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Santa Claus und die Liebe …

1. KAPITEL

Deanna Blake wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen, als ihr Baby einen gezielten Tritt in ihrer vollen Harnblase landete. Noch ganz in ihren lebhaften Träumen gefangen, blinzelte sie ins dämmrige Morgenlicht, bevor sie wieder tief unter die warme Decke kroch. Sie streichelte ihren Bauch …

„Hatschi!“

Schwerfällig wälzte sich Deanna auf die Seite und sah gerade noch, wie der kleine Junge aus dem Zimmer lief und unbeholfen die Tür hinter sich zuzog.

Unwillkürlich musste sie lächeln. Ihr schien, als hätte sie das seit Langem nicht mehr getan, so fremd fühlte es sich an.

Sie setzte sich auf und fuhr sich mit der Hand durch das kurze, dunkle Haar, dann blickte sie sich in ihrem alten Kinderzimmer um, das allmählich von einer blassen Novembersonne erhellt wurde.

Nach ihrem Flug und drei Stunden Autofahrt von Albuquerque nach Whispering Pines war sie am Abend zuvor ins Bett gefallen, ohne nur das Licht einzuschalten. Sie betrachtete das alte Poster ihrer Lieblingsrockband, dessen Ecken sich von der roh verputzten Wand ablösten, und fragte sich, was seltsamer war – dass sie nach so langer Zeit wieder in ihrem alten Kinderzimmer geschlafen hatte oder dass das Zimmer noch haargenau so aussah wie damals, als sie ausgezogen war. Aber wozu hätte ihr Dad es auch verändern sollen?

Deanna presste die Augenlider zusammen, während eine Welle von Trauer und Schuldgefühl über sie kam, die schmerzhafter war als der neuerliche Tritt des Babys in ihre Harnblase.

Mühsam stand sie auf und bewegte sich, so schnell ihr Zustand es erlaubte, ins angrenzende Badezimmer. Den Blick in den Spiegel vermied sie geflissentlich. Mit den nach allen Seiten abstehenden Haaren sah sie garantiert wie ein Monster aus. Außerdem hatte sie durch die Schwangerschaft und die vielen schlaflosen Nächte morgens immer dicke Tränensäcke unter den Augen.

Nachdem sie geduscht und sich die Haare gekämmt hatte, fühlte sie sich wieder etwas menschlicher. Sie zog Leggings und ein T-Shirt an, in XL, atmete tief durch und verließ das Zimmer. Von unten ertönte fröhliches Kinderlachen, und der verlockende Duft von Kaffee stieg ihr in die Nase.

Ein bisschen war es wie früher, nur dass es ein trauriger Anlass war, der sie in ihr Elternhaus zurückgeführt hatte. Während sie über die Terrakottafliesen im Flur ging, hoffte sie, wie früher in der Küche Gus, den alten Hausangestellten ihres Vaters, anzutreffen. Vielleicht betreute er ja den kleinen Jungen, während sein Daddy draußen auf der Ranch beschäftigt war. Früher hatte Gus sich oft um Deanna gekümmert und manchmal auch um die vier Talbot-Jungs, die für Deanna ein bisschen wie große Brüder gewesen waren.

Als sie an der hohen Glastür zur Veranda vorbeikam, blieb sie kurz stehen und blickte nach draußen über den menschenleeren Hof. Von irgendwoher war das unbekümmerte Lachen des Kindes zu hören, ansonsten war es vollkommen still.

Nach dem Lärm der Großstadt empfand Deanna die Stille als irritierend, und ein Gefühl, das sie nicht deuten konnte, überkam sie. War es so etwas wie Wehmut? Wie um sich selbst zu überzeugen, legte sie die Hände auf ihren Bauch, wo das Baby heftig strampelte.

In der Küche war niemand zu sehen, abgesehen von einer großen grauen Katze auf der Fensterbank, die Deanna den Kopf zudrehte und sich zu fragen schien, was diese fremde Person in ihrem Reich verloren hatte.

Deanna schaute sich um. In der Ecke stand noch immer der riesige Esstisch, der gut zwölf Personen Platz bot. Und in dem mächtigen Kanonenofen prasselte wie früher das Feuer, obwohl in dem hundert Jahre alten Haus schon vor vielen Jahren eine Gasheizung eingebaut worden war. Unverändert waren auch die Küchenschränke aus dunklem Holz und die handbemalten mexikanischen Bodenfliesen, auch wenn diese inzwischen etwas abgenutzt aussahen.

Ein Bild kam ihr in den Sinn, wie sie als kleines Mädchen Gus’ leckere Pfannkuchen verschlungen hatte, bevor sie im Dunkeln zum Schulbus gerannt war …

„Dee?“

Sie drehte sich um und blickte in ein olivgrünes Augenpaar, das ihr einmal sehr vertraut gewesen war. Allerdings hatte der große, kräftige Cowboy, dessen aufmerksamer Blick nun zu ihrem Bauch wanderte, nur noch vage Ähnlichkeit mit dem schlaksigen Jungen von früher. An seinem Bein klebte ein kleiner Junge, der ihm äußerst ähnlich sah.

„Hallo, Josh“, antwortete sie überrascht.

Josh stellte seinen Holzkorb neben dem Herd ab, während er Deanna neugierig beäugte.

„Was machst du …?“ Deanna unterbrach sich. „Wo ist denn Gus?“

„Der ist mit meiner Mutter zum Einkaufen in die Stadt gefahren. Für … morgen.“

„Ach ja, stimmt.“

„Mein herzliches Beileid“, sagte er ruhig, aber mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton, der ihr sofort ein schlechtes Gewissen machte.

„Danke“, erwiderte sie leicht befangen. „Herzliches Beileid auch für dich.“

Josh nickte so betrübt, dass sich Deannas Herz zusammenzog. Josh war der einzige der vier Talbot-Söhne, der sich schon immer für Landwirtschaft und Pferdezucht interessiert hatte. Daher war Deanna nicht sonderlich überrascht gewesen, als ihr Dad ihm nach der Pensionierung seines Vaters dessen Stelle als Gutsverwalter angeboten hatte. Offenbar hatten sich Josh und ihr Vater sehr nahegestanden. Vielleicht hatte ihr Dad ihn sogar als den Sohn betrachtet, den er sich immer gewünscht hatte.

Deanna spürte, wie ihr die Tränen in den Augen brannten. Sie räusperte sich verlegen, bevor sie sich an den kleinen Jungen wandte, der sich am Bein seines Daddys festhielt. „Hallo, mein Kleiner“, sagte sie freundlich. „Ich bin Deanna, die Tochter von Mr. Blake. Wenn du magst, kannst du mich Dee nennen. Und wie heißt du?“

Als Antwort kam ein schüchternes „Austin“. Joshs Sohn war seinem Dad wie aus dem Gesicht geschnitten. Das gleiche dunkle Haar und die olivgrünen Augen. Ihr Vater hatte ihr am Telefon von dem Jungen erzählt, der ohne Mutter aufwuchs.

„Freut mich, dich kennenzulernen, Austin.“

„Wieso hast du so einen dicken Bauch?“, fragte der Kleine, nun schon etwas mutiger.

Deanna lachte. Wie erfrischend direkt Kinder doch waren. „Da drin wächst ein Baby.“

Der Kleine schien zu überlegen. „Wie bei den Pferden?“

„Ganz genau. Aber mein Baby hat keine Hufe.“

„Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“

„Ein Mädchen.“

„Und wie heißt das Baby?“

„Das weiß ich noch nicht.“

Der Blick des Kleinen schien zu sagen: Wird Zeit, dass du darüber nachdenkst. „Okay“, sagte er dann mit einem resignierten Seufzer und lief zu der Katze hinüber, um mit ihr zu spielen.

„Tut mir leid, dass er dich so ausgequetscht hat“, sagte Josh, aber um seine Mundwinkel zuckte es belustigt.

„Wenigstens hat er nicht gefragt, wie das Baby hineingekommen ist.“

„Die Frage kommt demnächst garantiert“, erwiderte Josh, und für einen Moment erkannte Deanna in ihm wieder den Jungen von damals, der sie immer aufgemuntert hatte, wenn sie sich nach dem Tod ihrer Mutter bei ihm ausgeweint hatte.

„Austin ist süß, und er sieht aus wie du.“

„Ja, das sagen alle.“ Er runzelte die Stirn. „Dein … der Vater des Kindes hat dich allein herkommen lassen?“

„Wir sind nicht zusammen.“

Josh schwieg betroffen.

„Ich hatte keine Ahnung, dass Dad krank war“, sagte Deanna. „Und er hat Gus anscheinend verboten, es mir zu erzählen.“ Wieder brannten ihr die Tränen in den Augen. „Das Schlimmste ist, dass ich Dad nicht mehr sagen kann, wie wütend ich darüber bin, dass er seine Krankheit vor mir verheimlicht hat. Wie … verletzt.“

„Stimmt, er hat dir nichts erzählt, aber warum hast du ihn auch nie besucht?“

Deanna zuckte hilflos die Achseln, und ein unbehagliches Schweigen breitete sich aus.

Dann sagte Josh: „Es ging übrigens alles ziemlich schnell.“

„Ja, Gus hat es mir erzählt.“ Deanna sah zu Austin hinüber, der neben der Katze auf der Fensterbank saß und ihr anscheinend eine Geschichte erzählte.

„Ich nehme an, dein Dad wollte nicht, dass du dir Sorgen machst …“

„Trotzdem. Es war unfair und egoistisch von ihm, mir so etwas Wichtiges vorzuenthalten.“ Deannas Stimme klang verbittert.

Josh blickte auf ihren Bauch. „Ich nehme an, dass Granville davon auch nichts wusste.“ Deanna wurde ganz heiß, als Josh ihr wieder in die Augen sah.

„Ich hätte es ihm doch noch gesagt“, erwiderte sie zerknirscht. „Aber mir war auch klar …“, sie presste die Lippen aufeinander. „Dass Dad unter den gegebenen Umständen nicht glücklich darüber gewesen wäre. Vielleicht später, wenn er das Baby gesehen hätte.“ Sie wandte traurig den Blick ab. „Es ist schrecklich, dass er sein Enkelkind nun nicht mehr kennenlernt.“

Josh ging zum Kühlschrank. „Was hättest du denn gerne zum Frühstück?“

„Du brauchst mir doch nicht …“

„Wann hast du denn zuletzt gegessen?“

„Hm, gestern Mittag. Aber ein Müsli reicht mir völlig. Mach dir keine Umstände.“

„Keine Sorge. Gus hat schon Pfannkuchenteig vorbereitet, und das Backen dürfte ja nicht allzu schwierig sein.“

„Wenn das so ist; ja, gerne.“

Er warf ihr einen seltsamen Blick zu, der zu sagen schien, dass sie die nächsten paar Tage irgendwie miteinander auskommen mussten, bevor jeder wieder in sein eigenes Leben zurückkehren würde.

Seltsam, dass sie sich nie gefragt hatte, was nach dem Tod ihres Vaters aus der Ranch werden würde. Ihr Dad hatte auch nie mit ihr über Erbschaftsangelegenheiten gesprochen. Das alles schien in so weiter Ferne gelegen zu haben. Irgendwie hatte Deanna ihren Vater immer für unsterblich gehalten.

Aus dem Vorraum zur Küche drangen laute Stimmen und durchbrachen Deannas Grübeleien. „Gramma!“, rief Austin und sauste quer durch die Küche in die Arme seiner Großmutter. Billie Talbot drückte ihren Enkel liebevoll an sich.

Hinter ihr kam Gus herein, schwer bepackt mit Einkaufstüten. Er hatte seine wilde graue Mähne zu einem Pferdeschwanz gebunden, und sein Bauch war mindestens genauso dick wie Deannas. Doch ansonsten hatte er sich kaum verändert. Er begrüßte Deanna herzlich und ging dann wieder nach draußen, anscheinend um noch weitere Einkaufstüten zu holen.

Billie kam mit freudestrahlendem Gesicht auf Deanna zu. „Dass du wieder mal da bist“, sagte sie und drückte Deanna so mütterlich an sich, wie sie es früher oft getan hatte, wenn Deanna mit ihren Sorgen zu ihr gekommen war.

„Es tut mir so leid, Dee“, sagte sie, und Deanna konnte kaum ihre Tränen zurückhalten. „Dein Vater war ein so netter und großzügiger Mensch. Die ganze Stadt wird ihn schrecklich vermissen.“ Ihr Blick fiel auf Deannas dicken Bauch. „Ach, du liebe Zeit“, sagte sie lächelnd. „Achter Monat?“

„So in etwa.“

„Und sie haben dich allein herfliegen lassen?“

Deanna nickte. Ihr fiel ein, dass Joshs Mutter Hebamme war. Irgendwie war das beruhigend. „Ja, die Flugbegleiter sahen ziemlich erleichtert aus, als wir glücklich gelandet sind.“

„Das kann ich mir vorstellen“, erwiderte Billie lachend. „Ach, wie schön, dich zu sehen, meine Süße. Wenn es nur nicht ein so trauriger Anlass wäre.“

„Ja, ich freue mich auch sehr, dich zu sehen, Billie.“

„Du hast dein Haar dunkler gefärbt. Steht dir gut.“

„Danke“, erwiderte Deanna geschmeichelt.

„Selbst der Nasenstecker gefällt mir an dir.“ Sie fing an zu lachen. „Aber wenn ich mir vorstelle, wie dein Dad darauf reagiert hätte …“ Sie wurde wieder ernst. „Hör zu, Dee, falls du mich brauchst, ich bin immer für dich da.“

„Dafür bin ich dir sehr dankbar.“

Die beiden Frauen umarmten sich wortlos, dann wandte Billie sich an Josh. „Soll ich Austin mit zu uns nehmen? Ihr habt doch jetzt sicher viel zu besprechen.“

Ehe Josh antworten konnte, schrie der Kleine begeistert: „Ja, ich will mit zu Gramma!“

Unwillkürlich musste Deanna lächeln. Wie schön es war, zur Abwechslung mal eine fröhliche Familie zu erleben. Ihr Singledasein in Washington sah gänzlich anders aus. Das quirlige Großstadtleben mit Partys, Konzerten, Museen und Galerien hatte ihr all die Jahre sehr gut gefallen, und sie war ihrem Vater im Grunde dankbar, dass er ihr dieses Leben ermöglicht hatte. Auch wenn sie sich damals von ihm im Stich gelassen gefühlt hatte, als er sie ohne weitere Erklärung als Fünfzehnjährige zu ihrer Tante nach Washington geschickt hatte.

Wenn sie an Joshs Familie zurückdachte, überkam sie immer ein warmes Gefühl. Wie viel Liebe und Fürsorge hatte sie in dem kleinen Verwalterhaus erlebt, nachdem ihre Mutter gestorben war.

Plötzlich fand sie es gar nicht mehr so schrecklich, wieder einmal in dieser abgeschiedenen Gegend zu sein. Zumindest für ein, zwei Wochen könnte sie es schon aushalten.

Während Josh seine Mutter und seinen Sohn nach draußen begleitete, dachte er an Deanna. Das Wiedersehen hatte ihn ziemlich aufgewühlt. Auch weil sie mit ihrem modisch schwarz gefärbten Haar und dem kleinen Brilli im linken Nasenflügel so verändert aussah. Ganz zu schweigen von ihrem dicken Bauch.

„Ich denke, wir haben genug für das Büfett morgen eingekauft“, sagte seine Mom, nachdem sie Austin in seinem Kindersitz angeschnallt hatte.

Josh nickte. „Danke.“

„Weißt du etwas über Deanna?“, fragte sie.

„Nicht viel. Ich habe sie erst vor fünf Minuten wiedergesehen.“

„Jedenfalls trägt sie keinen Ehering.“

„Sie hat gesagt, dass sie nicht mehr mit dem Vater zusammen ist. Aber das geht uns wirklich nichts an.“

Billie nickte nachdenklich und ließ den Blick zu der fernen Gebirgskette schweifen, deren schneebedeckte Gipfel in der Morgensonne funkelten. Vorboten des nahen Winters. „Ich weiß noch gut, wie ihr Jungs immer wütend geworden seid, wenn euer Dad und ich uns in eure Angelegenheiten eingemischt haben.“ Sie lächelte etwas gequält. „Ich habe mir eben immer Sorgen gemacht. Und Dees traurige Augen gefallen mir gar nicht. Sie hatte nicht mal Gelegenheit, sich von ihrem Vater zu verabschieden. Granville wusste wahrscheinlich gar nichts von dem Baby.“

„Nein, sicher nicht.“

Billie schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das nicht. Hat er denn so wenig Kontakt zu seinem einzigen Kind gehabt?“

Josh beobachtete seinen Sohn, der selbstvergessen seine Autos auf Billies Wagenfenster hin und her fahren ließ. „Ich nehme an, das ging von beiden Seiten aus.“

Billie blickte auf das schöne alte Haus, das sich, zusammen mit den riesigen Ländereien, Stallungen und den Cottages für die Landarbeiter, seit Generationen im Besitz der Familie Blake befand. „Ich nehme an, dass sie das alles erbt.“

Josh hätte lügen müssen, wenn er behauptet hätte, dass dieser Satz ihm nicht einen heftigen Stich versetzte. Dem Gesetz nach gehörte die Vista nun Dee, und sie konnte damit machen, was sie wollte. Für Josh jedoch war die Ranch sein Zuhause, wahrscheinlich viel mehr, als sie je Dees Zuhause gewesen war.

Schon als Teenager hatte Dee keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegenüber dem Landleben gemacht. Als ob Whispering Pines bei Weitem nicht groß genug wäre, um alles bereitzuhalten, was Deanna Blake vom Leben erwartete. Wie oft hatte sie sich darüber bei ihm beklagt.

Er hatte ihr immer verständnisvoll zugehört, obwohl er im Grunde auch zu diesem Leben gehörte, das sie ablehnte. Zum Glück hatte er rechtzeitig begriffen, dass er ihr niemals gut genug sein würde, sonst hätte er sich womöglich noch zum Narren gemacht.

Als sie ihm an ihrem fünfzehnten Geburtstag aufgeregt erzählte, sie würde zu ihrer Tante nach Washington ziehen, war er nicht sonderlich überrascht gewesen. Trotzdem hatte er sich schwer zusammenreißen müssen, um ihr nicht seine Enttäuschung zu zeigen.

Josh spürte den forschenden Blick seiner Mutter und fühlte sich ertappt. „Entschuldige, Mom, ich war gerade mit meinen Gedanken woanders. Jedenfalls wissen wir morgen nach der Testamentseröffnung mehr.“

„Ist die denn gleich nach der Beerdigung?“

„Ja, sobald die Gäste gegangen sind.“

Granville hatte zwar keine offizielle Trauerfeier gewollt – er halte nichts von dem ganzen „Brimborium“, hatte er noch kurz vor seinem Tod gesagt –, doch die Einwohner von Whispering Pines würden niemals darauf verzichten, dem Mann, der so viel für die Stadt getan hatte, die letzte Ehre zu erweisen. Daher würde Granville Blake dieses eine Mal nicht seinen Willen bekommen.

„Ich fahre dann mal“, sagte Billie. „Später muss ich noch zwei junge Mütter besuchen, aber eine Geburt steht zum Glück so bald nicht an. Ich habe mit Gus ausgemacht, dass ich morgen früh herkomme und das Büfett für den Trauerempfang vorbereite.“

„Du musst Austin nicht bei dir behalten, wenn es dir zu viel wird.“

„Dein Dad ist ja auch noch da. Und irgendwas sagt mir, dass Deanna im Moment einen Freund brauchen kann.“ Sie zwinkerte ihren Sohn an.

Josh seufzte. „Ach, Mom, das ist doch alles so lange her.“

„Findest du? Aber es wird dich nicht umbringen, wenn du dich ein bisschen um sie kümmerst.“ Damit stieg sie ins Auto und startete den Motor.

Während Josh seinem kleinen Sohn hinterherwinkte, wurde ihm etwas bange, weil er nun mit Deanna ganz alleine sein würde.

Ihm fielen Granvilles Worte kurz vor seinem Tod ein, dass er sich Sorgen um Dee machte, weil sie sich so lange nicht gemeldet hätte. Josh bedauerte nun, Granville nicht darauf hingewiesen zu haben, dass er selbst seine Tochter ja auch einmal hätte anrufen können. Zum Beispiel, um ihr von seiner Krankheit zu erzählen.

Jedenfalls war Granvilles Intuition richtig gewesen. Es war offensichtlich, dass es Dee nicht sonderlich gut ging.

Als sie ihn vorhin mit ihren großen dunklen Augen angesehen hatte, waren sofort die alten Gefühle wieder in ihm erwacht. Als wäre es gestern gewesen, sah er sie beide wieder einträchtig nebeneinandersitzen und über ihre Träume und Hoffnungen reden. Und wie damals spürte er nun das Bedürfnis, sie in ihrer Traurigkeit zu trösten.

Doch diesen nostalgischen Anwandlungen wollte er lieber nicht nachgeben.

Als er die Küchentür öffnete, sah er, dass Deanna bereits beim Frühstück war. „Falls mich jemand sucht“, sagte er in den Raum hinein, „ich bin draußen bei den Pferden.“

Dann flüchtete er förmlich aus dem Haus, bevor er es sich anders überlegen konnte.

2. KAPITEL

Nach dem Frühstück ging Deanna nach draußen, um sich ein wenig umzusehen. Während sie über den Hof schlenderte, strömten all die vertrauten Gerüche aus ihrer Kindheit auf sie ein. Nach Holzfeuer und Pferdestall und nach Pinienzapfen, deren süßer Duft den leicht modrigen Geruch von feuchter Erde überdeckte. Beinahe überkam sie so etwas wie Nostalgie, ein Gefühl, das sie als hormonell bedingte Rührseligkeit sofort wieder beiseiteschob.

Dennoch genoss sie die kühle, klare Luft. Und wie nah der Himmel war, der sich in unendlicher Weite über ihr spannte wie ein schützender Mantel.

Ein ihr unbekannter Hund kam auf sie zugetrottet. Er hatte etwas von einem australischen Schäferhund. „Du bist aber hübsch“, sagte sie mit sanfter Stimme, woraufhin der Hund ihr schwanzwedelnd die Hand abschleckte, bevor er wieder davontrottete.

Abgesehen von dem Hund schien sich wenig verändert zu haben. Die alte Scheune wirkte noch malerischer als früher, weil sie schon ein wenig verwittert war. Ein Lächeln ging über Deannas Gesicht, als sie sich an die Tanzbälle erinnerte, die ihr Vater jedes Jahr zum Nationalfeiertag im Juli in der Scheune veranstaltet hatte. Die ganze Stadt war dazu eingeladen gewesen, alle brachten etwas zu essen mit, und im Hof wurde gegrillt. Später gab es unten am Teich ein Feuerwerk.

Der größte Teil der Umzäunung bestand längst aus Draht, doch die Pferdekoppel in der Nähe des Hauses war noch immer von einem weißen Holzzaun umgeben. Deanna glitt mit der Hand über die oberste Latte und erinnerte sich daran, dass sie früher jedes Jahr bei dem Neuanstrich geholfen hatte.

Eine der Stuten löste sich leise wiehernd aus der kleinen Herde und kam angetrabt, als würde sie Deanna wiedererkennen. Sie hatte eine weiße Blesse auf der Stirn, die Deanna an ihr altes Pferd erinnerte. „Bist du etwa die Tochter von Starlight?“, fragte sie mit sanfter Stimme und strich über die weichen Nüstern des Tiers. Als die Stute daraufhin an ihrem Haar schnupperte, musste Deanna lachen. Genauso hatte Starlight es immer bei ihr getan.

Nein, es war nicht alles schlecht gewesen hier draußen auf der Ranch.

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