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SEAL Team 12 – Gebrochene Versprechen

Inhalt

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Über dieses Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

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5

6

7

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9

10

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12

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20

Danksagung

Weitere Titel der Autorin bei beHEARTBEAT

SEAL Team 12 – Aus dem Dunkel

SEAL Team 12 – Gebrochene Versprechen

SEAL Team 12 – Geheime Lügen

SEAL Team 12 – Bittere Vergangenheit

SEAL Team 12 – Gefährliche Suche

SEAL Team 12 – Im letzten Augenblick

Über dieses Buch

Der Verräter ist mitten unter ihnen …

DIA-Agentin Hannah Geary will Rache! Ein Verräter in den Reihen der Navy hat ihren Partner getötet und sie ins Gefängnis gebracht. Der Schuldige ist noch immer auf freiem Fuß und in zwielichtige Waffengeschäfte verstrickt. Um ihm das Handwerk zu legen, ist Hannah auf die Hilfe des Militärs angewiesen. SEAL Luther Lindstrom entdeckt schon bald eine heiße Spur, und zusammen eröffnen sie die Jagd. Zum ersten Mal seit Langem wird Hannah nicht nur von Rachegedanken beherrscht, denn der attraktive SEAL weckt verwirrende Gefühle in ihr …

eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

Über die Autorin

Marliss Melton hat fast überall in der Welt gelebt, da ihr Vater Diplomat war. Ihr Mann ist aus der Marine ausgeschieden. Sie nutzt ihre Weltkenntnis und ihre Militärkontakte, um realistische und aufrichtige Romane zu schreiben.

MARLISS MELTON

SEAL Team 12

GEBROCHENE VERSPRECHEN

Aus dem amerikanischen Englisch
von Ralf Schmitz

In Erinnerung an Pat Tillman, der seine Footballkarriere an den Nagel hing, um U. S. Army Ranger zu werden. Dieser unglaubliche Patriot kam am 22. April 2004 bei einem Feuergefecht im Südosten von Afghanistan ums Leben. Er war gerade mal siebenundzwanzig Jahre alt. Wenn Lebensjahre nach Mut, Opferbereitschaft und Hingabe bemessen würden, hätte Pat Tillman jedoch länger gelebt als die meisten. Mit Sicherheit hat er intensiver gelebt.

Für meinen Bruder, dessen stille Integrität sich im Helden meines Buches widerspiegelt.

Prolog

Santiago de Cuba

3. September, 15 Uhr 46

Das hohe Sirren eines Moskitos riss Hannah aus ihrem Drogenschlaf. Sie setzte sich auf, ihr pochte das Herz in der Erwartung höchster Gefahr, ihr Körper war schweißgebadet. Sie fand sich allein und desorientiert in einem Raum, den sie ganz allmählich deutlicher erkennen konnte.

Wo bin ich?

Abgesehen von dem Moskito und dem Trommeln ihres Herzschlags hörte sie nur, wie draußen vor dem vergitterten Fenster der Regen niederprasselte. Sie hatte das Bewusstsein zuvor schon einmal wiedererlangt, lange genug, um unter sich die schwankenden Bewegungen eines Boots wahrzunehmen. Doch davon spürte sie nun nichts mehr. Offenbar befand sie sich wieder an Land.

Schwach vor Hunger und Durst schwang Hannah die Beine über die Bettkante. Die Drogen, die ihren Organismus verseuchten, bewirkten, dass die Wände näher rückten, der Boden sich nach oben hob und gegen ihre bloßen Fußsohlen prallte. Sie hielt still, bis diese unliebsame Wirkung nachließ.

Sie saß in einer trostlosen Zelle zwischen vier steinernen Wänden, einer Tür und einem Fenster. Die Pritsche, auf der sie hockte, war mit Ketten an der Wand hinter ihr aufgehängt. Nahebei gab es einen primitiven Abort, von dem ein übler Gestank aufstieg.

Warum bin ich hier? Was ist passiert?

Hannah presste die Finger gegen ihre feuchtkalte Stirn und versuchte, gegen die plötzlich aufsteigende Übelkeit anzudenken. Erinnerungen schossen ihr durch den Kopf: Wie sie im Rückspiegel ihres Mustangs einen braunen Lieferwagen mit einem glänzenden Kühlergrill näher kommen sah und sich eine Frau mit flammend rotem Haar aus dem Beifahrerfenster beugte und mit einem Gewehr auf sie zielte. Pop! Der gedämpfte Schuss traf einen der Hinterreifen von Hannahs Wagen. Sie umklammerte das Lenkrad und versuchte, das Auto unter Kontrolle zu halten.

Damit war ihr Versuch, die Behörden zu verständigen, vereitelt. Aus Rache stieg Hannah wütend auf die Bremse, worauf der Transporter krachend auf ihren Wagen auffuhr. Crash!

Der Mustang war noch in Bewegung, als sie die Fahrertür aufstieß und hinaussprang. Wenn sie nicht schleunigst wegkam, würden diese Leute sie umbringen, genau wie sie es mit ihrem Kollegen getan hatten. Doch sie lief einem Riesenkerl mit hellen Augen in die Arme, der offenbar schneller in die Gänge gekommen war als sie. Er packte sie, sein Griff war wie ein Schraubstock, und drückte ihr einen feuchten Lappen aufs Gesicht. Hannah hielt die Luft an, doch während sie sich zu befreien versuchte, stiegen ihr beißende Chloroformdämpfe in die Nase. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie die Frau sich mit Spezialwerkzeug in der Hand zu dem Hinterreifen des Mustangs hinabbeugte. Sekunden später hatte sie ihn geflickt und aufgepumpt, stieg dann in das Auto und fuhr davon. Der Mann drängte Hannah in den Laderaum seines Transporters. Ihr war klar, dass er sie töten würde, weil sie zu viel wusste.

Bloß dass sie nicht tot war … jedenfalls noch nicht.

Statt sie zu töten, hatte er ihr eine Spritze verpasst und sie auf ein Boot verfrachtet, das endlos auf stürmischer See dahinschaukelte.

Hannah stand mit unsicher zitternden Knien auf. Damit der Raum nicht vor ihren Augen schwankte, musste sie sich mit beiden Händen den Kopf halten. Da entdeckte sie zwei Schüsseln vor der Tür auf dem Boden stehen und schlurfte darauf zu.

In einer war Wasser, in der anderen Reis. Sie sank auf die Knie und sog das Wasser in ihren ausgetrockneten Mund. Den Reis aß sie mit mehr Bedacht und betete, dass ihm nicht mehr von den Drogen beigemischt waren, die sie – wie lange eigentlich? – bewusstlos gehalten hatten.

Schon seit Tagen.

Während sie kaute und schluckte, prüfte sie die Tür vor ihr. Sie bestand aus Edelstahl, war fest in der Wand verankert und hätte gut in eine Schweizer Bank gepasst, mal abgesehen von der Klappe, durch die man ihr vermutlich ihr Essen hingeschoben hatte. Ein Blick hindurch offenbarte auf der anderen Seite einen verlassen daliegenden, weiß getünchten Korridor.

Als sie die Schüsseln geleert hatte, kam Hannah auf die Beine und wollte herausfinden, wo sie war. Sie ging zum Fenster und sah hinaus. Regen prasselte auf das, was sie für einen zwei Stockwerke tiefer liegenden, gefliesten Innenhof hielt. Die Vegetation in Gestalt von Bougainvillea hatte das Areal fest im Griff. Kreuz und quer wuchsen Ranken über den altertümlichen Hof und schienen etwas zu strangulieren, das früher mal ein Brunnen gewesen war. Im Schatten eines Eingangs standen zwei lateinamerikanisch aussehende Männer in Kampfanzügen. Beide trugen Gewehre bei sich. Hannah war offenbar in so etwas wie einer alten Festung eingesperrt.

Jenseits der Mauer fegte der strömende Regen über ein turmalingrünes, breites, tiefes und wie ein Hufeisen geformtes Gewässer. In Anbetracht der eigentümlichen Farbe des Wassers und der den Sandstrand säumenden Palmen konnte sie sich irgendwo in der Karibik oder sogar in Äquatornähe an der Pazifikküste befinden. Protzige Hotels auf der anderen Seite der Bucht verrieten, dass es in dieser Gegend Tourismus gab. So nah und doch so fern kündeten sie höhnisch von Freiheit.

Hannah fröstelte trotz der drückenden Schwüle. Wenn sie nach drei Jahren des Studiums von Satellitenbildern und topografischen Karten nicht herausfinden konnte, wo sie war, würde sie auch sonst niemand hier aufspüren, selbst wenn es gelänge, die Verkettung bizarrer Ereignisse zu rekonstruieren, die sie hierher gebracht hatte.

Sie hätte genauso gut über den Rand der Welt gefallen sein können.

1

Naval Air Station Annex Dam Neck

Virginia Beach

16. September, 20 Uhr 12

»Wir werden uns das nicht gefallen lassen«, versicherte Luther seinen Untergebenen.

Die aus vier Männern bestehende SEAL-Einheit saß auf der Veranda des Shifting Sands Club, im Hintergrund verdüsterte sich der Himmel und die Wellen des Atlantiks schlugen an den Strand. Durch die Fenster des Restaurants drang Gelächter und das Klirren von Geschirr. Das über dem Meer tobende Gewitter hatte bis auf die SEALs alle nach drinnen vertrieben. Aus dem Restaurant hinter ihnen fiel gerade genug Licht, dass Luther jeden Einzelnen der um den steinernen Verandatisch Versammelten erkennen konnte. Chief Westy McCaffrey hatte sich in Vorbereitung auf seinen Einsatz in Malaysia einen Vollbart zugelegt. Teddy »Bear« Brewbaker war ein schwarzer Marineunteroffizier und ebenso breit wie hoch. Und Vinny De Innocentis, genannt der Pate und gerade mal neunzehn Jahre alt, besaß eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem jungen Al Pacino.

Luther Lindstrom war der OIC, der Kommandierende Offizier der Einheit. Als Vollblutamerikaner und Überflieger aus der oberen Mittelschicht von Houston hätte Luther bis zum heutigen Tag geschworen, dass Uncle Sam nichts falsch machen konnte, doch angesichts der Erkenntnisse des Navy CIS war er auf schwindelerregende Weise seiner Illusionen beraubt worden.

»Ein verdammtes Vertuschungsmanöver«, erklärte Westy und trank einen Schluck Bier.

Was sonst? Vor einer Woche war ihnen von Admiral Johansen versichert worden, dass Commander Lovitt sich für das Fiasko an Bord der USS Nor’easter würde verantworten müssen, doch dann hatte der NCIS von seinen Ermittlungen Abstand genommen und den falschen Mann beschuldigt.

Und jetzt sollte ihr Zugführer, Lieutenant Gabe Renault, alias Jaguar, für die Verbrechen angeklagt werden, für die in Wahrheit Commander Lovitt verantwortlich war.

»Die Navy will einen Skandal vermeiden«, stimmte Luther zu.

»Wie sollen wir beweisen, dass Commander Lovitt Jaguar umbringen wollte?«, schimpfte Teddy. »Überlegt doch mal. Alle sind tot.« Er hob eine fleischige Hand und begann, die Toten an seinen Fingern abzuzählen. »Der DIA-Beamte, der seine Nase vor einem Monat in die Sache gesteckt hat, starb bei einem Autounfall. Der zweite, der uns das Notizbuch beschaffen sollte, wurde nicht mehr gesehen. Danach hat sich sein Executive Officer eine Kugel in den Kopf geschossen. Wen haben wir noch?«

Niemanden, dachte Luther. Lovitt hatte ganze Arbeit geleistet und seine Spuren verwischt, bloß Jaguar hatte er nicht so einfach kaltmachen können. Dessen Erinnerungsvermögen war allerdings aufgrund von Posttraumatischen Belastungsstörungen getrübt.

»Aber, Scheiße, wir können doch nicht bloß hier herumsitzen!«, rief Vinny aus und schlug auf den Tisch.

Luther massierte sich die verspannten Nackenmuskeln. Er wollte auch nicht mitansehen, wie Jaguar für die von Lovitt verursachte Katastrophe verknackt wurde, doch auf welche Weise konnten sie beweisen, dass der Commander zur Verantwortung zu ziehen war, wenn nicht durch ihre Zeugenaussagen, die das NCIS jedoch offensichtlich ignoriert hatte?

»Sir.«

Luther blickte auf. Da stand Sebastian León, der zur Überraschung aller vier Männer unversehens aus der Dunkelheit aufgetaucht war. Der Master Chief des SEAL-Teams 12 besaß die Gabe, immer dann aufzutauchen, wenn er am dringendsten gebraucht wurde. Luther hoffte, dass dem auch jetzt so war.

Sebastian salutierte kurz und ließ sich neben Vinny auf die Bank fallen. »Ich habe Neuigkeiten«, sagte er. Wegen seines wie immer ausdruckslosen Gesichts konnte man unmöglich vorhersagen, ob es sich um gute oder schlechte Nachrichten handelte. »Das FBI glaubt, Hannah Geary gefunden zu haben«, teilte er in einem Englisch mit, in dem ein leichter Akzent mitschwang. »Sie wollen, dass wir helfen, sie rauszuholen.«

Die Männer wechselten kurz Blicke.

»Rausholen? Also lebt sie noch?«, fragte Vinny erstaunt.

»Ja, sie lebt«, bekräftigte Sebastian. »Wo sie ist, wollte man mir aber nicht verraten.«

Luther hatte früher schon mit dem FBI zusammengearbeitet. »Wer leitet die Ermittlungen?«, wollte er wissen, weil er sich fragte, ob sie rein zufällig oder mit Vorbedacht um Hilfe gebeten wurden.

»Einer ihrer Topleute. Special Agent Valentino.«

Luther zog die Augenbrauen hoch. Valentino war eine Legende, seit er riesige Drogenkartelle gesprengt und zwei Unberührbare aus der italienischen Mafia dingfest gemacht hatte. Warum sollte er sich für das Verschwinden einer einzelnen Frau interessieren?

»Ich bin dabei«, meldete sich der stets rastlose Westy. »Bis zu meinem nächsten Einsatz bleiben mir noch zwei Wochen.«

»Ich begleite Sie, Chief«, sagte Luther. »Ich würde dem FBI gern einen Floh ins Ohr setzen, falls da nicht schon längst einer drinsitzt.«

»Das sind die Kontaktinformationen, Sir.« Sebastian gab Luther ein zusammengefaltetes Blatt Papier.

»Hey, wenn wir Gearys Zeugenaussage kriegen, haben wir womöglich was in der Hand, um Jaguar reinzuwaschen«, folgerte Vinny.

Luther rechnete fest damit. In seinem Kopf nahm eine Strategie Gestalt an. Er ließ sich einen Moment Zeit, um das Ganze zu durchdenken. »Okay, Leute, wir gehen folgendermaßen vor: Westy und ich spüren Geary auf und bringen sie hierher, damit sie für uns aussagen kann. Master Chief, Sie und Vinny müssen in die Wohnung des Executive Officer einbrechen und dort nach Beweisen dafür suchen, dass Miller sich nicht selbst umgebracht hat.«

»Ich würde das lieber allein machen, Sir«, sagte der Master Chief leise. SEALs gingen stets zu zweit oder in kleinen Gruppen vor, niemals allein. Luther sah Sebastian fragend an.

»Wir könnten uns alle vor Gericht verantworten müssen, wenn Jaguar verurteilt werden sollte«, erklärte dieser. »Da genügt es im Moment, wenn einer von uns die Grenzen überschreitet.«

Da war etwas dran, und da Sebastian den höchsten Rang innehatte, den man als Matrose erreichen konnte, wäre schon ein Kongressbeschluss erforderlich, um ihm seine Pensionsansprüche zu streichen. »Sie haben recht«, nickte Luther und wandte seine Aufmerksamkeit Teddy zu. »Teddy, Sie und Vinny halten bei den Special Operations die Stellung, während Westy und ich im Einsatz sind.«

»Jawohl, Sir«, brummten beide, fraglos enttäuscht, weil sie nicht aus dem Büro herauskamen.

Ein Blitz erhellte die entschlossenen Gesichter der Männer, gefolgt von Donnergrollen über ihnen, und ein Regentropfen klatschte auf Luthers Wange. »Wir machen alle jeden Abend Meldung. Jaguars Verhandlung beginnt am Freitag. Ich möchte, dass Sie alle um null achthundert in Galauniform im Gerichtsgebäude aufschlagen. Noch Fragen?«

Die Männer sahen einander an. »Nein, Sir.«

»Machen wir Schluss für heute.« Nun, da sie einen Plan hatten, konnte Luther es nicht abwarten, die Kugel ins Rollen zu bringen. Er stand auf und überragte so seine Kameraden.

Als der einzige anwesende Offizier fühlte er sich den Mitgliedern seines Teams ebenso verpflichtet wie Jaguar, der als Zugführer sein unmittelbarer Vorgesetzter war. »Jaguar wird für diese Sache nicht in den Bau gehen, Jungs«, versicherte er seinen Kameraden und sah mit festem Blick in die Runde. »Ich hole Sie um null vierhundert ab, Chief«, fügte er an Westy gerichtet hinzu, bevor er sich abwandte.

»Gute Nacht, Sir«, riefen die Männer.

Luther lief die Stufen zum Parkplatz hinunter. Als er in seinen Ford F150 sprang, ging der Regen erst richtig los. Die Scheibenwischer schwangen im höchsten Tempo hin und her, während er zu seinem in der Vorstadt gelegenen Mietshaus im Ranchstil fuhr. An kostspielige Bleiben war für Luther nicht zu denken, jedenfalls nicht mehr. Nach seinem Abschied von der NFL hatte er seinen privilegierten Lebensstil aufgeben müssen. Als er in seine Auffahrt bog, registrierte er die abgedunkelten Fenster und zog eine Flunsch. Niemand wartete auf ihn, aber hey, das war okay so. Seit er Veronica den Laufpass gegeben hatte, konnte er wenigstens wieder hoch erhobenen Hauptes durchs Leben gehen. Immer noch besser, alleine zu sein, als sich zum Narren halten zu lassen. Den Fehler würde er nicht noch einmal machen.

Er hastete zum Eingang und wandte den Blick von dem fast leer geräumten Wohnbereich ab, als er Licht machte. Seine Exverlobte hatte, abgesehen von dem lodengrünen Sofa, das zu schwer war, um es von der Stelle zu bewegen, sämtliche Möbel mitgenommen.

Er kickte seine Turnschuhe weg und streifte das feuchte T-Shirt ab. Es war eine Affenschande, dass Jaguar im Bau saß, aber irgendwie war Luther auch dankbar dafür. So konnte er seine Energie darauf verwenden, Lovitts Niederträchtigkeit und Jaguars Unschuld zu beweisen, was eindeutig besser war, als in seinem verwaisten Haus herumzutigern und sich zu fragen, an welchem Punkt seine Heiratspläne aus dem Ruder gelaufen waren.

Ronnie war hübsch gewesen, gebildet und kam aus einer intakten Familie. Woher hätte er wissen sollen, dass die körperliche Anziehung verpuffen und diese Frau sich mit anderen Kerlen einlassen würde, sodass er wie ein Idiot dastand? Seine Absicht, ein normales, einfaches Leben zu führen, war von Ronnies Kompliziertheit untergraben worden.

Wenn er sich jemals wieder verlobte, würde er sichergehen, dass seine Zukünftige etwas auf dem Kasten hätte, aber keinesfalls schwierig wäre, sondern eine vernünftige Frau mit Sinn fürs Praktische und häuslichen Träumen.

Er hasste es, wenn ein gut durchdachter Plan schiefging.

FBI Hauptquartier

Washington, D. C.

17. September, 10 Uhr 42

Special Agent Rafael Valentino sah kein bisschen so aus wie der abgebrühte FBI-Agent, den Luther sich vorgestellt hatte. Er trug einen schwarzen Rollkragenpullover zu einem silbergrauen Armani-Anzug. Sein grau meliertes, ebenholzschwarzes Haar war von der breiten Stirn zurückgekämmt, wodurch sein Aussehen eher an den berühmten NBA-Trainer Pat Riley erinnerte als an einen Veteranen des NYPD, der er dem Messingschild an der Wand hinter seinem polierten Schreibtisch zufolge tatsächlich war.

»Setzen Sie sich«, bat Valentino mit gedämpfter Baritonstimme.

Luther und Westy nahmen auf eleganten Ledersesseln Platz, während Valentino bedächtig die Aktenstapel auf seinem Schreibtisch durchging. Der Mann musste auf die vierzig zugehen, doch abgesehen von den grauen Strähnen wirkte er deutlich jünger. »Ich habe hier eine Aussage, die Ihr Master Chief gegenüber der Militärpolizei in Quantico gemacht hat, nachdem Miss Gearys Fahrzeug dort gefunden worden war«, sagte er leise. Er schlug eine Akte auf und blätterte darin. »Offenbar war Miss Geary mit Informationen nach Quantico unterwegs, die Ihren Commander mit Waffendiebstahl in Verbindung brachten?«

»Richtig«, antwortete Luther.

Valentino lehnte sich gegen die hohe Rückenlehne seines thronartigen Sessels und sah aus seinen dunklen, undurchdringlichen Augen zuerst Luther und dann Westy an. Luther hatte den deutlichen Eindruck, dass der Mann ihren Charakter einschätzte. »Ich werde Ihnen nun etwas verraten, das innerhalb dieser vier Wände bleiben muss«, teilte er ihnen dann mit.

Luther hielt die Luft an.

»Uns ist bekannt, dass Ihr Commander Waffen gestohlen hat.«

Erleichterung kam in Luther auf, wurde jedoch durch Valentinos nächste Worte gleich wieder zunichtegemacht.

»Aber fürs Erste müssen wir ihn gewähren lassen. Wir wollen den Mann, für den er arbeitet – eine Person, die sich selbst ›das Individuum‹ nennt.«

Was du nicht sagst! Luther warf Westy, in dessen blauen Augen ein Funkeln lag, einen erstaunten Blick zu.

»Das Individuum beliefert diverse politische Gruppierungen in der ganzen Welt«, fügte Valentino hinzu. »Die gestohlenen Waffen gelangen in Nigeria, Haiti und im Jemen in die Hände unberechenbarer Splittergruppen. Ich bin sicher, Sie begreifen, wie gefährlich das ist.«

»Absolut«, sagte Luther. Kaum zu glauben, dass Lovitt bei derartigen Machenschaften die Hände im Spiel hatte. Wäre es nicht großartig, wenn sie das belegen könnten? »Ich nehme an, Sie haben Beweise dafür, dass Lovitt darin verwickelt ist?«, wollte er wissen und fragte sich zugleich, was er tun musste, um ihn in die Finger zu kriegen.

Valentino sah ihn nur an. »Wir haben eine E-Mail abgefangen, die wir bis zu Lovitts IP-Adresse zurückverfolgen konnten. Darin geht es um eine bestimmte zur Verschiffung bereite Fracht. Aber fürs Erste behalte ich diesen Hinweis für mich.«

»Wer ist das Individuum?«, fragte Westy geradeheraus, wie es seine Art war; er hasste lange Wortwechsel.

»Tut mir leid«, gab Valentino mit ausdrucksloser Miene zurück. »Unsere Ermittlungen haben einen kritischen Punkt erreicht. Da kann ich mir keine undichte Stelle erlauben.« Er zog einen zweiten Stapel Papiere zu sich heran. »Aber ich kann Ihnen verraten, dass das Individuum Miss Geary kennt. Möglicherweise ist das der Grund, warum sie noch am Leben ist.«

Aber … Luther sah Westy an. Sie hatten angenommen, Lovitt sei für das Verschwinden der Frau verantwortlich.

»Einer der Käufer des Individuums ist ein Kubaner, ein potenzieller Revolutionär namens Pinzón. Nach unseren Erkenntnissen hält er auf seinem in Santiago gelegenen Stützpunkt eine Amerikanerin fest.«

Luther hob die Augenbrauen. »Santiago … Kuba?«

»Richtig.«

»Wie ist Geary denn von Quantico nach Kuba gelangt?«, fragte er konsterniert.

»Sie war nie in Quantico. Wir haben eine Weile gebraucht, bis uns das klar wurde«, gab der FBI-Agent zu. »Vor allem weil die Wachen in Quantico sich daran erinnern konnten, eine Rothaarige in einem grünen Mustang durchgewunken zu haben. Erst als wir in Erwägung zogen, dass diese Frau nicht Miss Geary war, ergaben sich auch andere Richtungen für unsere Ermittlungen.«

Er schlug eine weitere Akte auf und las daraus vor. »Am 29. August um 14 Uhr 23 berichteten Autofahrer der State Police von einer Verfolgungsjagd auf der Interstate 95 südlich von D. C. Spätere Anrufer meldeten einen Unfall mit mindestens einem Verletzten, in den ein Kleintransporter und ein Mustang verwickelt waren.« Er blickte auf. »Wir vermuten, dass Miss Geary zu diesem Zeitpunkt in dem zweiten Fahrzeug entführt wurde. Ihr Wagen wurde später in Quantico sichergestellt, er hatte einen geflickten Hinterreifen und wies Anzeichen eines erst vor Kurzem erfolgten Zusammenstoßes auf.

Die Spur verlief sich, bis die Polizei von Occoquan uns Videoaufnahmen von einem Mann vorlegte, der eine Frau, zu der Miss Gearys Beschreibung passte, auf eine gestohlene Yacht verschleppte. Bei diesem Mann handelte es sich um Misalov Obradovic.« Valentino entnahm der Akte zwei Fotografien und schob sie über den Schreibtisch, damit die beiden SEALs prüfend einen Blick darauf werfen konnten.

Westy blickte missmutig auf das Foto des Mannes. »Kommt mir bekannt vor.«

»Das sollte er auch«, sagte der FBI-Agent. »Obradovic ist ein serbischer Auftragsmörder. Er und seine Frau standen jahrelang ganz oben auf unserer Fahndungsliste. Mit einer Perücke sieht seine Frau Miss Geary ähnlich genug, um mit ihrem Ausweis in Quantico durchzukommen. Wir glauben, sie hat den Wagen dagelassen, um uns in die Irre zu führen.«

Luther prägte sich die Züge der versteinert dreinblickenden Verbrecher ein. Hannah Geary ist bestimmt vor Angst durchgedreht, überlegte er, als er über sie nachdachte.

»Was die Yacht angeht, ist es mir gelungen, ihren Weg mithilfe kommerzieller Satellitenbilder und des Schiffsfunkverkehrs zu verfolgen. Alles weist auf den Zielort Santiago hin.«

»Warum schicken Sie nicht Ihre eigenen Leute hin, wenn Sie wissen, wo sie ist?«, fragte Luther. Es musste einen Grund dafür geben, dass Valentino sich ausgerechnet an sie gewandt hatte.

»Weil ich schon mal so weit war«, gab dieser zu und legte eine elegant wirkende Hand auf die gerade geschlossene Akte. »Das Individuum ist für uns kein Unbekannter; wir wissen seit Jahren von seinen Machenschaften. Als ich ihm das letzte Mal so dicht auf den Fersen war, ist er einfach von der Bildfläche verschwunden. Wenn er Wind davon bekommt, dass ich zum entscheidenden Schlag aushole, bricht er seine Zelte ab, noch ehe ich den Beweis, mit dem ich ihn dingfest machen kann, in der Hand halte. Ich brauche Sie, um meine Ermittlungen zu verschleiern«, kam der FBI-Agent auf den Punkt.

Luther sah ihn lange nachdenklich an. »Einverstanden«, sagte er schließlich, »aber wir wollen eine Gegenleistung. Wenn diese Frau, Geary, noch lebt und wohlauf ist, möchten wir sie uns ausleihen.« Dann fasste er Jaguars Lage zusammen und erklärte, dass Geary ihn womöglich entlasten konnte.

Valentinos nachtdunkle Augen verrieten, dass er alle Möglichkeiten gegeneinander abwog. »Sie bitten mich darum, ihr Wohlergehen in Ihre Hände zu legen«, stellte er klar. »Das Individuum könnte sie jederzeit wieder ins Visier nehmen.«

»Schon klar«, sagte Luther. »Aber ich denke, wir sind in der Lage, auf sie aufzupassen, Sir.« Er warf Westy einen Blick zu, der daraufhin nickte.

Valentino musterte sie mit gesenktem Kopf. »Na schön«, stimmte er schließlich zu. »Wenn Sie Geary aus ihrer gegenwärtigen Lage befreien, kann sie meinetwegen bei Ihnen bleiben, bis meine Ermittlungen abgeschlossen sind. Aber ich bestehe darauf, dass Sie mir regelmäßig Bericht erstatten und mich über ihren Zustand auf dem Laufenden halten.«

»Machen wir«, nickte Luther. »Wo fangen wir an?«

Valentino legte den SEALs eine Karte zur Ansicht vor. Luther erkannte darauf die Ostküste von Kuba und die vertrauten Umrisse von Guantanamo Bay, wo er wegen Combatschießübungen viel Zeit verbracht hatte. Nicht weit von Santiago, am Eingang der Bucht, befand sich ein an ein Fort erinnerndes Gebäude, das Valentino rot eingekreist hatte.

»Gehen wir’s gemeinsam durch«, schlug er höflich vor.

2

Santiago de Cuba

19. September, 02 Uhr 54

Hannah schreckte aus den Fängen eines allzu vertrauten Traums hoch. In feuchtkalten Schweiß gebadet und mit immer noch rasendem Herzen setzte sie sich auf ihrer Pritsche auf. Wenn sie die Augen schließen würde, fiele sie auf der Stelle wieder in den Albtraum zurück.

In gewisser Weise schien der Unfall, bei dem ihre Eltern vor drei Jahren ums Leben gekommen waren, erst gestern passiert zu sein. Gleichzeitig hatte es sich bei diesen drei Jahren um die längsten ihres Lebens gehandelt. Sie strich sich mit zitternden Fingern die Haare aus dem verschmierten Gesicht und blickte sich um.

Der daumennagelgroße Mond vor ihrem Fenster verriet ihr, dass es schon spät war. Durch das gedämpfte Rauschen der Wellen vernahm Hannah ein Geräusch, das den unerfreulichen Traum in die hintersten Winkel ihres Verstands verbannte und sie schlagartig wacher werden ließ.

Schritte auf dem Korridor. Sie atmete ein, hielt die Luft an und lauschte auf die lauter werdenden Geräusche. Zu ihrer großen Überraschung blieb der Eindringling vor ihrer Tür stehen.

Da wollte ihr wohl jemand einen Besuch abstatten.

Sie legte sich leise wieder hin und tat, als würde sie schlafen.

Als der Riegel quietschend zur Seite geschoben wurde, konnte sie es vor Erwartung in ihren Ohren pochen hören. Die Tür ging auf, und da stand, vor dem Licht aus dem Korridor als Umriss zu erkennen, ein zierlicher Mann in Uniform.

Hannah erkannte in ihm den Kommandanten der Soldaten, die im Innenhof exerzieren mussten. Sie hatte mitbekommen, wie er als General Pinzón angesprochen worden war. Der Mann trug eine Pistole am Gürtel und Schuhe, die so auf Hochglanz poliert waren, dass sie im Dunkeln leuchteten, war aber einen halben Kopf kleiner als sie.

Er hatte keine Chance.

Nun drückte der General sanft die Tür ins Schloss und näherte sich ihrer Pritsche. Der Zweck seines Besuchs wurde klar, als er sich an seinem Hosenstall zu schaffen machte.

Drecksack.

Mit einem Knie stieß er gegen den Bettrand, beugte sich vor und wollte sie betatschen.

Noch nicht …

… jetzt! Sie nahm ihn in den Schwitzkasten und stieß ihm die Finger in die Augen, damit er nichts mehr sehen konnte. Als er zurückwich, trat sie ihm in den Bauch, sodass er erst gar nicht nach seiner Waffe greifen konnte. Er prallte krachend gegen die gegenüberliegende Wand und ging zu Boden.

Hannah stürzte sich auf ihn. Vor ihrem Wechsel zur DIA hatte sie in einem Ausbildungslager der CIA gelernt, wie man den Gegner mit möglichst geringem Kraftaufwand außer Gefecht setzte. Doch im Dunkeln und während Adrenalin durch ihren Kreislauf rauschte, landete sie den Hieb, der ihn seitlich am Hals treffen sollte, mit voller Wucht genau in der Mitte.

Knirsch. Die Knorpel in seinem Kehlkopf knackten. Sein Mund klaffte auf. Er griff sich an den Hals und schnappte vergeblich nach Luft. Bevor er auf die Idee kam, damit auf sie zu schießen, schnappte sich Hannah seine Knarre.

Dann trat sie zurück und beobachtete entsetzt, dass der Mann wie ein Fisch auf dem Trockenen den Mund auf- und zuklappte. Die Waffe lag kalt und schwer in ihrer Hand. Endlich hörte er auf zu zappeln und lag still. Im Raum war allein ihr flaches Atmen zu hören.

Ich habe ihn getötet, dachte sie. Ich habe tatsächlich ungewollt einen Menschen getötet!

Dann sorgte der Selbsterhaltungstrieb dafür, dass sie sich aus ihrer Lähmung löste und zur Tür lief. Jetzt war keine Zeit, darüber nachzudenken, was sie tun sollte. Sie glitt in den verlassenen Korridor, zog die Tür hinter sich zu, schob den Riegel vor und schloss den General somit ein.

Dann lief sie los.

Einen Flur entlang, der sich im nächsten Moment gabelte. Nachdem Hannah mehrere Gänge hinuntergerannt war, die in Wandnischen endeten, fand sie endlich die Treppe. Zu ihrer Bestürzung standen unten Wachen. Auf sie zu schießen würde zu viel Krawall machen. Sie checkte kurz ihre Munition. Das Magazin war ohnehin leer, die Waffe somit nutzlos.

Also warf sie das Ding in den Treppenschacht und sorgte damit für Aufruhr. Ein Ruf und die Wachen stürmten in den zweiten Stock, doch da Hannah sich in eine Nische gedrückt hatte, liefen sie an ihr vorbei. Sie rannte vollkommen lautlos barfuß hinter ihnen die Stufen hinunter.

Das Summen der Insekten übertönte ihren Spurt zu der außen liegenden Küche, aus der die Geräuschkulisse klappernder Kochtöpfe und laufenden Wassers drang. Als sie an der Küche vorbeihuschte, schrammte sie sich an der Sandsteinmauer den Ellbogen auf.

Nicht so eilig.

Es gab hier weitere Wachen, drei insgesamt, die an dem von Kletterpflanzen überwucherten Brunnen eine Zigarettenpause machten. Konnte sie sich darauf verlassen, dass sie mit ihrem verdreckten Hemd im Dunkeln nicht zu sehen sein würde?

Sie blieb stehen, um wieder zu Atem zu kommen. In dem Moment ertönte aus einem Fenster im zweiten Stock ein Schrei – aus ihrem Fenster, wie sie beim Hochschauen feststellte.

»El general está muerto!«, rief eine Stimme. Der General ist tot!

Und, sieh nur, die Frau ist weg.

Jetzt würde hier alles gleich so hell erleuchtet sein wie die Mall von D. C. an Weihnachten. Das war’s dann wohl mit dem unbemerkten Abgang, den sie im Sinn gehabt hatte.

Als die Soldaten ihre Zigaretten wegwarfen und nach ihren Gewehren griffen, sprintete Hannah zu einem eingestürzten Mauerstück. Kurz vor einem Suchscheinwerfer warf sie sich bäuchlings hin und robbte durch die Vegetation.

Kaum dass sie sicher vorbei war, sprang sie mit schlotternden Knien wieder auf, doch da hörte sie auch schon den gefürchteten Lärm.

»Allí está!« Die zwei verbliebenen Wachen hatten sie entdeckt.

»Alto! Manos arriba!«

Sie vergrößerte ihre Schritte, bei der plötzlichen Anstrengung zitterten ihre Oberschenkel. Um sie herum schlugen Kugeln in die Mauer ein, woraufhin sie noch schneller rannte. Binnen Sekunden erreichte sie die Stelle, an der sie hinüberklettern wollte, sprang hoch und versuchte den Mauerrand zu packen. Doch zu ihrem Entsetzen bröselten die Steine unter ihren Fingern und sie fiel auf ihre Füße zurück.

Die Wachen rannten auf sie zu, hatten zum Glück aber keine Munition mehr. Wieder sprang sie und erwischte eine robuste Ranke. Halt suchend scharrte sie mit ihren bloßen Zehen, doch es war zwecklos. Vor Entsetzen waren ihre Arme wie gelähmt.

Hannah quittierte schluchzend ihre Niederlage und rührte sich nicht mehr. Sie würden sie einfangen und sie wahrscheinlich exekutieren, weil sie ihren Anführer getötet hatte.

Popp. Popp.

Die unerwarteten Laute ließen sie über die Schulter spähen. Sie sah ihre Verfolger flach auf dem Rücken liegen. Tot.

Verblüfft warf sie den Kopf herum. Irgendwer außerhalb des Geländes half ihr bei der Flucht!

Plötzlich schoss eine Hand zwischen den Palmwedeln hervor, gefolgt von einem ganzen Arm und einer kräftigen Schulter. Sie machte ihren Retter am Weißen in seinen Augen aus und erkannte, dass er kaum einen Meter von ihr entfernt auf der Mauer lag. »Nehmen Sie meine Hand!«, befahl er brüsk.

Freudentränen brannten in ihren Augen, als sie sie packte.

Ein Amerikaner! Mit festem, sicherem Griff. Er schüttelte die Palmwedel ab und zog sie zu sich auf die Mauer. Obwohl sie nun direkt neben ihm saß, konnte sie ihn kaum erkennen, denn er war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet und hatte sich das Gesicht angemalt.

»Hannah Geary?«, fragte er knapp. Es klang für sie, als sei er verärgert.

»Ja, wer sind –«

Doch er ließ sie nicht aussprechen, sondern half ihr schwungvoll in die Arme eines Wartenden auf der anderen Seite der Mauer. Anschließend sprang er neben sie in den Sand und hob sie hoch wie ein Feuerwehrmann. Hannah protestierte lautstark, als sie sich unerwartet ein Stück über dem Boden befand.

»Still«, befahl der Kommandosoldat.

»Ich kann selbst gehen!«

»Können Sie auch im Dunkeln sehen?« Er bewegte sich rasch, was sie zu würdigen wusste, denn auf dem Anwesen herrschte inzwischen heller Aufruhr: Es wurde gebrüllt und auch wieder geschossen.

Nein, sie konnte im Dunkeln nichts sehen, er allerdings offenbar schon. Blitzschnell kletterte er den Steilhang hinunter und hielt aufs Wasser zu. Hinter ihnen nahm der Lärm noch zu, denn das Gebrüll hielt an. Dann zuckte ein Lichtstrahl über das Wasser. Was früher als Leuchtfeuer gedient haben mochte, wurde jetzt zu ihrer Verfolgung eingesetzt.

Angst hatte sie jedoch nicht. Der Mann unter ihr bewegte sich geschmeidig mit der Sicherheit eines Hochleistungssportlers. Und sie wusste bereits, dass er bewaffnet war. Während er nun an der Brandung entlangjoggte, legte er rasch eine große Strecke auf dem sichelförmig verlaufenden Gelände zurück.

Schließlich blieb er stehen und stellte sie ins knöcheltiefe Wasser. Der andere Mann stieß ein Schlauchboot über den Strand ins Wasser, woraufhin der große Bursche Hannah hineinhalf.

Als er den Motor startete, klammerte sie sich an den Sitz in der Mitte. Der zweite Mann nahm seinen Platz im Bug ein und los ging’s; sie klatschten auf die Wellen und entfernten sich von dem über den Strand wandernden Lichtstrahl.

Sie stiegen und fielen, nahmen die Wellenkämme im Flug. Hannah hatte nicht gewusst, dass die See in der Bucht so rau war. Bei dem Versuch, sie schwimmend zu durchqueren, wäre sie bestimmt ertrunken.

Der Lärm an Land nahm immer weiter ab. Als schließlich nur das Brummen des Boots übrig geblieben war, stellte ihr Retter den Motor ab und sie glitten durch die Dünung, bis sie auf der Stelle verharrten.

Sie lauschten. Alles ruhig.

Ihr Retter legte einen Schalter an einem Funksender um und bat, irgendeinen Marinecode brabbelnd, darum, wieder eingesammelt zu werden.

»Verstanden. Wir sind in zwanzig Minuten dort. Warten Sie auf uns. Ende.«

Hannah löste ihre steifen Finger vom Bootsrand. »D-Danke«, sagte sie vor Kälte schlotternd.

Er glitt näher. »Sind Sie verletzt?« Mit großen, aber sanften Händen strich er über ihre feuchte Haut.

»Ich glaube, mir geht’s gut«, antwortete sie mit klappernden Zähnen, während das Adrenalin der Eiseskälte des Schocks wich.

»Schmeißen Sie mal ’ne Decke rüber, Westy«, bat der Kommandosoldat und bekam daraufhin ein zusammengerolltes Etwas von seinem Partner zugeworfen, das er auseinanderschlug und um ihre Schultern drapierte. Als Hannah den knittrigen Stoff um sich raffte, wurde ihr auf der Stelle warm.

»Also, was war da drüben los?«, wollte der große Mann wissen. An seiner Verärgerung bestand jetzt kein Zweifel mehr.

»Äh … ich wollte abhauen.«

Er schwieg einen Moment lang. »Drei Stunden später und wir hätten Sie da rausgeholt, ohne dass eine Menschenseele was davon mitbekommen hätte«, eröffnete er ihr.

Hoppla. »Sorry. Ich wusste ja nicht, dass man jemanden schicken würde. Wer genau seid ihr eigentlich?«

»Navy SEALs. Ich bin Lieutenant Lindstrom.« Er streckte eine Hand aus. »Sie können mich Luther nennen. Mein Steuermann ist Chief McCaffrey, aber alle nennen ihn Westy.«

Luther Lindstroms Hand war wunderbar groß und warm. Hannah befahl sich, sie wieder loszulassen, war aber nicht dazu fähig. Sie sah Westy an, dessen Gesicht ebenfalls schwarz angemalt war. Und einen Bart hatte der Mann auch noch. »Team 12?«

»Ja«, bestätigte der Lieutenant und zog seine Hand weg. »Sie haben uns ein Notizbuch zukommen lassen, bevor Sie verschwanden.«

Daran hätte er sie besser nicht erinnert. Hannah senkte die Stirn auf die Knie und umschlang, damit das Zittern nachließ, ihre Beine. Die Erinnerungen an die letzten zwei Wochen schwirrten durch ihren Kopf wie bei einem schrecklichen Diavortrag.

In dem CIA-Camp hatte man sie während einer Scheingefangenschaft auf Entbehrungen vorbereitet, aber verglichen mit den vergangenen zwei Wochen war das ein Kinderspiel gewesen. Nun, da sie in Sicherheit war, lag ihr die Last der Ereignisse schwer auf dem Herzen. Ihrer Kehle entrang sich ein Laut, der peinlicherweise nach einem Schluchzen klang.

Lieutenant Lindstrom legte ihr eine Hand auf den Rücken. »Hey, alles ist gut. Sie sind jetzt bei mir. In absoluter Sicherheit.« Er streifte sie mit seinem muskulösen Oberschenkel.

Sie konnte die Hitze seiner Hand durch ihre schmutzige Bluse auf ihrer Haut spüren. Zu ihrer Schande warf sie sich ihm in die Arme und hängte sich ihm an den Hals. Ein so kompakter Kerl konnte nur echt sein. Sie träumte nicht.

Nach einem Augenblick der Verblüffung zog der Lieutenant sie mit Armen wie Stahlbänder an sich. Unter seinem Taucheranzug blieben die beeindruckenden Ausmaße seines Körpers nicht verborgen: die breite Brust, die schmale Taille, die wie aus Stein gemeißelten Oberschenkel. Hannah erfuhr zum ersten Mal im Leben, was es hieß, zierlich zu sein. Allmählich hörte sie auf zu bibbern. »Alles klar«, sagte sie und zwang sich loszulassen.

Doch er hielt sie fest. Sie seufzte und erschlaffte. Nach der Isolation der vergangenen Wochen hungerte sie nach menschlicher Nähe. Sie schloss die Augen, sein gleichmäßiger Herzschlag lullte sie ein.

»Die Patrouille kommt«, meldete Westy.

Ohne seine Umarmung zu lösen, begrüßte der Lieutenant das herannahende Gefährt mit einem speziellen Signalgeber. Das größere Boot ging mit kaum hörbarem Motor längsseits. Dann half Lindstrom ihr auf eine Leiter, die zu ihnen heruntergelassen wurde.

An Bord des größeren Boots war es stockdunkel. Hannah klammerte sich in der Dunkelheit auf dem ganzen Weg zum Marinestützpunkt Guantanamo Bay an den SEAL, zum Teil über ihr Anlehnungsbedürfnis entsetzt, zum Teil in der Gewissheit, dass er sie verstehen würde.

U. S. Marinestützpunkt Guantanamo Bay

19. September, 09 Uhr 19

Luther gab es auf, weiter an Hannahs Tür zu klopfen, drückte stattdessen ein Ohr dagegen und lauschte. Vielleicht war sie gar nicht da drin.

Sie hatten in Guantanamo weit nach vier Uhr morgens Einzelzimmer bezogen. Wenn man bedachte, wie erledigt die Frau war, mochte sie gut und gern noch einmal zehn Stunden schlafen. Doch da ihr Flug nach CONUS – Continental US oder Kontinentalamerika – in gerade mal zwei Stunden ging, mussten sie sich allmählich darauf vorbereiten.

Aus der Stille in ihrem Zimmer schloss er, dass sie schon auf den Beinen war. Also eilte er mehr als nur ein bisschen besorgt in die Empfangshalle. Durch die Flügeltür aus Glas im hinteren Teil des Gebäudes entdeckte er sie dann, sie saß Westy am Außenpool gegenüber.

Die Szenerie mit dem Pool und dem bunten Sonnenschirm vor dem Hintergrund des Karibischen Meers wirkte wie ein Blatt aus einem Bademodenkalender. So, wie sie da unter dem Sonnenschirm saß, hätte Hannah gut als Model durchgehen können, bloß dass sie anstelle eines Badeanzugs ein pfirsichfarbenes Strandkleid und Sandalen trug, die Westy ihr im Souvenirladen gekauft haben musste.

In der vergangenen Nacht hatte sie in dreckigen Klamotten gesteckt und war pudelnass gewesen. Luther hatte sie fast eine Stunde lang in den Armen gehalten, wobei ein Teil von ihm sich der Tatsache sehr bewusst gewesen war, dass sie sich trotz des Schmutzes hundertprozentig wie eine Frau anfühlte. Sie hatte sich auf typisch weibliche Weise an ihn geklammert, sodass er, obwohl sich nicht alles so reibungslos abgespielt hatte wie geplant, mit seinem Einsatz zufrieden gewesen war.

Bei ihrer Ankunft in Guantanamo hatte er sie im grellen Schein künstlichen Lichts gesehen – eine große, schlaksige Frau mit verfilzten Haaren und einem mit Dreck und getrocknetem Blut verschmierten Gesicht. Sie hatte dermaßen erschöpft gewirkt, dass ihm schon durch den Kopf gegangen war, er müsse sie baden und ins Bett stecken, doch sie hatte ihm höflich die Tür vor der Nase zugeschlagen und dergleichen damit erledigt.

Offenbar hatte sie die Kraft gefunden, sich gründlich zu schrubben, und – um einen Begriff zu verwenden, bei dem seine Mutter wegen seiner mangelhaften Ausdrucksweise immer zusammenzuckte – sich verdammt gut aufgemöbelt.

Von Neugier getrieben schob sich Luther durch die Türflügel, um einen besseren Blick zu haben.

Ihr frisch gewaschenes Haar war kirschrot, der freche Kurzhaarschnitt gab ihren Hals frei. Als sie nun den Kopf in seine Richtung drehte, musste er sich zusammenreißen, damit er nicht über seine eigenen Füße stolperte.

Grüne Augen waren aus einem Gesicht auf ihn gerichtet, das ihm, obwohl es von Sommersprossen übersät war, wie durchsichtig vorkam. Ihre Augenbrauen hatten Schwung, die Nase war schmal, aber kräftig, der Mund breit und selbst ohne Lippenstift rosig.

Die Erkenntnis traf ihn und raubte ihm den Atem, woraufhin Luther ein Anflug von Ärger überkam. Er wollte sich nicht zu Hannah Geary hingezogen fühlen, die mit Sicherheit das komplette Gegenteil der unkomplizierten Frau war, die er suchte. Doch nun hatte er sie mindestens so lange am Hals, bis die Anklage gegen Jaguar fallen gelassen werden würde.

Ganz der Marineoffizier, sprang Westy auf. »Guten Morgen, Sir!«, rief er und klang furchtbar gut gelaunt.

Allerdings würden die Sommersprossen auf Hannahs Nase wohl jeden Mann aufheitern.

»Guten Morgen.« Luther konnte nicht anders, als in ihre Richtung zu sehen. »Hallo.«

»Hi.« Sie beäugte ihn mit unverhohlenem Interesse, als wollte sie ihn mit dem getarnten Soldaten der vergangenen Nacht vergleichen.

»Was dagegen, wenn ich mich dazusetze?«, fragte er Westy, der immer noch stand.

»Ich hole uns was zu trinken.« Mit diesen Worten verschwand Westy und ließ Luther mit der Frau allein, die er in den Armen gehalten hatte, ohne auch nur zu ahnen, wie unglaublich heiß sie war. Entschlossen, ihrer Anziehungskraft zu widerstehen, setzte er sich auf den Stuhl neben ihr.

»Und, wie geht es Ihnen heute?«, erkundigte er sich und entdeckte einen Schnitt an ihrem Hals sowie mehrere Schrammen an ihren bloßen Armen.

»Mir geht’s gut«, antwortete sie. Ihre Stimme klang angenehm rauchig. »Meine Hände haben am meisten abbekommen.«

»Zeigen Sie mal.«

Sie hielt ihm zur Untersuchung die Handflächen hin.

Angesichts der Abschürfungen an ihren zart aussehenden Händen mit den langen, schlanken Fingern erschauerte er widerwillig. »Können Sie eine Faust machen?«, wollte er wissen.

Folgsam ballte sie die Fäuste. »Das wird wieder.« Als sie aufblickte, hatte er das Gefühl, sie könne bis in sein Innerstes schauen.

Für einen peinlich langen Moment war sein Kopf vollkommen leer. »Es war sehr tapfer von Ihnen, einen Fluchtversuch zu unternehmen«, sagte er dann. »Tut mir leid, wenn ich mich deshalb genervt angehört habe.«

»Das verstehe ich«, gab sie mit einem kleinen Lächeln zurück. »Sie wollten niemanden töten.«

Vielleicht besaß sie wirklich die Fähigkeit, in ihn hineinzusehen. »Zu beobachten, wie die auf Sie geschossen haben und Ihnen nicht helfen zu können, war beunruhigend«, erklärte er.

»Das kann ich mir vorstellen. Tut mir leid, dass es so ablief.«

»Schon okay.« Eigentlich war es das nicht. Aber als es darum gegangen war, ob sie selbst sterben würden oder diese Frau, hatte er die einzig richtige Wahl getroffen.

In dem Moment kam Westy zurück und verteilte drei schlanke Gläser mit einem purpurroten Saft. »Papaya, Ananas und Orange«, erläuterte er, als Luther ihn neugierig ansah. »Brauchen Sie mich noch, Sir?«

»Gleich, Chief. Setzen Sie sich und genießen Sie Ihren Saft. Wir müssen uns erst mal unterhalten.«

Während Westy sich hinsetzte, blickte Hannah Luther erwartungsvoll an.

»Miss Geary –«

»Hannah.«

»Hannah.« Er räusperte sich. »Das FBI hat uns nach Santiago geschickt, um Sie zu befreien.« Er wischte das Kondenswasser von seinem Glas ab. »Wir haben uns vor allem deshalb darauf eingelassen, weil wir an den Informationen interessiert sind, die Sie uns ursprünglich zukommen lassen wollten und ohne die Lieutenant Renault bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt.«

Sie zog bekümmert die Augenbrauen zusammen. »Als ich das letzte Mal mit Ihrem Master Chief gesprochen habe, wollte Lieutenant Renault gerade zu einem Treffen mit Commander Lovitt. Dabei war mir gar nicht wohl.«

Luther musste ihre Sorge bestätigen. »Lovitt nahm ihn mit auf das Patrouillenboot und versprach, ihn wieder in den aktiven Dienst zu übernehmen.« Man hatte Jaguar aufgrund seiner Posttraumatischen Belastungsstörungen – bis auf Weiteres – beurlaubt. »Aber das war bloß ein Trick. Jaguar hat offenbar etwas mitbekommen, von dem Lovitt nicht will, dass er sich daran erinnert. Ihr Anruf hat ihm vermutlich das Leben gerettet.«

In ihren Augen lag Feuer. »Er wollte ihn umbringen!«, rief sie.

»Wir sind mit einem Helikopter losgeflogen, während Jaguar drei von Lovitts Männern in Schach gehalten hat. Wir kamen gerade noch rechtzeitig, aber Sie werden nicht glauben, was dabei herausgekommen ist. Lovitt hat das NCIS davon überzeugt, dass Jaguar auf ihn geschossen, ihn am Arm getroffen und anschließend seine Crew verfolgt hat.«

»Sie machen Witze!«, schnaubte sie voller Entsetzen. »Was ist mit Ihrer Zeugenaussage?«

»Angeblich haben wir uns die aus den Fingern gesogen, um unseren Zugführer zu schützen. Das NCIS hat keinem von uns geglaubt.«

»Unfassbar!«

»Das finden wir auch«, nickte Luther, von ihrer Unterstützung ermutigt. »Um gegen die Anschuldigungen anzugehen, die gegen ihn erhoben werden, benötigt Jaguar jetzt jede Hilfe, die er kriegen kann.«

»Was wird ihm vorgeworfen?«

»Zerstörung militärischen Eigentums und zweifacher Mord. An dem Tag waren drei Matrosen auf dem Patrouillenboot. Offenbar arbeiteten sie für Lovitt. Der behauptet, Jaguar habe alle drei erschossen, aber so war’s nicht. Er hat gesehen, wie zwei Verwundete von Bord gesprungen sind, um sich nicht erwischen zu lassen. Jaguar schaltete den dritten Mann aus, als der das Boot mit Panzerabwehrgeschossen in die Luft sprengen wollte. Das NCIS erkannte auf Notwehr. Scheiße, er hat uns allen das Leben gerettet.«

»Ich werde für ihn aussagen«, versprach Hannah entschlossen.

»Das ist noch nicht alles«, fuhr Luther warnend fort. »Commander Lovitt stiehlt die Waffen nicht nur, weil er auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Anscheinend arbeitet er für jemanden, der sich ›das Individuum‹ nennt.«

Sie schüttelte den Kopf. »Und wer ist das?«

»Damit rückt das FBI nicht raus, allerdings glaubt Special Agent Valentino, dass Sie den Kerl kennen.«

Die Verwirrung stand ihr förmlich auf die Stirn geschrieben. »Wie kommt er darauf? Ich kenne niemanden, der sich ›das Individuum‹ nennt.«

Luther erkannte, dass sie die Wahrheit sagte. »Wir wissen nicht genau, was da los ist«, räumte er ein. »Special Agent Valentino spricht nicht gern über seine Ermittlungen, aber er hat zugegeben, dass das Individuum Einfluss auf verschiedene Gruppierungen ausübt, indem er sie mit gestohlenen Waffen beliefert.«

»Noch so ein Ollie North«, warf Westy erklärend ein und verwies damit auf einen Ex-Marine, der in illegale Waffenlieferungen involviert gewesen war. »Er hat offensichtlich politische Beweggründe.«

»Die Waffen, die er liefert, kommen von Lovitt, der sie zuvor stiehlt.«

Hannah legte zwei Finger ans Kinn und zog die Stirn kraus. »Das verstehe ich nicht«, gab sie zu. »War es Lovitt, der mich entführt hat, oder das Individuum?«

»Vermutlich das Individuum«, antwortete Luther. »Sie wurden von Misalov Obradovic und seiner Frau verschleppt. Beide sind serbische Auftragsmörder«, fügte er behutsam hinzu. »Ich glaube nicht, dass Lovitt solche Verbindungen hat.«

Unter ihren Sommersprossen wurde Hannah blass. »Sie waren nicht gerade freundlich«, stimmte sie zu.

Sie kam Luther unglaublich tapfer vor. »Valentino ist schon seit Jahren hinter dem Individuum her«, ergänzte er. »Dieses Mal will er seine Ermittlungen verschleiern, deshalb hat er Sie von uns befreien lassen.«

In Hannahs grasgrünen Augen spiegelten sich ihre Gedanken wider. Sie beugte sich vor und sagte vertraulich: »Ich weiß nicht, ob das von irgendeiner Bedeutung ist, aber mein Vater war bei der CIA. Ich übrigens auch, aber das ist schon Jahre her.«

Luther wechselte einen erstaunten Blick mit Westy. »Sie waren bei der CIA?«

»Ich wurde dort zur Nachrichtenoffizierin ausgebildet«, erklärte sie und um ihre Augen lagen plötzlich Schatten. »Doch dann sind meine Eltern bei einem Flugzeugabsturz gestorben und ich habe meinem Patenonkel versprochen, eine Zeit lang für die DIA zu arbeiten. Er wollte mich nicht auch noch verlieren«, fügte sie mit einem traurigen Lächeln hinzu.

Himmel. »Das tut mir leid«, sagte Luther, der die tiefe Trauer hinter ihrem Eingeständnis spürte. »Wer war Ihr Vater?«

»Alfred Geary. Er sollte der nächste Direktor werden, doch dann stürzte sein Flugzeug ab. Meine Mutter war bei ihm.«

Luther erinnerte sich, dass er vor drei Jahren in den Nachrichten von der Tragödie gehört hatte. Er suchte verzweifelt nach tröstenden Worten. »Das muss hart gewesen sein«, brachte er lahm heraus. »Beide auf einmal.«

Sie blickte auf ihre aufgeschürften Handflächen.

»Wollen Sie damit sagen, dass Ihr Vater viele Leute kannte«, erriet Luther, »und dass einer davon womöglich das Individuum ist?«

»Kann sein«, sagte sie kopfschüttelnd. »Aber wieso wurde ich entführt und ausgerechnet nach Kuba verschleppt?«

»Zu Ihrem Schutz?«, vermutete Luther.

Sie sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. »Ich musste hungern und wurde isoliert. Dieser General wollte mich vergewaltigen. Das würde ich nicht gerade als sicher bezeichnen.«

Das gab ihm zu denken. »Valentino hält General Pinzón für einen Revolutionär. Das Individuum versorgt ihn mit Waffen für einen Staatsstreich.«

»Es wird keinen Staatsstreich geben«, erwiderte sie leise. »Der General ist tot. Ich habe ihn getötet.«

Bei diesem unerwarteten Geständnis stutzte Luther. Doch dann erinnerte er sich an einen aufgeregten Schrei in der vergangenen Nacht, irgendwer sei tot. »Was ist passiert?«, fragte er und dachte, sie müsse Nerven aus Stahl haben, da sie hier sitzen und derart gelassen darüber sprechen konnte.

Hannah verschränkte unwillkürlich die Arme vor der Brust. »Er kam in meine Zelle und ich konnte nur noch daran denken, aus der Tür zu verschwinden.«

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