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Rückkehr ins Land der Liebe

1. KAPITEL

So fühlt es sich also an, ausgegrenzt zu werden.

Anna Wilder hob ein wenig das Kinn, umfasste den Griff des Aktenkoffers fester und marschierte geradewegs durch die Lobby des WRG, des Walnut River General Hospital, vorbei an den beiden grauhaarigen alten Ladies am Informationsschalter.

Ohne hinzusehen, spürte sie die abschätzigen Blicke, die ihr zu den Fahrstühlen folgten. Sie brauchte auch nicht jedes der gehässigen Worte zu verstehen, die hinter ihrem Rücken getuschelt wurden, damit sich ihr angegriffener Magen meldete. Sie wusste auch so, was geredet wurde.

Das ist sie. Anna Wilder, die Verräterin. James und Alice müssen sich im Grabe umdrehen.

Sie bemühte sich, die Frauen ebenso zu ignorieren wie das Sodbrennen. Dennoch zitterte ihre Hand, als sie den Rufknopf drückte.

Einer der beiden Aufzüge steckte im zweiten Stock fest, der andere kam wie in Zeitlupe nach unten gekrochen.

Voller Ungeduld wartete Anna, damit sie sich den bösen Blicken und dem Gerede entziehen konnte, aber vor allem, weil sie schon spät dran war.

Vielleicht sollte ich lieber die Treppe nehmen, dachte sie. Noch schlimmer, als zu spät beim Meeting zu erscheinen, war nämlich die Vorstellung, im Fahrstuhl einem ihrer Geschwister zu begegnen.

Sie fragte sich, wem sie am allerwenigsten unter die Augen treten wollte. Ella? Peter? David? Wahrscheinlich war es ganz egal. Alle waren wütend auf sie.

„Sie mag ja Wilder heißen“, sagte eine der Empfangsdamen übertrieben laut und deutlich, damit Anna es bloß nicht überhörte, „aber sie ist keine richtige Wilder. Sonst wäre sie ja wohl nicht so dick befreundet mit den Leuten, die dieses Krankenhaus und die ganze Stadt verraten wollen.“

Anna rang nach Atem. Heiße Tränen brannten in ihren Augen. Eigentlich sollte es sie nicht kümmern, was zwei alte Weiber über sie dachten, die nichts anderes zu tun hatten als den lieben langen Tag zu tratschen.

Sie war felsenfest davon überzeugt, dass sie das Richtige, das Beste für Walnut River und seine Einwohner tat. Sie musste nur noch alle anderen in der Kleinstadt davon überzeugen.

Gerade wollte sie sich der Treppe zuwenden, da kam endlich der Fahrstuhl. Zum Glück war er leer.

Sobald sie eingestiegen war und sich die Türen schlossen, lehnte sie sich matt an die Wand und schluckte eine Tablette gegen Magensäure.

Sie wollte nicht in Walnut River sein, nicht in diesem Krankenhaus, das ihre Familie gegründet hatte, nicht in diesem Lift. Da half es auch nicht, dass sie mit negativen Reaktionen gerechnet hatte. Dass die Fusion, die sie vorantreiben sollte, bei der Belegschaft des WRG keineswegs populär war, wusste sie durch die Recherchen ihrer Firma und die Opposition ihrer Familie. Keiner ihrer Angehörigen machte ein Geheimnis aus seinem Missfallen.

Konzentrier dich auf den Auftrag, sagte sie sich entschieden. Wichtig war nur, die Sache zügig unter Dach und Fach zu bringen und schnell wieder nach New York zurückzukehren.

Ihr blieb keine andere Wahl, wenn sie ihren Job behalten wollte, an dem sie sehr hing.

Sie liebte die Arbeit für Northeastern Health Care, kurz NHC genannt, einem riesigen Konzern mit der höchsten Zuwachsrate auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung. Sie war dort auf der Überholspur und hegte berechtigte Hoffnungen, es innerhalb der nächsten fünf Jahre zur Direktorin zu bringen. Wenn es ihr gelang, diesen Auftrag mit Erfolg abzuschließen, rückte ihr Ziel beträchtlich näher.

Im zweiten Stock hielt der Fahrstuhl an. Zwei Krankenschwestern stiegen ein. Zum Glück kannten sie Anna nicht und lächelten sogar freundlich zur Begrüßung.

Anscheinend ist David noch nicht dazu gekommen, im ganzen Krankenhaus Steckbriefe aufzuhängen, die mich verteufeln.

Ihrem zweitältesten Bruder traute Anna so ziemlich alles zu. Auch er war kürzlich nach Walnut River zurückgekehrt, aber im Gegensatz zu ihr mit offenen Armen empfangen worden. Der verlorene Sohn, der eine lukrative Karriere als begnadeter plastischer Chirurg der Stars und Sternchen in Los Angeles aufgegeben hatte, um sein brillantes Können den einfachen Patienten in seiner Heimatstadt zu widmen.

Im vierten Stock stiegen alle Insassen aus. Verwirrt blieb Anna stehen und versuchte, sich zu orientieren. Denn dieser Trakt des Krankenhauses war in den letzten Jahren von Grund auf renoviert worden.

Sie erinnerte altmodische Flure mit Wandpaneelen in Holzoptik und dunklem Teppichboden. Nun war das Ambiente zeitgemäß, wirkte hell und luftig durch neue große Fenster und frische Farben.

„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“, bot eine der Schwestern an.

„Ja, danke. Ich suche den Verwalter.“

„Da entlang. Es ist die dritte Tür rechts.“

„Vielen Dank.“ Anna folgte den Anweisungen, klopfte an die angegebene Tür und betrat das Büro.

Die Vorzimmerdame hieß Tina Tremaine, wie ein Schild an ihrer Bluse enthüllte, und sie begrüßte ihre Besucherin mit offener Miene und einem warmen Lächeln.

„Hallo, ich bin Anna Wilder.“

Sobald der Name fiel, schwand das Lächeln, wie wenn ein eisiger Wind durch den Raum wehte.

„Ich habe um drei Uhr einen Termin mit dem Verwalter und unseren Anwälten.“

„Bedaure, Mrs. Wilder. Phil Crandall, unser Anwalt, ist noch nicht da. Aber Mr. Sumner und Ihr Anwalt erwarten Sie im Sitzungszimmer. Die linke Tür, bitte“, erklärte Tina Tremaine durchaus in höflichem Ton, aber mit unverhohlener Abneigung im Blick.

Impulsiv suchte Anna nach einer Rechtfertigung gegen die Geringschätzung ihrer Person. Dann überlegte sie es sich anders. In letzter Zeit arbeitete sie daran, mit lebenslangen Gewohnheiten zu brechen und ihren Hunger nach Anerkennung abzulegen. War es wirklich wichtig, was diese Empfangsdame von ihr dachte? Es änderte gewiss nichts an der Mission.

„Danke.“ Lächelnd, mit erhobenem Kopf und in der Hoffnung, Zuversicht und Kompetenz auszustrahlen, betrat sie den Sitzungsraum.

Denk positiv, ermahnte sie sich und malte sich aus, wie sie ihren Chefs den unterzeichneten Vertrag vorlegte – ihrem direkten Vorgesetzten Wallace Jeffers, dem Direktor der Abteilung Fusion und Akquise, sowie dem Konzernleiter Alfred Daly, der sie persönlich mit diesem Auftrag betraut hatte.

An diese berauschende Vorstellung klammerte sie sich, als sie den beiden Männern gegenübertrat, die über ausgebreiteten Papieren am Konferenztisch saßen. Sie kannte beide und erklärte lächelnd: „Tut mir leid, dass ich euch warten ließ. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass rund um das Krankenhaus so viel gebaut wird.“

J.D. Sumner, der Verwalter, nickte. „Walnut River wächst gewaltig.“

„Ein Faktor mehr, der dieses Krankenhaus interessant für NHC macht, wie du weißt.“

Er war als Angestellter von NHC nach Walnut River gekommen und Annas Schwester verfallen – im wahrsten Sinne des Wortes. Bei einem bösen Sturz auf den Stufen des Krankenhauses war er Ella, ihres Zeichens Unfallchirurgin, direkt vor die Füße gefallen und von ihr behandelt worden. Zwischen ihnen musste es auf Anhieb gefunkt haben, denn ihretwegen hatte er seine vielversprechende Karriere bei NHC aufgegeben und die Leitung des WRG übernommen.

Anna begriff nicht, wie jemand wegen etwas so Vergänglichem wie der Liebe auf eine hart erarbeitete Position verzichten konnte. Andererseits beneidete sie Ella.

„Unser Anwalt ist auch im Verkehr stecken geblieben“, eröffnete J.D. „Er hat gerade angerufen und muss noch einen Parkplatz suchen, aber er sollte jeden Moment eintreffen.“

Obwohl er in höflichem Ton sprach, hörte sie eine gewisse Zurückhaltung in seiner Stimme. Als frühere Arbeitskollegen kannten sie sich nur flüchtig, aber sie waren sich stets wohlgesonnen und mit Respekt begegnet. Nun standen sie allerdings auf entgegengesetzten Seiten, was die Zukunft des Krankenhauses anging.

Er wirkte nicht so feindselig wie befürchtet, sondern nur distanziert. Das erleichterte sie. Soweit sie wusste, war er inzwischen mit ihrer Schwester verlobt. Das allein verlieh der Situation schon genug Peinlichkeit, auch ohne unverhohlene Antipathie.

„Ich gehe mir schnell einen Kaffee holen, bevor wir anfangen“, eröffnete Walter Posey, der als Anwalt von NHC eng mit ihr an diesem Projekt zusammenarbeitete. „Kann ich euch etwas mitbringen? Anna?“

„Nein, danke.“

„Sumner?“

J.D. schüttelte den Kopf und musterte Anna mit eindringlichem Blick. „Und wie geht es dir? Ich meine wirklich?“

Sie wunderte sich über die unerwartete persönliche Frage und wählte ihre Worte sorgfältig. „Ich komme zurecht. Du hast vermutlich gehört, dass ich versucht habe, mich aus dieser Sache rauszuhalten. Offensichtlich ohne Erfolg.“

Er nickte. „Das habe ich gehört. Glaubt Daly wirklich, dass durch deine Familienzugehörigkeit irgendwer glücklicher über den Übernahmeversuch ist?“

„Die Hoffnung stirbt wohl zuletzt“, murmelte sie.

Er lachte. „Offensichtlich kennt er deine störrischen Geschwister nicht.“

„Stimmt.“ Nach kurzem Zögern fragte sie: „Wie geht es Ella?“

Sein Blick verklärte sich. „Großartig. Abgesehen davon, dass sie ein bisschen überfordert ist, weil die Hochzeit schon nächsten Monat stattfindet. Ich habe ihr gesagt, dass sie jemanden für die Vorbereitungen engagieren soll, aber davon will sie nichts hören.“ Er hielt einen Moment inne. „Sie vermisst dich.“

Ich sie auch. Die Worte lagen Anna auf der Zunge, aber sie konnte J.D. nicht eingestehen, wie weh ihr die Entfremdung tat.

Bis vor einem Jahr waren sie und Ella ein Herz und eine Seele gewesen und hatten alles miteinander geteilt – Kleidung, Geheimnisse, Freunde.

Deutlich erinnerte sie sich, wie sie als Kinder im Gras gelegen und über Jungen gekichert hatten, und im Geiste hörte sie Ella wie damals erklären: „Du wirst mal meine Brautjungfer und ich deine.“

„Eine von uns wird früher heiraten. Also muss die andere eigentlich ‚Brautmatrone‘ heißen.“

Ella hatte lachend den Kopf geschüttelt. „Deine Wortschöpfungen sind einfach genial! Aber das klingt so furchtbar altmodisch! Wie nach einer grauhaarigen alten Lady. Lass uns doch beide Brautjungfern sein, auch wenn eine von uns schon verheiratet ist.“

So war es seit ewigen Zeiten geplant. Doch nun musste Anna befürchten, dass sie nicht einmal eine Einladung zur Hochzeit bekam. Insbesondere, wenn sie ihr Ziel erreichte und die Fusion erwirkte.

Karriere oder Familie.

Eine schreckliche Entscheidung.

„Du solltest mit ihr reden“, sagte J.D. sanft.

„Ich wünschte, es ginge um etwas, das durch ein kleines Gespräch zu klären wäre“, murmelte sie den Tränen nahe. „So einfach ist das nicht, fürchte ich.“

„Das weiß man nie, solange man es nicht versucht.“

Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Zum Glück öffnete gerade jemand die Bürotür. Sie rechnete mit Walter und atmete erleichtert auf. Ihre Stimmung sank jedoch abrupt, sobald sie einen ganz anderen Mann eintreten sah.

„Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe, aber der Verkehr ist höllisch.“ Er war groß und schlank. Seine Haare glänzten wie Gold im Sonnenschein. Seine Züge waren klassisch geschnitten. Lange Wimpern, markante Nase, fester Mund.

Die acht Jahre seit ihrer letzten Begegnung mit Richard Green waren ihm gut bekommen. Er war so sexy wie eh und je – die Art Mann, nach der sich jede Frau umdreht. In seiner Teenagerzeit hatte er nirgendwo hingehen können, ohne von einer Horde kichernder Mädchen verfolgt zu werden.

Nun ging dazu ein Hauch von Gefahr von ihm aus, eine athletische Stärke, die auf Anna faszinierend und verführerisch wirkte.

J.D. stand auf und reichte ihm zur Begrüßung die Hand. „Danke, dass du so kurzfristig für Phil einspringen konntest.“

„Kein Problem.“ Richard blickte J.D. über die Schulter. Seine blauen Augen, die nichts von ihrer überwältigenden Wirkung eingebüßt hatten, spiegelten Verblüffung und Fassungslosigkeit wider. „Anna!“

In einer anderen Situation hätte sie ihn umarmt und mit Küsschen begrüßt, aber er sandte unverkennbar abweisende Signale aus. Anscheinend freute ihn das Wiedersehen ganz und gar nicht.

„Ihr kennt euch offensichtlich“, bemerkte J.D.

Nur mit Mühe gelang es ihr, den Blick von Richard zu lösen. Sie fragte sich, wie sie seine maskuline Attraktivität je vergessen und ihn verlassen haben konnte.

Die Erinnerung an die Trennung machte sie total nervös. Wieso war diese Fusion nur so kompliziert? Ihre Familie wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen. Der Klinik-Verwalter wollte ihre Schwester in einem Monat heiraten, und zwischen ihr und dem Krankenhausanwalt bestand eine lange, verworrene Vorgeschichte.

Wie sollte sie in seiner Gegenwart konzentriert und geschäftstüchtig bleiben, wenn sie daran denken musste, wie seine Küsse schmeckten?

„Richard wohnt ganz in der Nähe unseres Elternhauses“, erklärte sie J.D. Zu ihrem Unmut hörte sie einen rauen Unterton in ihrer Stimme. „Wir sind zusammen zur Schule gegangen und waren … gute Freunde.“

Richard lauschte Annas Ausführungen mit einer Mischung aus Zorn und Ungläubigkeit.

Freunde? So nennt sie das also!

Es war allerdings nicht völlig gelogen. Sie waren Schulfreunde. Sie hatten viele Kurse gemeinsam besucht und zusammen mehreren Klubs und Organisationen angehört. Selbst später, während des Studiums an verschiedenen Universitäten, waren sie in Kontakt geblieben und so oft wie möglich mit gemeinsamen Freunden zusammengekommen.

Ja, wir waren wirklich einmal befreundet, räumte er im Stillen ein. Doch es steckte viel mehr dahinter. Das wusste sie verdammt gut. Oder aber es war ihr irgendwie gelungen, etwas so Bedeutungsvolles, ja sogar Weltbewegendes aus ihrem Gedächtnis zu löschen.

Was zum Teufel tut sie hier? Warum hat mich niemand vorgewarnt?

Er wusste von Peter und Ella, dass Anna für NHC, den gefürchteten Gegner, arbeitete. Doch es war ihm nicht in den Sinn gekommen, dass sie an dem Bestreben des Großkonzerns, das Walnut River General zu übernehmen, persönlich beteiligt sein könnte.

Sie hatte sich verändert. Ihr Haar, früher eine lange, wilde Mähne, war nun straff zurückgekämmt und im Nacken zusammengesteckt. Der strenge Stil ließ sie kühl und geschäftsmäßig wirken. Ihre Züge waren noch immer so hübsch, doch ihren hellblauen Augen fehlte das hoffnungsvolle, unschuldige Leuchten von früher.

Wie konnte sie seelenruhig am Verhandlungstisch sitzen und so tun, als wäre ihre Anwesenheit kein Verrat an allem, was ihre Familie für das Krankenhaus und diese Gemeinde vollbracht hatte?

Das Ausmaß seiner Verbitterung verblüffte ihn. Was machte es schon, ob es sich bei der Kontaktperson von NHC um Anna Wilder oder eine andere Drohne handelte?

So oder so änderte es nichts an den Tatsachen.

NHC war entschlossen, das Krankenhaus zu kaufen, das der Stadtrat dringend loswerden wollte. Und ein harter Kern aus Ärzten und Verwaltern wollte den Deal genauso resolut verhindern.

Richard zählte sich zu Letzteren, auch wenn er nur seinen verhinderten Partner vertrat.

Ja, ich war einmal verrückt nach ihr, aber das ist sehr, sehr lange her.

Jene jugendliche Beziehung war in keiner Weise mehr bedeutsam. Nicht wichtig genug für Anna, um in Walnut River zu bleiben, und was auch immer früher einmal zwischen ihnen bestanden haben mochte, es würde diesen Übernahmeversuch in keinster Weise beeinflussen.

„Wollen wir mit der Anhörung beginnen?“, schlug er eisig vor. Mit leichtem Unbehagen stellte er fest, dass nicht nur Anna, sondern auch J.D. über den unterkühlten Ton staunte.

Richard stand in dem Ruf eines nüchternen, besonnenen Anwalts, der niemals private Gefühle mit seinen juristischen Verantwortlichkeiten vermischte. Aber es gab wohl für alles ein erstes Mal.

Nach einem betroffenen Schweigen erwiderte Anna: „Unbedingt“, und ihre Stimme klang ebenso frostig wie seine.

2. KAPITEL

Zwei Stunden später verstand Richard sehr gut, warum man ausgerechnet Anna auf diese Übernahmeverhandlungen angesetzt hatte.

Sie war so hart und kalt wie Eis.

Obwohl Walter Posey, der Anwalt von NHC, an der gesamten Konferenz teilnahm, um die Argumente der Hospitalleitung zu widerlegen, war es Anna, die wirklich das Sagen hatte. Sie leitete die Diskussion, stellte angemessene Fragen und zerpflückte die Antworten, ohne eine Spur nachzugeben.

Nun stand sie auf und blickte siegessicher in die Runde. „Vielen Dank euch allen. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass das Krankenhaus der Verordnung des Stadtrats nachkommt und die Fakten offenlegt. Ich werde diese hilfreichen Informationen an meine Vorgesetzten übergeben, und dann sehen wir weiter.“

Richard biss die Zähne zusammen. Es behagte ihm gar nicht, dass die Krankenhausverwaltung gezwungen war, sich den Anordnungen der Regierung zu beugen.

Der Stadtrat war darauf bedacht, das kostspielige Krankenhaus, das die Steuerzahler seit Jahren ungebührlich belastete, unter allen Umständen zu verkaufen.

Der einzige Lichtblick war, dass der Gemeinderat sich bereit erklärt hatte, die Meinung der Krankenhausverwaltung einzuholen, bevor eine endgültige Entscheidung gefällt wurde.

Vielleicht entschieden sich die hohen Tiere bei NHC ja nach einem genaueren Blick auf die verworrene finanzielle und personelle Lage für den Erwerb eines anderen, weitaus lukrativeren Unternehmens.

Obwohl Richard entschlossen war, den Verkauf zu verhindern, blieb er doch skeptisch, was die Erfolgsaussichten anging. Er war ja nicht einmal der federführende Anwalt des Krankenhauses, sondern gerade einmal eine Stunde vor dem Meeting als Stellvertreter eingesetzt worden.

Er hatte sich über die Chance gefreut, die Verhandlungen zu übernehmen – nicht ahnend, dass Anna Wilder den Abschluss zuwege bringen sollte. Ihr Anblick am Konferenztisch, in einem nüchternen Schneiderkostüm, mit strengem Haarknoten und den schmerzlich vertrauten blauen Augen, änderte alles.

Mit einem Seufzen steckte er gerade Laptop und Papiere in seinen Aktenkoffer, als sie ihn wieder einmal überraschte, wie es im Verlauf der Sitzung mit deprimierender Häufigkeit geschehen war.

„Richard? Kann ich dich einen Moment sprechen?“

Er blickte zur Uhr und dachte an die äußerst wichtige Person, die auf ihn wartete. „Ich fürchte, ich habe es eilig.“

„Bitte. Es dauert nicht lange.“

Nach kurzem Zögern nickte er knapp und ignorierte die neugierigen Blicke, mit denen J.D. und Walter Posey den Raum verließen.

Sie schloss die Tür hinter den beiden Männern. Jetzt erst fiel Richard auf, dass sie ein neues Parfum benutzte. Zu Studienzeiten hatte sie einen leichten, blumigen Duft bevorzugt, der an sonnengewärmte Gärten erinnerte. Jetzt duftete sie nach einer gewagteren Variante, die aufreizender, verführerischer auf ihn wirkte.

Sie drehte sich zu ihm um, und er fühlte sich beinahe geblendet von ihrem strahlenden Lächeln. „Es ist wirklich schön, dich zu sehen. Ich habe mich so oft gefragt, wie es dir wohl gehen mag.“

Das zu glauben fiel ihm schwer. Schließlich wusste sie, wo er zu finden war. Wäre ihr Interesse nicht nur geheuchelt, hätte sie bloß eine E-Mail schicken oder zum Telefon greifen müssen. „Mir ist es gut ergangen. Ich war beschäftigt.“ Fast hätte er hinzugefügt: Zu beschäftigt, um der einzigen Frau nachzutrauern, die mich je abgewiesen hat.

„Angeblich hast du geheiratet“, sagte sie nach einem Moment. „Hast du Kinder? Ich habe immer gedacht, dass du einen wundervollen Vater abgeben würdest.“

„Wirklich?“

Entweder entging Anna der Sarkasmus in seiner Stimme, oder sie ignorierte ihn bewusst.

„Ja. Du bist immer großartig mit den Nachbarskindern umgegangen. Ich kann mich gut an die Baseballspiele erinnern, die du mit ihnen veranstaltet hast. Es war dir egal, wie alt oder wie geschickt sie waren. Dir war nur der Spaßfaktor für alle Beteiligten wichtig.“

Richard bemühte sich redlich, die Sanftheit in ihren Augen und die Wärme in der Stimme zu ignorieren.

Sie hatte ihm und allem, was er ihr bieten konnte, den Rücken gekehrt, ohne einen Blick zurück. Also war es sein gutes Recht, ein wenig verbittert und misstrauisch zu sein.

„Also, hast du denn nun Kinder oder nicht?“

Zu seiner Überraschung schien es sie wirklich zu interessieren. Ihm gefiel es jedoch nicht, durch ihre Fragen an alte, ausgediente Träume und Fehlschläge neueren Datums erinnert zu werden. „Eins.“

„Junge oder Mädchen?“

„Junge. Er ist gerade fünf geworden. Und wenn ich mich nicht beeile, wird er sehr ungehalten. Seine Mutter und ich sind nämlich nicht mehr zusammen. Die Ehe ist kurz nach seiner Geburt in die Brüche gegangen. Ich habe das alleinige Sorgerecht.“ Er verstand selbst nicht, warum er das alles zum Besten gab.

Betroffenheit spiegelte sich in ihrem Blick. „Oh, davon wusste ich nichts. Es tut mir sehr leid.“

„Mir tut leid, dass sie nicht an Ethans Leben teilhaben will, aber die Scheidung bedaure ich nicht. Die Heirat war einer diese Fehler, die einem sofort klar werden, sobald man sie nicht mehr verhindern kann.“

„Deswegen tut es nicht weniger weh, nehme ich an.“

„Stimmt“, murmelte Richard schroff. Er bereute, dass er überhaupt über Ethan plauderte, geschweige denn über das Scheitern der Ehe, das noch immer schmerzte. Er nahm seinen Aktenkoffer, um dieser peinlichen Situation schnellstens zu entkommen.

Anna hielt ihn zurück, kaum dass er nach der Türklinke griff. „Darf ich dich etwas fragen?“

Er ließ die Hand sinken und warf ihr einen ironischen Blick zu. „In den letzten zwei Stunden hattest du keine Hemmungen, Fragen zu stellen. Du bist erstaunlich gut darin.“

„Das war etwas anderes. Geschäftlich. Das ist es jetzt nicht.“

Zum ersten Mal seit Beginn der Sitzung gab sie zu erkennen, dass ihre Nerven nicht so stark wie Drahtseile waren. In ihren Augen flackerte Unsicherheit auf, und sie schien sich mit übertriebener Kraft an ihren Aktenkoffer zu klammern.

Obwohl Richard wusste, dass er einfach an ihr vorbeigehen und verschwinden sollte, rührte er sich nicht. „Also, schieß los.“

„Ich frage mich nur, woher diese … Feindseligkeit kommt, die ich bei dir spüre.“

Anscheinend gelang es ihm weniger als er glaubte, seine aufgewühlten Gefühle zu verbergen. „Das bildest du dir nur ein.“

„Das denke ich nicht. Ich bin doch kein Idiot.“

Ganz abrupt wurde er wütend auf Anna. Wieso nahm sie sich das Recht heraus, einfach zurückzukehren und all die Emotionen wachzurufen, die seit Langem begraben waren? Die Enttäuschung über die Zurückweisung. Den Trennungsschmerz. Den Kummer über den Verlust.

Vor acht Jahren hatte er ihr sein Herz zu Füßen gelegt. Höllisch an der ganzen Sache war, dass sie es nicht zertreten hatte. Böswilliges Handeln wäre wohl leichter zu verkraften gewesen. Doch sie war ganz behutsam in einem großen Bogen darum herumgegangen, auf ihrem Weg in die weite Welt hinaus.

Und nun wagte sie zu fragen, warum er über das Wiedersehen nicht begeistert war!

Doch er durfte sich in seiner Funktion als Rechtsbeistand des Krankenhauses nicht von persönlichen Anliegen leiten lassen. „Warum sollte ich feindselig sein? Du bist nur der Vorreiter – sorry, die Vorreiterin für eine Firma, die dieses Krankenhaus und die Gemeinde vernichten will.“

Anna runzelte die Stirn über diesen direkten Affront, erholte sich aber sehr rasch. „Das ist nicht wahr. Ich hätte gedacht, dass ein Anwalt wie du diese Sache mit etwas mehr Objektivität betrachtet als …“ Ihre Stimme verklang.

„Wer? Deine Familie?“

Sie seufzte. „Ja. Sie lassen sich nicht zur Vernunft bringen. Peter und David meinen, dass ich den Familiennamen verrate, und Ella … Na ja, sie redet überhaupt nicht mehr mit mir.“

Unerwartet stieg Mitgefühl in Richard auf. Die Familie bedeutete ihr sehr viel. Manchmal legte sie in seinen Augen zu viel Gewicht auf deren Meinung. Sie konnte nicht vergessen, dass sie „nur“ adoptiert war, und bemühte sich redlich, ihren Platz im Schoß der Medizinerfamilie Wilder zu finden. Er konnte sich gut vorstellen, wie sie sich nun fühlen musste – entfremdet von ihren Geschwistern, die sie mit Zorn bombardierten.

Andererseits stand er in dieser Angelegenheit auf der Seite ihrer Angehörigen. Daher verdrängte er sein unangebrachtes Mitgefühl. „Welche Reaktion hast du denn von ihnen erwartet? Das Krankenhaus liegt ihnen im Blut. Deine Familie ist praktisch das Herz vom Walnut River General.

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