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ROMANA EXKLUSIV BAND 246

LUCY GORDON

Süßer Sommer der Versuchung

Wie strahlender Sonnenschein erhellt die reizende Holly das Leben von Matteo Falluci – und das seiner süßen Tochter! Seit dem tragischen Tod seiner Frau hat die Kleine alle Hoffnung verloren. Jetzt kann sie endlich wieder lächeln. Nur was passiert, wenn Holly seine Traumvilla verlassen will? Niemals darf sie erfahren, was vor dem Unfall seiner Frau geschah …

KATE WALKER

Mein griechischer Milliardär

Hals über Kopf kehrt Rebecca zu Andreas zurück – mit pochendem Herzen! Denn vor gerade einmal einem Jahr verbannte der griechische Milliardär sie kurz nach ihrer Hochzeit von seiner traumhaften Privatinsel. Nun aber ist er verunglückt und hat sein Gedächtnis verloren. Rebecca will bei ihm sein! Doch wie wird Andreas reagieren, wenn er sie erkennt?

CAROLE MORTIMER

Traumreise nach Paris

Einen kleinen Denkzettel wollte sie ihm verpassen – und schon steht Mattie tief in der Schuld des unverbesserlichen Playboys Jack Beauchamp! Denn plötzlich ist der anziehende Unternehmer Single und braucht dringend eine Begleitung für seine Reise nach Paris. Also muss Mattie mit – und irgendwie versuchen, diesem umwerfenden Traummann zu widerstehen …

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Süßer Sommer der Versuchung

1. KAPITEL

Ich kann nicht mehr … aber ich muss durchhalten … bitte, bitte, lass sie mich nicht erwischen …

Das sanfte Vibrieren des Hochgeschwindigkeitszuges schien den Rhythmus ihrer Gedanken zu bestimmen. Sie waren fünf Minuten zu spät dran, trotzdem sollte sie Rom eigentlich noch rechtzeitig erreichen, um ihr Flugzeug nach London zu be­kommen.

Nur noch hundert Kilometer bis Rom … das ist doch nicht die Welt … wenn mich die Polizei bloß nicht in den Zug hat steigen sehen …

Hatte sie jemand beobachtet? Sie war gerannt, immer mit gesenktem Kopf … hatte versucht, in der Menge unterzutauchen. Niemand sprach sie an, aber es war zu früh, sich bereits in Sicherheit zu wiegen.

Vielleicht würde sie sich nie wieder sicher fühlen. Der Mann, den sie liebte, hatte sie schmählich betrogen. Er warf sie den Wölfen zum Fraß vor, um seine eigene Haut zu retten. Selbst wenn es ihr gelang, den Verfolgern zu entkommen, ihre Welt war für immer verändert – wie sie selbst.

Sie spürte einen bitteren Geschmack im Mund.

Während sich jemand in dem engen Gang an ihr vorbei­zwängte, wandte sie sich rasch ab und blickte wie hypnotisiert aus dem Fenster, um ihr Gesicht nicht zu zeigen. Draußen huschte die liebliche, in strahlendes Sonnenlicht getauchte italienische Landschaft an ihr vorüber. Doch sie konnte diese Schönheit nicht honorieren … war gefangen in ihrer Angst.

Als sie sich das nächste Mal umschaute, sah sie am Ende des Ganges zwei Männer in Uniform.

Polizei! Sie musste fliehen.

Langsam bewegen, ermahnte sie sich. Keine Aufmerksamkeit erregen. Versuche, ganz natürlich und entspannt zu wirken!

Voller Panik fragte sie sich, was für eine Beschreibung die Polizisten von ihr haben mochten: Sarah Conroy – wird aber nur Holly genannt – junge Frau Ende zwanzig. Groß, vielleicht ein wenig zu dünn, hellbraunes, kurz geschnittenes Haar, blaue ­Augen und ein Gesicht ohne besondere Merkmale.

Nichtssagend, ja, das Wort genügte eigentlich, und zum ersten Mal freute sich Holly darüber. Vielleicht rettete sie jetzt genau das.

Sie kam am Ende ihres Waggons an. Nur ein kleiner Schritt, und sie befand sich im nächsten – in der ersten Klasse, die aus einzelnen, hermetisch abgeschlossenen Abteilen bestand. Gerade dachte Holly, es sei viel zu gefährlich, irgendwo hereinzuplatzen, ohne zu wissen, was sie hinter den Jalousien erwartete. Da schnellte eine vor ihr hoch, und sie sah erschrocken in die weit geöffneten Augen eines kleinen Mädchens.

Das Kind schien etwa acht Jahre alt und in äußerst schlechter Stimmung zu sein. Das war alles, was Holly registrierte. Schon schob sie in einer plötzlichen Regung die Tür auf, schlüpfte in die Kabine, schloss die Tür hinter sich und ließ die Jalousie wieder herunter.

In einer Ecke des Abteils schaute eine junge Frau verblüfft von ihrem Buch auf und öffnete den Mund, doch Holly kam ihr zuvor.

„Bitte, machen Sie keinen Lärm. Ich bin auf Ihre Hilfe angewiesen.“ Zu spät fiel ihr ein, dass sie Englisch sprach. Die beiden verstanden sicher kein Wort. Bevor sie ihr spärliches Italienisch sortieren konnte, antwortete ihr die Kleine in gebrochenem Englisch.

„Guten Tag, signorina“, sagte sie förmlich. „Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen.“

Ihre schlechte Laune schien wie von Zauberhand weggewischt zu sein. Das Mädchen lächelte breit und streckte wie selbstverständlich die schmale Hand aus. Automatisch nahm Holly sie in ihre. „Sehr … angenehm“, murmelte sie dabei. „Wie geht es dir?“

„Danke, gut“, gab das Kind nach kurzer Überlegung zurück. „Mein Name ist Liza Fallucci. Und wie heißen Sie?“

„Holly.“

„Sind Sie Engländerin?“

„Ja.“ Holly versuchte immer noch zu begreifen, was hier gerade geschah.

„Das freut mich.“ Liza strahlte, als hätte sie gerade ein besonderes Geschenk bekommen.

Der Zug verlangsamte so plötzlich sein Tempo, dass Liza fast gestürzt wäre. Die junge Frau streckte rasch eine Hand aus, um das Kind zu stützen.

„Sei vorsichtig, piccola. Du bist noch sehr unsicher auf den Beinen.“

Erst jetzt, als Liza zu ihrem Sitz humpelte, fiel Holly die Stützschiene an einem der dünnen Beine des Mädchens auf.

„Es ist alles in Ordnung, Berta.“

Die Frau lächelte nachsichtig. „Das sagst du immer, trotzdem versuchst du zu viel auf einmal. Ich bin doch dazu da, dir zu helfen.“

„Ich brauche aber keine Hilfe“, beharrte Liza störrisch. Sie versuchte, sich allein auf den Sitz hochzuziehen, rutschte weg und wurde nur durch Hollys geistesgegenwärtig ausgestreckte Hand vor einem Sturz bewahrt. Anstatt sie zurückzuweisen, griff Liza zu. Sie erlaubte Holly sogar, ihr zu helfen, sich bequem hinzusetzen.

Berta schnitt eine kleine Grimasse, schien das Verhalten des Mädchens aber nicht übel zu nehmen. Sie war etwa Mitte zwanzig. In ihrem gutmütigen, runden Gesicht funkelten fröhlich zwinkernde Augen.

„Tut mir leid“, murmelte Holly.

„Ist schon in Ordnung“, versicherte Berta in stark akzentuiertem Englisch. „Die kleine piccola ist oft böse mit mir, aber sie hasst es … eine Behinderung zu haben. Ich bin ihre Krankenschwester.“

„Ich brauche keine Krankenschwester“, behauptete Liza und schob ihr kleines, festes Kinn kampflustig vor. „Mir geht es wieder gut.“

Trotz ihrer Anspannung konnte Holly ein amüsiertes Lächeln nur schwer unterdrücken. Die Kleine besaß offenbar einen ziemlichen Dickkopf. Im Moment war sie jedoch so etwas wie ihr rettender Engel.

Berta schnalzte mit der Zunge. „Ascolta, io …“

„Sprich Englisch, Berta“, forderte Liza. „Diese Lady ist Engländerin und kann dich sonst nicht verstehen.“

„Oh, ich kann etwas Italienisch und …“

Auch sie durfte ihren Satz nicht zu Ende sprechen. „Nein, nein, Engländer verstehen keine fremden Sprachen“, erklärte das Mädchen altklug. „Wir reden auf Englisch weiter.“

„Wer hat dir das erzählt?“, wollte Holly wissen.

„Meine mamma. Sie war auch Engländerin, aber sie konnte Italienisch, weil sie so lange in Italien gelebt hat. Sie und papà konnten beide Sprachen.“

„Ah, dann sprichst du deshalb so gut Englisch.“ Dafür erntete Holly ein breites Lächeln.

Mamma und ich haben uns oft auf Englisch unterhalten.“

„Haben …?“

„Die signora ist tot“, klärte Berta sie leise auf. Liza sagte nichts. Trotzdem spürte Holly, wie die kleine Hand in ihrer zuckte, und drückte sie sanft.

„Sie hat mir versprochen, mich mit nach England zu nehmen“, murmelte Liza schließlich. „Ich meine … irgendwann.“

„Ich glaube, es würde dir gefallen“, sagte Holly ruhig.

„Erzählen Sie mir von England. Wie sieht es dort aus? Ist es sehr groß?“

„Ungefähr so wie Italien.“

„Kennst du Portsmouth?“, wollte Liza wissen und wechselte unbewusst in die vertraute Anrede hinüber.

„Ein wenig. Es liegt an der Südküste, und ich komme aus Mittelengland.“

„Aber du kennst es?“

„Ich war einige Male dort.“

„Hast du die Schiffe gesehen?“

„Ja, und ich bin sogar gesegelt.“

Mamma liebte Portsmouth. Und sie segelte sehr gern. Sie hat gesagt, es sei das schönste Gefühl der Welt.“ Ihre Stimme klang jetzt ganz sehnsüchtig.

„Das ist es auch“, bestätigte Holly weich. „Zu fühlen, wie der Wind über dein Gesicht streicht, die schwankenden Deckplanken unter den Füßen zu spüren …“

„Erzähl es mir“, bat Liza aufgeregt. „Alles!“

Es fiel Holly schwer zu plaudern, während sie innerlich fieberhaft überlegte, was vor und hinter ihr im Zug geschah. Doch sie riss sich zusammen. Es war ihre einzige Chance zu entkommen … und mehr als das. Die leuchtenden Augen des Kindes hatten eine seltsame Wirkung auf sie. Holly war entschlossen, Liza so viel Freude wie nur möglich zu machen, wenn sie auch nur wenig Zeit hatte.

Die Kleine war glücklich, jemanden gefunden zu haben, der sie an ihre tote Mutter erinnerte. Diesen kostbaren Moment wollte Holly um nichts in der Welt zerstören. Ab und zu unterbrach Liza sie und fragte nach einem unbekannten Wort. Ansonsten bewies das Mädchen ein helles Köpfchen und lernte schnell. Man musste ihr nichts zweimal sagen.

Plötzlich wurde Berta unruhig und sah immer wieder zur Tür.

Sofort war Hollys Panik wieder wach. „Was ist?“

„Ach, ich frage mich nur, wo der Richter so lange bleibt.“

Holly spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. „Der Richter?“

„Lizas Vater ist Richter Matteo Fallucci. Er wollte nur kurz bei einem Freund in einem anderen Abteil reinschauen. Ich dachte, er …“ Sie brach ab und machte ein verlegenes Gesicht. „Dass er bald zurück wäre, weil ich … gabinetto!“, flüsterte Berta mit einem Mal dringlich.

„Ja, nur …“

„Sie bleiben bei der Kleinen, bis ich zurück bin? Grazie, signorina!“ Damit war sie auch schon verschwunden.

„Du bleibst doch, Holly?“, vergewisserte sich Liza.

„Ja, gut … für einen Moment.“

„Nein, für immer!“

Holly lächelte gerührt. „Ich wollte, ich könnte es, aber ich muss gehen. Wenn Berta zurückkommt …“

„Ich hoffe, sie kommt nie wieder!“, brach es aus der Kleinen hervor.

„Warum? Ist sie denn nicht nett zu dir?“

„Doch, sie versucht es …“ Liza zuckte achtlos die Schultern. „Ich kann nicht mit ihr reden. Sie versteht mich einfach nicht. Sie denkt, wenn ich brav aufesse und meine Übungen mache, dann … dann reicht das. Sobald ich versuche, über … mit ihr zu reden, dann starrt sie mich nur an.“

Den gleichen Eindruck hatte Berta auch auf Holly gemacht – bemüht, aber hilflos. Sie schien nicht einmal darüber nachgedacht zu haben, ob es zu verantworten ist, das Kind der Obhut einer völlig Fremden zu überlassen. Aber sicher beeilte Berta sich und war gleich wieder da …

Nervös erhob sich Holly von ihrem Sitz, um kurz auf den Gang hinauszuschauen. An der Tür stieß sie plötzlich fast mit einem hochgewachsenen Mann zusammen, der zur gleichen Zeit das Abteil betrat.

„Wer sind Sie?“, fragte er in scharfem Ton auf Italienisch. „Was machen Sie hier?“

„Signore …“ Ganz plötzlich fiel ihr das Atmen schwer.

„Wer sind Sie?“, wurde sie erneut angeherrscht.

Liza kam ihr zu Hilfe. Sie rutschte von ihrem Sitz und hinkte auf den dunklen Hünen zu. „No, papà, du musst Englisch sprechen, sonst versteht dich die signorina nicht. Sie kommt aus Portsmouth … wie mamma. Und sie ist meine Freundin.“

Auf seinem Gesicht erkannte Holly einen abrupten Stimmungswechsel. Wie bei Liza, schoss es ihr durch den Kopf. Nur dass die gestrahlt hatte. Ihr Vater schaute noch düsterer drein als zuvor. Und das nur, weil seine Tochter mit einer Engländerin sprach?

Trotzig zog Liza sie auf ihren Platz zurück. Dabei hielt sie Hollys Hand fest umklammert, wie um zu demonstrieren, dass die neue Freundin unter ihrem persönlichen Schutz stehe. Obwohl sie noch sehr jung war, verfügte Liza offenbar über einen ausgeprägten Eigenwillen. Ein Erbe ihres Vaters, vermutete Holly.

Der bedachte sie mit einem kalten Blick. „Sie tauchen einfach so in meinem Privatabteil auf, und ich soll das gleichmütig hinnehmen?“, fragte er sarkastisch.

„Ich … ich bin nur eine englische Touristin“, erklärte Holly und wählte die Worte mit Sorgfalt.

„Und ich glaube, ich beginne zu verstehen. Weiter vorn im Zug findet gerade ein ziemliches Spektakel statt. Ich denke, Sie wissen, wovon ich rede …“

„Ja.“

„Kein Zweifel, dass es mit Ihrem … überraschenden Auftauchen hier zu tun hat. Nein, antworten Sie mir nicht. Ich kann mir selbst ein Bild machen.“

„Dann lassen Sie mich gehen.“

„Wohin?“

Sein Ton war ebenso kühl und unpersönlich wie sein Blick. Groß, schlank, außerordentlich selbstbewusst. Mit den dunklen Augen und einer herrischen Nase wirkte er tatsächlich wie ein erbarmungsloser Richter. Holly suchte auf seiner undurchdringlichen Miene nach einer Spur von Milde oder Mitgefühl. Vergeblich.

Sie unterdrückte ein Seufzen und wollte sich erheben.

„Bleiben Sie sitzen. Wenn Sie das Abteil verlassen, laufen Sie direkt den Polizisten in die Arme, die eine Personenkontrolle durchführen und sich jeden Pass anschauen.“

Kraftlos sank Holly zurück auf das Polster. Das war das Ende.

Sind Sie eine verdächtige Person? Ist Berta deshalb verschwunden?“

Liza kicherte. „Nein, Berta musste nur mal …“

„Sie bat mich, auf Liza zu achten, solange sie weg sei“, ergänzte Holly. „Aber jetzt, da Sie zurück sind …“

„Bleiben Sie, wo Sie sind!“

Holly hatte sich gerade wieder halb erhoben. Doch bei seinem scharfen Tonfall ließ sie sich abermals erschrocken zurückfallen.

„Bist du wirklich auf der Flucht vor der Polizei?“, wollte Liza wissen. „Wie aufregend!“

Gepeinigt schloss ihr Vater die Augen. „Darf ich dich daran erinnern, dass ich ein ehrenwerter Richter bin?“

„Oh, das macht doch nichts“, erklärte die Kleine großzügig. „Holly braucht unsere Hilfe.“

„Liza …“

Sofort quälte sich das Kind erneut von seinem Sitz herunter und baute sich vor seinem Vater auf. Um sich abzustützen, ergriff Liza seine ausgestreckte Hand. Eindringlich sah das Mädchen den großen Mann an. „Sie ist meine Freundin, papà.“

„Deine Freundin? Und wie lange kennt ihr euch denn schon?“

„Zehn Minuten.“

„Nun, dann …“

„Wen interessiert’s“, kam es altklug zurück. „Es kommt nicht darauf an, wie lange man jemand kennt. Das hast du doch selbst gesagt.“

„Ich glaube kaum, dass ich …“

„Doch, hast du!“ Die Kleine wurde immer aufgeregter. „Du hast gesagt, dass man bei einigen Menschen von der ersten Sekunde an spürt, dass sie einem sehr wichtig werden. Du und mamma …“ Ohne Vorwarnung brach Liza in Tränen aus, die den Rest ihrer leidenschaftlichen Rede erstickten.

Holly wartete darauf, dass er das Kind in die Arme schloss und tröstete, aber nichts geschah. In dem großen beherrschten Mann schien etwas Seltsames und Beängstigendes vor sich zu gehen. Sein Gesicht wurde plötzlich aschfahl, sodass die strengen, scharfen Konturen stark hervortraten. Es schien Holly, als hätte die Erwähnung seiner toten Frau ihm den Lebenssaft geraubt und ihn bewegungslos gemacht wie einen Grabstein.

Der Anblick bestürzte Holly so sehr, dass sie innerlich schauderte.

Lizas Tränenstrom wurde inzwischen von heftigerem Schluchzen begleitet. Nach wie vor verharrte der Mann regungslos. Unfähig, länger tatenlos zuzuschauen, sprang Holly auf, zog das Kind auf ihren Schoß und barg den dunklen Lockenkopf an ihrer Schulter.

Genau in diesem Moment glitt ohne Vorwarnung die Abteiltür auf. Holly atmete aufgeschreckt ein und blickte über Lizas Kopf hinweg starr auf die beiden Polizisten. Der Fluchtweg war versperrt, und sie befand sich in den Händen eines Richters. Hätte es noch schlimmer kommen können?

Beim Anblick von Richter Fallucci, den sie natürlich sofort erkannten, gefroren die Beamten förmlich zu Salzsäulen und salutierten automatisch. Dann folgte ein schneller Wortwechsel auf Italienisch, dem Holly nicht folgen konnte.

Signor Fallucci, vergeben Sie mir, aber da gibt es noch ein kleines Problem …“

„Was für ein Problem?“ Matteo Falluccis Stimme klang, als bereite ihm das Sprechen Mühe.

„Wir suchen nach einer Frau, von der wir annehmen, dass sie sich in diesem Zug versteckt hält. Ihr Name ist Sarah Conroy.“ Der Polizist machte ein ausgesprochen unbehagliches Gesicht. Er war gezwungen, die Stimme zu heben, um Lizas lautes Weinen zu übertönen. Jetzt wandte er sich an Holly. „Signorina, darf ich Sie höflichst nach Ihrem Namen fragen …?“

Noch bevor sie den Mund öffnen konnte, hob Liza den Kopf. Ihr kleines Gesicht war stark gerötet und tränenverschmiert. „Ihr Name ist Holly, und sie ist meine Freundin!“, schrie sie den peinlich berührten Beamten an. „Geht weg!“

„Aber ich wollte doch nur …“

„Sie gehört zu mir, zu mir …!“

„Sch …“, machte Holly.

Das inzwischen völlig hysterische Kind schlang seine dünnen Ärmchen um ihren Hals und klammerte sich so fest an sie, dass Holly kaum Luft holen konnte. Wäre sie nicht selbst derart in Panik gewesen, hätte sie vielleicht mitbekommen, dass Lizas lautstarkes Gejammer immer dann zunahm, wenn sie etwas sagen wollte und sich mit ihrem englischen Akzent verraten hätte.

Der Richter schien immer noch in einer Art Trance gefangen zu sein, aus der er sich nun sichtlich angestrengt löste. „Ich glaube, Sie gehen jetzt besser. Meine Tochter ist nicht gesund, und sie darf sich auf keinen Fall derart aufregen.“

Erst jetzt fielen dem Polizisten Lizas Beinschiene und der zusammengeklappte Rollstuhl in einer Ecke des Abteils auf.

„Verzeihen Sie, Richter Fallucci. Einen schönen Tag noch signore … signorina …“ Plötzlich konnte er nicht schnell genug fortkommen, salutierte noch einmal zackig und zog seinen sprachlosen Kollegen energisch mit sich.

Für eine Weile senkte sich eine lastende Stille über die Zurückgebliebenen. Holly begegnete tapfer dem sengenden Blick des Richters und versuchte verzweifelt, seine Gedanken zu lesen … konnte jedoch nichts anderes als Misstrauen und Ablehnung erkennen.

„Warum haben Sie das getan?“, fragte sie schließlich.

„Wäre Ihnen die Alternative lieber gewesen?“, kam es eisig zurück.

„Natürlich nicht. Nur, Sie kennen mich nicht und …“

„Das wird sich geändert haben, wenn ich mit Ihnen fertig bin.“

„Aber …“

„Am besten, Sie sagen jetzt gar nichts mehr. Wir sind bald in Rom, und später werde ich Ihnen alles Nötige mitteilen.“

„Wenn wir in Rom ankommen, verlasse ich …“

„Das glaube ich weniger.“

„Kommt Holly mit zu uns nach Hause?“, fragte Liza. Ein hoffnungsvolles Lächeln erschien auf dem verweinten Gesicht.

„Selbstverständlich.“

„Aber … mein Flugzeug …“, wandte Holly schockiert ein.

Diesmal bestand Richter Falluccis Antwort aus einem einzigen Blick. Die Geste machte Holly unmissverständlich klar, dass er ab sofort die Richtlinien festsetzte und nicht etwa sie.

Liza schob ihre kleine Hand überglücklich in Hollys und schenkte ihrem Vater ein strahlendes Lächeln. „Danke, papà.“

Erneut glitt die Abteiltür auf und Berta trat ein. Nervös suchte sie den Blick ihres Arbeitgebers.

„Sie hätten Liza nicht allein lassen dürfen“, grollte er.

Scusi, signore. Sie war nicht allein.“

Der Richter schien noch etwas sagen zu wollen, doch dann fiel sein Blick auf Liza. Völlig entspannt und in Hollys Arme gekuschelt, saß sie da. Ihr Vater schwieg.

„Du wirst unser Haus mögen“, versicherte sie ihrer neuen Freundin. „Ich werde dich überall herumführen und dir alles zeigen. Das Haus, den Garten und Sheba …“ Beim Gedanken an ihren kleinen Liebling leuchteten Lizas Augen auf. „Das ist mein kleines schwarzes Kätzchen, das papà mir geschenkt hat, als … nachdem …“

Sie verstummte und schmiegte sich noch enger in Hollys Arme. Über Lizas Kopf hinweg trafen sich Matteos und ihre Blicke. Wieder hatte Holly das seltsame Gefühl, dass es hier um mehr ging als die verständliche Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen.

Schweigend setzten sie die Reise fort, wobei sich Holly sehr bewusst war, dass sie genau beobachtet wurde. Richter Matteo Fallucci mochte Ende dreißig sein, obwohl seine gerade Haltung und harte Miene ihn älter erscheinen ließen. Auf eine eigenwillige Weise war er ausgesprochen attraktiv. Seine braunen Augen wirkten außergewöhnlich ausdrucksstark. Würde er sie nur nicht so sezierend mustern … Holly wurde zunehmend nervös.

„Was haben Sie da drin?“, fragte er überraschend und wies auf die Handtasche, die an einem langen Riemen über Hollys Schulter hing.

„Meinen Pass“, gab sie verblüfft zurück. „Und andere Papiere.“

„Darf ich mal sehen?“

Wie betäubt händigte sie ihm die Tasche aus und schaute fasziniert zu, wie er Stück für Stück herausnahm und begutachtete. Sobald er den Pass in Händen hielt, ließ er ihn in seinem Jackett verschwinden. Anschließend gab Richter Fallucci ihr die Handtasche zurück.

„Ich … ich brauche meinen Pass“, stammelte Holly.

„Nein, und fangen Sie gar nicht erst an, mit mir zu diskutieren.“

„Aber …“

„Wollen Sie nun meine Hilfe oder nicht?“

„Natürlich, aber …“

„Dann folgen Sie meinem Rat und halten Sie endlich den Mund. Versuchen Sie, so naiv und unbeholfen wie möglich zu wirken. Nehmen Sie Ihre Fantasie zu Hilfe, nur sagen Sie kein einziges Wort.“

„Aber ich habe meinen Koffer in dem Großraumabteil gelassen. Ich muss ihn holen.“

„Warum?“

„Meine Kleider …“

„Die brauchen Sie nicht. Jeder Versuch, sich Ihrem Koffer zu nähern, würde neue Gefahr bedeuten.“

Holly wusste genau, worauf er anspielte, und senkte betroffen den Kopf. Der Zug verlangsamte die Fahrt und lief in den Bahnhof von Rom ein. Sobald er zum Stehen kam, tauchte ein Mann in Chauffeursuniform vor ihrem Fenster auf und machte sich mit einem Zeichen bemerkbar. Matteo erwiderte es. Keine Minute später betrat der Mann das Abteil.

„Der Wagen steht bereit, signore“, verkündete er mit einem schnellen Blick in Hollys Richtung.

Sofort rutschte Liza von ihrem Schoß und griff nach Hollys Hand.

„Ich denke, du solltest deinen Rollstuhl benutzen“, wandte ihr Vater ein.

Liza presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Ich möchte mit dir gehen“, sagte sie und schaute zu Holly hoch.

„Ich kann dich ja in deinem Rollstuhl schieben.“

„Okay.“ Offenbar konnte Liza der reinste Engel sein – wenn sie bekam, was sie wollte.

Direkt neben dem Gleis, auf dem der Zug hielt, verlief eine Mauer mit einem großen Durchlass, genau dem Ausstieg gegenüber. Von dort waren es nur wenige Meter bis zur geparkten Limousine. Liza saß zufrieden in dem Rollstuhl. Währenddessen betete Holly, dass die Rolle der Betreuerin eine weitere Tarnung gegen die misstrauischen Polizeibeamten abgab.

Am Wagen angekommen, hob der Chauffeur das Kind in den Fond und verstaute den zusammengeklappten Rollstuhl im Kofferraum. Wenig später saß Holly zwischen Berta und Liza in die weichen Polster gelehnt. Matteo nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

Immer noch versuchte Holly, sich begreiflich zu machen, dass dies alles kein Traum war. Eine dicke Glasscheibe trennte sie von der Fahrerkabine der Luxuslimousine. Von der Realität fühlte Holly sich augenblicklich genauso abgeschottet. Sie sah, wie der Richter ein Handy aus der Tasche zog und telefonierte, konnte aber kein Wort verstehen.

Eine ganze Weile bewegten sie sich in Richtung Süden, bis die Stadt hinter ihnen lag und sie über ein Kopfsteinpflaster fuhren. Auf beiden Straßenseiten sah Holly immer wieder antike Bauwerke und Ruinen.

„Das sind alte Grabstätten, und die Straße heißt Via Appia“, erläuterte Liza ernsthaft. „Wir wohnen noch ein Stück weiter.“

Nach wenigen Kilometern bogen sie ab und gelangten durch einen steinernen Torbogen in eine mit hohen Bäumen bestandene Allee. Das dichte Blattwerk leuchtete sommerlich grün. Erst nach und nach erhaschte Holly einen Blick auf ein Haus.

Es entpuppte sich als eine beeindruckend große Villa, offensichtlich Jahrhunderte alt und aus honigfarbenen, grob behauenen Steinquadern erbaut.

Als der Wagen hielt, kam eine Frau mittleren Alters auf sie zugeeilt und riss die Tür zum Fond auf. Inzwischen öffnete der Chauffeur respektvoll die Beifahrertür.

„Guten Abend, Anna“, begrüßte der Richter seine Haushälterin gelassen. „Ist alles bereit für unseren Gast?“

„Ja, signore. Ich habe das Zimmer für die signorina persönlich hergerichtet.“

Also wurde sie bereits wartet. Das verdankte sie offensichtlich einem der Telefonate, die der Richter von unterwegs aus getätigt hatte. Diese wohlgeölte, funktionierende Maschinerie, die mir gerade den Hals rettet, kann mich auch genauso gut zermahlen, schoss es Holly durch den Kopf.

Der Richter mochte sie den anderen gegenüber als seinen Gast bezeichnen, aber er hieß sie nicht als solchen willkommen. Liza ergriff stattdessen ihre Hand, zog Holly eifrig mit sich und wollte ihr voller Stolz ihr Heim zeigen. Innen trafen sie auf weitere Bedienstete, die ihnen verstohlen neugierige Blicke zuwarfen, bevor sie hastig zur Seite schauten.

„Ich zeige der signorina ihr Zimmer“, verkündete Anna und nickte Holly freundlich zu. „Folgen Sie mir, bitte.“

Ihr Weg führte sie über eine ausladende Treppe in das erste Obergeschoss und weiter in einen langen marmornen Gang, in dem das Klackern von Hollys Absätzen ein hohles Echo erzeugte. Das ihr zugewiesene Gästezimmer hatte auch einen Marmorboden und verströmte mit rauen Steinwänden und antikem Mobiliar einen rustikalen Charme, ohne dass es an Eleganz verlor.

Durch zwei bis zum Boden reichende Fenster flutete genügend Licht herein, sodass die dunklen geschnitzten Möbel nicht zu massiv und erdrückend wirkten. Das prachtvolle Himmelbett war so groß, dass leicht drei Personen darin Platz finden konnten. Und dass es sich bei allem um wertvolle Antiquitäten handelte, erfasste Holly mit Kennerblick auf Anhieb.

„Sind wir ganz sicher im richtigen Zimmer?“, fragte sie die Haushälterin überwältigt.

Anna nickte. „Signor Fallucci hat darauf bestanden, Ihnen das beste Gästezimmer zu überlassen. Er sagt, wir sollen alle dafür sorgen, dass Sie sich hier wohlfühlen.“

„Wie nett von ihm“, murmelte Holly verlegen.

„Wenn Sie mir weiter folgen wollen, signorina …?“

Anna öffnete die Tür zum angrenzenden Bad, das ebenfalls in Naturstein gehalten war – ausgestattet mit antikem Marmorwaschtisch und handbemalten Fliesen. Von massiven Messingringen gehalten, hingen flauschige elfenbeinfarbene Handtücher an der Wand.

„Wenn die signorina zufrieden ist …“

„Ja, es ist alles wunderschön“, gab Holly tonlos zurück. Sie hatte das Gefühl, ein dicht gewebtes goldenes Netz zöge sich um sie herum zu.

„Ruhen Sie sich ein wenig aus. Später wird Ihnen etwas zu essen aufs Zimmer gebracht.“

Damit war Anna verschwunden, und Holly ließ sich überwältigt auf das überdimensionale Himmelbett plumpsen. Objektiv gesehen befand sie sich jetzt in Sicherheit – zumindest vorübergehend. Doch je angenehmer und luxuriöser sich der Aufenthalt in dieser traumhaften Umgebung gestaltete, desto nervöser und unruhiger wurde Holly.

Alles, was sie hier sah, zeugte von dem Reichtum und der Macht Matteo Falluccis. Und der atemberaubende Mann setzte beides ein, um es ihr so komfortabel zu machen, dass sie gar nicht mehr wegwollte.

Oder bildete sie sich das alles nur ein?

Tatsache war: Sie konnte gar nicht von hier weg, selbst wenn sie es gewollt hätte. Er hielt immer noch ihren Pass zurück. Und sie besaß keine Kleider mehr und hatte nur ein wenig Kleingeld in der Tasche. So war sie auf Gedeih und Verderb einem Fremden ausgeliefert, der mit seiner spontanen Rettungsaktion offenbar ganz eigene Ziele verfolgte.

Plötzlich fühlte sich Holly trotz der luxuriösen Umgebung wie eine Gefangene.

2. KAPITEL

Das Abendessen, das ihr später serviert wurde, war ein Mahl für die Götter. Nach einer Fischsuppe mit Brokkoli wurden eine Lammkeule mit Knoblauch, Rosmarin und Anchovis aufgetischt. Zum Dessert gab es Tozzetti, ein verführerisches Gebäck aus Zucker, Mandeln und Anis.

Zu jedem Gang reichte man das passende Getränk – vom kühlen köstlichen Weißwein über einen erdigen Rotwein zum süßen Vin Santo – und natürlich das obligatorische acqua minerale. Alles war einfach perfekt und ließ keine Wünsche offen.

Nach dem Essen trat Holly ans Fenster und schaute in den Garten hinunter, der von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne in goldenes Licht getaucht wurde und bis zum Horizont zu reichen schien. In einem Labyrinth von hohen Pinien und Zypressen machte sie auf einem der gewundenen Pfade eine hohe Gestalt aus, die sich zwischen üppig blühenden Blumenrabatten zielstrebig voranbewegte.

Signor Fallucci geht jeden Abend dort spazieren“, erklärte Anna. Sie war gekommen, um das Tablett abzuholen. „Er besucht das Grab seiner Frau.“

„Sie ist hier beerdigt worden?“

„Auf einem extra geweihten Stück Erde.“

„Wie lange ist er schon Witwer?“

„Acht Monate. Sie ist bei einem Zugunglück ums Leben gekommen … im letzten Dezember. Und Liza wurde dabei schwer verletzt.“

„Die arme Kleine.“

„Wenn Sie genau hinschauen, können Sie das Grabmal da hinten zwischen den Bäumen entdecken. Jeden Abend steht er lange davor. Erst wenn es dunkel wird, kehrt er ins Haus zurück … aber hier drinnen ist es noch dunkler für ihn …“

„Das kann ich mir vorstellen“, murmelte Holly gepresst.

„Er möchte Sie in zwanzig Minuten in der Bibliothek sehen“, fügte Anna nüchtern hinzu und zog sich mit dem Tablett in der Hand zurück.

Normalerweise hätte Holly sich über die knappe Aufforderung geärgert, die eher wie ein Befehl klang. Den Blick auf den Mann gerichtet, der seltsam verloren zwischen den hohen Bäumen wirkte, überlegte sie jedoch, ob er wirklich so Furcht einflößend war.

Pünktlich zur geforderten Zeit klopfte Holly an die Bibliothekstür.

„Avanti!“, erklang es kühl von der anderen Seite.

Holly trat ein und schaute sich neugierig in dem hohen Raum um, der von einem riesigen Eichenschreibtisch dominiert wurde. Das einzige Licht kam von einer Tischlampe mit elfenbeinfarbenem Glasschirm. Außerhalb des Lichtkegels konnte Holly im Dämmerlicht lange Reihen in Leder gebundener Bücher erkennen. Die Regale füllten alle vier Wände vom Boden bis zur Decke aus.

Starr in die Dunkelheit blickend, stand er beim Fenster. Erst nachdem Holly die Tür hinter sich geschlossen hatte, wandte er sich um. „Guten Abend, signorina.“ Seine Stimme schien von weit her zu kommen. „Ist es Ihnen lieber, wenn wir uns auf Englisch unterhalten?“

„Ja, vielen Dank, Signor Fallucci.“

„Sind Sie mit Ihrem Zimmer zufrieden?“

„Ja, und das Essen war auch ganz ausgezeichnet.“

„Natürlich“, kam es zurück. „Andernfalls hätte mein Personal auch Repressalien zu erwarten. Wollen Sie sich nicht setzen?“ Er wies auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch und nahm selbst auf der gegenüberliegenden Seite Platz.

„Meine Tochter hat mir einiges über Sie erzählt. Sie heißen also Holly, sind Engländerin und kommen aus Portsmouth.“

„Nein.“

„Haben Sie Liza nicht erzählt, dass Sie in Portsmouth leben?“, fragte er scharf. „Das ist es nämlich, was sie glaubt.“

„Dann hat sie mich falsch verstanden.“ Trotz ihrer Nervosität konnte Holly den Ärger über seinen feindseligen Tonfall nicht ganz verbergen. „Ich komme aus einer kleinen Stadt in Mittelengland. In Portsmouth habe ich als Kind häufig die Sommerferien verbracht. Liza schien der Ort so viel zu bedeuten, dass ich versucht habe, ihr alles zu erzählen, was ich dort erlebte. Wahrscheinlich klammert sie sich so sehr daran, weil es sie an ihre Mutter erinnert. Kinder tun so etwas, wenn sie Trost ­suchen.“

„Nicht nur Kinder“, murmelte er kaum verständlich. Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen. „Erzählen Sie ­weiter.“

„Ich weiß nicht, was Sie von mir hören wollen.“

Ruckartig beugte sich Lizas Vater vor und schaute Holly direkt in die Augen. „Wir befinden uns in einer schwierigen Situation. Ich bin Richter, und Sie sind auf der Flucht vor der Polizei.“

„Die hat mich bei der Personenkontrolle nicht identifiziert“, wandte Holly ein.

„Sehr spitzfindig, meine Liebe. Die Polizei scheint tatsächlich nicht viel über die Frau zu wissen, nach der sie fahndet – nicht einmal, dass sie den Decknamen Holly benutzt, wie immer sie auch sonst heißen mag.“

Holly öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen.

„Sie können sich doch irgendeinen Namen ausdenken, den Sie mir sagen“, forderte er sie heraus.

„Nicht, solange Sie meinen Pass haben“, gab sie kühl zurück.

Er nickte. Ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, das sein Gesicht plötzlich fast freundlich erscheinen ließ. „Wie auch immer – Sie stellen ein Problem für mich dar.“

„Das Sie heute Nachmittag ganz leicht hätten loswerden können!“, schoss sie gereizt zurück.

„Leider nicht, und Sie wissen auch ganz genau, warum.“

„Liza.“

„Ja“, bestätigte er verärgert. „Und das bringt mich in eine scheußliche Lage.“

„Aber Sie haben die Polizei doch gar nicht belügen müssen.“

Der Richter lachte nur kurz auf und heftete seinen Blick erneut auf Holly.

„Jetzt wollen Sie sicher wissen, warum die Polizei nach mir sucht, oder?“

„Das ist im Moment so ziemlich das Letzte, was ich will“, lautete die überraschende Antwort. „Mir reicht die Gewissheit, dass Sie zu nichts wirklich Bösem fähig sind.“

„Und woher wollen Sie das wissen?“, fragte Holly in aufrichtiger Neugier.

„Weil mir in meinem Leben Hunderte von Kriminellen begegnet sind und ich einen sehr ausgeprägten Instinkt habe, was das betrifft. Ich vermute, Sie sind in eine Sache hineingeraten, die Sie selbst nicht ganz überblicken. Und außerdem …“ Er machte eine Pause und fuhr sich mit der Hand über die Augen. „Ich glaube kaum, dass Liza sich derart an Sie geklammert hätte, wenn Sie wirklich eine Verbrecherin wären.“

Holly fühlte sich regelrecht überwältigt. Was sollte sie darauf auch sagen?

„Oder täusche ich mich?“, fragte er, als sie nicht antwortete.

„Nein.“

„Gut. Ein paar Informationen brauche ich trotzdem noch von Ihnen, aber beschränken wir es auf ein Minimum. Geben Sie mit nur ein paar Fakten … Eckdaten, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.“

Holly seufzte. „Es war genauso, wie Sie vermutet haben. Ich habe mich in etwas hineinziehen lassen, ohne zu wissen, worauf ich mich einlasse. Als ich dahinterkam, war es zu spät, und ich bin davongelaufen.“

„Wie alt sind Sie?“

„Achtundzwanzig.“

„Wer weiß, dass Sie in Italien sind?“

„Niemand. Ich habe keine Familie.“

„Was ist mit Ihren Arbeitskollegen?“

„Ich habe zurzeit keinen Job.“

„Aber es muss doch jemand in England geben, der sich darüber wundert, wenn Sie nicht bis zu einem bestimmten Datum zurück sind.“

„Da ist niemand.“ Langsam begann Holly, sich selbst leidzutun. „Ich lebe in einem kleinen Haus zur Miete, die ich im Voraus bezahlt habe. Wann ich zurückkommen würde, wusste ich schließlich nicht. Das habe ich auch meinen Nachbarn gesagt. Ich könnte vom Erdboden verschwinden, ohne dass mir jemand auch nur eine Träne nachweint …“

Holly schluckte heftig. Jetzt fehlte nur noch, dass sie vor den Augen des Richters in Tränen ausbrach! Obwohl sie den Kopf gesenkt hielt, fühlte sie seinen intensiven Blick auf sich ruhen. Himmel! Jetzt habe ich mich ihm endgültig ausgeliefert, schoss es ihr durch den Kopf.

Wahrscheinlich konnte er es kaum fassen, wie naiv und dumm sie für ihr Alter war. Und leider konnte Holly das nicht einmal leugnen. Sie wusste so gut wie nichts vom Leben. Nur deshalb hatte sie überhaupt auf Bruno Vanelli hereinfallen können. Wenigstens das war ihr inzwischen klar.

„Erzählen Sie mir von dem Koffer, den Sie unbedingt wiederhaben wollten“, forderte der Richter sie auf und verschränkte die Arme. „Ist da irgendetwas Belastendes drin?“

„Nein, nur meine gesamte Kleidung.“

„Etwas, anhand dessen man Sie identifizieren könnte?“

„Nichts.“

„Wie können Sie da so sicher sein?“

„Wegen Onkel Josh“, gab sie zu seiner Verblüffung zurück.

Onkel Josh? Ist er mit Ihnen gereist?“

„Nein, natürlich nicht! Er ist tot.“

„Er ist tot, sagt Ihnen aber, wie Sie zu packen haben?“

„Ich weiß, dass hört sich seltsam an, aber ich … ich fühle mich auch … etwas merkwürdig …“

Darauf reagierte Lizas Vater ganz praktisch, indem er etwas in ein Glas schenkte und es Holly in die Hand drückte. „Trinken Sie und lassen Sie sich Zeit, bis Sie sich wieder gefasst haben.“ Die bräunliche Flüssigkeit stellte sich als ein ausgezeichneter Brandy heraus, von dem sie dankbar einen kräftigen Schluck nahm. „Und dann erklären Sie mir in Ruhe, wie Onkel Josh Ihnen aus dem Grab heraus Packtipps geben kann.“

Sie ignorierte geflissentlich den amüsierten Unterton in seiner tiefen wohltönenden Stimme. Gedankenverloren drehte Holly das Glas zwischen den Fingern, ehe sie noch einen Schluck trank. „Vor vielen Jahren wurde ihm auf einer seiner Urlaubsreisen ein Koffer gestohlen, in dem er neben seiner Kleidung auch Papiere verstaut hatte, auf denen seine Adresse stand. Als er später nach Hause kam, musste er feststellen, dass man ihm auch noch das Haus ausgeräumt hatte. Seitdem hat niemand aus unserer Familie je wieder persönliche Papiere in Koffer gepackt.“

Plötzlich wurde ihr bewusst, wie unsinnig die Konversation war. Holly fühlte hysterisches Gelächter in sich aufsteigen. Verzweifelt versuchte sie, es zurückzuhalten, doch dann platzte es einfach aus ihr heraus. Mit einem Satz war der Richter an ihrer Seite, nahm ihr das Glas ab und brachte es aus dem Gefahrenbereich.

„Das war wohl unausweichlich“, murmelte er unerwartet sanft. „Lassen Sie es einfach heraus.“

Holly sprang auf die Füße und wich zurück. Sie wollte ihm nicht zeigen, wie verletzlich sie sich in diesem Moment fühlte.

„Ich bin nicht hysterisch“, erklärte sie mit schwankender Stimme. „Es ist nur … ach, ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“

„Sie zittern wie Espenlaub.“

„Ich … ich …“ Abrupt wandte sie sich ab.

Plötzlich fühlte sie seine warmen Hände auf den Schultern und wurde gegen eine breite starke Brust gezogen. Es war keine Umarmung, nur eine Geste des Trostes, die Holly mit neuer Kraft erfüllte.

„Alles wieder in Ordnung?“, fragte er nach einer Weile ruhig.

In ihrem Nacken spürte sie seinen Atem. Ein heißer Schauer durchrieselte ihren Körper. „Ich … ich weiß nicht. Ich denke … ja.“

„Ich nehme an, es war ein Mann, der Sie in diese Schwierigkeiten gebracht hat“, stellte Matteo Fallucci trocken fest und führte Holly zu ihrem Platz zurück.

„Ja, ich befürchte, das ist nur zu offensichtlich. Er hat einen Köder ausgelegt, und ich war dumm genug, danach zu schnappen. Ich weiß gar nicht, was mit ihm geschehen ist. Vielleicht hat man ihn gefasst, und er versucht, die ganze Schuld auf mich abzuwälzen.“

Meine Geliebte – vertraue mir, liebe mich … nichts zählt, außer dass wir beide zusammen sind.

Unwillkürlich schüttelte Holly den Kopf, als sie die Erinnerung an Brunos süße Versprechungen überfiel.

„Sie glauben, er hat Sie verraten, um den eigenen Hals zu ­retten?“

„Ich befürchte, genau das hat er getan.“

„Wie erfrischend realistisch von Ihnen.“ Um seinen Mund zuckte es verdächtig.

„Was bleibt mir anderes übrig – nach allem, was geschehen ist?“

„Nun, manche werden schon als Realisten geboren.“

„Niemand kommt so auf die Welt“, widersprach Holly. „Es sind die Lebenserfahrungen, die uns in diese Rolle zwängen.“

„Ein wahres Wort, gelassen ausgesprochen …“ Er lachte hart auf, ging zum Fenster und blieb dort einige Minuten schweigend stehen. „Ich nehme an, Anna hat Ihnen von meiner Frau erzählt“, sagte er schließlich über die Schulter.

„Sie sagte, Signora Fallucci sei bei einem Zugunglück ums Leben gekommen, bei dem auch Liza verletzt wurde. Und Liza selbst erzählte mir, dass ihre Mutter Engländerin war. Deshalb hat sie sich wohl auch gleich auf mich gestürzt.“

„Damit haben Sie recht. Ich wusste es in dem Moment, als ich das Abteil betrat. Auf Lizas Gesicht lag ein Ausdruck, den ich seit Monaten nicht mehr zu sehen bekommen habe. Sie wirkte so zufrieden, fast glücklich. Und als sie sich so verzweifelt an Sie klammerte … ich glaube, in diesem Moment habe ich den Entschluss gefasst.“

„Den Entschluss, mir den Pass wegzunehmen, mich hierher zu entführen und festzuhalten, egal, was es kostet – selbst wenn Sie dafür die Polizei hintergehen müssen?“

„Das ist eine sehr zynische Betrachtungsweise.“

„Wie würden Sie es denn beschreiben?“

„Man könnte auch sagen, Sie brauchten dringend Hilfe, ebenso wie ich. Deshalb beschlossen wir, uns gegenseitig zu unterstützen.“

„Zu welchem Zeitpunkt habe ich denn irgendetwas entschieden?“

„Ich glaube, das war keiner von uns beiden … sondern ganz allein Liza“, gab er ruhig zurück. „Sicher, die Umstände waren nicht ideal, aber dafür bin ich nicht verantwortlich. Gezwungenermaßen reagierte ich spontan.“

„Gut, ich gebe zu, dass Sie tatsächlich nicht für die seltsame Situation zur Verantwortung zu ziehen sind. Dennoch haben Sie sie zu Ihrem Vorteil genutzt, nicht wahr? Trotz Ihrer Versicherung, dass Sie nur Lizas Wunsch erfüllen wollen, bin ich hier so etwas wie Ihre Gefangene.“

„Nicht im Geringsten. Sie können jederzeit gehen, wenn Sie wollen.“

„Sie wissen doch genau, dass ich es nicht kann. Ich habe kein Geld, keinen Pass …“

Lässig langte er in seine Tasche, zog eine Handvoll Banknoten heraus und warf sie auf den Tisch. „Gehen Sie, ich werde veranlassen, dass man Ihnen das Tor öffnet!“

„Ach ja? Wie überaus freundlich!“ Holly lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wo bin ich denn hier? Und wohin soll ich gehen? Sie spielen mit mir und sollten sich dafür schämen!“

Sie konnte sehen, dass sie ihn damit überraschte. Erst blitzte es in seinen Augen gefährlich auf, dann nickte er. „Ich bewundere Ihre Courage, signorina. Aber Sie leben ziemlich gefährlich.“

„Vielleicht sind Sie es ja, der gefährlich lebt“, gab Holly zu bedenken. „Sie kennen mich nicht. Nur dass ich vor der Polizei auf der Flucht bin, wissen Sie. Und Sie lassen mich in Ihrem Haus wohnen.“

„Sie haben mir doch versichert, Sie seien unschuldig.“

„Wer sagt denn, dass ich Ihnen nicht einen Sack voller Lügen auftische, um mich selbst zu schützen?“

Madre santa! Wenn Sie tatsächlich annehmen, Sie könnten mich auch nur für eine Sekunde täuschen, dann sind Sie im Irrtum. Würde ich nicht Ihre fast sträfliche Naivität für Ihren größten Fehler halten, ich würde Ihnen doch niemals meine Tochter anvertrauen!“

Holly schien in sich zusammenzufallen. Sie fühlte sich durchschaut. Und dabei war Naivität noch eine recht schmeichelhafte Beschreibung für ihre bodenlose Dummheit!

„Können wir also mit dem Streiten aufhören und uns lieber praktischen Dingen zuwenden?“ Seine tiefe Stimme klang wieder absolut kontrolliert. „Ich möchte, dass Sie als Lizas Gesellschafterin bei uns bleiben. Berta sorgt zwar exzellent für ihre körperlichen Bedürfnisse. Nur kann sie ihr nicht geben, was Liza wirklich braucht. Es ist klar, dass meine Tochter Sie als Bindeglied zu ihrer verstorbenen Mutter ansieht. Sie sind ebenfalls Engländerin und können mit ihr in der Sprache ihrer mamma reden. Das wird Liza trösten, bis sie bereit ist, ihre Mutter gehen zu lassen. Wenn Sie das für mich tun, sehe ich, was ich für Sie tun kann. Einverstanden?“

„Ja“, sagte Holly wie betäubt.

„Gut, dann ist ja alles geklärt.“

„Noch nicht ganz. Wie lange, glauben Sie, könnte dieses … Arrangement dauern?“

Als sei ihm diese Frage noch gar nicht in den Sinn gekommen, runzelte er die Stirn. „So lange, wie ich es sage.“

Natürlich, dachte Holly ironisch. Was habe ich denn erwartet?

„Also, zu den Details“, fuhr er brüsk fort. „Wenn jemand fragt, sind Sie eine entfernte Verwandte meiner verstorbenen Frau, die uns einen Besuch abstattet. Liza nennt Sie Holly. Ihrem Pass kann ich entnehmen, dass Sie Sarah heißen.“

„Das stimmt. Holly ist mein Spitzname, den meine Mutter mir gab, als ich fünf war.“

„Gut, das ist sehr nützlich. Solange die Polizei weiter nach einer Sarah Conroy sucht, werden Sie keinen Verdacht erregen.“

„Aber wenn sie tatsächlich weiter nach mir fahnden …“

„Der Zug war ihre beste Chance, und die haben sie verpasst. Also … nehmen Sie dieses Geld als ersten Monatslohn. Ich werde Sie in bar bezahlen. Je weniger Papierkram, umso besser. Gibt es noch mehr Dokumente mit Ihrem Namen?“

„Nur eine Kreditkarte.“

„Darf ich die mal sehen?“ Sobald er sie in der Hand hielt, ließ der Richter sie in seiner Tasche verschwinden.

„Hey!“, rief Holly empört aus.

„Wir können nicht vorsichtig genug ein“, erklärte er gelassen. „Sie brauchen neue Kleidung“, fuhr er fort, als sei nicht das Geringste geschehen. „Setzen Sie sich dort drüben hin.“ Er wies auf einen kleinen Tisch vor der Bücherwand, auf dem ein Laptop stand. „Es gibt einen Internetshop in Rom. Suchen Sie aus, was Ihnen gefällt. Ich sorge dafür, dass es schnellstmöglich geliefert wird.“

Fasziniert betrachtete sie den Bildschirm und stellte fest, dass sie bereits online und auf der Internetseite einer exklusiven Boutique war. Jetzt musste Holly nur noch den Warenkorb vollpacken. Zögernd begann sie, die einzelnen Katalogseiten aufzurufen. Sie konnte kaum glauben, was sie da zu sehen bekam: die teuersten und exklusivsten Designerstücke, die sie je zu Gesicht bekommen hatte. Die astronomisch hohen Preise ließen ihr den Atem stocken.

Je mehr sie sich anschaute, desto verunsicherter fühlte Holly sich. Tageskleider, Abendkleider, Unterwäsche – alles schien aus reiner Seide zu sein. Es war schrecklich einschüchternd. „Ich … ich suche etwas ganz Gewöhnliches“, murmelte sie schüchtern. „Etwas, was zu mir passt.“

„Sie halten sich für gewöhnlich?“

„Schauen Sie mich doch an.“

„Das tue ich. Sie sind groß, schlank …“

„Dürr meinen Sie“, unterbrach sie ihn. „Und flach wie ein Surfboard.“

„Himmel, schenke mir Geduld! Darf eine Frau überhaupt so reden? Es gibt genügend Models auf dem Laufsteg, die sehen exakt aus wie Sie und werden dafür bewundert. Und Sie machen sich selbst schlecht.“

„Tue ich nicht. Ich bin nur realistisch … und eben keine Schönheit.“

„Habe ich das denn behauptet?“

Empört schöpfte Holly Atem. „Sie sagten …“

„Ich habe Ihnen nur geraten, das Beste aus Ihrem Typ zu machen. Sie selbst nennen sich dürr, wenn sie schlank sagen sollten. Ihre Selbstwahrnehmung ist verzerrt.“

„Besten Dank! Jetzt fühle ich mich doch gleich besser!“, schleuderte sie ihm sarkastisch entgegen. „Einer Italienerin würde das natürlich nicht passieren. Was kann ich für meine Nationalität?“

„Und Sie müssen aufhören, mir das Wort im Mund umdrehen zu wollen“, fuhr er unbeeindruckt fort. „Meine Frau war auch Engländerin, und sie war sich ihrer selbst wie ihrer Wirkung auf andere sehr bewusst. In dieser Hinsicht konnte sie es mit jeder Italienerin aufnehmen. So etwas findet hier statt …“ Er tippte sich mit den Fingern an die Stirn.

„Oh, ich bin mir sehr wohl des Eindrucks bewusst, den ich auf andere mache. Unansehnlich ist das Wort dafür.“

„Keine Frau mit einer Wespentaille und ellenlangen Beinen kann unansehnlich sein.“

„Und mein Gesicht? Es ist nichtssagend.“

„Das sehe ich ganz anders. Sie haben nur noch nicht angefangen, Ihre Möglichkeiten auszuloten. Versuchen Sie, Ihr Gesicht als eine weiße Leinwand zu sehen, auf die Sie alles malen und projizieren können, was Sie wollen.“

„Hat Ihre Frau das getan?“

Um seinen Mund zuckte es. Ob es Schmerz oder Belustigung war, konnte Holly nicht entscheiden. „Jetzt, da Sie es aussprechen … ja, so könnte man es wohl erklären. Sie war keine Naturschönheit. Trotzdem konnte sie jeden Mann glauben lassen, sie wäre eine. Wenn Carol einen Raum betrat, drehte sich jeder nach ihr um.“

„Und das hat Sie nicht gestört?“

„Nein, ich … ich war stolz auf sie.“

„Aber ich bin nicht sie. Und ich könnte nie so sein.“

„Niemand könnte je so sein wie sie … Und jetzt lassen Sie uns aufs Geschäftliche zurückkommen.“ In sachlichem Tonfall fuhr er fort: „In diesem Haus brauchen Sie eine angemessene Garderobe. Also suchen Sie sich etwas aus, das Ihnen ermöglicht, sich hier wohlzufühlen.“ Er zeigte unbestimmt auf die luxuriöse Einrichtung. „Und halten Sie sich nicht zu lange damit auf, ich habe noch eine Menge andere Dinge zu erledigen.“ Damit ging er zu dem schweren Eichenschreibtisch hinüber und beugte sich über einen Stapel Papiere.

Wider Willen fand Holly sogar Vergnügen daran, sich schicke, edle und ausgefallene Sachen anzuschauen. Zum ersten Mal im Leben überwand sie sich und achtete nicht mehr auf die Preise. Das eine oder andere Teil schob sie in den virtuellen Warenkorb. Nachdem der irgendwann vor Hosen, Blusen, Kleidern und ­Röcken fast überquoll, widmete sie sich der nächsten Aufgabe: passende Unterwäsche auszusuchen.

Mit hochroten Wangen schwelgte sie im Anblick von Spitzen-BHs, seidenen Höschen in allen erdenklichen Farben von Pink bis Schwarz, duftigen Hemdchen und transparenten Negligés. Schließlich entschied sie sich doch für die schlichten Varianten, um sich dann mit klopfendem Herzen einige verführerische Cocktailkleider anzuschauen. Was würde ihr wohl besser stehen? Lieber ein schlichtes elegantes Schwarz oder ein herausforderndes leidenschaftliches Rot?

„Nehmen Sie beide“, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihr und ließ sie heftig zusammenfahren. Doch als sie sich umwandte, saß der Richter schon wieder an seinem Schreibtisch.

Natürlich nahm sie keins von beiden! „Ich bin fertig“, verkündete Holly kurz darauf. „Was soll ich jetzt tun?“

„Überlassen Sie den Rest mir. Es ist spät, und Sie haben einen langen, anstrengenden Tag hinter sich. Ich schlage vor, Sie gehen zu Bett.“

„Vorher schau ich noch zu Liza hinein, um ihr Gute Nacht zu sagen.“

Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Möglicherweise schläft sie schon. Vielleicht ist sie auch extra wach geblieben, in der Hoffnung, Sie noch einmal zu sehen“, überlegte er laut. „Also gut, oben an der Treppe biegen Sie links ab, und dann ist es die zweite Tür.“

„Kommen Sie nicht mit?“

Einen kurzen Moment lang schien sich ein seltsamer Schatten über sein Gesicht zu legen, der Holly irritierte.

„Ich habe ihr schon eine gute Nacht gewünscht.“

„Aber wenn Liza noch wach ist, freut sie sich bestimmt, Sie noch einmal zu sehen.“

Angesichts seiner finsteren Miene rechnete Holly schon mit einer Zurückweisung. Lizas Vater schien sich jedoch einen Ruck zu geben. Er nickte stumm, schob den Stuhl zurück und schloss sich ihr an.

3. KAPITEL

Als sie die Eingangshalle durchquerten, hörten sie Bertas und Lizas Stimmen von oben herunterschallen. Offenbar stritten sie.

„Sie werden noch kommen! Du wirst schon sehen!“ Das war Lizas schrille Kinderstimme, kurz vor einem hysterischen Ausbruch.

„Aber dein Vater hat dir bereits Gute Nacht gesagt“, protestierte Berta. „Er ist ein sehr beschäftigter Mann und …“

„Nicht zu beschäftigt, um zu mir zu kommen! Nein, nein, nein!“

Die Worte schnitten Holly ins Herz. Es war ein verzweifelter Hilfeschrei. Gleichzeitig klang es, als müsse das Kind sich selbst davon überzeugen, dass sie ihrem Vater so wichtig war.

Holly warf dem Richter, der wie erstarrt am Fuß der Treppe stehen geblieben war, einen Seitenblick zu. „Vielleicht war das doch keine so gute Idee …“, murmelte er.

„Im Gegenteil“, gab sie bestimmt zurück. „Ihre Tochter hat gerade lautstark ihr Vertrauen in Sie bekannt. Wenn Sie jetzt zu ihr gehen, wird es auch bestätigt. Was kann für ein verunsichertes Kind wichtiger sein als das?“

Sie erwartete, dass sich sein Gesicht ob dieser simplen Wahrheit entspannte. Nichts geschah. Wie paralysiert sah er Holly an – jeder Zoll der Ehrfurcht gebietende Richter, der er war, und zugleich unfähig, mit seiner unglücklichen kleinen Tochter umzugehen.

„Es ist eine einmalige Chance, ihr Rückgrat zu stärken und ihr zu zeigen, dass Sie immer für sie da sein werden“, drängte Holly. „Wenn doch nur alles im Leben so klar und einfach wäre. Um Himmels willen! Hören Sie auf zu denken und handeln Sie einfach!“

Spontan fasste sie nach seinem Arm und wurde sich im selben Atemzug ihrer Impertinenz bewusst. Doch Lizas Vater warf nur einen kurzen Blick auf Hollys Hand. Das genügte, damit sie sie zurückzog, als hätte sie sich verbrannt.

„Sie haben recht.“ Er gab sich geschlagen. Trotzdem spürte Holly kein Triumphgefühl.

„Papà!“, schrie Liza außer sich vor Freude, als sie ihren Vater in der Tür stehen sah.

„Nicht so laut, piccola. Es ist schon spät, und du solltest längst schlafen.“

„Aber ich muss Holly doch noch Gute Nacht sagen.“

„Du wirst sie noch oft genug sehen, weil sie bei uns bleibt.“

Liza stieß einen ohrenbetäubenden Entzückungsschrei aus und versuchte, einen kleinen Freudentanz auf ihrer Matratze aufzuführen. Hollys schnelles Eingreifen verhinderte, dass das Mädchen stürzen und sich verletzen konnte. Lachend hielt sie sich an ihrer neuen großen Freundin fest.

„Du bleibst bei uns!“, jubilierte sie. „Für immer und immer!“

„Nein, mein Spatz“, widersprach Holly sanft. „Nicht für immer, nur ein Weilchen.“

„Ich will aber, dass du bleibst!“ Die wechselhafte Stimmung der Kleinen drohte erneut zu kippen.

„Holly wird sehr lange bei uns bleiben“, beruhigte ihr Vater sie. „Mach dir darüber keine Sorgen.“

Mit einem empörten Blick warnte sie ihn. Nur Lizas wegen verzichtete Holly auf eine scharfe Bemerkung.

„So, nun komm, du kleiner Wildfang. Leg dich brav hin, damit dein Vater dir schöne Träume wünschen kann“, ermahnte sie ihren kleinen Schützling.

Sofort wandte sich Liza von ihr ab und streckte ihrem Vater beide Ärmchen entgegen. „Papà!“, bat sie weinerlich.

Der große Mann umfasste die schmalen Hände, legte sie mit sanftem Druck auf die Decke, neigte sich vor und küsste seine Tochter auf die Stirn. „Sei ein braves Mädchen und schlaf jetzt.“ Danach ging er hinaus.

Inzwischen ruhig, griff Liza nach Hollys Arm und hielt sie fest. „Geh noch nicht!“

Berta schlüpfte lautlos aus dem Zimmer, um sie allein zu lassen. Zufrieden kuschelte sich Liza in die weichen Kissen. Sekunden später fielen ihr die Augen zu. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Sobald ihr Griff sich lockerte, zog Holly sich behutsam zurück. Nachdem sie Liza noch auf die rosige Wange geküsst hatte, verließ sie auf Zehenspitzen den Raum.

Auf dem Gang vor dem Zimmer war es so dunkel, dass sie fast die hohe Gestalt übersehen hätte, die dort im Schatten stand. Holly wartete, ob er sie ansprechen würde. Nach einem langen Blick in ihre Richtung wandte sich Lizas Vater jedoch ab und ging.

Im Gästezimmer wurde Holly bereits von einer jungen Frau erwartet, die sich als ihr persönliches Zimmermädchen vorstellte.

„Ich heiße Nora und habe Ihnen für heute Nacht Mineralwasser und ein Glas an Ihr Bett gestellt. Was bevorzugen Sie zum Frühstück? Kaffee oder Tee?“

„Tee, vielen Dank.“

„Dann wünsche ich Ihnen eine buona notte, signorina. Soll ich Ihnen noch beim Auskleiden helfen?“

„Nein, nein … vielen Dank“, wehrte Holly fast entsetzt ab. So viel Fürsorge war sie gar nicht gewohnt.

Sobald sie allein mit sich und ihren Gedanken war, erschauderte sie angesichts der Erinnerung an die letzten Stunden. In diesem merkwürdigen Haus schienen sich alle Grenzen und Konventionen zu verwischen. Wenn sie doch nur mit einem Außenstehenden über die verwirrenden Erlebnisse reden könnte!

Instinktiv schaute Holly zum Telefon auf dem Nachttisch und nahm den Hörer auf, obwohl es niemanden gab, den sie hätte anrufen können – weder hier in Italien noch in England.

Aber selbst wenn … es hätte ihr nichts genützt, denn die Leitung war tot.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, stand Nora vor ihrem Bett.

„Buongiorno, signorina.“ Sie stellte ein Tablett auf dem Nachttisch ab. Darauf befanden sich eine Tasse Tee, ein Kännchen Milch, Zucker und ein Schälchen voll Zitronenscheiben.

„Ich wusste nicht, wie Sie Ihren Tee trinken“, erklärte die junge Frau. „Deshalb habe ich einfach alles mitgebracht.“

„Vielen Dank“, murmelte Holly und versuchte, sich vorsichtig aufzusetzen. Dass sie wie gewohnt nackt geschlafen hatte, musste Nora nicht erfahren.

„Soll ich Ihnen ein Bad einlassen oder duschen Sie lieber?“

„Ich dusche, aber ich komme wirklich allein zurecht, Nora. Vielen Dank.“

Nora verließ den Raum, allerdings nicht ohne an der Tür eine Geste auszuführen, die für Holly verdächtig nach einem Knicks aussah. Mit einem leichten Seufzer lehnte sie sich bequem zurück, trank ihren Tee, der ausgezeichnet schmeckte, und ging danach ins Bad. Erfrischt von einer kühlen Dusche und in eines der riesigen, weichen Handtücher gewickelt, kehrte Holly in ihr Zimmer zurück, wo sie bereits von Liza und Berta erwartet wurde.

„Das Kind wollte Sie unbedingt an Ihrem ersten Tag hier willkommen heißen“, erklärte Berta lächelnd und schob den Rollstuhl ein Stück weiter ins Zimmer hinein.

„Ich hätte genauso gut herlaufen können“, schmollte Liza.

„Nicht so früh am Tag“, erwiderte Berta gelassen. „Es braucht noch ein Weilchen, bis du so weit bist.“

Holly griff nach ihren Kleidungsstücken und verschwand hastig wieder im Bad. Sobald sie angezogen war, begleitete sie die beiden nach unten, wo sie ein fürstliches Frühstück erwartete. Sie lachten und scherzten miteinander, bis Holly bemerkte, dass Berta offensichtlich etwas auf dem Herzen hatte. Ein aufmunternder Blick genügte, damit Berta sichtlich erleichtert ihr Anliegen vortrug.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich für ein paar Stunden unterwegs bin? Ich habe einige dringende Angelegenheiten zu regeln, und jetzt, wo Sie da sind …?“ Sie verdrehte die Augen, sodass Holly unwillkürlich auflachte. Das war also der Grund, weshalb Berta sie so problemlos akzeptierte – der Wunsch nach mehr Freiheit. Rasch versicherte Holly ihr, Liza und sie würden prächtig miteinander auskommen. Berta sollte sich ruhig Zeit lassen.

Schmunzelnd sah sie der molligen Krankenschwester nach, die mit wiegenden Hüften und fröhlich vor sich hin summend aufbrach.

„Und was wollen wir beiden Hübschen jetzt unternehmen?“, fragte Holly schließlich.

Sofort rutschte die Kleine von ihrem Stuhl. „Komm, ich stelle dich mamma vor.“

Carol Falluccis imposantes Grabmal war in einer abgelegenen schattigen Ecke des riesigen Grundstücks errichtet worden. Von ihrem Fenster aus hatte Holly es wegen der hohen Bäume gar nicht richtig sehen können.

Jetzt, da sie davor stand, konnte sie es kaum fassen. Dass der so kühle und gefasste Richter etwas derart Romantisches wie diesen weißen Marmorbrunnen, gekrönt von einem gotisch anmutenden Engel mit ausgebreiteten Flügeln, als Erinnerung an seine tote Frau hatte bauen lassen. Er musste sie wirklich sehr geliebt haben.

Holly versuchte, sich ihn als leidenschaftlichen Liebhaber vorzustellen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Auch das Bild des verzweifelt trauernden Witwers passte nicht zu dem selbstbeherrschten Mann – und dennoch musste es so sein.

Wie in Italien üblich, war ein Bild der Verstorbenen am Grabmal angebracht worden. Jetzt verstand Holly, was Liza gemeint hatte, als sie sagte, sie wolle sie ihrer Mutter vorstellen. Das Foto zeigte eine Frau um die dreißig, mit feinen Gesichtszügen, extravaganter Frisur und perfekt geschminkt. Genau der Typ, den Holly neben einem Mann wie Richter Fallucci erwartet hatte – schön, selbstsicher und weltgewandt.

Eine Frau, die die exklusiven Cocktailkleider tragen konnte, die Holly sich aus Vernunftgründen versagt hatte …

Offensichtlich bildete dieser Platz für Liza einen besonderen Rückzugsort. Hier konnte sie herkommen, sich auf die Stufen setzen, ihre Hand in das klare Wasser tauchen und mit ihrer mamma reden, die sie schmerzlich vermisste.

„Einundzwanzigster Dezember …“, las Holly leise vor. „Was für ein schrecklicher Zeitpunkt, um zu sterben … nicht, dass es dafür überhaupt ein passendes …“ Sie spürte, wie sich eine kleine Hand in ihre schob. Als Holly zur Seite schaute, sah sie, dass Liza in stillem Einverständnis nickte.

„Hast du eine mamma?“, fragte das Kind nach einer Pause.

„Nicht mehr. Sie ist vor Kurzem gestorben.“

„Auch direkt vor Weihnachten?“

„Nein, im Oktober, aber das letzte Weihnachtsfest war mein erstes ohne sie.“

„Hast du jetzt niemand mehr?“

„Nein, es gab nur uns beide, und meine Mutter war eine lange Zeit krank.“

Holly wollte nicht über die quälenden Jahre sprechen, in denen sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Mutter litt und immer schwächer wurde. Schon wollte sie ein unverfängliches Thema anschneiden, um die gedrückte Stimmung zu verscheuchen. Da sah sie Lizas ernsten, unschuldigen Blick auf sich gerichtet, der gleichzeitig voller Mitgefühl war. In diesem Moment wurde Holly klar, dass die Kleine ihre Aufrichtigkeit verdiente.

„Die Ärzte konnten ihr nicht mehr helfen“, erklärte sie ruhig. „Deshalb habe ich sie gepflegt.“

„Bis zu ihrem Tod?“

„Ja, solange sie mich brauchte.“

„Aber du wusstest, dass sie sterben muss“, sagte Liza mit einem Verständnis, das weit über ihr Alter hinausreichte. „Sie war nicht einfach weg, als du noch gedacht hast, alles sei in Ordnung …“

„So wie es dir passiert ist?“

Liza nickte. „Wir waren auf dem Weg in die Ferien“, erzählte sie mit dünner, rauer Stimme. „Ich erinnere mich noch daran, dass mamma mehrere Koffer gepackt und gesagt hat, dass wir diesmal für viel länger verreisen. Es sollte ein besonderer Weihnachtsurlaub werden … dabei waren wir Weihnachten noch nie von zu Hause weg … Alles war irgendwie anders. Papà hat uns nicht verabschiedet und auch nicht gesagt, wann er nachkommt. Ich habe mamma gefragt. Sie wusste es auch nicht.“

Während Liza auf das Bild ihrer Mutter schaute, schluckte sie heftig.

„Und als wir dann im Zug saßen, war mamma so seltsam … irgendwie unruhig. Wenn ich sie etwas fragte, schien sie mich gar nicht zu hören. Dann kam ein Mann in unser Abteil und redete mit ihr. Ich hatte ihn noch nie gesehen und mochte ihn auch nicht. Und dann war da plötzlich ein lauter Krach und alles im Zug purzelte durcheinander. Mamma legte ihre Arme um mich, und ich erinnere mich an schreckliche Schmerzen. Ich habe mich fest an sie geklammert und nach papà gerufen, damit er uns hilft. Ich habe gerufen und gerufen … und er ist nicht gekommen.“

Der herzzerreißende Blick, den das Kind ihr zuwarf, nahm Holly den Atem. Sanft zog sie Liza in die Arme und wiegte sie hin und her.

„Dann bin ich eingeschlafen und erst im Krankenhaus wieder aufgewacht. Da war mamma schon tot. Ich habe geschrien und geschrien, aber ich habe sie nie wiedergesehen.“

„Mein armer, kleiner Schatz“, murmelte Holly.

„Wenn ich es vorher gewusst hätte … Ich wollte ihr doch noch sagen, wie sehr ich sie liebe …“

„Das hat sie sicher auch so gewusst.“

„Vielleicht, nur … wir hatten uns verkracht an diesem Tag …“, brachte Liza erstickt hervor. „Ich wollte nicht ohne papà fahren und habe sie angeschrien und gesagt, dass ich nicht mitkomme. Jetzt kann ich ihr nicht mehr sagen, wie leid es mir tut.“

„Oh, piccola!“ Was hätte Holly darum gegeben, der armen Kleinen diesen Schmerz nehmen zu können. „Nichts davon zählt“, sagte sie eindringlich. „Menschen streiten sich andauernd, das heißt allerdings nicht, dass sie sich nicht lieben. Und deine mamma wusste das ganz sicher.“

„Trotzdem hätte ich es ihr so gerne gesagt.“

„Das kannst du auch jetzt noch. Du kannst mit ihr reden, in deinem Herzen.“

„Wirklich?“

„Ganz sicher.“

Liza nickte. Sie schien mit allem zufrieden, was ihre neue Freundin sagte. Dieses uneingeschränkte Vertrauen machte Holly plötzlich Angst. Was würde passieren, wenn sie das sensible Kind irgendwann wieder verlassen musste?

„Wie war deine mamma?“, wollte Liza wissen.

„Sie war sehr tapfer. Trotz ihrer schweren Krankheit und der Schmerzen fand sie immer einen Grund zum Lachen. Daran erinnere ich mich am besten – an ihr ansteckendes Lachen.“

Plötzlich war Hollys Hals wie zugeschnürt. Rasch drehte sie den Kopf, um ihre Tränen zu verbergen, doch Liza war schneller. In der nächsten Sekunde spürte Holly die Arme des Kindes, die sich um ihren Hals schlangen. Jetzt war sie es, die getröstet wurde. Tief berührt drückte sie Liza fest an sich, und so verharrten sie eine ganze Weile.

„Ich glaube, wir sollten langsam wieder zum Haus zurückgehen“, schlug Holly später vor. „Hältst du nicht normalerweise Mittagsschlaf?“

Liza schnitt eine Grimasse. „Berta besteht darauf. Sie will auch, dass ich ständig den blöden Rollstuhl benutze, obwohl ich ihn gar nicht mehr brauche.“

„Na, ich denke, ab und zu kann er noch ganz nützlich sein. Denn wenn du dich überanstrengst, dauert es nur länger, bis du wieder ganz gesund bist. Außerdem bekomme ich dafür den Ärger“, schloss sie leichthin.

Obwohl sie ihr einen misstrauischen Blick zuwarf, ließ Liza sich wieder in den Rollstuhl setzen. Als sie beim Haus ankamen, wurden sie bereits von Anna erwartet. „Für Sie ist ein Paket abgegeben worden“, sagte die Haushälterin an Holly gewandt.

„So schnell?“

„Was ist da denn drin?“, wollte Liza sofort wissen.

„Neue Sachen zum Anziehen. Dein Vater hat darauf bestanden. Weil mein Koffer im Zug geblieben ist, habe ich mir gestern Abend über das Internet eine neue Garderobe bestellt.“

„Dann lass uns schnell hineingehen und auspacken!“

Im Haus schob Holly Lizas Rollstuhl zunächst in den kleinen Lift, der extra eingebaut worden war, und dann weiter in ihr Zimmer. Anna hatte ein riesiges Paket auf das Fußende des Bettes gelegt. Ohne Zögern stürzte sich das Kind darauf und hielt unter bewundernden Ahs und Ohs ein Teil nach dem anderen hoch, ehe sie es Holly reichte.

„Das ist wirklich die schickste Boutique in Rom“, schwärmte sie, während sie mit dem Finger über das elegante Logo auf dem Kartondeckel strich. „Mamma hat dort auch eingekauft, und papà hat geschimpft, dass sie viel zu viel Geld ausgibt. Aber das meinte er nicht so. Er hat immer gesagt, wie hübsch er sie findet.“

„Nun, ich ziehe die Sachen aber nicht an, um hübsch zu sein, sondern weil sie praktisch sind“, behauptete Holly und entdeckte dann etwas, das sie die Stirn runzeln ließ. Offenbar waren dreimal so viel BHs und Höschen geliefert worden, als sie geordert hatte. Habe ich mich vertippt? überlegte Holly.

Doch das war sicher nicht passiert. Andererseits, ein gestrenger Richter, der sich in ihre Bestellung von Unterwäsche einmischte? Bei diesem unsinnigen Gedanken wurde Holly fast schwindelig. Dann fiel ihr der Lieferschein in die Hände. Wieso stand darauf: Erster Teil der Lieferung – Rest folgt in Kürze?

Sie hatte nicht mehr bestellt, als geliefert worden war … sogar weniger. Je eher sie mit dem edlen Spender sprach, desto besser!

Holly bekam ihn den ganzen Tag über nicht zu Gesicht. Anna richtete ihr aus, dass der Richter geschäftlich verhindert sei und erst am Abend heimkehre.

Berta war inzwischen zurück und glühte förmlich vor Glück.

„Na, haben Sie alles geschafft, was Sie sich vorgenommen hatten?“, fragte Holly, als sie zusammen am Esstisch saßen.

„Ja, ich habe mir endlich mal etwas Neues zum Anziehen gekauft.“

„Gefällt es Alfio wenigstens?“, mischte sich Liza in das Gespräch.

„Ich weiß gar nicht, was du meinst“, behauptete Berta.

„Alfio ist ihr Liebster“, raunte Liza Holly vertraulich zu. „Er arbeitet im Krankenhaus und …“

Basta, das reicht!“ Bertas runde Wangen glühten vor Verlegenheit. „Außerdem ist er nicht mein Liebster, er ist … mein Verlobter!“ Stolz straffte sie die Schultern. Der Rest der Mahlzeit verlief sehr fröhlich. Detailliert schilderte Berta Alfios Vorzüge und den romantischen Heiratsantrag.

An diesem Abend hüllte sich Holly in eines ihrer neuen Seidennachthemden. In dem kühlen weichen Gewand fühlte sie sich seltsam beschwingt, als schwelge sie in purem Luxus. Sie dachte an die praktischen Baumwollschlafanzüge, die sie für gewöhnlich trug, und überlegte, ob sie sich je wieder mit ihnen zufriedengeben könnte.

Am nächsten Morgen, als sie die neue Unterwäsche anprobierte, überfiel sie das gleiche Gefühl. Die hauchzarten Spitzenensembles konnten beim besten Willen kaum praktisch genannt werden. Sie schienen für einen ganz speziellen … einen mutigen und extravaganten Frauentyp gefertigt zu sein – und jetzt trug sie so ein verführerisches Nichts!

Und damit gehörte auch sie zu diesem Frauentyp! Die Schlussfolgerung erschien Holly geradezu zwingend.

„Ich glaube, ich werde langsam verrückt“, murmelte sie vor sich hin und schüttelte heftig den Kopf. „Es liegt an diesem Ort … oder an der Sonne.“

Selbst zu dieser frühen Stunde konnte sie schon die brütende Hitze ahnen, die sie in wenigen Stunden umfangen würde. Lizas Vater sah Holly nur ganz kurz während des Frühstücks. Doch als er abrupt aufstand und den Raum verließ, folgte sie ihm bis zu seinem Arbeitszimmer. Eilig verstaute er gerade einen Stapel Papiere in seinem Aktenkoffer.

„Ich habe wenig Zeit“, informierte er Holly nach einem flüchtigen Blick in ihre Richtung. „Ist es wichtig?“

„Für mich schon“, gab sie steif zurück und trat ganz ins Zimmer. „Meine Bestellung von dieser Boutique in Rom ist angekommen, aber …“ Vor einer Stunde hatte sich die vorbereitete Rede noch so schlüssig angehört. Angesichts seiner ungeduldigen Miene versagten Holly jedoch plötzlich die Nerven. Wie war sie nur auf den Gedanken verfallen, mit ihm über die Unterwäsche reden zu können?

„Und?“

„Es ist mehr, als ich bestellt habe.“

„Sie haben sich zu wenig ausgesucht. Ich erkenne Ihren Versuch zu sparen durchaus an. Es ist allerdings unnötig.“

„Trotzdem kann ich nicht zulassen …“

Signorina, die Idee, ausgerechnet Sie könnten mir etwas erlauben oder verbieten, ist total abwegig.“

„Das weiß ich“, gab sie verstimmt zu. „Müssen Sie mir das denn immer wieder unter die Nase reiben?“

Scusi? Nase reiben …?“

„Ein englischer Ausdruck. Das bedeutet, mir ständig vorzuhalten, wie hilflos und abhängig ich von Ihnen bin. Mir gefällt das nicht.“

„Die wenigsten Frauen haben etwas dagegen, von einem Mann schöne Sachen geschenkt zu bekommen.“ Das klang bereits eine Spur gelangweilt.

„Es kommt ganz auf die Sachen an“, belehrte Holly ihn. „Wir … wir stehen nun einmal in keinem Verhältnis, das es Ihnen gestatten könnte, Unterwäsche für mich auszusuchen.“

Einen Moment schien der sonst so redegewandte Mann sprachlos zu sein. Doch dann fing er sich wieder. „Falls Sie befürchten, ich könne auf diese Art versuchen, einen Vorteil aus unserem Verhältnis zu schlagen, dann kann ich Sie beruhigen.“ Der seltsame Tonfall beruhigte Holly kein bisschen – ebenso wenig wie der abschätzende Blick, mit dem Matteo Fallucci sie von Kopf bis Fuß musterte.

„Wenn sonst nichts ist …?“

„Ich … ich denke, es ist an der Zeit, dass Sie mir endlich meinen Pass zurückgeben, damit ich mich nicht länger wie Ihre Gefangene fühle“, forderte Holly mutig.

„Unsinn!“

„Wieso Unsinn? Ich lasse mich nicht gern bevormunden.“

„Das tue ich nicht. Wir haben einen Handel abgeschlossen, und zwar einen, der beiden Seiten nützen soll, oder sehen Sie das anders?“

Liza rettete Holly aus der unangenehmen Situation, indem sie nach kurzem Anklopfen die Tür öffnete und den Kopf durch den Spalt steckte. „Kann ich reinkommen, papà?“

„Natürlich.“ Er ging zur Tür und stützte seine Tochter mit einem Arm.

„Ich habe Holly gesucht.“

„Nun, hier ist sie.“

Liza machte sich von ihrem Vater frei, humpelte so schnell sie konnte auf Holly zu und hielt sie fest. „Du warst plötzlich verschwunden“, sagte sie mit angespannter Stimme.

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