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ROMANA EXKLUSIV BAND 282

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Korfu - Paradies der Liebe

PROLOG

Wie betäubt starrte Carrie auf die vier Särge, die vor dem Altar aufgebahrt standen. Abgesehen von dem kleinen Danny, der sich in ihren Arm kuschelte, erschien ihr die Situation so unwirklich wie ein böser Traum. Wie kann das sein? fragte sie sich verzweifelt. Wie konnten vier Menschen, die sie liebte, tot sein?

Sie und Danny saßen ganz allein in der ersten Bank. Carrie sah den kleinen Jungen an, und als sein Blick ihrem begegnete, breitete sich ein glückliches Lächeln auf seinem süßen Kindergesichtchen aus. Tapfer lächelte Carrie zurück und versuchte, sich von der Predigt des Priesters abzulenken, so gut es ging. Sie wusste, wenn sie seine Worte an sich heranließ, würde sie die Tränen nicht mehr zurückhalten können.

Sie durfte nicht an ihre geliebte Cousine Sophie und ihren Mann Leonidas denken. Oder an ihre Tante und ihren Onkel, die sie aufgezogen hatten. Sonst wäre sie ihrem Kummer hilflos ausgeliefert. Sie durfte nicht an den entsetzlichen Autounfall denken, der die vier das Leben gekostet hatte und durch den Danny zur Waise geworden war. Carrie spürte, wenn sie ihrer Trauer nachgab, würde sie nicht mehr aufhören können zu weinen. Und um Dannys willen musste sie stark sein.

Er war alles, was ihr geblieben war.

Ganz allmählich wurde ihr bewusst, dass die Orgel spielte, und sie begriff, dass die Messe vorüber war. Hölzern stand sie auf und ging mit Danny auf dem Arm aus der Kapelle. Sie drückte das Kind an sich. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren hatte Carrie erst eine Beerdigung miterleben müssen – die ihrer Mutter. Doch damals war sie noch sehr klein gewesen und erinnerte sich kaum mehr daran.

Die Vorkehrungen für das heutige Begräbnis zu treffen, war ihr entsetzlich schwergefallen. Und sie hatte alles allein tun müssen. Ihr Vater war ihr keine Hilfe gewesen. Er hatte es nicht für nötig befunden, ihr Beistand zu leisten, nachdem er von dem Unfall erfahren hatte, und später, als sie ihm mitgeteilt hatte, wann die Beerdigung stattfinden würde, war seine Reaktion sehr kurz angebunden gewesen.

„Im Moment kann ich hier nicht weg“, hatte er erklärt. „Ich stecke bis zum Hals in Arbeit.“

„Aber sie waren doch auch deine Familie“, hatte Carrie fassungslos dagegengehalten. Dass ihr Vater nicht zur Beisetzung kommen wollte, schockierte sie zutiefst.

„Die Familie deiner Mutter, nicht meine“, korrigierte er sie.

„Sie waren jedenfalls meine Familie. Als du nach Mums Tod einfach weggegangen bist, haben sie sich um mich gekümmert.“

„Carrie, es hört sich so an, als hättest du bereits alles organisiert“, ging er über ihre Bemerkung hinweg. „Du brauchst mich also nicht. Es tut mir leid, dass dieser Unfall passiert ist, aber ob ich nun da bin oder nicht, spielt für die vier ohnehin keine Rolle mehr.“

„Für mich schon“, sagte Carrie zu dem Telefon, nachdem ihr Vater aufgelegt hatte. Es hätte ihr viel bedeutet, wenn er ein einziges Mal in ihrem Leben für sie da gewesen wäre.

Sie hätte ihm gern erzählt, dass sie die Absicht hatte, für Sophies sechs Monate alten Sohn Danny zu sorgen. Doch wie viel Verständnis konnte sie von einem Vater erwarten, der seine eigene Tochter im Säuglingsalter verlassen hatte?

Und nun stand sie in der kalten Novemberluft vor der Kapelle und drückte den kleinen Danny an ihr Herz. Die meisten Trauergäste waren bereits gegangen, ein paar wenige standen noch in Gruppen da und sprachen gedämpft miteinander. Carrie gab Danny einen Kuss auf seine seidigen Locken. Bald war dieser Albtraum vorbei, und sie konnte den Kleinen fortbringen von diesem trübsinnigen Ort.

Bisher hatte sie nicht über die Beerdigung hinaus gedacht. Nur eines war ihr klar gewesen: Sie würde sich immer um Danny kümmern und alles tun, damit er zu einem unbeschwerten Jungen heranwuchs.

„Miss Thomas?“

Carrie hob den Kopf und blickte in das Gesicht eines elegant gekleideten älteren Mannes, den sie nie zuvor gesehen hatte.

„Ich bin Cosmo Kristallis“, sagte er mit einem starken griechischen Akzent und musterte sie kühl.

Carries Augen weiteten sich überrascht. Vor ihr stand niemand anders als der Vater von Sophies Ehemann. Leonidas und er hatten sich vor Jahren völlig zerstritten. Aber Cosmo Kristallis war Dannys Großvater.

„Es tut mir so leid, dass Ihr Sohn sterben musste.“ Spontan legte Carrie ihm die Hand auf den Arm.

Sogleich hatte sie das Gefühl, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Diesem Mann schien ihre Anteilnahme nicht willkommen.

„Für mich war mein Sohn schon lange gestorben“, erklärte Cosmo Kristallis kalt.

Carrie ließ ihre Hand abrupt sinken. „Weshalb sind Sie dann hier?“

„Als Sie mich über die Beerdigung informierten, wurde mir klar, dass wir ein paar Dinge klären müssen“, meinte er. „Dinge, die das Kind auf Ihrem Arm betreffen.“

„Danny?“ Erschrocken wich Carrie einen Schritt zurück und drückte den Jungen fester an sich.

„Wie ich bereits sagte, verband mich nichts mehr mit meinem Sohn. Und sein Kind werde ich niemals als meinen Erben anerkennen.“ Er zeigte auf Danny. „Dieses Balg wird keinen Cent von mir bekommen.“

„Geld?“, fragte Carrie und schüttelte verständnislos den Kopf. Danny war ein unschuldiges Baby, das gerade seine Eltern verloren hatte. Wieso verhielt sich Cosmo Kristallis so feindselig dem Kleinen gegenüber?

„Ihre Cousine war eine berechnende Goldgräberin“, fuhr Cosmo fort. „Sie hatte es von Anfang an auf mein Vermögen abgesehen.“

„Sophie war an Ihrem Reichtum nicht interessiert“, protestierte Carrie entrüstet. „Sie wollte mit dem Mann zusammen sein, den sie liebte, und mit ihm eine Familie gründen.“ Tränen traten ihr in die Augen. Bei dem Gedanken, dass Sophie ihren Sohn niemals würde heranwachsen sehen, wollte ihr schier das Herz brechen.

„Dieses Kind ist nicht mein Enkel“, erklärte Cosmo ungerührt.

„Und ob“, widersprach Carrie. „Und auch wenn mir elend wird bei der Vorstellung, dass Sie sein Großvater sind, ändert das nichts an den Tatsachen. Abgesehen davon lasse ich nicht zu, dass Sie solche Verleumdungen über Sophie und Leonidas verbreiten.“

„Niemals werde ich ihn anerkennen. Und wenn Sie sich je wieder mit meiner Familie in Verbindung setzen, wird das unschöne Folgen für Sie haben.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ließ Carrie stehen.

Zitternd vor Zorn sah sie ihm nach. Sie hatte schon manches Unangenehme über Leonidas’ Familie in Griechenland gehört, doch erst jetzt begriff sie, warum Sophies Mann seinen Vater so sehr gehasst hatte.

„Hab keine Angst, mein Kleiner. Du wirst diesen schrecklichen Menschen nie wiedersehen müssen“, murmelte Carrie in dem Versuch, sich selbst ebenso zu beruhigen wie das Kind auf ihrem Arm. Noch einmal küsste sie Dannys dunkle Locken. „Wir kommen bestens ohne ihn zurecht.“

1. KAPITEL

Sechs Monate später

„Bitte, Carrie, tu mir den Gefallen“, bettelte Lulu. Von den Tränen war ihre Wimperntusche völlig verschmiert. „Wenn Darren die Nachricht abhört, schmeißt er mich raus!“

„Ich will dir ja helfen. Das weißt du.“ Besorgt sah Carrie ihre Freundin an. „Aber wäre es nicht besser, wenn du es selbst tätest? Niemand würde sich etwas dabei denken, wenn du ins Arbeitszimmer deines Mannes gehst und sein Handy an dich nimmst.“

„Alle haben unseren Streit mitbekommen. Außerdem kann ich so doch nicht runtergehen.“ Sie wies auf ihre verlaufene Schminke. „Und wenn die Nachricht nicht gelöscht wird, komme ich in Teufels Küche.“

„Meine Aufmachung ist ja wohl noch unpassender für eine solche Party“, bemerkte Carrie und sah an ihrer Sportkleidung hinunter. Sie war Lulus Fitnesstrainerin und passte nun wirklich nicht in den Freundeskreis ihres versnobten Gatten, der heute eine ausgelassene Feier veranstaltete. „Abgesehen davon muss ich Danny abholen. Ich bin ohnehin schon spät dran.“

„Es dauert nicht lang.“ Lulu sprang auf. „Los, zieh die Sachen aus und das Kleid hier an. Dann wird sich niemand wundern.“

Fünf Minuten später verließ Carrie das Schlafzimmer in einem Abendkleid ihrer Freundin. Ihr war mulmig zumute. Nach den vergangenen sechs Monaten, in denen sie sich in die Mutterrolle für Danny gefunden und versucht hatte, ihren Kummer zu verwinden, fühlte sie sich unbehaglich in diesem ausgefallenen Outfit, das bestenfalls für eine schicke VIP-Party taugte. Selbst bevor sich ihr Leben so grundlegend verändert hatte, war sie kaum jemals auf derart hochhackigen Stilettos einherstolziert, aber sie hatte nun wirklich keine Zeit, noch großartig Schuhe anzuprobieren.

Ihren Rucksack mit den Trainingsklamotten stellte sie in einer Nische neben der Eingangstür ab. Dann machte sie sich auf den Weg zu Darrens Büro. Lulu braucht das Handy bloß lang genug, um die Nachricht zu löschen, die sie in einem Anfall von Eifersucht auf seiner Mailbox hinterlassen hat, sagte sie sich. Im Handumdrehen ist meine Mission erfüllt.

Einer der Kellner reichte ihr ein Glas Champagner. Carrie nahm einen kräftigen Schluck, um sich Mut zu machen. Das kühle Getränk prickelte so stark auf ihrer Zunge, dass sie unwillkürlich die Nase krauszog.

Obschon es erst später Nachmittag war, befand sich die Party bereits in vollem Gange. Eine Fotografin machte ihre Runde, und sie fand immer neue Gäste, die sich gerne ablichten ließen, zweifellos in der Hoffnung, ihr Bild in irgendeiner Zeitschrift wiederzufinden.

Carrie strich ihr glitzerndes rotes Kleid glatt. Lulu war nicht gerade für sittsame Zurückhaltung in Sachen Garderobe bekannt, und da Carrie ein gutes Stück größer war als ihre Freundin, zeigte der kurze Rock entschieden zu viel Bein. Auch das Dekolleté war viel freizügiger, als Carrie es normalerweise getragen hätte.

Sie senkte befangen den Blick. Dabei fiel ihr das glänzende schwarze Haar wie ein Vorhang über die Wangen, doch sie warf es nicht zurück. So fühlte sie sich geschützter. Obwohl mir in diesem Aufzug vermutlich kaum jemand ins Gesicht schauen wird, dachte sie ironisch und durchquerte den Raum.

Lautlos schlüpfte sie in Darrens Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie ignorierte ihre flatternden Nerven und ging zielstrebig zum Schreibtisch. Dort stellte sie das Champagnerglas ab und griff nach Darrens Jackett, das über der Lehne seines Stuhls hing.

„Ist das so eine Gewohnheit von Ihnen?“

Erschrocken fuhr Carrie herum.

An der Tür stand ein Fremder, groß und einschüchternd. Ihn umgab eine Aura der Macht. Er musterte sie ruhig und abwartend.

Dann trafen sich ihre Blicke, und Carrie stockte der Atem. Dieser Mann sah atemberaubend gut aus. Sein dunkelbraunes Haar und die gebräunte Haut deuteten darauf hin, dass er aus dem Mittelmeerraum stammte. Seine Augen allerdings passten nicht zu seinem südländischen Erscheinungsbild: Sie waren von einem fesselnden Blau.

Fasziniert nahm Carrie seinen Anblick in sich auf, betrachtete seine makellosen klassischen Züge und den wohlproportionierten Körperbau. Dabei beschlich sie das merkwürdige Gefühl, dass sie ihn von irgendwoher kannte.

Viele der Gäste waren Prominente, aber sie konnte sich nicht erinnern, wo sie diesen Mann schon einmal gesehen haben sollte. Bei ihrer Arbeit als Trainerin kam sie oft mit berühmten Menschen zusammen. Doch diesmal ließ ihr Gedächtnis sie im Stich.

So standen sie eine Weile da und musterten einander. Carrie schluckte. Dann bemerkte sie, wie der Fremde seinen Blick über ihren spärlich bekleideten Körper gleiten ließ, und ein wohliger Schauer durchrieselte sie. Es war eine gänzlich ungewohnte Empfindung für sie.

Seit einem halben Jahr war sie voll und ganz von ihrem neuen Alltag in Anspruch genommen. Sie erlebte, was es bedeutete, Mutter zu sein, und versuchte gleichzeitig, mit dem Kummer über den Verlust ihrer Familie fertig zu werden. Sie machte die Erfahrung, dass es oft alles andere als einfach war, ein Kleinkind und einen anspruchsvollen Job unter einen Hut zu bringen.

Über all das hatte sie anscheinend aufgehört, sich selber als attraktive junge Frau zu sehen, die Männer begehrenswert fanden.

Eine verwirrende Hitze breitete sich in ihr aus, doch Carrie ignorierte sie. Sie durfte sich jetzt nicht solchen Gefühlen hingeben. Danny wartete auf sie, und sie musste Lulu Darrens Handy bringen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie betont locker. „Haben Sie sich verlaufen, oder suchen Sie Darren?“

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, bemerkte der Fremde ruhig. „Ich wollte wissen, ob das eine Gewohnheit von Ihnen ist.“

Carries Herz setzte einen Schlag aus. Er hatte genau gesehen, was sie im Begriff war zu tun.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen“, gab sie dennoch zurück. Sie ließ das Jackett zurücksinken, wobei sich ihre Finger um das Handy schlossen, als ihre Hand wieder aus der Tasche glitt. Sie warf das seidige schwarze Haar über die Schulter zurück und sah den Fremden unverwandt an.

„Ich meine, schleichen Sie sich öfter in anderer Leute Arbeitszimmer und stehlen ihre Handys?“ Seine Stimme war dunkel und hatte einen leichten Akzent, den Carrie nicht zuordnen konnte.

„Ich habe mich nirgendwohin geschlichen.“ Carrie gab ihrer Stimme einen gelassenen Klang und gestattete sich, ihren Blick erneut über den anbetungswürdigen Körper des Mannes gleiten zu lassen. Schlank und doch athletisch stand dieser Eindringling in seinem Designeranzug vor ihr. Keinen Augenblick zweifelte sie daran, dass er in jeder anderen Bekleidung ebenso attraktiv aussah. „Und ich habe auch nichts gestohlen. Das hier ist Lulus Handy. Ich wollte es für sie holen.“

„An dieser Geschichte müssen Sie aber noch arbeiten.“

„Ich arbeite für Lulu.“ Carrie zuckte die Achseln. „Sie hat mich gebeten, ihr das Handy zu bringen.“

„Ach wirklich?“ Der Fremde musterte sie unverschämt eingehend. „Und das ist wohl Ihre Arbeitskleidung, wie?“

„Ich bin Lulus Trainerin.“ Vergeblich versuchte Carrie, das Kribbeln, das sein Blick auf ihrer Haut ausgelöste, zu ignorieren. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Lulu erwartet mich.“ Sie trat zur Tür, blieb jedoch abrupt stehen, als sie Darrens Stimme vom Flur her vernahm.

Nervös biss sie sich auf die Lippe. Sie hielt immer noch sein Handy in der Hand, und dieses alberne Kleid besaß nicht eine einzige Tasche, in der sie es hätte verstecken können.

Sie warf ihrem ungebetenen Gefährten einen Blick zu. Warum nur hatte sie sich von Lulu überreden lassen? Nun würde alles auffliegen.

In diesem Moment trat der schöne Fremde auf sie zu. Carries Herz klopfte wild. Sie sah ihn fragend an und blieb wie angewurzelt stehen. Was würde er tun? Ihr das Handy abnehmen und sie Darren ausliefern?

Er bewegte sich ganz langsam, ohne Hast. Seine Augen funkelten entschlossen. Carrie bekam eine Gänsehaut. Und dann stand er unmittelbar vor ihr, sodass er sie von der Tür abschirmte.

Irritiert durch seine plötzliche Nähe, starrte sie zu ihm hoch und hielt den Atem an. Seine blauen Augen verdunkelten sich, als er sie betrachtete. Es fühlte sich an, als schaute er direkt in ihre Seele. Und dann neigte er den Kopf, als wollte er sie … küssen!

„Wunderschön“, murmelte er und legte die Hände sanft auf ihre Oberarme.

Es war Carrie schier unmöglich, den Blick von ihm zu wenden. Dieser Mann war unwiderstehlich. Seine Gesichtszüge waren einfach vollkommen, seine Augen von einem intensiven Blau und der Mund sinnlich und ausdrucksvoll. Und er machte keinen Hehl daraus, dass er sie begehrenswert fand.

Zärtlich strich er an ihren Armen hinunter, brachte ihre nackte Haut zum Glühen. Dann legte er eine Hand in ihren Rücken und zog sie an sich.

Carrie schnappte nach Luft, als er sie gegen seinen muskulösen Körper presste. Das hauchdünne Kleid schützte sie kaum gegen die Empfindungen, die die Berührung in ihr auslöste. Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch. Was hatte er vor? Er konnte sie doch nicht einfach küssen! Schließlich kannten sie sich kaum.

Wie von fern flüsterte ihr eine innere Stimme zu, dass sie ihn fortstoßen und sich abwenden sollte. Das wäre vernünftig. Aber ihr Körper warf alle Vernunft über Bord.

Sprachlos sah sie zu dem Fremden hoch, und im nächsten Moment war es zu spät, ihn aufzuhalten. Er senkte seine sinnlichen Lippen auf ihre, und ohne einen weiteren Gedanken versank Carrie in dem Kuss, als seien Zeit und Raum aufgehoben.

Sie bekam weiche Knie, und ihre Arme umschlangen seine Schultern, als führten sie ein Eigenleben. Mit einer starken Hand stützte er sie, während er sie mit der anderen noch dichter an sich zog.

Er drückte ihre Hüften gegen seinen Unterleib, und Carrie bog sich ihm wie von selbst entgegen. Erregung durchrieselte sie, als ihre Brüste seinen harten Oberkörper berührten. Plötzlich jedoch unterbrach der Fremde den Kuss, und im nächsten Moment lösten sich ihre Lippen voneinander. Carrie keuchte hörbar auf. Er hielt sie immer noch, aber nicht mehr so eng wie zuvor.

„Carrie?“ Eine Männerstimme drang aus dem Hintergrund an ihr Ohr. „Ich wusste gar nicht, dass du heute Abend auch hier bist.“

Darren! Den hatte sie ganz vergessen. Mit einem Mal erinnerte sie sich wieder an sein Handy, und erst jetzt bemerkte sie, dass sie es gar nicht mehr in der Hand hielt.

„Lulu … Lulu hat mich eingeladen“, stammelte sie und riss den Blick vom Gesicht des schönen Fremden los, um Darren anzusehen.

„Und was machst du hier drin?“ Misstrauen schwang in Darrens Stimme mit. „Gut. Ich sehe, was du tust. Aber warum gerade in meinem Arbeitszimmer?“

„Ich wollte einen Moment mit Carrie allein sein“, sagte der Fremde in diesem Augenblick und drehte sich zu Darren um. So selbstbewusst, wie er sprach, hätte man glauben mögen, es sei sein Arbeitszimmer und nicht Darrens.

Schockiert starrte Carrie ihn an. Woher kannte er ihren Namen? Oder wiederholte er ihn lediglich, nachdem Darren ihn ausgesprochen hatte? Und warum wollte er mit ihr allein sein? War er ihr wirklich nur zufällig gefolgt, wie sie geglaubt hatte, oder steckte eine Absicht dahinter?

„Nik!“, rief Darren erfreut aus. „Es ist ja eine Ewigkeit her. Du hast gar nicht gesagt, dass du kommst.“

Carrie runzelte die Stirn. Einen Moment lang war sie erstaunt, dass Darren den Fremden kannte, doch andererseits war es schließlich seine Party, und all diese Leute hier waren seine Gäste. Er hatte den Mann beim Namen genannt … Nik.

„Ich habe mich ganz kurzfristig dazu entschlossen“, erklärte Nik. „Ich bin direkt vom Flughafen hergefahren.“

„Und du lässt nichts anbrennen, wie man sieht, du alter Schwerenöter!“ Darren lachte und versetzte seinem Freund einen kräftigen Schlag auf den Rücken. Dadurch stieß er Nik wieder gegen Carrie.

„Und Carrie, du stilles Wasser“, fügte Darren wohlwollend hinzu. Ganz offensichtlich war er schon recht angeheitert.

Mit wachsendem Unmut wurde Carrie bewusst, in welch kompromittierender Situation sie von Darren überrascht worden waren. Nik hatte seinen muskulösen Oberschenkel anzüglich zwischen ihre Schenkel gedrängt. Ihr Kleid war dadurch hochgerutscht. Errötend rückte Carrie von Nik ab und strich ihren Rock glatt.

„Lasst euch nicht unterbrechen“, sagte Darren und griff nach seinem Jackett. „Ich muss nur einen Anruf tätigen und verschwinde sofort wieder. Schließt ab, wenn es sein muss.“

Carrie starrte in Niks Gesicht, das ihrem eigenen immer noch ganz nahe war. Ihre Reaktion auf seinen Kuss erschütterte sie bis in die Grundfesten. Gleichzeitig war sie wütend, dass er sie vor Lulus Mann in eine solche Situation gebracht hatte.

„Was sollte das denn werden?“, fuhr sie Nik an und stieß ihn von sich. Dabei geriet sie auf den hohen Absätzen ins Schwanken. Als sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, stemmte sie die Hände in die Hüften und funkelte ihn zornig an.

„Ich dachte, das war offensichtlich“, gab er ruhig zurück. „Ich habe das gestohlene Handy zurückgelegt.“

„Oh.“ Carrie war am Boden zerstört. Wie konnte er so nüchtern sein, nachdem sie diesen aufwühlenden Kuss geteilt hatten? War es für ihn wirklich bloß eine Gelegenheit gewesen, das Handy wieder in die Jacketttasche zu befördern?

Der Kuss hatte nur wenige Augenblicke gedauert, doch für Carrie war er körperlich und seelisch überwältigend gewesen. Ein halbes Jahr ihres Lebens hatte sie ihre Hoffnungen und Sehnsüchte zurückgestellt und sich selbst nicht mehr als Frau mit leidenschaftlichen Bedürfnissen gesehen. Und nun hatte sie sich in einer Weise gehen lassen, die sie fassungslos machte.

Sie war so rückhaltlos auf diesen Kuss eingegangen, dass sie alles um sich her vergessen hatte. Nik dagegen schien kein bisschen mitgenommen zu sein. Er hatte sich ganz kühl auf seinen Plan konzentriert, das Handy unbemerkt zurückzulegen.

„Man sollte meinen, Sie wären mir dankbar“, sagte er und lächelte sie mit seinem sinnlichen Mund an. „Abgesehen davon hatte ich durchaus den Eindruck, dass Ihnen unser kleines Intermezzo gefallen hat.“

„Das ist nicht wahr!“, fuhr Carrie ihn an. Ihre brandroten Wangen straften ihre Worte Lügen. „Und es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Sie mich auf eine solche Weise geküsst haben.“

Das Lächeln, das er ihr schenkte, erreichte seine Augen nicht. „So machen sie es immer in Filmen. Außerdem sahen Sie aus wie ein verschrecktes Kaninchen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Sie den Mumm besessen hätten, das Handy selbst zurückzulegen, während ich Darren ablenke.“

„Ich habe Sie nicht aufgefordert, mir zu helfen“, entgegnete sie wütend. „Es hätte vollauf genügt, Darren zu erklären, dass Lulu mich gebeten hat, ihr das Handy zu bringen.“

„Wenn Sie ernsthaft glauben, ich entschuldige mich für den Kuss, muss ich Sie enttäuschen.“ Nik schüttelte den Kopf. „Ich habe lediglich getan, was ich für notwendig hielt. Ehrlich gesagt, war ich von der Situation nicht gerade begeistert, und ich erwarte schließlich auch keine Entschuldigung von Ihnen.“

„Ich wüsste nicht, wofür ich mich entschuldigen sollte“, protestierte Carrie. Anscheinend hatte Nik diesen atemberaubenden Kuss sogar als Zumutung empfunden. „Ich habe Sie nicht eingeladen, mich zu küssen. Also beklagen Sie sich nicht, wenn Sie es scheußlich fanden.“

„Von dem Kuss habe ich doch gar nicht gesprochen. Dass Frauen immer so unsicher sein müssen, was diese Dinge angeht.“ Er seufzte resigniert. „Ich meinte eigentlich die Situation. Es war ganz schön schockierend für mich zu erfahren, dass Sie eine Diebin sind. Ich hatte gehofft, eine vernünftige, ehrliche Person anzutreffen.“

„Wie bitte?“ Carrie rang nach Luft, während sie versuchte, den Sinn seiner Worte zu begreifen. Wieso interessierte es ihn, was für ein Mensch sie war? Plötzlich fiel ihr wieder ein, dass er zu Darren gesagt hatte, er brauche ein bisschen Zeit mit ihr allein. Wer zum Teufel war dieser Mann?

„Wer sind Sie?“ Unbeirrt hielt Carrie seinem Blick stand. „Und was wollen Sie von mir?“

Er schwieg einen Moment und nahm einfach nur ihren Anblick in sich auf. Und gerade als Carrie ihre Frage wiederholen wollte, begann er zu sprechen.

„Mein Name ist Nikos Kristallis“, sagte er kühl. „Und ich bin hier, um Vorkehrungen für meinen Neffen zu treffen.“

2. KAPITEL

Carrie brachte keinen Ton heraus. Sie war so schockiert, dass sie kaum einen klaren Gedanken fassen konnte.

Entsetzt starrte sie Nikos Kristallis an. Das war also der jüngere, verwöhnte Bruder von Sophies Mann Leonidas und der Lieblingssohn des unerträglich arroganten Cosmo Kristallis. Und damit war er Dannys Onkel.

Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Energisch versuchte sie, die unangenehme Begegnung mit Cosmo Kristallis aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen. An diesen traurigen Tag wollte sie nicht mehr zurückdenken. Ihre Erinnerungen an das Zusammentreffen mit Dannys Großvater war unwiderruflich mit der überwältigenden Trauer um ihre Verwandten verknüpft.

„Und was genau meinen Sie damit?“ Als sie endlich ihre Stimme wiederfand, ähnelte sie eher einem Krächzen.

Befriedigt stellte Nik fest, dass es ihm gelungen war, Carrie Thomas einzuschüchtern. Alle Farbe war aus ihrem schönen Gesicht gewichen. Seltsamerweise bereitete ihm ihre Reaktion Genugtuung, obwohl er niemand war, der Menschen gerne Kummer zufügte. Doch bei dieser Frau war es anders. Sie hatte ihm etwas gestohlen, das ihm gehörte. Und er würde alles tun, um das Kind zu bekommen.

„Ich will mit Ihnen über meinen Neffen sprechen“, wiederholte Nik. „Ich dachte, indem ich meine Identität preisgegeben habe, wäre das klar.“

„Ich habe Ihnen nichts zu sagen“, gab Carrie brüsk zurück. Ihr Gesicht hob sich aschfahl vor dem Schwarz ihrer glänzenden Haare ab. Doch mit einem Mal kehrte das Feuer in ihre grünen Augen zurück. „Wir haben nichts miteinander zu bereden.“ Damit ließ sie ihn stehen und ging aus dem Raum, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Nik unternahm keinen Versuch, sie aufzuhalten.

Es war ganz in seinem Sinne, wenn sie die Party verließ. Hier gab es zu viele lauschende Ohren. Bewundernd beobachtete er, wie Carrie Thomas sich ihren Weg durch die Menge bahnte. Sie war eine außergewöhnlich schöne Frau. Natürlich hatten ihn seine Ermittler mit Bildern versorgt, und Nik hatte gewusst, wie attraktiv sie aussah. In Fleisch und Blut jedoch besaß sie eine Anziehungskraft, die man auf kein Foto bannen konnte.

Sie durchquerte den Raum zügig und selbstbewusst. In den hohen Pumps wirkten ihre schlanken Beine noch länger. Unwillkürlich stellte Nik sich vor, wie sich ihre Schenkel um seine Hüften schlangen … Nach diesem außergewöhnlichen Kuss konnte er das Verlangen, sie wieder und wieder zu küssen, nicht verleugnen. Und er wollte sie nicht nur küssen … er wollte mehr. Viel mehr.

Das seidige schwarze Haar fiel ihr über den Rücken, und am liebsten hätte Nik seine Hände daruntergleiten lassen, um den langen Reißverschluss ihres sexy Kleides aufzuziehen …

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sie schon fast an der Tür angelangt war. Hastig schob er seine erotischen Fantasien beiseite und folgte ihr. Zwar wusste er genau, wohin sie gehen würde, aber es konnte nicht schaden, sie im Auge zu behalten.

Carrie holte ihren Rucksack aus der Nische neben der Eingangstür und zog sich ihre Jeansjacke über. Dann wandte sie sich noch einmal um und ließ den Blick auf der Suche nach Lulu durch den Raum wandern. Sie hatte es eilig, doch sie mochte ihre Freundin auch nicht einfach so zurücklassen, besonders da sie vorhin völlig aufgelöst gewesen war. Sie entdeckte Lulu auf der Treppe, die sie gerade herunterschritt, das Make-up perfekt erneuert und in ein hautenges silberfarbenes Kleid gehüllt.

„Es tut mir leid“, sagte Carrie, als Lulu zu ihr trat. „Ich konnte das Handy nicht mitbringen.“

„Mach dir keine Sorgen“, beruhigte Lulu sie. Sie sah zu Darren hinüber. „Ich hole es mir selbst. Er kann die Nachricht noch nicht abgehört haben, sonst sähe er nicht so zufrieden aus.“

Ohne ein weiteres Wort ging sie zu ihrem Mann hinüber. Carrie sah Lulu nach und hoffte, dass alles gut endete. Nun aber musste sie sich sputen und Danny von der Kinderkrippe abholen. Eilig verließ sie das Haus durch den Haupteingang.

Angenehm kühle Luft schlug ihr entgegen, und Carrie nahm einen tiefen Atemzug, während sie die marmornen Stufen der Vordertreppe zur Straße hinunterlief.

Wie gut, Nikos Kristallis’ wachsamen Augen endlich entkommen zu sein. Bei jedem Schritt hatte sie seinen brennenden Blick in ihrem Rücken gespürt.

Rasch lief sie den Bürgersteig entlang und knöpfte dabei mit zitternden Fingern ihre Jeansjacke zu. Nur mühsam konnte sie dem Drang widerstehen nachzusehen, ob Nik ihr folgte.

Der Weg zu Dannys Kindertagesstätte war weit, und Carrie hoffte, ein Taxi zu ergattern. Sie schaute sich um, entdeckte eines und winkte. Einen Moment später bremste der Wagen neben ihr. Dankbar stieg sie ein, und während sie dem Fahrer die Adresse gab, wurde sie sich unbehaglich seines lüsternen Blicks bewusst. Ungeniert starrte er auf ihre bloßen Beine. Kein Wunder, dass sie nicht lange hatte warten müssen.

Kurz darauf hielt das Taxi vor Dannys Hort. Carrie entlohnte den Fahrer und stieg hastig aus. Sie lief zum Eingang und läutete.

„Hier ist Carrie Thomas“, sagte sie in die Sprechanlage. „Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe.“

Als der Summer ertönte, drückte sie die Tür auf und eilte die Treppe hinauf, trat durch die Sicherheitstür und stand im Kindergruppenraum.

„Danny!“, rief sie und nahm den kleinen Jungen auf den Arm. Tränen brannten in ihren Augen, als sie spürte, wie er sich vertrauensvoll an sie schmiegte. Ein eigenes Kind hätte sie nicht mehr lieben können als ihn.

Nikos Kristallis verschwendete seine Zeit, wenn er nach London gekommen war, um ihr Danny wegzunehmen. Sein Bruder Leonidas hatte nicht gewollt, dass Danny jemals mit seinen griechischen Verwandten in Kontakt kam. Sophie musste ihm sogar versprechen, das Kind auf keinen Fall seiner Familie anzuvertrauen, sollte ihm etwas zustoßen. Nun, nachdem Carrie Nikos und Cosmo kannte, verstand sie nur zu gut, warum Leonidas so entschieden hatte. Und im Gedenken an Sophie und ihn würde sie dafür sorgen, dass Danny in London blieb – bei ihr.

„Verzeihen Sie, dass ich so spät komme“, wandte sie sich an die Erzieherin, die gerade ein Bilderbuch mit dem Kleinen angeschaut hatte, und küsste Danny auf den weichen Scheitel.

„Macht doch nichts“, entgegnete die junge Frau. „Wir haben eine lustige Geschichte gelesen, stimmt’s, Danny?“

„Die Vertragsstrafe für das Zuspätkommen erscheint dann auf Ihrer nächsten Rechnung, Miss Thomas.“

Carrie schrak zusammen, als sie die strenge Stimme der Hortleiterin hinter sich hörte, und wandte sich um. Sie war nicht in der Lage, noch mehr zu bezahlen. Die üblichen Kosten für die Kinderbetreuung rissen bereits ein großes Loch in ihre Finanzen. „Es tut mir so leid, Mrs. Plewman“, sagte sie kleinlaut. „Ich bin aufgehalten worden.“

„Hm.“ Mit sichtlicher Missbilligung musterte die ältere Frau Carries Aufzug, das gewagte Kleid und die Schuhe. Glücklicherweise verbarg die Jeansjacke den tiefen Ausschnitt. „Wir sind kein Wohltätigkeitsverband, Miss Thomas. Sorgen Sie dafür, dass Sie in Zukunft pünktlich sind. Ich muss auch an meine Mitarbeiterinnen denken, wissen Sie. Diesmal drücken wir ausnahmsweise ein Auge zu.“

„Vielen, vielen Dank, Mrs. Plewman. Und einen schönen Abend noch.“ Carrie schwang sich Dannys Tasche über die Schulter und nahm den Buggy aus dem Schrank. Sie konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, in die sichere Geborgenheit ihres Heims.

Nik stand vor dem Gebäude und runzelte die Stirn. Eine gespannte Erwartung hatte sich seiner bemächtigt. In wenigen Augenblicken würde er zum ersten Mal seinen Neffen sehen. Aber warum sollte ihn diese Tatsache derart beunruhigen?

Er hatte versucht, sich eine Vorstellung davon zu machen, wie der kleine Sohn seines Bruders aussah, es war ihm nicht gelungen. Anscheinend hatte er keines der vielen Babys, die es in seiner Verwandtschaft gab, jemals wirklich genau betrachtet. Es würde eine gänzlich ungewohnte Erfahrung für ihn sein, mit einem Kind nach Griechenland zurückzukehren.

Endlich trat Carrie Thomas aus dem Haus, einen dunkelhaarigen Jungen auf der Hüfte und einen zusammengeklappten Buggy in der anderen Hand. Ihr Blick war auf die Straße gerichtet, aber in der Menge der Passanten würde sie ihn sicherlich nicht entdecken.

Nik sah sich das Baby an – Leonidas’ Sohn –, und eine eigentümliche Benommenheit kroch in ihm hoch. Dieses Kind gehörte zu seiner Familie, es war alles, was ihm von seinem verstorbenen Bruder geblieben war.

Mechanisch setzte Nik sich in Bewegung, hielt jedoch sicheren Abstand zu Carrie. Er beobachtete, wie sie den Buggy gekonnt aufklappte, das Baby hineinsetzte und dabei die ganze Zeit mit dem Kleinen plauderte.

„Und rein mit dir, Danny“, sagte sie und schnallte den Jungen an. „Los geht’s. Bahn oder Bus? Was meinst du?“ Sie blickte die Straße hinunter in Richtung Bushaltestelle.

„Wir haben unsere Unterhaltung noch nicht beendet“, bemerkte Nik laut und trat neben sie.

Überrascht schnappte Carrie nach Luft. „Man könnte meinen, Sie seien ein Spanner, der mich verfolgt“, fuhr sie ihn an.

Nik sah in ihr schönes Gesicht. Die mandelförmigen Augen waren von einem leuchtenden Grün und umrahmt von dichten, dunklen Wimpern. Make-up trug sie keines. Das machte ihn stutzig, denn es passte nicht zu ihrem aufreizenden Outfit. Andererseits wirkten auch die zugeknöpfte Jeansjacke und der Rucksack irgendwie fehl am Platze.

„Sie sind weggelaufen, ehe wir unser Gespräch beendet hatten“, erklärte Nik.

„Ich habe nichts mit Ihnen zu bereden“, gab Carrie bestimmt zurück. Sie wirkte unendlich unnahbar, aber sein Instinkt sagte ihm, dass sie unter der Fassade alles andere als kühl war.

„Wirklich nicht?“, fragte Nik kalt. „Dann erklären Sie mir doch bitte, warum Sie den Sohn meines Bruders gestohlen haben.“

„Ich …“, setzte Carrie an. Sie packte die Griffe des Buggys ganz fest und wich einen Schritt zurück. „Ich habe Danny nicht gestohlen.“

Angstvoll starrte sie ihn an und wirkte noch blasser als zuvor. Anscheinend hatte er sie mit seinen Worten ernsthaft schockiert. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nicht erwartet, dass er so schnell zum Punkt kommen würde.

„Wie würden Sie es sonst nennen, wenn jemand ein Kind bei sich behält, das ihm gar nicht gehört?“ Diese Frage konnte sie doch nun wirklich nicht überraschen. Wahrscheinlich würde sie gleich ihre sorgsam einstudierte Verteidigungsrede vom Stapel lassen.

„Kinder sind niemandes Eigentum!“, entgegnete sie empört. „Sie gehören zu den Menschen, die sie lieben.“

„Sie gehören zu ihrer Familie“, korrigierte Nik sie und trat einen Schritt auf sie zu. „Und wie ich schon sagte, haben Sie das Baby seiner Familie gestohlen.“

„Ich habe Danny nicht gestohlen!“, rief Carrie. „Als seine Eltern ums Leben kamen, wollte ihn kein Mensch haben.“

„Niemand hatte die Chance …“

„Ihr Vater …“

„Mein Vater ist tot“, fiel Nik ihr hart ins Wort.

Carrie sog scharf den Atem ein und sah Nik aus ihren grünen Augen an. „Das tut mir leid.“

„Nein.“ Mit einer abrupten Geste hieß er sie schweigen. Mitgefühl war nun wirklich das Letzte, was er brauchen konnte.

Sein Vater war ganz plötzlich vor zwei Monaten verstorben, vier Monate nach Leonidas’ Autounfall. Nik hatte eine schwere Zeit hinter sich. Er hatte das Familienunternehmen übernehmen und den Nachlass seines Vaters ordnen müssen. Dabei war ihm irgendwann eine handschriftliche Notiz in die Finger geraten, aus der hervorging, dass Leonidas einen Sohn hinterlassen hatte. Einen Sohn, der nun Waise war.

Nik betrachtete das Baby, das in seinem Wagen saß, dann sah er wieder zu Carrie Thomas auf.

Sie schluckte hart, als sich ihre Blicke trafen. Ganz offensichtlich zerrte diese Begegnung an ihren Nerven. Wieder trat sie einen Schritt zurück.

„Passen Sie doch auf!“, rief ein Passant und rannte sie beinahe um. Hätte sie sich nicht an dem Buggy festgehalten, wäre sie fast gefallen, als sie auf ihren hohen Absätzen nach vorn stolperte und Nik dabei mit dem Vorderrad auf den Fuß fuhr.

Nik fluchte auf Griechisch. „Wir müssen von hier weg“, sagte er und zog Carrie samt dem Kinderwagen zur Seite. „Ich winke meinem Chauffeur.“

„Ich steige unter keinen Umständen zu Ihnen ins Auto.“ Carrie schüttelte seine Hand ab und vergewisserte sich, dass es Danny gut ging. „Ich kenne Sie überhaupt nicht.“ Damit richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und sah ihm direkt in die Augen.

„Wir müssen sprechen, und die Straße ist wohl kaum der richtige Ort dafür“, entgegnete Nik unnachgiebig. Er wies auf ein kleines italienisches Café.

Carrie zögerte. Sie konnte es ohnehin nicht vermeiden, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Vielleicht war es besser, es hinter sich zu bringen.

„In Ordnung, aber ich habe nicht viel Zeit. Danny wird bald müde.“

Wenige Minuten später saßen sie einander in einer ruhigen Ecke des Cafés gegenüber. Carrie hatte Danny auf dem Schoß, und der Kleine grapschte mit seinen Händchen nach ihrer Cappuccino-Tasse.

Geschickt drehte Carrie sich so, dass das heiße Getränk außerhalb von Dannys Reichweite stand. Dabei musterte sie Nik verstohlen. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass er ihr Danny wegnehmen wollte. In den sechs Monaten, die vergangen waren, seitdem sie mit Leonidas’ Familie in Verbindung getreten war, hätte Nik längst reagieren können. Weshalb sollte er bis jetzt gewartet haben?

Obwohl sie ungeduldig war zu erfahren, was er im Schilde führte, widerstand Carrie dem Drang, ihn zu fragen. Er sollte seine Karten auf Tisch legen. Aber Nik schwieg sich beharrlich aus. Wortlos nippte er an seinem Espresso.

So nutzte Carrie die Gelegenheit, ihn ausgiebig zu betrachten. Sein Designer-Jackett saß perfekt und betonte seine breite Schultern und seine muskulöse Brust. Das weiße Hemd hob seine gebräunte Haut noch mehr hervor. Er wirkte durch und durch vital und stark. Und unendlich attraktiv und männlich.

„Es tut mir leid um Ihren Vater“, wiederholte sie. „Es muss sehr schmerzhaft gewesen sein, ihn so kurz nach Leonidas’ Tod zu verlieren.“

„Danke für Ihr Mitgefühl“, antwortete Nik und stellte seine Tasse ab. „Doch ich bin nicht hier, um über meinen Verlust zu sprechen. Wir müssen Vorkehrungen für meinen Neffen treffen.“

„Was meinen Sie damit?“ Panik stieg in ihr auf.

„Der Junge gehört zu mir nach Griechenland.“

Carrie sank gegen die Stuhllehne und hielt Danny an die Brust gedrückt. Ungläubig starrte sie Nik an. „Es tut mir sehr leid, dass Sie Ihre Familie verloren haben. Aber Danny bleibt bei mir.“

„Nein“, widersprach Nik. „Das Kind wird mit mir nach Griechenland zurückkehren.“

„Ich verstehe, dass Sie aufgewühlt sind, weil Sie so viel durchgemacht haben“, erklärte Carrie ruhig. „Vor sechs Monaten wollten Sie Danny nicht haben. Sie können Ihre Meinung nicht einfach ändern, wie es Ihnen passt.“

„Beleidigen Sie mich nicht“, brauste Nik auf. „Hier geht es nicht um mich. Danny hat das Recht, ein Teil seiner echten Familie zu sein.“

„Wollen Sie behaupten, ich sei nicht seine Familie?“

„Sie sind keine enge Verwandte“, erwiderte Nik. „Und Sie sind auch keine geeignete Betreuerin.“

„Was, bitte schön, soll das bedeuten?“ Carrie funkelte ihn zornig an. „Sie kennen mich doch überhaupt nicht.“

„Immerhin habe ich Sie beim Stehlen erwischt.“

„Ich habe nichts gestohlen“, protestierte sie und erinnerte sich an Lulus flehentliches Bitten. Sie brauchte sich nicht zu schämen, nur weil sie einer Freundin hatte helfen wollen. Da bemerkte sie Niks Blick. Ganz offensichtlich wartete er auf eine Erklärung.

Obwohl es ihn nicht das Geringste anging, beschloss Carrie, sie ihm zu geben. „Lulu bat mich, eine Nachricht auf Darrens Handy zu löschen, die sie ihm in einem Anfall von Eifersucht auf die Mailbox gesprochen hatte. Sie befürchtete, dass es einen Riesenstreit geben würde, wenn er sie abhörte.“

Sie beobachtete ihn und fragte sich, ob er ihre Begründung akzeptierte, doch Niks Miene war undurchdringlich.

„Ich denke, es ist nicht leicht, ein Kind allein großzuziehen, wenn man auch noch arbeiten muss“, wechselte er abrupt das Thema.

„Wir kommen gut zurecht“, entgegnete Carrie rasch. „Sehr gut sogar, wenn Sie es genau wissen wollen.“ Ihm gegenüber brauchte sie nun wirklich nicht zuzugeben, dass sie manchmal ganz schön viel jonglieren musste, um ihre Termine und Danny unter einen Hut zu bekommen.

„Ich bin sein Onkel“, sagte Nik daraufhin schlicht. „Und Sie sind die Cousine seiner Mutter.“

„Und welchen Unterschied macht das?“, wollte Carrie wissen. „Ich war da, als er allein dastand. Niemand wollte ihn. Ihr Vater hat ihn ein Balg genannt …“ Mit Abscheu dachte sie an die Begegnung mit Cosmo Kristallis zurück.

„Mein Vater?“, fragte er ungläubig. „Wann war er hier?“

Sein Ton machte Carrie stutzig. Forschend blickte sie in Niks Gesicht, in dem nun Anspannung zu lesen war.

„Er kam zur Beerdigung.“

„Im November.“

Carrie nickte und fragte sich, ob es ihm wehtat, über seinen Vater zu sprechen.

„Was hat er zu Ihnen gesagt?“, wollte Nik wissen.

„Nicht viel“, gab Carrie vorsichtig zurück. „Er meinte, es wäre in Dannys Interesse, bei der Familie seiner Mutter in England zu bleiben.“

Nik lachte freudlos auf. „Ach wirklich? Ich kenne meinen Vater, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das wirklich seine Worte waren.“

„Was Ihr Vater von sich gegeben hat, war nicht gerade freundlich“, fuhr Carrie auf. Wie konnte er lachen?

„Davon bin ich überzeugt.“ Ein harter Glanz lag in Niks Blick. „Ihre eher vorsichtig formulierte Version seiner tatsächlichen Äußerungen ist für jemanden, der meinen Vater kennt, recht belustigend.“

„Ihr Vater hat sich keinen Deut um Danny geschert“, sagte Carrie laut. „Seiner Ansicht nach hätte der Junge nie geboren werden sollen.“

„Das hört sich nach meinem Vater an.“ Nik atmete tief durch. „Aber ich teile seine Ansichten nicht.“

„Wo waren Sie dann nach dem Unfall? Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, zur Beerdigung zu erscheinen.“ Carrie war so außer sich, dass sie nicht gleich bemerkte, wie Danny erneut nach ihrem Cappuccino patschte.

„Vorsicht, Danny!“ Sie zog das Kind zurück, doch dabei stieß sie mit dem Ellbogen an die Tasse, und der Cappuccino lief über den Tisch.

Carrie sprang auf, damit Danny sich nicht verbrühte.

„Heiße Getränke und Babys, das ist eine schlechte Kombination“, bemerkte Nik besserwisserisch. Er winkte einer Kellnerin. „Wir brauchen ein Wischtuch, bitte.“

Carrie sah sich das Durcheinander an. Nik hatte sie nervös gemacht, ansonsten wäre das Malheur gar nicht passiert. „Ich muss gehen“, sagte sie abrupt und bückte sich nach ihrer Tasche und dem Rucksack. Als sie sich aufrichtete und nach dem Buggy greifen wollte, sah sie, dass Nik ihn sich bereits unter den Arm geklemmt hatte.

„Unser Gespräch ist noch nicht zu Ende“, beharrte er und legte einen Geldschein auf den Tisch.

„Doch, ist es.“ Wütend folgte sie ihm nach draußen. „Ich muss Danny jetzt nach Hause bringen.“

„Ich fahre Sie.“

„Nein, danke.“ Sie riss den Buggy an sich, bevor er reagieren konnte. Erleichtert bemerkte sie, dass sich der Bus der Haltestelle näherte. „Das ist unsere Linie. Danny fährt gern Bus.“

Ohne Niks Antwort abzuwarten, ordnete sie sich in die Schlange der wartenden Fahrgäste ein.

Als sie einstieg, lachte Danny vor Vorfreude auf die Fahrt. Aus dem Augenwinkel beobachtete Carrie Nik, der immer noch auf dem Bürgersteig stand. Doch sie widerstand dem Impuls, sich umzudrehen. Ein Schauer der Erleichterung durchrieselte sie, als der Bus endlich anfuhr und sie Nik hinter sich ließen.

Es war nicht gelogen, dass Danny das Busfahren liebte. Dennoch konnte sich Carrie etwas Schöneres vorstellen, als mit einem Kleinkind auf dem Schoß und einem Buggy samt Rucksack und Windeltasche neben sich zwischen vielen Menschen eingezwängt zu sitzen und in ihrem Rücken den bohrenden Blick Niks zu spüren, der ihr unverwandt durch die Heckscheibe des Busses nachsah.

Sie wusste, sie hätte länger bleiben und mit ihm reden sollen, bis das Thema ein für alle Mal geklärt war. Sie hätte herausfinden sollen, wie ernst Nik Kristallis es damit meinte, Danny mitzunehmen. Doch im Moment wollte sie nur eines – so weit wie möglich fort sein von diesem Mann.

Nik sah zu, wie der Bus sich seinen Weg durch den dichten Londoner Verkehr bahnte. Er war sicher, dass Carrie seinen Blick spürte.

Erst vor wenigen Stunden hatte er Carrie Thomas kennengelernt, aber schon jetzt nahm sie einen bedeutenden Platz in seinem Leben ein. Sie hatte Leonidas gekannt, als Nik seinen Bruder längst verloren hatte. Sie war sogar seinem Vater begegnet. Und nun hatte sie seinen Neffen in ihrer Obhut.

Nik beobachtete, wie das Kind aus dem Fenster schaute und ihn direkt anblickte. Mit seinen dunklen Augen betrachtete Danny ihn interessiert und reckte den Hals, damit er Nik so lange wie möglich sehen konnte.

Dieser kleine Junge war alles, was ihm von seinem Bruder geblieben war. Heute Abend nahm Carrie Thomas Danny mit zu sich, doch bald würde Nik ihn nach Griechenland bringen, dorthin, wo sein richtiges Zuhause war.

3. KAPITEL

Carrie eilte die Straße zur Kindertagesstätte entlang. Der Tag war hart gewesen, und sie hatte nur noch einen Wunsch: Danny abzuholen und dann nach Hause zu fahren. Eigentlich liebte sie ihren Job, doch heute war sie erschöpft und gestresst, weil sie sich die ganze Nacht Sorgen gemacht hatte. Auch während der Arbeit war ihr die Frage nicht aus dem Kopf gegangen, ob Nik wirklich etwas an Danny lag. Hätte er sich nicht schon viel früher gemeldet, wenn das der Fall wäre? Aber selbst wenn Nik es ernst meinte, hatte er nicht das Recht, ihr Danny einfach wegzunehmen. Er mochte reich und mächtig sein, trotzdem würde er sich mit den Behörden auseinandersetzen müssen. Andernfalls machte er sich der Kindesentführung schuldig.

Allmählich bereute sie ernsthaft, dass sie sich gestern nicht mit ihm ausgesprochen hatte. Über Niks Absichten im Ungewissen zu sein, machte ihr schwer zu schaffen. Den ganzen Tag über hatte sie damit gerechnet, dass er ihr auflauerte. Ihre Gedanken waren um Danny gekreist, und ihr war wieder einmal bewusst geworden, wie sehr sie ihn liebte. Und jetzt beeilte sie sich, um zu ihm zu kommen.

Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie konnte kaum glauben, was sie da sah. Nikos Kristallis stand vor dem Eingang der Kindertagesstätte und sprach in die Sprechanlage. Kurz darauf öffnete sich die Tür, und er verschwand im Gebäude. Er wollte Danny holen!

Carries Puls raste, und sie rannte los, überquerte die Kreuzung und ignorierte die wütenden Bemerkungen der Passanten, die sie im Vorüberlaufen anrempelte. Sie musste rechtzeitig an der Tür sein, falls Nik Danny tatsächlich mitnehmen wollte. Sie durfte ihn nicht aus den Augen verlieren.

Völlig außer Atem erreichte sie die Eingangstür und drückte die Klingel.

„Carrie Thomas“, keuchte sie. „Bitte machen Sie auf.“

Der Summer ertönte, und dann war Carrie im Haus und stürmte zum Gruppenraum. Danny saß wohlbehalten auf der Spielmatte.

Sie rief ihn beim Namen, und er sah zu ihr auf. Als er sie erkannte, verzog sich sein Gesicht, und er begann zu weinen.

„Auf geht’s, Süßer.“ Die Erzieherin hob Danny hoch und reichte ihn Carrie. „Er war den ganzen Tag quengelig. Vielleicht zahnt er.“

„Armer kleiner Schatz“, murmelte Carrie und drückte Danny an sich. Sofort wurde sie innerlich ruhiger und betrachtete den kleinen Jungen aufmerksam. Seine Wangen waren gerötet, aber er hatte aufgehört zu weinen.

Plötzlich drangen nun Stimmen vom Korridor herein, und Carrie erinnerte sich voller Unbehagen daran, dass Nikos Kristallis ebenfalls hier war. Prompt steckte er den Kopf zur Tür herein. Dass sie ihn in der Kindertagesstätte überraschte, schien ihn kein bisschen aus dem Konzept zu bringen. Mit einem Mal schlug ihre Sorge in Zorn um. Er war anscheinend so arrogant zu glauben, dass die üblichen Regeln für alle galten – nur nicht für ihn.

„Was haben Sie hier zu suchen?“, fuhr sie ihn an. „Sie haben kein Recht, sich Danny zu nähern!“

„Mrs. Plewman war so freundlich, mir die Tagesstätte zu zeigen“, gab er aalglatt zurück und schenkte der Leiterin ein charmantes Lächeln.

„Ich will nicht, dass Sie diesen Mann in Dannys Nähe lassen“, wandte sich Carrie an Mrs. Plewman. „Ich traue ihm nicht. Er hat gedroht, Danny nach Griechenland zu entführen.“

„Ich habe das Recht zu sehen, wo mein Neffe untergebracht ist“, hielt Nik dagegen.

„Ja, aber das ist nicht der Grund, aus dem Sie hier sind“, erwiderte Carrie aufgebracht und drückte das Kind beschützend an sich.

„Ihr Neffe?“, fragte Mrs. Plewman an Nik gewandt. Offenbar hatte sie sich zunächst von seinem Charme blenden lassen. Nun jedoch wirkte sie skeptisch.

„Ja, Danny ist mein Neffe“, bestätigte Nik, den Blick auf Carrie gerichtet. „Weshalb sollte ich sonst hergekommen sein?“

„Um ihn mir wegzunehmen!“, rief Carrie. „Um ihn mitzunehmen, wenn ich gerade nicht da bin.“

„Sie reagieren wirklich über“, beschwichtigte Nik sie. „Mrs. Plewman wird Ihnen versichern, dass ich gar nicht das Recht hätte, ein Kind mitzunehmen, das sich in ihrer Obhut befindet. Abgesehen davon wäre ich wohl kaum zur selben Zeit hier aufgetaucht, in der Sie den Jungen abholen, wenn ich ihn heimlich hätte entführen wollen, oder?“

„Aber auf diese Weise sieht uns die Belegschaft zusammen, und nächstes Mal kennt man Sie schon und vertraut Ihnen. So wollen Sie sich Glaubwürdigkeit verschaffen.“

„Mit Ihnen gesehen zu werden, verschafft mir Glaubwürdigkeit?“ Er machte keinen Hehl daraus, wie abwegig er den Gedanken fand.

„Ich fahre jetzt mit Danny nach Hause“, sagte Carrie bestimmt. „Und nur damit wir uns verstehen: Ich will Sie hier nicht noch einmal sehen. Lassen Sie uns in Frieden!“

Sie wartete keine Antwort ab. Und auch wenn es wahrscheinlich besser gewesen wäre, ein paar erklärende Worte mit Mrs. Plewman zu wechseln, fehlte ihr im Moment die Kraft dazu.

Doch kaum hatte sie Danny durch die Tür getragen, den Buggy unter dem anderen Arm, war Nik wieder an ihrer Seite.

„Kommen Sie, ich nehme Ihnen den ab“, erbot er sich und griff nach dem Kinderwagen. „Es ist zu gefährlich, das Kind und den Buggy gleichzeitig die Treppe runterzutragen.“

„Ich komme zurecht, danke“, gab Carrie bissig zurück. „Es ist nicht das erste Mal, dass ich das mache.“

„Ich helfe gern. Nehmen Sie das Angebot doch einfach an“, beharrte Nik. „Weshalb sollten Sie sinnloserweise das Risiko eingehen, sich das Genick zu brechen, und, was viel wichtiger ist, meinen Neffen in Gefahr zu bringen?“

„Ich riskiere nichts dergleichen“, widersprach Carrie und ging die letzten Stufen hinunter. Je eher sie den Bus erreichte, desto schneller wäre sie Nik Kristallis los.

„Ich bringe Sie heim“, erbot sich Nik.

„Sind Sie jetzt vollends verrückt geworden?“ Energisch nahm Carrie ihm den Buggy ab und klappte ihn auseinander. „Ich fahre nirgendwo mit Ihnen hin.“

„Aber wir müssen reden. Schon gestern sind Sie weggelaufen, bevor wir unsere Unterhaltung beendet hatten. Ich weiß, wann Sie Danny von der Tagesstätte abholen, und da fand ich es sinnvoll, Sie hier zu treffen.“

„Sie hatten kein Recht, in den Hort zu kommen.“ Beschützend drückte Carrie den Jungen an sich und setzte ihn dann vorsichtig in den Buggy. „Und Mrs. Plewman hätte Sie nicht hereinlassen dürfen.“ Sie wusste, dass das nicht ganz gerecht war, denn die Leiterin hätte Danny niemals einem Fremden mitgegeben. Doch es war nicht zu übersehen gewesen, dass sie sich vom Charme des Griechen hatte einwickeln lassen.

„Mein Neffe sollte nicht an solch einem Ort untergebracht sein“, warf Nik ein. „Ich wollte mich überzeugen, welche Art von Betreuung er erhält, und ehrlich gesagt bin ich nicht angetan davon. Ich möchte nicht, dass er noch mehr Zeit dort verbringt. Eine derartige Einrichtung ist nichts für einen Kristallis.“

„Sein Name mag Kristallis sein“, bemerkte Carrie trocken. „Aber sowohl Sophie wie auch Leonidas wollten, dass er nicht wie ein Kristallis aufwächst.“

„Seine Eltern sind tot. Jetzt untersteht das Kind meiner Verantwortung.“

„Jetzt? Er ist fast ein Jahr alt“, rief Carrie. „Wie verantwortungsvoll von Ihnen, sich an ihn zu erinnern, nachdem Sie ein Jahr seines Lebens verpasst haben.“

Als sie sein Mienenspiel sah, wusste sie, dass sie einen Nerv getroffen hatte, doch da waren die Worte schon heraus. Eine Wandlung ging mit Nik vor sich, die ihr Angst machte.

„Ich habe nicht vor, auch nur einen weiteren Tag seines Lebens zu verpassen“, erwiderte Nik mit zusammengebissenen Zähnen. „Und nun lassen Sie uns irgendwohin gehen, wo wir uns ungestört unterhalten können.“

„Danny muss nach Hause.“ Besorgt sah Carrie dem Kleinen in das gerötete Gesichtchen und strich ihm die Haare aus der Stirn. „Er leidet unter der Hitze.“

„Dann bringe ich Sie heim.“ Nik winkte einen schnittigen schwarzen Wagen herbei, der einen Moment später neben ihnen anhielt. „Wenn Danny sich wohler fühlt, können wir reden.“

„Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit“, wehrte Carrie ab. „Wir können den Bus nehmen, genau wie sonst.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich. Nur weil Sie mich nicht ausstehen können, müssen Sie meinem Neffen doch kein unbequemes öffentliches Verkehrsmittel zumuten.“

„Nicht jeder hat eine Privatlimousine samt Chauffeur, wissen Sie?“, entfuhr es Carrie wütend. Sie machte sich bewusst, dass sie Danny vielleicht nie wiedergesehen hätte, wenn es Nik gelungen wäre, ihn aus der Tagesstätte mitzunehmen. „Ich steige nicht mit Ihnen in ein Auto. Schließlich kenne ich Sie überhaupt nicht.“

„Danny sieht krank aus“, stellte Nik fest. „Überwinden Sie Ihren Stolz, und tun Sie, was für das Kind am besten ist.“

„Er ist nicht krank“, widersprach Carrie und biss sich auf die Lippe. „Wenn Babys zahnen, können Sie auch Temperatur haben.“

Just in diesem Moment fing es an zu regnen. Danny begann zu weinen, als die ersten dicken Tropfen aus der dichten Wolkendecke auf sein Gesicht fielen, und Carrie sah sich nach einem Unterstand um.

„Ich bringe Sie jetzt nach Hause, ob Sie wollen oder nicht. Geben Sie dem Fahrer Ihre Adresse.“ Blitzschnell nahm Nik Danny aus dem Buggy, öffnete die hintere Wagentür und setzte den Jungen in den Kindersitz, den er in weiser Voraussicht auf der Rückbank hatte anbringen lassen. Inzwischen regnete es in Strömen, und Carrie musste sich eingestehen, dass es das Beste war, Niks Angebot anzunehmen. Abgesehen davon wäre die Limousine viel schneller als der Bus.

Der Fahrer verstaute den Buggy, und Carrie rutschte auf den Platz neben dem Kindersitz. Nik setzte sich neben sie. Eine Minute später fuhren sie bequem im trockenen Wagen durch die Stadt. Danny weinte immer noch.

„Sie hätten nicht in die Kindertagesstätte kommen sollen. Sie wussten doch, dass ich bald da sein würde, und hätten draußen auf mich warten können“, setzte Carrie wieder an. Wahrscheinlich hatten Niks Auftauchen dort und ihr anschließender Wortwechsel mit ihm Danny aufgeregt.

„Ja, aber Sie hätten mich niemals mit hineingenommen“, wandte er ein. „Es hat mir gar nicht gefallen, ihn in dieser tristen Umgebung zu sehen und zu wissen, dass er von Fremden betreut wird. Er sollte in einer Familie aufwachsen.“

„Diese Menschen sind für Danny keine Fremden“, gab Carrie zurück und nahm ein Spielzeug aus ihrer Tasche. „Der Hort ist zugegebenermaßen nicht mehr ganz neu, aber das Personal liebt Kinder. Die Atmosphäre dort ist viel besser als in den anderen Einrichtungen, die ich mir angesehen habe.“

„Es ist nicht dasselbe, wie in einer Familie aufzuwachsen.“

„Sie mögen mit ihm blutsverwandt sein, dennoch sind Sie ihm viel fremder als die Erzieherinnen.“

„Genau das will ich ja ändern.“

Carrie sah ihn scharf an, doch in diesem Moment begann Danny in höchster Lautstärke zu weinen, und sie wandte sich besorgt zu dem Jungen um. Armer Kleiner. Hoffentlich wurde er nicht krank, denn dann konnte sie morgen nicht mit ihm zu ihrer Kundin nach Spanien reisen wie geplant. Sie hasste es, Termine abzusagen, besonders wenn es sich bei der Kundin um ihre Freundin Elaine handelte. Aber Danny war ihr wichtiger als alles andere.

„Hier.“ Nik reichte Carrie die Babytasche.

Eilig kramte sie eine Rassel hervor, die Danny immer recht faszinierend fand.

Zu Carries Erleichterung verwandelte sich das Weinen in einen leisen Schluckauf, und dann streckte Danny sein pummeliges Händchen hoch, um nach der Rassel zu greifen. Carrie drückte den Knopf, mit dem man die Melodie eines Kinderliedes erklingen lassen konnte.

Kaum hörte er die ersten Töne, fing Danny wieder zu schreien an.

„Es scheint ihm nicht zu gefallen“, bemerkte Nik überflüssigerweise. „Womöglich bekommt er Kopfweh davon.“

Carrie biss die Zähne zusammen. Nicht nur Danny, dachte sie entnervt. Allmählich breitete sich ein unerträgliches Pochen in ihrem ganzen Schädel aus.

Nik beugte sich zu Danny hinüber, und obwohl er nichts sagte und das Kind einfach nur ruhig betrachtete, wurde Danny still und richtete schließlich seine Aufmerksamkeit auf Nik.

Ein sonderbares Gefühl bemächtigte sich Carries, während sie sah, wie die beiden einander anschauten. Die Melodie der Rassel verklang.

„Danny wird nicht mehr in die Tagesstätte gehen“, sagte Nik, ohne den Blick von seinem Neffen zu wenden.

„Doch. Schließlich arbeite ich.“ Sie musste ihrer beider Lebensunterhalt verdienen. Carrie straffte die Schultern. Ganz bestimmt würde sie sich nicht von Nikos Kristallis einschüchtern lassen.

„Was ist mit dem Rest Ihrer Familie?“, fragte Nik.

Die Frage kam unverhofft. Aus irgendeinem Grunde war Carrie sich sicher gewesen, dass er diese Dinge in Erfahrung gebracht hatte.

„Meine Mutter ist gestorben, als ich noch ganz klein war.“ Sie sprach ruhig. Es war das Beste, offen zu ihm zu sein, doch Gefühle wollte sie ihm nicht preisgeben.

„Und Ihr Vater?“

„Mein Vater ist damit nicht klargekommen.“ Unglücklich erinnerte sie sich daran, dass er es nicht einmal für nötig befunden hatte, zur Beerdigung zu kommen. „Er hat mich bei meiner Tante und meinem Onkel gelassen, den Eltern von Sophie …“

„Und so sind Sie in dieser Familie aufgewachsen?“

„Sophie war wie eine Schwester für mich.“ Plötzlich brannten Tränen in Carries Augen, und sie wandte den Blick ab. Ihr Verhältnis zu Onkel und Tante war freundschaftlich, wenn auch nicht eng gewesen. Ab und zu war ihr Vater aufgetaucht und hatte Geld für ihren Lebensunterhalt gezahlt. Aber Sophie … Sophie hatte sie geliebt.

„Bei diesem Unfall haben Sie sehr viel verloren.“

Etwas in Niks Stimme weckte ihre Aufmerksamkeit, und sie sah ihn an. Ihre Blicke begegneten sich. Obwohl er ihre Tränen bemerken musste, schaute Carrie nicht weg.

Dann kam ein erneutes Schluchzen aus Dannys Richtung, und der Bann war gebrochen.

Carrie wandte sich dem Baby zu. Die übergroße Zuneigung, die sie für das Kind empfand, wallte in ihr auf. Sie durften nicht getrennt werden. Nik durfte ihr Danny nicht wegnehmen.

Von dem Augenblick an, da sie den Kleinen zum ersten Mal gesehen hatte, liebte sie ihn, selbst wenn es manchmal hart gewesen war, plötzlich allein erziehende Mutter eines verwaisten Kindes zu sein.

Ihre Freunde hatten sie davor gewarnt, eine so große Verantwortung zu übernehmen, oder ihr geraten, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, wo sie Unterstützung finden würde. Sie waren der Meinung, ein Kind in der Stadt aufzuziehen, sei viel zu schwierig. Doch in London hatte Carrie sich eine Existenz aufgebaut. Sie besaß einen festen Kundenstamm. Abgesehen davon wollte sie nicht dorthin zurück, wo sie aufgewachsen war. Sie verband zu viele schmerzhafte Erinnerungen mit dem Ort.

In London führte sie ein ganz anderes Leben, und sie war glücklich hier. Endlich hatte ihr Leben einen Sinn bekommen. Sie war erfolgreich, und ihre Londoner Freunde wussten nichts von ihrer Kindheit. Das war ihr recht, aber es bedeutete auch, dass sie wenig Verständnis gezeigt hatten für ihren Entschluss, sich um das verwaiste Kind ihrer Cousine zu kümmern.

Danny sah inzwischen besser aus und hatte aufgehört zu weinen. Seine Wangen waren nach wie vor gerötet, doch seine Stirn fühlte sich kühler an. Bald wären sie zu Hause, und dann würde alles wieder gut.

Erst in diesem Moment, als sie wahrnahm, wie sicher und geborgen der Kleine in dem Kindersitz saß, fragte Carrie sich, wie es überhaupt kam, dass Nik eine derartige Vorrichtung in seinem Wagen installiert hatte.

Bei der Vorstellung, er könnte verheiratet sein und eigene Kinder haben, zog sich ihr der Magen zusammen. Ein Familienvater hätte vor Gericht sicher noch mehr Chancen, das Sorgerecht zugesprochen zu bekommen, als ein allein stehender Geschäftsmann.

„Haben Sie und Ihre Frau Kinder?“

„Warum fragen Sie?“ Aus seiner Mimik las sie heraus, dass er den Grund für ihre Frage falsch deutete.

„Wegen dem Kindersitz“, gab sie zurück. Auf keinen Fall sollte er wissen, welche verheerende Wirkung dieses Leuchten in seinen Augen auf ihren Seelenfrieden ausübte. Zweifellos war Nikos Kristallis daran gewöhnt, dass sich ihm die Frauen an den Hals warfen. Carrie jedoch hatte mehr zu bedenken als nur ihr eigenes Glück.

Er mochte der bestaussehende Mann sein, der ihr je begegnet war, aber seit sie seine Identität kannte, ließ sie Vorsicht walten. Schließlich stellte er eine Bedrohung für sie und Danny dar.

„Ich bin nicht verheiratet, und Kinder habe ich auch nicht.“ Nik sprach gelassen, doch er musterte sie aufmerksam. „Das Thema unseres Familienstandes würde ich allerdings lieber zu einem späteren Zeitpunkt diskutieren.“

„Eigentlich dachte ich, unsere Unterhaltung von vorhin sei längst beendet.“ Das Letzte, was sie wollte, war, dass Nikos Kristallis sich etwas einbildete. Und noch weniger könnte sie es ertragen, wenn er glaubte, sie bildete sich etwas ein. „Und ob Sie verheiratet sind, interessiert mich persönlich kein bisschen.“

„Ach wirklich?“, meinte Nik belustigt. „Ich dachte, Sie hätten einen Grund für Ihre Frage, und zwar einen dringlicheren als den, warum sich ein Kindersitz in meinem Auto befindet.“

„Und welcher Grund sollte das sein?“, fragte sie zurück. „Ich habe lediglich versucht, das Gespräch in Gang zu halten.“

Er lächelte und hob spöttisch eine Augenbraue.

Genervt wandte Carrie sich ab und sah aus dem Fenster der Limousine in den Regen hinaus. Sie wollte irgendetwas Passendes entgegnen, aber ihr fiel beim besten Willen nichts ein. Als Nik sich plötzlich über sie lehnte und sich an dem Kindersitz zu schaffen machte, fuhr sie zusammen.

„Was tun Sie da? Lösen Sie jetzt bloß nicht den Sicherheitsgurt!“

„Wollen Sie Danny etwa mitsamt dem Kindersitz hineintragen? Ich gehe doch davon aus, dass mein Chauffeur uns zur richtigen Adresse gebracht hat?“

Erschrocken erkannte Carrie, dass der Wagen bereits vor ihrem Haus hielt. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie ihre eigene Straße nicht erkannt hatte.

„Danke für Ihre Mühe“, sagte sie kühl. Wie albern von ihr, ihn so anzufahren. „Ich nehme Danny.“

„In Ordnung“, antwortete Nik und stieg aus. „Ich bringe die restlichen Sachen mit.“

Ein kalter Wind schlug Carrie entgegen, als sie ihm folgte. Es regnete immer noch.

„Vielen Dank“, rief sie dem Fahrer zu und drückte Danny fest an sich.

„Danny muss ins Trockene“, sagte Nik und nahm den Buggy aus dem Kofferraum. „Drinnen können wir entscheiden, was wir anschließend tun, einen Arzt aufsuchen oder …“

„Wir?“, fragte Carrie ungläubig. Dachte dieser arrogante Kerl wirklich, dass sie ihn in die Wohnung lassen würde, damit er mitbestimmen konnte, was das Beste für Danny war? „Nur um das klarzustellen: Ich bringe Danny hinein“, erklärte sie fest. „Sie haben schon genug Umstände gehabt. Vielen Dank für Ihre Hilfe.“

Sie wollte nach dem Buggy greifen, doch Nik hielt ihn außer Reichweite. „Ich bleibe bei Ihnen, bis ich weiß, was meinem Neffen fehlt. Und nun hören Sie auf, unsere Zeit zu verschwenden, und lassen Sie uns stattdessen dafür sorgen, dass Danny ins Warme kommt.“

Nik saß in dem einzigen Sessel und sah Carrie dabei zu, wie sie ihre Wohnung in Ordnung brachte. Immer noch trug sie den eng anliegenden Trainingsanzug, bei dem es sich offenbar um ihre Arbeitskleidung handelte. Wie als Huldigung an ihre Schönheit reagierte sein Körper mit eindeutigem Verlangen auf ihren überaus anziehenden Anblick. Sie war schlank und durchtrainiert und besaß doch an den richtigen Stellen weibliche Rundungen.

Die Wohnung war klein, aber als Carrie Dannys Spielzeug weggeräumt hatte, sah man, wie durchdacht alles angeordnet war. Die stilvolle, moderne Einrichtung zeugte von Carries einstigem Leben als sorglose Single-Frau. Und dennoch wirkten die Babysachen nicht fehl am Platz. Alles hatte eine innere Harmonie.

Danny schlief. Nach einem leichten Schmerzmittel und einem Fläschchen warmen Tee war er, während Carrie mit ihm schmuste, auf ihrem Schoß eingeschlafen. Carrie hatte Nik von Kinderkrankheiten erzählt, die manchmal ganz plötzlich kamen und oft auch ebenso schnell wieder vergingen. Sie wusste offenbar sehr genau, wovon sie sprach.

Nik hatte sie das Kind absichtlich allein versorgen lassen, um ihr Zeit und Raum zu geben. Er war beeindruckt und nicht wenig überrascht von der Souveränität, mit der sie ihre Rolle ausfüllte.

Seit jenem Nachmittag, an dem er Carrie zum ersten Mal gesehen hatte, war sie in seiner Gegenwart immer hochgradig nervös gewesen. Daher hatte er ihr gar nicht zugetraut, dass sie so gelassen und warmherzig mit dem Kind umgehen würde.

Aber auch wenn sie Danny ordentlich betreute, änderte das nichts an Niks Plan. Sein Neffe sollte nicht unter so beengten Umständen aufwachsen. Ganz gleich, wie gut Carries Absichten sein mochten. Sie war auf sich allein gestellt, und sie arbeitete Vollzeit. Sie konnte dem Jungen nicht einmal einen Bruchteil dessen geben, was er ihm mit all der Macht von Kristallis Industries zu bieten in der Lage war.

Carries Wohnung beispielsweise war viel zu klein, und es gab lediglich ein Schlafzimmer. Für Dannys Kinderbettchen war in dem Raum schon jetzt kaum Platz. Ein größeres Bett würde man unmöglich darin aufstellen können, wenn der Junge es in ein, zwei Jahren brauchte.

Bei dem Gedanken an Carries Schlafzimmer und wie sie des Nachts in ihrem Bett liegen mochte, beschleunigte sich Niks Puls. Sie hatte ein Doppelbett, wenn auch ein nicht besonders breites, aber zwei Personen fanden darin Platz. Sich vorzustellen, dass Carrie dieses Bett schon mit anderen Männern geteilt hatte, gefiel ihm gar nicht.

„So, das muss reichen“, unterbrach sie seine Gedanken. Sie hatte alle Spielsachen weggeräumt und strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Kaffee?“

„Das hört sich gut an“, stimmte Nik zu und beobachtete, wie sie den Kessel aufsetzte.

Himmel, war sie betörend! Sie stand mit dem Rücken zu ihm und reckte sich auf die Zehenspitzen, um die Kaffeebecher aus dem Schrank zu holen. Dabei schob sich ihr Top hoch und gewährte ihm einen Blick auf ihren perfekten Po in den engen Stretchleggings. Ein Zentimeter ihrer hellen Haut zeigte sich, dann war der Augenblick vorbei, doch Nik war entflammt. Die Woge heißen Verlangens kam für ihn vollkommen überraschend.

Natürlich hatte er bereits vorher bemerkt, dass sie eine ausnehmend schöne Frau war. Er war eben ein Mann, und sie hatte ihn auf den ersten Blick interessiert. Aber jetzt begehrte er sie mit einer Macht, die ihm den Atem nahm.

Er erinnerte sich daran, wie sie sich in seinem Arm angefühlt hatte, wie sie sich geküsst hatten, und sein Puls begann zu rasen.

Ursprünglich hatte er sie wirklich nur küssen wollen, um das Handy unbemerkt an seinen Platz zurücklegen zu können. Sobald er jedoch ihren zarten Körper umschlungen und sie sich an ihn geschmiegt hatte, war jeder vernünftige Gedanke über Bord gegangen.

Und wenn er sich nicht bald wieder unter Kontrolle bekam, würde er sie an sich reißen und erneut küssen.

Wäre das wirklich so eine schlechte Idee? fragte er sich. Seine Vernunft riet ihm, die Situation nicht noch komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon war. Schließlich ging es hier nicht um einen harmlosen Flirt mit irgendeiner beliebigen Frau.

Andererseits war er nie jemand gewesen, der auf Nummer sicher spielte, und wenn er seinem Instinkt folgte, würde er sie in seine Arme ziehen und sie küssen, bis ihr die Sinne schwanden. Sie würde sich nicht wehren, das wusste er. In Darrens Büro hatte sie ihn aus ihren sexy grünen Augen angeschaut und seinen Kuss mit einer unerwarteten Leidenschaft erwidert.

„Tut mir leid, aber ich habe nur Instantkaffee“, wandte sie sich entschuldigend zu ihm um.

Als sie seinem Blick begegnete, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Die Intensität, mit der er sie ansah, verursachte ihr eine erregende Gänsehaut. Was hatte er vor?

„Instantkaffee ist in Ordnung“, gab er heiser zurück und ließ sie nicht aus den Augen.

Carrie hielt sich an der Arbeitsplatte fest und versuchte, die Empfindungen zu ignorieren, die Niks Musterung in ihr hervorrief.

Wieso starrte er sie so an? Sie kam sich albern vor, dass sie wie ein Teenager auf ihn reagierte. Und dennoch schmeichelte ihr seine Aufmerksamkeit. Sie fühlte sich begehrt wie lange nicht mehr.

„Milch und Zucker?“

„Nein, danke. Ich trinke ihn schwarz.“

Sie spürte, dass sein Blick ihr folgte, als sie an den Kühlschrank ging und einen Schluck Milch in ihren eigenen Kaffee gab.

Es war wirklich lächerlich. Sie war Fitnesstrainerin und daran gewöhnt, dass Menschen sie anschauten, ihren Körper beobachteten. Angesichts seiner Aufmerksamkeit jedoch fühlte sich jede noch so banale Bewegung an wie eine sexuelle Handlung.

Ihr war nur allzu klar, dass sich Nik nicht für ihre Haltung interessierte. Auch nicht dafür, welche Muskeln sie zu welchem Zweck anspannte. Sie wusste, dass er nicht an Sport dachte. Er dachte an Sex. Und diese Gewissheit ließ Carrie innerlich erschauern.

Sie wollte den Milchbehälter abstellen, doch plötzlich entglitt er ihrer Hand, und die Milch spritzte auf den Tresen und auf ihren Unterarm.

„Lassen Sie mich das machen.“ Mit zwei Schritten war Nik neben ihr.

„Es geht schon“, wehrte sie ab. Sie war sich seiner körperlichen Nähe nur allzu bewusst. Wenn sie jetzt nach einem Papierhandtuch griff, würde sie ihn unweigerlich berühren. Er würde sie mit seinen Armen umfangen, und dann würde er sie küssen.

In Darrens Büro hatte sie die Leidenschaft völlig unvorbereitet getroffen und aus dem Gleichgewicht gebracht. Nun wusste sie um diese Gefühle und sagte sich, dass es töricht wäre, eine solche Situation noch einmal zuzulassen. Und dennoch konnte sie die berauschende Sehnsucht in ihrem Innern nicht verleugnen … Sie war sich sicher: Wenn er sie küsste, würde sie dahinschmelzen.

„Darf ich mal sehen?“, fragte Nik. Er legte seine Hände auf ihre Taille und drehte sie zu sich. Carrie keuchte erschrocken auf. Seine Finger streiften die nackte Haut oberhalb ihres Hosenbundes. Die federleichte Berührung löste eine sinnliche Kettenreaktion in ihr aus. Unwillkürlich begann sie zu zittern.

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