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Sag niemals nie!

PROLOG

Das Kleid war aus schwerem, cremefarbenem Satin.

Ursprünglich war es das Cocktailkleid ihrer Großmutter gewesen. Annas Mutter hatte es geändert, damit es der zierlichen Zehnjährigen passte. Über den ausgestellten Ballerinenrock hatte sie ein Bändchen aus Seide genäht. Als Schleier diente ein Stück Spitzengardine. Diese war mit Kristallperlen verziert und wurde von einem wunderbar echt aussehenden Diadem gehalten.

„Es ist traumhaft!“ Mit leuchtenden Augen betrachtete Anna sich im Spiegel. „Ich sehe wirklich wie eine echte Braut aus. Das ist das schönste Geburtstagsgeschenk, das ich je bekommen habe. Danke, Mama.“

Liebevoll lächelte Lisette. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, chérie. Du siehst zauberhaft aus. Wie eine Märchenprinzessin.“

Anna runzelte die Stirn. Sie wusste, dass das nicht stimmte. Märchenprinzessinnen hatten blaue Augen wie ihre Mutter. Sie hatten keine olivfarbene Haut und dunkles Haar wie sie selbst, sondern waren hellhäutig und blond. Doch das Kleid war natürlich ein Traum!

Sie konnte sich glücklich schätzen, dass ihr Geburtstag immer in die Sommerferien fiel. Diese verbrachte sie stets mit ihrer Mutter bei der Großmutter auf Château Belle-Eden.

In diesem Sommer spielte Anna am liebsten Hochzeit. Im Schlossgarten pflückte sie Arme voll Blumen, schmückte die Treppengeländer mit Jasmin- und Efeugirlanden und band schwere altmodische Rosen zu Sträußen.

An den stillen, heißen Nachmittagen war es in der Eingangshalle kühl. Das gedämpfte Licht, das durch die mächtige Buntglaskuppel hereinfiel, warf schimmernde Schatten auf den hellen Steinfußboden. Ihre Mutter spielte im Salon Klavier. Anna schritt unterdessen die breite Treppe hinab. Sie lächelte glücklich. Denn ganz unten, am Fuß der Treppe, wartete er auf sie. Der Mann ihres Lebens. Ihr Fantasiebräutigam.

Wie den Prinzen in ihrem Märchenbuch stellte sie ihn sich vor – groß, blond, blauäugig, im hellgrauen Gehrock unglaublich elegant. Tausendmal hatte sie sich ausgemalt, wie er sie ansehen würde.

Die Liebe in seinem Blick machte sie atemlos.

1. KAPITEL

„C’est tout, Mademoiselle?

Anna warf einen letzten Blick auf die Zeugnisse ihrer Kindheit, die wahllos in den Lieferwagen des Antiquitätenhändlers gestapelt waren. Sie atmete tief ein.

„Ja, das ist alles.“

Der Mann schlug die Ladeklappe zu und staubte sich die kräftigen Hände ab. „Bien, Mademoiselle. Nur noch die Kisten auf dem Speicher sind übrig. Nichts, was sich an ein Pariser Antiquitätengeschäft verkaufen ließe, fürchte ich. Vielleicht versuchen Sie es mal bei einer Firma vor Ort?“

Geistesabwesend nickte Anna und kickte mit der Spitze eines ihrer grünen Ballerinas in den staubigen Kies. Unvermittelt hielt sie inne. Sie hatte schon viel Zeit mit den Kämpfern von GreenPlanet verbracht. Währenddessen hatte sie ständig billige Baumwollschuhe getragen. Fast hatte sie vergessen, dass man sich normal gekleidet anders benahm.

Sie richtete sich auf und lächelte dem Auktionator entschuldigend zu.

Sein Gesichtsausdruck wurde weicher. Da er nun schon seit Jahren für das führende Pariser Auktionshaus arbeitete, konnte ihn eigentlich nichts mehr überraschen. Adlige waren sonderbare Leute, und die Engländer unter ihnen waren oft besonders schräg. Aber jemand wie Lady Roseanna Delafield war ihm noch nicht untergekommen.

Ihr schwarzes, seidiges Haar war von hellroten Strähnen durchzogen. Ihre Bewegungen waren so geschmeidig und elegant wie die einer Ballerina. Sie kam ihm wie ein davongelaufenes, verwildertes Rassekätzchen vor. Heute trug sie ihr Haar als eleganten Nackenknoten. Ihr schlichtes schwarzes Leinenkleid ließ ihre Haut wie sonnengereifte Aprikosen schimmern. Auf den ersten Blick sah sie einfach nur aus wie eine dieser Töchter aus gutem Haus. Aber nichts konnte über den verletzlichen Ausdruck in ihren großen dunklen Augen hinwegtäuschen.

Bonne chance, ma petite – viel Glück, junge Dame“, verabschiedete er sich freundlich und kletterte auf den Fahrersitz des Lieferwagens. „Es ist traurig, einen Ort verlassen zu müssen, an dem man glücklich war, stimmt’s?“

Anna zuckte mit den Schultern. „Ja. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja kein Abschied für immer.“

Der Mann beugte sich aus dem Wagenfenster und lachte. „Es soll ja noch Wunder geben. Ich wünsche Ihnen eins.“ Er schaltete den Motor ein und zwinkerte ihr zu. „Sie hätten es verdient. Au revoir.“

Anna blickte dem Lieferwagen nach, bis er um die Biegung der Auffahrt und gleich darauf hinter Pinien verschwand. Dann drehte sie sich um und kehrte langsam ins Schloss zurück. Schwüle Spätsommerluft erfüllte die Räume, und es roch nach Verfall. Niedergeschlagen blickte Anna sich in der einstmals prächtigen Eingangshalle um. Die graublauen Seidentapeten waren schimmlig und zerrissen. Wo die Arbeiter Gemälde abgenommen hatten, waren viereckige helle Flecken zurückgeblieben. Dunklere Stellen bezeugten die Folgen der Feuchtigkeit.

Das Geräusch ihrer Schritte hallte vom laubübersäten Fußboden wider, als Anna langsam die Treppe hinaufstieg. Es war ein Wunder, dass die Buntglaskuppel noch heil war. Ein Strahl der Nachmittagssonne warf schimmernde Lichtflecken auf die Stufen, und Anna lächelte wehmütig. Wie oft hatte sie als Kind versucht, die tanzenden Regenbogenmuster zu fangen! Als farbenfrohe Streifen waren sie auch auf das weiße Brautkleid gefallen, das sie in jenem Sommer bekommen hatte, als sie Hochzeit spielte.

Dem letzten Sommer vor dem Tod ihrer Mutter.

Anna fuhr zusammen, weil ihr Handy klingelte. Widerstrebend holte sie es aus der Handtasche.

Es war Felicity. Anna lauschte kurz und erwiderte dann: „Bin schon unterwegs, Fliss. Der Antiquitätenhändler und seine Leute sind fort, ich muss nur noch abschließen, dann fahre ich los.“

„Okay. Ich bestelle dir schon mal einen extra starken Martini.“ Die Stimme ihrer Freundin klang mitfühlend. „Nimmst du den Bus?“

„Nein. Einer der Jungs im Zeltlager von GreenPlanet hat ein Fahrrad, das er mir leiht. Es sind ja nur wenige Kilometer.“

Am anderen Ende der Leitung lachte Fliss spöttisch. „Soll das ein Witz sein, Anna? Niemand fährt am Hotel Paradis mit dem Fahrrad vor. Willst du dem Parkwärter das Rad übergeben, damit er es wegfährt?“

Anna stieg die schmale Treppe zum Dachboden hinauf und runzelte die Stirn. „Ach was! Warum sollte ich die Luft mit Abgasen verpesten? Doch nicht etwa nur, um den Parkwärtern des Paradis die Trinkgelder zu sichern!“

„Okay, okay, erspar mir die Umweltpredigt.“ Fliss’ Ton wurde ernst. „Da wir schon dabei sind, gefällt dir das Leben im Zeltlager von GreenPlanet noch? Oder hast du es schon aufgegeben, die Welt zu retten?“

Anna ging zu den gestapelten Kisten und alten Truhen hinüber, welche die Männer mitten auf dem staubigen Speicher zurückgelassen hatten. „Wir bleiben am Ball.“ Sie öffnete eine mit Metallbeschlägen verstärkte Truhe zu ihren Füßen und blickte in ein Wirrwarr von alten Kleidungsstücken. „Aber das Château Belle-Eden vor diesem … fiesen Grundstücksmensch zu retten, wäre ein guter Anfang.“

„Na ja, wenn meine Firma richtig informiert ist, handelt es sich bei dem ‚fiesen Grundstücksmenschen‘ um Angelo Emiliani. Und gegen den hast du nicht die geringste Chance.“ Als Anna leise seufzte, fragte Fliss beunruhigt: „Anna? Was ist los?“

„Nichts. Ich hab hier nur gerade die Truhe mit meinen alten Kostümen entdeckt. Alle meine Ballettsachen sind darin.“ Behutsam wandte sie die Bänder um ihre durchgetanzten Ballettschuhe. Dann zog sie behutsam ein zerknittertes cremefarbenes Satingebilde aus den Tiefen der Truhe. „Das Brautkleid!“

Anna hielt es hoch und betrachtete es verwundert. Damals war ihr das Kleid so perfekt erschienen. Jetzt erst bemerkte sie, wie zusammengestückelt es aussah. Im Lauf der Jahre war es vergilbt und hatte Stockflecken bekommen. Sie klemmte sich das Handy zwischen Schulter und Ohr, hielt sich das Kleid an und drehte sich langsam um sich selbst.

„Wenn ich bedenke, dass ich mir darin tatsächlich wie eine Braut vorkam, wie eine Märchenprinzessin …“, nachdenklich schwieg sie einen Moment. „Wie naiv ich damals war.“

Unvermittelt ließ Anna das Kleid sinken und warf es in die Truhe zurück. „Aber wie gesagt, Fliss“, fuhr sie sachlich fort, „hier gibt es für mich nichts mehr zu tun. Ich fahre los.“

„Fein. Ich bin auf der Terrasse, das heißt, falls ich dort einen Tisch für uns bekomme. Saskia Middleton feiert heute ihren einundzwanzigsten Geburtstag. Zieh also etwas Passendes an“, erinnerte sie Anna leicht besorgt. „Ich habe mich immer noch nicht ganz von deinem Auftritt im Ballonrock und Wanderstiefeln zu Lucindas Weihnachtsparty erholt. Ihre arme Mutter wusste nicht, was sie sagen sollte.“

Anna blickte an ihrem schlichten schwarzen Kleid herab. „Keine Panik, ich sehe anständig aus“, tröstete sie ihre Freundin. „Nur dir zuliebe. Ich habe nämlich eigentlich keine Lust, zu Saskia Middletons Party zu gehen. Nun gut: Sichere uns einen Tisch auf der Terrasse und bestell schon mal die Martinis. In einer Viertelstunde bin ich da.“

Ehe Fliss etwas erwidern konnte, schaltete Anna das Handy aus. Sie wandte sich wieder dem Brautkleid zu. Versonnen strich sie über den glatten Satin.

Wie viel hatte sich seit jenem Sommer geändert, als sie das Leben noch für einfach gehalten hatte!

Nichts war einfach. Nichts war so, wie sie geglaubt hatte.

Sie selbst am allerwenigsten.

Das Château war so ungefähr alles, was ihr von ihrem früheren Leben geblieben war. Deshalb dachte sie auch nicht daran, es kampflos aufzugeben. Entschlossen stand Anna auf und ging zur Treppe. Ihre Träume waren zerstoben, ihre Mutter war tot, ihr Glaube an sich selbst bis in die Grundfesten erschüttert …

Unten wurde eine Tür zugeschlagen.

Wie versteinert stand Anna da. Ein Lufthauch schien durch das Schloss zu ziehen. Dann war alles wieder still. Doch die Atmosphäre hatte sich geändert, sie war elektrisch geladen wie vor einem Sturm. Anna wurde bewusst, dass sie nicht mehr allein im Haus war.

Einen Moment lang blieb sie reglos stehen, dann bewegte sie sich auf Zehenspitzen lautlos auf die Treppe zu.

Unten war alles still.

Dann erklangen Schritte in der Eingangshalle. Panik stieg in Anna auf. Instinktiv wusste sie, dass unten ein Mann war. Sie musste an den Axtmörder aus einem Horrorfilm im Fernsehen denken.

Die Schritte verstummten.

Vorsichtig beugte Anna sich vor und spähte über die Geländer, dann fuhr sie zurück und wagte kaum noch zu atmen.

Sie hatte recht.

Da war ein Mann. Ein sehr männlicher Mann! Und sehr blond. Vielleicht lag es daran, dass sie auf ihn herabschaute. Auf jeden Fall schien dieser Mann die breitesten Schultern zu haben, die sie je gesehen hatte.

„Hallo?“

Er hatte eine tolle, dunkle Stimme. Wie ein Mörder hörte er sich nicht an. Anna kämpfte mit sich. Die Stimme versagte ihr. Doch ihr Herz schlug so laut, dass sie Angst hatte, es könnte sie verraten.

„Wer ist da?“

Sie öffnete den Mund, brachte jedoch nur einen heiseren Laut hervor.

Unten folgte eine leise Verwünschung. „Na gut, dann komme ich rauf.“

Liebe Güte! Sie verhielt sich kindisch! Wer immer er war – jetzt würde der Mann heraufkommen. Er würde sie wie ein verschrecktes Tier auf dem Treppenabsatz kauernd vorfinden.

Entschlossen richtete Anna sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter dreiundsechzig auf und strich sich das Leinenkleid glatt. „Sparen Sie sich die Mühe!“, rief sie und ballte die Hände zu Fäusten. Betont sorglos betrat sie die Treppe und begann hinunterzusteigen.

Auf halbem Weg riskierte sie einen Blick nach unten. Sie musste sich am Geländer festhalten, um nicht zu stolpern. In ihren Ohren rauschte es, und alles in ihr begann zu pulsieren.

Am Fuß der Treppe stand der Mann ihrer Mädchenträume! Die Zeit schien stillzustehen. Die Jahre schmolzen dahin, und Anna sah sich wieder als Zehnjährige. Sie trug einen Rosenstrauß in der Hand und schwebte über die Treppe ihrem Helden entgegen. Jetzt war er da … wie sie ihn sich so oft ausgemalt hatte.

Nur fehlte in seinen Augen der anbetende Ausdruck.

Eiskalt waren sie auf sie gerichtet.

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“

Angelo Emiliani machte sich nicht die Mühe zu verbergen, dass er gereizt war.

Die Firma, mit der er wegen des Schlosses verhandelte, gehörte zu den ältesten Immobilienfirmen des Landes. Sie besaß Büros in den meisten Großstädten Europas. In den letzten beiden Wochen hatte die Firma Arundel-Ducasse ihn jedoch an ihrer Geschäftstüchtigkeit zweifeln lassen. Jetzt hatte man ihm einen falschen Besichtigungstermin genannt. Er konnte sich nicht wie geplant als Erster im Château umsehen. Und obendrein hatte man ihm offenbar auch noch eine junge, verschreckte Angestellte geschickt.

Wie sie gleich feststellen würde, gehörte Geduld nicht zu seinen Stärken …

Auf der vorletzten Stufe blieb sie stehen. Sie war jetzt auf Augenhöhe mit ihm und wirkte irgendwie beunruhigt, fast abweisend. Obwohl er verärgert war, berührte Angelo der Anblick der jungen Frau seltsam. „Also, wer sind Sie“, wiederholte er ungeduldig.

„Das Gleiche könnte ich Sie auch fragen“, erwiderte sie scharf.

„Ach du meine Güte!“ Betont gelangweilt wandte er sich ab und ging zur Mitte der Eingangshalle. Dabei blickte er sich suchend um. „Soll das heißen, die gesamte Belegschaft von Arundel-Ducasse hat die Pest oder ein ähnlich schreckliches Schicksal dahingerafft? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man zu einer wichtigen Besichtigung wie dieser die Praktikantin schickt.“

Die junge Frau blieb hinter ihm stehen und atmete tief durch.

„Angelo Emiliani“, stellte sie fest.

Etwas in ihrer Stimme ließ ihn aufmerken. Er drehte sich um und betrachtete sie genauer.

Im ersten Moment hielt er die Regenbogenstreifen in ihrem schwarzen Haar für eine Täuschung des Lichts, das durch die Buntglaskuppel über ihnen hereinfiel. Dann bemerkte er jedoch, dass das seidige, zu einem Nackenknoten gewundene Haar der jungen Frau tatsächlich von hellroten Strähnen durchzogen war. Aufmerksam musterte er sie. Sein Blick wanderte über ihr zartes, herzförmiges Gesicht mit dem trotzig vorgeschobenen kleinen Kinn und den großen kajalbetonten Augen zu ihrem kurzen schwarzen Kleid. Auf einmal dämmerte es ihm. Natürlich. Das Protestcamp der Umweltschützer zwischen den Bäumen war ihm bereits während der Fahrt zum Château aufgefallen.

Nachsichtig lächelte er. „Richtig, Signorina. Ich bin Angelo Emiliani. Dürfte ich nun auch Ihren Namen erfahren?“

Sie zögerte kaum merklich, dann streckte sie ihm die schlanke Hand entgegen, wobei ihre silbernen Armreifen klirrten. Mit klarer, selbstbewusster Stimme antwortete sie: „Verzeihen Sie, Signor Emiliani, ich war nicht auf Sie vorbereitet. Ich bin Felicity aus dem Londoner Büro von Arundel-Ducasse“, log sie, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich habe mit dem Marquess of Ifford wegen des Verkaufs seines Schlosses verhandelt. Zurzeit mache ich hier in Cannes Urlaub. Da dachte ich, ich sehe es mir mal selbst an.“

Sie hatte blitzschnell reagiert, das musste er ihr lassen. Sie war um Klassen besser als die üblichen ungepflegten, zotteligen Umweltschützer, die seine Baustellen belagerten und vor seinen Firmen in Rom und London demonstrierten.

„Aha.“ Er blickte auf den schmutzigen Kalksteinboden und unterdrückte ein Lächeln. Mit Umweltaktivisten fertig zu werden, war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Diesmal würde ihm die Jagd besonders Spaß machen, weil das Wild so reizvoll war. Angelo konnte der Versuchung nicht widerstehen, so zu tun, als wäre er auf ihre Lüge hereingefallen. „Tja, Felicity, das freut mich.“ Er tat einen Schritt auf sie zu und beobachtete zufrieden, wie in ihren ungewöhnlich weit auseinanderstehenden Augen ein wachsamer Ausdruck erschien. „Es freut mich sogar sehr. Wie Sie sicher schon bemerkt haben, hat Ihre Kollegin aus dem Büro in Nizza mich versetzt. Leider haben sich unerfreuliche Entwicklungen ergeben. Daher liegt mir viel daran, das Geschäft noch heute unter Dach und Fach zu bringen.“

„Unerfreuliche Entwicklungen?“

Er seufzte. „Die nette kleine Campertruppe im Wald. Ich habe sie gesehen, als ich die Auffahrt hochkam, und je eher mein Name auf dem Kaufvertrag für diese Immobilie steht, desto schneller kann ich die Umweltschützer fortschicken, damit sie sich anderswo nützlich machen. Ich hasse es, wenn junge Leute ihre Zeit für eine verlorene Sache vergeuden.“

Unwillkürlich ballte Anna die Hände zu Fäusten. Früher hatte sie immer gedacht, Selbstbeherrschung wäre eine ihrer Stärken. Jetzt wusste sie, dass sie noch viel mehr Kontrolle über sich hatte, als sie geglaubt hatte. Anderenfalls hätte sie diesem arroganten, selbstverliebten Mann längst sein unanständig attraktives Gesicht zerkratzt.

Ohne sie aus den Augen zu lassen, kam er noch einen Schritt näher. „Heute ist Ihr Glückstag, Felicity. Sie werden diejenige sein, die mir das Anwesen zeigt. Und für mich steht jetzt schon fest, dass ich es kaufen werde. Sie können also sicher sein, dass Ihr Chef sehr zufrieden mit Ihnen sein wird.“

Alles Blut wich aus Annas Gesicht. Sie kam sich vor wie ein Verräter. Dieser Mann wollte ihr das geliebte Château wegnehmen. Und sie sollte mit ihm durch die vertrauten Räume laufen. Allein bei der Vorstellung wurde ihr schwindlig.

Immer noch sah er sie an, die kalten blauen Augen leicht zusammengekniffen.

„Das ist hoffentlich kein Problem, Signorina? Sie sind doch eine Angestellte der Maklerfirma, die diesen Besitz verkaufen soll … oder nicht?“

„Ja, natürlich. Wie gesagt, ich …“

„Gut. Und da Sie sagten, Sie seien in Ihrem Londoner Büro mit dem Verkauf beauftragt, kennen Sie sich hier doch sicher aus?“

Fest erwiderte sie seinen Blick. „Ja.“

„Dann wollen wir keine Zeit mehr verschwenden.“ Unvermittelt lächelte er. Ihr wurde bewusst, dass er markante Züge und einen unerhört sinnlichen Mund besaß. „Ich habe die erste Baufirma für nächste Woche herbestellt. Da kann ich es mir nicht leisten herumzustehen.“

„Ist das nicht ein bisschen voreilig? Solange die Verträge nicht unterzeichnet sind, ist nichts sicher.“

„Nicht voreilig, Felicity. Realistisch. Ich bekomme immer, was ich will. Also? Wollen Sie mich jetzt herumführen, oder soll ich das Büro in Nizza anrufen, damit sie mir jemanden schicken, der es tut?“

Nun schenkte Anna ihm ihr schönstes Lächeln. „Wo möchten Sie anfangen?“

Angelo Emiliano senkte kurz den Blick. „Wie wär’s mit dem Schlafzimmer?“

Einatmen … Anhalten … Und ausatmen …

Es half nichts. Mit Yoga konnte sie gegen die Wut, die sie nun packte, nichts ausrichten. Sie brauchte mindestens Beruhigungsmittel. Oder eine Vollnarkose.

Auf dem Treppenabsatz vor dem einstigen Zimmer ihrer Großmutter wartete sie auf ihn. Anna lehnte sich matt ans Treppengeländer. Das Ärgerliche war, dass es nicht allein Wut war, die ihre Beine zum Zittern brachte. Sie ärgerte sich über ihre Dummheit und ihre Schwäche für Romantik. Warum musste dieser Angelo Emiliani ausgerechnet so aussehen wie der Märchenprinz aus ihren Träumereien?

Und wie hatte sie so dumm sein können, sich als Felicity auszugeben? Fliss würde sie umbringen, wenn sie erfuhr, dass Anna ihren Namen verwendet hatte! Was war, wenn Angelo Emiliani sich beim Chef ihrer Freundin beschwerte? Fliss würde dann empfindlichen Ärger bekommen. Anna fühlte Panik in sich aufsteigen.

Es war wohl besser, sich Signor Emiliani gegenüber freundlich zu verhalten. Schließlich wollte sie ihm keinen Grund liefern, sich zu beklagen. Aber das würde nicht leicht sein! Der Verkauf war noch nicht einmal perfekt. Trotzdem hatte dieser anmaßende Mensch bereits Baufirmen beauftragt, ihr geliebtes Château abzureißen. Bei der Vorstellung packte Anna erneut die Wut.

Zum Glück gab es da immer noch GreenPlanet! Noch war die Schlacht nicht verloren!

Entschlossen drehte Anna sich um. Durch die offene Tür konnte sie Angelo Emiliani am Fenster stehen sehen. Mit beiden Armen stützte er sich auf die Fensterbank. Sicher erwägt er bereits, welche Teile des Erdgeschosses dem Erdboden gleichgemacht werden sollen. Um einem Hubschrauberlandeplatz und Tennisplätzen Raum zu schaffen, dachte Anna verbittert. Sie versuchte, das ungebändigte blonde Haar des Mannes zu übersehen. Nicht auf seine langen gebräunten Finger zu achten, die auf der Fensterablage ruhten. Sogar von hinten strahlte dieser schlanke, elegante Mann ungewöhnlich viel Selbstvertrauen und Macht aus.

Ich bekomme immer, was ich haben will.

GreenPlanet dürfte kaum eine Chance gegen ihn haben, musste Anna sich halb verzweifelt, halb ehrfürchtig eingestehen. Er strahlte eine Entschlossenheit aus, die sie erschaudern ließ.

Unvermittelt richtete Angelo sich auf und wandte sich ihr zu. Erst in diesem Moment wurde ihr seine machtvolle Ausstrahlung mit Schrecken bewusst. Sein Gesicht war sonnengebräunt. Er strahlte die ruhelose Energie eines lauernden Raubtiers aus. Nach dem Aussehen zu urteilen, konnte er kaum älter sein als Anna selbst. Andererseits wirkte er so hart und abgeklärt, dass er mindestens doppelt so alt sein musste. Was mochte ihn so eiskalt gemacht haben?

„Nun?“

„Nun, was?“ Verwirrt wurde ihr bewusst, dass sie ihn immer noch fasziniert ansah. Aber das war er vermutlich gewöhnt.

Entspannt lehnte er sich an die Fensterbank und verschränkte die Arme. „Kommen Sie, Felicity, Sie haben doch sicher mehr zu bieten. Jetzt sollten Sie über das Gebäude und das Grundstück reden. Sie sind doch Immobilienmaklerin, oder etwa nicht?“

Er sprach in ruhigem, amüsiertem und leicht mahnendem Ton. Anna riss sich zusammen. Sie wusste, dass er sie herausfordern wollte.

„Natürlich. Und Sie sind ein international bekannter Baulöwe, Signore“, erwiderte sie betont locker. „Ich würde mir nicht anmaßen, Ihnen etwas über dieses Gebäude oder das Grundstück erzählen zu wollen. Zweifellos wissen Sie über all das sehr viel besser Bescheid als ich.“

„Wollen oder können Sie es nicht?“, fragte Signor Emiliani gefährlich leise.

Eine seltsame Spannung herrschte auf einmal zwischen ihnen. Obwohl es ein warmer Nachmittag war, erschauerte Anna.

Er versuchte, sie in die Enge zu treiben. Und er genoss es.

Um ihren Stolz und Fliss’ berufliches Ansehen zu retten, musste sie sich wohl etwas mehr anstrengen.

„Was möchten Sie wissen?“ Sie straffte die Schultern und ging langsam auf ihn zu. Jetzt würde ihr nach Oberschicht klingender Tonfall zum Einsatz kommen. „Wie Sie sicher sehen, wurde das Château Belle-Eden im anglo-normannischen Stil des neunzehnten Jahrhunderts erbaut. Es befindet sich auf einem Grundstück mit einer Fläche von fünf Hektar in Bestlage.“

„Sehr eindrucksvoll.“

„Das sollte es auch sein.“ Anna stand jetzt am Fenster neben Emiliani, sah ihn jedoch nicht an. „Es wurde 1897 im Auftrag des Eigentümers eines der exklusivsten Pariser Kaufhäuser errichtet. Dieser hat weder am Bau noch an der Ausstattung gespart. Die Seidentapeten stammen aus …“

„Ich meinte eigentlich nicht das Anwesen.“

„Wie bitte?“

Er blickte sie durchdringend an. „Mich hat beeindruckt, wie gut Sie über die Einzelheiten des Schlosses Bescheid wissen.“

„Ich sagte Ihnen doch schon, ich bin zuständig für den Verkauf des Schlosses.“ Starr blickte sie weiter zwischen den Pinien hindurch zur Straße und den dahinter liegenden Klippen. „Mit seiner einmaligen Lage gehört das Château Belle-Eden zu den begehrtesten Immobilien der Welt. Cannes ist nur drei Kilometer von hier entfernt, und das Schloss besitzt einen eigenen Strand, den man durch den Pinienwald dort drüben erreicht.“

„Ach ja.“ Zu Annas Erleichterung wandte Angelo Emiliani sich ab und blickte grimmig, fast drohend zu den Zelten und Wäscheleinen von GreenPlanet hinüber, die zwischen den Bäumen sichtbar waren.

„Wollen Sie das Château als Privatwohnsitz nutzen, Signor Emiliani?“, fragte sie in beiläufigem Ton.

Langsam wandte er sich ihr wieder zu und lächelte spöttisch. „Nein. Ich dachte, ich mache eine Jugendherberge daraus. Und in dem Wäldchen dort errichte ich vielleicht einen Dauercampingplatz für Hippies und Aussteiger. Auf diese Weise könnte ich meine anderen Bauvorhaben möglicherweise ungestört durchführen, ohne dass diese Leute ständig gegen mich zu Felde ziehen.“

Sie zuckte nicht mit der Wimper, fiel ihm auf. Ihre wachsamen Augen zeigten nicht die geringste Regung. „Ich meinte die Frage ernst, Signore.“ „Sicher. Halten Sie mich für dumm genug, Ihnen zu verra

ten, was ich mit dem Schloss tatsächlich vorhabe? Sie unterschätzen mich.“

Anna sah ihn an. „Sind Sie hier fertig?“

Da war es wieder. Angelo runzelte verärgert die Stirn. Sie gab sich höflich und völlig korrekt. Dennoch spürte er die unterschwellige Herausforderung. Ein anderer hätte sie wohl kaum wahrgenommen. Aber er hatte sich nicht vom Waisenjungen in die internationalen Kreise der Reichen emporgearbeitet, um zu sein wie andere Männer. Sein Instinkt war seine Spezialität.

„Fürs Erste bin ich hier fertig, ja“, beantwortete er ihre Frage ruhig.

„Gut. Dann folgen Sie mir bitte.“

„Mit Vergnügen.“

Es ist wirklich ein Vergnügen, dachte Angelo, als er ihr folgte.

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