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Sag einfach Ja!

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1. KAPITEL

Tom Trent blickte dann und wann in seine Aufzeichnungen, während er ausführlich berichtete. Sein Mandant hatte ihn aus dem Urlaub auf Cape Cod eingeflogen und erwartete von ihm, dass er kein Blatt vor den Mund nahm. Also verschwieg und beschönigte er nichts.

Der Mann auf der anderen Seite des Schreibtischs hatte die Ellenbogen aufgestützt und die langen, sonnengebräunten Finger verschränkt. Schweigend hörte er zu. Er, Tom, war noch nie einem Menschen begegnet, der über einen so scharfen Verstand verfügte. Er konnte nur raten, was in dem Mann vorging. Seine aristokratischen Gesichtszüge gaben keinerlei Aufschluss darüber.

„So sieht es aus“, sagte Tom abschließend und lehnte sich zurück.

Luca, sein Gegenüber, stand auf, ohne zu antworten. Er war über einen Meter neunzig groß und muskulös, aber schlank – eine beeindruckende Erscheinung. Eine Weile ließ er den Blick auf ihm ruhen, dann seufzte er und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Tom betrachtete ihn. Unwillkürlich musste er an einen Panther denken, der mit geschmeidigen Bewegungen an den Gitterstäben seines Käfigs entlanglief.

Luca blieb stehen. Er legte die Hände auf die glänzende Oberfläche seines großen Schreibtischs und beugte sich zu ihm herüber. Dabei zog er die dichten Brauen über den dunklen Augen hoch, die seine, Toms, Frau Alice so erotisch fand. Tom betrachtete die markanten, wie gemeißelt wirkenden Gesichtszüge. Wieder einmal stellte er fest, dass es alles andere als angenehm war, von einem di Rossi durchdringend angeblickt zu werden.

„Mit anderen Worten, ein Rechtsstreit um das Sorgerecht lässt sich nur vermeiden, wenn ich eine Ehefrau finde, die möglichst schon ein eigenes Kind hat?“

Tom nickte langsam. Es war typisch für Luca, dass er den Inhalt einer komplizierten juristischen Erläuterung in einem einzigen Satz zusammenfasste. Gianluca di Rossi war dafür bekannt, dass er nicht unnötig viele Worte verlor. Und auch seine Handlungen waren immer zielgerichtet. Mit Small Talk hielt er sich nicht auf.

Während andere Menschen endlose Meetings abhielten, handelte Luca und traf Entscheidungen. Er war nicht der Meinung, dass seine Handlungen von anderen gutgeheißen werden mussten. Manche bezeichneten ihn als rücksichtslos, andere als kreativ und energisch. Beides interessierte ihn nicht sonderlich. Und da er praktisch aus dem Nichts ein unglaublich erfolgreiches Unternehmen aufgebaut hatte, war sein unerschütterliches Selbstbewusstsein gerechtfertigt.

„So habe ich es bisher nicht betrachtet“, erwiderte Tom. „Aber natürlich würde eine ‚Fertigfamilie‘ der gegnerischen Partei die Grundlage für jegliche Argumente nehmen. Am besten wären natürlich mehrere Kinder.“

Seine scherzhaft gemeinte Bemerkung blieb ohne Wirkung. Lucas Miene war undurchdringlich. Plötzlich kam Tom sich sehr unsensibel vor. Ich würde auch nicht über einen dummen Scherz lachen, wenn jemand versuchte, mir mein Kind wegzunehmen, dachte er schuldbewusst.

„Eine ‚Fertigfamilie‘“, wiederholte Luca langsam.

„Ich weiß, ich erzähle dir wirklich nichts Neues“, sagte Tom entschuldigend.

„Manchmal muss jemand eben auf das hinweisen, was offensichtlich ist“. Luca setzte sich auf den lederbezogenen Stuhl. Er schob die Kopfstütze leicht zurück und betrachtete den wunderschönen Stuck an der hohen Zimmerdecke. Di Rossi International hatte seine Londoner Filiale vor Kurzem von einem engen, modernen Bürohaus in ein georgianisches Gebäude verlegt. Man hatte es mit viel Liebe zum Detail restauriert und dabei keine Kosten gescheut.

Luca senkte den Blick, sodass man den Ausdruck in seinen Augen nicht erkennen konnte. Seine Miene war noch immer undurchdringlich. Er wirkte gelassen. Doch Tom hatte im Lauf der Jahre gelernt, dass der äußere Eindruck bei Luca täuschen konnte.

„Di Rossi kann sehr gefährlich werden, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt“, hatte ein scharfsinniger Wirtschaftsanalyst einmal geschrieben. Das traf vor allem auf sein Privatleben zu, das Luca vehement abschirmte. Und in diesem Fall ging es um etwas sehr Persönliches.

„Du könntest natürlich auch eine Kontaktanzeige aufgeben.“ Tom verzog das Gesicht. „Also gut, das war auch nicht besonders witzig. Aber keine Angst, ich rate dir ja nicht im Ernst zu heiraten. Die gegnerische Partei hat ohnehin nicht die geringste Chance, den Rechtsstreit zu gewinnen.“

„Aber sie werden alles tun, um meinen Namen in den Schmutz zu ziehen.“

„Es wird sich nur vorübergehend negativ auf dein Unternehmen auswirken“, stellte Tom fest. „Und das sage ich nicht, um dich zu beruhigen. Di Rossi International hat eine viel zu stabile Marktposition, um durch ein Gerichtsverfahren dauerhaft geschädigt zu werden.“

Luca zog die Augenbrauen hoch. „Es ehrt dich, dass du dir um meine finanziellen Interessen Gedanken machst, Tom“, erklärte er kühl. „Meine größte Sorge ist allerdings, dass es für Valentina eine traumatische Erfahrung werden könnte.“

Tom zuckte innerlich zusammen. „Du meine Güte, natürlich! Wo war ich nur mit meinen Gedanken? Es tut mir leid, Luca.“

Luca blickte ihn an. „Warum?“

Überrascht fragte Tom: „Was meinst du damit?“

„Warum rätst du mir, nicht zu heiraten?“

„Abgesehen von den unzähligen Gründen, die jedem sofort einfallen würden, ist es …“

„Deiner Meinung nach absolut notwendig“, führte Luca seinen Satz fort, „wenn ich verhindern will, dass es zu einem Gerichtsverfahren kommt. Und du weißt, dass ich alles tun würde, um es Valentina zu ersparen und sie vor diesen Aasgeiern zu schützen.“

Tom sah ihn an. Ihm wurde klar, dass es Luca ernst war. Jeden Tag sagten Menschen unzählige Dinge, die sie nicht so meinten. Doch bei Luca war das anders.

Eine Weile herrschte angespanntes Schweigen. Dann sagte Tom: „Für sie muss es so aussehen, als hättest du Valentina nach England geholt, um sie aus ihrer Reichweite zu bringen.“

Luca strich sich über das glatt rasierte Kinn und lächelte. „Das habe ich ja auch.“

„Du hast ihnen verboten, Valentina zu sehen, ohne dass du dabei bist.“ Tom zuckte die Schultern. „Da musste dir doch klar sein, dass sie reagieren würden. Natalia Corradi hasst dich, Luca. Und Valentina ist nun einmal ihre Enkelin.”

„Und meine Tochter“, erwiderte Luca heftig. Seine Augen funkelten.

Tom zuckte ein wenig zurück. Beschwichtigend hob er die Hände.

Luca entspannte sich. „Habe ich dir erzählt, was Natalia zu Valentina gesagt hat?“, fragte er betont ruhig.

„Nein.“

„Ihre liebevolle Großmutter fand es furchtbar schade, dass Valentina nicht so schön und begabt ist wie ihre Mutter. Außerdem hat sie Valentina gesagt, ihre Mutter würde noch leben, wenn sie nicht geboren worden wäre.“ Luca atmete tief ein. „Dio, Tom, was hätte ich denn tun sollen?“

Tom war so erschüttert, dass es ihm die Sprache verschlug.

„Wer weiß, wie lange sie Valentina schon solche Boshaftigkeiten erzählt? Ich werde nicht zulassen, dass meiner Tochter etwas passiert – dass sich die Vergangenheit wiederholt“, fuhr Luca fort, als würde er mit sich selbst sprechen. „Diese Frau hat keinerlei Gefühle für meine Tochter. Natalia will Valentina nur benutzen, um mich zu bestrafen.“

Wieder stand er auf. Seine Haltung und seine Miene drückten Entschlossenheit aus. „Seit Jahren muss ich mich mit ihrer Bösartigkeit auseinandersetzen.“ Er zuckte die Schultern. „Es macht mir nichts aus. Aber dieses Mal ist sie zu weit gegangen. Valentinas Wohlergehen ist das Allerwichtigste für mich.“

„Sie werden behaupten, es wäre in Valentinas Interesse, in einer liebevollen Familie aufzuwachsen“, stellte sein Freund fest. „Sie werden versuchen, dich darzustellen, als wärst du …“

„Ein Workaholic und Frauenheld, ich weiß.“ Luca lächelte spöttisch. „Das hat sicher mit Erica zu tun, stimmt’s?“

Tom nickte bedauernd.

„Und wenn ich die Zeitung wegen Verleumdung verklagt hätte, wie du mir damals geraten hast?“

„Du hattest ja das Tonband, auf dem Erica zugibt, dass es kein blauer Fleck, sondern nur Make-up war. Deshalb bin ich nach wie vor der Meinung, dass du ihre Lügengeschichte hättest öffentlich machen sollen. Andererseits bin ich natürlich nicht so ein Gentleman wie du“, gab Tom zu. „Mach dir deswegen keine Vorwürfe, Luca. Im Nachhinein ist man immer klüger. Aber wenn du eine ehrliche Antwort möchtest: Ja, man wird es gegen dich auslegen, dass du dich damals nicht gegen die Anschuldigungen gewehrt hast.“

„Es gab doch gar keine Anschuldigungen, wie du dich sicher erinnerst. Das wunderschöne ‚Opfer‘ hat ja bestritten, dass ich jemals Hand an sie gelegt hätte …“

„Wir sollten uns lieber den Dingen zuwenden, an denen noch etwas zu ändern ist“, schlug Tom vor. „Der größte Stolperstein wird die Tatsache sein, dass Valentina bei zwei Männern aufwächst. Es gibt keine weiblichen Bezugspersonen, außer deinen …“ Er verstummte verlegen.

„Meinen Frauen?“ Luca lächelte ironisch.

Tom seufzte. „Du wirst dein Privatleben nicht geheim halten können, wenn es wirklich zu einer Gerichtsverhandlung kommen sollte, Luca. Du musst damit rechnen, dass dein Liebesleben bis ins Detail ausgebreitet wird.“

„Ich lebe nicht wie im Kloster“, erwiderte Luca ruhig. „Andererseits ist mein Privatleben auch bei Weitem nicht so interessant, wie die Presse es glauben machen möchte.“

Tom lachte. „Wenn ich dir schon nicht glaube, wie willst du dann das Gericht überzeugen? Und hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, was für einen Eindruck Carlo auf den Richter machen wird? Ich weiß ja, was er für ein großartiger Mensch ist. Aber er entspricht sicher nicht der landläufigen Vorstellung vom idealen Kindermädchen. Und dann ist da natürlich noch die Tatsache, dass er vorbestraft ist.“

„Carlo bleibt.“ Sein Tonfall machte deutlich, dass Luca nicht bereit war, darüber zu verhandeln. Tom versuchte es auch nicht, denn er wusste, wie unerschütterlich Luca zu seinem Freund hielt.

„Aber ich könnte …“ Die Sprechanlage auf dem Schreibtisch summte. Luca runzelte die Stirn, dann drückte er auf den Knopf. Seine Stimme klang kühl und ungeduldig. „Ich hatte doch gesagt, dass ich nicht …“ Er verstummte und seufzte. „Also gut. Sagen Sie ihm, dass ich in fünf Minuten zurückrufe.“ Dann wandte er sich wieder ihm zu. „Entschuldige bitte, Tom. Es geht um Marco. Er hat ein Problem.“

Und wenn Marco ein Problem hatte, wandte er sich immer an seinen Halbbruder. Tom machte aus seiner Missbilligung keinen Hehl. Er konnte Luca, der sich so selbstlos um seinen charmanten, aber leichtsinnigen und verantwortungslosen Halbbruder kümmerte, beim besten Willen nicht verstehen. Sonst war Luca nicht gerade für seine übermäßige Geduld bekannt.

Luca bemerkte seinen Gesichtsausdruck. „Du magst Marco nicht, stimmt’s?“

„Wer würde schon einen Halbbruder sympathisch finden, der auf eine so unfaire Art und Weise bevorzugt wurde?“

Ein nachdenklicher Ausdruck trat in Lucas dunkle Augen. „Für einen Menschen mit normalen Schwächen und Fehlern ist es nicht einfach, den Erwartungen seiner Eltern gerecht zu werden, wenn diese ihn für unfehlbar und hochbegabt halten.“

„Fehler und Schwächen hat Marco wirklich genug“, stellte Tom ironisch fest. „Aber ehrlich gesagt hast du es noch viel schwerer. All das, was du erreicht hast, wird von deiner Familie nicht nur verkannt – sie machen es dir praktisch zum Vorwurf.“ Er konnte seine Empörung über diese Ungerechtigkeit nicht verbergen.

„Ich lege keinen Wert auf die Anerkennung anderer Menschen“, erwiderte Luca. „Ich werde dich anrufen“, fügte er hinzu, als Tom aufstand, um zu gehen.

„Sind die Renovierungsarbeiten in deinem Haus inzwischen beendet?“, fragte Tom.

„Ja. Ich werde aber noch einige Tage bei Marco wohnen bleiben“, sagte Luca. „Übrigens tut es mir wirklich leid, dass du deinen Urlaub auf Cape Cod unterbrechen musstest.“

„Schon vergessen. Ob Alice dir auch verzeiht, kann ich allerdings nicht garantieren.“ Tom lächelte. „Kann ich sonst noch irgendetwas für dich tun?“

„Du könntest mir eine Liste mit Frauen aufstellen, die als Ehefrauen infrage kämen.“

Tom blieb auf dem Weg zur Tür stehen. „Jetzt kenne ich dich schon zehn Jahre, Luca. Und noch immer weiß ich nicht, wann du einen Scherz machst.“

„Ich habe noch nie etwas so ernst gemeint, Thomas.“

„Mum, du musst mir einfach helfen!“

„Erwartest du etwa, dass ich alles liegen und stehen lasse?“, fragte Lyn Wilson vorwurfsvoll.

Es hatte noch nie etwas genützt, an ihren Mutterinstinkt zu appellieren. „Einmal ist immer das erste Mal“, sagte Judith leise und ein wenig bitter.

„Wie bitte?“

„Nichts.“ Judith atmete tief ein und versuchte ihren Stolz hinunterzuschlucken. Wenn ihr keine andere Wahl blieb, als ihre Mutter anzuflehen, dann würde sie es eben tun. „Mum, ich würde dich wirklich nicht bitten, wenn es kein Notfall wäre.“

„Bei einem wirklichen Notfall wäre ich natürlich für dich da“, erwiderte Lyn gelassen. „Aber findest du nicht, du übertreibst ein wenig, Judith? Es sind doch nur drei kleine Kinder … Wie viel Arbeit können sie schon machen?“

Nur drei kleine Kinder?“, wiederholte Judith. Fassungslos sah sie sich in dem großen Wohnzimmer um, das noch vor einiger Zeit ein Paradebeispiel für geschmackvollen Minimalismus gewesen war. Ihr Unvermögen wurde ihr erneut schmerzlich bewusst. „Wie soll ich es dir nur erklären … Du meine Güte, Mum, es liegt nicht an ihnen, sondern an mir!“

Eigentlich wusste sie, dass sie ihre Zeit verschwendete. Schließlich hatten ihre Mutterpflichten für Lyn ausschließlich darin bestanden, ihrer Tochter im Teenageralter ein Auto und eine Kreditkarte zur Verfügung zu stellen.

Judith musste an ihre Kindheit denken. Sie und ihr Bruder David hatten unzählige Kindermädchen gehabt. Als Kinder wurden sie ihren Eltern immer nur dann präsentiert, wenn sie herausgeputzt waren und sich gut benahmen. Sobald sie alt genug waren, schickten ihre Eltern sie ins Internat. Vermutlich hatten David und sie deshalb ein so enges Verhältnis zueinander entwickelt.

„Die Kleinen brauchen jemanden, der sich mit Kindern auskennt“, sagte Judith verzweifelt. „Einen Moment, Mum.“ Sie ließ den Hörer fallen. Die fünfjährige Sophia wollte ihrer schlafenden Schwester gerade Haarspülung über den Kopf gießen. „Nein, Sophia, das gehört Tante Judith.“ Doch ihr strenger Tonfall schien keinerlei Wirkung zu haben.

„Aber ich will …“

„Bitte sei leise“, bat Judith. „Du weckst Amy sonst auf.“ Sie warf einen besorgten Blick auf das Baby, das sich im Schlaf unruhig bewegte.

Schließlich gab Sophia die Flasche im Austausch gegen einen Schokoladenkeks ab. Auch wenn sie keine Psychologin gewesen wäre, hätte Judith gewusst, dass Bestechung kein geeignetes Mittel bei der Kindererziehung war. Aber in diesem Moment war es ihr gleichgültig.

Als Zahnarzt wäre David entsetzt gewesen, dass sie sich über sein striktes Süßigkeitenverbot hinwegsetzte. Beim Gedanken an ihren Bruder wurde Judith von Traurigkeit und Verzweiflung erfüllt. David konnte nicht mehr auf die Zähne seiner Kinder aufpassen, ebenso wenig wie seine Frau Samantha, genannt Sam. Sie waren im Vormonat bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Judith war klinische Psychologin und hatte sich ausführlich mit den einzelnen Phasen des Trauerns beschäftigt. Doch sie war nicht sicher, ob es ihr half. Bisher hatte sie keine Zeit zum Trauern gehabt, denn sie musste sich um drei kleine Kinder kümmern, die viel Liebe und Verständnis brauchten. Sie bemühte sich, nicht weiter als einen Tag nach vorn zu blicken. Sonst wäre ihr die Last dieser verantwortungsvollen Aufgabe, der sie sich nicht gewachsen fühlte, schmerzlich bewusst geworden.

Ihre Rolle als Tante hatte ihr immer gut gefallen. Sie hatte die drei Kinder verwöhnen und nach einem anstrengenden Tag ihren Eltern übergeben können. Aber sie hatte bereits gelernt, dass es etwas völlig anderes war, die ganze Verantwortung für die drei zu tragen. Nach diesem furchtbaren Schicksalsschlag wollte sie den Kleinen Geborgenheit und Sicherheit vermitteln. Es fiel ihr allerdings schwer, denn sie hatte Angst. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich einer Aufgabe nicht gewachsen. Sie hatte das Gefühl zu versagen. In ihrem Beruf oder bei einer Prüfung wäre es nicht weiter schlimm gewesen. Doch hier ging es um das Leben dreier Kinder.

Mehrfach hatte sie sich schon gefragt, ob Kinder es wie viele Tiere instinktiv spürten, wenn jemand Angst hatte. Kaum waren die drei Kleinen bei ihr angekommen, schienen sie schon beschlossen zu haben, nicht auf sie zu hören. Sieh es endlich ein, du eignest dich einfach nicht als Mutter, dachte Judith resigniert. Für sie als Autorin des Buches „Kindererziehung für Einsteiger“ war das ausgesprochen peinlich.

„Lass das bitte, Darling“, sagte sie wenig überzeugend, als Sophia sich die schokoladenverschmierten Finger am Bezug des neuen cremefarbenen Sofas abwischte. Sie nahm den Telefonhörer wieder zur Hand.

„Was können sie denn schon Schlimmes anstellen?“, fragte ihre Mutter gerade. „Die Zwillinge sind doch erst drei Jahre alt und …“

„Sie sind fünf, Mum“, erwiderte Judith müde. „Und Amy ist anderthalb. Außerdem geht es gar nicht darum, dass sie etwas angestellt haben.“ Wie sollte sie ihrer Mutter nur begreiflich machen, dass nicht die verschmierten Tapeten oder das zerbrochene Geschirr das Problem waren? Sie dachte kaum jemals an die Zeit, als sie abends nach Hause gekommen war und sich auf den Feierabend gefreut hatte. „Amy weint oft und will zu ihrer Mum, und Sophia hat Albträume. Und Joseph …“

„Sie haben ja auch vor Kurzem ihre Eltern verloren“, gab ihre Mutter zu bedenken.

„Ich weiß … aber das ist nicht alles. Es ist nicht einfach, mit drei kleinen Kindern in einer Zweizimmerwohnung zu leben, Mum. Sie bräuchten ein Zuhause mit Garten“, fügte sie in der Hoffnung hinzu, dass ihre Mutter darauf einging.

Ihre Mutter war nach der Scheidung in dem verwinkelten alten Haus wohnen geblieben, in dem die Familie gemeinsam gelebt hatte. Es lag am Rand eines malerischen kleinen Dorfes inmitten eines Gartens, der fast einen Hektar groß und geradezu ideal für Kinder war.

„Fünf ist so ein wunderbares Alter“, erwiderte Lyn Wilson wehmütig. „Es wäre wirklich wunderschön, wenn ihr alle zu mir kommen könntet …“

„Du weißt ja gar nicht, wie froh ich …“, begann Judith.

„Aber leider habe ich diese Woche einen wichtigen Geschäftstermin in New York, und nächste Woche bekomme ich Besuch“, fuhr ihre Mutter fort und fügte dann traurig hinzu: „David war mit fünf Jahren so ein niedliches Kind – aufgeweckt, neugierig und unschuldig.“ Sie brach in Tränen aus. „Wie kannst du nur Hilfe von mir erwarten, wenn ich so leide?“, fragte sie vorwurfsvoll. „Ich habe doch nur meine Arbeit, um mich abzulenken!“ Sie seufzte. „Die beiden waren so ein entzückendes Paar und hatten ihr ganzes Leben noch vor sich. Warum musste es ausgerechnet sie treffen?“

Judith brachte kein Wort heraus. Auch sie war bei dem Gedanken an David und seine Frau den Tränen nahe. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. „Ich schaffe das einfach nicht, Mum“, flüsterte Judith nach einer Weile. „Ich habe das Gefühl, alles falsch zu machen.“

„Offensichtlich war David der Meinung, dass du dich gut um seine Kinder kümmern könntest“, erwiderte Lyn Wilson ungerührt. „Sonst hätte er dich sicher nicht als Vormund eingesetzt.“

„Wahrscheinlich hat er nicht damit gerechnet, dass es dazu kommen würde“, sagte Judith traurig.

„Aber so ist es nun einmal. Und dir wird nichts anderes übrig bleiben, als dich damit abzufinden. Sicher wird alles viel einfacher werden, wenn du ein geeigneteres Zuhause für dich und die Kinder gefunden hast“, meinte ihre Mutter. „Zum Beispiel ein nettes Häuschen in einem Dorf.“ Sie schien sich das idyllische Landleben bereits lebhaft auszumalen.

„Ich muss leider dort wohnen, wo meine Arbeit ist“, erwiderte Judith. Sie gab Vorlesungen an einer Universität. Zum Glück waren ihre Vorgesetzten sehr verständnisvoll und kamen ihr entgegen, was die Arbeitszeiten anging, sodass sie eine Sorge weniger hatte.

„Dann geht es hier also nur um deine Karriere, Judith? Ich muss sagen, ich bin ein bisschen enttäuscht von dir, wenn auch nicht überrascht.“ Lyn seufzte. „Du warst schon immer ein wenig egoistisch. Ich finde es ja nicht falsch, wenn Frauen gern Karriere machen möchten. Aber unter den gegebenen Umständen hätte ich erwartet, dass du bereit bist, zumindest ein kleines Opfer zu bringen.“

Einen Moment lang war Judith sprachlos. Ausgerechnet ihre Mutter musste so reden! Dabei hatte Lyn Wilson wegen ihrer Karriere nicht ein einziges Mal die Zeit gehabt, zu einem Elternabend oder Schulfest zu erscheinen.

„Nein, hier geht es nicht um meine Karriere, Mum“, sagte sie schließlich, „obwohl ich natürlich arbeiten und meinen Lebensunterhalt verdienen muss. Meine Arbeit macht mir Spaß, und ich bin sehr gut darin. Dagegen bin ich wirklich schlecht im …“

„Es gibt keine vollkommenen Eltern, Judith“, unterbrach ihre Mutter sie belehrend. „Du bist einfach zu perfektionistisch, das warst du schon immer. Dir missfallen Situationen und Menschen, die du nicht steuern kannst. Denk nur einmal an deine bisherigen Partner. Nicht einer von ihnen hatte eine eigene Meinung.“

„Das ist wirklich übertrieben, Mum!“ Judith war empört. „Ich mag eben keine Männer, die mir sogar am liebsten das Bestellen im Restaurant abnehmen würden.“

Lyn Wilson hatte erstaunlich konservative Ansichten, was Männer anging. Nach der Scheidung war ihr Mann ins Ausland gezogen. Immer wenn sie, Judith, in den Schulferien nach Hause gekommen war, hatte dort ein anderer Mann mit ihrer Mutter zusammengelebt. Die Männer hatten alle etwas gemeinsam gehabt – ihre herrische, besitzergreifende Art.

„Jetzt habe ich den Faden verloren.“ Judith presste sich die Finger an die pochenden Schläfen. „Was hat mein Männergeschmack mit deiner Weigerung, mir zu helfen, zu tun?“

Ihre Mutter hielt es nicht für nötig, darauf zu antworten. „Kinder sind unberechenbar, Judith.“

„Das habe ich auch schon festgestellt.“

„Man muss flexibel sein und Kompromisse eingehen.“

Judith war zu erschöpft, um zu protestieren. „Ich werde es versuchen“, versprach sie.

„Braves Mädchen. Es ist wirklich schade, dass du noch nicht verheiratet bist. Denn seien wir ehrlich: Welcher Mann wird sich schon für eine Frau interessieren, die bereits drei Kinder hat?“

Judith schüttelte nur schweigend den Kopf. Ihre Mutter war wirklich unglaublich.

„Also, wenn du etwas brauchst, musst du mich nur fragen“, verabschiedete Lyn Wilson sich fröhlich.

Genau, dachte Judith. Und solltest du nicht gerade eine Verabredung zum Bridgespielen haben, wirst du sicher gern für mich da sein.

„Vielen Dank, Mum.“

2. KAPITEL

Judith legte den Hörer auf und sank auf das von Kekskrümeln und Bauklötzen bedeckte Sofa. Die Bitte an ihre Mutter hatte zwar nicht das gewünschte Ergebnis gehabt, doch deren unverblümte Art hatte ihr geholfen, die Dinge wieder positiv zu sehen.

Wenn ich die Zeit fünf Minuten zurückdrehen könnte, würde ich Mum nicht anrufen, dachte Judith und zuckte die Schultern. Andererseits war es nicht verwunderlich, dass sie die Verantwortung hatte abgeben wollen. Schließlich war sie erschöpft, hatte vor Kurzem ihren Bruder verloren und war praktisch über Nacht Mutter von drei kleinen Kindern geworden. Vielleicht sollte sie also nicht zu hart mit sich ins Gericht gehen.

Mum hat recht, dachte sie. Ich sollte mich zusammenreißen und das Beste aus der Situation machen. Schließlich gab es unzählige alleinerziehende Mütter, die es wesentlich schwerer hatten.

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