Logo weiterlesen.de
Royal Horses Kronenherz

© Tanja Saturno

Jana Hoch wurde 1992 in Hannover geboren und lebt heute immer noch in der Nähe der Stadt. Seit frühester Kindheit hat es sie begeistert, eigene Welten und Charaktere zu entwickeln und diese auf dem Papier festzuhalten. Die Pferdetrainerin nutzt jede freie Minute zum Schreiben – der perfekte Tag beginnt für sie bei Sonnenaufgang, mit dem Laptop auf dem Schoß und einer Tasse Kakao, und endet auf dem Rücken ihres Pferdes Jamie.

Mehr Infos unter www.jana-hoch.de
und auf Instagram unter jana_loves_jamie.

Normalerweise hätte ich niemals versucht, nachts in ein Gebäude einzubrechen. Schon gar nicht in ein Luxushotel. Ich wäre nicht wie eine Kriminelle an der Rückfassade entlanggeschlichen, geduckt und mit den Haaren vor dem Gesicht. Und natürlich wäre ich auch nicht auf die Müllcontainer geklettert, um eines der Fenster im Wirtschaftstrakt von außen zu öffnen. Stattdessen hätte ich wohl einfach gewartet, bis Jordan auf sein Handy sah, die unzähligen vergeblichen Anrufe von mir entdeckte und zu mir nach draußen kam. Normalerweise. Aber nach allem, was gerade passiert war, hielt ich es keine Sekunde länger aus.

Ich drückte mich mit der Schulter noch enger an die Fensteröffnung und schob den Arm weiter durch den Spalt des abgekippten Doppelfensters. Als ich auf der Innenseite den Griff zu fassen bekam, begann mein Herz, wild zu schlagen.

Jetzt ganz langsam drehen.

Vorsichtig kippte ich den Griff nach hinten und ignorierte den schneidenden Druck in meinem Oberarm. Komm schon! Meine Augen fingen an zu brennen, doch ich fühlte keine Tränen aufsteigen. Ich musste unbedingt zu meinem großen Bruder. Er würde mir garantiert glauben und irgendeinen Weg finden, mich aus diesem Schlamassel zu holen. Jordan und Greta. Alleine gegen den Rest der Welt. So war es schon immer gewesen.

Einen Fluch unterdrückend, presste ich meinen Arm mit aller Kraft tiefer in den Fensterspalt. Der Hebel bewegte sich. Das Fenster gab ein klackendes Geräusch von sich und der Flügel schwang nach innen auf.

Geschafft! Schwer atmend, zog ich meinen Arm heraus und rieb über die Stelle, wo der Rahmen mir in die Haut geschnitten hatte. Es fühlte sich an, als hätte ich gerade in eine Wildtierfalle gefasst. Ich stützte mich vorsichtig auf dem Container ab, prüfte, ob ich ihn belasten konnte, und beugte mich vor, um ins Innere des Raumes spähen zu können. Es war dunkel und ich konnte nur wenig erkennen. Was war das hier? Vielleicht so etwas wie ein Putzmittelraum? Ich leuchtete mit dem Handy hinein und entdeckte direkt vor dem Fenster ein halbhohes Regal. Wenn ich mit den Füßen zuerst hindurchschlüpfte, konnte ich darauf Halt finden und auf den Fußboden springen. Dann müsste ich mich nur noch vom Wirtschaftstrakt ins Hauptgebäude durchschlagen, die Party suchen, auf der Jordan war, und mich unbemerkt unter die Gäste mischen.

Kinderspiel.

Die gedämpfte Musik und vereinzeltes Lachen hatte ich vom Eingang bereits hören können. Die Party war noch in vollem Gange, vermutlich würde sie bis in die frühen Morgenstunden gehen. Ich wusste, dass ich Jordan den Spaß verderben würde, wenn ich dort auftauchte, aber er würde es verstehen, wenn er erst die ganze Geschichte hörte.

Entschlossen drehte ich mich auf dem Müllcontainer und schob ein Bein in die Fensteröffnung.

»Sag bloß, du versuchst gerade, hier einzubrechen.«

Ich erschrak so heftig, dass der Container unter mir ins Wanken geriet. Schnell zog ich den Fuß zurück und bemühte mich, mein Gleichgewicht wiederzufinden. Eine Gestalt schlenderte durch den Hinterhof direkt auf mich zu. Im Gegenlicht der spärlichen Beleuchtung erkannte ich jedoch nicht mehr als einen Schatten.

Scheiße! Ich sprang auf und wieder erzitterte der Container unter meinen Füßen. Die Silhouette kam näher und langsam konnte ich etwas erkennen. Es war ein blonder Typ. Gut aussehend, vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Den Rest erfasste ich eher automatisch: Haare gestylt, perfekt sitzendes schwarzes Hemd … sehr sportlich. Wenn ich versuchte wegzurennen, würde er wahrscheinlich schneller sein. Die Arme vor der Brust verschränkt, hielt er vor mir an und musterte mich kritisch.

»Fangirl versucht, ins hochbewachte London Palace einzubrechen«, sagte er und lächelte überheblich. »Könnte eine gute Schlagzeile geben.«

Fangirl? Was redete er denn da?

»Allerdings wirst du es kaum zu ihm schaffen – selbst wenn du hier einsteigst«, fuhr der Blonde fort. »Die Party findet im Kristallsaal statt, im Seitenflügel des Hotels, der im Übrigen schon seit heute Nachmittag abgeriegelt ist.« Er grinste. »Aber zum Trost: Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich Hals über Kopf in dich verliebt, wenn du ihn auf einer Veranstaltung überfällst, ist auch eher gering. Tut mir leid, dass ich dich deiner Illusionen beraubt habe.«

Entweder der Kerl hatte etwas geraucht oder er wollte mich einfach nur verarschen. Gerade war allerdings der denkbar schlechteste Moment, mich mit irgendetwas aufzuziehen. Das letzte bisschen Humor hatte ich bereits in den vergangenen Stunden aus mir herausgeheult.

»Von wem zum Teufel redest du bitte?«, fragte ich.

Der Blonde lachte leise. »Na, von Prinz Tristan, den du ja offenbar stalkst. Was soll bitte sonst diese zum Scheitern verurteilte Ocean’s-Eleven-Nummer?« Er deutete auf das Fenster, in das ich versucht hatte einzusteigen.

Was? Prinz Tristan war auf der Party? Ich konnte gerade noch ein Stöhnen unterdrücken. Jetzt wurde mir einiges klar. Vor allem, warum mich die Securitygorillas in ihren schwarzen Anzügen vorhin am Eingang nicht reingelassen hatten.

Mein Bruder hatte mir erzählt, dass sein Patenonkel Yorick ihn heute zu einer poshen Party mitnehmen wollte. Aber dass sie so posh war, dass Prinz Tristan, meistgesuchtes Gesicht Londons und einer der Enkel der Queen, auch dabei sein würde, hatte er mir nicht verraten. Aber es wunderte mich nicht wirklich. Yorick hatte oft mit den Royals zu tun, schließlich arbeitete er für die königliche Familie.

Ich selbst hatte Prinz Tristan bisher nur wenige Male in den Medien gesehen. Er galt als extrem kamerascheu, aber ich erinnerte mich noch an seinen auffälligen Look und die bevorzugt gemusterte Kleidung. Nicht zu vergessen die Traube an Mädchen, die auf jedem Bild an seinen Schultern gehangen hatte wie ein schickes Accessoire.

»Verdammt, warum muss Mister Partyprinz ausgerechnet heute hier sein?«, murmelte ich eher zu mir selbst.

Der Typ kam noch näher und stützte die Hände vor mir auf den Container. Seine Mundwinkel zuckten amüsiert. »So solltest du ihn besser nicht nennen, wenn du bei ihm landen willst.«

»Habe ich ja nicht vor.« Ich konnte nicht anders, als die Augen zu verdrehen. Für so eine Diskussion hatte ich gerade wirklich keine Zeit. Ich musste Jordan finden!

»Eigentlich schade für ihn. Du könntest sein Typ sein.« Er musterte mich von oben bis unten, als wöge er seinen letzten Satz ab, und lächelte dann.

»Und das kannst du so genau vorhersagen, weil ihr beide total dicke seid, nicht wahr?«

Der Blonde grinste. »Ganz genau.«

Ich verschränkte die Arme. »Ja klar. Hör zu: Ich muss einfach nur meinen Bruder finden. Und der ist nun mal auf dieser Party.«

»Scheint ja eine innige Geschwisterliebe zu sein, wenn du dafür sogar eine Anzeige riskierst.« Er nickte zu dem offenen Fenster und wie von alleine bohrten sich mir die Fingernägel in die Handflächen. Mein Atem beschleunigte, aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Nach allem, was heute passiert war, spielte ein Einbruch kaum noch eine Rolle. Ich war sowieso am Arsch.

»Ja. Ist es.«

»Na dann.« Er zwinkerte mir zu und ich wich erschrocken zurück, als er sich mit den Händen abstützte und leichtfüßig neben mir auf den Container sprang. Er setzte sich auf die Kante, ließ die Füße hängen und klopfte neben sich. »Wie heißt dein Bruder denn?«

Ich reagierte nicht sofort, setzte mich dann aber mit mehr als einer Armeslänge Abstand zu ihm hin. »Jordan. Er heißt Jordan Hayes und ist mit seinem Patenonkel hier …«

»Yorick Halldórsson?«

»Ja genau.« Ich nickte überrascht. Und auch die Überlegenheit in den Augen des Blonden wich einem Ausdruck des Erstaunens.

»Interessant«, sagte er. »Dann hast du nicht gelogen.«

»Kennst du ihn etwa?«

»Sagen wir mal, ich kenne eher Yorick.« Ein schiefes Grinsen. »Aber der hat mir Jordan vor einer halben Stunde vorgestellt.«

Ich wartete auf eine Erklärung, doch er ging nicht weiter darauf ein und hielt mir stattdessen die Hand entgegen. »Ich bin Edward.«

Ich zögerte, aber als er die Hand nicht sinken ließ, schüttelte ich sie kurz und zog mich sofort wieder zurück.

»Gre…« Ich stoppte. Ich konnte dem Typ nicht vertrauen. Ich kannte ihn ja gar nicht! »Cylia.«

Sein Lächeln nahm einen spielerischen Zug an. »Soso. Grecylia also. Interessanter Name.«

Ich hätte mich ohrfeigen können.

Cylia? Wirklich? Was Besseres als der Name von Jordans divenhafter Burma-Katze ist dir nicht eingefallen? Idiotisch!

Ich lächelte tapfer. »Ja, ganz genau.«

»Also, Grecylia … Ich sage Grecy, ja?« Edward grinste immer noch. »Was ist denn so Schlimmes passiert, dass du nachts versuchst, in ein öffentliches Gebäude einzusteigen, um deinen Bruder zu finden?« Er machte eine kurze Pause, setzte aber sogleich wieder an. »Nein, lass mich raten. Der Kerl, auf den du stehst, hat mit deiner besten Freundin geschlafen.«

Falsch. Ich habe nämlich keine Freunde mehr.

»Nicht?« Edward sah mich aufmerksam an. »Gut, zweiter Versuch: Du traust dich nicht nach Hause, weil du viel zu spät dran bist und Mama schimpfen wird.«

Ich gab ein verächtliches Schnauben von mir. Er lachte und hob verteidigend die Arme. »Was denn? Alles schon vorgekommen.«

Er ließ seinen Blick von meinem Gesicht zu meinen Füßen und wieder zurückgleiten. Plötzlich kam ich mir merkwürdig durchleuchtet vor. Ganz so, als versuche er mit seinen Augen, die unnatürlich blau wirkten, in meinen Kopf einzudringen.

In Filmen waren Jungs wie er immer die, vor denen man sich in Acht nehmen sollte. Leuchtende Augen? Eindeutig von der bösen Seite der Macht.

»Probleme in der Schule? Mit Freunden?«

»Das geht dich nichts an!«

Edward grinste triumphierend. »Hätte ich gleich drauf kommen können. Hast du etwas angestellt?«

»Du kannst mich mal!«

»Warum plötzlich so kratzbürstig, Grecy? Mache ich dich nervös?«

Der Müllcontainer wackelte leicht, als Edward heruntersprang und beinahe geräuschlos auf dem Boden landete. Dieses spielerische Lächeln lag wieder auf seinen Lippen, als er sich direkt vor mich stellte, die Hände rechts und links neben meinen Beinen abgestützt. Ich wollte zurückweichen, aber Edward schüttelte nur den Kopf.

»Nicht doch«, sagte er. »Wenn du jetzt abhaust, kann ich dich nicht mehr zu deinem Bruder bringen.«

Er griff in seine Hosentasche, zog eine Karte mit deutlich erkennbarem VIP-Aufdruck heraus und drehte sie zwischen seinen Fingern. »Wie es aussieht, bin ich deine Eintrittskarte in den Kristallsaal. Zumindest wenn …« Er legte eine Kunstpause ein und mein plötzlicher Hoffnungsschimmer verpuffte. Dieses wenn klang verdammt noch mal nach Ethan. Niemandem kamen Bedingungen so leicht über die Lippen wie ihm. »… wenn du mir dein Geheimnis verrätst. Was ist so wichtig, dass du unbedingt deinen Bruder sprechen musst?«

Edward legte den Kopf in den Nacken und sah zu mir herauf. Der herausfordernde Ton, das überlegene Lächeln … In diesem Moment erinnerte er mich so sehr an Ethan, dass ich schreien wollte. Ich hielt die Luft an und begann, innerlich zu zählen, damit die Erinnerungen nicht wieder über mich herfielen. Als ich meine Worte wiederfand, war meine Stimme kaum mehr ein Flüstern.

»Vergiss es einfach.«

»Ist das dein letztes Wort?« Edward zuckte ungerührt mit den Schultern. »Du kannst zwar durch das Fenster klettern, aber ich wette mit dir, dass du es nicht mal bis zum Fahrstuhl schaffst. Mit mir allerdings …« Wieder hielt er die Karte in die Luft. »… schaffst du es auf jeden Fall bis zu deinem Bruder. Du solltest dich schnell entscheiden. Deine Zeit läuft.«

Ich begann zu zittern, so heftig, dass mein ganzer Körper geschüttelt wurde.

Du solltest dich schnell entscheiden, Red. Ziehen wir das durch oder nicht?

Edwards Worte vermischten sich in meinem Kopf mit dem, was Ethan vor gerade mal einer Stunde zu mir gesagt hatte.

Komm schon, Babe. Du bist doch kein Feigling.

Mein Innerstes fühlte sich an wie ein einziger, fester Knoten.

»Lass mich in Ruhe!«, schrie ich und sprang auf. Sofort schlug ich mir die Hand vor den Mund, als mein Echo durch den Hinterhof hallte. Mein Herz schlug so heftig, als wolle es mich von innen zerreißen. Ich schwankte auf dem Container und etwas griff nach meiner Wade. Edwards Hand.

»Fass mich nicht an!«

Sofort löste er die Finger. »Schon gut. Ich wollte bloß nicht, dass du fällst. Was ist los mit dir?«

»Du …« Ich schaffte es nicht mehr, ihm zu antworten. Über den Hof näherten sich mit eiligen Schritten zwei Gestalten, größer als Edward, mit massigen Schultern und schwarzen Anzügen. Eindeutig Security! Vielleicht sogar die Gorillas vom Eingang.

Ich musste sofort weg!

Aber Jordan …

Meine Gedanken wirbelten im Kreis und ich hatte Mühe, auch nur einen einzigen zu Ende zu bringen. Doch dann, endlich, kam mir eine Idee.

»Was glaubst du eigentlich, wer du bist?« Ich richtete meinen Finger anklagend auf Edward. »Denkst du wirklich, dass ich auf dich warte, während du dich durch ganz London schläfst?«

Edwards Kopf schoss zu mir herum. Die Verwirrung in seinen Augen bereitete mir eine unglaubliche Genugtuung. Auch die Gorillas schienen für die Dauer eines rasenden Herzschlags zu verharren.

»Das kannst du knicken! Ich dachte, wir lieben uns. Aber du bist wirklich das Allerletzte. Es ist aus zwischen uns, du Mistkerl!«

Edward starrte mich bloß an. Zum ersten Mal, seit wir uns begegnet waren, war er völlig sprachlos.

Eine Sekunde, zwei … In dem Moment, als ich die Erkenntnis in seinen Pupillen aufblitzen sah, schob ich mich mit den Beinen zuerst durch das geöffnete Fenster, sprang auf den Boden und rannte.

Maggie, du kannst jetzt nicht einfach sterben. Das lasse ich nicht zu«, schimpfte Yorick und vergrub das Gesicht in seinen Händen.

Ein letztes Stottern ertönte. Dann ein leises Zischen. Stille.

Yorick schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad und öffnete die Fahrertür. Fluchend umrundete er die gelbe Blechbüchse, die er sein Auto nannte. Verzeihung, seine geliebte Maggie.

Ich blieb im Wageninneren sitzen und warf einen Blick nach draußen. Hügelige Wiesen, soweit das Auge reichte. Und Schafe. Überall Schafe. Wolkige Kugeln auf endlosem Grün. Obwohl die Weiden von einer niedrigen Steinmauer begrenzt wurden, hatte vorhin schon eine Herde direkt auf der Straße gestanden. Nur langsam und immer wieder hupend, war es uns gelungen hindurchzufahren.

Mein Handy piepte. Eine Nachricht leuchtete mir entgegen. DU WIRST SPASS HABEN, WENN DU DICH DARAUF EINLÄSST. DER ABSTAND VON LONDON UND VON ALLEM, WAS MIT DIESEM IDIOTEN ETHAN ZU TUN HAT, WIRD DIR GUTTUN. DU HAST DIE RICHTIGE ENTSCHEIDUNG GETROFFEN. HAB DICH LIEB! J.

Dahinter hatte mein Bruder einen lächelnden Smiley und ein Herz gehängt. Ich seufzte. Hatte ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Ich dachte an jene Nacht vor drei Wochen zurück, als ich meinen großen Bruder so sehr gebraucht hatte. Mein Plan, mich unbemerkt auf die Party zu schleichen, war gescheitert. Statt Jordan dort abzufangen, hatte ich mich zitternd und heulend nach Hause geschleppt, wo er und sein Patenonkel Yorick mich um vier Uhr morgens zusammenkauert im Flur gefunden hatten. Anfangs hatte Yoricks spontane Idee, die Sommerferien bei ihm draußen in West Sussex zu verbringen, um aus der Stadt herauszukommen, verlockend geklungen. Jetzt allerdings war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich mich richtig entschieden hatte.

Je weiter ich mich mit dem Zug aus London entfernt hatte, desto mehr fühlte es sich an, als würde ich davonlaufen. Und vielleicht war es genau das, was Ethan wollte – dass ich floh wie ein verängstigtes Kaninchen.

Vorsichtig schob ich den Ärmel meiner Strickjacke nach oben und betrachtete die Buchstaben, die ich seit diesem Abend jeden Tag neu auf die Innenseite meines Unterarms geschrieben hatte. UNBROKEN. Ich fuhr die Linien mit der Fingerspitze nach und spürte, wie mein Mund trocken wurde.

»Hey, Greta, komm mal raus. Ich brauche deine Hilfe!«

In einer einzigen, schnellen Bewegung zog ich meinen Ärmel wieder nach unten und folgte dem Hilferuf.

»Wir müssen Maggie an den Straßenrand schieben«, sagte Yorick. »Sie schafft es nicht mehr alleine. Arme Kleine.« Liebevoll streichelte er über die halb geöffnete Motorhaube.

Unwillkürlich musste ich lachen. Ich wusste, dass er Tiere liebte, immerhin leitete er ein großes Pferdegestüt. Aber dass sich eine solche Liebe auch auf Autos erstreckte, war mir neu.

»Übernimm du das Lenkrad. Wir rollen sie zur Mauerlücke dort drüben.«

Ich nickte, setzte mich auf den Fahrersitz und manövrierte die gelbe Schrottkarre an den Rand. Als Maggie zum Stehen kam, zog ich die Handbremse an und stieg aus. Yorick öffnete den Kofferraum und hob mein Gepäck heraus.

»Ich lasse sie später abschleppen. Es sind nur noch etwa fünf Kilometer bis zum Gestüt. Wir laufen.«

Ich starrte ihn an. Meinte er das ernst? Fünf Kilometer zu Fuß und mit all meinem Gepäck?

»Der Himmel sieht ganz schön dunkel aus«, gab ich zu bedenken und nickte in Richtung der grauen Wand, die sich hinter den Hügeln auftürmte. »Kann uns nicht jemand abholen? Wir können ja solange im Auto warten.«

Yorick winkte ab. »Ach Quatsch, das zieht vorbei.«

Mit dem markanten Gesicht, dem dichten Bart und seinen Haaren, die seitlich kurz rasiert und oben zu einem kleinen Zopf gebunden waren, hätte Yorick auch ohne seinen Nachnamen, der die nordische Herkunft verriet, den perfekten Wikinger abgegeben. Ich kannte den Patenonkel meines Bruders nicht sehr gut. Bis vor einem halben Jahr hatte ich mit meinen Eltern im Ausland gelebt. Jordan dagegen war schon vor vier Jahren zum Studium nach England gekommen. Seit damals waren er und Yorick trotz des großen Altersunterschieds befreundet und nach den wenigen Begegnungen verstand ich auch, warum. Yorick war unaufgeregt und ziemlich nett. Und er hatte sofort Hilfe angeboten, als ich sie wirklich gebraucht hatte. Nur von Wetterveränderungen hatte er keine Ahnung.

»Ich glaube, es wäre eine gute Idee, wenn wir jemanden anrufen«, versuchte ich es abermals. »Der Wind kommt von rechts. Die Wolkendecke zieht ganz klar in unsere Richtung.«

Yorick grinste. »Dann müssen wir uns wohl beeilen.«

Er warf sich meinen leuchtend roten Rucksack über die Schulter, griff nach meinem Koffer und lief los, bevor ich weitere Einwände hervorbringen konnte.

Ich seufzte und hörte selbst, wie kläglich das klang. Na schön. Ich hatte es ja nicht anders gewollt. Zeit, sich an das Landleben zu gewöhnen.

Zehn Minuten später schob ich mir die Kapuze meiner Strickjacke tiefer in die Stirn und beobachtete, wie sich die Regentropfen an dem Stoff sammelten und auf meine Nase fielen.

Was für eine Schnapsidee. Wäre ich doch nur bei Maggie geblieben! Dann hätte ich mit dem Abschleppwagen mitfahren können und wäre trocken geblieben.

»Du wirst dich auf Caverley Green wohlfühlen. Joan, die Tochter des Gutsverwalters macht ihre Ausbildung bei uns im Trainingscenter«, plauderte Yorick munter auf mich ein, als würden wir durch den schönsten Sonnenschein spazieren. »Sie ist nicht viel älter als du. Und auch sonst gibt es ein paar wirklich nette jüngere Leute auf dem Gestüt.« Er lächelte mir zu. »Mach dir keine Sorgen, dass du keine Pferdeerfahrung hast. Du kannst jederzeit fragen und wir helfen dir alle.« Ein kleiner Wasserfall an Regentropfen löste sich aus Yoricks Bart. Mittlerweile mussten wir aussehen, als kämen wir von einem Schwimmausflug. Sein graues Shirt hatte einen dunkleren Ton angenommen und auch mein rot karierter Rock tendierte langsam zu Bordeaux. Yorick schien das nicht zu stören. Er lief mit großen Schritten voran.

»Alan Quinn, unser Stallmeister, ist ein bisschen grummelig am Anfang, aber er meint es nicht so«, erklärte er weiter. »Du hilfst beim Füttern und im Stall, später sehen wir dann weiter, ja?«

»Okay«, antwortete ich lang gedehnt. Jetzt, da das Gestüt nicht mehr weit entfernt lag, erschien mir die ganze Aktion doch ziemlich abwegig. Was wollte ich zwei Monate lang auf einem Pferdegestüt im Niemandsland? Meine letzte Reiterfahrung stammte aus Stockholm – als Sechsjährige auf einem Karussellpferd. Oder war es Porto gewesen? Bei den vielen Orten, an denen ich mit meinen Eltern gelebt hatte, hatte ich längst den Überblick verloren. Andererseits – was zählte da schon West Sussex? Und vielleicht hatten Jordan und Yorick recht damit, dass Abstand von meinem Leben im Moment genau das Richtige für mich war.

»Warte mal kurz«, sagte ich, blieb stehen und drehte eine meiner langen roten Haarsträhnen ein, bis das Wasser herauslief.

Yorick lächelte schief und spähte durch den Regen zu mir hinüber. »Es sah wirklich aus, als ob es vorbeizieht.« Er holte sein Handy aus der Tasche und tippte eine Nachricht ein. »Ich sag Bescheid, dass uns jemand abholt.«

Ich atmete aus. Inzwischen musste ich aussehen wie Nepomuk, der Tibet-Terrier meiner Tante Ann, wenn er mit Jordan und mir im See gespielt hatte. Plus schlammverschmierte Chucks, an denen noch ein bisschen Schafskacke klebte, die überall auf der Straße herumlag. Nur gut, dass ich so nicht unter Leute ging.

Wir liefen weiter, den Blick auf die Straße gerichtet, und nach vier oder fünf Minuten wurde der Regen endlich weniger und versiegte komplett. Dann hörte ich Motorbrummen. Ein schwarzer Geländewagen fuhr in unsere Richtung. Endlich, Rettung nahte! Wenn auch zu spät.

Der Wagen bremste knapp vor uns und hielt am Straßenrand, direkt neben der Steinmauer. Ich schob mir die nassen Haare aus dem Gesicht, um besser sehen zu können. Doch die Scheiben waren dunkel getönt und ich konnte niemanden erkennen. Schließlich schwang die Fahrertür auf. Das Erste, was ich wahrnahm, waren schwarze Herrenboots, die mitten in eine Pfütze traten, dann blonde Haarsträhnen unter einer Kapuze und …

Nicht doch.

Das durfte nicht wahr sein!

Als der Fahrer gänzlich hinter der Tür hervortrat, grinste er frech und ich stolperte einen Schritt zurück.

Da, vor mir, stand der Typ vom Hotel. Edward.

Vielleicht erkennt er dich ja nicht. Du siehst immerhin aus wie Nepomuk.

Yorick räusperte sich. »Greta, das ist Edward. Er …«

»Edward de Lacy. Ich trainiere die Pferde auf dem Gestüt«, übernahm Blondie die Erklärung. »Ist eine Art Ferienjob wie bei dir. Nur besser.« Er trat näher an mich heran. »Und du bist die kleine Einbrecherin vom Palace.«

So viel zum Thema Tibet-Terrier. Meine Wangen begannen zu leuchten und mein Blick schoss zu Yorick. Doch der sah nur verwundert zwischen Edward und mir hin und her. »Ihr kennt euch?«

»Flüchtige Begegnung in der Stadt.« Edward grinste spöttisch und lachte über seine eigenen Worte. »Treffender kann man es wohl nicht beschreiben.«

Sehr witzig!

»Ich … hatte es halt eilig«, antwortete ich knapp und ging mit schnellen Schritten zum Wagen, ohne Edward noch einmal anzusehen. Hoffentlich beließ er es dabei. Yorick wusste zwar, dass ich versucht hatte, an den Türstehern vorbeizukommen, aber er musste ja nicht alle Details erfahren.

Ich setzte mich auf die Rückbank und beobachtete, wie Edward sich mit lässigen Schritten dem Wagen näherte. Er setzte sich wieder auf den Fahrersitz, strich sich durch die feuchten Haare und beobachtete mich durch den Rückspiegel.

»Wie weit hast du es eigentlich geschafft? Bis zum Fahrstuhl?«

Sein Lächeln wurde so breit, als ob er die Antwort bereits kannte.

Mistkerl! Ich drückte mich enger an den Ledersitz und zwang mich, ihn nicht anzusehen.

»Hab dir ja gleich gesagt, dass du es ohne mich nie zu deinem Bruder schaffst.« Edward zuckte mit den Schultern. »Was hast du dann gemacht?«

Mich zu Hause verschanzt und geheult. Aber das werde ich dir garantiert nicht erzählen.

Hinter mir fiel der Kofferraum zu und gleich darauf öffnete Yorick die Beifahrertür. Er schüttelte sich den Regen aus dem Bart und stieg ein.

»Wo ist Six?«, wollte er wissen.

»Mit seinem Dad nach Crawley gefahren«, gab Edward zurück und ließ den Motor an.

»Du hättest jemand anders schicken können, um uns abzuholen.«

Edward winkte ab und zwinkerte mir durch den Rückspiegel zu. »Aber dann hätte ich die neue Praktikantin nicht als Erstes kennengelernt. Und das wäre wirklich zu schade gewesen. Findest du nicht auch?«

Immer noch sah er mich über den Spiegel an. Bildete ich es mir ein oder schwang in seinem Blick eine düstere Note mit? Auch wenn seine Worte freundlich waren, seine Augen sagten etwas anderes. Erst jetzt fiel mir auf, wie hell sie waren. Ich hätte schwören können, dass sie in jener Nacht strahlend blau geleuchtet hatten. Nun jedoch sahen sie aus, als hätten arktische Winde in ihnen getobt. Eisgrau, so hell, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte.

»Alles okay bei dir?« Yorick drehte sich besorgt nach hinten. »Du bist so still.«

»Ich fühle mich nicht gut.« Das war nicht einmal gelogen.

»Wegen dem Wetter?«

»Nein, wegen mir«, antwortete Edward, bevor ich den Mund öffnen konnte. »Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie auf offener Straße mit mir Schluss gemacht hat.«

Yorick sah zwischen uns hin und her und kratzte sich am Bart. »Eure letzte Begegnung scheint ja höchst interessant gewesen zu sein.«

»Oh ja, allerdings.« Edward trat aufs Gaspedal und fuhr los. »Ein wirklich unterhaltsamer Einstieg.«

Der Wagen hielt vor einem gigantischen steinernen Torbogen mit zwei Turmspitzen, die aussahen wie kleine Zypressen. Über dem kunstvoll verschnörkelten Zufahrtstor prangte eine goldene Tafel, umrahmt von filigranen Metallornamenten. Wir waren da. Caverley Green – Royal Horses.

Wahnsinn! Auch wenn ich es nicht zugeben wollte, das Anwesen beeindruckte mich jetzt schon. Das war er also, der – laut Internet – prachtvollste Landsitz der königlichen Familie, samt riesigem Gestüt, auf dem die teuersten Pferde des Landes aufgezogen und trainiert wurden.

Vorhin im Auto hatte Yorick mir erzählt, dass er schon seit fünfzehn Jahren für die Royals arbeitete, davon acht Jahre als Leiter des Gestüts. Ich hatte versucht, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich das beeindruckte, aber bei diesem Anblick fiel es mir schwerer, meine Begeisterung zu verstecken.

Edward steuerte direkt auf die Einfahrt zu. Das Tor öffnete sich wie von Zauberhand und gab den Weg auf eine lange, von Rosenbüschen gesäumte Auffahrt frei. Wir fuhren zwischen zwei identischen Torhäusern hindurch, beide mit schmalen, mehrfach unterteilten Fenstern. Mit ihren von Efeu bewachsenen Fassaden und den Kugeln auf den Dachspitzen wirkten sie wie eine Filmkulisse. Träumerisch und verschlafen.

»Ein bisschen wie im Märchen«, stellte ich fest und Yorick lachte.

»Na, dann warte mal ab, bis du das Herrenhaus siehst.«

»Ich weiß, wie es aussieht.«

Yoricks Augen begannen zu leuchten. »Erinnerst du dich noch daran?«

Ich musste lachen. »Yorick! Als ich das letzte Mal mit meinen Eltern hier war, war ich ungefähr zwei Jahre alt. Aber Google war ausgesprochen hilfreich.«

Das Internet hatte mir bereits letzte Woche eine riesige Flut an Informationen über das Anwesen ausgespuckt. Die wichtigsten Punkte hatte ich auf die ersten Seiten des Notizbuchs geschrieben, das ich extra für meinen Aufenthalt gekauft hatte.

Erbauung 1704, während der Regierungszeit von Königin Anne, berühmte Bibliothek mit über 10.000 Büchern, einer der Landsitze der königlichen Familie, der in den letzten Jahren auch Filmstars und Prominente beherbergt hatte. Zumindest wenn man den Gerüchten glauben konnte.

Natürlich würde ich nicht dort mein Praktikum verbringen, sondern auf dem Gestüt, das innerhalb der Ländereien des Anwesens lag. Aber ich war dennoch neugierig auf Caverley Green und die angrenzende Parkanlage mit den zu Skulpturen geschnittenen Büschen, Springbrunnen und Blumenbeeten.

Yorick klopfte gegen sein Fenster. »Da ist es schon, direkt vor uns.«

Ich lehnte mich in die Mitte der Rückbank, um zwischen den Vordersitzen hindurchgucken zu können, und hielt ehrfürchtig die Luft an.

Caverley Hall thronte auf einem Hügel und war alles andere als das, was ich unter einem gewöhnlichen Herrenhaus verstand. Es war noch viel größer als auf den Fotos, ein langes Gebäude mit zwei rechteckigen Türmen, einer auf jeder Seite. In der Mitte führte eine Treppe zum Eingangsportal, einem halbrunden Vorbau mit einer Reiterstatue auf dem Dach. Daneben entdeckte ich zwei weitere, silbern glänzende Pferdeskulpturen im gestreckten Galopp. Die hohen, feingliedrig unterteilten Bogenfenster unterstrichen den Charme des alten Gebäudes. Alles wirkte wahrhaftig so, als hätte jemand die Zeit um dreihundert Jahre zurückgedreht. Jedenfalls, wenn man davon absah, dass ich in einem hochmodernen SUV reiste und nicht in einer von vier Schimmeln gezogenen Kutsche.

»Mindestens einmal im Jahr besucht uns die Queen persönlich, um die Fortschritte ihrer Lieblingspferde zu beurteilen«, sagte Yorick. »Sie hat großen Pferdeverstand. Du hast sie allerdings gerade verpasst.«

Das störte mich nicht wirklich. Yorick hatte erzählt, dass das ganze Gelände unter massiver Bewachung stand, wenn ein Mitglied der Königsfamilie anwesend war. Und auf Ponyferien mit Maschinengewehren konnte ich verzichten.

»Kann man das Herrenhaus eigentlich besichtigen?« Auch wenn mich die Königsfamilie nicht interessierte, die Bibliothek und der Garten hatten bestimmt ihren Reiz.

»Nein, gerade nicht. Nur von Oktober bis März.« Diesmal war es Edward, der antwortete. Er lenkte den SUV vorbei an einem Wasserbecken, aus dem eine mannshohe Fontäne spritzte, und warf mir erneut einen Blick durch den Rückspiegel zu. Es erschien mir immer noch wie ein schlechter Scherz, dass ich ausgerechnet ihm hier begegnete. Obwohl er ja am Abend der Party selbst erzählt hatte, dass er Yorick kannte. Vermutlich waren sie sogar zusammen dort gewesen.

Du bist echt ein Glückskind, Greta.

»Der Park ist hinter dem Gebäude«, erklärte Edward ungefragt. »Aber Bedienstete haben dort keinen Zutritt. Außer beim jährlichen Sommerfest, da feiert das ganze Gestüt auf Caverley Hall.«

Ich unterdrückte ein Schnauben. Bedienstete? Der redete, als wären wir hier bei Downton Abbey! Wobei er dann eindeutig die Rolle des intriganten Kammerdieners bekäme.

Yorick deutete aus dem Fenster. »Schau, dahinten siehst du schon das Trainingszentrum für die Pferde.«

Ich blickte nach draußen. Durch den Regenschleier erkannte ich, dass die Straße direkt auf drei längliche Gebäude zuführte, die rechtwinklig zueinanderstanden. Das größte von ihnen sah aus wie ein Wohngebäude, mit heller, efeubewachsener Fassade und beidseitiger Eingangstreppe. Die Fenster waren symmetrisch übereinander angeordnet und zwischen den roten Dachziegeln entdeckte ich drei winzige Gauben. Die beiden anderen Bauten mussten Stallungen sein. Auf den Rückseiten gab es, abgetrennt durch Zäune, mehrere Sandausläufe, auf denen vereinzelt Pferde standen. So wie es aussah, konnten sie jederzeit frei entscheiden, ob sie sich drinnen oder draußen aufhalten wollten. Zwischen den Gebäuden war eine kreisrunde Grünfläche angelegt worden. Weiter hinten sah ich eine große Halle, ein rundes Gebäude, zwei Sandplätze und weitläufige Wiesen, auf denen mehrere Baumstämme lagen.

»Das ist ja riesig. Gehört das alles zum Gestüt?«

Yorick lachte. »Das ist nur das Trainingszentrum. Das Gestüt selbst liegt etwa zehn Minuten entfernt, zwischen Caverley und Suttington. Im Training sind hier oben immer nur etwa zwanzig Pferde, die ausgebildet werden oder zum Verkauf stehen. Das gesamte Gestüt mit seinen Herden ist viel größer. Aktuell haben wir fast hundertfünfzig Pferde.«

So viele? Ich spürte, wie mein Unterkiefer heruntersackte, und schloss rasch den Mund. Ich wusste zwar, dass die königliche Familie als pferdeverrückt galt, aber über die Details des Gestüts hatte ich mir nie Gedanken gemacht. Jordan hatte mir erzählt, dass ich mit meinen Eltern und ihm hier gewesen war, kurz bevor wir nach Paris gezogen waren. Ich war in London geboren, aber meine ersten richtigen Erinnerungen stammten aus Stockholm. Das war der Ort, an dem ich die längste Zeit meiner Kindheit verbracht hatte. Ganze vier Jahre.

»Na, hat es dir die Sprache verschlagen?«, erklang Edwards spöttische Stimme von vorn.

Hättest du wohl gerne.

»Das sind ziemlich lange Wege, wenn man irgendwohin möchte«, sagte ich, wie um ihm zu beweisen, dass er unrecht hatte. »Lauft ihr das alles zu Fuß?«

Yorick warf einen Seitenblick auf Edward und grinste. »Die meisten hier bevorzugen Fahrräder. Außer Randy. Der fährt seinen Golfcart.«

»Dann ist er wohl ziemlich wichtig.«

Yorick lachte. »Ab und zu sogar lebenswichtig. Randolph Grandell ist unser Tierarzt.«

Edward lenkte den Wagen an der Grünfläche vorbei und parkte vor dem Wohnhaus. Ich öffnete die Tür, stieg aus und sah mich um. Es hatte aufgehört zu regnen und die vereinzelten Sonnenstrahlen, die es schafften, durch die Wolkendecke zu brechen, spiegelten sich in den zahlreichen Pfützen. Zwei junge Männer in Regenmänteln schoben Schubkarren in Richtung der Sandplätze. Sie lachten so laut, dass es über das ganze Gelände schallte. Ihre Stimmen vermischten sich mit dem Geräusch von Pferdehufen und ich drehte mich im Kreis, um zu sehen, woher es kam.

Ein Mädchen mit schwarzen, kinnlangen Haaren und Poloshirt führte ein stämmiges hellbraunes Pferd aus dem Stall und band es an einem Haken in der Wand an. Als sie uns entdeckte, hob sie die Hand und winkte. Yorick grüßte ebenfalls.

»Hi, Joan. Das ist Greta, unsere neue Sommerpraktikantin«, stellte er mich kurz vor. »Und das hier ist Joan, von der ich dir vorhin erzählt habe. Ihr werdet euch bestimmt mögen.« Er wandte sich an das Mädchen »Wie läuft es mit Chipperfield?«

»Super. Gestern hatte er Pause und heute geht’s in den Aquatrainer.« Sie streichelte dem Pferd liebevoll über den Hals. »Wart ab, bis du Goldseeker siehst. Er ist heute Morgen seine ersten Zweierwechsel gesprungen.«

»Scheint ja ganz so, als möchte da jemand Angestellte des Monats werden.« Yorick lachte und reckte den ausgestreckten Daumen in die Höhe. »Dein Foto kommt ganz vorne auf meinen Schreibtisch. Versprochen.« Er öffnete den Kofferraum, holte mein Gepäck heraus und sah mich an. »Ist wirklich ein lustiger Haufen hier.« Mit einem breiten Wikingerlächeln hielt er mir meinen Rucksack entgegen und ich hängte ihn mir über die Schultern.

»Ich zeige dir jetzt erst mal dein Zimmer. Du hast dein eigenes Reich in dem Gebäude dort drüben, über der Sattelkammer.« Er zeigte auf einen rot geklinkerten Anbau neben einem der Stallgebäude. »Pack erst einmal in Ruhe aus, dann können wir eine Tour über das Gelände machen.«

»Den Teil mit dem Zimmer übernehme ich.« Edward griff nach meinem Koffer, bevor ich es tun konnte. »Ich wollte eh noch mal nach Tira sehen. Liegt also auf dem Weg.«

Yorick warf ihm einen prüfenden Blick zu. Doch schließlich lächelte er. »Danke, Edward. Das ist wirklich nett von dir. Greta, wenn du ausgepackt hast, kannst du zu mir rüber ins Haus kommen. Dann zeige ich dir alles. Einverstanden?«

Allein mit Mister Arrogant? Nein, ich war ganz und gar nicht einverstanden! Doch Yorick hatte sich bereits abgewandt und ging zu Joan. Ich sah zu Edward, glitt mit den Augen von seinen schwarzen Stiefeln über die zerrissene Jeans bis zu seinen Lippen. Er lächelte selbstbewusst.

»Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich für meinen Teil kann es kaum erwarten, mit dir alleine zu sein … Grecylia. Wir haben einiges zu besprechen.«

Kaum waren wir in den Vorraum des Anbaus getreten, in dem es intensiv nach Leder und Pferd roch, versperrte Edward mir den Weg mit seinem Körper. Ich zuckte zusammen, als er die flache Hand blitzschnell neben mir an die Wand legte.

»So, Klartext, Rotschopf. Warum bist du hier?« Edwards Stimme klang ruhig und beherrscht und trotzdem glaubte ich, eine leise Drohung darin zu hören. Ich wollte zurückweichen, doch Edward griff nach meinem Arm. »Vergiss es, du wirst nicht abhauen. Ich will ein paar Antworten von dir.«

Seine eisigen Augen musterten mich gnadenlos und ich hatte das Gefühl, dass alleine seine Anwesenheit die Temperatur im Raum um einige Grad sinken ließ.

Glückwunsch, Greta, dachte ich. Du hast es geschafft, Jack Frost zu verärgern. Wieso musste ich mich nur andauernd mit irgendwelchen gefährlichen Typen anlegen?

Ich fluchte innerlich. Was hatte ich erwartet? Dass er mich freudig begrüßte, nachdem ich ihn bei den Securitys zurückgelassen hatte? Selbst wenn er zu den VIP-Gästen gehörte, konnte ich mir vorstellen, dass ihn die Szene mit mir erst einmal in Erklärungsnot gebracht hatte.

»Du hast irgendetwas angestellt, richtig?«, mutmaßte er. »Deswegen dein komischer Auftritt in London – und jetzt die zwei Monate hier draußen. Hast du versucht, dich umzubringen? Essstörungen? … Nein, so siehst du nicht aus. Stress mit Freunden?« Ich wollte mich aus seinem Griff lösen, doch Edward hielt mich fest. »Aha, also Letzteres. Der Klassiker.«

Jetzt reichte es!

»Du kennst mich doch gar nicht!«, rief ich. »Ich bin nur hier, weil meine Eltern mit Yorick befreundet sind. Er ist der Patenonkel von meinem Bruder und …«

»Das weiß ich doch alles längst«, unterbrach Edward mich. »Aber du hast mich vor dem Hotel ziemlich schlecht dastehen lassen. Wenn ich mich recht erinnere, hast du mir den Laufpass gegeben und mich als Fremdgeher beschimpft.« Er verzog das Gesicht, lächelte aber gleich darauf wieder provokant. »Ich finde, ich habe eine Erklärung verdient. Also, Grecylia, was hast du gemacht, dass Mummy und Daddy dich den Sommer am Arsch der Welt verbringen lassen?«

»Vielleicht wollte ich ja hierher«, entgegnete ich patzig, doch Edward schüttelte den Kopf und brachte mich zum Schweigen.

»Glaube ich kaum. Scharf auf Pferde bist du jedenfalls nicht.« Er ließ seine Augen abschätzig an mir herabwandern.

Ich reckte das Kinn hoch. »Woher willst du das bitte schön wissen?«

»Wenn du schon häufiger mit Pferden zu tun gehabt hättest, würdest du wohl kaum in dem Teil hier auflaufen.«

Er zeigte auf meinen rot karierten Rock und das schwarze Top, das ich unter einer Lederjacke trug.

Ich schnaubte. »Was ich anhabe, kann dir doch total egal sein! Und ja, ich habe keine Ahnung von Pferden. Na und?«

»Wusste ich es doch.« Edward verschränkte die Arme vor der Brust. »Du brichst nachts ins Hotel ein, um deinen Bruder zu finden, und ein paar Wochen später tauchst du hier auf. Die ganze Sache stinkt gewaltig. Also sag mir endlich, was los ist!«

»Vergiss es!«

Edward atmete hörbar aus und wieder ein. Er trat noch einen Schritt näher an mich heran, so nah, dass ich seine Atemzüge an meinem Gesicht spürte. »Hör zu, du magst vielleicht Yorick auf deiner Seite haben. Offenbar ist er der Meinung, dir einen besseren Start zu ermöglichen, wenn niemand hier die Wahrheit über dich kennt.« Er zuckte mit den Schultern und senkte seinen Kopf so weit zu mir herab, dass seine Lippen beinahe mein Ohr berührten. »Aber ich werde sie herausfinden. Verlass dich darauf.«

Mit den Armen auf die Fensterbank gestützt, beobachtete ich, wie Edward im Innenhof auf und ab marschierte und in sein Handy schimpfte. Alle Reiter machten einen Bogen um ihn und ein Pferd war sogar schon mit hocherhobenem Schweif herumgetänzelt.

Es war noch keine halbe Stunde her, dass er wortlos meinen Koffer in das Zimmer über der Sattelkammer getragen hatte und verschwunden war.

Nachdem die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, hatte ich den Koffer geöffnet, jedoch noch nichts ausgepackt und lediglich den nassen Rock gegen eine Jeans und das schwarze Top gegen ein gestreiftes Shirt getauscht.

Das merkwürdige Gespräch mit Edward beschäftigte mich immer noch. Verlass dich drauf! Bei dem Gedanken an seine Worte knirschte ich mit den Zähnen. Ich war hier, damit ich den Sommer weit weg von London verbrachte. Und noch weiter weg von Ethan. Doch wie es aussah, schien ich Typen wie ihn – und Probleme, die mit solchen Typen einhergingen – in jedem noch so abgelegenen Winkel des Landes anzuziehen.

Wieder dachte ich an Livys Brief, den ich sicher in Jordans Wohnung verstaut hatte. Ich hatte ihre Zeilen noch ganz genau im Kopf.

Ich habe gesagt, dass ich alleine gefahren bin, und dich und Ethan nicht erwähnt. Dad hat mir geglaubt. Er will die Sache geheim halten.

Ihre Worte fühlten sich an wie ein bitterer Geschmack auf der Zunge.

Bitte, Greta, lass uns darüber reden. Ich hätte dir glauben sollen und es tut mir leid.

Zu spät. Sie hatte sich entscheiden.

Die Übelkeit in mir wuchs an und ich löste mich ruckartig von dem Fenster, als könnte ich die Erinnerungen so zum Abreißen bringen.

Livy und Ethan waren Hunderte Kilometer von mir entfernt. Sie konnten mir egal sein. Ich atmete tief durch und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen, um mich abzulenken.

Das Zimmer war ziemlich cool. Ich hatte gedacht, dass ich bei Yorick im Wohnhaus untergebracht werden würde, aber das hier war besser – ein eigenes kleines Reich. Den Raum erreichte man vom Vorraum der Sattelkammer über eine kleine Wendeltreppe. Er lag direkt unter dem Dach, mit einem dreieckigen Fenster zur Seite und einer Gaube zum Hof. Neben einem großen Bett mit geblümten Decken und Kissen fanden auch noch ein Schreibtisch und ein schmales graues Sofa Platz. Das angrenzende Bad war winzig, reichte aber völlig aus. Lediglich einen Fernseher gab es nicht. Stattdessen bemerkte ich ein schmales Bücherregal. Auf einen der Buchrücken hatte jemand ein neongrünes Post-it geklebt.

Eine kleine Auswahl meiner Lieblingsbücher. Bediene dich gerne! Yorick.

Ich lächelte. Wahrscheinlich hatte Jordan ihm verraten, wie gerne ich las, besonders in letzter Zeit, wenn ich abends nicht einschlafen konnte. Und Jordans Patenonkel schien es wirklich wichtig zu sein, dass ich mich wohlfühlte. Er hatte sogar auf den Nachtschrank eine Vase mit Blumen gestellt und auf der Fensterbank des verglasten Giebels fand ich kleine silberne Pferdeskulpturen und Kerzen.

Obwohl ich nicht wollte, zog es mich wieder zur Gaube. Ich warf einen Blick nach draußen, doch Edward war nicht mehr zu sehen.

Gut so. Umso seltener ich ihm begegnete, desto besser.

Ich löste den Verschluss und schob den unteren Teil des Fensters ein Stück weit nach oben.

»Yorick mag ihrer Familie ja einen Gefallen tun wollen, aber ich nicht!«

Vor Schreck hätte ich den Rahmen beinahe fallen lassen. Edwards Stimme war so deutlich, dass er direkt unter meinem Fenster an der Hauswand stehen musste.

»Warum zur Hölle will mir keiner etwas über sie sagen?«

Sie? Augenblicklich hielt ich die Luft an und wagte nicht mehr, mich zu bewegen.

»Ja, ich weiß, dass Mum und Dad Bescheid wissen. Das ist mir egal. Hat überhaupt mal jemand ihren Hintergrund gecheckt? Ich hab die Kleine erlebt. Sie ist clever. Und ich denke, sie könnte Ärger machen.« Stille. Dann hörte ich Edward laut ausatmen. »Sie ist ein Risiko, wenn ich es doch sage.«

Er sprach über mich, so viel war klar. Aber ein Risiko? Was glaubte er, warum ich hier war? Um das goldene Besteck Ihrer Majestät zu klauen?

»Nein, es ist nicht geplant, dass er herkommt. Ihr wolltet doch, dass er den Sommer in Schottland verbringt … Wie, dann ist doch alles gut? Spinnst du, Alice? Rein gar nichts ist gut! … Wenn irgendetwas auffliegt, mache ich dich persönlich dafür verantwortlich!«

Die Stimme wurde leiser und kurz darauf sah ich Edward zu den gegenüberliegenden Stallungen gehen. Sofort trat ich einige Schritte zurück und beobachtete, wie er das Gespräch beendete und in dem Gebäude verschwand. Keine Minute später kam er mit einem Mountainbike wieder heraus und verließ den Hof auf der Straße, die zu den Torhäusern führte. Ich atmete auf.

Was war das denn bitte gewesen? Risiko? Hatte er sie noch alle? Und wer um alles in der Welt war diese Alice?

Ich zog mein Handy heraus und tat das einzig Vernünftige: den Typen googeln. Doch auch zehn Surfminuten später war ich so schlau wie vorher. Edward de Lacy entpuppte sich als Geist. Er tauchte weder bei Facebook noch bei Instagram auf.

Komisch. Der Typ musste doch irgendeine digitale Spur hinterlassen haben. Schließlich machte das heute doch jeder, oder etwa nicht? Seufzend tippte ich stattdessen Edward und Caverley Green ein und wechselte zur Bildersuche, um ihn schneller erkennen zu können. Und dann entdeckte ich ihn tatsächlich. Das Bild war offensichtlich auf einem Reitturnier aufgenommen worden, im Hintergrund standen Hindernisse. Es zeigte eine deutlich jüngere Version Edwards, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt. Neben ihm stand ein Junge in seinem Alter, genauso blond wie er, ähnliche Gesichtszüge. Der andere trug blütenweiße Reithosen und ein affiges Halstuch. Trotz des kindlichen Gesichts erkannte ich ihn sofort. Das war niemand anders als Prinz Tristan.

Ich las die Bildunterschrift. ETON-BUDDYS UNTER SICH. PRINZ TRISTAN UND SEIN BESTER FREUND AUF DEM JÄHRLICHEN WINDSOR-TURNIER.

Mir entfuhr ein Stöhnen. Jetzt wurde mir einiges klar.

Die dichten Wolkenberge hatten sich verzogen und im Licht der Nachmittagssonne glitzerten die letzten Pfützen auf dem Hof wie verstreute Diamanten. Der Hof war menschenleer, lediglich aus den halb geöffneten Fenstern des Haupthauses drangen Stimmen. Ich war immer noch dabei, die neusten Informationen über Edward zu verdauen. Ich hatte es mit dem besten Freund von Prinz Tristan, Enkel der Queen, zu tun. Noch dazu Eton-Schüler! Kein Wunder, dass der sich so benahm, als würde alles um uns herum ihm gehören. Ferienjob! Von wegen!

Noch einmal holte ich mein Handy hervor und rief die Bildersuche auf, als ich eine Stimme hörte.

»Sag bloß, das Teil hat dir noch keiner weggenommen?«

Erschrocken zuckte ich zusammen und sah mich um. Keine zwei Meter von mir entfernt stand der Inbegriff eines Bodybuilders. Enges schwarzes Shirt über tätowierten Muskelbergen, schwarz getönte Sonnenbrille, ordentlich gestylter Vollbart. Der Typ mochte etwa so alt sein wie mein Bruder, vielleicht Anfang, höchstens Mitte zwanzig. Trotz seiner frisierten Haare sah er aus, als ob er locker bei einer dieser TV-Sendungen teilnehmen konnte, in denen Leute in der Wildnis ausgesetzt wurden und ohne Proviant die nächste Stadt erreichen mussten. Typen wie dieser konnten auch einen Grizzly bezwingen. Mit bloßen Fäusten. Es fehlte nur noch der grüne Farbton, dann sähe er exakt aus wie …

»Hulk.«

»Ich bevorzuge Sixton.«

Der Typ grinste und hielt mir die Hand entgegen. »Oder Six, ganz wie du willst.«

»Greta.« Verunsichert reichte ich ihm die Hand und spürte, wie sich mein Gesicht rot färbte.

»Edward hat gesagt, ich soll mal checken, ob du okay bist.« Sixton musterte mich von Kopf bis Fuß und lachte dann. »Nun, nach seinen ganzen Ausführungen hatte ich etwas … nun ja … weniger Niedliches erwartet.«

Wie bitte? Edward, Mister Ich-bin-wichtig-weil-miteinem-Thronfolger-befreundet hatte den Hipsterbart geschickt, um mich auszufragen? Netter Versuch!

»Da ich mein Urteil zu dir noch nicht gefällt habe, solltest du dich mit mir gut stellen«, fuhr Sixton fort und hielt mir die offene Handfläche entgegen. Ich sah ihn irritiert an.

»Dein Handy«, sagte er ruhig. »Her damit.«

Ähm, nein? Das würde ich ihm ganz bestimmt nicht geben. »Warum?«

»Sicherheitsmaßnahme. Wir müssen verhindern, dass Informationen über die Anlage oder die Mitarbeiter in falsche Hände geraten. Du weißt schon, dass das hier eine Securityzone ist, oder?«

Ja natürlich, das hatte Yorick mir erzählt. Und von Jordan wusste ich, dass mit Yoricks Arbeit für die königliche Familie allerlei Einschränkungen einhergingen. Aber er hatte definitiv nichts davon gesagt, dass einem hier Handys abgenommen wurden.

»Und was ist, wenn ich meinen Bruder anrufen will?«

»Dann kannst du mein Telefon im Büro benutzen. Oder mein Handy«, erklang eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah, wie Yorick die Haustür zuzog und die Treppenstufen heruntersprang. »Entschuldige, Greta, das hatte ich total vergessen. Aber Six hat recht. Das Handy musst du leider abgeben. Die Regel gilt für alle, die noch nicht lange im Team sind. Auch für die Auszubildenden im ersten Jahr und die Praktikanten des Gestüts.«

Er stellte sich zu uns und ich zögerte, ehe ich das Handy erneut aus meiner Tasche zog.

Ohne Handy zu sein, war für mich unvorstellbar. Ethan war schließlich unberechenbar – und er konnte jederzeit das Video gegen mich ausspielen. Zwar hatte er versprochen, es nicht online zu stellen, aber was, wenn er es sich anders überlegte? Wenn er versuchte, mich zu erreichen, oder irgendwelche Fristen setzte?

»Und wenn ich mal ins Internet muss?«, versuchte ich es weiter.

Yorick legte mir die Hand auf die Schulter. »Wenn du Fragen zu den Pferden oder dem Anwesen hast, kann die jeder hier beantworten. Das ist auch viel kommunikativer als Wikipedia.«

»Was ist, wenn ich mich verlaufe und den Ortungsdienst brauche?«

Sixton zeigte einer Reihe weißer Zähne. »Dann hast du in diesem Loch hier eh keinen Empfang.«

»Und was, wenn …«

»Tipp noch schnell ein paar letzte Nachrichten und gib mir dann einfach dein Handy. Deine Eltern wissen Bescheid.« Auch wenn Yoricks Stimme immer noch vollkommen ruhig war, hörte ich, dass er kein Nein akzeptieren würde. »Und egal was du für Sorgen hast, werden wir eine Lösung dafür finden. Versprochen.«

Wütend tippte ich eine kurze Nachricht an Jordan, hielt Yorick das Handy entgegen und ignorierte Sixtons ausgestreckte Hand.

»Danke, Greta.« Er lächelte mir zu, aber ich schaffte nicht, es zu erwidern. Jetzt fühlte es sich endgültig nicht mehr nach einer normalen Auszeit an.

»Wir müssen unseren Rundgang auf später verschieben«, sagte Yorick entschuldigend. »Unser Tierarzt hat gerade vom Gestüt aus angerufen. Eine unserer wertvollsten Stuten lahmt.«

»Kein Stress, ich kann Greta den Laden zeigen.« Sixton grinste. »Bis auf die Pferde. Den gefährlichen Biestern vertraue ich einfach nicht.«

Yorick klopfte ihm auf den Rücken. »Wir kriegen dich schon noch aufs Pferd, mein Junge.«

»Ne, ne, lass mal! Ich mag PS nur unter der Motorhaube. Apropos …« Seine Miene verdunkelte sich. »Hab das von Mags gehört. Tut mir echt leid, Mann. Sie war gerade wieder in Schuss.«

Yorick seufzte und ließ die Schultern hängen. »Ich habe echt Angst, dass sie dieses Mal nicht mehr auf die Beine kommt. Meine kleine Prinzessin.«

»Quatsch, du hast die alte Lady schon so häufig wiederbelebt. Du wirst es auch dieses Mal schaffen.«

»Ich hoffe es.« Er lächelte schwach und wandte sich zu mir. »So, ich sollte mich beeilen. Randy lässt man besser nicht warten. Und jetzt, wo ich Fahrrad fahren muss …« Er seufzte abermals. »Wir sehen uns aber spätestens zum Abendessen bei mir im Haus.«

Ich nickte und Yorick lief mit schnellen Schritten zu einem rosafarbenen Damenfahrrad, das gegen die Hauswand gelehnt war. Einen Moment später war er verschwunden.

Ich sah Sixton an. »Wollen wir los? Ich kann es kaum erwarten, all die gefährlichen Biester zu sehen.«

»Tja, noch hältst du dich vielleicht für tough.« Sixton setzte sich in Bewegung und ich folgte ihm. »Aber warte ab, bist du sie kennenlernst. Nightingale, Loxley, Pavarotti … Alle durchgeknallt! Und Tira erst. Sie frisst dich mit Haut und Haaren.«

Auf dem Boden lag kein einziger Strohhalm. Nirgendwo. Das war das Erste, was mir auffiel, als Sixton mich erst zu der Reithalle mit dem beeindruckenden Glasdach führte und mir dann das runde Gebäude zeigte, das er Longierhalle nannte.

Dahinter erstreckten sich große Weiden, auf denen vereinzelt Pferde grasten. Im Licht der späten Nachmittagssonne gaben sie ein friedliches Bild ab. Es war still um uns herum. Nur ein auffallend hübsches blondes Mädchen mit pastellgelber Bluse ritt auf einem der Sandplätze ein schwarzes Pferd. Sie sah hoch konzentriert aus und nickte nur kurz, als Sixton ihr zuwinkte.

»Hier liegt wirklich kein Staubkorn herum.« Ich sah ihn an. »Wer hält das alles so sauber?«

Er klopfte mir auf die Schulter. »Na, du ab morgen.«

»Alleine?«

Sixtons Grinsen wurde noch breiter.

»Yep, nur du und der Besen. Und solltest du zu viele Widerworte haben, werde ich, noch bevor du fertig bist, alles wieder verwüsten. Dann musst du von vorne anfangen, Aschenputtel.«

Ich schnaubte und stemmte die Hände in die Hüften. »Träum weiter!«

Sixton lachte. »Ich mache nur Spaß. Um Stall und Hof kümmern sich hauptsächlich Jeff und Leo, die unserem Stallmeister Quinn zuarbeiten. Und wir haben eine Kehrmaschine. Aber die Vorstellung, dass du ganz alleine alles sauber halten musst, hätte auch was. Ich werde das mal im Hinterkopf behalten, falls du dich nicht benimmst.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Royal Horses (1). Kronenherz" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen