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Samantha Spinner

Russell Ginns

Russell Ginns ist ein Schriftsteller und Spieledesigner, der sich auf Rätsel, Lieder und kluge Unterhaltung spezialisiert hat. Er hat an Projekten für die Sesamstraße, Nintendo, NASA, UNICEF und Hooked on Phonics gearbeitet. Einmal hat er sogar ein Gedicht auf der Rückseite einer Alpha-Bits-Cornflakes-Packung veröffentlicht. Russell lebt und schreibt in Washington, DC.

Für Kelly Schrum

Dieses Buch ist deinetwegen zustande gekommen.
Und auch sonst geschehen viele tolle Dinge wegen dir.

Teil 09, Code CEPERUMSCD

Der Eiffelturm

Der Eiffelturm steht im Herzen von Paris, Frankreich. Anlässlich einer Weltausstellung errichtet, wurde er im Jahr 1889 fertiggestellt. Mit seinen dreihundertundvierundzwanzig Metern ist er das höchste Gebäude in der Stadt. Über vierzig Jahre lang war er sogar das höchste Gebäude der Welt.

Jedes Jahr fahren Millionen von Besuchern mit dem Aufzug bis zu seiner Spitze und bestaunen von dort die wunderschöne Stadt Paris.

Der Turm besteht aus riesigen Eisenträgern, die durch Nieten aus Metall miteinander verbunden sind. Das gewaltige Bauwerk wird von mehr als zweieinhalb Millionen Nieten zusammengehalten.

***

Eine der Nieten ist überhaupt keine Niete, sondern ein Schalter. Du findest ihn an einem großen Stützbalken in der nordöstlichen Ecke der ersten Plattform, etwa auf sechzig Zentimetern Höhe. Er hebt sich von den anderen Nieten ab, weil er silbern glänzt und nicht braun gestrichen ist.

Wenn du ihn drückst, wirst du ein leises, tiefes Summen hören. Nach sechzig Sekunden wird sich eine Klappe öffnen und den Blick auf eine Leiter freigeben, die am Eisenträger hinabführt.

Zwäng dich durch die Luke und klettere hinunter. Während du die Leiter hinabsteigst, wird der Sog der Luft stärker werden. Du kannst dich jederzeit fallen lassen. Bevor du auf dem Boden auftriffst, wirst du in eine druckluftbetriebene Röhre gesaugt.

ERSTES KAPITEL

Unerklärlich
verschwundene Person

Samantha machte sich auf die Suche nach Onkel Paul.

Seit Tagen hatte ihn niemand gesehen.

Am Freitagmorgen hatte er Erdbeerwaffeln gemacht und allen geholfen, in den Tag zu starten. Er erinnerte Buffy daran, ihre Bücher und Stifte in die riesige Handtasche zu stecken, die sie immer mit in die Schule schleppte. Dann wartete er mit Samantha und Nipper auf den Bus und führte anschließend ihren Mops Dennis spazieren, bis zum Park und zurück. Nachdem er Dennis nach Hause gebracht hatte, schlurfte er in seinen knallorangen Flipflops zu seiner Einzimmerwohnung über der Garage.

Das war das letzte Mal, dass ihn jemand gehört oder gesehen hatte.

Als sie am Samstag nach ihm Ausschau hielt und ihn nicht finden konnte, vermutete Samantha, dass er auf dem Flohmarkt war, wo er jedes Wochenende mit Schneekugeln und Reiseandenken handelte. Aber auch am Sonntag ließ er sich nicht blicken. Also stieg sie Sonntagabend die Treppe hinauf und spähte durch seine Wohnungstür. Seine Kisten mit Büchern, Magneten, Aufklebern und Landkarten waren ordentlich an der Wand aufgestapelt, aber von ihm selbst fehlte jede Spur.

Am Montagmorgen tauchte er nicht zum Frühstück auf. Und da war sich die gesamte Spinner-Familie einig, dass Onkel Paul offiziell verschwunden war.

Zwei Polizeibeamte kamen vorbei, um der Sache auf den Grund zu gehen, und Samanthas Dad lieh ihnen eine besonders leistungsstarke Taschenlampe. Die hohe Lichtstärke der experimentellen Glühbirne schien die Polizisten mehr zu interessieren als alles in Onkel Pauls Wohnung, auf das sie den Schein der Taschenlampe richteten.

Nach einer fünfminütigen Suche kehrten sie in die Küche der Spinners zurück.

»Wir haben nichts Außergewöhnliches gesehen«, sagte einer der Beamten zu ihnen. »Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass er tot ist.«

»Tot?«, fragten alle fünf Mitglieder der Spinner-Familie zugleich.

»Na ja, es gibt immerhin noch eine Chance, dass er irgendwo da draußen am Leben ist«, sagte der andere Polizist.

Dabei nahm er gedankenverloren zwei Äpfel von der Küchentheke und jonglierte sie mit einer Hand.

»Manchmal verschwinden Onkel einfach, ohne irgendwem Bescheid zu sagen«, sagte er und legte die Äpfel zurück in die Obstschale.

Die Polizisten versprachen, ein Unerklärlich-verschwundene-Person-Formular auszufüllen, und gingen wieder.

Bald darauf machte Mrs Spinner sich auf den Weg zur North-Seattle-Tierklinik, wo sie die Abteilung für Nagetier- und Echsenpflege leitete. Mr Spinner fuhr zum Amerikanischen Lampeninstitut, wo er als führender Glühbirnentester arbeitete. Und Buffy schnappte sich ihre riesige Handtasche, ohne daran zu denken, ihre Bücher und Stifte einzustecken, und ging zur Schule.

Zum ersten Mal seit Jahren warteten Samantha und ihr Bruder Nipper ganz allein auf den Bus.

Natürlich wusste Samantha, dass Onkel Paul niemals einfach so verschwinden würde, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Zumindest ihr hätte er es gesagt. Sie wusste, dass da etwas ganz und gar nicht stimmte, aber sie hatte keine Ahnung, was man bei einem verschwundenen Onkel unternehmen konnte. Deshalb stieg sie in den Bus, als er vor ihnen hielt, und fuhr erst einmal zur Schule.

Am Nachmittag versammelten sich alle drei Kinder unter dem Basketballkorb an der Außenwand von Onkel Pauls Wohnung.

»Letzte Woche habe ich Onkel Paul diesen neuen Hut und diese neue Handtasche gezeigt«, sagte Buffy. Sie streckte Samantha und Nipper beides entgegen, als wären es Beweisstücke.

»Normalerweise scherzt er immer, dass ich eine Villa mit hundertfünfzig Zimmern bräuchte, um all meine Hüte und Taschen unterzubringen«, erinnerte sie sich mit einem Seufzer. »Aber diesmal hat er mich kein bisschen aufgezogen. Vielleicht wusste er schon, dass ihm etwas zustoßen würde.«

»Vielleicht ist er entführt worden«, sagte Nipper. »Oder vielleicht ist er explodiert.«

Buffy dachte darüber nach und sah sich um.

»Wenn er explodiert ist, wo sind dann die zersprengten Fetzen seiner grässlichen orangefarbenen Latschen?«, fragte sie.

Samantha war sich ziemlich sicher, dass Onkel Paul nicht explodiert war. Ihre Geschwister waren genau so hilfreich, wie sie es von ihnen erwartet hatte – nämlich überhaupt nicht. Sie ließ sie unter dem Basketballkorb stehen und ging die Straße hinunter, Richtung Volunteer Park.

Mitten auf einem Hügel im Park stand ein Kunstmuseum mit Aussicht auf das Zentrum von Seattle und die Olympic Mountains in der Ferne. Onkel Paul verbrachte eine Menge Zeit in diesem Museum, deshalb hoffte Samantha, die Chefin der Museumsaufsicht, Olivia Turtle, könne ihr helfen.

Als Samantha ihr von Onkel Pauls Verschwinden erzählte, schien Olivia ebenfalls besorgt zu sein. Leider nicht aus denselben Gründen wie Samantha.

»Dann ist er also einfach … verschwunden?«, fragte Olivia langsam.

Samantha nickte.

»Na, ich hoffe, du spürst ihn wieder auf, junge Dame«, sagte sie. »Nächsten Monat findet hier nämlich ein großes Treffen statt, bei dem Museumswärter aus aller Welt zusammenkommen. Ich wollte deinen Onkel fragen, ob er beim Quiz in meiner Mannschaft mitspielt.«

Sie rückte ihr Namensschildchen zurecht.

»Niemand weiß so viel über Kunst und Architektur wie Pyjama-Paul«, sagte sie.

Es ärgerte Samantha immer, wenn andere ihren Onkel Pyjama-Paul nannten. Zugegeben, er lief den ganzen Tag in einem karierten grünen Schlafanzug und einem Paar knalloranger Flipflops herum. Sie hatte ihn noch nie etwas anderes tragen sehen.

Aber es gab so viel mehr, was Paul Spinner ausmachte, als einen grünen Pyjama.

Jeden Abend saß er mit Samantha und Nipper auf der Treppe neben der Garage und erzählte ihnen Geschichten von den erstaunlichsten Orten auf der ganzen Welt. Er redete über die Chinesische Mauer und eine Ruinenstadt in den Anden, die Machu Picchu genannt wurde. Er sprach darüber, wie es wohl gewesen wäre, mit der Titanic zu reisen.

Er wusste unheimlich viel über Kathedralen und Springbrunnen und weit entfernte Länder, besonders für jemanden, der den ganzen Tag einen karierten grünen Schlafanzug und knallorange Flipflops trug.

Er hatte Samantha beigebracht, wie man in elf verschiedenen Sprachen »Bitte«, »Wo ist das höchste Gebäude der Stadt?« und »Danke« sagte.

Hin und wieder brachte er etwas Interessantes vom Flohmarkt mit und schenkte es Nipper. Letztes Jahr hatte er Nipper eine alte Briefmarke vermacht, auf der ein auf dem Kopf fliegendes Flugzeug abgebildet war. Nipper hatte sie an einem windigen Tag mit in die Schule genommen und sie war in der Pause davongeweht.

Buffy hatte deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nichts vom Flohmarkt haben wollte. In ihrem Leben gab es keinen Platz für Dinge, die irgendetwas mit Flöhen zu tun hatten.

Auch für Samantha brachte Paul keine Gegenstände mit. Stattdessen schenkte er ihr immer neue Geschichten oder ein Rätsel oder erstaunliche Fakten über die Welt.

Manchmal half sie ihm sogar, Dinge zu finden, die er sammeln und weitertauschen konnte.

Die nächsten paar Tage verbrachte Samantha damit, nach geheimen Magneten oder Aufklebern zu suchen, die ihr Onkel zurückgelassen haben mochte, um ihr mitzuteilen, dass es ihm gut ging oder dass er an sie dachte. Sie suchte überall im Haus und in der Nachbarschaft. Sie fand nichts.

Nach einer Woche erlaubten Samanthas Eltern ihr schließlich, die Wohnung über der Garage zu erkunden. Sie führte Nipper und Dennis die Treppe hinauf und dann schnüffelten die drei dort herum.

Das Schlafsofa war ordentlich zusammengeklappt. Dutzende Bücher über alles Mögliche, von antiken Waffen bis Sporttauchen, füllten ein hohes Bücherregal. Es gab auch viele Bücher über Reisen und Fremdsprachen. Die zwei Holzkisten, die Onkel Paul jeden Samstag mit auf den Flohmarkt nahm, enthielten seine üblichen Sammlungen.

Samantha und Nipper gingen die Stapel mit Autokennzeichen und Broschüren durch. Das meiste davon erkannten sie wieder. Onkel Paul hatte es ihnen schon viele Male gezeigt.

Samantha nahm den hochgeschätzten Pokal ihres Onkels unter die Lupe, der in der Mitte des Raumes auf dem Sofatisch stand. Zwei Jahre zuvor hatte Onkel Paul einen Ausflug in die Hauptstadt Washington unternommen und dort bei einem Hula-Hoop-Wettbewerb den zweiten Platz belegt, weil er seinen Hula-Hoop-Reifen zweiundzwanzig Stunden lang in Bewegung gehalten hatte. Der Gewinner war ein dressierter Affe gewesen, der seine Hüften zweiundzwanzig Stunden und fünf Minuten geschwungen hatte. Manche fanden, Onkel Paul hätte den Sieg für sich beanspruchen und den Pokal für den ersten Platz einfordern sollen. Der Wettbewerb war nämlich eigentlich nur für Menschen gedacht. Aber Onkel Paul schien mit seinem zweiten Platz ziemlich glücklich zu sein – als ob er es sich genau so gewünscht hätte.

Dennis schnupperte an dem Zweiter-Platz-Pokal. Er leckte ihn ein paarmal ab und trottete dann davon.

Samantha und Nipper fiel ein Stück Papier auf, das gegenüber von den Fenstern an die Wand geheftet war.

ICH HOFFE

EUER LIEBER DAD

STEHT IN DER FRÜHE AUF

UND BEREITET EUCH WAFFELN ZU

Samantha sah sich den Zettel aus der Nähe an.

»Was könnte das denn heißen?«, fragte sie.

»Das heißt wohl, dass es von jetzt an Dad übernehmen muss, das Frühstück zuzubereiten«, sagte Nipper.

Beide Kinder starrten auf den Zettel. Sie lasen den ersten Buchstaben von jedem Wort. Sie lasen den Text rückwärts. Sie lasen ihn richtig herum. Sie suchten nach Zahlen für einen Geheimcode, der sich irgendwo auf der Seite verbergen mochte. Aber nein. Da war nichts, womit sie diese seltsame Botschaft entschlüsseln konnten.

Samantha und Nipper verbrachten den Rest des Nachmittags damit, die Wohnung zu durchsuchen, aber sie konnten keine Hinweise finden. Onkel Paul hatte nirgendwo eine Telefonnummer oder eine Adresse hinterlassen. Weder hinter dem Sofa noch unter dem Teppich verbarg sich irgendetwas Besonderes oder Geheimnisvolles. Der Zettel an der Wand war das Einzige.

Am Abend riefen Samanthas Eltern die ganze Familie zu einer Besprechung in der Küche zusammen.

»Setzt euch zu uns, ihr drei«, sagte ihr Dad, der neben ihrer Mutter am Tisch saß. In einer Hand hielt er etwas, das nach einem handgeschriebenen Brief aussah. In der anderen hielt er eins der experimentellen Leuchtgeräte, die er oft von der Arbeit mit nach Hause brachte.

»Als ihr mir von der Nachricht erzählt habt, die sich in Onkel Pauls Wohnung befindet, habe ich beschlossen, mich in der Küche umzusehen«, sagte ihre Mutter. »Euer Vater hat sich die ganze Woche damit abgemüht, Haferbrei und Toast zum Frühstück zuzubereiten, deshalb ist er gar nicht in die Nähe des Waffeleisens gekommen. Wie sich herausstellte, war dieser Brief die ganze Zeit darunter versteckt.«

»Elektrotechnisch gesehen schien das nicht sehr klug«, sagte ihr Vater. »Lasst uns mal die Farbbalance des Lichts anpassen.«

Er neigte die Papierseiten und die selbstleuchtende Lampe in unterschiedlichen Winkeln hin und her.

»Wir sollten uns das wirklich mit einer Lichtquelle höchster Leistung ansehen, die die präzisesten Farbtöne …«

Mrs Spinner nahm ihrem Mann den Brief aus der Hand und begann, ihn laut vorzulesen.

»Liebe Buffy, liebe Sam und lieber Nipper. Wenn ihr das lest, werde ich nicht mehr hier sein. Aber denkt nicht, ich hätte die Zeit mit euch dreien nicht genossen. Ich bin sicher, eure Eltern haben euch inzwischen verraten, dass ich ein Entdecker bin und einer der äußerst wenigen Menschen mit Kenntnissen über die supergeheimen …«

»Wer’s glaubt, wird selig«, unterbrach Buffy.

»Was für ein Haufen gequirlter Quark!«, fügte Nipper hinzu.

Mrs Spinner zeigte mit zwei Fingern auf Buffy und Nipper und starrte ihnen in die Augen. Als Tierärztin hatte sie eine Menge Erfahrung damit, aufgeregte Chinchillas und Chamäleons zum Stillhalten zu bringen, während sie ihre Zehen verband oder Erdnussbutter von ihren Schwänzen entfernte. Kinder zu beruhigen, fiel ihr nicht schwer.

Samantha wartete geduldig ab.

»Also, wo war ich?«, fragte ihre Mom und las dann weiter.

»Ihr Kinder werdet wahrscheinlich denken, das alles sei bloß ein Haufen gequirlter Quark, aber es ist ein großes Geheimnis, das ich sehr lange Zeit gewahrt habe … zu meiner Sicherheit, zur Sicherheit eurer Eltern und auch zu eurer Sicherheit.«

Der Brief war fünf Seiten lang und Onkel Paul erklärte darin, dass er einer der reichsten Menschen der Weltgeschichte sei. Es gelang ihm nicht besonders gut zu beschreiben, wo das ganze Geld herkam. Er erwähnte unter Wasser verborgene Schätze und irgendwelche Goldbarren. Es war eine recht verwirrende Geschichte.

Samantha hörte still zu, während ihre Mutter Seite für Seite vorlas. Onkel Paul endete damit, dass er noch einmal wiederholte, wie sehr er seine Nichten und seinen Neffen liebte und dass sie nicht traurig sein sollten, weil er nun fort war.

»Seid nicht allzu betrübt, Kinder«, las ihre Mutter vor, »denn jetzt ist es an der Zeit für die Erwachsenen, die großen Geschenke herauszuholen.«

Die Kinder hielten für eine Sekunde den Atem an. Sie saßen still und stumm am Tisch. Nipper schielte zu Samantha. Samantha warf einen Seitenblick auf Buffy. Buffy tat so, als ob sie im winzigen Spiegel ihrer Puderdose ihren Lippenstift kontrollierte, aber tatsächlich beobachtete sie darin ihre Geschwister. Alle drei Spinner-Kinder versuchten, möglichst unbeteiligt zu wirken, als hätten sie nichts von den großen Geschenken gehört.

Mrs Spinner legte den Brief beiseite und reichte Buffy einen Umschlag. Buffy riss ihn erwartungsvoll auf. Darin befand sich ein Scheck, der auf ihren Namen ausgeschrieben war und ihr zwei Milliarden und vierhundert Millionen Dollar vermachte. Eine Notiz war mit einer Büroklammer daran befestigt.

Viel Spaß beim Shoppen.

Onkel Paul

Mrs Spinner blickte ihren Mann an. »Woher hat er nur so viel Geld?«, fragte sie ihn, ohne zu erwarten, dass er die Antwort darauf kannte.

Mr Spinner zuckte mit den Achseln. »Ich hätte nicht gedacht, dass Paul überhaupt eine Arbeit hatte«, sagte er und reichte Nipper eine Mappe.

Nipper öffnete sie und fand darin einen Stapel Dokumente. Er las das Blatt, das zuoberst lag. Es war eine Besitzurkunde für das Baseballstadion der New York Yankees. Alle Spielerverträge waren mit einer Briefklemme daran befestigt. Nipper schloss die Mappe, um die Notiz zu lesen, die vorne auf dem Deckel klebte.

Verpass nicht den Tag der Eröffnung.

Onkel Paul

»Damit ist wahrscheinlich der Beginn der Spielsaison gemeint. Das könnte eine Warnung sein, diese Dokumente nicht zu verlieren, Nipper«, sagte Mrs Spinner und klopfte auf die Mappe.

»Ja. Wie dieses alte Superheldencomicheft, das du an die Vögel verfüttert hast«, sagte Buffy. »Und alles andere, das Onkel Paul dir geschenkt hat.«

»Ich habe es an niemanden verfüttert«, sagte Nipper. »Eine Taube ist damit weggeflogen, als ich mir die Schuhe zugebunden habe.«

»Onkel Paul sagt immer, wenn niemand etwas verlieren würde, wäre auch nichts wertvoll«, erinnerte Samantha ihre Familie. Sie hatte geduldig gewartet. Jetzt war sie an der Reihe.

Einen Moment lang sahen ihre Eltern sich an, ohne ein Wort zu wechseln. Dann griff ihr Dad unter den Tisch und holte einen roten Regenschirm hervor. Schweigend reichte er ihn Samantha.

Er war alt und abgenutzt. Ein Papierschildchen baumelte von seinem hölzernen Griff. Darauf stand ebenfalls eine Nachricht.

Hüte dich vor dem REGEN.

Onkel Paul

Samantha starrte den Schirm an.

Ihr Onkel hatte ihr einen Schirm vermacht. Einen rostigen alten Schirm.

»Keine Sorge«, sagte Mrs Spinner. »Ich bin sicher, dass wir noch herausfinden werden, wie all dieses wirre, verrückte Zeug zusammenhängt.«

Über eines war Samantha sich jetzt schon ziemlich sicher: Es war nicht fair!

Es war wirklich nicht fair.

Tief in ihrem Herzen wusste sie, wenn irgendjemand mal ein Buch über ihr Leben schreiben würde, dann wäre der Titel des zweiten Kapitels: Es war nicht fair.

ZWEITES KAPITEL

Es war nicht fair

Der richtige Name von Samanthas Bruder war Jeremy Bernard Spinner, aber alle nannten ihn Nipper. Das kam daher, dass er als kleines Kind ständig an allem genibbelt und jeden gebissen hatte. Nie fest genug, um die Haut zu verletzen, aber es tat dennoch ganz schön weh! Jetzt war er acht und machte das kaum noch. Tatsächlich war es schon drei Jahre, sieben Monate und zwölf Tage her, dass er jemanden gebissen hatte. Und trotzdem nannten ihn noch immer alle Nipper.

Jetzt, da er sein eigenes Baseballstadion und eine Profimannschaft besaß, freute er sich schon auf den besten Sommer aller Zeiten. Vielleicht bekam er ja obendrein noch einen magischen Ring – den Siegerring der Baseballweltmeisterschaft!

Unterdessen vergnügte sich Samanthas ältere Schwester bereits prächtig. Sobald der Scheck über zwei Milliarden und vierhundert Millionen Dollar ihrem Konto gutgeschrieben war, radelte Buffy zu ihrem Lieblingsladen in Seattle und kaufte sich die modischste, teuerste Handtasche, die sie finden konnte. Eine Stunde später fuhr sie noch einmal mit dem Taxi dort vorbei und kaufte eine noch größere Handtasche, um die erste darin transportieren zu können. Beim dritten Besuch kam sie in einer Stretchlimousine und kaufte sich den ganzen Laden. Eine groß angelegte, sagenhafte Shoppingtour hatte begonnen.

Am frühen Samstagnachmittag begab Buffy sich ins Einkaufszentrum und fünf Stunden später kehrte sie mit einer Lastwagenkolonne nach Hause zurück. Jeder der Sattelschlepper war randvoll mit Halstüchern und Sonnenbrillen beladen.

»Hat das auch mal eine Ende?«, rief Nipper Samantha zu.

»Ich kann dich nicht hören«, antwortete sie und betrachtete ihren Regenschirm.

Den restlichen Tag über rollten riesige Lkws an ihnen vorbei und luden Kisten voller Accessoires hinter dem Haus ab.

Am Sonntag drehte sich alles um Pullis und Gürtel. Eine neue Lastwagenkolonne staute sich vor der schmalen Einfahrt und die Lieferanten fügten ihre Fracht dem stetig wachsenden Haufen hinter dem Haus hinzu, der jetzt fast schon so hoch war wie das Gebäude selbst.

Am Montag hatten sie keine Schule, weil Elternsprechtag war. Also ging Buffy gleich nach dem Aufstehen wieder shoppen. Noch Jahrzehnte später sollte dieser Tag in Einkaufszentren und Kaufhäusern im gesamten pazifischen Nordwesten als Tag des Schuhs in Erinnerung bleiben.

In ihr teuerstes Halstuch gehüllt und mit einer Designersonnenbrille auf der Nase betrat Buffy jedes Geschäft im Umkreis von vierzig Kilometern und kaufte systematisch jedes Paar Pumps, Turnschuhe und Stiefel in ihrer Größe auf. In der Zwischenzeit besuchte eine Truppe ihrer Fußvertreterinnen – Mädchen mit derselben Schuhgröße und Fußform wie Buffy – Geschäfte in allen größeren Städten von Oregon, Idaho und Washington State, um in Buffys Auftrag noch mehr Schuhe anzuschaffen.

Am Dienstagmorgen war Buffys Garderobe bereits so fabelhaft, wie sie es nur jemals sein konnte. Also ließ sie sich spontan etwas Neues einfallen. Sie verkündete, dass es ihre Bestimmung sei, ein Filmstar zu werden, und dass sie dafür nach Hollywood ziehen wolle.

Mr und Mrs Spinner sagten, dass sie nichts dagegen hätten, wenn Buffy Schauspielerin werden wolle, aber dass sie auf keinen Fall die Schule verlassen dürfe.

Buffy hörte auf ihre Eltern und versprach, dass sie die Schule nicht verlassen würde. Sie bezahlte ein Team von Ingenieuren dafür, dass sie die Lake Union High School, einschließlich ihres Footballfelds, des Parkplatzes und der Fahnenstange, auf zwei Dutzend riesige Tieflader hoben, und dann nahm sie die Schule einfach mit. Schüler, Lehrer, Bücher, die Instrumente der Schul-band, das Kantinenessen – sie alle begannen die Reise nach Süden.

Zurück blieben eine kahle Erdfläche, eine Reihe Schließschränke, die hoffnungslos zugerostet waren, und ein Mädchen names Nelly McPepper, das Buffy nicht mitnehmen wollte, weil es im Herbst noch weiße Kleidung trug und damit gegen die Regeln des guten Geschmacks verstoßen hatte.

Zwei Wochen lang hörte niemand etwas von Buffy. Dann, eines Nachmittags, als Samantha betrübt im Wohnzimmer herumhing, kam Nipper herein und wedelte mit einem Briefumschlag.

»Mom hat mir gerade diesen Brief gegeben, damit wir ihn zusammen lesen«, sagte er.

Die Adresse auf dem Umschlag war mit goldener Tinte in einer verschnörkelten Schönschrift geschrieben. Der Absender war Scarlett Hydrangea, in Beverly Hills, Kalifornien. Die aufgeklebten Briefmarken hatten einen Wert von mindestens siebenundneunzig Dollar.

»Wer zum Kuckuck ist Scarlett Hydrangea?«, fragte Nipper.

Samantha öffnete den Brief und las ihn laut vor:

»Allerliebste Sammy und allerliebster kleiner Nipper, ich bin jetzt der Star meines eigenen Films, für den ich keine Kosten gescheut habe. Es wird ein absoluter Kassenschlager. Noch scheint zwar niemand beeindruckt zu sein, aber ich bin sicher, sobald ich meinen Text auswendig gelernt habe, wird die Welt mein großes Talent erkennen.

Meine 550-Zimmer-Villa ist herrlich. Onkel Paul hatte recht – nun habe ich endlich genug Platz für all meine Hüte und Taschen, auch für die Brillen und Schals! Ich habe sogar Platz für euch zwei, wenn ihr zu Besuch kommt. Im Stall hinter meinem Wasserfall gibt es noch zwei leere Boxen. Darin will ich eigentlich ein Paar Einhörner mit Regenbogenfell unterstellen, aber bis jetzt hat noch niemand welche gefunden, die ich kaufen könnte. Wenn ihr bald vorbeikommt, dürft ihr sie gerne haben. (Die Stallboxen, nicht die Einhörner.)

Schreibt mir zurück, aber bitte faselt nicht so viel von eurem langweiligen Leben!

Küsschen,

Scarlett Hydrangea

PS: Das ist mein neuer Künstlername.«

»Okay. Jetzt weiß ich es«, sagte Nipper.

Samantha ließ den Brief auf den Boden fallen. »Mir geht es genau wie der armen Nelly McPepper«, jammerte sie und sank mit dem Gesicht voran ins Sofakissen. »Ich habe nichts zu tun und weiß nicht, wohin.«

Nipper wollte gerade darauf hinweisen, dass sie doch nach Kalifornien gehen und in Buffys Stall wohnen könnte, als Dennis hereingetrottet kam. Samantha sah vom Sofa auf und stellte zum ersten Mal fest, dass der H

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