aber viel schlimmer ist es danach, wenn sie sich in sich zurückzieht und überhaupt nicht mehr ansprechbar ist. Ich bin bei unzähligen Ärzten gewesen. Hugh macht sich Sorgen, und Katrina will es nicht wahrhaben …“

„Inwiefern?“

„Sie will nicht zugeben, dass es ein Problem gibt. Ich neige manchmal auch dazu, aber ich konnte nicht so tun, als wäre alles in Ordnung, und sie …“ Er verstummte und trank einen Schluck, bevor er weitererzählte. „Nach einigen Monaten bin ich mit Alex nach Italien geflogen, weil ich dachte, ein Tapetenwechsel würde ihr vielleicht helfen. Es war natürlich gut, dass ich meine Familie um mich hatte. Hugh und Katrina waren allerdings am Boden zerstört. Sie hatten ihre Tochter verloren, und nun sah es so aus, als wollte ich ihnen ihre Enkelin wegnehmen. Aber ich hatte keine andere Wahl, und eine Zeit lang ging es Alex tatsächlich besser. Dann fing plötzlich alles wieder von vorn an.“

„Und Sie sind nach Australien zurückgekehrt?“

„Erst einmal ja.“ Dante zuckte die Schultern. „Ich möchte versuchen, alles zu regeln und eine Entscheidung zu treffen. In einer Woche habe ich eine wichtige Verhandlung, arbeite also noch. Allerdings nehme ich keine neuen Fälle mehr an. Jetzt verstehen Sie sicher, warum es keinen Sinn hat, den Garten umzugestalten, wenn ich nicht einmal weiß, ob Alex hierbleibt. Ich glaube aber, Hugh und Katrina hoffen, dass ich eher bleibe, wenn sie irgendetwas tun können, um die Situation zu verbessern.“

„Und?“, hakte Matilda nach. Dabei überraschte es sie selbst, dass seine Antwort ihr so viel bedeutete. „Besteht die Chance, dass Sie es tun?“

„Meine Familie lebt in Italien“, erklärte er. „Ich habe zwei Brüder und drei Schwestern, die alle in der Nähe von Rom wohnen. Alex hätte ihre nonna, ihren nonno und viele Cousins und Cousinen, mit denen sie spielen kann. Ich hätte mehr Unterstützung aus der Familie, nicht nur Katrina und Hugh, aber …“ Mehr sagte er nicht dazu. Sie hätte gern mehr erfahren und fragte sich, was ihn in Australien hielt, doch für ihn war das Thema offensichtlich beendet. „Es geht nicht um mich“, fügte er hinzu und zuckte unmerklich die Schultern.

„Was ist mit Ihrer Arbeit?“

„Ich habe Glück.“ Ironisch lächelte er. „Es gibt immer jemanden, der in Schwierigkeiten steckt, entweder hier oder in Italien … Und dass ich beide Sprachen fließend spreche, ist ein großer Vorteil. Ich kann meinen Beruf sowohl hier als auch dort ausüben.“

„Macht es Ihnen nicht zu schaffen?“, erkundigte sich Matilda, wohl wissend, dass sie damit eine Grenze überschritt. Ihren Lachs hatte sie ganz vergessen, und dass der Ober ihr Wein einschenkte, bekam sie nur am Rande mit. „Solche Leute zu verteidigen, meine ich.“

„Für mich ist jemand so lange unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist.“

„Für mich auch.“ Starr blickte sie in sein Gesicht, das so emotionslos wirkte, und überlegte, ob es überhaupt etwas gab, das ihn bewegte. Noch nie war sie einem Menschen begegnet, der so selbstsicher und gleichzeitig so wenig darauf aus war, andere zu beeindrucken. Ihm war es offenbar egal, was die anderen von ihm dachten, und er scherte sich nicht um Etikette. „Sie können doch nicht einfach dasitzen und mir erzählen, dass dieser Typ, der einen Menschen umgebracht …“

„Der Typ“, fiel Dante ihr ins Wort, „wurde freigesprochen.“

„Ich weiß.“ Matilda nickte erst, schüttelte dann aber den Kopf. Da in den Medien so viel darüber berichtet wurde, wusste jeder, welche Fälle Dante Costello verhandelte. Er war ein Staranwalt. Und falls jener Mann, von dem sie gelesen hatte, tatsächlich unschuldig gewesen war, hatte Dante ganz sicher auch Mandanten gehabt, die schuldig waren. Was ihre Jobs anging, so trennten sie Welten voneinander. Verwirrt sah sie ihn an. „Bereuen Sie es manchmal, wenn Sie gewinnen?“

„Nein.“ Energisch schüttelte er den Kopf.

„Niemals?“ Sie beobachtete, wie er unmerklich die Lippen zusammenpresste und seine Augen noch dunkler wurden.

„Niemals“, erwiderte er.

Unwillkürlich erschauerte sie. Plötzlich sah sie ihn in seiner Robe vor sich, sah seine unergründliche, unbewegte Miene, seinen spöttisch verzogenen Mund, während er scheinbar unwiderlegbare Beweise in der Luft zerriss. Und jeder hätte es dabei belassen. Sie tat es allerdings nicht. Ihre grünen Augen funkelten herausfordernd. „Ich glaube Ihnen nicht.“

„Dann haben Sie keine Ahnung, wovon Sie reden.“

„Stimmt“, räumte sie ein. „Trotzdem nehme ich es Ihnen nicht ab.“

Nun hätten sie eigentlich beide weiteressen und Small Talk machen müssen, um das peinliche Schweigen zu brechen. Doch als Matilda ihre Gabel wieder in die Hand nahm, sagte Dante etwas, das sie erstarren ließ und bewirkte, dass sich ihr das Herz zusammenkrampfte.

„Sie sind stolz auf alles, was Sie getan haben?“

„Nicht auf alles“, gestand sie zögernd. „Aber es ist nichts von Bedeutung dabei. Was hat es überhaupt damit zu tun?“

„Sehr viel“, erklärte er. „Wir haben alle unsere dunklen Geheimnisse und würden bestimmte Dinge anders machen, wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten. Der Unterschied zwischen meinen Mandanten und einem Durchschnittsmenschen ist, dass ihr Privatleben bis ins intimste Detail der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Unbedacht geäußerte Worte oder unüberlegtes Verhalten, das schon Jahre zurückliegt, werden ihnen plötzlich zur Last gelegt. So etwas kann selbst eine unvoreingenommene Jury negativ beeinflussen.“

„Sie haben doch nichts zu befürchten, wenn sie nichts getan haben“, protestierte Matilda.

„Nicht wenn ich meine Arbeit richtig mache“, sagte Dante. „Aber nicht jeder ist so gut wie ich.“ Sie blinzelte angesichts seiner Überheblichkeit, doch er fuhr unbeirrt fort: „Ich muss an die Unschuld meiner Mandanten glauben.“

Erneut war ihr klar, dass sie es dabei bewenden lassen sollte, weil sie ihm gegenüber keine Chance hatte. Sie wollte sich allerdings nicht von ihrem Standpunkt abbringen oder von ihm einschüchtern lassen. Schließlich war sie nicht im Zeugenstand, sondern unterhielt sich lediglich mit ihm. Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, lächelte sie angespannt. „Selbst wenn sie eindeutig schuldig sind?“

„Ach, Matilda.“ Sein Lächeln war genauso aufgesetzt wie ihres. „Sie sollten nicht alles für bare Münze nehmen, was in den Zeitungen steht.“

„Das tue ich auch nicht!“, entgegnete sie hitzig. „Ich will damit nur sagen, dass es dort, wo Rauch ist, auch Feuer gibt …“ Sie zuckte zusammen, denn es klang so klischeehaft, und suchte nach einem überzeugenderen Argument.

Dante kam ihr jedoch zuvor. „Gibt es nichts in Ihrem Leben, was vor Gericht nicht herauskommen sollte?“

„Natürlich nicht!“

„Gar nichts?“

„Nein.“ Nun errötete Matilda. „Ich habe nichts Ungesetzliches getan, nicht wirklich.“

„Nicht wirklich?“ Dante zog eine Augenbraue hoch.

„Ich dachte, wir wären hier, um über Ihren Garten zu sprechen“, erinnerte sie ihn ärgerlich, aber er lächelte nur.

„Sie haben damit angefangen, indem Sie mich über meine Arbeit ausgefragt haben“, erinnerte er sie. „Es ist nicht meine Schuld, wenn Ihnen die Antwort nicht gefällt. Also, was haben Sie gemacht?“

„Nichts, das sagte ich bereits“, beharrte sie. „Tut mir leid, wenn Sie das enttäuschend oder langweilig finden.“

„Ich bin nie enttäuscht.“ Er blickte sie so durchdringend an, dass ihr unbehaglich zumute wurde. „Und ich weiß genau, dass es auch in Ihrer Vergangenheit etwas gibt, dessen Sie sich schämen. Das ist bei allen so.“

„Na gut.“ Tief atmete sie aus. „Falls Sie aber irgendeine schmutzige Geschichte hören wollen, werden Sie ausnahmsweise doch einmal enttäuscht sein. Es ist nur ein unbedeutender Vorfall aus meiner Kindheit.“

„So unbedeutend kann es nicht sein, wenn Sie jetzt immer noch rot werden“, meinte er.

„Das werde ich nicht!“, brauste sie auf, obwohl sie spürte, wie ihr die Wangen brannten. Doch nicht die Erinnerung an ihr Vergehen ließ sie erröten, sondern seine Nähe, sein Blick und die Tatsache, dass sie etwas von sich preisgab.

„Sagen Sie es mir“, forderte Dante sie trügerisch sanft auf. „Erzählen Sie.“

„Ich habe Schokolade gestohlen, als ich im Ferienlager war“, gestand Matilda. „Alle haben das getan“, fügte sie schnell hinzu.

„Und Sie dachten, Sie würden dumm dastehen, wenn Sie nicht mitmachen?“

„So ungefähr“, erwiderte sie leise und spürte, wie ihr erneut das Blut in den Kopf stieg, diesmal jedoch vor Angst und Scham, so wie sie sie damals empfunden hatte. Erneut spürte sie den Druck, unter dem sie gestanden hatte, und war überrascht, dass die Erinnerung daran noch derart starke Emotionen in ihr wecken konnte.

„Statt sich gegen die anderen zu behaupten, haben Sie also mitgemacht, obwohl Sie wussten, dass es falsch ist.“

„Ich denke schon.“

„Und das ist alles, was es in Ihrer Vergangenheit gibt?“

„Ja.“ Matilda nickte. „Tut mir leid, falls ich Sie enttäuscht habe.“

„Das haben Sie nicht.“ Dante schüttelte den Kopf „Ich finde, man kann viel über einen Menschen erfahren, wenn er von seiner Kindheit erzählt. Wir verhalten uns später nicht viel anders …“

„Unsinn!“, spottete sie. „Damals war ich zehn. Wenn so etwas jetzt passieren würde …“

„Würden Sie das Gleiche tun“, unterbrach er sie. „Ich behaupte nicht, dass Sie eher Schokolade stehlen als für sich einstehen würden, aber Sie scheuen die Konfrontation, stimmt’s?“

Schockiert über seine Menschenkenntnis, blickte sie ihn starr an.

„Sie würden alles auf sich nehmen, um einer Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen“, fuhr er fort. „Zum Beispiel würden Sie eine schlechte Beziehung aufrechterhalten, um einen Streit zu vermeiden …“ Als sie widersprechen wollte, sprach er einfach weiter. „Oder nehmen wir den heutigen Abend. Als Sie vorhin dachten, Sie hätten mich aus der Fassung gebracht, sind Sie in die Toilette geflüchtet.“

„Nicht sofort.“ Matilda verdrehte die Augen und lächelte müde, denn ihr war klar, dass sie sich geschlagen geben musste. „Gibt es denn überhaupt jemanden, der Konfrontationen mag?“

„Ich“, verkündete Dante. „Es ist das Beste an meinem Job – die Leute dazu zu bringen, sich mit den verborgenen Wahrheiten auseinanderzusetzen.“ Nun schenkte er ihr ein strahlendes Lächeln, das sie vorübergehend völlig aus der Fassung brachte. „Aber ich schätze, für Sie wäre es kein Problem, ins Kreuzverhör genommen zu werden, wenn es das größte Vergehen ist, das Ihnen einfällt.“

„Ich würde mir überhaupt keine Sorgen machen“, sagte sie zuversichtlich.

„Offenbar wissen Sie, was Sie wollen.“

„Stimmt.“ Sie erwiderte sein Lächeln, froh darüber, dass jetzt alles wieder im Lot war.

„Darf ich?“

„Wie bitte?“

„Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“ Noch immer lächelte er. „Aus reiner Neugier.“

„Eigentlich wollten wir über Ihren Garten sprechen.“

Daraufhin reichte er ihr mehrere zusammengerollte Papiere. „Das sind die Pläne. Machen Sie damit, was Sie wollen.“

„Aber warum wollen Sie mir Fragen stellen?“

„Ich überzeuge andere nun mal gern.“ Dante zuckte die Schultern. „Und ich schätze, Sie sind alles andere als überzeugt. Sie müssen nur ehrlich antworten.“

In dem Moment kam der Ober mit den Dessertkarten an den Tisch, und Matilda zögerte, bevor sie eine entgegennahm. Sie hatte die Pläne, und Dante war offenbar nicht in der Stimmung, über die Umgestaltung des Gartens zu reden. Deswegen hätte sie eigentlich ablehnen müssen. Sie hatte den Hauptgang gegessen und war geblieben, um nicht unhöflich zu sein. Es gab also keinen Grund, dieses Treffen noch auszudehnen. Aber sie wollte unbedingt bleiben. Diese Erkenntnis ließ sie leicht erschauern. Sie wollte auf sein gefährliches Spiel eingehen.

„Die Mousse aus weißer Schokolade mit Macadamianüssen und heißer Himbeersoße ist himmlisch“, informierte Dante sie.

„Klingt gut.“ Nachdem der Ober sich diskret zurückgezogen hatte, sah sie Dante in die Augen. Erneut erschauerte sie, denn von nun an bewegten sie sich auf einer anderen Ebene. Und nicht zum ersten Mal an diesem Tag fragte sich Matilda, was an Dante Costello sie so faszinierte.

3. KAPITEL

„Antworten Sie mir ehrlich?“

Dante war jetzt ernst und sprach leise, und obwohl das Restaurant voll und der Geräuschpegel entsprechend war, schien es Matilda, als wären sie ganz allein.

Forschend betrachtete er sie, sodass sie sich beinah vorstellen konnte, wie er im Gerichtssaal auf sie zukam und sich die beste Angriffsmethode zurechtlegte. Angst überkam sie, und sie lächelte nervös, als er weitersprach.

„Schwören Sie, dass Sie mir ehrlich antworten.“

„Das hier ist kein Prozess.“ Sie lachte angespannt, doch er blieb ungerührt.

„Wenn wir schon spielen, dann nach den Regeln.“

„Einverstanden.“ Matilda nickte. „Aber ich finde, Sie …“

„Wir haben alle Geheimnisse“, unterbrach er sie sanft. „Jeder hat eine dunkle Seite, und wenn die Medien sie ausschlachten würden, wären wir schuldig. Nehmen Sie Ihren ehemaligen Verlobten …“

„Edward hat nichts damit zu tun.“

Dante lächelte boshaft, als sie krampfhaft den Stiel ihres Weinglases umklammerte. „Noch ein Geschäftsessen mehr, noch ein Kunde, den Sie beeindrucken, noch ein Garten, den Sie umgestalten, und dann erregen Sie vielleicht seine Aufmerksamkeit. Eines Tages …“

„Das muss ich nicht haben“, brachte Matilda hervor. „Ich habe keine Ahnung, worauf Sie hinauswollen, aber können Sie bitte Edward aus dem Spiel lassen?“

„Ist es noch zu frisch?“ Er lehnte sich zurück und betrachtete sie ungerührt.

„Nein.“ Sie lehnte sich ebenfalls zurück, bemühte sich um eine lockere Haltung und rang sich ein Lächeln ab. „Absolut nicht. Wir haben vor ein paar Monaten Schluss gemacht. Ich bin darüber hinweg.“

„Wer hat die Beziehung beendet?“

„Ich“, erwiderte sie, nun wieder selbstsicherer. Es stimmte tatsächlich, und nun würde Dante sein Bild von ihr revidieren müssen. Sie war nicht die Frau mit dem gebrochenen Herzen, die Konfrontationen um jeden Preis mied.

„Warum?“, hakte er nach, doch sie schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht bereit, darauf zu antworten“, konterte sie kühl. „Ich hatte meine Gründe. Und falls Sie sich fragen, nein, es gab niemand anders.“ Damit war das Thema für sie beendet. Ihre Nervosität legte sich ein wenig, und sie atmete ruhiger, während sie auf seine nächste Frage wartete.

„Haben Sie je gewünscht, er wäre tot?“

„Was?“ Entsetzt sah Matilda ihn an. Wie konnte er ihr so etwas nur unterstellen? „Natürlich nicht.“

„Wollen Sie allen Ernstes behaupten, Sie hätten nie gesagt, dass Sie wünschten, er wäre tot?“

„Entweder sind Sie völlig übergeschnappt …“ Ungläubig lachte sie auf. „… oder Sie haben zu viel Umgang mit Verrückten. Natürlich habe ich so etwas nie gesagt …“ Sie zögerte kurz, denn plötzlich fiel ihr eine Unterhaltung ein, die sie längst vergessen hatte, und Dante ließ sich die Chance nicht entgehen.

„Als Nächstes rufe ich Ihre Freundin in den Zeugenstand. Und ich versichere Ihnen, dass sie eine ganz andere Version von jener Nacht liefert als Sie …“

„Von welcher Nacht?“, fragte sie spöttisch.

„Eben jener“, erwiderte er, und sie spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte, als er weitersprach. „Ihre Freundin erinnert sich ganz genau an ein Gespräch, in dem Sie gesagt haben, Sie wünschten, Edward wäre tot.“ Seine Worte klangen so wohlüberlegt und trafen so ins Schwarze, dass sie ihm für einen Moment fast glaubte. Beinah rechnete sie damit, dass sie Judy am Nachbartisch sitzen sehen würde, wenn sie jetzt über die Schulter blickte, als wäre sie gerade in eine makabre Realityshow gestolpert, in der all ihre Geheimnisse und Fehler an die Öffentlichkeit gebracht werden sollten.

Reiß dich zusammen, sagte Matilda sich dann. Dante wusste überhaupt nichts von ihr. Er war nur ein gewiefter Strafverteidiger, der darin geübt war, andere dort zu treffen, wo sie am verwundbarsten waren. Und sie würde ihm nicht die Genugtuung verschaffen, sie in die Knie zu zwingen.

„Ich habe immer noch keine Ahnung, wovon Sie reden!“

„Dann lassen Sie mich Ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Ich spreche von der Nacht, in der Sie gesagt haben, Sie wünschten, Edward wäre tot.“ Es klang nicht wie eine Vermutung. Dante wirkte so unerschütterlich, dass es schien, als wäre er damals dabei gewesen und hätte ihre bitteren Tränen gesehen und gehört, wie sie ihr Herz ausschüttete. „Das haben Sie doch, stimmt’s, Matilda?“

Es zu leugnen wäre eine Lüge gewesen. Plötzlich fühlte Matilda sich dorthin zurückversetzt, wo vor zwei Monaten alles aufgehört hatte, und Edwards Worte verletzten sie so, als würde sie diese zum ersten Mal hören.

Wenn du nicht so verdammt frigide wärst, hätte ich es gar nicht nötig, andere Frauen anzusehen.

Er hatte sie provoziert und mit seinen Behauptungen, sie wäre eine Niete im Bett, zutiefst beschämt. Dabei war er so ausfallend geworden, dass sie jedes Wort geglaubt hatte, als sie nach der Flucht aus seinem Haus bei Judy eintraf. Sie war davon überzeugt gewesen, dass ihre Beziehung an ihrer Unzulänglichkeit gescheitert war und Edward nicht ständig mit anderen Frauen hätte flirten müssen, wenn sie hübscher, witziger und sexy gewesen wäre.

„Sie haben es gesagt, nicht?“

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