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ROMANA TRAUMZIELE DER LIEBE BAND 16

LILLI WIEMERS

Vier Pfoten und ein Neuanfang

Tränenüberströmt bringt die junge Sophie einen angeschos-senen Hund in die Praxis von Dr. Kuschel. Treibt ein Hunde-hasser in der Lüneburger Heide sein Unwesen? Doktor Kuschel muss die Polizei informieren! Und das ist nicht das einzige Problem, das dem Tierarzt in seinem neuen Zuhause Sorgen bereitet: Seine Ex-Frau will ihren gemeinsamen Sohn Mats zu sich holen …

Ein Engel für Dr. Kuschel

Zu gern möchte Dr. Kuschels Angestellte Erika ihn zusammen mit der hübschen Andrea Engel sehen! Aber die geht ihm lieber aus dem Weg, weil sie nicht sicher ist, ob er nicht doch noch seine Ex-Frau liebt. Bis Andreas Bruder kranke Tiere auf ihren Hof bringt. Da kann nur Dr. Kuschel helfen! Wird es ein zärtliches Wiedersehen mit dem Tierarzt ihrer Träume geben?

Jeder braucht ein Happy End

„Wie denken Sie über Wölfe?“ Zu dieser Frage kann Tierarzt-helferin Mareike viel berichten, und das liegt nicht nur an dem charmanten Redakteur, der ihr gegenübersteht! In der Praxis musste sie vor Kurzem einen angeschossenen Wolf behandeln. Dann macht ausgerechnet Dr. Kuschels Sohn eine gefährliche Entdeckung, die den unbekannten Schützen von Waldeshöhe überführen könnte …

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Vier Pfoten und ein Neuanfang

1. KAPITEL

Die Sonne stand tief über den Feldern, als der mattgrüne Landrover von Johannes Kuschel das Ortsschild von Waldeshöhe passierte. Links und rechts der Dorfstraße versteckten sich romantische Fachwerkhöfe hinter imposanten knorrigen Kastanien. Johannes hatte seine Heimat mehr vermisst, als er sich eingestehen wollte. Nach sechsundzwanzig Jahren im tiefsten Süden war er nun zurückgekehrt, zurück in die verträumte Idylle der Lüneburger Heide.

Am Ende des Dorfplatzes lenkte er den Wagen in eine alte Lindenallee und folgte dem mit Kopfsteinen gepflasterten Weg. Ein leises Jaulen neben ihm erinnerte ihn daran, dass er nicht der Einzige war, der ihrer Ankunft entgegenfieberte.

„Wir haben es ja gleich geschafft, Coco“, sagte sein zwölfjähriger Sohn Mats vom Beifahrersitz und steckte der fiependen Chihuahua-Dame auf seinem Schoß ein Leckerli zu.

Wenige Minuten später fuhren sie durch die Toreinfahrt eines alten Gehöfts. Die Bezeichnung Anwesen traf es wohl besser, denn das von hohen Buchen umgebene Hofgelände war eindrucksvoll. Vor ihnen erstreckte sich ein restaurierter Bauernhof aus rotem Backstein und Fachwerk, mit weißen Sprossenfenstern und einer breiten Tür, durch die man geradewegs in die Praxisräume gelangte, in denen Johannes ab dem folgenden Tag als Tierarzt von Waldeshöhe seinen Patienten helfen würde. Die private Wohnung, in die Johannes mit Mats einziehen würde, lag direkt über der Praxis. Hinter dem Haus begann eine großzügige Gartenanlage mit einer parkähnlichen Rasenfläche, die bis zum Waldrand reichte und deren Weitläufigkeit Johannes bei der Besichtigung des Hofes sofort begeistert hatte.

Kaum kamen die Räder des Landrovers auf den feinen Kieselsteinen der Einfahrt zum Halten, stieß Mats voller Ungeduld die Beifahrertür auf und stürmte hinaus.

„Immer mit der Ruhe“, rief Johannes seinem Sohn und dem braun-weiß gefleckten Hündchen hinterher, die beide zielstrebig auf die unebene Treppe zur Eingangstür zuliefen.

„Wow, das ist ja der Wahnsinn!“, sagte Mats begeistert, während er mit weit aufgerissenen Augen ihr neues Zuhause betrachtete. „Und hier werden wir jetzt wohnen? Echt?“

Johannes lachte und stieß die Wagentür hinter sich zu. „Echt.“

Einen Moment blieb er stehen und ließ seinen Blick über die Hofanlage wandern. Konnte dieser kleine Ort am Rande von Lüneburg wirklich ihr neues Zuhause werden? Ein Zuhause nur für Vater und Sohn, während Vanessa, Johannes’ zukünftige Ex-Frau und Mats’ Mutter, sich mit ihrem neuen Freund irgendwo in der Weltgeschichte herumtrieb? Beim Gedanken an sie verspürte Johannes einen Stich. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, wieder in Grübeleien zu verfallen. Mats sollte trotz allem eine glückliche Kindheit verleben können. Das war schließlich auch der Hauptgrund für Johannes’ Entscheidung gewesen, nach Waldeshöhe zu ziehen. Das und die Tatsache, dass ihn in München einfach alles an Vanessa erinnerte.

Auf jeden Fall spürte er die Erleichterung darüber, die lange Fahrt überstanden zu haben. Sieben Stunden mit Sohn und Hund auf engstem Raum waren schon eine Herausforderung.

Johannes beschloss, das Gepäck erst einmal im Wagen zu lassen, und folgte den beiden zum Haus. Auf dem Weg atmete er tief die frische Luft ein, die bereits nach Heidehonig zu riechen schien. Doch dann wurde ihm klar, dass er sich das lediglich einbilden musste. Jetzt, im Frühjahr, war es noch viel zu früh. Erst im August und September würden dann Millionen fleißiger Bienen durch die Heideflächen summen und den berühmten Honig einsammeln.

„Hast du den Schlüssel?“, drängelte Mats ungeduldig, als Johannes die weiße Eingangstür erreichte.

„Ja, Moment.“ Doch als Johannes die Klinke berührte, bemerkte er, dass die Tür nur angelehnt war. „Merkwürdig, es scheint jemand im Haus zu sein. Bleib hinter mir, Mats.“

Doch kaum hatte Johannes die Tür einen Spalt weit geöffnet, zwängte sich sein Sohn an ihm vorbei und war samt Coco im Inneren des Hauses verschwunden.

„Mats?“, rief Johannes, als er über die Türschwelle trat. Er konnte gerade noch erkennen, wie sein Sohn am anderen Ende des Eingangsbereichs durch eine Tür in Richtung der Praxisräume verschwand. Die geräumige Empfangshalle diente als Wartezimmer seiner neuen Tierarztpraxis. Der Boden war mit dunklem Parkett ausgelegt, die Wände in einem zarten Champagnerton gestrichen. Verschiedene gerahmte Bilder zeigten die in der Lüneburger Heide heimischen Tiere. Sanft geschwungene, purpurfarbene Hügel, das satte Grün von kleinen Wäldern und Heidschnucken mit ihrer langen grauweißen Wolle.

Johannes nickte anerkennend. Hübsch war es hier. Geräumig und sauber, aber längst nicht so klinisch-steril, wie er es von seiner vorherigen Praxis gewohnt war. Auf der Fensterbank standen Blumen, an der Wand daneben hing eine Magnetpinnwand, an der Ansichtskarten und Fotos befestigt waren. Kleine Andenken an frühere Patienten und ihre dankbaren Besitzer. Durch die hohen Sprossenfenster hatte man einen herrlichen Blick auf den Garten, der ein wenig verwildert wirkte, was seiner Schönheit aber keinen Abbruch tat. Irgendwie gefiel es Johannes sogar besser so. Er war nie ein großer Freund von akkuraten Blumenbeeten und Rasenflächen gewesen, die aussahen, als hätte man jeden einzelnen Halm fein säuberlich mit einer Nagelschere gestutzt.

Vor zwei Wochen hatte Johannes die Praxis zum ersten Mal besichtigt. Es war ein wahrer Glücksfall gewesen, dass er von dem Ruhestand des Vorbesitzers, einem Dr. Meierling, erfahren hatte. Johannes’ Vater, selbst Tierarzt im Ruhestand, hatte gehört, dass der ansässige Kollege dringend einen Nachfolger für seine Praxis suchte, da er ein neues Leben in Spanien beginnen wollte. Mit dieser Information hatte er bei Johannes offene Türen eingerannt. Nach der Trennung von Vanessa hatte er nur noch aus München fortgewollt. Und nachdem er sich zusammen mit seinem Vater alles angesehen und für gut befunden hatte, war er, ohne zu zögern, bereit gewesen, sein altes Leben in München hinter sich zu lassen und den Fachwerkhof samt Praxis und Wohnung von Dr. Meierling zu übernehmen, der nun seinen Ruhestand unter südlicher Sonne genoss.

Für Johannes fühlte sich der Umzug nicht nur nach einem Neubeginn an. Ihr zukünftiges Leben in Waldeshöhe war auch eine Art Nach-Hause-Kommen, schließlich hatte er seine Kindheit und Jugend im benachbarten Lüneburg verbracht, bis er für sein Studium nach München gezogen war. Seine Eltern, Renate und Helmut Kuschel, hatten vor drei Jahren, nach dem Herzinfarkt seines Vaters, ihr großzügiges Einfamilienhaus am Rande von Lüneburg verkauft. Nun lebten sie in einer gemütlichen Altbauwohnung im Herzen der Stadt, da sie hier keinen weiten Weg zum Krankenhaus oder zu den Fachärzten zurücklegen mussten, sollte es Helmut wieder schlechter gehen. Vor Freude über seine Rückkehr hatte Johannes’ Mutter sogar am Telefon geweint, als er ihr seinen Entschluss mitgeteilt hatte, tatsächlich in die Lüneburger Heide zu ziehen und seinen Traum von einer eigenen Praxis zu verwirklichen.

Vor zwei Jahren hatte er Vanessa gegenüber schon einmal den Wunsch geäußert, sich selbstständig zu machen. Damals hatte sie ihn nur entgeistert angestarrt und ihn einen Narren genannt. Mit einer eigenen Praxis hätte er – zumindest in den ersten Jahren – niemals genug verdient, um ihren gewohnten Lebensstandard zu halten. Und Vanessa war natürlich nicht bereit gewesen, irgendwelche Abstriche zu machen. Sie sehnte sich nach Luxus und Glamour. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann wusste er genau, dass sie ihn vor allem geheiratet hatte, weil Mats unterwegs gewesen war. Sie hatte sich in die Notwendigkeiten gefügt – aber ein Leben als einfache Tierarztgattin war nie das gewesen, was sie sich vorgestellt hatte.

Da entsprach der Lifestyle an der Seite eines erfolgreichen Geschäftsmannes wie diesem schmierigen Wolfram Paul, den sie auf der Cocktailparty einer ihrer High-Society-Freundinnen kennengelernt hatte und der sich wie selbstverständlich in der Welt der Schönen und Reichen bewegte, schon eher ihren Vorstellungen. Und als sich ihr die Chance geboten hatte, war sie schwach geworden.

Entschieden schüttelte Johannes die Gedanken an Vanessa ab. Es war Zeit, nach vorne zu schauen. Er war jetzt sechsundvierzig Jahre und bereit, seinen Traum zu leben.

Er durchquerte das Wartezimmer und trat durch die Tür, die mit der Aufschrift „Praxis“ gekennzeichnet war und hinter der Mats verschwunden war.

Der Raum, den er soeben betreten hatte, war der Empfangsbereich der Praxis. Ein großer Tisch mit zwei Computern erstreckte sich vor zwei weißen Sprossenfenstern. Auf der rechten Seite des Empfangstresens führten zwei Türen zu jeweils einem Behandlungszimmer, daneben lag das tierärztliche Büro. Gegenüber der Praxisräume befanden sich das Labor und die Teeküche. Johannes hörte ein leises Klappern hinter der angelehnten Tür zur Küche. Wenige Sekunden später wurde sie aufgestoßen, und eine kleine, rundliche Frau trat in den Empfangsbereich. Hinter ihr folgten Coco und Mats, der glücklich strahlend eine dampfende Tasse Kakao in den Händen hielt.

„Und Sie müssen der neue Doktor sein.“ Die Frau stellte eine große Kaffeekanne und zwei Porzellantassen auf den Empfangstresen, dann schenkte sie ihm ein herzliches Lächeln. Es schien ihr nichts auszumachen, dass Coco wie verrückt kläffend und schwanzwedelnd um sie herumsprang. „Mein Name ist Erika“, erklärte sie. „Erika Bredehöft. Ich bin Ihre neue Sprechstundenhilfe.“

„Johannes Kuschel“, erwiderte er und streckte ihr seine Hand entgegen. Ihr Händedruck war warm und kräftig.

Es war das erste Mal, dass er einer seiner zukünftigen Angestellten persönlich begegnete, und er hatte nicht damit gerechnet, dass Erika ihn hier bereits empfangen würde.

„Meinen Sohn haben Sie ja bereits kennengelernt. Ich hoffe, er ist Ihnen nicht zur Last gefallen?“ Johannes warf einen entschuldigenden Blick Richtung Mats.

Doch Frau Bredehöft winkte entschieden ab. „Ach was, kein bisschen. Den Kakao hatte ich schon vorbereitet, da ich ja wusste, dass Sie Ihren Nachwuchs mitbringen. Außerdem freue ich mich, dass ich endlich ein bisschen Gesellschaft habe. Dr. Meierling hat Ihnen ja sicherlich bereits angekündigt, dass ich da sein würde, um Sie herumzuführen und Ihnen alles zu zeigen.“

„Das muss im Umzugsstress wohl untergegangen sein. Aber ich freue mich sehr, dass Sie uns hier so herzlich begrüßen“, sagte Johannes und nahm eine Tasse köstlich duftenden Kaffee entgegen, die Erika ihm mit einem Lächeln reichte.

„Das schmeckt wirklich super, Frau Bredehöft“, meldete Mats sich zu Wort.

Johannes bedachte seinen Sohn mit einem tadelnden Blick. „Dass mir das aber nicht zur Gewohnheit wird, Mats“, sagte er. „Frau Bredehöft ist meine neue Sprechstundenhilfe und nicht deine Bedienung, haben wir uns verstanden?“

„Aber das war doch kein Problem, Herr Doktor“, sagte Erika und fuhr mit einer Hand über ihr mittelbraunes Haar, das sie zu einem lockeren Zopf am Hinterkopf zusammengefasst hatte. Johannes schätzte sie auf Anfang fünfzig, und die Lachfältchen um ihre Augen ließen darauf schließen, dass sie eine Frau war, die viel Spaß im Leben hatte und alles mit Humor nahm.

„Sie sind allein hier?“ Johannes schaute sich um.

„Ja, heute schon“, entgegnete sie. „Wir haben im Moment ja auch keine Patienten. Meine Kolleginnen sind schon ganz gespannt auf Sie. Werden Sie die Praxis wirklich gleich am Montag wieder öffnen? Das wäre aber schön. Seit Dr. Meierling vor zwei Monaten den Betrieb eingestellt hat, gibt es in ganz Waldeshöhe keinen Tierarzt mehr, zu dem die Leute ihre Lieblinge bringen können.“

Er nickte. „Ich möchte so schnell wie möglich zum Normalbetrieb zurückkehren. Am Anfang könnte es natürlich hier und da ein wenig holprig sein, aber ich bin sicher, dass wir schon bald ein eingespieltes Team sein werden.“

„Das denke ich auch“, stimmte Erika ihm zu. „Und keine Sorge, jeder hier weiß genau, wie der Laden läuft. Mareike Wagner hat, genau wie ich, schon viele Jahre für Dr. Meierling gearbeitet. Und Katharina, unsere Auszubildende, ist ein echtes Goldstück. Sie will selbst einmal Tierärztin werden.“

Seine neue Sprechstundenhilfe zwinkerte ihm zu. „Soll ich Ihnen etwas sagen? Ich bin froh, dass Dr. Meierling die Praxis an Sie verkauft hat. Sie scheinen mir das Herz am rechten Fleck zu haben, und das kann man nicht von allen Interessenten sagen, die ihm ein Kaufangebot gemacht haben.“

Mats schlürfte lautstark an seinem Kakao, ehe er die Tasse auf dem Tresen abstellte. „Ist das da draußen im Garten ein echter Brunnen?“, fragte er und deutete durch die bodentiefen Fenster in den Park.

Erika nickte. „Ja, aber er war schon lange nicht mehr in Betrieb – ich weiß nicht, ob er noch funktioniert.“

„Darf ich ihn mir mal ansehen, Papa?“ Mit großen Augen schaute Mats zu ihm hoch. „Bitte! Ich nehme auch die Fußhupe, äh, ich meine natürlich Coco mit. Vielleicht verwandelt sie sich ja unterwegs in einen richtigen Hund.“

„Mats!“ Johannes warf ihm einen strengen Blick zu – zumindest so streng, wie er es nach den Ereignissen der letzten Zeit übers Herz brachte. „Coco ist ein richtiger Hund. Oder bist du kein richtiger Mensch, bloß weil du vielleicht nicht so groß und stark bist wie manch anderer Junge in deinem Alter?“

„Größe und Stärke machen einen Menschen nicht aus“, entgegnete Mats altklug. „Auf den Charakter kommt es an.“

„Siehst du, das ist bei Hunden nicht anders.“

„Aber diese Fußhupe ist … peinlich. Mama wollte unbedingt einen Chihuahua. Hätte sie Coco bloß mitgenommen.“

Johannes legte Mats eine Hand auf die Schulter. Vanessa hatte ihren Hund genauso herzlos verlassen wie ihren Mann und ihren Sohn. „Komm schon, Mats. Coco gehört jetzt zu uns. Es wird Zeit, dass ihr euch miteinander anfreundet. Aber lauft nicht zu weit weg, okay? Denk daran, du kennst dich hier in der Gegend nicht aus. Bleibt also bitte im Garten.“

Die beiden waren so schnell verschwunden, dass sie den letzten Teil von Johannes’ Worten vermutlich gar nicht mehr hörten.

Schmunzelnd schüttelte der Tierarzt den Kopf.

„Ist wirklich nett, Ihr Kleiner“, sagte Erika. „Und gut erzogen. Wenn ich da so an die Jungs von meiner Nachbarin denke …“ Sie lachte leise in sich hinein. „Aber bevor ich weiterrede und rede … Nach der langen Fahrt möchten Sie bestimmt erst einmal ankommen und sich frisch machen. Nehmen Sie sich ruhig etwas Zeit, und schauen Sie dann einfach wieder herein. Ich erkläre Ihnen später die wichtigsten Abläufe hier in der Praxis, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Sehr gern. Ich hole schon einmal etwas von unserem Gepäck aus dem Wagen und bin gleich wieder bei Ihnen.“

Johannes stellte seine leere Tasse in die Spüle der kleinen Teeküche und ging nach draußen. Zwei Minuten später schleppte er zwei Koffer die Treppe ins Obergeschoss hinauf, die vom Wartebereich direkt zu den privaten Wohnräumen führte. Er stellte das Gepäck ab, stemmte die Hände auf die Knie und rang nach Atem. Es wurde anscheinend Zeit, dass er sich mal wieder ein wenig sportlich betätigte. So richtig fit war er eindeutig nicht mehr.

Als sein Puls endlich nicht mehr raste, richtete er sich auf und schaute sich neugierig um. Er stand mitten in seiner neuen Wohnung – oder vielmehr im Korridor, der sich einmal quer durch das gesamte Obergeschoss zog und über den sämtliche Räume zu erreichen waren, von denen es insgesamt acht gab.

Eindeutig zu viel für Vater und Sohn allein, ging es Johannes durch den Kopf. Aber an der Größe ihrer Familie würde sich so schnell nichts mehr ändern. Damit, dass Vanessa wieder zu ihm zurückkehren würde, rechnete Johannes schon längst nicht mehr – auch wenn ein Teil von ihm der scheinbar heilen Familie, die sie gewesen waren, noch immer nachtrauerte. Schon allein deswegen konnte er sich nicht vorstellen, so bald eine neue Beziehung einzugehen.

Er öffnete eine große weiße Flügeltür mit Glaselementen, die in das riesige, lichtdurchflutete Wohnzimmer führte. Hier befand sich auch der Durchgang zum Balkon, von dem aus man auf den weitläufigen Garten hinausblicken konnte. Zum Glück hatte Dr. Meierling ihnen bereitwillig die meisten seiner Möbel überlassen. Er war nach Spanien gegangen, um seinen Ruhestand unter südlicher Sonne zu genießen, und hatte nur die Dinge mitgenommen, an denen sein Herz hing.

Johannes ging weiter und warf einen Blick in Mats’ Zimmer. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er das gemusterte Schlafsofa und die Poster an den Wänden sah. Er erkannte die Motive sofort. Sie stammten aus Mats’ Lieblingssuperheldencomic. Die mussten von Dr. Meierlings Enkel sein, der den Erzählungen des pensionierten Tierarztes nach des Öfteren die Wochenenden und Ferien hier verbracht hatte. Das würde Mats hoffentlich dabei helfen, sich hier heimisch zu fühlen.

Ein helles Kläffen riss Johannes aus seinen Gedanken, und er trat ans Fenster. Draußen im Garten tobte sein Sohn ausgelassen mit Coco. Wenn er sich unbeobachtet fühlte, vergaß Mats manchmal, wie furchtbar er die „Fußhupe“ fand.

Mit einem leisen Lächeln schüttelte Johannes den Kopf. Natürlich würden sie sich hier einleben. Denn es gab eine absolut unschuldige Partei, die am meisten unter den Umständen der jüngeren Vergangenheit gelitten hatte.

Mats.

Für seinen Sohn würde Johannes alles tun. Deshalb war er hier, und deshalb würde er auch über Vanessa hinwegkommen und ein neues Leben beginnen.

„Wie schön, dass Sie, was die Praxis betrifft, alles beim Alten lassen wollen, Herr Doktor“, sagte Erika, als Johannes ihr etwas später in der kleinen Praxisküche gegenübersaß. Vor ihnen stand jeweils eine Tasse mit dampfendem Tee, und der Duft von Lavendel und anderen Blüten und Kräutern erfüllte die Luft.

„Allerdings“, bestätigte Johannes ihr. „Dann erzählen Sie mal, Frau Bredehöft.“

„Erika“, korrigierte sie ihn sofort. „Wir sind hier nicht so förmlich.“

Johannes schmunzelte und nickte. „Mein Vorgänger hat bereits von dem ganz besonderen Betriebsklima geschwärmt. Wie es scheint, hat er nicht übertrieben.“

„Nein, das hat er tatsächlich nicht. Aber was Dr. Meierling betrifft, noch eine Kleinigkeit …“

„Ja?“ Er nippte an seinem Tee.

„Nun, Sie wissen ja sicher, dass er sehr lange hier praktiziert hat. Die meisten unserer Patienten sind schon seit vielen Jahren bei uns in Behandlung, und sowohl Mensch als auch Tier haben über die Zeit hinweg eine Vertrauensbasis zu Dr. Meierling aufgebaut.“

„Das ist schon klar. Und ich bin der Neue, den hier noch keiner kennt“, entgegnete Johannes verständnisvoll.

„Ich will ehrlich sein – es wird nicht ganz leicht für Sie werden. Wenn man hier auf dem Land einen Arzt gefunden hat, dem man vertraut, dann bleibt man ihm treu. Für viele Leute wird es schwierig sein, einfach so einen neuen Tierarzt zu akzeptieren. Und ich muss zugeben, dass es schon eine Menge Vorurteile über ‚den Neuen aus München‘ gibt …“ Sie blickte verlegen auf den Boden. „Wir haben uns wirklich bemüht, dass alles reibungslos abläuft. Aber so ganz wird das wohl leider nicht klappen. Schließlich war die Praxis einige Zeit geschlossen, und die Leute haben sich währenddessen an die Tierärzte in Lüneburg gewandt.“

Johannes winkte lächelnd ab. „Das macht nichts, damit habe ich schon gerechnet. Die Menschen hier kennen mich schließlich nicht. Ich wäre an ihrer Stelle vermutlich ebenfalls skeptisch. Also werde ich mich wohl erst einmal beweisen müssen. Aber das macht mir wirklich nichts aus.“

Erika wirkte zufrieden. „Na, das freut mich aber, Herr Doktor! Haben Sie denn noch irgendwelche Fragen, bevor ich mich verabschiede?“

„Nein, gehen Sie ruhig, Erika. Ich werde am Montag einfach ins kalte Wasser springen. Das war schon immer der beste Weg, um Schwimmen zu lernen.“

Erika klatschte in die Hände. „Dann sage ich mal, bis Montag.“ Sie stand auf. „Ich finde schon allein hinaus“, fügte sie hinzu.

„Keine Ursache, ich muss sowieso noch einmal zum Wagen“, sagte er und erhob sich ebenfalls. „Kommen Sie, ich begleite Sie …“

Er half ihr in die Jacke, die am Garderobenhaken hing, dann traten sie gemeinsam in die Eingangshalle und zur Haustür hinaus. Johannes streckte Erika gerade zum Abschied die Hand entgegen, als plötzlich jemand rief:

„Frau Bredehöft, Hilfe! Schnell!“

2. KAPITEL

„Sophie!“ Erika lief sofort auf das rothaarige Mädchen zu, das ihren Namen gerufen hatte. „Großer Gott, was ist passiert? Ist das etwa Blut?“

Johannes folgte ihr dicht auf den Fersen. Das Mädchen hielt einen zitternden braunen Mischlingshund in den Armen. Aus einer tiefen Wunde am rechten Hinterlauf des Tieres strömte unaufhörlich Blut.

Eine Schussverletzung, das erkannte Dr. Kuschel sofort. Der Tierarzt musste handeln und den verängstigten Hund, der herzzerreißend winselte, so schnell es ging, versorgen.

„Komm, ich trage ihn“, sagte er und nahm der Kleinen das Tier ab.

„Ich glaube, er wurde angeschossen“, erklärte sie überraschend ruhig. Von einem Mädchen in dem Alter hatte Johannes eigentlich Hysterie und Tränen erwartet. „Aber ich weiß nicht, wer es getan haben könnte. Ich habe niemanden gesehen.“

„Das ist Sophie Schwarz“, erklärte Erika Bredehöft, während sie alle zusammen in Richtung Haus eilten. „Die Tochter meiner Nachbarin.“

Johannes nickte. „Ich bin Dr. Kuschel“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Der neue Tierarzt. Was genau ist passiert?“

Sophie holte hörbar tief Luft. „Ich habe ein leises Winseln gehört, als ich mit meinem Fahrrad am Waldrand vorbeifuhr. Natürlich habe ich sofort angehalten und dann diesen Hund im Straßengraben gefunden. Sicher weiß ich nicht, wie er verletzt wurde, und einen Besitzer habe ich auch nicht gesehen. Aber kurz vorher hat ein lauter Knall alle Vögel im Wald aufgeschreckt.“

Besorgt schaute sie zu Dr. Kuschel auf. „Er wird doch wieder, oder?“

„Ich verspreche, dass ich mein Möglichstes tun werde“, sagte Johannes – mehr konnte er im Augenblick beim besten Willen nicht versprechen. Zunächst musste er sich seinen Patienten einmal genauer ansehen.

Erika trat an ihm vorbei und öffnete die Praxistür. „Ich bereite alles vor …“

„Kann ich auch irgendwie helfen?“, fragte Sophie, die ihnen wie ein Schatten ins Haus gefolgt war.

Johannes schüttelte den Kopf. „Du hast schon genug getan“, sagte er. „Allerdings …“

„Ja?“

„Mein Sohn ist draußen im Garten. Wir sind eben erst angekommen, und er hat auch noch keinen Schlüssel für die Wohnung oben.“ Mit der freien Hand griff er in seine Hosentasche und warf dem Mädchen seinen Schlüsselbund zu. „Kannst du ihm den hier geben und ihm die Situation erklären?“

„Klar“, entgegnete sie, offenbar froh, eine Aufgabe bekommen zu haben. „Sie können sich auf mich verlassen, Herr Doktor. Ihr Sohn ist bei mir in den allerbesten Händen.“

Ein kurzes Schmunzeln glitt über Johannes’ Lippen. Er schätzte, dass die Kleine vielleicht dreizehn oder vierzehn war, also höchstens zwei Jahre älter als Mats, doch bei ihr klang es, als hätte man ihr die Aufsicht über ein Kleinkind überlassen.

Zusammen mit Erika und seinem Patienten betrat Dr. Kuschel den OP. Während seine Sprechstundenhilfe alles vorbereitete, zog Johannes einen bereitgelegten Kittel und Gummihandschuhe an. Die Handschuhe desinfizierte er, dann verabreichte er dem Hund eine leichte lokale Betäubungsspritze, um das aufgebrachte Tier in Ruhe untersuchen zu können, ohne es versehentlich dabei zu verletzen.

Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen glatten Durchschuss, sodass es ausreichte, die Wunde zu reinigen und einen Verband anzulegen. Die Verletzung war mit Sicherheit schmerzhaft, glücklicherweise aber nicht lebensbedrohlich.

„Ich werde zuerst alles desinfizieren“, erklärte Johannes – und Erika hielt ihm bereits die entsprechenden medizinischen Utensilien hin. Nachdem er die Wunden gereinigt hatte, nahm er das Verbandszeug entgegen.

Er nickte. „Na, dann wollen wir mal.“

„Hi.“

Mats drehte sich um, als er eine Stimme hinter sich vernahm. Dass ihm das schönste Mädchen der ganzen Welt gegenüberstehen würde, damit hatte er allerdings nicht gerechnet.

Wow, dachte er nur, während er sie mit offenem Mund anstarrte. Das rote Haar hatte sie am Hinterkopf zu einem lässigen Pferdeschwanz zusammengebunden, aus dem rechts und links einige Haarsträhnen entkommen waren, die ihr hübsches sommersprossiges Gesicht umrahmten. Ihre Augen waren leuchtend blau, und sie trug graue, ziemlich schmutzige Jeans und ein grünes Shirt, auf dem sich einige verdächtig aussehende Flecken befanden. War das etwa … Blut?

„Hi“, gab er mit heiserer Stimme zurück, was ihn ärgerte, denn er wollte viel lieber cool und abgeklärt wirken. Doch das ließ sich jetzt nicht mehr ändern, er musste einfach versuchen, das Beste daraus zu machen. „Ich bin Mats. Wer bist du? Und was machst du hier?“

„Sophie. Du bist der Sohn vom Doc, oder?“ Sie streckte die Hand aus und hielt ihm einen Schlüsselbund hin. „Hier, dein Vater hat mich gebeten, dir das zu geben. Er muss sich um einen verletzten Hund kümmern, den ich am Waldrand gefunden habe.“ Ihre Miene wurde ernst. „Ich hoffe, es geht ihm bald wieder gut.“

Mats blinzelte. Es wäre vermutlich besser, er würde damit aufhören, Sophie anzustarren. Doch er konnte sich einfach nicht losreißen.

Verlegen schluckte er und entgegnete: „Er wird bestimmt wieder gesund.“ Dann fügte er stolz hinzu: „Mein Vater ist ein Super-Tierarzt!“

Sie nickte. „Gut zu wissen.“ Dann schaute sie sich um. „Was machst du so?“

Mats zuckte mit den Schultern. „Ich häng nur so rum. Wir sind ja gerade erst hergezogen, und ich kenne niemanden. Meine Freunde wohnen alle in München. Mein bester Freund Chris hat mir eben eine Nachricht mit einem Bild von seinem neuen Kaninchen geschickt. Willst du mal sehen?“

Sie nickte. „Klar, warum nicht? Ich mag Tiere. Habt ihr eigentlich welche?“

Mats verzog das Gesicht. Das war nicht unbedingt sein Lieblingsthema. Mit einem Hund wie Coco konnte er vor Sophie jedenfalls kaum Eindruck machen. Und wenn man vom Teufel sprach …

Laut und grell kläffend kam der Chihuahua seiner Mutter auf sie zugelaufen und wedelte dabei so heftig mit dem Schwanz, dass Mats schon befürchtete, Coco würde jeden Moment vom Boden abheben.

„Oh nein“, stöhnte er, doch das bekam Sophie gar nicht mit. Die war nämlich bereits vor Coco auf die Knie gegangen und streichelte die Hundedame, die solche Aufmerksamkeit sichtlich genoss.

„Ja, wer bist du denn?“ Sie kraulte Coco hinter den Ohren, woraufhin diese sich zuerst auf den Boden warf und anschließend auf den Rücken rollte, um Sophie ihren Bauch zu präsentieren. „Na, du weißt aber ganz genau, was du willst! Du bist ja zuckersüß, ich würde dich am liebsten den ganzen Tag abknutschen.“ Fragend schaute sie zu Mats auf. „Ist das deine?“

„Wer? Die Fußh… äh … Du meinst Coco? Ja, irgendwie schon, schätze ich. Eigentlich gehört sie ja meiner Mutter, aber … lange Geschichte, jedenfalls lebt sie jetzt hier bei uns.“

Sophie seufzte. „Ich hätte auch gern einen Chihuahua, aber mein Bruder und mein Vater wollten lieber einen richtigen großen Familienhund, und meine Mutter hat sich von ihnen überreden lassen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Egal. Meinst du, ich könnte mir Coco vielleicht hin und wieder ausleihen? Oder wir könnten ja auch gemeinsam mit ihr spazieren gehen.“

„Ja, klar“, entgegnete Mats überrascht.

„Aber jetzt sollte ich wirklich sehen, was aus dem verletzten Hund geworden ist.“ Schlagartig wurde sie wieder ernst. „Er muss es einfach geschafft haben. Er muss einfach.“

Völlig überrumpelt von Sophies überraschendem Besuch stolperte Mats ihr hinterher.

Erika reichte Johannes einen Tupfer, den er entgegennahm, während er sich mit dem Ärmel seiner freien Hand einige Schweißtropfen von der Stirn wischte.

„Was wird jetzt aus dem armen kleinen Kerl?“, fragte sie.

Johannes beugte sich über den Patienten. „Da wir nicht wissen, wem er entlaufen ist, werden wir uns erst einmal hier um ihn kümmern. Er trägt ja auch kein Halsband und hat keinen Chip, der uns weiterhelfen könnte. Aber weil es sich eindeutig um eine Schusswunde handelt, müssen wir unbedingt die Polizei informieren.“

„Sie meinen, das war Absicht?“

„Ich weiß es nicht. Es könnte natürlich auch ein Jagdunfall gewesen sein, aber möglich wäre etwas anderes. Und in dem Fall muss dem Schützen dringend das Handwerk gelegt werden, bevor noch etwas Schlimmeres passiert.“

Erika nickte. Sie wirkte besorgt. „Das ist ja schrecklich. Wer tut denn bloß so etwas?“

„Das wüsste ich auch gern. Aber die Antwort auf diese Frage müssen wir der Polizei überlassen.“

„Das wäre geschafft“, verkündete Erika, nachdem der Verband angebracht war. „Soll ich den Kleinen in einen der Käfige im Aufwachraum setzen?“

„Nein.“ Johannes schüttelte den Kopf. „Ich möchte ihn über Nacht ungern allein hier unten lassen. Ich werde ihn mit nach oben in die Wohnung nehmen. Gibt es hier irgendwo eine leere Transportbox, die ich verwenden kann?“

„Natürlich“, sagte sie sofort. „Warten Sie einen Moment.“

Sie ging in einen kleinen Nebenraum und kehrte mit einer Box zurück, in die Johannes den Hund behutsam setzte.

„Und?“, fragte Dr. Kuschel anschließend. „Habe ich die Feuertaufe bestanden?“

„Mit Pauken und Trompeten“, gab Erika voll Überzeugung zurück. „Und jetzt sollten wir hier erst einmal für Ordnung sorgen, wenn wir am Montag nicht direkt Ärger mit Ihrer neuen Assistentin bekommen wollen. Unsere Mareike kann nämlich Unordnung auf den Tod nicht ausstehen.“

„Na, dann sollten wir ja prima miteinander auskommen“, entgegnete er lächelnd und trat ans Waschbecken, um sich die Hände zu waschen und zu desinfizieren. Als er etwas später zusammen mit Erika aus dem OP trat, wurden sie bereits von Mats und Sophie erwartet.

„Und?“, rief das Mädchen und kam gleich auf ihn zugelaufen, Mats folgte ihr im Schlepptau. Die Art und Weise, wie sein Sohn sie musterte, ließ Johannes sofort aufmerksam werden. Wenn er sich nicht schwer täuschte … Ja, den Blick kannte er nur zu gut.

Er unterdrückte ein Schmunzeln – immerhin wollte er Mats nicht bloßstellen. „Unser kleiner Patient hat alles gut überstanden. Ich werde ihn über Nacht hierbehalten und beobachten, danach sehen wir weiter.“

Erleichtert atmete Sophie auf.

„Danke“, stieß sie hervor, und ihr standen plötzlich Tränen in den Augen. So altklug, wie sie tat, war sie also gar nicht. Doch wirklich überrascht war Johannes, als sie daraufhin Mats umarmte.

Und Mats erst.

Doch die Sache war vorbei, ehe er wirklich realisiert hatte, was eigentlich passiert war.

„Ich komme dann Montag wieder, um nach dem Hund zu sehen“, erklärte sie und wollte zur Tür hinaus verschwinden, doch Erika reichte Johannes rasch die Transportbox und hielt Sophie zurück.

„Moment mal, junge Dame.“

„Ja?“

„Du solltest doch bestimmt längst zu Hause sein, nicht wahr?“, fragte Erika. „Ich wette, du hast dich nach der Schule mal wieder herumgetrieben, und deine Mutter hat gerade keine Ahnung, wo du steckst.“ Sie wandte sich an Johannes. „Die arme Frau kann einem manchmal wirklich leidtun, denn dieser kleine Wildfang hier ist einfach nicht zu bändigen. Komm, Sophie. Ich fahre dich heim – so kann ich wenigstens sichergehen, dass du dort auch ankommst und nicht wieder irgendwo in den Feldern herumspringst.“

„Ich springe ganz sicher nicht herum“, murmelte Sophie, die Arme vor der Brust verschränkt. Doch sie folgte Erika Bredehöft gehorsam, als diese die Praxis verließ.

„Wir sehen uns am Montag“, sagte die Sprechstundenhilfe zu Johannes.

Der nickte und begleitete sie zur Tür. „Ein schönes Wochenende“, wünschte er.

Neben ihm flüsterte Mats dem Mädchen etwas zu, und Sophie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Als sie sich abwandte und an der Seite von Erika zu deren Wagen ging, stand Mats wie angewurzelt da und schaute ihr hinterher.

Zwei Minuten später waren die Rücklichter des roten Twingos längst hinter den Bäumen der Lindenallee verschwunden, doch Mats hatte sich noch immer kein Stück bewegt.

Johannes legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter, und der zuckte wie ertappt zusammen.

„Du magst Sophie, was?“

„Quatsch!“, protestierte er sofort – aber ein wenig zu energisch – und entwand sich dem Griff seines Vaters. „Was ist jetzt? Zeigst du mir unser neues Zuhause, oder musst du dich noch um deinen Patienten kümmern?“

„Den nehmen wir mit nach oben“, sagte er und deutete auf die Transportbox. „Na, dann wollen wir mal. Es ist schon spät, und wir müssen noch unsere Koffer auspacken.“

Mats stöhnte. „Muss das unbedingt heute sein?“

„Ja.“ Johannes lachte. „Das muss sein. Zumindest die, die schon oben sind. Die restlichen Sachen können meinetwegen heute im Kofferraum bleiben.“

Mats brummte etwas, das wie „Na, immerhin“ klang.

Schmunzelnd schritt Johannes über die Türschwelle ihrer Wohnung im Obergeschoss, trat zur Seite und sagte: „Herzlich willkommen in unserem neuen Leben.“

„Und, wie gefällt dir dein neues Zimmer?“, fragte Johannes, als er gegen neun Uhr seinen Sohn ins Bett brachte.

Mats hob skeptisch eine Braue. „Viel zu gefallen gibt’s ja noch nicht“, antwortete er und ließ einen vielsagenden Blick durch den Raum schweifen. Abgesehen von den Postern, die der Enkel von Dr. Meierling zurückgelassen hatte, war es mit einer Schlafcouch, einem Schreibtisch und einem Kleiderschrank tatsächlich eher spartanisch eingerichtet.

Ganz unrecht hatte er also nicht. In den nächsten Wochen gab es noch eine Menge zu tun.

Offenbar hatte Mats die etwas enttäuschte Miene seines Vaters bemerkt, denn er fügte schnell hinzu: „Aber ich glaube, es kann ziemlich cool werden. Auf jeden Fall ist es viel größer als mein altes Zimmer in München.“

Zärtlich fuhr Johannes ihm durch das blonde Haar. „Danke, mein Großer. Zusammen werden wir es uns hier schon gemütlich machen. Und ich glaube, die Arbeit in der Praxis könnte mir Spaß machen.“ Johannes konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er hinzufügte: „Und du scheinst ja auch schon Anschluss gefunden zu haben …“

Mats boxte ihn spielerisch gegen die Schulter, doch dabei überzog eine verräterische Röte seine Wange. „Sophie und ich haben uns nur freundschaftlich unterhalten.“

„Ja, schon klar“, sagte Johannes und hob beschwichtigend die Hände. Dann stand er auf und ging zur Tür – doch ehe er hinaustrat, fügte er noch hinzu: „So fängt das immer an.“

Auf dem Wohnzimmertisch standen bereits ein Glas und eine geöffnete Flasche Rotwein, die er vorhin aus der Küche geholt hatte. Dr. Meierling hatte ihm den guten spanischen Tropfen bei der Wohnungsübergabe geschenkt – ein Tempranillo aus der Nähe von Sevilla. Johannes goss das Glas halb voll und ließ sich mit einem Seufzen auf die Couch fallen. Nachdem er einen Schluck probiert hatte, stand er auf und trat ans Fenster, das Glas Wein noch immer in der Hand.

Am schwarzen Nachthimmel funkelten die Sterne, und zwischen den Wipfeln der Bäume konnte er in der Ferne die Lichter der Nachbarhäuser erkennen. Es war still und irgendwie friedlich – ganz anders als in München.

Wenn er dort abends auf dem Balkon gestanden hatte, waren die Lichter der Stadt so hell gewesen, dass man den Sternenhimmel gar nicht richtig hatte sehen können. Und es war immer laut gewesen. Der Straßenverkehr, die Nachtschwärmer, die um die Häuser zogen …

Nun, alles war jetzt anders. Daran würde er sich erst noch gewöhnen müssen.

3. KAPITEL

Als Johannes am Montagmorgen um halb acht seine neue Praxis betrat, sah er hinter dem Empfangstresen das vertraute Gesicht von Erika Bredehöft. Neben ihr saß eine weitere junge Frau, die ihn erwartungsvoll anschaute. Johannes schätzte sie auf Anfang dreißig. Sie hatte rotblondes Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel, und trug einen weißen Praxiskittel. Bis eben hatte sie sich angeregt mit Erika unterhalten, doch nun war es schlagartig still geworden.

Johannes beschloss, das Schweigen direkt zu durchbrechen. „Guten Morgen zusammen“, grüßte er freundlich, und die beiden Frauen lächelten.

„Ach, der Herr Doktor“, sagte Erika und erhob sich. „Wie sieht es aus – möchten Sie vielleicht einen Kaffee? Oder lieber eine Tasse von meinem Spezial-Heideblütentee?“

„Lass doch den armen Mann in Ruhe mit deinem Kräutergebräu“, meinte die Frau neben Erika lachend. „Um die Zeit braucht der Mensch Koffein!“ Sie wandte sich ihm mit einem breiten Lächeln zu. „Ich bin Mareike Wagner, Ihre neue Assistentin. Also, wie bevorzugen Sie denn Ihren Kaffee? Mit Milch? Zucker? Oder schwarz wie die Nacht?“

„Schwarz, bitte“, entgegnete Johannes.

Sie verschwand kurz in der Küche und kehrte mit zwei dampfenden Tassen zurück. „Das nenne ich mal einen Mann mit Geschmack.“ Sie reichte Johannes einen Kaffee. „Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, wenden Sie sich einfach an Erika oder mich. Wir beide gehören praktisch schon zum Inventar der Praxis.“

In dem Moment trat eine junge blonde Frau aus dem Labor zu ihnen in den Empfangsraum. Sie war höchstens zwanzig, wirkte freundlich, lächelte nun aber ein wenig scheu und schien nicht zu wissen, was sie tun sollte.

Johannes, der sich denken konnte, um wen es sich handelte, konnte nachvollziehen, dass die Situation sie ein wenig überforderte, und beschloss, den ersten Schritt zu tun. „Und Sie sind sicher meine neue Auszubildende?“, fragte er und reichte ihr die Hand. „Wobei – eher bin ich Ihr neuer Ausbilder. Also dann, ich bin Johannes Kuschel und freue mich auf die Zusammenarbeit.“

„Katharina Wiese“, erwiderte die junge Frau. „Ich freue mich ebenfalls sehr.“

Johannes merkte, wie seine Anspannung langsam nachließ. Seine Mitarbeiter machten es ihm aber auch wirklich nicht schwer, sich gleich auf Anhieb wohlzufühlen. Er hoffte nur, dass es seinem Sohn ebenso leichtfallen würde, in der neuen Schule Anschluss zu finden. Mats kam nämlich eher nach ihm als nach Vanessa, abgesehen von den blonden Haaren, die denen von Vanessa in ihrer Farbe exakt glichen. Aber während Vanessa überall immer gleich im Mittelpunkt stand, gehörten Mats und Johannes zum ruhigeren Typ Mensch – fröhlich und nicht ungesellig, aber eben auch nicht so laut und kontaktfreudig wie manch anderer.

An seiner alten Schule hatte Mats trotzdem keine Schwierigkeiten gehabt, Freundschaften zu schließen. Johannes hoffte sehr, dass sich das hier in Waldeshöhe auch so fortsetzen würde.

„Sind für heute Morgen denn schon Patienten angemeldet?“, fragte er erwartungsvoll in die Runde.

Betretenes Schweigen trat ein.

„Also nicht?“, hakte er nach.

Erika schüttelte den Kopf. „Leider nein. Die meisten Leute haben notwendige Untersuchungen, Impfungen und alles andere, was gut planbar ist, noch schnell bei Dr. Meierling durchführen lassen.“ Sie seufzte. „Ich habe ja schon angedeutet, dass die Menschen hier mitunter ziemlich stur sein können. Sie waren an Dr. Meierling gewöhnt, und es fällt ihnen schwer, sich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren.“

Natürlich hatte Johannes mit so etwas in der Art bereits gerechnet. Aber über kurz oder lang würden die Leute sich schon damit abfinden, dass er jetzt ihr neuer Ansprechpartner war, was die Wehwehchen ihrer Vierbeiner betraf. Denn noch etwas anderes war charakteristisch für die meisten Menschen: Sie waren bequem und hatten auf die Dauer keine Lust, längere Fahrten auf sich zu nehmen, wenn der nächste Tierarzt doch praktisch um die Ecke lag.

„Na, dann haben wir ja jetzt Zeit, uns erst einmal um ein paar organisatorische Dinge zu kümmern. Und vielleicht kommt ja noch der ein oder andere ohne Termin rein, wer weiß?“

Doch als sie um zwölf die Praxis zur Mittagspause abschlossen, hatte sich niemand blicken lassen.

„Hast du Lust, nachher mit mir zum Fußballtraining zu kommen?“ Lasse Schwarz, der in dieselbe Klasse ging und in Mathe und Englisch neben ihm saß, fing Mats ab, als er gerade das Schulgebäude verließ. „Ich meine, du musst natürlich nicht, aber … Na ja, wir könnten einen guten Stürmer gebrauchen, und du hast doch in der Pause gesagt, dass du in deinem alten Verein im Sturm gespielt hast, oder?“

Mats nickte, während er die Stufen zum Pausenhof hinunterging. Fußball war schon immer sein Ding gewesen. Sein alter Verein in München war so ziemlich das Einzige, was er von seinem alten Zuhause vermisste. Und natürlich seine Mutter, aber … Das Thema schob er lieber beiseite. Darüber nachzudenken, machte ihn nur trübsinnig.

Außerdem brachte es doch auch gar nichts, an der Situation war schließlich ohnehin nichts zu ändern. Seine Mutter war es immerhin gewesen, die beschlossen hatte, dass ihre alte Familie nicht mehr gut genug für sie war. Eigentlich wollte er deswegen nicht traurig sein. Und das war er nicht. Jedenfalls nicht nur. Er war auch wütend und enttäuscht.

Aber das musste ja nicht unbedingt jeder mitkriegen.

„Klar, warum nicht? Ich wollte mich eh nach einem Verein umsehen. Wo trainiert ihr denn?“

Sie verließen das Schulgelände. Scheinbar musste Lasse in dieselbe Richtung wie er, denn er folgte Mats, ohne zu zögern. „Auf dem Fußballplatz direkt neben der Realschule. Um fünf. Du wohnst in dem alten Bauernhof von Doktor Meierling, oder? Von da ist es nicht weit“, antwortete Lasse. „Muss übrigens klasse sein, da zu wohnen. Vor allem, weil der Garten so riesig ist. Unser Rasen ist total mickrig im Vergleich – deswegen muss ich auch andauernd mit Leo raus. Wenn wir so einen Garten hätten wie ihr, dann könnte ich einfach die Tür aufmachen und ihn da rumlaufen lassen. Aber meine Mutter würde wahrscheinlich bei jedem Häufchen die Krise kriegen.“

„Leo?“

„Unser Hund. Ein Golden Retriever. Leopold heißt er eigentlich.“

Mats hob eine Braue.

Lasse seufzte. „Sag nichts, ich weiß, der Name ist voll bescheuert. Aber meine große Schwester durfte ihn sich aussuchen, weil ich schon unserer Katze einen Namen gegeben hab.“

„Und wie heißt eure Katze?“

„Schweini.“

Mats lachte. „Wow, wundert mich nicht, dass deine Eltern dieses Mal lieber deiner Schwester den Vortritt gelassen haben.“

Lasse grinste. „Wieso, Schweini ist doch voll der coole Name für eine Katze, oder nicht? Habt ihr auch Haustiere?“

Das war die Frage, die Mats schon befürchtet hatte. Wenn Lasse von Coco erfuhr, würde er sich bestimmt schlapplachen. Und Mats konnte es ihm nicht mal verübeln.

„Ja“, sagte er daher nur.

Doch Lasse ließ nicht locker. „Und was habt ihr? Hunde? Katzen? Kaninchen? Kängurus?“

„Kängurus?“ Mats lachte. „Nein, wir haben einen Hund.“ Deutlich leiser fügte er hinzu: „Oder zumindest so was in der Art.“

Zu seiner Erleichterung hakte Lasse nicht weiter nach und erzählte stattdessen in aller Ausführlichkeit von seinem letzten Spiel und dem Ausflug, den er in den Ferien mit dem Team gemacht hatte.

Es war … nett, fand Mats. Er hatte befürchtet, dass es schwerer werden würde an seiner neuen Schule. Aber alle waren echt gut drauf gewesen und hatten ihn sofort bereitwillig aufgenommen.

Als sie auf dem Hof der Praxis ankamen, blieb Mats zögernd vor den Treppen zur Eingangstür stehen. „Was ist“, fragte Lasse. „Kann ich noch mit reinkommen? Meine Mutter kommt erst um drei von der Arbeit, vorher muss ich nicht zu Hause sein.“

Mats hörte von Weitem schon Cocos helles Kläffen und überlegte krampfhaft, was er sagen sollte, um seinen neuen Freund loszuwerden, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen. Auf keinen Fall wollte er seinen guten Start ruinieren, indem er zuließ, dass irgendjemand Coco zu Gesicht bekam. Bei Sophie war das eine andere Sache gewesen – Mädchen schienen kleine Hunde aus ihm unerklärlichen Gründen gut zu finden.

„Dein Vater scheint einen Patienten dazuhaben“, kommentierte Lasse. „Klingt wie eine von diesen aufgekratzten Teppichratten. Wie heißen die noch? Chipotle? Chicorée?“

„Chihuahua“, entgegnete Mats kleinlaut.

„Kein Wunder, dass du das weißt!“ Lasse lachte. „Ihr kommt aus München, oder? Da sieht man solche Hunde wahrscheinlich am laufenden Band. Wenn man die wirklich als Hunde bezeichnen will …“

Mats zwang ein Lächeln auf seine Lippen, doch innerlich hoffte er nur, dass nicht irgendjemand Coco aus dem Haus ließ.

„Tut mir leid“, wimmelte er Lasse hastig ab. „Im Moment geht’s echt nicht.“ Er winkte seinem neuen Freund noch einmal zu, ehe er sich abwandte und die Treppen zur Tür hochging. „Aber wir sehen uns dann nachher beim Fußball.“

Er musste sich wegen Coco dringend etwas einfallen lassen, wenn er sich nicht bis auf die Knochen blamieren wollte.

„Ich verlange auf der Stelle Dr. Meierling zu sprechen! Das kann ja wohl nicht angehen. Eine Unverschämtheit!“

Johannes war gerade dabei, zusammen mit Mareike die Medikamentenvorräte durchzugehen, als er die aufgebrachte Stimme eines Mannes aus dem Vorzimmer vernahm. Mit einem fragenden Blick wandte er sich an seine Assistentin, die leise seufzte.

„Das klingt ganz nach Herrn Gerling. Der Mann ist ein Choleriker und hängt an seinem Dackel Willi, als wäre das Tier sein eigenes Kind. Furchtbar ist das!“

Johannes lächelte amüsiert. „Seien Sie nicht so streng, Mareike. Viele ältere Leute haben außer ihren Tieren niemanden.“

„Das stimmt natürlich. Und in den meisten Fällen sind diese Leute ja auch lieb und nett. Herr Gerling allerdings …“

Die wütende Stimme draußen wurde immer lauter, obwohl Erika mit Engelszungen auf ihn einredete. „Ich sehe mal nach, ob ich irgendwie behilflich sein kann“, beschloss Johannes.

„Ja, machen Sie nur“, entgegnete Mareike. „Aber ich habe Sie gewarnt …“

„Gibt es ein Problem, Frau Bredehöft?“, fragte Johannes, als er in den Empfangsraum trat.

Erika sah aus, als würde sie ihm am liebsten um den Hals fallen. „Ach, Herr Doktor, wie gut, dass Sie da sind. Das hier ist Herr Gerling.“

Johannes nickte und reichte dem älteren weißhaarigen Mann, neben dem ein brauner Glatthaardackel mit ergrauter Schnauze und krummen Beinen stand, die Hand. „Ich bin Johannes Kuschel, der neue Tierarzt.“

Herr Gerling ignorierte Johannes’ ausgestreckte Hand. „Interessiert mich nicht“, knurrte er und funkelte ihn unter seinen buschigen Augenbrauen an. „Ich kenne Sie nicht und will Sie auch nicht kennenlernen. Ich will Dr. Meierling sprechen. Er muss sich meinen Willi ansehen. Mit dem stimmt was nicht. Er ist immer so schlapp und müde in letzter Zeit. Gar nicht mehr so fit wie früher. Aber was erzähl ich Ihnen das eigentlich, Sie haben doch eh keine Ahnung. Also, wo ist er nun?“

Johannes unterdrückte ein Seufzen. Mareike hatte nicht übertrieben – dieser Herr Gerling war tatsächlich eine Herausforderung. Aber so leicht würde Johannes sich nicht geschlagen geben.

„Wie meine Mitarbeiterin Ihnen ja bereits mitgeteilt hat, praktiziert Dr. Meierling nicht mehr. Aber vielleicht könnte ich mir Ihren Willi ja mal ansehen. Ich …“

„Sie? Ich kenne Sie doch überhaupt nicht! Außerdem mag der Willi keine Fremden – und ich auch nicht!“

Johannes zuckte mit den Schultern. „Ich kann Ihnen meine Hilfe natürlich nur anbieten. Ob Sie sie in Anspruch nehmen wollen, ist selbstverständlich allein Ihre Entscheidung. Aber wenn es Ihrem Willi wirklich nicht gut geht, wäre es da nicht besser, wenn ich ihn mir wenigstens mal ansehe? Nur zur Sicherheit? Ich bin natürlich nicht Dr. Meierling, aber bedauerlicherweise wird der auch nicht wieder zurückkehren.“

Man konnte förmlich sehen, wie es hinter der Stirn des älteren Herrn arbeitete. Es war ganz offensichtlich, dass er mit sich rang. Es gefiel ihm nicht, seinen Hund in Johannes’ Obhut zu geben. Auf der anderen Seite war er besorgt um das Wohl seines Lieblings und wollte auf keinen Fall etwas riskieren.

„Also gut“, lenkte Herr Gerling schließlich ein. „Aber wenn Sie meinem Willi auch nur ein Haar krümmen …“

Johannes schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln. „Das würde mir im Traum nicht einfallen, Herr Gerling.“ Er nickte in Richtung Behandlungsraum. „Wollen wir dann?“

Er untersuchte den Dackel des älteren Mannes besonders gründlich, horchte ihn mit dem Stethoskop ab, tastete im Bauchraum nach Knoten und schaute sich sowohl die Ohren als auch die Augen mit Hilfe der Stablampe an. Schließlich stand die Diagnose fest, und Johannes wusste, dass sie Willis Herrchen ganz sicher nicht gefallen würde.

„Und?“, fragte Herr Gerling ungeduldig. „Was ist denn nun mit ihm?“

„Nichts Beunruhigendes, Herr Gerling.“ Seufzend stützte Johannes beide Hände auf den Behandlungstisch und überlegte, wie er es möglichst schonend formulieren konnte. „Ihr Willi ist mit seinen siebzehn Jahren einfach nicht mehr der Jüngste. Seine Gelenke sind nicht so fit, wie sie es einmal waren, und das Laufen fällt ihm schwer. Er ist öfter müde und mag nicht mehr so viel fressen wie früher. Das ist vollkommen normal.“

Entsetzt schaute der Mann ihn an. „Soll das etwa heißen … mein Willi wird’s nicht mehr lange machen?“

„Nun wollen wir den Teufel mal nicht an die Wand malen“, sagte Johannes aufmunternd. „Wie lange Ihnen Ihr Willi noch erhalten bleibt, kann ich natürlich nicht voraussagen. Aber was das Altwerden betrifft, unterscheiden sich Tiere gar nicht so sehr vom Menschen. Im Grunde wollen Sie nur, dass jemand da ist, der sie liebt und …“

„Also nein, wirklich, das höre ich mir nicht mehr länger an. Mein Willi ist nicht alt. Siebzehn Jahre, das ist doch kein Alter! Komm, Willi, wir gehen!“ Herr Gerling hob den Hund vom Behandlungstisch und zerrte an der Leine, bis der Dackel sich mit einem leisen Ächzen in Bewegung setzte. Johannes und Mareike warfen sich einen vielsagenden Blick zu und folgten ihm ins Vorzimmer. Herr Gerling wollte gerade die Praxis verlassen, als drei Personen hereinkamen, zusammen mit einem Hund und einer Katze.

Eine dieser Personen war Sophie, das Mädchen, das den angeschossenen Hund als Notfall zu ihm gebracht hatte. Die beiden anderen kannte Johannes nicht.

„Der alte Doktor hat nie so mit mir geredet“, empörte sich Herr Gerling, der sich seines Publikums nun allzu bewusst zu sein schien, und wandte sich wieder an Johannes. „Vermutlich wollten Sie mir als Nächstes sagen, ich sollte meinen Willi von seinem Leid erlösen, was? Und so was nennt sich Tierarzt! Also wirklich!“

Die Wirkung seiner harschen Worte blieb nicht aus – die beiden unbekannten Neuankömmlinge schauten sich an, und in ihren Blicken spiegelten sich ganz eindeutig Zweifel wider, ob sie Johannes ihre Lieblinge wirklich anvertrauen sollten.

Da schaltete sich plötzlich Sophie ein.

„Na, jetzt hören Sie aber mal! Dr. Kuschel ist ein ganz hervorragender Tierarzt. Es gibt keinen Grund, sich so anzustellen.“

„Ach, und woher willst du das wissen, Mädchen?“, fragte Herr Gerling.

„Ganz einfach, weil ich schon gesehen habe, was Dr. Kuschel draufhat, deshalb!“

Herr Gerling runzelte die Stirn. „Ach, was weißt du denn schon? Du bist doch nur ein Kind!“

„Ich bin immerhin schon fast vierzehn! Außerdem habe ich gestern Nachmittag einen verletzten Hund vom Feld hierhergebracht. Und Dr. Kuschel hat sich sofort um ihn gekümmert. Nicht einen Moment hat er gezögert – und das, obwohl ihm die Behandlung nicht einen Cent eingebracht hat. So was nenne ich Tierliebe. Davon könnten sich viele Tierärzte eine Scheibe abschneiden.“

Während Herr Gerling nur noch leise vor sich hin grummelte, schien die Frau mit der Katze eine Entscheidung getroffen zu haben. Sie straffte die Schultern, hob die Transportbox auf den Empfangstresen und lächelte. „Mein Name ist Angelika Richter, ich wohne hier in der Nachbarschaft. Ich bin mit meinem Felix zur Impfung hier. Wir sind schon ein paar Monate drüber, weil ich es immer verschwitzt habe. Geht das einfach so, oder muss ich einen Termin machen?“

„Nein, das geht sofort“, erklärte Johannes und machte eine einladende Handbewegung in Richtung Behandlungsraum. „Bereiten Sie doch bitte schon mal alles vor, Mareike.“

„Klar, Chef.“

Dann wandte er sich an Erika. „Und Sie kümmern sich bitte um Herrn …“

„Becker“, bemerkte der Mann mit dem Hund – einem Boxer – hilfreich.

„Um Herrn Becker.“

„Sicher.“ Erika schenkte dem Mann ein strahlendes Lächeln. „Ein bisschen wird es noch dauern – möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee oder Tee?“

„Da sage ich nicht Nein.“

Johannes nickte zufrieden. „Dann wollen wir uns Ihren Felix mal ansehen, Frau Richter.“ Er schaute zwischen den Gitterstäben der Transportbox hindurch. „Eine Maine Coon, nicht wahr? Wirklich ein hübsches Tier.“

„Oh, danke!“ Die Frau strahlte. „Und herzlich willkommen in Waldeshöhe, Herr Doktor.“

Johannes schloss die Tür hinter ihnen – jedoch nicht, ohne Sophie, die sehr zufrieden aussah, noch einmal dankbar zuzuzwinkern.

4. KAPITEL

Zu Johannes’ Überraschung war der Tag am Ende doch noch recht erfolgreich verlaufen. Weitere Patienten waren zwar nicht mehr gekommen, aber einige hatten telefonisch für die nächsten Tage Termine für Untersuchungen vereinbart. Johannes hegte den Verdacht, dass er das ebenfalls zu einem Teil Sophie zu verdanken hatte. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie im Ort ein wenig die Werbetrommel gerührt hatte.

„Sophie hat übrigens gefragt, ob Sie eventuell vorhätten, in der Zukunft Praktikanten anzunehmen“, sagte Erika Bredehöft kurz vor Feierabend.

„Wie alt ist sie denn?“

„Im Augenblick noch dreizehn, aber sie hat nächsten Monat Geburtstag.“

Nachdenklich runzelte Johannes die Stirn. „Das ist noch ein bisschen jung für ein Praktikum, aber … ich werde mir etwas überlegen. Sagen Sie lieber noch nichts zu ihr. Ich möchte nicht, dass sie sich Hoffnungen macht und am Ende enttäuscht wird.“

„Sie können sich auf mich verlassen. Von mir erfährt die Kleine nichts, ehe nicht alles in trockenen Tüchern ist. Trotzdem danke, allein für den Versuch.“

Johannes lächelte zufrieden. „Und nun machen Sie endlich Feierabend. Die anderen sind schon alle weg, und ich bin sicher, Ihr Mann wartet schon sehnsüchtig auf Sie.“

„Davon kann man allerdings ausgehen – am sehnsüchtigsten aber wartet er auf sein Abendessen.“ Sie lachte. „Ich fürchte, ich habe ihn ziemlich verwöhnt. Er schafft es nicht mal, einen Liter Wasser zu kochen, ohne dass etwas anbrennt.“

„Solange es Ihnen Freude bereitet, ist dagegen ja auch nichts einzuwenden.“

„Oh, ich koche für mein Leben gern! Wie machen Sie das übrigens? Sie haben doch sicher nicht viel Zeit zum Kochen – und Ihr Sohn will ja auch versorgt werden. Dann noch der Haushalt und die Einkäufe …“

Johannes nickte. „Ich habe für vormittags eine Haushaltshilfe engagiert. Frau Jäger wurde mir von Dr. Meierling wärmstens empfohlen. Ich habe sie während der Mittagspause kurz gesehen, und sie schien mir recht freundlich, und ihre Rouladen schmecken köstlich.“

Sie schulterte ihre Tasche. „Oh, Silvia Jäger ist ein echter Schatz, da haben Sie wirklich einen Glücksgriff getan.“

„Freut mich zu hören“, sagte er und hielt ihr die Tür auf. „Einen schönen Feierabend, Erika. Wir sehen uns dann morgen.“

Die Tür zum Empfangsbereich fiel hinter Erika zu, und Johannes blieb allein in der Praxis zurück. Mats hatte ihm vor einer Weile eine Nachricht geschickt und Bescheid gesagt, dass er einen neuen Freund zum Fußballtraining begleiten wollte. Anscheinend war sein erster Tag in Waldeshöhe auch nicht schlecht verlaufen. Johannes schmunzelte erleichtert.

Gerade als er das Licht in den Praxisräumen ausschalten wollte, wurde die Eingangstür aufgestoßen, und eine Frau betrat das Vorzimmer. „Oh, Mist!“, murmelte sie leise. „Sie wollten gerade Feierabend machen, richtig?“

Die Frau war vielleicht ein paar Jahre jünger als er selbst und hatte lange blonde Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Ihre grünen Augen funkelten im Schein des alten Kronleuchters, der den Warteraum in ein gemütliches Licht tauchte.

„Andrea Engel“, stellte sie sich vor und streckte Johannes die Hand entgegen. „Mir gehört der Heidehof. Wenn Sie dem Feldweg am Ende der Dorfstraße folgen, gelangen Sie direkt dorthin.“

Johannes nickte. „Was kann ich denn für Sie tun?“

Sie lächelte entschuldigend. „Ich weiß, es ist schon sehr spät, aber ich habe es einfach nicht früher geschafft.“

„Das macht nichts“, erwiderte Johannes. „Ich werde zwar nicht jeden Tag bis in die späten Abendstunden arbeiten, denn da würde mein Sohn irgendwann ein Machtwort sprechen. Aber in einem Notfall bin ich selbstverständlich für Sie erreichbar. Also, wo drückt der Schuh?“

Seufzend strich sie eine Haarsträhne zurück, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte. „Eine meiner Heidschnucken macht mir Sorgen. Sie zeigt keine wirklichen Krankheitssymptome, sonst hätte ich Sie schon längst zur Untersuchung auf den Hof gerufen.“ Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Vermutlich lachen Sie mich aus, wenn ich Ihnen sage, dass sie sich einfach irgendwie … merkwürdig verhält.“

„Ganz und gar nicht. Solche Beobachtungen können sehr wichtig sein, um entstehende Krankheiten rechtzeitig zu erkennen. Ich würde mir das Tier sehr gern einmal ansehen. Passt es Ihnen jetzt?“

Sie blinzelte überrascht. „Sie wollen heute Abend noch mit rüber zum Hof kommen? Ernsthaft?“

Er lächelte ihr zu. „Warum nicht? Mein Sohn wird wohl noch eine Weile mit seinen neuen Freunden unterwegs sein, und es ist ja gerade erst halb sieben. Ich schicke ihm eine kurze Nachricht, damit er Bescheid weiß – dann können wir direkt los.“

Gesagt, getan. Sie fuhren mit beiden Wagen, damit Andrea Engel ihn später nicht zurückfahren musste. Es dauerte nicht lange, bis sie den Hof der Landwirtin erreichten. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und tauchte die Felder und die drei großen Bäume, die das Grundstück säumten, in einen goldenen Schein.

Die alten Fachwerkgebäude des Heidehofs thronten erhaben über den grünen Weiden, und die Dächer der Stallungen, die mit leuchtend roten Ziegeln gedeckt waren, schienen in der Abendsonne zu glühen.

Sie stellten beide Autos vor dem Haupthaus ab. Andrea Engel wartete, bis Johannes ausgestiegen war, und ging dann voraus zu einem niedrigeren Gebäude, das mit Reet gedeckt war.

„Hier im Stall halten sich unsere Heidschnucken eigentlich nur auf, wenn die Temperaturen weit unter den Gefrierpunkt sinken. Aber ich hielt es für besser, Elfie von den anderen zu isolieren. Nur für den Fall, dass sie tatsächlich etwas ausbrütet.“

Johannes nickte anerkennend. Nur wenige Tierbesitzer zeigten so viel Weitsicht. Aber als Landwirtin gehörte das vermutlich zum Beruf. „Das ist sehr vernünftig von Ihnen, Frau Engel.“

„Ach, bitte, nennen Sie mich Andrea. Ich fühle mich sonst immer so furchtbar alt.“

Er nickte. „Einverstanden. Aber dann müssen Sie mich auch Johannes nennen.“

„Also schön.“ Sie lachte. „Wollen wir uns dann mein Sorgenkind ansehen, Johannes?“

Er grinste. „Sehr gern, Andrea.“

Nachdem sie die Tür geöffnet und das Licht eingeschaltet hatte, betraten sie den Stall. Das Schaf – Elfie – blickte kurz auf, ließ dann aber gleich wieder den Kopf hängen und wirkte sehr apathisch.

„Ich sehe, was Sie meinen“, sagte Johannes. „Und ich glaube, dass Sie Ihre Intuition nicht betrogen hat. Eine Blutuntersuchung sollte Aufschluss darüber geben, was dem Tier fehlt. Und wenn sich am Ende herausstellt, dass alles in Ordnung ist – umso besser.“

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