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ROMANA EXKLUSIV BAND 260

JACQUELINE BAIRD

Eine Nacht der Leidenschaft

Willow hat es geschafft: Sie ist eine gefeierte Autorin geworden. In einem Nobelhotel soll sie nun preisgekrönt werden. Doch beim Blitzlichtgewitter im Foyer stockt ihr der Atem: Lässig lehnt an einer Marmorsäule Yannis Kadros, der braungebrannte Millionär, der ihr vor neun Jahren das Herz brach – und der nicht ahnt, dass sie einen Sohn von ihm hat …

KATE HEWITT

Wo der Lavendel blüht

Wer ist er? Mitten in ihrem Klavierkonzert spürt Abigail, dass ein Fremder im Publikum sie nicht mehr aus den Augen lässt. Ist er der Mann, auf den sie immer gewartet hat? Als sich ihre Blicke treffen, weiß Abigail, dass sie zusammen gehören. Ein wunderbares, ein berauschendes Gefühl. Doch sie spürt auch eine Schwermut, die sie nicht ganz begreifen kann …

CHANTELLE SHAW

Stürmische Nächte in Florenz

Ein Diamantcollier! Bruno Di Cesare ist fassungslos. Wie kann sein Geschäftspartner der blutjungen Innenarchitektin Tamsin aus heiterem Himmel so ein teures Geschenk machen? Um sie als Betrügerin zu entlarven, engagiert Bruno sie für die Neueinrichtung seiner toskanischen Villa. Ein gewagter Plan – mit ungeahnt stürmischen Folgen …

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Eine Nacht der Leidenschaft

1. KAPITEL

Yannis Kadros bezahlte den Taxifahrer und hängte sich das Jackett über die Schulter. Es war ein warmer Juniabend, als er mit zielstrebigen Schritten auf das georgianische Reihenhaus im Herzen von Londons Stadtteil Mayfair zuging.

Das Haus war eins der kleineren Objekte im Besitz des weitverzweigten Immobilienunternehmens der Familie. Seit drei Jahren wohnte Yannis’ Schwester Anna dort, zusammen mit drei Kommilitoninnen von der Universität. Das heißt, eine von ihnen war vor Kurzem ausgezogen, und ihre Nachfolgerin hatte Yannis noch nicht kennengelernt.

Es war Freitagabend, und im ganzen Haus brannte Festbeleuchtung. Als Yannis die Eingangshalle betrat, stellte er fest, dass er mitten in eine Party hineinplatzte. Aus den Lautsprechern der Hi-Fi-Anlage dröhnte laute Musik, die von noch lauterem Gelächter übertönt wurde. Unwillkürlich musste er lächeln. Anna erwartete ihn erst am kommenden Montag, und offenbar war sie fest entschlossen, das Wochenende in vollen Zügen zu genießen.

In seiner momentanen Stimmung konnte er Anna ihren Freiheitsdrang nicht verübeln. Nach einer aufreibenden fünfwöchigen Geschäftsreise quer durch Südamerika war er gestern nach New York geflogen, um ein entspannendes Wochenende mit Patricia zu verbringen, mit der er seit zehn Monaten liiert war. Doch leider wurde nichts daraus, denn während er nur noch abschalten wollte, hatte Patricia es wieder einmal für an der Zeit gehalten, ihre Beziehung auszudiskutieren.

Nach einem ebenso anstrengenden wie fruchtlosen Gespräch hatte er sich schließlich entnervt ins Gästezimmer zurückgezogen. Und als Patricia an diesem Morgen zu ihm gekommen war, um sich mit ihm zu „versöhnen“, hatte er sie abgewiesen. Er hatte zwar sechs Wochen lang enthaltsam gelebt – entgegen seinem Ruf war er treu, solange er sich in einer Beziehung befand –, doch er ließ sich nicht gern manipulieren, erst recht nicht in Sachen Sex. Und hinter Patricias Zärtlichkeiten hatte er ein wenig zu laut die Hochzeitsglocken läuten hören.

Plötzlich umfasste jemand seinen Arm und riss ihn aus seinen Gedanken. „Was machst du denn hier, Yannis?“ Erschrocken sah Anna ihn an. „Wolltest du nicht erst Montag kommen …?“

„Keine Panik, Schwesterherz“, neckte er sie. „Solange sich deine Gäste nicht in mein Zimmer verirren, kannst du meinetwegen weiterfeiern.“ Anna war einundzwanzig und konnte sehr gut selbst auf sich aufpassen, aber ihr Vater, ein typisch griechischer Patriarch, bestand darauf, dass sein Sohn ein wachsames Auge auf sie hatte. Deswegen kam er regelmäßig zu Stippvisiten nach London und bewohnte dann ein Zimmer im oberen Stock des Hauses.

„Okay, ich sorge dafür“, versprach Anna und verschwand auf der Tanzfläche.

Yannis schenkte sich ein Glas Whisky ein und ließ den Blick durch den überfüllten Raum schweifen. Weder die Musik noch die schrill gekleideten Partygäste waren nach seinem Geschmack. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass es schon kurz vor Mitternacht war. Seine innere Uhr war jedoch noch auf amerikanische Zeit eingestellt, und er verspürte nicht die geringste Müdigkeit.

Unwillkürlich wanderten seine Gedanken erneut zu Patricia. Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er über die Unberechenbarkeit der Frauen nachdachte. Als er die ehrgeizige junge Anwältin kennengelernt hatte, schien sie genau der Typ Frau zu sein, den er bevorzugte. Attraktiv, intelligent und unabhängig. Von Anfang an hatte er klargestellt, dass er sich nicht fest binden wollte, und zuerst schien sie es auch zu akzeptieren. Doch in den letzten Monaten hatte sie immer nachdrücklicher von Heirat gesprochen, sodass er ihr schließlich unmissverständlich klar machen musste, dass sie an den Falschen geraten war.

Er seufzte und trank noch einen Schluck Whisky. Sobald Anna Ende Juli mit dem Studium fertig war, würde das Haus wie ursprünglich geplant in Gewerberaum umgewandelt werden. Die jetzige Lösung war ein Kompromiss zwischen Anna und ihrem Vater, der es strikt ablehnte, seine Tochter in einem Studentenheim wohnen zu lassen.

Unter halb geschlossenen Lidern beobachtete Yannis, wie die jungen Leute im Rhythmus der Musik die Hüften kreisen ließen, und fühlte sich unwillkürlich an ein archaisches Fruchtbarkeitsritual erinnert. In diesem Moment konnte er sich beinah in seinen Vater hineinversetzen. Allerdings nur beinah, denn gleichzeitig erregte ihn die Vorstellung, heute Nacht einen dieser biegsamen weiblichen Körper in den Armen zu halten …

Energisch verdrängte er den unerwünschten Gedanken. One-Night-Stands waren nicht sein Stil, und außerdem waren die Freundinnen seiner kleinen Schwester tabu für ihn. Entschlossen bahnte er sich einen Weg aus dem Wohnzimmer. Er brauchte jetzt keinen Whisky, sondern einen starken Kaffee.

Als er in die Küche kam, schloss er die Tür hinter sich, sodass er die junge Frau erst bemerkte, als er sich umdrehte. Wie gebannt blieb er stehen.

Sie stand mit dem Rücken zu ihm und leerte gerade den grellgrünen Inhalt einer Flasche ins Spülbecken. Tiefschwarzes Haar fiel ihr in seidigen Wellen fast bis zur Taille und bildete einen atemberaubenden Kontrast zu ihrer blassen schimmernden Haut. Bewundernd ließ Yannis den Blick über die verführerische Rundung ihrer Hüften gleiten und auf dem winzigen schwarzen Etwas von Rock verweilen, das einen festen, wohlgeformten Po umschloss …

Und erst ihre Beine!

Yannis schluckte und schob rasch eine Hand in die Hosentasche, um seine unerwartet heftige Reaktion zu kaschieren. So etwas war ihm nicht mehr passiert, seit er als pubertierender Schuljunge mit seinem Hormonüberschuss zu kämpfen hatte. Allerdings waren diese Beine tatsächlich aufsehenerregend. Endlos lang, schlank und schimmernd wie Alabaster.

„Oh … hallo!“, brachte er heiser hervor und ging auf sie zu. Wenn schon der Anblick ihrer Rückseite ihm den Atem raubte …

Beim unerwarteten Klang der tiefen männlichen Stimme glitt Willow die Flasche aus der Hand und landete klirrend im Spülbecken. Sie wirbelte herum, um den unerwünschten Eindringling zurechtzuweisen, doch bei Yannis’ Anblick verschlug es ihr die Sprache.

Er war der bestaussehende Mann, dem sie je begegnet war!

Groß und lässig elegant in cremefarbener Hose und einem blauem Hemd, das seine tiefe Sonnenbräune unterstrich. Dabei strahlte er eine so überwältigende Energie aus, dass Willow sich von Kopf bis Fuß wie elektrisiert fühlte. Sein glattes schwarzes Haar war erstklassig geschnitten. Vielleicht etwas zu lang, doch es verlieh ihm eine verwegene Note, die seinen Sex-Appeal noch verstärkte.

Der Mann war der Wirklichkeit gewordene Traum aller Teenager.

Bei seinem sinnlichen Lächeln wurden Willow die Knie weich … es war, als würde die Zeit stillstehen. Bisher hatte sie die sogenannte Liebe auf den ersten Blick verächtlich als Fantasieprodukt abgetan. Doch als sie jetzt dem Fremden wie gebannt in die Augen sah, wusste sie, dass alles, was sie je darüber gehört hatte, stimmte. Es war, als könnte dieser Mann ihr direkt in die Seele schauen, und sie fühlte sich ihm plötzlich ganz nah …

Das muss Liebe sein! ging es ihr spontan durch den Kopf. Was sollte es auch sonst sein? Noch nie zuvor hatte sie so etwas empfunden.

Erst viel später sollte sie ihren Irrtum begreifen …

Als die junge Frau Yannis ihr Gesicht zuwandte, war er, gelinde gesagt, schockiert. Die strahlend blauen Augen waren dick mit schwarzem Kajal umrandet, auf den Lidern lag grellblauer Lidschatten, und die langen Wimpern waren viel zu stark getuscht. Blutroter Lippenstift und eine dicke Schicht Make-up, die einen harten Kontrast zu ihrer blassen, zarten Haut bildete, vervollständigten die groteske Kriegsbemalung.

Langsam ließ Yannis den Blick tiefer gleiten, betrachtete die nackten Schultern, den Ansatz ihrer hohen, straffen Brüste in dem metallisch glänzenden Bikinitop, den flachen Bauch … Als er den kleinen Stein in ihrem Bauchnabel aufblitzen sah, musste er ein Stöhnen unterdrücken. Abgesehen von dem misslungenen Make-up war diese Frau eine Sexgöttin!

„Eine Schönheit wie Sie sollte sich nicht in der Küche verstecken“, bemerkte er lässig. Ohne sich seine Gedanken anmerken zu lassen, ging er dann auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Ich bin Yannis Kadros, Annas Bruder. Und Sie …?“

Ihre Augen waren unglaublich blau. Flüchtig überlegte er, ob die Farbe wohl echt sei, doch im Grunde war es ihm völlig egal. Es war ihr Körper, der ihn verrückt machte.

„Sind Sie Annas neue Mitbewohnerin?“

Als sie weiter stumm zu ihm aufsah, zog er amüsiert die Brauen hoch. „Oder vielleicht eine mystische Fantasiegestalt?“, neckte er sie. „Ein überirdisches Geschöpf, das nicht sprechen kann …“

„Ich heiße Willow“, erwiderte sie kühl. „Und … ja, ich wohne hier.“ Sie gab ihm flüchtig die Hand, und Yannis spürte, wie die Berührung ihn elektrisierte.

„Willow …“, wiederholte er heiser und ließ den Blick seiner dunklen Augen über ihren perfekten Körper gleiten. „Der Name passt zu Ihnen.“ Seine eiserne Regel, sich unter keinen Umständen mit Annas Freundinnen einzulassen, war plötzlich vergessen. „Hätten Sie Lust, mit mir zu tanzen … Willow?“

„Nein, danke, ich … ich glaube, das kann ich nicht.“ Mit einem Blick zur Tür fügte sie leise hinzu: „Wenigstens nicht so wie die anderen.“

Yannis lächelte. „Dann bringe ich Ihnen bei, es auf meine Art zu tun“, schlug er in sinnlichem Tonfall vor und führte sie ins Wohnzimmer, wobei er keineswegs nur ans Tanzen dachte.

Unter dem starren Make-up sah er ihre klassischen Gesichtszüge, die zierliche gerade Nase, die vollen sinnlichen Lippen … Sie war eine umwerfende Schönheit, und er begehrte sie wie noch keine Frau zuvor. Was spielte ihr Geschmack in puncto Outfit schon für eine Rolle? Er ignorierte die Stimme der Vernunft und ließ es widerstandslos geschehen, dass seine Libido die Führung übernahm.

Während er Willow in seinen Armen hielt, schmiegte sich ihr Körper so perfekt an seinen, als wäre er eigens für ihn geschaffen worden. Sanft streifte er mit den Lippen ihr Haar und musste dabei feststellen, dass ihr frischer, junger Duft ihn stärker erotisierte als jedes Parfüm.

Die laute Musik machte eine Unterhaltung fast unmöglich, doch es gelang Yannis auch ohne viele Worte, seinen geballten Charme zum Einsatz zu bringen. Immer wieder brachte er sie zum Lachen und entlockte ihr sanfte Seufzer, als er seine erfahrenen Hände über ihren schlanken Körper gleiten ließ. Und als er nach einer Weile vorschlug, einen etwas ruhigeren Ort aufzusuchen, nahm sie vertrauensvoll seine Hand und ließ sich von ihm die Treppe hinaufführen …

Yannis schlug die Augen auf und streckte sich genüsslich. Er fühlte sich großartig – nein, mehr als das: Er fühlte sich unschlagbar! Und das verdankte er allein der schönen Willow. Noch immer hatte er ihren Geschmack auf der Zunge, spürte den Druck ihrer schlanken Beine um seine Hüften, hörte ihre erstickten kleinen Lustschreie …

Im Laufe der Nacht, während der er sie behutsam in immer neue, immer erotischere Liebesspiele eingeweiht hatte, hatte sie sich als wunderbar bereitwillige, leidenschaftliche Partnerin erwiesen. Zugleich war etwas Unerfahrenes von ihr ausgegangen, das ihn ganz seltsam angerührt hatte. Hätte sie nicht so wild und hemmungslos auf alles reagiert, was er mit ihr tat, hätte er beinah glauben können, sie habe noch nie zuvor mit einem Mann geschlafen.

Im Nachhinein beglückwünschte er sich zu seiner Entscheidung, mit Patricia Schluss gemacht zu haben. Willow entsprach viel mehr seinem Geschmack. Zufrieden rollte er sich auf die Seite – und erschrak, als er merkte, dass er allein im Bett lag.

Dann fiel es ihm wieder ein, und ein erwartungsvolles Lächeln glitt über seine männlich schönen Züge. Im Morgengrauen hatte er Willow vorgeschlagen, mit ihm irgendwohin zu fahren und ein gemeinsames Wochenende zu verbringen. Sie hatte begeistert zugestimmt und war sofort in ihr Zimmer gegangen, um zu duschen und einige Sachen zusammenzupacken. Um halb neun wollten sie sich unten treffen und das Haus verlassen, bevor die anderen aufwachten.

Schwungvoll stieß Yannis die Decke beiseite und schwang die Beine aus dem Bett. Dann sah er den Blutfleck, und sein Herz begann wie wild zu hämmern.

Verdammt! Sie konnte doch unmöglich noch Jungfrau gewesen sein!

Yannis dachte an ihr provozierendes Outfit. An die Selbstverständlichkeit, mit der sie mit ihm, einem Fremden, ins Bett gegangen war. Anna hatte ihm erzählt, dass „die Neue“ gerade das erste Staatsexamen abgelegt habe, was bedeutete, dass sie mindestens zweiundzwanzig sein musste. Sicher gab es irgendeine andere Erklärung für den Blutfleck.

Als er den Kopf hob und sein Blick auf die Uhr fiel, stieß er einen leisen Fluch aus. Verflixt, es war schon elf! Seit Jahren hatte er nicht mehr verschlafen. Offensichtlich hatten der Jetlag und die kräftezehrende Liebesnacht mit Willow ihren Tribut gefordert.

Er mahnte sich zur Ruhe und stellte sich unter die Dusche. Nach der traumhaften Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, war er sicher, dass Willow unten auf ihn wartete. Während er genüsslich das heiße Wasser über seinen Körper rinnen ließ, stellte er sich vor, wie er die schöne Willow in die reizvollen Seiten des Lebens einführte. Er würde sie völlig neu einkleiden, dafür sorgen, dass unter seiner fachkundigen Anleitung ihre atemberaubende Schönheit gebührend zur Geltung kam.

Fünf Minuten später betrat er lässig in Jeans und schwarzem Polohemd die Küche und fand Anna und ihre Wohngenossinnen Maggie und Joe beim Frühstück vor. Mit ihnen saß ein blondes Mädchen am Tisch, das er nie zuvor gesehen hatte. Wahrscheinlich ist sie noch von der Party übrig geblieben, dachte er und fragte sich leicht beunruhigt, warum Willow nicht bei ihnen war.

„Hallo, Bruderherz“, begrüßte Anna ihn fröhlich. Sie stand auf und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich hoffe, du hast bei dem Lärm gestern schlafen können. Setz dich, ich hole dir einen Kaffee. Du siehst aus, als hättest du dringend einen nötig.“

Yannis zog sich einen Stuhl an den Tisch und hörte eine Weile den Mädchen zu, die genüsslich die Ereignisse der letzten Nacht Revue passieren ließen. Nach der zweiten Tasse von Annas starkem Gebräu erkundigte er sich wie nebenbei: „Wo steckt eigentlich eure neue Mitbewohnerin? Ich bin ihr gestern Abend in der Küche begegnet. Langes schwarzes Haar … ich glaube, ihr Name war Willow …“

Zu seiner Verwunderung prusteten alle vier Mädchen gleichzeitig los. Schließlich klärte die Blonde ihn auf. „Ich bin die neue Mitbewohnerin, und ich heiße Emma. Sie meinen sicher den Bücherwurm. Aber der ist schon lange weg.“

Die Nachricht traf Yannis wie ein Faustschlag in den Magen. Diese kleine Hexe hatte ihn also angelogen und sich dann klammheimlich aus dem Staub gemacht, ohne ihm eine Nachricht zu hinterlassen …

Er setzte eine undurchdringliche Miene auf und erkundigte sich mit beiläufigem Interesse: „Warum nennen Sie sie Bücherwurm?“ Im Stillen hatte er bereits beschlossen, sie umgehend zurückzuholen. Da die Mädchen Willow offenbar kannten, würde es ein Kinderspiel sein, ihre Adresse herauszufinden.

Und er wollte sie unbedingt zurückhaben!

„Wir haben ihr in der Schule den Spitznamen verpasst, weil sie ständig den Kopf in irgendwelche Bücher gesteckt hat“, unterbrach Emma seine Gedanken. „Im Grunde kenne ich sie kaum. Wir haben dasselbe Internat besucht, eine Klosterschule, auf die viele Diplomatenfamilien ihre Töchter schicken. Willow war vier oder fünf Klassen unter mir, eine typische Einzelgängerin.“ Emma verzog das Gesicht. „Gestern Abend haben wir uns wirklich Mühe gegeben, sie mit einzubeziehen, aber ich glaube, sie hat sich ziemlich unwohl gefühlt. Jedenfalls ist sie schon vor Mitternacht ins Bett gegangen.“

Yannis verdrängte das dumme Gefühl, das ihn bei dem Wort „Klosterschule“ beschlichen hatte. „So, wie sie gestern aussah, kam sie mir aber nicht gerade wie ein Bücherwurm vor.“

Erneut brachen die Mädchen in kreischendes Gelächter aus.

„Es war eine Huren-und-Pfarrer – Party, Yannis“, informierte Anna ihn nachsichtig. „Hast du das etwa nicht bemerkt?“

„Willow hatte erwartungsgemäß nichts Passendes zum Anziehen dabei“, mischte Emma sich ein. „Darum habe ich ihr etwas von mir geliehen und ihr beim Schminken geholfen, damit sie nicht so aus dem Rahmen fällt.“

Yannis fühlte sich wie ein kompletter Idiot. Eine ganz neue Erfahrung, die ihn in hilflose Wut versetzte. Irgendwann im Laufe der Nacht war Willow ins Bad gegangen und hatte sich abgeschminkt. Als sie zurückkam, war er von der natürlichen Schönheit ihres jungen Gesichts so hingerissen gewesen, dass er sie gleich wieder genommen hatte. Erneut fiel ihm das befleckte Laken ein, und er konnte nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrücken.

„Willow geht also nicht mit euch zur Uni?“ Unwillkürlich stand er auf. Er ahnte, dass das, was jetzt kam, ihm nicht gefallen würde.

„Du liebe Güte, nein!“ Emma kicherte affektiert. „Sie ist erst gestern aus dem Internat gekommen und fliegt heute zu ihrer Mutter nach Indien. Mein Vater arbeitet auch fürs Auswärtige Amt und kennt Mrs Blain seit Jahren. Es war seine Idee, dass Willow hier schläft. Offenbar war ihrer Mutter nicht wohl bei dem Gedanken, dass ihre Tochter allein in einem Londoner Hotel übernachtet, und noch dazu an ihrem achtzehnten Geburtstag.“

An ihrem achtzehnten Geburtstag?

„Warum interessiert dich das eigentlich so, Yannis?“ Anna warf ihrem Bruder einen neugierigen Blick zu. „Man könnte ja fast meinen, du wärst scharf auf Willow. Ach, da fällt mir ein, Patricia hat heute Morgen ungefähr hundert Mal hier angerufen. Den ersten Anruf hat Willow angenommen, kurz bevor sie ging, aber mit den übrigen durfte ich mich herumschlagen.“ Sie schnitt ein Gesicht. „Ich glaube, je eher du dich bei ihr meldest, desto besser. Als sie das letzte Mal anrief, stand sie kurz vor einem Wutanfall.“

Yannis ging es nicht anders. Der Anblick der drei Mädchen, die ihn albern angrinsten, nervte ihn zunehmend, doch in erster Linie richtete sich sein Zorn gegen ihn selbst. Das durfte doch nicht wahr sein! Er hatte auf einer Kostümparty seiner kleinen Schwester eine kaum achtzehnjährige Klosterschülerin entjungfert … Sein Magen krampfte sich zusammen, und es schnürte ihm die Kehle zu.

„Was ist jetzt, Yannis?“ Annas Stimme drang von weit her an sein Ohr. „Rufst du Patricia zurück?“

„Nein. Wir haben uns getrennt. Wenn sie noch einmal anruft, sag ihr einfach, ich sei nicht da.“

Als er kurz darauf das Haus verließ, fühlte er sich hundeelend.

2. KAPITEL

Willow saß an dem runden Konferenztisch im Tagungsraum eines exklusiven Londoner Hotels und wünschte sich weit weg. Ihr dritter Roman, Ein Mörder mit Format, war für die Auszeichnung „Bester Krimi des Jahres“ nominiert worden und galt als einer der Favoriten.

Für fünf Uhr am Nachmittag war ein weiterer Termin für sie arrangiert worden. Der bekannte Hollywoodproduzent Ben Carlavitch hatte Interesse an den Filmrechten für das Buch bekundet und war eigens nach London geflogen, um darüber zu verhandeln. Als ihre Agentin Louise sie vor drei Tagen telefonisch darüber informiert hatte, war Willow vor Freude und Aufregung ganz aus dem Häuschen gewesen. Es hatte zwar bedeutet, dass sie nach London kommen und dort übernachten musste, dennoch hatte sie sofort zugestimmt. Nun begann sie allmählich, ihren Entschluss zu bereuen.

Sie blickte in die Runde ernst dreinblickender Schriftsteller und Literaturkritiker und fühlte sich hoffnungslos fehl am Platz. Mit achtzehn war sie von der Schule abgegangen und mehr oder weniger zufällig zum Schreiben gekommen. Lesen war schon immer ihre große Leidenschaft gewesen, besonders Kriminalromane. Als sie zwanzig war, hatte sie beschlossen, zum Spaß selbst einen zu schreiben. Und jetzt, sieben Jahre und drei Bücher später, befand sie sich genau in der Situation, die sie am meisten verabscheute – im Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit.

Nach dem Mittagessen würde die Jury die Entscheidung bekannt geben, doch Willow wünschte, dass alles schon vorüber wäre. Ihre fünf Konkurrenten waren ausnahmslos angesehene, seit Jahren erfolgreiche Autoren, gegen die sie sich kaum Chancen ausrechnete.

Zwei Stunden später verließ Willow wie benommen den Konferenzraum. Schon jetzt konnte sie sich kaum noch an ihre improvisierte Dankesrede erinnern. Von Louises Handy aus hatte sie ihren Sohn Stephen angerufen, um ihm die aufregende Nachricht mitzuteilen, bevor sie von einem Schwarm von Gratulanten umringt wurde.

Als sie nun mit ihrer Agentin zum Aufzug ging, zitterten ihr immer noch vor Aufregung die Knie, und sie war dankbar für Louises beruhigende Hand auf ihrem Arm.

„In einer Viertelstunde müssen wir los, um Carlavitch zu treffen“, verkündete diese nun. „Das Timing hätte nicht perfekter sein können, denn dank des Preises, den Sie soeben gewonnen haben, können wir nun ganz andere Summen verlangen.“ Sie lächelte Willow strahlend an. „Es gibt keinen Grund, so ein bedrücktes Gesicht zu machen, Willow – Sie sind jetzt ein Star!“

„Was ist denn hier los?“, verlangte Yannis Kadros zu wissen, als er den Reporter und den Kameramann eilig das Foyer durchqueren sah. Verärgert blickte er den Hotelmanager an. „Sie wissen doch: keine Belästigung der prominenten Gäste durch die Presse.“

Yannis war an diesem Tag geschäftlich nach London gekommen. Als Besitzer eines internationalen Immobilienkonzerns, zu dem auch eine exklusive Hotelkette gehörte, hatte er wie immer als Erstes bei der Rezeption vorbeigeschaut. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass gelegentliche Überraschungsbesuche mehr darüber verrieten, wie seine Hotels geführt wurden, als stundenlange Mitarbeiterbesprechungen.

Das beflissene Lächeln des Managers wurde dünn. „Ich bedaure sehr, Mr Kadros, aber als die Person, um die es geht, bei uns eincheckte, kannte niemand ihren Namen. Wir hatten hier heute eine Buchpreisverleihung, und die ganze Aufregung rührt offenbar daher, dass der Gewinner, ein gewisser J.W. Paxton …“

„J.W. Paxton?“, unterbrach Yannis ihn. „Ich habe sein neues Buch gelesen und fand es hervorragend. Allerdings wundert es mich, dass sich die überregionale Presse dafür interessiert. Vermutlich gibt es heute keine aufregenderen Nachrichten.“

„Dann haben Sie J.W. Paxton noch nicht gesehen“, bemerkte der Manager und blickte vielsagend zum Zwischengeschoss hinauf, wo sich gerade die Lifttüren öffneten. „Da kommt er gerade, nur dass es sich bei ihm um eine Sie handelt … und was für eine!“

Yannis folgte seinem Blick und glaubte sekundenlang zu halluzinieren.

Willow Blain!

Die Frau, die ihn seit neun Jahren bis in seine Träume verfolgte.

Sie jetzt in Fleisch und Blut vor sich zu sehen, traf ihn wie ein Faustschlag in den Magen. Ein plötzlicher Ärger, heftig und primitiv, stieg in ihm auf. Impulsiv wollte er auf sie zugehen, doch dann überlegte er es sich anders. Seine unbeglichene Rechnung mit Willow war eine höchst private Angelegenheit. Und er konnte warten …

Lässig an eine Marmorsäule gelehnt, betrachtete er sie eingehend. Sie hatte sich kaum verändert. Vielleicht war ihre Figur jetzt ein wenig voller, aber sie war immer noch unglaublich sexy. Die begehrlichen Blicke der Presseleute bestätigten es.

Dass aus dem einstigen Bücherwurm eine erfolgreiche Autorin geworden war, erstaunte ihn nicht so sehr. Die Tatsache, dass sie sich dabei als Mann ausgab, war allerdings höchst ungewöhnlich. Ihm hatte an ihrem Buch besonders gefallen, dass es auf die Intelligenz des Lesers setzte. Ihr Schreibstil war kraftvoll und leidenschaftlich. Dass Willow Leidenschaft besaß, konnte er bezeugen. Und was ihren Hang zum Versteckspiel betraf … Er verzog die Lippen zu einem selbstironischen Lächeln. Hatte sie ihn nicht schon bei ihrer ersten Begegnung zum Narren gehalten?

Als Willow aus dem Aufzug trat, wurde sie von Blitzlichtern geblendet, sodass sie den großen dunkelhaarigen Mann, der sie schweigend musterte, zuerst nicht bemerkte.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte sie Louise nervös. „Ich dachte, der offizielle Fotograf der Veranstaltung hätte seine Fotos schon gemacht.“

Louise warf ihr einen amüsierten Seitenblick zu. „Sicher, aber der Umstand, dass J.W. Paxton in Wirklichkeit eine umwerfend attraktive Frau namens Willow Blain ist, plus der Tatsache, dass Ben Carlavitch persönlich eingeflogen ist, um sich die Filmrechte an Ihrem Buch zu sichern, macht das Ganze zu einer echten Mediensensation.“

„Ich wünschte, ich wäre wirklich ein Mann“, murrte Willow, während sie an Louises Seite die breite Treppe hinunterschritt, die zum Foyer führte.

„Einen Moment, Willow!“

Der durchdringende Ruf des Fotografen ließ die beiden Frauen in der Bewegung verharren. Verlegen strich Willow sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und versuchte, einen lockeren Eindruck zu machen. Plötzlich fand sie, dass der herzförmige Ausschnitt ihres hellgrünen Kleides viel zu tief blicken ließ. Der weiche Stoff schmiegte sich eng an ihren Körper, und der Rock war für ihren Geschmack eine Spur zu kurz. Doch das ließ sich nun nicht mehr ändern. Es war das Passendste gewesen, was sie auf die Schnelle in Devon, wo sie lebte, hatte auftreiben können.

Am Morgen hatte sie sich das Haar mit einem Seidenschal streng nach hinten gebunden. Inzwischen hatten sich einige Locken daraus gelöst und umschmeichelten ihr Gesicht und den schlanken Hals. Ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet, doch irgendwie gelang es ihr, den Hagel von Fragen zu beantworten, mit denen der Reporter sie bombardierte.

Endlich schaltete Louise sich ein. „Danke, meine Herren, ich denke, das genügt“, verkündete sie nun energisch. „Mrs Blain hat einen wichtigen Termin.“

Doch der Fotograf schien jetzt erst richtig in Fahrt zu kommen. „Nur noch eine Aufnahme, Willow“, bettelte er. „Diesmal vielleicht mit offenem Haar. Und wenn Sie sich dabei ein wenig übers Geländer beugen und die Hand auf die Hüfte …“

„Kommt überhaupt nicht infrage!“ Nur mit größter Mühe gelang es Willow, ihr liebenswürdiges Lächeln aufrechtzuerhalten. So eine Unverschämtheit! Schließlich war sie Schriftstellerin und kein Pin-up-Girl. Ihre ursprüngliche Freude über den Preis war verflogen. Stattdessen besorgte sie nun der Gedanke, dass morgen in ganz England ihr Foto in den Zeitungen erscheinen würde. Man wusste nie, wer darüber stolperte, und ihr Privatleben war ihr heilig. Sie hob die Hand, um dem aufdringlichen Fotografen Einhalt zu gebieten … und glaubte, ihren Augen nicht zu trauen.

Er überragte jeden anderen Mann im Foyer.

In einem hellgrauen Anzug, der lässig seine breiten Schultern betonte, kam er mit geschmeidigen Schritten direkt auf sie zu.

Yannis Kadros!

Wie gelähmt stand sie da, konnte ihn nur stumm ansehen. Sie hätte gern geglaubt, dass es sich lediglich um eine Erscheinung handelte, doch leider war der Mann, der jetzt vor ihr stehen blieb, nur allzu real. Sein schwarzes Haar war inzwischen von silbernen Strähnen durchzogen, was ihn sogar noch attraktiver wirken ließ als damals. Respekt gebietender. Männlicher …

Mit verstörender Intensität hielt er den Blick auf sie gerichtet, und sosehr Willow es auch wollte – sie konnte nicht den Blick von ihm abwenden. Es war, als wäre sie in eine Zeitschleife hineingeraten und würde ihre erste Begegnung mit ihm erneut durchleben.

„Ich denke, Miss Blain hat Ihre Fragen ausgiebig beantwortet“, erklärte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Bevor Willow reagieren konnte, hatte er ihren Ellbogen umfasst und dirigierte sie zielstrebig durchs Foyer. Vor einer Tür mit der Aufschrift „Direktion“ blieb er stehen und führte sie in ein geräumiges Büro.

Endlich fand sie die Sprache wieder. „Wir dürfen uns hier nicht aufhalten“, bemerkte sie naiv und blickte nervös um sich.

„Keine Sorge, wir dürfen“, entgegnete Yannis gelassen. „Dieses Hotel gehört nämlich mir.“ Dann wandte er sich an den Manager, der ihnen eilig gefolgt war. „Werden Sie die beiden Aasgeier von der Presse los, und informieren Sie Mrs Blains Agentin, dass es nicht lange dauert“, ordnete er an. „Und machen Sie die Tür hinter sich zu, wenn Sie gehen.“

Willow war noch zu schockiert, um zu protestieren. Neun Jahre lang hatte sie sich immer wieder vor Augen gehalten, dass die Wahrscheinlichkeit, Yannis Kadros je wieder zu begegnen, ungefähr bei eins zu einer Million lag. Und nun stand er ihr in Fleisch und Blut gegenüber. Schweigend stand sie da und sah ihn aus großen Augen an, während sie spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken rieselte.

Es war so unfair!

Dies hätte eine Sternstunde in ihrem Leben sein sollen, und nun tauchte Yannis Kadros auf und bedrohte ihre wohlgeordnete kleine Welt. Hastig wandte sie den Blick ab und sah sich im Raum um, damit er die Angst und den inneren Aufruhr in ihren Augen nicht sah.

Selbst heute noch krampfte sich schmerzhaft ihr Magen zusammen, wenn sie daran dachte, wie unbedarft sie bei ihrer ersten Begegnung gewesen war.

Aber war das in Anbetracht ihrer Vorgeschichte ein Wunder?

Ihre Eltern waren beide Diplomaten gewesen. An ihren Vater konnte sie sich nicht mehr erinnern, er war gestorben, als sie noch ein Baby war. Ihre Mutter hatte Willow nur während der Sommerferien gesehen, wenn sie sie bei den ständig wechselnden Botschaften besuchte. Den Großteil ihrer Kindheit hatte Willow bei ihrer Großmutter in Devon verbracht, bis sie mit zwölf ins Internat kam. Drei Monate vor ihrem achtzehnten Geburtstag starb ihre Großmutter. Wie üblich sollte Willow die kommenden Sommerferien bei ihrer Mutter verbringen, die sich zu der Zeit in Indien befand.

Zum ersten Mal allein in London und angeblich gut behütet von alten Freunden ihrer Mutter, war sie keine Herausforderung für die raffinierten Verführungskünste eines Yannis Kadros gewesen. Ihre gesamte Lebenserfahrung stammte aus Büchern, und ihr Kopf war vollgestopft mit romantischen Teenagerträumen.

Überwältigt von seiner sinnlichen Ausstrahlung, hatte sie ihm beinah sofort nachgegeben und eine unvergessliche Liebesnacht mit ihm verbracht. Als Yannis ihr im Morgengrauen vorschlug, das Wochenende mit ihm zu verbringen, damit sie einander besser kennenlernten, hatte sie ihr Glück kaum fassen können.

Wie auf Wolken schwebte sie in ihr Zimmer, um einige Sachen zusammenzupacken. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich wie eine richtige Frau, und es war himmlisch! Nachdem sie geduscht und sich angezogen hatte, eilte sie beschwingt die Treppen hinunter. Sie wollte ihre Mutter anrufen, um sie über die Änderung ihrer Pläne zu informieren. Doch bevor sie dazu kam, läutete das Telefon in der Halle. Nach kurzem Zögern nahm sie ab.

„Ich möchte meinen Verlobten sprechen, Yannis Kadros“, meldete sich eine selbstsichere Frauenstimme. „Hier spricht Patricia.“

„Er schläft noch“, erwiderte Willow automatisch. Es dauerte einige Sekunden, bis die Bedeutung dessen, was sie soeben gehört hatte, zu ihr durchdrang.

Am anderen Ende hörte sie Patricia lachen. „Oje, der Ärmste! Wahrscheinlich ist er so erschöpft, weil ich ihn vor seinem Abflug die halbe Nacht wach gehalten habe. Und dann noch der Jetlag … Hören Sie, wecken Sie ihn nicht. Ich fliege heute Nachmittag selbst hinüber, und dann möchte ich ihn ausgeruht vorfinden.“ Wieder gab sie ein perlendes Lachen von sich. Dann trug sie Willow auf, Yannis so schnell wie möglich auszurichten, dass sie angerufen habe, und hängte ein.

Während Willow wie betäubt den Hörer auf die Gabel zurücklegte, tauchte Anna auf.

„Wer war denn dran?“, wollte sie wissen.

Willow erwiderte mit tonloser Stimme, es sei Yannis’ Verlobte gewesen.

„Ach, Patricia …“, meinte Anna nur und bestätigte damit die vernichtende Wahrheit.

„Kennen die beiden sich schon lange?“, fragte Willow wie unter einem inneren Zwang. Sie verachtete sich dafür, doch ihre Neugier war stärker als ihr Stolz.

„Ungefähr ein Jahr, würde ich sagen, ein echter Rekord für meinen Bruder.“ Anna lachte. „Mein Vater fängt zwar schon an, von Enkelkindern zu fantasieren, aber ich glaube, Patricia hält sich nur deshalb so lange, weil sie akzeptiert, dass Yannis ein unverbesserlicher Playboy ist.“

Willow hatte genug gehört. Eine halbe Stunde später saß sie in einem Taxi auf dem Weg zum Flughafen.

Und jetzt, genau neun Jahre später, begegneten sich ihre Blicke erneut.

Unter seiner kühlen, beinah abweisenden Musterung fröstelte sie unwillkürlich. Dennoch verspürte sie zu ihrer Bestürzung ein sehnsüchtiges Ziehen im Bauch.

„Darf ich fragen, was das Ganze soll?“, erkundigte sie sich und merkte, wie unsicher ihre Stimme klang. Die Leichtigkeit, mit der Yannis sie wieder in seinen Bann zog, ärgerte sie, und sie trat demonstrativ einen Schritt zurück.

Yannis zuckte die Schultern. „Ich wollte eine alte Freundin aus einer unangenehmen Situation retten.“ Er hielt inne und zog fragend eine Braue hoch. „Aber vielleicht hättest du gern noch eine Weile für die jungen Männer da draußen posiert …?“ Sekundenlang ließ er den Blick auf ihrem verführerischen Dekolleté verweilen.

Willow errötete heftig. „Ich brauche keinen Retter“, verkündete sie mit einer Entschiedenheit, die sie nicht empfand. „Und jetzt entschuldige mich bitte, ich habe eine Verabredung.“

Yannis verzog die Lippen. „Ja, und wie ich hörte, mit keinem Geringeren als dem großen Ben Carlavitch. Aber lass mich dir vorher noch zu deinem Preis gratulieren. Ich habe dein letztes Buch gelesen und das raffinierte Gehirn sehr bewundert, das sich das alles ausgedacht hat.“ In seinen dunklen Augen glomm es beifällig auf. „Aber du hast ja schon immer über beträchtliche Talente verfügt …“

Willow ignorierte die Anspielung. Dieser arrogante Teufel wusste genau, wer er war: ein blendend aussehender Siegertyp, der mit seinem überlegenen Selbstbewusstsein die meisten Menschen einschüchterte. Willow machte da keine Ausnahme, doch sie würde ihm nicht die Genugtuung verschaffen, es ihm zu zeigen.

Aus den Zeitungen wusste sie, dass er nach dem Tod seines Vaters vor einigen Jahren das Familienimperium geerbt und dessen Größe inzwischen vervierfacht hatte. Mittlerweile gehörte er zu den reichsten und mächtigsten Männern der Welt. Er galt als gewiefter Geschäftsmann, der hin und wieder auch zu rücksichtslosen Maßnahmen griff, um seine Interessen durchzusetzen.

Und ausgerechnet in einem seiner Hotels würde sie die kommende Nacht verbringen!

„Schön, dass dir mein Buch gefallen hat“, antwortete sie steif und wandte sich erneut zum Gehen. „Aber jetzt muss ich wirklich los.“

Mit wenigen Schritten holte Yannis sie ein und hielt ihr höflich die Tür auf. Als sie jedoch an ihm vorbeigehen wollte, hielt er sie am Arm zurück. „Ich weiß, du hast jetzt einen Termin …“, er zögerte kurz, „… aber vielleicht könnten wir danach zusammen zu Abend essen …?“

Die Berührung seiner Hand auf ihrem nackten Arm löste ein elektrisierendes Prickeln auf ihrer Haut aus, ihr Puls begann zu jagen. Willow war entsetzt, wie stark sie auf diesen Mann reagierte, und es fiel ihr schwer, seinem Blick standzuhalten. „Danke für die Einladung, aber ich kann leider nicht.“

Yannis betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. „Und warum nicht?“, drängte er. „Gibt es einen eifersüchtigen Ehemann, der etwas dagegen hätte?“ Wenn sie seine Frau wäre, würde er sie keine Sekunde aus den Augen lassen.

„Nein“, antwortete Willow, ohne nachzudenken. Im selben Moment bereute sie es heftig. Es wäre eine ideale Gelegenheit gewesen, Yannis für immer loszuwerden, und in ihrer Panik hatte sie es verpatzt.

Ehe sie noch etwas hinzufügen konnte, nickte Yannis zufrieden. „Gut, dann spricht ja nichts dagegen, dass wir uns später treffen.“

„Tatsächlich?“, erkundigte sie sich kühl. „Findet deine Frau es denn in Ordnung, wenn du den Abend mit einer anderen verbringst?“ Sie wusste, dass er Patricia geheiratet hatte. Einige Monate nach ihrer Begegnung mit ihm hatte sie in einem Lifestyle-Magazin einen Bericht über die Villa gelesen, die Yannis für seine Frau in Griechenland hatte bauen lassen. Auf zahlreichen Hochglanzfotos war das luxuriöse Anwesen samt seiner eleganten Herrin zu sehen gewesen.

Yannis verzog keine Miene. „Patricia und ich haben uns schon vor Jahren scheiden lassen“, teilte er ihr gleichmütig mit. „Da wir also beide ungebunden sind, hindert uns nichts daran, den Abend zusammen zu verbringen, oder?“

Willow rang sich ein höfliches Lächeln ab. „Tut mir leid, ich bin schon mit meiner Agentin zum Dinner verabredet. Aber danke für die Einladung.“ Erneut wollte sie durch die Tür gehen, hatte jedoch nicht mit seiner Hartnäckigkeit gerechnet.

„Dann musst du wenigstens einen Schlummertrunk mit mir nehmen, sonst fange ich noch an zu glauben, du hättest etwas gegen mich.“ Leise fügte er hinzu: „Wenn ich mich recht erinnere, haben wir uns damals in aller Freundschaft und mit Handschlag verabschiedet.“

Willow senkte den Blick und schwieg einen Moment. Ein Drink und etwas Small Talk vor dem Schlafengehen … Was war schon dabei? Besser, sie erregte gar nicht erst sein Misstrauen. Morgen früh würde sie nach Devon zurückkehren und ihn nie wiedersehen.

„Also gut“, gab sie schließlich nach. „Aber warte nicht extra auf mich, es wird sicher sehr spät werden.“ Damit drehte sie sich um und verließ das Büro.

Ben Carlavitch war ein außerordentlich attraktiver Mann, doch er hätte genauso gut aussehen können wie Quasimodo, ohne dass Willow den Unterschied bemerkt hätte.

Seit sie mit ihm, ihrem Verleger, dem Anwalt des Verlages und Louise am Konferenztisch seiner Hotelsuite saß, hatte sie kaum ein Wort von dem mitbekommen, was besprochen wurde. Geistesabwesend stimmte sie allem zu, was man sie fragte, während ihre aufgewühlten Gedanken unablässig um Yannis Kadros kreisten …

Es stimmte. Sie hatten sich seinerzeit in aller Freundschaft und mit Handschlag verabschiedet. Was Yannis jedoch nicht wusste, war, dass es ihr damals fast das Herz gebrochen hatte, ihn aus ihrem Leben gehen zu lassen.

Als nach dem schrecklichen Telefonat an jenem Morgen all ihre romantischen Träume wie Seifenblasen zerplatzt waren, hatte sie sich der bitteren Wahrheit stellen müssen: Der Mann, in dessen Bett sie eben noch gelegen hatte, war verlobt und würde in Kürze eine andere heiraten. Sie, Willow, war auf einen gewissenlosen Verführer hereingefallen, den selbst seine eigene Schwester als Playboy bezeichnete.

Zwei Stunden später saß sie in der Abflughalle des Flughafens Heathrow und wartete darauf, dass man ihren Flug aufrief. Noch immer fühlte sie sich wie betäubt. Sie wollte nur noch zu ihrer Mutter und die beschämenden Ereignisse der letzten Nacht möglichst schnell hinter sich lassen. Für einen Moment schloss sie die Augen und verwünschte sich einmal mehr für ihre Dummheit.

„Willow …?“

Überrascht hob sie den Kopf. Als sie Yannis wie einen dunklen Racheengel vor sich aufragen sah, begann ihr Herz wie wild zu klopfen. Verrückterweise fühlte sie sich sofort wieder in seinen Bann gezogen, doch diesmal hatte sie sich besser unter Kontrolle.

Sie sah seinen bestürzten Blick und wusste genau, was in ihm vorging. Sicher fragt er sich jetzt, was mit dem glamourösen Partygirl in dem sexy Outfit passiert ist, dachte sie bitter. Für den langen Flug hatte sie eine bequeme weiße Baumwollhose und ein übergroßes blaues Sweatshirt angezogen. Ungeschminkt, das lange Haar zu zwei dicken Zöpfen geflochten, sah sie aus wie ein fünfzehnjähriges Schulmädchen.

„Was willst du hier?“, erkundigte sie sich abweisend.

„Soweit ich weiß, hatten wir für dieses Wochenende eine Verabredung.“ Mit undurchdringlicher Miene betrachtete Yannis ihr blasses Gesicht. Dann fügte er ironisch hinzu: „Übrigens, herzlichen Glückwunsch zum achtzehnten Geburtstag.“

Willow senkte den Blick und biss sich auf die Lippe.

„Wieso hast du mir verschwiegen, dass du noch so jung bist?“, brach Yannis schließlich das Schweigen.

Trotzig hob sie das Kinn. „Du hast mich nie nach meinem Alter gefragt.“

„Ach, komm schon, Willow, hast du mir etwa nicht vorgelogen, du seist eine Studienkollegin von Anna und ihre neue Mitbewohnerin?“

„Nein“, korrigierte sie ihn sachlich. „Ich habe lediglich gesagt, ich würde im Haus wohnen, und das war nicht gelogen.“

Darauf ließ Yannis das Thema fallen und schlug stattdessen vor, Willow in Indien zu besuchen, doch davon wollte sie nichts wissen.

„Dann gib mir wenigstens deine Telefonnummer, damit wir in Kontakt bleiben können, bis du zurück bist.“

Willow presste die weichen Lippen zusammen. „Das hat doch keinen Sinn, Yannis …“

Er setzte seine geballte Überzeugungskraft ein, doch es gelang ihm nicht, sie umzustimmen. Allmählich dämmerte in Yannis der Verdacht auf, dass Willow ihn nur benutzt hatte, um sich mit seiner Hilfe ihrer lästigen Jungfräulichkeit zu entledigen.

„Na schön, wie du willst“, meinte er schließlich kühl. „Aber sollte unsere gemeinsame Nacht irgendwelche … Folgen haben, melde dich bei mir.“

„Jetzt übertreib mal nicht, Yannis. Ich wette, du hast nichts dergleichen zu der Frau gesagt, mit der du die Nacht davor verbracht hast.“ Das Aufflackern von Schuldbewusstsein in seinen Augen verriet Willow, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. „Vergiss es einfach“, riet sie ihm gespielt lässig. „Schließlich hast du einen Schutz benutzt, und für den Notfall gibt es ja immer noch die Pille danach, oder?“ Sein betroffener Gesichtsausdruck war Balsam für ihr verletztes Herz.

„Also gut, dann gibt es wohl nichts weiter zu sagen. Außer vielleicht, dass es mir ein Vergnügen war, dir zu Diensten gewesen zu sein.“ Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

In dem Augenblick wurde Willows Flug aufgerufen. Irgendwie gelang es ihr, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. „Also dann, Yannis … keine bitteren Gefühle, einverstanden?“ Zögernd reichte sie ihm die Hand.

Unwillkürlich ergriff Yannis sie und betrachtete sie einen Moment lang verblüfft. „Alles Gute, Willow“, murmelte er schließlich und entzog ihr seine warme, kräftige Hand. Dann verschwand er in der Menge.

„Was meinen Sie, Willow? Sind Sie so weit mit allem einverstanden?“

Willow blinzelte und zwang sich in die Gegenwart zurück.

„Ich … oh ja, voll und ganz.“

Über den Tisch hinweg blickte Ben Carlavitch sie aus klugen grauen Augen an. „Sie haben nicht ein Wort von dem mitbekommen, was gesagt wurde“, stellte er trocken fest. „Ein ziemlicher Schlag für das Ego eines Hollywoodmoguls, wie ich zugeben muss.“

Willow erwiderte sein Lächeln. Sie schätzte ihn auf ungefähr Mitte dreißig, und erst jetzt fiel ihr auf, wie gut er aussah. „Doch, ich habe zugehört“, log sie. „Und wenn meine Agentin zufrieden ist, bin ich es auch.“

Carlavitchs Lächeln vertiefte sich. „Wie auch immer – der Mann ist zu beneiden. Ich hoffe, er weiß sein Glück zu schätzen. Falls nicht, rufen Sie mich an.“

3. KAPITEL

Der Türsteher hielt Willow beflissen die Wagentür auf. Sie stieg aus und verabschiedete sich von Louise, mit der sie das Taxi geteilt hatte. Einen Augenblick lang stand sie fröstelnd in der kühlen Nachtluft und betrachtete das imposante Eingangsportal des Hotels. Es war fast Mitternacht, und Willow nahm an, dass Yannis es längst aufgegeben hatte, auf sie zu warten. Zumindest hoffte sie es. Nach der Besprechung mit Carlavitch war sie mit den anderen noch zu einem exklusiven Italiener gegangen, um ihren Erfolg zu feiern. Sie hatte die Unterhaltung so lange wie möglich in die Länge gezogen, doch irgendwann war dann doch der unvermeidliche Moment des Aufbruchs gekommen.

Nun betrat sie das Foyer und steuerte zielstrebig auf die Rezeption zu, um sich ihren Zimmerschlüssel zu holen. In ihrer Ungeduld riss sie ihn der Empfangsdame förmlich aus der Hand, doch ihre Eile war umsonst. Als sie sich umwandte, prallte sie direkt gegen Yannis’ breite Brust.

„Du bist noch da?“, platzte sie wenig geistreich heraus und trat hastig einen Schritt zurück.

„Natürlich bin ich noch da. Ich sagte, ich würde dich zu einem Drink einladen, und wie heißt es doch so schön: Ein Mann, ein Wort.“

Unter seinem hypnotischen Blick schien sich ihr sonst so gut funktionierendes Denkvermögen merkwürdig zu verlangsamen. Bevor sie einen Einwand machen konnte, hatte er ihren Ellbogen umfasst und führte sie durchs Foyer.

Wie macht er das bloß? fragte sie sich verärgert. Sie verachtete diesen Mann, und doch genügte ein einziger Blick, um sie völlig aus der Bahn zu werfen. „Na schön“, gab sie widerstrebend nach. „Aber nicht länger als eine halbe Stunde …“

„Keine Sorge, der Champagner steht schon kalt.“

Und ehe sie wusste, wie ihr geschah, stand sie mit Yannis im Lift.

„Augenblick mal …“, wandte sie beunruhigt ein. „Ich dachte, die Bar wäre im Erdgeschoss.“ Plötzlich hatte sie das Gefühl, in der kleinen Kabine keine Luft mehr zu bekommen.

„Die Bar ist heute Abend überfüllt“, erklärte Yannis gelassen. „Ich dachte, nach dem hektischen Tag würdest du eine etwas intimere Atmosphäre vorziehen.“

Intimität mit Yannis Kadros war gleichbedeutend mit ihren schlimmsten Albträumen.

Allein auf so engem Raum mit ihm war sie sich seiner Gegenwart überdeutlich bewusst. Der frische, herbe Duft seines Rasierwassers stieg ihr in die Nase, und die leichte Berührung seines Körpers mit ihrem hatte eine verheerende Wirkung auf ihren Pulsschlag. „Vielleicht sollten wir das Ganze lieber auf ein anderes Mal verschieben“, schlug sie unsicher vor.

Yannis zog ironisch die Brauen hoch. „Sollte die berühmte Autorin eiskalter Mordgeschichten etwa Angst haben, mir bei einem harmlosen Schlummertrunk in meiner Suite Gesellschaft zu leisten?“

„Unsinn!“, wehrte Willow ab und hoffte, dass er ihre Lüge nicht durchschaute. „Aber es ist schon spät, und ich bin ziemlich müde …“

Yannis warf einen Blick auf seine flache Platinuhr. „Genau zwei Minuten vor zwölf – was für ein Zufall!“ Bedeutungsvoll sah er ihr in die wachsamen blauen Augen. „Genau wie bei unserer ersten Begegnung.“ Er lächelte sinnlich. „Allerdings hast du damals nicht über Müdigkeit geklagt. Eher im Gegenteil, wenn ich mich recht erinnere …“

Offenbar versuchte er, genau da wieder anzuknüpfen, wo sie vor neun Jahren aufgehört hatten, aber sie war kein dummer Teenager mehr. Diesmal würde sie nicht so leicht auf seinen aalglatten Charme hereinfallen.

„Ach, lass doch die alten Geschichten, Yannis“, bat sie ihn und bemühte sich um ein weltgewandtes Lächeln. „Ich blicke lieber in die Zukunft, statt die Vergangenheit aufzuwärmen.“

Er antwortete erst, als sich die Lifttüren geöffnet hatten und sie hinausgetreten waren. „Schade. Ich hatte gehofft, wir könnten unser erstes Treffen wiederholen …“

„Vergiss es!“, rief sie empört. Dann bemerkte sie seinen schalkhaften Gesichtsausdruck und das übermütige Aufblitzen in seinen Augen. Auf einmal sah er um Jahre jünger aus, und sie konnte nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern.

Yannis nickte zufrieden. „Na also. Ich hatte schon befürchtet, du hättest deinen Humor verloren.“ Er holte seinen Schlüssel heraus und öffnete die Tür zu seiner Suite. „Und, Willow … keine Sorge, ich werde nicht über dich herfallen wie ein ausgehungerter Triebtäter. Ob du es glaubst oder nicht, aus mir ist inzwischen ein respektabler, gesetzter Herr geworden.“ Mit geschmeidigen Schritten, die seine letzte Bemerkung Lügen straften, durchquerte er den Raum und ging zu einem kleinen Tisch, auf dem ein Eiskübel bereitstand. „Mach es dir bequem, und lass uns auf deinen Erfolg anstoßen, wie es sich für zwei alte Freunde gehört.“

Willow ließ sich zögernd auf einem kleinen Sofa nieder und sank tief in die weichen Polster. Während sie Yannis verstohlen unter ihren langen, dichten Wimpern beobachtete, versuchte sie sich zu entspannen, was ihr nicht gerade leicht fiel.

Ein respektabler, gesetzter Herr.

Von wegen!

Das Licht fing sich in den silbernen Strähnen, die sein dichtes schwarzes Haar durchzogen und sein gebieterisches Profil betonten. Keine Frage, die Jahre waren gut zu ihm gewesen. Die Lachfältchen um seine ausdrucksvollen Augen und die feinen Linien um seinen Mund ließen ihn noch interessanter wirken als damals und verliehen seinen fast schon zu schönen Zügen Charakter.

Er hatte inzwischen sein Jackett abgelegt, und Willow beobachtete fasziniert, wie die feine Seide seines Hemdes sich bei jeder Bewegung um seine breiten Schultern und die muskulöse Brust schmiegte. Mit den schmalen Hüften und den langen Beinen besaß er den perfekten männlichen Körper. Hinzu kamen sein immenser Reichtum und seine starke männliche Ausstrahlung, was ihn für das andere Geschlecht absolut unwiderstehlich machte.

Und er wusste es.

Deswegen konnte er es sich auch leisten, über sein Alter zu witzeln. Yannis wird auch noch als alter Mann ein gefährlicher Teufel sein, ging es Willow durch den Kopf. Ein Gedanke, der nicht gerade zu ihrem seelischen Gleichgewicht beitrug.

Sie sah ihm zu, wie er mit geübtem Griff die Champagnerflasche entkorkte. Als er dabei konzentriert die Brauen zusammenzog, stockte ihr sekundenlang der Atem. Exakt diesen Ausdruck hatte sie schon unzählige Male bei ihrem Sohn Stephen gesehen!

Schlagartig verschwand jede Wärme aus ihren blauen Augen. Fast hätte sie vergessen, welche Gefahr Yannis Kadros für ihr Leben darstellte. Unwillkürlich straffte sie sich und nahm mit einem kühlen „Danke“ das Champagnerglas entgegen, das er ihr reichte.

Zu ihrer Bestürzung setzte er sich nicht auf das gegenüberliegende Sofa, sondern direkt neben sie. Dann hob er sein Glas und betrachtete sie mit seinen glitzernden schwarzen Augen. „Auf die Verwandlung des Bücherwurms in die strahlende Queen of Crime.“

Sie stießen an, und während Willow sich zwang weiterzulächeln, überschlugen sich ihre Gedanken. Woher wusste er, dass man sie damals im Internat Bücherwurm genannt hatte? Sie war sicher, dass sie es ihm nie erzählt hatte. Beunruhigt fragte sie sich, was Yannis wohl noch alles von ihr wusste. Hastig hob sie ihr Glas an die Lippen und trank einen großen Schluck von der prickelnden Flüssigkeit.

„Erzähl mir, wie du zum Schreiben gekommen bist“, forderte Yannis sie auf und lehnte sich zurück.

Wieso eigentlich nicht? überlegte sie. Schließlich war es weit ungefährlicher, über ihre Arbeit zu sprechen, als ihre kurze gemeinsame Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Also erzählte sie ihm von der Veröffentlichung ihres ersten Romans und wie es danach weitergegangen war, während Yannis diskret ihr Glas nachfüllte.

Seiner Zwischenfrage nach ihrem jetzigen Wohnort wich sie geschickt aus und erkundigte sich stattdessen, wo er lebte. Wie sie schon vermutet hatte, jettete er den größten Teil des Jahres um die Welt, aber sein eigentlicher Wohnsitz befand sich in Griechenland.

„Ein ziemlich ruheloses Dasein“, stellte Willow fest und sah zu ihm auf. „Aber es scheint dir gut zu tun“, setzte sie leise hinzu.

Yannis zuckte die breiten Schultern. „Ich arbeite hart und feiere die Feste, wie sie fallen.“ Er rückte ein Stück näher, dabei legte er wie selbstverständlich den Arm über die Sofalehne. Unmerklich war die bis dahin unverfängliche Atmosphäre einer knisternden Spannung gewichen.

„So ein Lebensstil wäre nichts für mich“, erklärte Willow entschieden und hoffte, dass er ihre Befangenheit nicht bemerkte. „Ich ziehe ein ruhiges, geordnetes Leben vor. Außerdem reise ich nicht gern …“ Sie lachte nervös. „Eigentlich mag ich grundsätzlich keine Veränderungen …“ Ihr war klar, dass sie lauter Belanglosigkeiten von sich gab, aber wie unter einem inneren Zwang redete sie immer weiter. Seine breiten Schultern streiften ihre, und sie war sich überdeutlich des leichten Drucks seines Oberschenkels gegen ihr Bein bewusst. Viel zu schnell trank sie ihr Glas leer und stellte es auf einem kleinen Beistelltisch ab. Sogleich bedauerte sie es, denn Yannis schenkte ihr unverzüglich nach.

„Ich wette, dass es etliche Männer gegeben hat, die liebend gern dein Leben verändert hätten.“

„Nein … das heißt, ich …“ Unter seinem spöttischen Blick verstummte sie und spürte unvermittelt Ärger in sich aufsteigen. Wie kommt dieser Playboy eigentlich dazu, mich über mein Liebesleben auszufragen? „Nur einen“, antwortete sie schließlich und dachte dabei an ihren Sohn.

Eine Weile betrachtete Yannis sie schweigend. „Das glaube ich dir sogar“, meinte er schließlich langsam.

„Vielen Dank“, konterte Willow bissig. Sie hatte das dringende Bedürfnis, das Thema zu wechseln. „Wie geht es deiner Schwester Anna?“, erkundigte sie sich.

„Ach ja … Anna.“ Er lächelte belustigt, offenbar hatte er ihr Ausweichmanöver durchschaut. „Sie ist jetzt verheiratet und stolze Mutter von zwei bezaubernden Töchtern. Als ihr Onkel verwöhne ich sie natürlich maßlos, zumindest behauptet Anna das immer.“ Seine Züge wurden weich, als er ihr von seinen kleinen Nichten erzählte, und sein liebevoller Tonfall verriet Willow, wie sehr er an ihnen hing.

Wie würde er wohl erst seinen eigenen Sohn vergöttern?

Unvermittelt überkamen Willow heftige Schuldgefühle. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, dass Yannis zu den Männern gehören könnte, die Kinder mochten.

Entschlossen stand sie auf. Der Champagner war ihr zu Kopf gestiegen, und sie spürte, dass sie kurz davor war, ein weiteres Mal seiner unwiderstehlichen Anziehungskraft zu erliegen. Dieser Mann war eine große Gefahr für ihr Leben, das durfte sie nie vergessen.

Yannis erhob sich ebenfalls und legte ihr die Hände auf die schmalen Schultern. Seine Berührung ließ sie erschauern und weckte Gefühle in ihr, die sie nicht zur Kenntnis nehmen wollte.

„Besuch Anna doch einmal“, schlug er vor. „Sie würde sich bestimmt freuen, dich wiederzusehen.“

Willow zögerte einen Moment, dann hob sie den Kopf und zwang sich, ihm fest in die Augen zu sehen. „Ehrlich gesagt, sehe ich keinen Grund, wieder mit Anna Kontakt aufzunehmen. Wir sind uns nur dieses eine Mal begegnet, und seitdem haben wir nichts mehr voneinander gehört. Ich denke, es ist besser, es dabei zu belassen.“

Yannis war ein hochintelligenter Mann. Er begriff sofort, dass die Botschaft sich nicht auf Anna, sondern auf ihn bezog. „Wenn das so ist, fühle ich mich natürlich doppelt geschmeichelt, dass du meine Einladung angenommen hast.“ Er kniff die Augen zusammen und betrachtete sie forschend. „Wieso hast du es eigentlich getan?“

Zu spät erkannte Willow, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Yannis war zu clever, sie hätte seine Einladung sofort ablehnen und dabei bleiben sollen … hätte nicht versuchen sollen, die Coole zu spielen … hätte wissen müssen, dass es fatale Konsequenzen haben könnte, sein Misstrauen zu erregen. Nun musste sie sich schleunigst etwas Glaubhaftes einfallen lassen.

„Du bist ein sehr interessanter Mann, Yannis, und ich … nun, ich hielt es für keine große Sache, etwas mit dir zu trinken und, wie du sagtest, auf die alten Zeiten anzustoßen.“ Ihr Lächeln wirkte leicht gehetzt. „Und es war auch wirklich sehr nett, aber jetzt muss ich …“

„Hast du eigentlich vor allen Männern Angst oder nur vor mir?“, unterbrach Yannis sie. Ohne ihre Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Ich frage mich nämlich gerade, warum du damals wirklich vor mir davongelaufen bist.“ Sein Blick schien bis in ihr Innerstes vorzudringen. „Könnte es sein, dass du ein bisschen mehr von mir bekommen hast als das, worauf du aus gewesen bist? War der Sex, den wir hatten, vielleicht ein wenig zu gut für dich? Irgendetwas sagt mir, dass es genau so gewesen ist. Und weißt du was, Willow? Ich glaube, du hast immer noch Angst vor mir.“

Eine Weile herrschte atemlose Stille. Die Spannung zwischen ihnen war fast mit Händen zu greifen. Schließlich deutete Yannis ein Lächeln an. „Sollte ich recht haben, möchte ich mich hiermit in aller Form bei dir entschuldigen.“

Heftiger Zorn wallte in Willow auf. Mr Arroganz persönlich! Offenbar war er sehr überzeugt von seinen Fähigkeiten als Liebhaber, und seine lässig hingeworfene Entschuldigung kam nun wirklich reichlich spät. Aber Angst und Schuldgefühle verhinderten, dass sie ihrer Wut Ausdruck verlieh, denn eins stand fest: Sollte er je herausfinden, wie viel mehr sie tatsächlich von ihm bekommen hatte, würde die Welt nicht groß genug sein, um sich vor ihm zu verstecken.

„Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest, Yannis, aber jetzt muss ich gehen.“

„Wie du willst, aber vorher …“ Unvermittelt zog er sie an sich und presste seine Lippen auf ihre.

Sekundenlang war Willow vor Schock wie gelähmt, dann versuchte sie, sich seiner Umarmung zu entwinden und seinem fordernden Kuss auszuweichen. Sie wollte das nicht … es durfte nicht sein …

Yannis ließ ihr jedoch keine Chance zu entkommen, und als er seine erfahrenen Hände über ihren Rücken, ihre Taille, ihre Hüften gleiten ließ, schloss sie hilflos die Augen und gab ihren Widerstand auf. Allmählich wurde sein Kuss sanfter. Aufreizend sinnlich liebkoste er ihre Lippen mit seinen. Genau wie vor neun Jahren erwies er sich als Meister seines Faches, und genau wie damals durchströmte Willow Leidenschaft wie flüssiges Feuer. Sie war wieder achtzehn und gab sich ganz dem überwältigenden Glücksgefühl ihrer ersten und einzigen Liebe hin. Mit einem leisen Seufzer schmiegte sie sich an ihn und legte ihm die Arme um den Nacken.

„Ich will dich“, stieß Yannis dicht an ihrem Mund hervor. „Ich will dich so sehr …“

Er hätte es nicht sagen müssen. Willow konnte es deutlich spüren, als er seine Hüften eng an ihre presste. Begehrlich fuhr sie ihm mit den Fingern durchs Haar, ihre Zunge spielte mit seiner. Neun Jahre Abstinenz steigerten das Verlangen noch, mit dem sie seinen Kuss erwiderte. Als er ihr mit einer Hand in den Rücken griff, um den Reißverschluss ihres Kleides aufzuziehen, kam sie ihm bereitwillig entgegen. Er streifte ihr das Kleid über die Schultern und zog es bis zur Taille hinunter. Dann spreizte er die Finger auf ihrem nackten Rücken und neigte den Kopf, um sie erneut zu küssen. Mit der freien Hand suchte und fand er den kleinen Verschluss an der Vorderseite ihres BHs.

Willow war wie berauscht von seinen Liebkosungen. Als Yannis federleicht mit den Fingerspitzen die Konturen ihrer Brüste nachzog, stöhnte sie vor Lust laut auf. Sie öffnete die Augen und sah ihn wie benommen an. Die Intensität, mit der er ihren Blick erwiderte, raubte ihr den Atem. Sie spürte seine Hand auf ihrem Rücken höher gleiten und den Seidenschal lösen, sodass ihr das lange Haar offen über den Rücken fiel.

„So habe ich dich in Erinnerung“, flüsterte er heiser. Bewundernd betrachtete er ihren schlanken, weißen Körper, der sich verführerisch über seinem kräftigen Arm nach hinten bog. „Nein, das stimmt nicht … du bist noch viel schöner als in meinen heißesten Träumen.“

Erneut küsste er sie, diesmal überraschend sanft. „Ich muss dich schmecken“, gestand er ihr rau. „Sonst glaube ich nicht, dass du wirklich echt bist …“ Er bedeckte ihren Hals, ihre Schultern mit kleinen, heißen Küssen, dann umschloss er ihre Brustspitze mit den Lippen und begann, sanft daran zu saugen. Willow atmete scharf ein und krallte die Fingernägel in seine Schulter. Die andere Hand schob sie unter sein Hemd und streichelte seine warme, glatte Haut. Sie spürte, wie er unter ihrer Berührung erschauerte.

Im nächsten Moment hob er sie hoch und legte sie auf das Sofa, auf dem sie eben noch gesessen hatten. Sehnsüchtig blickte sie zu ihm auf und beobachtete, wie er rasch sein Hemd abstreifte. Beim Anblick seines muskulösen, sonnengebräunten Oberkörpers begann ihr Herz wie wild zu klopfen. Das Bedürfnis, ihn zu berühren, war so stark, dass es wehtat.

Doch dann zerstörte Yannis jäh die Magie des Augenblicks.

„Sag, dass du mich auch willst, Willow“, forderte er sie heiser auf. „Nach unserem verunglückten One-Night-Stand von damals muss ich es von dir hören.“

Sie sah das brennende Verlangen in seinen dunklen Augen, während in ihrem Kopf die vernichtenden Worte widerhallten.

Verunglückter One-Night-Stand …

Sie musste verrückt gewesen sein!

Abrupt setzte sie sich auf und hakte mit zittrigen Händen den Verschluss ihres BHs ein. Was, in aller Welt, war bloß über sie gekommen? Vor Scham und Demütigung brannten ihr die Augen. Sie sprang vom Sofa auf und zerrte sich das Kleid über die Schultern. Ungeduldig kämpfte sie mit dem Reißverschluss ihres Kleides, wobei ihr immer wieder ihr langes Haar in die Quere kam.

„Willow …“

Als Yannis die Hand nach ihr ausstreckte, wich sie heftig zurück. „Fass mich nicht an!“, schrie sie ihn an. Sie war entsetzt, wie schnell sie wieder auf seine raffinierten Verführungskünste hereingefallen war.

„Offenbar hast du kurzfristig deine Meinung geändert“, bemerkte Yannis trocken. Seine Gelassenheit und sein ironischer Tonfall zerrten an ihren ohnehin schon blank liegenden Nerven. „Ich hoffe nur, dir ist klar, dass nicht jeder Mann über meine Selbstkontrolle verfügt.“ Damit drehte er sie herum, hob ihre schwere Haarmähne an und zog geschickt den Reißverschluss hoch. „So, fertig.“ Er drehte sie wieder zu sich, um ihr ins Gesicht zu sehen. Erst jetzt sah sie den mühsam unterdrückten Zorn in seinen schwarzen Augen und erschauerte unwillkürlich.

Was sie getan hatte, war unverzeihlich. Sie hatte ihn bewusst provoziert, das war ihr nur allzu klar. Niemand ließ sich in Sachen Sex gern an der Nase herumführen, und ganz gewiss nicht ein so stolzer Mann wie Yannis Kadros.

Er seufzte und betrachtete sie nun mit milder Nachsicht, als wäre sie ein ungezogenes Mädchen. „Sieh mich nicht an wie ein verschrecktes Kaninchen.“ Mit einer beiläufigen Geste steckte er ihr eine Haarsträhne hinters Ohr und ließ dann die Hand auf ihrer Schulter ruhen. „Ich hatte es bisher nicht nötig, Gewalt anzuwenden, um eine Frau in mein Bett zu bekommen, und habe nicht vor, jetzt damit anzufangen.“

„Umso besser“, flüsterte Willow kaum hörbar. „Dann gehe ich jetzt …“ Sie wusste, dass er sie sehr leicht dazu bringen könnte, ihm erneut atemlos in die Arme zu sinken.

Yannis bemerkte ihr Zögern. „Bist du wirklich sicher, Willow?“ Unter halb geschlossenen Lidern hielt er ihren Blick fest. „Vielleicht war es damals der falsche Zeitpunkt für uns. Aber jetzt sind wir beide erwachsen und ungebunden. Es würde niemandem schaden, wenn wir es noch einmal miteinander versuchten, und … ich verspreche dir, dass du es diesmal nicht bereuen würdest.“

Seine Stimme klang warm und dunkel, umhüllte sie wie weicher Samt. Die Worte kamen ihm glatt und mühelos über die Lippen. Verführerisch … unwiderstehlich …

Und dann lächelte er auf diese einzigartige Art und Weise. Willow kannte nur einen Menschen, der ebenso lächeln konnte – besonders wenn er etwas von ihr wollte …

„Nein!“ Entschlossen riss sie sich von ihm los. „Nein …“ In ihren Augen stand nackte Panik.

„Ist ja gut.“ Yannis hob beschwichtigend die Hände. „Es ist in Ordnung, ich hab’s kapiert. Aber du musst mir versprechen, morgen mit mir zu frühstücken. Wann reist du ab?“

„Ich … mein Zug geht um zehn und …“

„Gut, dann sehen wir uns um acht im Speisesaal.“ Er hob ihr Kinn an, um ihr in die Augen zu sehen. „Es sei denn, du ziehst es vor, im Bett zu frühstücken …?“ Als Willow empört auffuhr, schüttelte er amüsiert den Kopf. „Es war nur ein Scherz“, meinte er und küsste sie sanft auf die Stirn. „Dann also bis morgen früh.“

Beim letzten Mal hatte er sie offenbar zu stark bedrängt, und er war fest entschlossen, diesen Fehler nicht zu wiederholen.

4. KAPITEL

Ruhelos wälzte Willow sich im Kingsize-Bett ihres Hotelzimmers hin und her und sehnte sich verzweifelt nach Schlaf. Vor einer Stunde hatte sie Yannis’ Suite verlassen, und immer noch brannte ihr ganzer Körper vor Scham und enttäuschtem Verlangen. Noch immer spürte sie die sinnliche Berührung seiner Lippen, seiner Zunge, seiner Hände …

Gequält stöhnte sie auf. Kein anderer Mann hatte je solche Gefühle in ihr ausgelöst. Allerdings hatte es auch nicht viele davon gegeben. Der letzte war ein wirklich netter Mann namens Dave gewesen. Sie hatten sich gut miteinander verstanden, aber über einen gelegentlichen Kuss war ihre Beziehung nie hinausgelangt.

Bei dem Gedanken daran, wie schmachvoll der Tag geendet hatte, der eigentlich der größte Triumph ihres Lebens hätte sein sollen, kamen Willow die Tränen. Neun Jahre lang hatte sie Yannis Kadros für einen charakterlosen Lebemann gehalten, der nur Verachtung verdiente. Daran hatte sich zwar im Prinzip nichts geändert, aber inzwischen fragte sie sich, ob ihr eigenes Verhalten nicht auch zumindest fragwürdig gewesen war.

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. Falls er je herausfand, dass sie ein Kind von ihm hatte, einen Sohn, und es ihm nie mitgeteilt hatte … Sie wagte kaum, sich seine Reaktion vorzustellen. Damals war es ihr jedoch als die einzig richtige Handlungsweise erschienen.

Da Yannis einen Schutz benutzt hatte, war ihr die Möglichkeit, sie könnte schwanger geworden sein, überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Seine Bitte auf dem Flughafen, mit ihm in Kontakt zu bleiben, hatte sie für einen Versuch gehalten, sie sich für alle Fälle als Betthäschen warmzuhalten.

Neun Wochen nach ihrer Ankunft in Indien hatte sie dann auf Drängen ihrer Mutter einen Arzt aufgesucht. Sie selbst hatte ihre Energielosigkeit und die gelegentliche Übelkeit auf den Klimawechsel und ihren Liebeskummer zurückgeführt. Dementsprechend groß war der Schock, als der Arzt ihr eröffnete, dass sie ein Kind erwartete.

Ihre Mutter überzeugte sie schließlich, nach England zurückzukehren und umgehend den Vater des Kindes zu informieren. Willow hatte ihr gesagt, dass es sich um den Bruder eines Freundes handelte, um den Eindruck zu erwecken, dass sie ihn schon länger kannte. Es war ihr zu peinlich gewesen, zuzugeben, dass ihre Schwangerschaft das Ergebnis eines One-Night-Stands war.

In London erwartete sie eine unangenehme Überraschung. Als sie das Haus in Mayfair aufsuchte, stellte sie fest, dass es von einem Baugerüst umgeben war und niemand mehr dort wohnte. Daraufhin fuhr sie zum Haus ihrer verstorbenen Großmutter nach Devon. Von dort aus rief sie ihre Mutter an und teilte ihr mit, dass ihr Exfreund sich zurzeit im Ausland aufhalte.

„Mach dir keine Sorgen, mein Schatz“, hatte ihre Mutter sie getröstet. „In zwei Wochen endet meine Amtszeit hier. Dann komme ich zu dir, und wir suchen gemeinsam nach dem jungen Mann.“

Doch ihre Mutter war nie nach England zurückgekehrt, und Willow hatte sie nie wiedergesehen …

Sie drehte sich auf den Bauch und barg das Gesicht in den Kissen. Noch immer tat es weh, an ihre Mutter und deren sinnlosen Tod zu denken. Sie war auf dem Weg von der Britischen Botschaft zu ihrer Wohnung gewesen, als sie in einen Straßentumult hineingeriet. Die indische Armee hatte über die Köpfe der Aufständischen hinweg Warnschüsse abgegeben. Eine der Kugeln war an einer Hausmauer abgeprallt und hatte ihre Mutter tödlich getroffen.

Für Willow, die nun völlig allein dastand, war es ein vernichtender Schlag gewesen. Sie war erst achtzehn und trug das Kind eines Mannes unter dem Herzen, für den die Vokabel „Verantwortung“ ein Fremdwort war. Monatelang vergrub sie sich in ihrem Kummer, und wäre Tess nicht gewesen, die wunderbare, warmherzige Nachbarin ihrer Großmutter, hätte sie wohl nie die Kraft gefunden weiterzumachen.

Im siebten Schwangerschaftsmonat erwachte Willow schließlich aus ihrer Erstarrung und fing an, sich auf das neue Leben zu konzentrieren, das in ihr wuchs. Sie beschloss, dem Wunsch ihrer Mutter nachzukommen und den Kindsvater zu informieren.

Im Zug nach London, die Adresse von Yannis’ Büro in der Tasche, schlug sie die Zeitschrift auf, die sie sich für die Reise gekauft hatte. Sie enthielt einen mehrseitigen Fotobericht über die Hochzeit von Yannis mit Patricia. An der nächsten Haltestelle stieg sie aus und fuhr mit dem ersten Zug nach Devon zurück.

Willow setzte sich auf die Bettkante und wischte sich energisch die Tränen aus dem Gesicht. Es war sinnlos, noch auf Schlaf zu hoffen, und sie weigerte sich, weiter in Selbstmitleid zu schwelgen.

Sie hatte ihre Entscheidung bereits vor vielen Jahren getroffen, und nun war es zu spät, um noch etwas daran zu ändern. Sie würde sich weder zum Frühstück noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt mit Yannis Kadros treffen.

Ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es halb drei war. Vor morgen früh würde ganz sicher kein Zug nach Devon fahren. Aber zum Glück hatte sie erst vor wenigen Stunden für eine sechsstellige Summe die Filmrechte an ihrem letzten Buch verkauft. Da konnte sie sich problemlos den Luxus eines Taxis leisten.

Nachdem sie geduscht und sich angezogen hatte, packte sie die wenigen Sachen, die sie mitgenommen hatte, in ihre Reisetasche. Dann überflog sie die Informationsblätter, die auf dem Sekretär lagen, und fand schnell, was sie gesucht hatte. Sie nahm das Telefon und tippte eine Nummer ein. Als man ihr am anderen Ende der Leitung mitteilte, dass in zehn Minuten ein Wagen komme, atmete Willow erleichtert auf.

Da der Verlag für ihre Übernachtung aufkam, konnte sie das Hotel verlassen, ohne vorher die Rezeption aufsuchen zu müssen. Sie ging am Lift vorbei und benutzte stattdessen die Treppe, die direkt neben dem Eingangsportal endete.

„Wünschen Sie ein Taxi, gnädige Frau?“ Der Türsteher unterdrückte hinter vorgehaltener Hand ein Gähnen.

„Nein, danke, ich werde abgeholt“, teilte Willow ihm mit und drückte ihm ihren Zimmerschlüssel nebst einem großzügigen Trinkgeld in die Hand. Plötzlich war der Mann hellwach. Ohne ein einziges Mal zu blinzeln, hielt er ihr diensteifrig die Tür auf und begleitete sie sogar bis auf den Bürgersteig.

Als Willow auf den Rücksitz des wartenden Wagens glitt, stieß sie einen langen Seufzer aus. „Kennen Sie den Weg?“, erkundigte sie sich.

Der Fahrer, der sich beim Umdrehen als Frau herausstellte, lächelte sie strahlend an. „Ja, Madam. Ich habe schon auf dem Weg hierher einen Blick auf die Karte geworfen. Dies ist die beste Tour, die ich seit Monaten hatte“, fügte sie fröhlich hinzu und fuhr los.

Kurz darauf fielen Willow die Augen zu. Das gleichmäßige Motorengeräusch und die immense Erleichterung, dem Hotel und Yannis Kadros entronnen zu sein, brachten ihr endlich den ersehnten Schlaf.

Ungefähr um die gleiche Zeit schenkte Yannis sich seinen dritten Whisky ein und fluchte leise vor sich hin. Normalerweise trank er nur wenig, doch diese schwarzhaarige Hexe brachte ihn nun schon zum zweiten Mal fast um den Verstand. Diesmal würde er es allerdings langsam angehen lassen.

Nachdem Willow ihn damals auf dem Flughafen wie einen dummen Schuljungen abserviert hatte, hatte er einen Entschluss gefasst, den er im Nachhinein nur als idiotisch bezeichnen konnte. Wütend und verletzt war er zu Patricia zurückgekehrt und hatte sich bereit erklärt, sie zu heiraten.

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