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Ryela - Eine Liebe in der Neuen Welt

Inhalte

  1. Flügel
    1. Prolog: Maryland, September 1749
    2. Teil I
    3. I
    4. II
    5. III
    6. IV
    7. Weihnachten 1749
    8. V
    9. April 1750
    10. VI
    11. VII
    12. VIII
    13. IX
    14. X
    15. XI
    16. XII
    17. XIII
    18. XIV
    19. XV
    20. XVI
    21. XVII
    22. XVIII
    23. XIX
    24. XX
    25. XXI
    26. Teil II
    27. XXII
    28. XXIII
    29. XXIV
    30. XXV
    31. XXVI
    32. XXVII
    33. XXVIII
    34. Juli 1750
    35. XXIX
    36. XXX
    37. XXXI
    38. XXXII
    39. XXXIII
    40. XXXIV
    41. XXXV
    42. XXXVI
    43. XXXVII
    44. XXXVIII
    45. XXXIX
    46. XL
    47. Epilog
    48. Maryland, Juli 1751
  2. Nachwort
  3. … noch etwas in eigener Sache!

Flügel

Vöglein, weshalb fliegst du nicht fort von hier?

Den Käfig, den öffnete ich dir.

Gewiss, die Welt ist grob und laut und übergroß.

Aber auch bunt und prächtig und grenzenlos.

Da sah ich des Vögleins gestutzte Schwingen.

Niemals mehr würde es die Lüfte bezwingen.

So unbeschwert, wie ein Kind es nur vermag,

wünschte ich ihm,

dass es dem Käfig dennoch entkam.

Da flatterte es, erst zaghaft, dann wilder,

immer kräftiger mit seinem Gefieder.

Eine weiche Feder streifte mich noch,

dann trug der Wind das Vöglein fort.

Ich saß noch lange dort am Fenster,

betrachtete die Schleierwolken,

welche wirkten wie Gespenster.

Ein Vöglein zu sein, wie schön das wohl wär‘,

jedoch der Käfig neben mir

war seit Anbeginn leer.

Rika Federkleyd

Prolog: Maryland, September 1749

Heathcliff Callahan sprang von seinem Kutschbock, schlang, gereizt von der Hektik um ihn herum, die Zügel um einen Zaunbalken und ging zu Fuß weiter. Baltimore, eine wichtige Handelsstadt der britischen Kolonien in der neuen Welt, wuchs mit jedem Tag, wie es schien. Der Weg in Richtung Hafen war ein einziges Gewimmel von Karren, Fässer treibenden Knechten, keuchenden Kistenträgern und trotz der frühen Stunde bereits völlig betrunkenen Matrosen auf Landgang. Laut kreischende Möwen zogen ihre Kreise über den Schiffen oder suchten nach etwas Essbarem zwischen den sich tummelnden Menschen. Heath bahnte sich seinen Weg durch die schwitzende, stinkende Menge und fühlte sich einmal mehr in seiner Entscheidung bestätigt, der Stadt den Rücken gekehrt zu haben. Seinen Lebensunterhalt erwirtschaftete er weit weg von diesem Getümmel auf eigenem Grund und Boden.

Im Gegenlicht der Morgensonne dümpelte die Mary Jane auf der nahezu spiegelglatten See. Sie war nach wochenlanger Reise vor nicht ganz zwei Stunden aus London eingetroffen. Die Segel der etwas in die Jahre gekommenen hölzernen Lady waren gerefft, ihre Luken weit geöffnet. Wusste man über die Ladung des Großmasters Bescheid, so konnte man erahnen, welch widerlicher Gestank nach Exkrementen, Körpersäften und Erbrochenem unter Deck vorherrschte. Einst ein Handelsschiff, transportiert die Mary Jane mittlerweile Menschen – jenen unglücklichen Seelen, die als Strafgefangene im Königreich Britannien nicht länger geduldet wurden. Die Krone hatte entschieden, die enorme Anzahl an Sträflingen im eigenen Land zu verringern und sie in die dreizehn britischen Kolonien Nordamerikas zu deportieren. Was dort mit ihnen geschah, war zum größten Teil die Angelegenheit der stationierten Offiziere und sollte nicht länger Sorge des Königreichs sein.

Als die ersten Schiffe mit Deportierten eingetroffen waren, hatten die Verantwortlichen in Baltimore schnell die Übersicht verloren. Es wurden Lager eingerichtet, die allerdings keine Lösung auf Dauer boten. Schließlich hielt man die Bevölkerung an, Verurteilte bei sich aufzunehmen. Auch wenn dieser Befehl bei den Bürgern nicht gerade auf Begeisterung stieß – wer wollte schon (im schlimmsten Fall) mit einem Mörder den Herd teilen – die Wenigsten wussten, dass es sich bei den meisten Gefangenen um Menschen handelte, die bereits wegen geringer Delikte, wie dem Diebstahl eines Brotes, zu sieben Jahren Deportation verurteilt worden waren. Schwerwiegendere Vergehen zogen eine Strafe von zwölf Jahren nach sich. Überlebten die Sträflinge diese Zeit frei von kriminellen Rückfällen, hatten sie die Chance, ihre Freiheit zurückzuerhalten.

Etwas abseits des Piers, neben einem mehr als baufälligen Holzhaus, fand sich die Ladung der Mary Jane: eine erbärmliche Gruppe zerlumpter Gestalten, die sich nur mühsam und von den Aufsehern angetrieben aufrecht hielten. Sie alle, wie gottloses Vieh vom Schiff getrieben und auf den kleinen Platz zwischen den Anlegestellen gebracht, wirkten ausgehungert, verwahrlost und dem Tode näher als dem Leben.

Heathcliff Callahan hatte sein Ziel erreicht und schritt bedächtig an den Gefangenen entlang. Die müden Gesichter der Deportierten drückten keinerlei Interesse daran aus, wohin der weitere Weg sie führen würde. Teilnahmslos ließen sie die Musterung über sich ergehen.

»‘Ne Entscheidung getroffen, Sir?«, fragte der untersetzte, faulzahnige und nach Alkohol stinkende Aufseher, der an Callahan herangetreten war.

Heath würdigte ihn keines Blickes, stolzierte noch einmal die Reihe entlang und blieb vor dem einzigen Sträfling, der für ihn infrage kam, stehen. Sie ist das hässlichste Geschöpf, das ich je gesehen habe. »Ich nehme die hier.«

Als ob sie mit allem, nur nicht damit gerechnet hätte, zuckte die armselige Gestalt vor ihm zusammen. Die dreckstarren Haare waren ein einziges Gewirr aus Knoten und Fitzen. Das Gesicht – eine schmutzverschmierte Maske aus eingefallenen Wangenknochen, geschwollenen Lidern und bläulich unterlaufenen Augen. An ihren rissigen Lippen hing geronnenes Blut und so, wie die Sträflingskleidung an ihr hing, konnte sie einem Gerippe Konkurrenz machen.

»Wenn Ihr mich fragt, ist das reine Zeitverschwendung, die wird die nächsten Tage sowieso nicht überleben, aber mir soll‘s recht sein.« Mit diesen Worten band der Aufseher die kleine Gestalt los und versetzte ihr einen so heftigen Tritt nach vorn, dass sie stolperte und in einer Pfütze aus stinkendem Schlamm landete.

Grimmig packte Callahan sie am Oberarm. Wie bereits vermutet, spürte er dabei kaum mehr Fleisch als an einem Hühnerbein. »Jetzt steh‘ schon auf und beweg‹ dich, wir haben noch eine lange Fahrt vor uns.«

Wortlos und ohne Widerstand zu leisten, ließ sich die Strafgefangene abführen. Doch nach einigen Schritten knickte das Häufchen Elend um, da es mit den schnellen Schritten seines neuen Herrn nicht mithalten konnte.

»Pass doch auf, wo du hintrittst«, mahnte Heath mürrisch. Er hatte zwar gewusst, dass sie geschwächt sein würde – die Strapazen einer so langen Schiffsreise unter diesen schier unmenschlichen Bedingungen gingen an keinem spurlos vorbei – doch der Wärter hatte vermutlich recht mit seiner Aussage: Sie würde nicht mehr lange genug leben, um die nächste Woche zu überstehen. Innerlich nannte er sich einen Idioten, weil seine Wahl ausgerechnet diese Frau gefallen war. Doch sobald er einen Blick auf sie warf, wurde ihm der Grund wieder bewusst. Sie war abgrundtief unansehnlich, und einzig und allein dieser Tatsache wegen hatte Callahan sie ausgewählt.

Nicht, dass er Mitleid mit der Kreatur gehabt hätte – immerhin war sie eine Diebin, Betrügerin oder gar Mörderin und hatte für ihr Vergehen ganz sicher die gerechte Strafe erhalten. Nein, er wollte jemanden, der ihn Tag für Tag daran erinnerte, wie erbärmlich er sich fühlte, seit seine über alles geliebte Fern gestorben war.

Ihr Tod lag nun schon mehr als zwei Jahre zurück, und seit kurzem hatte es hin und wieder Momente gegeben, an denen er nicht an seine verstorbene Frau gedacht, ja, sie schlichtweg vergessen hatte. Diesen Fehler wollte er von nun an nie wieder begehen. Er wollte sich an der Widerlichkeit dieser Gefangenen laben und – Gott bewahre – sich niemals im Leben erneut verlieben. Er hatte noch nicht einmal die Absicht, es jemals wieder zu versuchen. Wie sollte dies auch möglich sein? Er hatte die Liebe seines Lebens verloren, und doch liebte er sie noch immer wie am ersten Tag.

Heath und seine Gefangene hielten bei einem einfachen Holzkarren, vor den ein Pferd gespannt war. Ohne Vorwarnung packte er die Frau und bugsierte sie auf den Wagen, auf dem sie zitternd sitzen blieb. Ein Sack Kartoffeln wiegt mehr. Dann fasste er ihre beiden Handgelenke und band sie am Karren fest. Ein sinnloses Unterfangen; selbst ohne den Strick wäre sie ihm in diesem Zustand nicht entkommen. Doch Callahan war ein Mann, der stets auf Nummer sicher ging. Man konnte nie wissen. Danach stieg er selbst auf den Karren, nahm die Zügel in die Hand und nach einem kurzen Ruck setzte sich das Gefährt in Bewegung.

Teil I

I

Hin und wieder warf Callahan einen flüchtigen Blick hinter sich. Die Gefangene hatte sich wie ein Igel zusammengerollt und verbarg den Kopf zwischen den Knien. Nur das struppige Haar war zu sehen.

Nach etwas mehr als drei Stunden Fahrt erreichten sie eine große Lichtung inmitten von Laubbäumen, die bald ihr buntes Blätterkleid verlieren würden. Noch war Herbst, doch der Winter, so wussten die Einwohner von Maryland nur zu gut, würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Callahan brachte den Karren vor einer kleinen Scheune zum Stehen. Nachdem er das Pferd auf die dahinterliegende Koppel geführt hatte, widmete er sich seiner neu erworbenen Dienstmagd. Denn nur aus diesem Grund hatte er sich überhaupt die Mühe gemacht, in den frühen Morgenstunden zum Hafen von Baltimore zu fahren: Er brauchte dringend eine Hilfe für den Haushalt. Diesen Entschluss zu fassen, hatte Heath jedoch zwei Jahre gekostet. Zwei Jahre Einsamkeit, an die er mittlerweile so sehr gewöhnt war, dass er sie fast schon vermisste, wenn er in Gesellschaft war.

Aber auch zwei Jahre, in denen sein einst so liebevoll gepflegtes Heim mehr und mehr verkommen war. Callahan hatte nicht die Zeit, sich um Wäsche, schmutziges Geschirr, die Versorgung der Tiere und der Zubereitung seiner Mahlzeiten zu kümmern. Geschweige denn, die Hütte sauber zu halten. Das war Frauenarbeit. Stattdessen stand er morgens mit dem ersten Sonnenstrahl auf, verbrachte im Sommer den Großteil des Tages auf den Feldern auf der anderen Seite seines Guts und war im Winter er damit beschäftigt, die Bäume auf seinem Land zu roden, um noch mehr fruchtbaren Boden zum Anbauen zu gewinnen. Stets verließ er erst mit dem letzten Tageslicht seine Arbeit und fiel nach einem schnellen Abendessen meist müde und erschöpft in sein Bett.

So ging es Monat für Monat, doch dann hörte Heath von der baldigen Ankunft neuer Deportierter aus England. Die ansässigen Siedler waren angehalten worden, Sträflinge bei sich aufzunehmen, ihnen Arbeit und die Möglichkeit zu geben, sich ein neues Leben in einem fremden, noch fast urbanen Land aufzubauen. Durch das Befolgen dieses Befehls verband Callahan das Nützliche mit der Pflicht.

Es dämmerte bereits und die Abendsonne tauchte die an die Lichtung grenzenden Bäume in goldenes Licht. »Wir sind da, komm jetzt runter«, brummte Callahan barsch, nachdem er die Fesseln gelöst hatte. Doch die Gefangene bewegte sich nicht. Einzig das leichte Heben und Senken ihres atmenden Körpers bewies, dass sie noch lebte. ›Sie schläft‹, dachte er bei sich, ›aber nicht mehr lange.‹ Schon stand er auf dem Karren und griff nicht gerade zimperlich nach ihren Schultern. Wie ein zu Tode erschrockenes Huhn flog sie auf, schlug um sich und versuchte dem festen Griff zu entkommen. So plötzlich aus dem Schlaf gerissen, stolperte sie und wäre beinahe über die Seite des Karrens gestürzt, hätte Heath sie nicht gehalten. Nun packte er noch fester zu und wartete, bis sie sich endlich beruhigte.

Es dauerte eine Weile, bis Ryela wieder zu Atem kam. Sie wusste nicht, wo sie war, nur, dass sich kräftige Arme wie ein Schraubstock um ihre Körpermitte geschlungen hatten. Ryela versuchte die Panik hinunterzuschlucken, Luft zu holen, doch die Angst, die ihr ständiger Begleiter war, stieg ohne Erbarmen in ihr auf. Sie musste würgen, und hätte sie etwas im Magen gehabt, wäre es ohne Umwege vor ihren Füßen gelandet – doch Ryelas letzte Mahlzeit lag schon über einen Tag zurück. Sofern man eine halbe Schüssel Mehlsuppe und ein Stück madigen Schiffszwieback überhaupt als solche bezeichnen konnte.

Der Griff lockerte und löste sich schließlich. »Schlafen kannst du später. Jetzt komm‹, ich zeig dir dein neues Heim. Danach wäschst du dich. Du stinkst schlimmer als ein Skunk.«

Ryela wusste nicht, was ein Skunk war, sie wusste nur, dass der Mann hinter ihr recht hatte. Der penetrante Geruch nach Exkrementen, Erbrochenem und altem Schweiß stach selbst ihr in die Nase. Bisher hatte sie ihn als lästige Unausweichlichkeit betrachtet. Doch nun, da ihr Wasser angeboten wurde – zum Waschen – wendete sich dieses Blatt.

›Ich werde wieder sauber sein.‹

Heath wandte sich in Richtung einer soliden Holzhütte, die ausreichend Platz für eine Kleinfamilie bot. Er hatte sie vor Jahren als windschiefe Bretterbude zusammen mit dem Land erworben und für seine Frau so umgebaut, dass sie und ihre Kinder darin ein gutes Leben darin hätten führen können. Damals.

Ryela folgte ihm auf wackligen Beinen. Sie musste sich nach vier Monaten auf See erst wieder an festen Untergrund gewöhnen.

›Wo bin ich hier?‹

Etwas Staub wirbelte vom Dielenboden auf, als Heath den Raum betrat. Ryela folgte ihm, noch immer mit Vorsicht. In der Hütte war es nicht gerade ordentlich, aber um einiges, wenn nicht sogar tausendmal schöner als in dem dunklen Bauch der Mary Jane. In eine der Wände war ein Kamin eingelassen, dessen Feuer jedoch erst entzündet werden musste. Gleich daneben in der Ecke stand ein breites Bett, auf dem ohne Probleme ein Ehepaar nebeneinander liegen konnte. Die Kissen waren sogar mit echten Federn gefüllt! Ein Tisch mit zwei Stühlen gab dem Innenraum ein gemütliches Ansehen. Außerdem sorgte ein Fenster für genügend Tageslicht. Zu guter Letzt entdeckte Ryela in der anderen Ecke einen kleinen Herd mit Ofen und Töpfen, sowie Pfannen in einem Regal darüber.

»Weißt du, wie man einen Herd bedient?«, riss Callahans tiefe Stimme sie aus ihren Gedanken.

›Ja.‹ Sie nickte.

»Gut. Dann wird es Zeit, dass ich dir die Regeln erkläre. Mein Name ist Heath Callahan, ansprechen wirst du mich aber mit Herr, oder Mr. Callahan. Du bist ein Sträfling und hast deine Haftstrafe hier in diesem Land abzuarbeiten. Mit anderen Worten, du wirst meine Haushälterin sein. Deine Aufgaben beschränken sich also auf Haus und Hof: Kochen, putzen, waschen und das Flicken der Wäsche, den Stall ausmisten, die Tiere versorgen und all das, was damit einhergeht. Hast du das verstanden?«

›Ja, habe ich.‹ Wieder ein Nicken.

»Außerdem verlange ich von dir Gehorsam. Alle Aufgaben, die ich dir auftrage, möchte ich in zügigem Tempo erledigt haben. Kein Trödeln, keine unnötigen Pausen. Hast du mich verstanden?«

›Ich bin nicht taub.‹ Ryela nickte abermals.

»Ach, und falls du daran denken solltest zu fliehen, rate ich dir dringend davon ab. Zum einen kann ich in so einem Fall ziemlich ungemütlich werden und zum anderen würdest du da draußen«, er deutete mit ausgestrecktem Arm gen Tür, »keine einzige Nacht allein überleben. Wahrscheinlich beißt dich eine der giftigen Vipern, die hier überall im Gras lauern, oder du wirst von einem tollwütigen Wolf angefallen. In diesem Fall stehen deine Chancen gleich Null. Entweder rafft dich die Krankheit dahin, oder aber, was noch wahrscheinlicher ist, das Rudel wird dich aufspüren und bei lebendigem Leib zerfleischen.« Ein wenig stolz war Callahan allemal auf seine mehr als gelungene Rede. Beinahe hätte er sie selbst geglaubt, aber seit seiner Ankunft vor vier Jahren hatte er weder Schlangen noch Wölfe in dieser Gegend entdeckt. Doch das brauchte seine Magd nicht zu interessieren.

›Ich habe weit Schlimmeres erlebt, damit erschreckst du mich nicht. Kein Tier kann grausamer sein, als der Mensch es ist. Denn ein Tier tötet schnell, der Mensch hingegen neigt zu Quälerei und maßloser Gewalt.‹ Ryela blickte schweigend zu Boden.

»Da das geklärt ist, zeige ich dir nun, wo du dich waschen kannst.« Seine Stiefelabsätze klackerten laut über die Dielen, als Heath zur Tür eilte. Sie folgte ihm zögernd. Er ging um die Hütte herum und schlug einen schmalen Pfad ein, der direkt zwischen die Bäume führte. Nach einer Strecke von weniger als hundert Metern gelangten sie an einen breiten Bach. Dessen Wasser floss so klar und frisch dahin, dass Ryela sich am liebsten die verdreckten Sachen vom Leib gerissen hätte und in die Mitte gewatet wäre. Stattdessen jedoch sank sie am Ufer auf die Knie und trank so viel von dem köstlichen Nass, dass sie glaubte ihren Bauch platzen zu spüren.

»Na los, worauf wartest du?«, fragte Heath hinter ihr. Er saß mit dem Rücken zu ihr auf einem umgestürzten Baumstamm. »Ich habe langsam Hunger.«

›Den habe ich auch, du Blödmann. Aber ich werde mich nicht, niemals vor dir entblößen!‹ Sie schüttelte den Kopf, als er ihr einen prüfenden Blick zuwarf.

»Was soll das, Weib? Bist du schwer von Begriff? Himmelherrgott, jetzt zieh schon diesen elenden Lumpen aus, oder ich reiß ihn dir eigenhändig vom Leib. Ich zähle bis drei!« Als er die letzte Zahl ausgesprochen hatte und sich erneut umdrehte, stand sie noch immer angekleidet da. Wütend verließ Callahan seinen Platz auf dem Stamm und zog ein Messer aus seinem Stiefel.

Völlig reglos beobachtete Ryela, wie der Mann mit dem Messer auf sie zukam. Panik, Angst und Hysterie tobten in ihr. Es begann alles von vorn. Ihr Leidensweg sollte auch in dieser neuen Welt nicht vorbei sein. Er würde nie vorbei sein. Stocksteif stand sie da, als das Messer ihr die Kleidung vom Körper schnitt. Ryela hatte gelernt, dass es sinnlose Verschwendung von Energie war, zu schreien. Der edle Retter in der Not existierte nur in Märchen und daran glaubte sie nicht mehr, seitdem sie sechs Jahre alt war. Dieser Fremde würde sich nehmen, wonach es ihm verlangte. Und sie würde stillhalten und es schweigend über sich ergehen lassen. Bis es vorüber war. So wie schon unzählige Male zuvor.

Der grobe Jutestoff landete in Fetzen neben ihr auf den nassen Kieselsteinen am Ufer des Bachs. Als sie schließlich nackt war, wandte sich Ryela so schnell um, dass sie um Haaresbreite von der scharfen Messerklinge gestreift worden wäre. Sie wollte ihm nicht ins Gesicht sehen.

Wutschnaubend verpasste ihr Heath einen leichten Schubs. Sie taumelte, fiel aber nicht. Irritiert setzte Ryela einen Fuß vor den anderen, bis ihr das Wasser bis zu den Knien reichte. Dies war die tiefste Stelle im Bach. Noch immer verwundert, dass er ihr nicht folgte, hockte sie sich hin und begann sich in dem kalten Wasser zu waschen. Nach wenigen Minuten spürte sie ihre Füße nicht mehr und die Beine fingen von der Kälte an zu schmerzen. Ryela ignorierte es und schrubbte jeden Zentimeter ihrer Haut so lange im Wasser, bis sie rot, dafür aber vom Dreck befreit war.

Heath hatte sich umgewandt, um ihr nicht beim Baden zusehen zu müssen. Er fühlte sich seltsam beschämt; ein Gefühl, das er seit sehr langer Zeit nicht mehr empfunden hatte. Er hatte sie nicht dazu nötigen wollen, sich zu entkleiden, aber was blieb ihm anderes übrig? ›Sie hat mir zu gehorchen. Je eher sie das lernt, umso besser.‹ Als er jedoch ihren nackten Rücken sah, hatte er ein entsetztes Schnauben unterdrücken müssen. Er war von den Schultern bis hinab zum Steiß mit unzähligen, sich zum Teil kreuzenden, langen Narben übersät. Einige davon sahen weißlich blass aus, andere hatten die Farbe von schimmerndem Lachs und wieder andere leuchteten noch immer bläulich-violett. Alle diese Striemen aber hatten eines gemeinsam: Sie wirkten seltsam uneben, so, als wären sie kein Teil der Haut, sondern säßen auf ihr.

›Wer hat dir das angetan?‹ Sie konnte nicht älter als zwanzig Jahre alt sein, eher achtzehn, vermutete Heath. Als er sie von hinten sah, fielen ihm zwar die Schulterblätter auf, die sich sichtbar unter der Haut abzeichneten und dass sie recht schmächtig war, doch sie wirkte längst nicht so dürr, wie er es vermutet hatte. Ein paar Wochen ausreichende Nahrung und sie würde wieder eine gesunde Körperfülle bekommen.

»Bist du fertig?«

Keine Antwort.

Heath drehte sich zum Bach und sah, wie die junge Frau ähnlich wie ein Storch aus dem Wasser watete – geradewegs auf die alten Fetzen zu. Dabei war sie sorgsam darauf bedacht, ihre weibliche Blöße zu bedecken. »Das wirst du nicht mehr anziehen«, raunte Callahan schroff. Allerdings hatte er bis dahin über keine mögliche Alternative nachgedacht.

›Ja, natürlich, du willst mich lieber nackt.‹

Als er diesmal auf Ryela zuging, waren seine Hände damit beschäftigt, sein Hemd zu öffnen.

›Nein, lieber Gott, nein! Ich will das nicht mehr! Nicht schon wieder!‹

Heath zog sein Hemd aus. Ihr fuhr der Geruch von Mann und frischem Schweiß in die Nase. Zu ihrer Überraschung roch es … alles andere als widerwärtig. Doch sein nackter, von schwerer Arbeit geformter Oberkörper ließ Ryela erschaudern. Noch immer versuchte sie krampfhaft mit einem Arm ihre Brüste zu verdecken, auch wenn diese nur noch etwa pfirsichgroß waren. Mit der Hand des anderen Arms und gleichzeitig gekreuzten Beinen verbarg sie ihre Scham. So groß und kräftig dieser Mann auch war – völlig widerstandslos würde sich Ryela ihm nicht hingeben.

Sie zitterte so sehr, dass er ihre Zähne klappern hören konnte. Zudem waren ihre Lippen blau angelaufen. Wassertropfen perlten über Gänsehaut. »Hier«, Heath reichte ihr sein Hemd, »zieh das an und lass uns zurückgehen. Es wird kalt.« Dann wandte er das Gesicht ab.

Zögerlich fasste Ryela mit einer Hand nach dem Hemd. ›Meint er das ernst?‹ Dann riss sie es an sich, aus Angst er könnte es sich doch noch einmal anders überlegen und trat einen Schritt zurück.

»Na bitte«, brummte Heath in seinen nicht vorhandenen Bart und stapfte langsam davon.

Das Hemd war noch warm von seiner Haut und fühlte sich so unwahrscheinlich weich auf ihrer an. Seit Monaten hatte Ryela dieses einem Kartoffelsack ähnelnde Gewand aus kratziger Jute tragen müssen und sie genoss, wie angenehm das leichte Linnen war. ›Danke.‹

Zurück in der Hütte war das Erste, was Callahan in Angriff nahm, ein Feuer zu entzünden. Binnen weniger Minuten brannte es und schon bald wurde es bedeutend wärmer. »Was stehst du da herum?«, raunte er, als er Ryela dabei ertappte, wie sie ihn beim Kamin beobachtete. »Mach uns was zu essen, Weib. Dafür bist du hier.«

›Und womit soll ich deiner Meinung nach kochen? Mit leeren Töpfen und Pfannen?‹

Er schien ihre Gedanken erraten zu haben und holte einen kleinen Sack mit Linsen aus dem Regal. Dazu ein Stück gepökelten Speck und drei große Kartoffelknollen. Dann öffnete er eine kleine Schublade mit verschiedenem Besteck darin. Löffel und Gabeln waren aus Holz, aber bei genauerem Hinsehen fand Ryela auch ein kleines Messer darunter. ›Damit soll ich Kartoffeln schälen? Das Ding ist beinahe so stumpf wie ein Tischtuch.‹ Stumm begann sie mit der Arbeit, während Heath den Herd anzündete und ihr einen Bottich voll Wasser zeigte, welches sie ebenfalls zum Kochen verwenden konnte. Dann verließ er die Hütte und ließ Ryela allein zurück.

Beim bloßen Anblick des Specks lief ihr das Wasser so sehr im Mund zusammen, dass sie wahnsinnig zu werden glaubte. Schließlich nahm sie ihn wie eine Scheibe Brot zwischen beide Hände. ›Er wird dich umbringen. Tu es nicht. Aber wenn ich nur ein Stückchen abbeiße, wird er es wohl kaum merken. Nur ein kleines, winziges Stück!‹

Sobald sich ihre Zähne in den köstlichen Speck gegraben hatten, vergaß Ryela alles um sich herum. Dieser Geschmack nach Salz und Fett war das Beste, was sie in ihrem Leben auf der Zunge gespürt hatte. Es war wie ein Rausch, und als sie daraus erwachte, hielt sie nichts weiter in den Händen als reine Luft. ›Ja, er wird mich umbringen, aber ich durfte zuvor wenigstens noch einmal speisen wie eine Königin.‹

Das schlechte Gewissen plagte Ryela, während das Wasser im Kochtopf siedete. Und dass ihr Magen kurz darauf zu rebellieren begann, sah sie als gerechte Strafe für ihr Vergehen.

Sie stürzte aus der Hütte und schaffte es gerade noch um die Ecke, bevor sich ihr Mageninhalt nach außen kehrte. Sie glaubte, an dem heftigen Würgereiz ersticken zu müssen und musste sich mit einer Hand gegen die Wand der Hütte stützen. Selbst als sie alles restlos erbrochen hatte, unternahm ihr Körper noch zwei letzte würgende Krämpfe. Erst dann konnte Ryela erschöpft und am ganzen Leib zitternd zu Boden sinken. Und es dämmerte ihr: ›Wie konnte ich nur so beschränkt sein! Ein ganzes Stück Speck auf einen Magen, der wochenlang kaum ein Gramm Fett zu sich genommen hatte?‹ Panisch zupfte sie einige Büschel Gras ab und bedeckte damit die erbrochenen Speckreste so gut es eben ging, in der Hoffnung, dass der Geruch kein wildes Tier anlocken würde. Noch einmal tief durchatmend, erhob sich Ryela schließlich, klopfte das Hemd, das sie trug, sauber und lief wackeligen Schrittes zurück zu ihrem Arbeitsplatz – dem Herd.

*

Eine Stunde später kehrte Heath zurück. Der Linseneintopf stand dampfend auf dem Tisch, während Ryela vor dem Kamin hockte, die Arme um die nackten Beine geschlungen. Er setzte sich, nahm eine Schüssel und füllte sie mit Essen. »Ich nehme an, du hast keinen Hunger, oder wieso hockst du dort unten?«

Seine tiefe Stimme ließ sie zusammenfahren. ›Natürlich habe ich Hunger, aber ich habe dir auch den Speck weggegessen und wappne mich für die kommende Schelte.‹

Ryela schüttelte betreten den Kopf und legte ihr Kinn auf die Knie, damit diese aufhören mochten zu zittern.

Heath schüttelte bedächtig den Kopf und begann zu essen.

Im Stillen zählte Ryela langsam bis zwanzig. ›Jetzt steh schon auf und verprügle mich, damit ich es hinter mir habe.‹ Doch sie wartete vergebens.

Nach dem ersten Löffel wollte Heath den Eintopf am liebsten wieder zurück in den Topf schütten. Selbst er hatte schon bessere Speisen zubereitet. Es schmeckte nach nichts als Linsen, Kartoffeln und … das war alles. ›Kein einziges Gewürz, obwohl das obere Regal immerhin mit Salz, Pfeffer und Zucker bestückt ist. Und wo ist überhaupt … der Speck?‹ Stirnrunzelnd besah er sich seine Schüssel genauer, dann den Inhalt des Topfes. Da war kein Speck. Nirgends. Erst wollte er laut loslachen. Über seine eigene Beschränktheit. Wie dumm konnte man sein, ein halb verhungertes Wesen mit einer Auswahl an sättigenden Lebensmitteln allein zu lassen? Als Heath dieses Licht aufging, wunderte er sich, dass sie überhaupt etwas übriggelassen hatte. Insgeheim rechnete er ihr diese Tatsache hoch an. Dennoch – als seine Untergebene hatte sie mit dem heimlichen Verspeisen seiner kostbaren Zutaten einen groben Fehler begangen. So etwas durfte er ihr nicht einfach ungestraft durchgehen lassen.

›Oder sollte ich so tun, als würde ich nichts bemerken und einfach weiteressen?‹

Nein, würde er einmal nachgiebig handeln, würde sie ihm immer wieder auf der Nase herumtanzen und sich Dinge erlauben, die nun einmal nicht in Ordnung waren. Strafe musste sein.

›Jetzt weiß er es.‹ Ryela hielt den Atem an, als sie hörte, wie er sich erhob. Die Stuhlbeine kratzten dabei geräuschvoll über den Boden. Drei Schritte, schon stand er neben ihr. Dann wurde sie bei den Haaren gepackt und nach oben gezogen.

»Hat dir der Speck geschmeckt?«, fragte Callahan gleichgültig.

›Er war das Beste, was je auf meiner Zunge lag. Auch wenn ich es nur kurz genießen durfte.‹ Ryela gab keine Antwort. Sie versuchte nur, mit Tapferkeit seinem eisigen Blick standzuhalten.

Es war das erste Mal überhaupt, dass sie ihm wirklich ins Gesicht sah. Die Farbe seiner Augen musste im Tageslicht einem tiefen Blau entsprechen, doch im warmen Schein des Feuers wirkten sie leicht grünlich. Trotz der feinen Linien um die Lider vermochte Ryela sein Alter nicht genau einzuschätzen, aber dass er älter war als sie selbst, stand außer Frage. Sein am Morgen flüchtig nach hinten gekämmtes, dichtes und knapp kinnlanges, braunes Haar fiel ihm nunmehr in vereinzelten Strähnen ins Gesicht. Ein Mund, dessen Oberlippe etwas voller war, und den man unter anderen Umständen als äußerst sinnlich bezeichnen konnte, lag über einem von Bartstoppeln umspielten, männlichen Kinn. Die gerade Nase wirkte zu groß, als dass man sie als edel bezeichnen hätte können, dennoch verlieh sie seinem Gesicht einen gewissen Charakter. Am markantesten fand Ryela jedoch die beiden Narben, welche seine linke Gesichtshälfte zierten. Die eine lag zwischen Stirn und Augenbraue und schimmerte als fingernagelgroßes Oval unter ein paar Haarsträhnen hervor. Die zweite Narbe, mitten auf seiner Wange, hatte die Form einer kleinen Sichel. Ryela musste sich eingestehen, dass dieser fremde Mann trotz seiner Makel alles andere als hässlich war.

»Gibst du zu, ihn heimlich gegessen zu haben?«

Langsam bewegte sich Ryelas Kinn nach oben und wieder hinab.

›Es tut mir leid. Ich hatte nur solchen verdammten Hunger!‹

»Dann wird dir das jetzt eine Lehre sein!« Grob zerrte er sie an den Haaren aus der Hütte und ging eilig hinüber zum Wassertrog für die Tiere. Ehe sie noch einmal Luft holen konnte, wurde Ryelas Gesicht unter Wasser getaucht. Nach einigen Sekunden, die ihr wie Minuten erschienen, war sie wieder oben und japste nach Luft. Zwei weitere Male wiederholte Heath diese Folter, wobei ihm nicht entging, mit welch mutiger Haltung sie es ertrug. Nicht ein einziger Schrei drang aus ihrer Kehle. Hatte sie überhaupt etwas von sich gegeben, seitdem sie hier war? Nach dem dritten Tränken ließ er sie schließlich los. Ryela sank hustend und spuckend auf alle viere.

»Ich hoffe, du hast daraus gelernt. Hier gelten andere Regeln, als auf dem Schiff. Meine Regeln. Und die besagen, dass geteilt wird. Hast du das verstanden?«

Nur ein winziges Nicken.

»Dann komm, die Linsen sind sicher schon kalt.«

Er hatte ihr den Großteil der Mahlzeit überlassen, mit den Worten, dass sie gefälligst so schnell wie möglich zu Kräften kommen solle. Gierig schlang sie daraufhin den Eintopf hinunter. Danach verließ Callahan erneut die Hütte und kam kurz darauf mit einer einfachen Pritsche unter dem Arm, sowie einem Kamm zurück. Die Pritsche stellte er zwischen Bett und Tisch. Als das getan war, reichte er Ryela den Kamm. »Wenn du es nicht schaffst, dir die Haare zu entwirren, werde ich sie dir abschneiden.«

›Ein Wunder, dass du es noch nicht getan hast.‹ Ryela nahm den äußerst feinzinkigen Kamm und kämmte sich Strähne für Strähne durch das Gewirr aus Fitzen und unzähligen Knoten. Es ziepte fürchterlich, doch dadurch, dass sie von ihrer Wasserstrafe noch klamm waren, gelang es ihr nach und nach, die Mähne zu bändigen.

Callahan hatte sich bereits in sein Bett gelegt, doch schlafen konnte er trotz seiner Müdigkeit nicht. In Gedanken ließ er den Tag Revue passieren und merkte dabei nicht, dass sein Blick immer wieder zu der jungen Frau vor dem Kamin flog. Er wusste noch nicht einmal ihren Namen. Mit einer Engelsgeduld war sie dabei, das Nest auf ihrem Kopf zu glätten. Fern hätte längst aufgegeben, dachte Heath, und sich stattdessen eine knabenhafte Kurzhaarfrisur gezaubert. Selbst das hätte dir gestanden, Fern. Oh, Fern.

Gedankenverloren glitten Ryelas Finger durch ihr hellbraunes, welliges Haar. Die Wärme des Feuers hatte es mittlerweile völlig getrocknet. Müde kroch sie zur Pritsche und legte sich hin. Ein kurzer Blick zu ihrem Herrn zeigte ihr, dass er bereits schlief. Auch Ryela schloss die Augen.

Ein menschliches Bedürfnis riss sie Stunden später aus einem wirren Traum. Sie musste sich unbedingt erleichtern, aber wo? Auf dem Schiff gab es keine andere Möglichkeit, als seine Blase an Ort und Stelle zu entleeren. Doch hier in dieser Hütte wagte sie es nicht, aus Angst vor weiterem Ärger. Zumal der Anstand es ohnehin verbot.

So leise wie möglich erhob sich Ryela von der Pritsche und wankte zur Tür. Noch immer fiel es ihr schwer, sich an den Landgang zu gewöhnen. Ryela zuckte zusammen, als die Tür beim Öffnen ein lautes Knarren von sich gab. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, doch dann wagte sie einen Schritt nach draußen. Die Nachtluft war kühl und rein. Tief ließ sie den schwachen Duft von Winter in ihre Lungen strömen. Dann spürte sie zum ersten Mal bewusst das frische Gras unter ihren Füßen und hätte vor Glück weinen können. Schließlich hockte sich Ryela neben die Hütte und erleichterte sich. Zufrieden wollte sie eben zurück in die Hütte und auf ihre Pritsche, in der es sich, für ihr Empfinden, wie im Bett einer Königin schlief, als sich plötzlich ein schwarzer Schatten über sie warf und alles in tiefe Dunkelheit hüllte.

II

Wie eine Furie schlug sie um sich, trat und kratzte. Er zerrte sie mit aller Gewalt zurück in die Hütte und warf sich auf sie. Ihr zarter Körper wehrte sich ohne Unterlass und versuchte heftig sich gegen sein Gewicht zu stemmen, um freizukommen. Heath konnte ihre Rippenbögen an seinem Brustkorb spüren. Irgendwie hatte er es schließlich geschafft, ihre Handgelenke mit seinen Händen auf die Dielen zu drücken. Angestrengt war er nun dabei, auch ihre Beine in Schach zu halten, die unkontrolliert in alle Richtungen ausschlugen.

›Wie kann sie nur solch eine Energie aufbringen?‹ Heath hatte Mühe sie am Boden zu halten; und er betrachtete sich selbst als einen Mann von gewisser Kraft.

›Lass mich los! Geh runter von mir!‹ Und dann begann Ryela mit einem Mal zu schreien. Sie schrie so laut, wie sie es seit Jahren nicht getan hatte.

Callahan war für den Bruchteil einer Sekunde dermaßen perplex, dass er sie beinahe losließ. Der Schrei ging ihm durch Mark und Bein. Noch immer versuchte sich die Frau unter ihm zu befreien, doch langsam aber stetig schwanden ihre Kräfte. Das herabgebrannte Feuer im Kamin spendete gerade noch so viel Licht, dass Heath ihr vor Anstrengung gerötetes Gesicht erkennen konnte. Den Mund hatte Ryela weit aufgerissen, während sie die Augen fest zukniff.

›Hör auf! Lass mich! Ich will das nicht!‹

»Würdest du endlich mit dem Gebrüll aufhören!«, schrie Heath sie an. »Niemand außer mir ist auch nur in der Nähe.«

Doch Ryela dachte nicht daran. Sie schrie sich förmlich die Seele aus dem Leib. ›Runter von mir! Geh weg!‹

Als er merkte, dass es keinen Sinn hatte, sie weiterhin festzuhalten, stand er so abrupt auf, dass er nahe daran war, sein Gleichgewicht zu verlieren.

›Dieses Weibsbild ist verrückt!‹ An irgendeinem Punkt wurde ihm klar, dass er nicht mehr weiterwusste. »Herrgott, dir geschieht doch nichts!«, brüllte er wieder.

In diesem Moment verstummte Ryela, rappelte sich auf und kroch in die hinterste Ecke zwischen dem Kamin und der Hauswand. Eingerollt wie ein Igel, versank sie in der Tiefe der Nische. Tränen rannen in Strömen über ihr Gesicht und durchnässten das Hemd, welches sie über die angewinkelten Beine gezogen hatte.

Kopfschüttelnd wandte sich Heath ab. Er hielt es für das Beste, sie erst einmal in Ruhe zu lassen. Zur Sicherheit versperrte er jedoch die Tür. ›Ich werde mir eine ordentliche Strafe für deinen Fluchtversuch einfallen lassen müssen, Mädchen.‹

Der nächste Morgen begann für Heath wie jeder andere auch. In aller Frühe stand er auf. Dann holte er den Nachttopf unterm Bett hervor, entleerte seine Blase und zog sich kurz darauf die Tageskleidung an.

Ryela hatte ihn keinen Wimpernschlag lang aus den Augen gelassen, seitdem er wach war. Er wirkte trotz der kurzen Nacht ausgeschlafen und urinierte zu ihrem Entsetzen in einen Nachttopf! ›Hätte ich das nur eher gewusst.‹

Auch Heath warf einen unauffälligen Blick auf seinen verstörten Sträfling. Sie hatte sich nicht von der Stelle bewegt, sondern kauerte nach wie vor in der engen Lücke. Mit einem Stück Seil in der Hand hockte er sich vor sie. »Wolltest du mich etwa für dumm verkaufen?«, raunte er. »Ich hatte dich gewarnt: Solltest du versuchen zu fliehen, lernst du mich kennen!« Callahan blickte in zwei leere Augen.

›Werde ich nun wieder unter Wasser getaucht?‹

»Zum Teufel mit dir, Weib. Ich bereue es längst, dich mitgenommen zu haben. Anstatt mir eine Hilfe zu sein, hältst du mich nur von der Arbeit ab.«

›Dann geh doch an die Arbeit, aber lass mich in Frieden.‹

»Du hast noch nicht begriffen, wie das Leben hier funktioniert, nicht wahr? Man muss jeden Tag nutzen, um für Nahrung, Wasser und Wärme zu sorgen. Das bedeutet: das Vieh versorgen, die Kuh melken, jagen, angeln, Feldarbeit, Bottiche schleppen, Bäume fällen und Holz hacken. Sollte der nächste Winter so hart werden wie die letzten beiden, dann Gnade uns Gott.«

›Anscheinend hast du noch nie einen Tag in Whitechapel verbracht.‹

Mit dem Seil fesselte er ihr die Hände. »Du wirst mir bei der Ernte helfen. Ich kann dir nicht vertrauen, also musst du mir dort zur Hand gehen, wo ich dich im Auge habe.« Er versuchte sie aus der Ecke zu ziehen. Sie stemmte sich mit all ihrer Kraft dagegen. Doch schon beim nächsten Ruck holte Heath sie auf die schmalen Beine. »Du wirst mir ab jetzt gehorchen. Ich habe es langsam satt, dich wie einen bockigen Gaul zähmen zu müssen. Benimm dich anständig, dann werde ich auch anständig zu dir sein.« Damit zog er Ryela an den Handgelenken aus der Hütte und lief mit ihr zum größten Feld seines Guts. »Hast du schon einmal Kartoffeln geerntet?«

›Ich habe fast mein ganzes bisheriges Leben in London verbracht. Kartoffeln kenne ich nur vom Marktstand.‹ Ryela schüttelte den Kopf.

»Kennst du dich überhaupt mit Feldarbeit aus?«

Wieder ein Kopfschütteln als Antwort.

Heath Callahan verdrehte die Augen. ›Verdammt, was habe ich mir da nur eingebrockt.‹ Dann öffnete er ihre Fessel und verband mit selbiger nun ihre Knöchel. Als er sich hinabbeugte, zog sie scharf die Luft ein. Nach wie vor trug sie sein Hemd, welches zwar ihre Knie bedeckte, jedoch dem Rest ihrer Beine keinen Sichtschutz bot. Von unten blickte er sie strafend an. »Hast du diesmal vielleicht irgendwas zu sagen?«

›Nur, dass du ein elender Grobian bist und gefälligst nicht auf meine Beine starren sollst! Ach ja, und dass ich überhaupt nicht vorhatte zu fliehen, aber wie schön, dass du einen Nachttopf hast, von dem ich jedoch leider nichts wusste!‹ Ryela schwieg.

»Na klar doch, ich hatte auch nichts anderes erwartet.« Straff verknotete er das Seil um ihre Füße, ließ jedoch so viel Spielraum, dass sie kleinere Schritt gehen konnte. »Ich werde die Erde lockern und deine Aufgabe wird es sein, die Kartoffeln auszugraben. Bis zum Abend wirst du nur das tun. Wenn ich es sage, bekommst du eine Pause von einer Viertelstunde. Also, an die Arbeit.«

Ryela gab ihr Bestes. Sie grub eine Knolle nach der nächsten aus der vertrockneten Erde und warf sie in einen großen Bastkorb, den sie ständig mit sich ziehen musste. Doch bereits nach wenigen Stunden verließen sie die Kräfte. Ryela warf einen scheuen Blick zu ihrem Herrn, der den harten Boden unermüdlich mit einem Pflug lockerte. Er nahm ihren Blick auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»In Ordnung, du darfst dich kurz ausruhen.«

›Kurz ausruhen? Siehst du denn nicht, dass ich völlig erschöpft bin? Mein Gesicht glüht und ich habe Durst.‹

Heath sah, wie sie sich kaum mehr sitzend aufrecht halten konnte. ›Wenn ich sie noch weiter hier schuften lasse, wird sie bald umkippen. Und wenn ich sie von der Arbeit befreie, bleibe ich nicht standhaft. Himmelherrgott!‹ »Hey!«, murrte Heath schließlich. »Steh auf.«

Es fiel Ryela schwer, seinem Befehl zu folgen. Als sie nach einer Weile einen halbwegs festen Stand hatte, band er ihre Füße los. »Ich bringe dich zum Bach. Dort kannst du dich waschen. Danach bleibst du in der Hütte, bis ich zurückkomme. Sollte ich dich bei einem neuen Fluchtversuch erwischen, wird dir Hören und Sehen vergehen.«

Die Tür schlug zu und wurde von außen verriegelt. Kurz bevor er ging, hatte ihr Herr Ryela erneut die Fußfessel angelegt. Nun fielen ihre Augen beinahe schneller zu, als ihr restlicher Körper auf der Pritsche landen konnte.

Sie erwachte, als die Sonne bereits viel tiefer stand und die Kälte langsam zu ihr hereinkroch.

›Ich werde Feuer im Kamin anzünden. Vielleicht merkt er dann, dass ich gewillt bin, zu helfen.‹

Die Zündhölzer lagen auf dem Sims. Ryela legte ein paar Scheite auf die heruntergebrannten Holzreste. Mit etwas Stroh aus ihrer Pritsche wollte sie das Feuer in Gang bringen. Als das Zündholz zwischen ihren Fingern in einer kleinen Flamme aufgegangen war, tat Ryela es schnell zu dem kleinen Häufchen Stroh, welches zuoberst auf dem Brennholz lag. Doch das Flämmchen erlosch, sobald es das Stroh erreichte. Nach zwei weiteren erfolglosen Versuchen, glaubte Ryela zu wissen, woran sie ständig scheiterte. Es war die leichte und doch ausreichende Zugluft im Kamin. Also beschloss sie, das Stroh an einer anderen Stelle zu entzünden und dann mit flinken Fingern auf die Holzscheite zu werfen. Das Stroh lag nun windgeschützt auf dem Boden vor ihr. Mit dem vierten Zündholz in der Hand wollte sie gerade das Stroh entfachen, als die Tür entriegelt wurde und Heath eintrat.

»Was zum ...« Weiter kam er nicht, denn seine Füße waren schneller. In Windeseile war er bei Ryela und trat den bereits auflodernden Feuerball vor ihr aus. »Bist du völlig von Sinnen, Weib?«, brüllte er sie an. »Was hast du dir dabei gedacht? Wolltest du das gesamte Haus abfackeln?«

Ryela wurde blass, als sie erkannte, dass er zu Recht wütend war. Sie hatte die Situation völlig unterschätzt. Das Stroh fing so schnell Feuer, dass sie nicht einmal im Ansatz dazu kam, das Häufchen in den Kamin zu werfen.

›Es tut mir leid, das wollte ich nicht, ehrlich! Oh Gott, was wäre gewesen, wenn er nicht in diesem Moment hereingekommen wäre?‹

»Ich habe es ein für alle Mal satt mir dir!«

Schützend legte Ryela ihre Arme um sich selbst, doch er packte sie bei den Oberarmen und zog sie in einem Anfall blanker Wut mit sich zur Scheune.

III

Ryela hing mit den Armen nach oben an einem Seil, welches über einen hohen Balken geschlungen worden war. Gerade wie eine Kerze stand sie da und versuchte sich im Innern für die Strafe zu wappnen, die nun folgen würde.

›Bitte, lass es nicht die Peitsche sein! Alles, nur keine Peitsche …‹

Heath war hinter sie getreten, wodurch Ryela nicht sehen konnte, was er tat oder im Begriff war zu tun.

»Seitdem du hier bist, machst du nichts als Ärger.« Seine Stimme ließ erkennen, dass er versuchte sich unter Kontrolle zu halten. »Damit ist jetzt endgültig Schluss. Was auch immer der Grund für deine Deportation gewesen sein mag, hier auf meinem Grund und Boden wirst du keine Straftaten mehr begehen.« Langsam schritt er um Ryela herum. Und dann sah sie, was er in der Hand hielt.

›Nein, nein, nein! Ich werde tun, was immer du verlangst, aber nimm‘ diese Peitsche weg!‹

»Ich hatte dich gewarnt, Weib, aber anscheinend war ich noch nicht deutlich genug.«

Ryela schloss die Augen. Angestrengt versuchte sie an etwas Schönes zu denken. Ihr fiel nichts ein. ›Dann eben zählen. Eins, zwei, drei, vier, fünf …‹

›Was tut sie da?‹ Callahan betrachtete die gefesselte Frau vor sich und wurde nicht schlau aus ihr. Sie stand da, als wäre sie aus Wachs und verkniff das Gesicht wie jemand, der soeben einen Schluck Essig getrunken hat. Er hatte nie vorgehabt sie zu schlagen. Niemals würde er sich an einer Frau vergehen. Schon gar nicht, wenn diese bereits Prügel hatte einstecken müssen, dass es für zwei Leben reichte. ›Aber einen gehörigen Dämpfer muss ich dir leider verpassen. Sonst lernst du es nie, kleiner Feuerteufel. Mach mir die Sache wenigsten leichter und flehe um Gnade, damit ich sie dir gewähren kann!‹

Doch sie gab nicht das leiseste Geräusch von sich. Das wiederum machte Heath so wütend, dass er mit der Reitpeitsche weit ausholte und sie in einem scharfen Bogen gegen einen der Heuballen direkt neben Ryela knallen ließ.

Sie zuckte zusammen. Als jedoch der Schmerz, den sie erwartet hatte, nicht eintraf, öffnete Ryela einen Spalt breit die Augen. Ihr Herr stand vor ihr. In seinem Blick funkelnder Zorn.

»Bis morgen früh«, brummte er zerknirscht. Dann schleuderte Heath die Peitsche in die hinterste Ecke und ließ Ryela allein in der Scheune zurück.

So sehr er sich auch bemühte, er fand einfach keinen Schlaf. Er wälzte sich bereits seit Stunden von einer Bettseite auf die andere. Wütend über sich selbst warf Callahan das Laken schließlich zur Seite, zog sich vollständig an und schritt barfuß über den feuchten Rasen. Sobald er das Scheunentor geöffnet hatte, zeigte sich ihm die schmächtige Silhouette der jungen Frau, deren Arme nach wie vor über ihrem Kopf nach oben gezogen an dem Seil hingen. Das Kinn war ihr auf die Brust gesunken, die Augen fest verschlossen. Ihre Atmung ging ruhig und rhythmisch. Sie schlief.

›Wie müde muss man sein, um in dieser Haltung schlafen zu können? Womöglich verstellst du dich auch bloß. Egal, jedenfalls war es ein Fehler von mir, dich hier hängen zu lassen. Du bist eiskalt.‹ Heath band Ryela los, trug sie in die Hütte und legte ihren erschlafften Körper vorsichtig auf die Pritsche. ›Deine Lippen sind ganz blau.‹ Schließlich legte er ein paar Holzscheite nach, damit das kleine Feuer im Kamin nicht allzu schnell herunterbrannte. Zu guter Letzt breitete Heath noch eine Decke über Ryelas selig schlafende Gestalt und legte sich daraufhin selbst ins Bett. Endlich fand er die ersehnte Nachtruhe.

*

Die Sonne stahl sich bereits hell durch das Fenster und ließ ihre Augenlider flattern.

›Ich liege auf der Pritsche. Das Letzte, woran ich mich erinnern kann, ist allerdings die Scheune. Und er – mit einer Peitsche in der Hand. Habe ich das alles nur geträumt?‹ Langsam setzte sich Ryela auf. Ihre Füße waren nicht länger gefesselt.

Heath Callahan saß am Tisch und aß stillschweigend sein Frühstück. »Ausgeschlafen?«, fragte er, ohne von seinem Teller aufzublicken. »Setz‘ dich. Es gibt Spiegelei und Haferschleim.« Neben dem Teller stand ein Becher mit warmer Kuhmilch.

Zögernd tat Ryela, was er sagte. Noch einmal warf sie einen ängstlichen Blick in seine Richtung und begann schließlich zu essen.

»Wie heißt du?«, wollte ihr Herr plötzlich wissen.

Ryela hörte auf zu kauen und schluckte den Bissen stattdessen im Ganzen hinunter. ›Ryela.‹

»Ich habe gefragt, wie dein Name lautet.« Er schien die Geduld zu verlieren.

Sie sah ihn schweigend an. ›Ich heiße Ryela!‹

»Du kannst oder du willst also nicht sprechen, was?«

›Das bemerkst du erst jetzt?‹

»Auch gut, das ist mir tausendmal lieber als ein ständig schnatterndes Frauenzimmer, das den Mund erst zubekommt, wenn ihn jemand stopft.«

Ryela unterdrückte den Drang zu schmunzeln. ›Hat er tatsächlich gerade so etwas wie einen Scherz gemacht?‹

»Kannst du schreiben und lesen?« Eine eher sinnlose Frage, denn das konnten nur die wenigsten Frauen, die ihm bekannt waren.

Ryela schüttelte den Kopf. ›Wieso? Ist das so wichtig?‹

»Das dürfte unsere Verständigung um einiges erschweren.«

›Ach so, darauf wolltest du hinaus.‹

»Wo kommst du her? London? Bristol? Edinburgh?«

Nachdem er die erste Stadt genannt hatte, nickte sie heftig.

»Aus London also, aha«, murmelte Heath und trank seinen Becher leer. ›Kein Wunder, dass du nichts mit Feldarbeit am Hut hast. Womöglich kannst du nicht mal einen Pfifferling von einem Fliegenpilz unterscheiden.‹

Ryela nickte.

»Kannst du eine Kuh melken?«

Sie schüttelte den Kopf. ›Ich kann es höchstens versuchen.‹

Callahan schob seinen leeren Teller beiseite. »Es wird höchste Zeit, dass du was lernst, und dich endlich einmal nützlich machst.« ›Wieso musste ich mir auch ausgerechnet eine Stadtpflanze ans Bein binden?‹ »Zieh das Kleid an, das dort auf dem Bett liegt. Vielleicht ist es noch ein bisschen zu weit, aber du solltest nicht länger in einem Männerhemd herumlaufen.« ›Deine nackten Beine müssen endlich bedeckt sein.‹

Ryela dankte ihm mit einem kleinen Lächeln. ›Du glaubst gar nicht, welche Freude du mir damit bereitest!‹

»Wenn du dich umgezogen hast, komm in die Scheune.« Heath stand auf und ging.

›Du lässt mich hier plötzlich allein und hast nicht mehr die Befürchtung, dass ich fliehen könnte? Und weshalb hast du es dir anders überlegt und mich heute Nacht zurück in die Hütte geholt?‹ Während Ryela darüber nachdachte, hielt sie sich das schlichte, aber wunderschön geschnittene Arbeitskleid an den Körper. ›Seit wie vielen Monaten hatte ich kein Kleid mehr an? Seit viel zu vielen.‹ Mit strahlenden Augen strich sie über den weichen Baumwollstoff und sputete sich dann, es anzuziehen. Heath hatte recht, es war noch etwas weit, besonders an der Taille und um den Brustkorb. ›Aber irgendwann werde ich perfekt hineinpassen. An der Länge ist zumindest keine Änderung nötig.‹

Heath biss die Zähne zusammen, als sie in ihrem neuen Gewand die Scheune betrat. Vor ein paar Jahren war es noch Ferns Kleid gewesen. Sie hatte darin sehr viel besser ausgesehen. Callahan hätte sich schwarzärgern können, nicht bereits im Vorfeld an passende Kleidung für seinen Sträfling gedacht zu haben. Stattdessen war er gezwungen gewesen, die Kiste seiner Frau zu durchforsten, obwohl diese sein Heiligtum war. Doch was nützten Kleider in einer Truhe, wenn sie an anderer Stelle mehr Nutzen brachten? ›Irgendwann werde ich mich schon an den Anblick gewöhnen.‹

Ryela hockte auf dem Schemel und wusste nicht, wohin mit ihren Händen. Die Kuh, vor deren Euter sie saß, stand zwar im Moment still, doch würde das auch noch so sein, wenn Ryela sie berührte?

»Es ist eigentlich ganz simpel«, sagte Heath. Er stand hinter ihr und beugte sich nun so nahe herunter, bis sein Kopf auf selber Höhe mit Ryelas war. Ohne Vorwarnung nahm er ihre Hände in die seinen. »Du muss Daumen und Zeigefinger an dieser Stelle der Zitze zusammendrücken und gleich darauf ballen. So.«

Ryela hielt die Luft an, während er ihr, so völlig ohne Distanz, das Melken erklärte. Sie versteifte nicht nur ihre Körperhaltung, sondern gleichzeitig auch die Finger.

»Nein, so wird das nichts. Du musst locker sein. Melke mit Gefühl.« ›Himmel, kann man denn noch verkrampfter sein?‹

Seine Bartstoppeln kratzten über ihre Wange. Für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte sie einen anderen Mann als Heath Callahan hinter sich zu haben und sprang abrupt vom Schemel. Ihr Herz raste vor Schreck. Langsam begriff Ryela, dass dieser andere Mann nicht hier war. Nur ihr völlig irritierter Herr stand vor ihr.

»Versuch es allein«, befahl er in einem Ton, der keine Widerrede erlaubte. ›Weshalb nur sprichst du nicht?‹

Mit Knien so weich wie Butter und zitternden Händen, rückte sich Ryela erneut in die richtige Position. Heath war einen Schritt von ihr zurückgewichen und hatte die Arme vor seiner breiten Brust verschränkt. Nun konnte sie sich weit besser auf ihr Tun konzentrieren und schon bald spritzte ein Strahl weißer Milch in den Eimer zwischen ihren Füßen.

›Sie mag es nicht, wenn man ihr zu nahe kommt. Natürlich nicht, sie wurde allem Anschein nach misshandelt. Ist sie deswegen als Sträfling in die amerikanischen Kolonien verschifft worden? Hat sie ihren Peiniger umgebracht?‹ Sollte diese schmale Person, deren Schultern zierlich waren wie die eines Rehs, tatsächlich eine Mörderin sein? Nein, nicht sie. Oder doch? Callahan zweifelte zum ersten Mal im Leben an seiner Menschenkenntnis. ›Aber wie soll ich dich auch beurteilen, wenn kein einziges Wort deine Lippen verlässt?‹

Er stand nach wie vor mit verschränkten Armen da. Ryela hatte es geschafft, so viel zu melken, wie die Kuh hergab. Sie reichte ihm das Ergebnis, doch er schien irgendwie in Gedanken versunken zu sein. Nach ein paar Sekunden hatte er sich allerdings wieder gesammelt und nahm ihr den Eimer ab. »Ich denke, wie man Butter macht, werde ich dir ebenfalls beibringen müssen.«

Das tat Heath, und Ryela zeigte sich als recht gute Schülerin. Jeden Handgriff verinnerlichte sie so gut es ging.

»In zwei Tagen beginnen wir dann mit dem eigentlichen Buttern. So lange muss die Milch stehen.«

Bis es Zeit für ein Mittagessen wurde, zeigte ihr Heath wo die Hühner untergebracht waren, wie sie mit ihnen umzugehen hatte, um möglichst schnell an die Eier heran zu kommen und wie und womit die einzelnen Tiere gefüttert wurden. Bevor sich der Tag zur Mitte neigte, misteten sie noch gemeinsam die Ställe aus.

»Zeit für eine kleine Stärkung. Du musst zunehmen, sonst wird dir die Kälte in ein paar Wochen zu viel abverlangen. Und ich brauche dich in gutem Zustand, damit ich mir sicher sein kann, dass die Hausarbeit nicht auch noch an mir hängen bleibt.«

›Wieso hast du keine Frau, die diese Aufgabe übernimmt?‹ Ryela folgte ihrem Herrn wie ein Schatten in die Hütte. Es gab nicht viel zum Mittag, aber dennoch mehr als auf der Mary Jane für den gesamten Tag.

»Ich werde mich jetzt aufs Feld begeben. Von dir verlange ich, dass die Hütte glänzt, wenn ich nachher zurückkehre. Und ich denke, ein einigermaßen genießbares Abendessen wäre ebenfalls nicht zu viel verlangt. Vorräte findest du im Schrank. Ach, und Gewürze stehen dort oben auf dem Regal«, setzte er mit einem vielsagenden Blick hinzu. Seinen Hut aufsetzend, öffnete Callahan die Tür und trat ins Freie. Dann kam er noch einmal zurück und steckte den Kopf hinein. »Ehe ich es vergesse: Ich wäre froh, wenn bei meiner Rückkehr das Haus noch stehen würde.« Sich an den Hut tippend verschwand er endgültig.

›Idiot. Was bildest du dir eigentlich ein?‹ Am liebsten hätte Ryela ihm ihren leeren Teller hinterhergeworfen. ›Und doch gehörst du zu dem sehr geringen Teil der Männer, denen ich nicht die Pest an den Hals wünsche.‹

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