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Saubande

Über Arne Blum

Arne Blum ist seit Jahren in der Verlagsbranche tätig und schreibt erfolgreiche Kriminalromane. Seine Schweinekrimireihe um die kluge Ermittlerin Kim mit der unfehlbaren Spürnase machte ihn nicht nur zu einem bekennenden Freund aller Schweine, sondern veranlasste ihn auch, ein Pseudonym für diese andere Seite in seinem kreativen Schaffen zu wählen.

Informationen zum Buch

Tatort Schweinestall – ein »Charakterschwein« ermittelt!

Kim hat im Moment zweifellos Schwein: Sie ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Nun hat sie bei dem Maler Munk und seiner Muse Dörthe ein neues Zuhause gefunden. Und Kim ist verliebt …

Doch dann das: Mit einem Messer im Rücken stürzt ihr Gönner tödlich getroffen zu Boden. Nur ein letztes Wort kommt über seine Lippen: »Klee …« Kim steht vor einem Rätsel. Und was das Ganze noch erschwert: Kim ist ein Schwein, und ihre Artgenossen sind ihr wahrlich keine Hilfe – weder Che, der große Weltveränderer, noch der gefräßige Brunst oder der altersschwache Doktor Pik. Bleibt nur der verwegene Typ, der Kim seit Tagen schöne Augen macht und von allen nur Lunke genannt wird, ein wilder Schwarzkittel, der keiner Keilerei aus dem Weg geht. Gemeinsam folgen die beiden ihrem Rüssel und wühlen dabei einen allzu menschlichen Bodensatz aus Vertuschung, Habgier, Erpressung und Mord auf …

Ein amüsanter Kriminalroman über die Abgründe von Habsucht, Gier und anderen menschlichen Untugenden.

Arne Blum

Saubande

Ein Schweinekrimi

Hunde schauen zu uns auf, Katzen auf uns herunter.

Schweine aber betrachten uns als ihresgleichen.

WINSTON CHURCHILL

Menschen sind senkrechte Schweine.

EDGAR ALLEN POE

Die Schweine

Kim – Deutsche Landrasse, träumt vom Fliegen und hat die Neigung, Schwierigkeiten zu wittern, liebt Auto fahren und verabscheut Fleischfresser, hat oft das Gefühl, dass Schweine und Menschen nicht zusammenpassen.

Che – Husumer Protestschwein, träumt von der großen Revolution der Schweine, hat insgeheim Angst vor starken Sauen, verabscheut die schwarzen Wilden.

Brunst – Deutsches Sattelschwein, träumt unaufhörlich vom Fressen, verabscheut es, nachzudenken und sich zu bewegen.

Doktor Pik – Deutsche Landrasse, der Methusalem unter den Schweinen, hat schon alles gesehen und ist im Zirkus aufgetreten, berühmt für seinen legendären Kartentrick, liebt es den Wolken nachzublicken.

Cecile – Minischwein, wurde aus dem Fenster einer Zoohandlung gerettet, liebt es zu reden und den anderen nachzulaufen, überaus neugierig und ohne jeden Sinn für Gefahren.

Lunke – eigentlich Halunke, gehört zu den schwarzen Wilden, liebt es, große Reden zu schwingen und allein durch den Wald zu streifen, behauptet, vor nichts und niemandem Angst zu haben, hält sich auch für sexuell attraktiv.

Eine Rotte wilder Schwarzer

Die Menschen

Dörthe – Lebenskünstlerin, Schauspielerin, eingefleischte Vegetarierin, verliebt sich gerne, liebt aber immer auch ein wenig ihren Gönner Robert Munk.

Robert Munk – Maler, reich und berühmt, liebt Dörthe, hat ein wenig Angst vor seinen eigenen Geheimnissen.

Kaltmann – Dorfmetzger, riecht nach Blut und verbreitet Schrecken.

Haderer – Gärtner, Tierpfleger, Mann für alles im Haus Munk, für seine unfreundliche Einsilbigkeit bekannt.

Ebersbach – Hauptkommissar, fettleibig, mit Neigung zu Schweißausbrüchen, liebt Schweinefleisch, kann lebende Tiere und Menschen nicht ausstehen, gilt aber als guter Ermittler.

Kroll – Kommissar, Brillenträger, Waffennarr, verachtet Ebersbach insgeheim und glaubt, eines Tages noch groß herauszukommen.

Doktor Michelfelder – Rechtsanwalt, Möchtegern-Politiker, verheiratet, hat eine Affäre mit Dörthe, liebt guten Wein und schlechte Schlager.

Schredder – Galerist, sieht sich als Hüter des Werkes von Munk, denkt in jeder Minute an Geld und/oder Frauen.

Altschneider – Dorfpfarrer, liebt es, Kindern und Schweinen Bonbons zuzustecken, verbirgt hinter seinem ewig rosigen Lächeln ein echtes Problem.

Diverse Dorfbewohner, ein Wachhund, Polizisten, Feuerwehrleute, Tierärzte, ein Testamentsvollstrecker, ein Bruder …

1

»Man müsste etwas aus seinem Leben machen«, sagte Kim leise vor sich hin. »Fliegen lernen – zum Beispiel fliegen lernen.« Lag es an dem vollen Julimond, der durch die kaputte Fensterscheibe fiel, oder an dem Duft von frischem Gras, dass ihr so seltsam zumute war? Oder lag es daran, dass sie sich verliebt hatte? Nein, sie hatte sich nicht verliebt, überhaupt nicht. Sie fand ihn, den Schwarzen, nur … interessant, weil er so anders war. Was würde er wohl davon halten, wenn sie ihm etwas vom Fliegen vorschwärmen würde? Wie wäre das – Wolken berühren und den vorlaut krächzenden Raben hinterherjagen?

»Wieso fliegen lernen?«, quietschte die kleine Cecile. »Wie kommst du darauf, fliegen zu wollen?« Sie war die Jüngste von ihnen und besonders neugierig. Nie war man vor ihr und ihren Fragen sicher.

»Wir können nicht fliegen«, sagte Che mit seiner ewig mürrischen Stimme. »Die Verhältnisse sind nicht so. Erst müssten sich mal die Verhältnisse ändern. All das Elend, die Ausbeutung … Anständiges Fressen für alle – das wäre ein Anfang!«

»Könnt ihr nicht endlich die Klappe halten?«, knurrte Brunst. Er hatte die Augen geschlossen, kaute aber immer noch an einem welken Kohlkopf herum, den er vor den anderen in Sicherheit gebracht hatte. »Ich will schlafen. Bei eurem ewigen Gerede wird einem ja ganz schwindlig.« Dann rülpste er laut und drehte sich auf die Seite.

Kim rückte ein Stück von den anderen ab. Es war ihr zweiter Sommer, nein, eigentlich der dritte, an den ersten konnte sie sich aber nicht mehr erinnern. Der Mond wanderte ein Stück weiter, er fiel auf einen Flecken Stroh und dann auf Doktor Pik. Er war der Älteste von ihnen, nicht ihr Anführer, sie brauchten keinen Anführer, aber wenn er etwas sagte, dann galt es. Che hatte einmal gemeint, dass Doktor Pik schon hundert Jahre alt sei – ein Fossil gewissermaßen. Nun, Che übertrieb meistens, aber es stimmte, dass Doktor Pik vor allen anderen da gewesen war. Deshalb konnte ihn auch nichts mehr aufregen. Meistens schlief er irgendwo auf ihrer Wiese unter einem der fünf Apfelbäume. Einmal hatte Kim ihn dabei ertappt, dass er Wolken zählte oder ihnen zumindest nachsah.

»Was ist nun mit dem Fliegen?«, quengelte Cecile und schob sich mit ihrem rosigen Rüssel an Kim heran. »Meinst du, man kann es lernen? Kannst du es mir beibringen?«

»Ich glaube nicht«, sagte Kim. »War nur so ein Gedanke.«

Sie schloss die Augen, aber sie konnte nicht einschlafen. Der Schwarze ging ihr nicht aus dem Sinn. Groß und allein hatte er dagestanden und zu ihr herübergeschaut. Er hatte nach feuchten Blättern und leicht modrigem Wasser gerochen.

Plötzlich hörte sie eine aufgeregte Stimme aus dem hinteren Teil des Hauses, da, wo Robert Munk und Dörthe wohnten. Gelegentlich kam einer von beiden nachts noch zu ihnen herein – las etwas oder rauchte oder stand einfach nur da. Kim tat dann immer, als schliefe sie. Munk setzte sich meistens auf ihr Gatter und steckte sich eine Zigarre an, ein großes unförmiges Ding. Der Gestank hing zwar bis in den nächsten Tag in der Luft, aber irgendwie gefiel er Kim. Nichts sonst, das sie kannte, roch so scharf und würzig wie diese Zigarre.

Mit einem lauten Krachen wurde die Tür aufgerissen. So ungestüm kamen sonst weder Munk noch Dörthe herein. Kim richtete sich auf und blickte zur Tür hinüber.

In dem Licht, das durch die geöffnete Tür fiel, sah sie, dass Munk taumelte. Unsicher setzte er einen Schritt vor den anderen. Dabei murmelte er etwas vor sich hin, das sie nicht genau verstehen konnte. Es klang wie »Nein, niemals«.

Er hatte die kleine Lampe, die neben der Tür hing, nicht angeschaltet, und als er ihr Gatter erreichte, merkte sie, dass er anders roch als gewöhnlich, nicht nach scharfem Tabak oder frischer Farbe. Die Hand, die er auf das hölzerne Gatter legte, war voller Blut.

Einen Moment blickte er Kim in die Augen, so als würde ihm endlich klar werden, dass sie ihn verstand. Seine Wangen, die mit einem kurzen, grauen Bart überzogen waren, spannten sich wie unter einer großen Anstrengung, und der schmale Mund formte ein Wort. Kim richtete ihre Ohren auf und kniff die Augen zusammen. Die Borsten auf ihrem Rücken sprangen in die Höhe, so angespannt lauschte sie. Was sagte Munk da, und wieso war seine Hand blutig? Sie wagte jedoch nicht, einen Schritt näher zu gehen, als könnte das Mondlicht, in dem sie stand, sie beschützen.

»Klee«, formte Munks bleicher Mund. Ja, dieses Wort kannte sie – kaum etwas mochte sie lieber als saftigen grünen Klee, der leider auf ihrer Wiese nirgendwo mehr wuchs, weil Brunst ihm den Garaus gemacht hatte.

Dann würgte Munk, und ein Blutschwall drang über seine Lippen. Mit einer ungeschickten Bewegung öffnete er das Gatter und kippte nach vorn. Er schwankte, sein Mund öffnete sich erneut, Blut quoll heraus, färbte seine Zähne tiefrot, er sank auf die Knie und fiel wie ein Sack mitten hinein in ihren Pferch.

Es geschah alles so schnell, dass Kim nur laut aufschnauben konnte. Warum tat Munk das? Noch nie war er nachts in ihren Pferch gekommen, geschweige denn dass er auf die Knie gesunken war. Schnell trat sie einen Schritt zurück. Ihr Kopf zuckte voller Panik in die Höhe. War da noch jemand? Wo war Dörthe? In der Tür tauchte ein Schatten auf, der aber sofort wieder verschwand, bevor sie ihn genauer fixieren konnte.

Munk, der Maler, lag im Mondlicht da. Den Kopf hatte er gedreht, als wollte er Kim anschauen. Sein Mund formte keine Worte mehr, kein Hauch kam über seine Lippen. Seine bärtigen Wangen waren grau und eingefallen. Er war immer schon recht mager gewesen, aber nun wirkte er sterbenskrank.

Dann entdeckte Kim, dass ein Messer mit einem riesigen schwarzen Griff aus seinem Rücken ragte. Ihr Herz begann so laut zu schlagen, dass es ihr in den Ohren dröhnte.

»Mausetot«, grunzte Che, der plötzlich neben ihr auftauchte. »Ermordet – unser werter Herr und Meister.« So gehässig sprach er oft über Munk.

Kim spürte, dass sie zu zittern begann.

»Ich weiß auch schon, wer es war«, fuhr Che ungerührt fort und begann an dem Messer zu schnüffeln, das in Munks Rücken steckte. »Nur Kaltmann bringt so etwas fertig, der Schlächter aus dem Dorf.«

2

Sie legte sich direkt vor Munk, um ihn zu beschützen. Die Neugier der anderen hatte sich schnell gelegt; jeder war kurz vorbeigekommen, hatte einen Blick auf Munk geworfen und ratlos vor sich hin gegrunzt. Nur Doktor Pik hatte nichts von sich gegeben. Kim aber saß der Schrecken noch immer in den Gliedern, und sie wusste, dass sie nicht tun konnte, als wäre nichts geschehen. Menschen starben nicht einfach so, mit einem langen Messer im Rücken, und schon gar nicht jemand wie Munk. Auch wenn Che immer etwas anderes behauptete, wusste Kim genau, dass Munk ihr Retter gewesen war. Wären er und Dörthe nicht gewesen, wären sie alle längst an jenem dunklen Ort gelandet, wo die meisten ihrer Artgenossen endeten: im Schlachthaus.

Bei dem Gedanken schüttelte sie sich und kroch noch etwas näher an den toten Munk heran. Im Mondlicht sah sie, wie er sich veränderte, wie sein Gesicht eine andere Färbung annahm. Der Blutgeruch stieg ihr in die Nase, und ihr wurde übel. Dann versuchte sie sich auf das Messer zu konzentrieren, es ragte aus seinem groben grauen Flanellhemd, das sich mittlerweile hässlich rot gefärbt hatte. Auch an dem Griff klebte ein bestimmter Geruch, doch sie konnte nicht sagen, wonach er roch.

Unvermittelt tauchte Brunst neben ihr auf. Mit seinem massigen Körper versuchte er, sie zur Seite zu drängen. »Wir könnten ihn fressen«, sagte er. »Jetzt – auf der Stelle. Das wäre mal was ganz anderes.« Er beugte sich vor und schnüffelte Munks blutige Hand ab, die er von sich gestreckt hatte, als wollte er auf etwas deuten.

»Verzieh dich!«, giftete Kim ihn an und stieß ihn in die Seite.

Brunst kicherte leise. »War nur Spaß«, sagte er und wandte sich ab. Zum Glück war er satt und müde. Sonst wäre ihm alles zuzutrauen gewesen.

Kim legte sich so, dass sie die anderen im Auge behalten konnte. Cecile war eingeschlafen und hatte sich ins Stroh gekuschelt. Che schnarchte leise und zuckte manchmal mit den Hinterläufen. Der helle Streifen auf seinem Fell, der ihn von den anderen unterschied und auf den er so stolz war, leuchtete im Mondlicht. Brunst rührte sich nicht, genauso wenig wie Doktor Pik, aber bei ihm war Kim sich nicht sicher, ob er sie nicht insgeheim beobachtete.

Gleichzeitig lauschte sie auf Geräusche aus dem Haus. Wo war der Schatten, den sie in der Tür gesehen hatte? Und wo war Dörthe? Müsste sie nicht kommen und merken, dass mit Munk etwas ganz und gar nicht in Ordnung war?

Eigentlich war Dörthe ihre Retterin. Kim erinnerte sich genau. Sie waren zwanzig gewesen, zwanzig rosige Hausschweine auf einer engen Ladefläche, die sich aneinander rieben. Sie hatten Angst gehabt, und als eines von ihnen angefangen hatte, laut zu schreien, hatten es ihm alle gleichgetan, doch es hatte nichts genutzt. Niemand kümmerte sich um sie, nicht einmal Wasser hatte man ihnen gegeben. Dann aber war der Boden unter ihnen ins Schlingern geraten. Sie wurden hin und her geworfen und stürzten übereinander. Ein lautes Krachen, das gar nicht enden wollte, folgte. Kim hatte vor Panik die Augen geschlossen und den Atem angehalten. Ihr Herz hatte so schnell geschlagen, dass es wehtat. Als sie die Augen wieder öffnete, war der Himmel über ihr gewesen, ein blauer, riesiger Himmel, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Schnell war sie dem Himmel entgegengekrochen, vorbei an den anderen, die tot oder ohnmächtig dalagen. Was war passiert? Das riesige stinkende Gefährt, in das man sie gepfercht hatte, lag auf der Seite. Menschen liefen aufgeregt umher, Motoren heulten. Was sollte sie tun? Sie lief weiter auf den blauen Himmel zu, obwohl ihr Kopf schmerzte, sprang über einen schmalen Graben, über dem Mücken tanzten, rannte und rannte, und schließlich versteckte sie sich, als sie vor Anstrengung kaum noch Luft bekam. Dort, in dem Gebüsch, machte sie sich ganz klein und sah den Vögeln zu.

Und da hatte Dörthe sie gefunden und mitgenommen – irgendwann später. Dörthe, die Frau mit den roten Haaren und den starken Händen, hatte sie einfach in den Arm genommen und weggetragen. Ihr hatte sie auch ihren Namen zu verdanken – Kim, so wie Dörthes Lieblingspuppe geheißen hatte.

Als Kim ihre Augen wieder öffnete, war es hell. Sie lag auf der Seite, hinter ihr zwitscherten Vögel. Verdammt, sie war doch eingeschlafen. Munk hatte sich nicht gerührt. Nun aber konnte sie erkennen, dass er sie ansah – mit starren, weit aufgerissenen Augen. Ein furchtbarer Blick, irgendwie fragend und vorwurfsvoll. Sie schüttelte sich. Dann bemerkte sie etwas anderes. Noch jemand blickte sie an – dunkle, braune Augen, die über das Gatter starrten. Die Augen musterten sie unfreundlich, als wäre Kim schuld an Munks Tod, und zwischen den Augen stieg eine schmale, übel riechende Rauchsäule auf.

Haderer – er war gekommen. Wie gewöhnlich tanzte eine Zigarette zwischen seinen Lippen.

»Großer Gott«, sagte er und stieß die Luft aus. Dann schien er nachzudenken, jedenfalls rieb er sich über sein stoppliges Kinn und runzelte die Stirn unter seiner lockigen, ewig ungekämmten Mähne.

Ein Stück entfernt regte sich jemand; sie hörte Brunsts tiefes wohliges Schnauben. Die anderen schliefen noch, aber gewiss würden auch sie gleich erwachen.

»Hol mich der Teufel«, murmelte Haderer. Offenbar hatte er zu Ende gedacht. »Der Kerl liegt tot bei den Schweinen.«

Dann drehte er sich um und ging ziemlich unaufgeregt davon. Nur dass er die Tür nicht hinter sich schloss, war ungewöhnlich. Darauf hatte Munk bei Dörthe und Haderer immer Wert gelegt. »Macht die Tür hinter euch zu! Ich kann nicht arbeiten, wenn es im ganzen Haus nach Schweinen stinkt!«

Am Anfang war Kim über diesen Ausspruch beleidigt gewesen. Nun würde Munk nie wieder so etwas sagen.

Wenig später kehrte Haderer zurück. Er rauchte eine neue Zigarette und schlug mit der Faust gegen das Holz des Gatters. »He, Saubande!«, rief er. So nannte er sie immer. »Aufstehen! Gleich kommen die Bullen!«

Wieso kommen gleich Bullen? fragte Kim sich. Was sollten die hier? Sie konnte Haderer nicht leiden, aber wenn Dörthe nicht da war, kümmerte er sich um sie. Er war der Gehilfe. Er fütterte sie, mähte das Gras, arbeitete im Garten, schnitt Bäume, und sogar um Munks stinkendes Auto, das er Jeep nannte, kümmerte er sich. Nur eines durfte er nicht: auch nur einen Fuß in den Raum setzen, in dem Munk malte.

Haderer klopfte noch einmal gegen das Holz, Cecile quiekte im Schlaf auf, und dann kletterte er über das Gatter und öffnete die Tür zur Wiese.

»Raus mit euch!«, rief er. »Faule Bande.« Im Vorbeigehen versetzte er Kim einen Tritt, damit sie ja nach draußen lief, und stieß auch Doktor Pik mit dem Fuß an. Nur an Brunst traute er sich nicht ohne weiteres; ihn traktierte er am liebsten mit dem Spaten oder mit einem langen Stock. »Raus!«, wiederholte er. »Man sollte euch alle schlachten! Aber das wird man nun sowieso bald tun!« Er lachte und beugte sich über Munk. Richtig traurig schien er jedenfalls nicht zu sein, was Kim merkwürdig fand. Zu Munk war er eigentlich freundlich gewesen, meistens jedenfalls, nur hinter dessen Rücken hatte er manchmal leise geflucht.

Langsam richteten sich die anderen auf und folgten ihr auf die Wiese, erst Che, der ihr mürrisch einen Gruß zugrunzte, dann die kleine Cecile, die verschlafen blinzelte, dann Brunst, der laut gähnte. Zuletzt kam Doktor Pik, schweigsam wie immer.

»Was sollen wir tun, jetzt, wo Munk tot ist?«, fragte Kim und sah die anderen an.

Brunst gähnte wieder. »Ich suche mir erst mal was zu fressen«, sagte er uninteressiert und trabte davon. Cecile lief ihm nach. Frühmorgens war die einzige Zeit, wo sie nicht ständig vor sich hin plapperte.

»Ist mir alles egal«, meinte Che. »Ein Tierquäler weniger. Gibt immer noch mehr als genug.«

Doktor Pik schaute sie an. »Wir müssen auf der Hut sein«, sagte er geheimnisvoll.

Kim nickte. Sie spähte in den Stall hinein. Von hier aus waren nur die Füße von Munk zu sehen. Sie waren schmutzig und nackt. Das hatte sie vorher gar nicht bemerkt.

Dann hörte sie eine laute Sirene, dann noch eine, und wenig später fielen lauter Menschen auf dem kleinen Hof ein, Menschen, keine Bullen.

Während die anderen sich über die Kartoffelschalen und die alten Brotkanten hermachten, die Haderer ihnen achtlos hingeworfen hatte, verzichtete Kim auf ihr Fressen und legte sich auf die Lauer. Sie wollte den Stall nicht aus den Augen lassen. Zwei Menschen in weißen Anzügen, die nach nichts rochen, beugten sich über Munk, fotografierten ihn und stellten merkwürdige kleine Schilder auf. Sie sprachen leise und ohne jede Aufregung miteinander.

Später kam der erste Mann, der nicht weiß war. Er verscheuchte die Menschen in den weißen Anzügen und ging neben Munk in die Knie. Er flüsterte etwas in einen kleinen silbernen Apparat hinein, das Kim nicht verstehen konnte, und gelegentlich warf er ihr einen verstohlenen Blick zu, als wäre sie ein Raubtier, vor dem er sich in Acht nehmen müsste.

Ein zweiter Mann trat hinzu, der viel jünger und dünner war, und tippte dem Älteren auf die Schulter. »Hauptkommissar Ebersbach«, sagte er, dann drehte er sich um und deutete auf Kim. »Das Schwein da beobachtet Sie – irgendwie merkwürdig, oder nicht?« Er lächelte, er hatte winzige, braune Zähne und wirkte überhaupt nicht fröhlich.

»Lass mich in Ruhe, Kroll«, knurrte Ebersbach. »Habe ich schon längst bemerkt. Wieso hat der Tote eigentlich Schweine gehabt?«

»Künstler und ihre Marotten – wahrscheinlich war es das«, erwiderte der Mann, der Kroll hieß. Er hatte eine dicke Brille, hinter der seine Augen riesengroß aussahen, und einen hässlichen dürren Schnauzbart.

Langsam erhob sich Ebersbach. Er war so dick, dass sich die Jacke über seinem Bauch spannte. Die Haare standen ihm wie graue Stacheln vom Kopf ab, und seine Augen wirkten traurig und finster. Kim spürte, wie er sie anstarrte, während er auf sie zuging. Dann griff er plötzlich nach der Forke, mit der Haderer immer ihren Pferch saubermachte, und hielt sie mit gestreckten Armen vor sich.

»Ich kann Schweine nicht ausstehen«, rief Ebersbach über die Schulter dem anderen Mann zu. »Jedenfalls nicht, wenn sie lebendig sind.«

Kim erhob sich. Was soll das?, dachte sie. Ich bin doch nicht schuld, dass Munk tot daliegt. Ein paar Sonnenstrahlen fingen sich auf den Zinken der Forke und blitzten gefährlich. Kim wusste, wie scharf das Metall war. Haderer hatte Brunst einmal einen Schlag damit verpasst.

Ebersbach schnaufte, er bewegte sich ungelenk. Sein Bauch wackelte über seiner braunen Hose hin und her.

Dann stach er tatsächlich zu, und hätte Kim nicht einen Satz zur Seite gemacht, hätte er sie in die rechte Flanke getroffen.

Kroll, der andere Mann, lachte lauthals auf, während sie voller Angst über die Wiese lief.

»Siehst du«, sagte Che, als Kim hinter ihm Schutz suchte. »Die Menschen sind alle Verbrecher.«

Sie roch den Schwarzen, bevor sie ihn sah. Wonach roch er? Nach Erde, tiefer, schwarzer Erde, nach Blättern, dunklem Dickicht, und nach Moder – wunderbar nach Moder, als hätte er sich irgendwo im Morast gesuhlt. Er konnte das, er war hinter dem Zaun, da, wo der Wald lag und das Feld, auf dem jetzt die braunen Halme standen.

Nachdem Ebersbach sie verjagt hatte, hatte Kim die letzten Kartoffelschalen gefressen, die von den anderen verstreut liegen gelassen worden waren. Die kleine Cecile war quiekend zu ihr gekommen, hatte angefangen, von Munk und dem scharfen Messer zu sprechen. Che habe erzählt, alle Menschen hätten solche Messer, und früher oder später würde jeder von ihnen sie benutzen …

Kim hatte die Kleine nur böse angegrunzt und hatte ihr einen Stoß mit dem Rüssel versetzt, was sie noch nie getan hatte.

Dann war sie über die Wiese zum Haus gelaufen, aber nicht zum Stall, sondern zur Vorderseite, vorbei an den beiden riesigen Fenstern, hinter denen Munk fast jeden Tag gemalt hatte.

Früher hatte das Gatter manchmal offen gestanden, dann hatten sie alle über die Pflastersteine auf dem Hof laufen können. Einmal war Kim sogar auf dieser Seite ins Haus vorgedrungen, durch den Eingang, den die Menschen immer nahmen, bis hin zu Munks Atelier. Er hatte sie nicht bemerkt, und sie hatte sich absolut still verhalten, auch wenn der Geruch ihren Rüssel gepeinigt hatte. Was war das nur – grauenhaft! Da rochen selbst die Autos nicht so schlimm. Robert Munk malte Bilder, die vor allem groß waren – groß und bunt. Auf einem hatte sie Dörthe entdeckt – Kim hatte sie an den langen roten Haaren erkannt. Dörthe war nackt und lag auf einer Bank. Auf einem anderen Bild trug sie ein schwarzes Kleid und hockte zusammengekauert in einer Ecke, als hätte sie Schmerzen. Da hatte Dörthe überhaupt nicht wie sie selbst ausgesehen!

Nun war das Gatter leider geschlossen. Klar, die Menschen wollten nicht, dass Kim und die anderen über den Hof liefen und vielleicht Dreck machten. Eine Menge Autos standen jetzt da, Menschen gingen geschäftig hin und her, manche waren weiß, andere nicht, und dann sah sie einen schwarzen Kastenwagen, in den ein langes Metallding geschoben wurde. Sie konnte selbst auf die Entfernung riechen, dass Munk da drinsteckte.

Sie würde ihn niemals wiedersehen, und plötzlich überkam sie Trauer – Trauer und Wut, und dann fiel ihr ein, dass nun nur Haderer da war, wenn Dörthe nicht wiederkäme. Haderer würde sie umbringen – so viel stand fest. Da hatte Che ausnahmsweise einmal recht.

Plötzlich schob sich Doktor Pik neben sie.

»Er ist wieder da«, sagte er leise.

»Wer ist wieder da?«, fragte Kim, als wüsste sie nicht, wen er meinte.

Doktor Pik verzog seine Schnauze zu einem müden Lächeln. Man konnte sehen, dass seine Zähne ganz abgenutzt waren und ihm auch schon etliche fehlten.

»Lunke«, sagte er. »Er beobachtet dich.«

»Lunke?«, fragte sie, scheinbar ahnungslos.

»Die anderen Schwarzen haben ihn Halunke genannt, weil man ihm nicht trauen kann. Er selbst nennt sich Lunke.«

»Kein Witz?«, fragte Kim und drehte sich ganz zu Doktor Pik um.

»Kein Witz«, erwiderte er völlig ruhig.

»Vielleicht weiß er, was hier gestern Nacht passiert ist?«, fragte Kim.

»Vielleicht«, sagte Doktor Pik und trabte davon.

Auf dem Hof wurde der schwarze Kastenwagen angelassen und rollte langsam in Richtung Straße.

Er wartete hinten am Zaun auf sie, da, wo man sofort ins Dickicht fliehen konnte und von dort in den Wald. Das heißt, er tat schwer beschäftigt und warf mit seinem mächtigen Rüssel Erde auf, als würde er etwas suchen – Käfer und Wurzeln, die er laut schmatzend zerbeißen konnte. Aus der Nähe betrachtet wirkte er noch größer, er hatte riesige Klauen, und an seiner linken Flanke hatte er eine Narbe, einen langen gelblichen Strich, der sich durch sein dichtes dunkles Fell zog. Und dann seine Eckzähne – solche Zähne hatte sie noch nie gesehen. Doktor Pik hatte ihr einmal erzählt, dass es Artgenossen gab, denen zwei lange, spitze Eckzähne aus dem Maul wuchsen, aber sie hatte es nicht geglaubt und als Übertreibung abgetan.

Obwohl ihr die Beine ein wenig weich wurden, machte Kim es genau wie er und schlenderte scheinbar zufällig heran, den Boden absuchend. Dabei spähte sie jedoch verstohlen zu ihm hinüber.

Er fixierte sie durch den Zaun mit seinen braunen Augen. Ihr Herz machte einen Satz, und fast wäre sie davongelaufen. Ja, man konnte Angst vor den wilden Schwarzen bekommen, sie waren so ganz anders, mächtiger, furchterregend, kein Wunder, dass ihnen alle aus dem Weg gingen.

»Was haben wir denn da?«, sagte Lunke, als hätte er sie eben erst entdeckt. »Ein kleines rosiges Hausschwein.«

Beinahe hätte sich Kim umgedreht und wäre wieder gegangen. Einen so dummen Spruch brauchte sie sich nicht anzuhören, allerdings …

Sie bedachte ihn mit einem strengen Blick. Bei Brunst und Che gelang es ihr manchmal, sie damit einzuschüchtern, aber Lunke zuckte mit keiner Borste.

»Was seid ihr nur für ein komischer Haufen«, grunzte er. »Und ist euch nicht langweilig – den ganzen Tag eingesperrt auf diesem winzigen öden Flecken?«

»Kann schon sein!«, sagte sie vage. Auch wenn sie sich ärgerte, wollte sie nicht allzu unfreundlich sein.

Er kam ein Stück näher heran, so dass seine Eckzähne schon beinahe den Zaun berührten. Vorsicht, wollte sie rufen, da musst du vorsichtig sein, sonst stichst du dich.

»Und was ist mit den Jungs?«, fuhr er fort und kniff die Augen zusammen. »Die bringen’s wohl nicht mehr, was? Der eine ist zu alt, und den beiden anderen fehlt offenbar das Wichtigste. Stimmt’s, oder hab ich recht?« Er gab ein Geräusch von sich, das im ersten Moment bedrohlich klang, dann begriff sie, dass er lachte.

Sie drehte sich zu Brunst und Che um, die sie misstrauisch beäugten, sich aber nicht trauten, näher zu kommen. Gegen Lunke wirkte Brunst fett und hässlich und Che mit seinem hellen Fleck auf dem Rücken nackt und wie eine halbe Portion.

Kim entschloss sich, den letzten Schritt zum Zaun zu tun. »Ich heiße Kim«, sagte sie, »und ich habe ein Problem.«

»Lunke«, knurrte Lunke – das war seine Art, sich vorzustellen. »Was denn für ein Problem? Dass du gefangen bist und den ganzen Tag über so eine winzige Wiese hoppeln musst? Da könnte ich Abhilfe schaffen – wäre mir ein Vergnügen.« Seine braunen Augen strichen am Zaun entlang und glitten dann zu ihr zurück.

»Nein«, sagte sie, als er sie wieder ansah. »Das ist es nicht.« Plötzlich aber drängte sich ein anderer Gedanke vor: Wie schön wäre es, einmal an Lunkes Seite durch den Wald und über das Feld zu laufen und etwas anderes zu fressen als altes Brot, welken Salat und Kartoffelschalen! Bestimmt kannte er auch ein richtig schönes Wasserloch, in dem man sich suhlen konnte.

»Was ist es dann?« Lunke wurde ein wenig ungeduldig.

»Es geht um einen Menschen«, sagte sie und erzählte von Munk, dem Maler, dass er mit einem Messer im Rücken in ihren Pferch gefallen war und dass er sie angesehen und ein Wort zu ihr gesagt hatte, bevor er gestorben war.

»Ich kenne ihn«, sagte Lunke, nachdem sie mit einem mulmigen Gefühl im Bauch geendet hatte, weil sie alles noch einmal hatte durchleben müssen. »Er hat mich neulich nachts vom Hof verjagt, als ich mich ein wenig umgesehen habe. Hat widerwärtig gerochen und war nicht sehr freundlich, der Mann.«

Einen Moment lang trat Schweigen ein. Lunke blickte an ihr vorbei, überhaupt nicht beeindruckt von ihrer Schilderung, und sie hatte das Gefühl, dass er schon überlegte, wieder in den Wald abzuziehen, um zu fressen oder sonst was zu tun.

Kim schluckte einmal, dann sagte sie hastig: »Ich möchte, dass du mir hilfst.« Zu ihrem Missfallen stellte sie fest, dass ihre Stimme fürchterlich zitterte und viel schriller klang als sonst. »Ich will wissen, ob es Kaltmann war, der Schlächter.«

3

Menschen zu beobachten war anstrengend. Ständig liefen sie hin und her, trugen Kisten in Autos, fuhren weg und kamen wieder. Die Weißgekleideten waren besonders geschäftig, sie suchten den Hof ab, hielten große grelle Lampen hoch, obwohl es doch noch Tag war, und liefen durch das ganze Haus. Jedenfalls sah man sie ständig an den vielen Fenstern vorbeihasten. Nur Ebersbach, der dicke Kommissar, ließ es ruhiger angehen. Er war auch der Einzige, der Kim Beachtung schenkte. Einmal kam er vom Hof her an den Zaun, lehnte sich gegen das Holz und ließ seinen Blick über sie gleiten, während er nachdenklich eine Zigarette rauchte. Obwohl sie noch brannte, schnippte er sie dann in ihre Wiese, und Cecile war so dumm, neugierig heranzulaufen und sich den Rüssel zu verbrennen. Wenn Kim eines wusste, dann, dass die Kleine wirklich zu nichts zu gebrauchen war. Aber auch die anderen würden ihr nicht helfen, die Sache mit Munk aufzuklären, selbst Doktor Pik hielt sich zurück.

»Ist ihm zu trauen?«, hatte der Alte ihr zugeraunt, nachdem Lunke erhobenen Hauptes wieder im Wald verschwunden war.

»Keine Ahnung«, hatte Kim erwidert. Sie hatte ihm nicht gesagt, dass Lunke versprochen hatte, sich Kaltmanns Laden einmal anzusehen.

Che und Brunst beachteten sie gar nicht mehr. Offensichtlich waren sie beleidigt, weil sie mit einem der Schwarzen gesprochen hatte.

Besonders Che konnte sich stundenlang über die Schwarzen auslassen. Anarchisten seien sie, die nur an sich dächten – jede Solidarität sei ihnen fremd. Ihnen gehe es nur ums Fressen.

»Und worum geht es dir?«, hatte Kim provozierend gefragt.

»Ich habe andere Interessen«, hatte er erwidert, »ich fresse bloß, um bei Kräften zu sein, wenn eines Tages unsere Stunde des Protestes kommt. Darauf müssen wir vorbereitet sein.«

Durch das große Fenster neben dem Atelier konnte Kim sehen, dass Ebersbach mit Haderer sprach. Lange saßen sie da, und Haderer redete mit Händen und Füßen, schüttelte manchmal den Kopf, dass seine dunkle, schmutzige Mähne hin und her flog, und tat ganz unschuldig. Wie gewöhnlich tanzte eine Zigarette in seinem Mund auf und ab.

Er wird dem Kommissar nicht erzählen, was er über Munk gedacht hat, kam es Kim in den Sinn. Dass er Grimassen hinter dessen Rücken geschnitten und sich oft hinten auf ihre Wiese gesetzt hatte, um in einen von diesen kleinen Apparaten hineinzusprechen – gelegentlich stundenlang. Leider hatte sie diesen Gesprächen nie besondere Aufmerksamkeit zugemessen. Jedenfalls erinnerte sie sich nicht mehr genau, was er da alles gesagt hatte. Es war um Lieferungen gegangen, aber nicht für sie, keine Kartoffelschalen, kein Kohl, irgendetwas anderes. Hatte Haderer vielleicht von Klee gesprochen, dem letzten Wort, das Munk über die Lippen gekommen war? Nein, leider, sie wusste es nicht mehr.

»Willst du heute gar nichts fressen?« Cecile hatte sich ein paar Haare an ihrem Rüssel angesengt, aber das tat ihrer Neugier keinen Abbruch. »Brunst meint, du sollst mehr fressen, statt mit einem von den Schwarzen zu reden!«

»Brunst soll mich in Ruhe lassen«, erwiderte Kim. »Ich habe zu tun.«

»Was tust du denn?« Cecile spähte in die Richtung, in die Kim blickte, aber das Treiben auf dem Hof interessierte sie nicht sonderlich.

»Ich schaue mir an, was die Menschen tun, nun, da Munk tot ist. Außerdem warte ich auf Dörthe. Dörthe muss zurückkommen, sonst …« Kim brach ab und schaute die Kleine an, die ihren Blick völlig arglos erwiderte.

»Sonst was?«, quiekte Cecile.

Sonst sind wir verloren, wollte Kim antworten, ließ es aber bleiben. »Ach, nichts«, sagte sie. »Stör mich nicht!«

Cecile trabte zu Brunst, um ihm alles brühwarm mitzuteilen. Wütend blickte Brunst zu ihr herüber, dann lief er zum anderen Ende der Wiese und begann mit seinem Rüssel heftig in der Erde zu wühlen, wie er das bei Lunke gesehen hatte. Nur wirkte es bei ihm ungelenk und sinnlos.

Kim beobachtete, wie Haderer den Kommissar durch das Haus führte, zuletzt kamen sie in den Raum mit den beiden riesigen Fenstern, in dem Munk gemalt hatte. Da hatte man ihn besonders gut bei der Arbeit beobachten können, wie er Farbe gemischt hat oder auf schmale Leitern geklettert war, um an seinen Bildern herumzupinseln. Kim sah Haderer an, dass er schlecht über Dörthe redete; er holte das Bild hervor, das sie mit ihren langen roten Haaren zeigte, die ihre Nacktheit nicht verdeckten, und drehte es ins Licht, damit Ebersbach es genau studieren konnte.

Kim verstand nichts davon, aber sie fand das Bild recht schön, auch wenn Dörthes Gesicht in Wahrheit viel weniger Ecken und Kanten hatte.

Wenig später kam Haderer über die Wiese. Er hatte eine Forke in der Hand und trieb sie in den Stall. Für gewöhnlich konnten sie viel länger draußen bleiben, manchmal auch die ganze Nacht, aber heute waren weder Munk noch Dörthe da, die sie abends mit ein paar Eicheln oder einem Eimer mit Körnern in den Stall lockten.

Haderer war noch missmutiger als sonst. Machte er sich Sorgen wegen Munk?, fragte Kim sich. Hatte er vielleicht Angst, dass auch ihm etwas passieren könnte? Er roch anders als sonst, nicht nach Tabak, einfach anders, nach Schweiß und Ärger und Lust, jemandem wehzutun.

Auch Doktor Pik schien das begriffen zu haben. Mit einem ungewöhnlich lauten Grunzer gab er allen das Signal, sich gemeinsam in den Stall zu verziehen, obwohl es noch taghell war. In einer langen Reihe trabten sie zum Tor. Trotzdem rief Haderer ihnen einen Fluch hinterher. »Schneller, Saubande!«, brüllte er und versuchte Doktor Pik einen Tritt zu versetzen.

Auf der Schwelle blieb Kim einen Moment stehen. Was war, wenn Munk noch immer dalag? Ach nein, man hatte ihn ja in dem schwarzen Wagen abtransportiert. Seltsam war es dennoch, sich der Stelle zu nähern, wo Munk gestorben war. Der Stall sah unverändert aus, nicht einmal das schmutzige Stroh hatte man weggeräumt. Also waren die weißgekleideten Menschen nicht zurückgekommen, nachdem Ebersbach sie weggeschickt hatte. Allerdings hatte auch niemand ihr abendliches Futter gebracht, und so erwartete sie nur ein halbvoller Wassertrog.

Auch Cecile und die anderen schauten sich ratlos um, als hofften sie, dass etwas anders geworden wäre, dann legten sie sich stumm in ihre übliche Ecke. Nur Che grunzte vor sich hin: »Wollen sie uns jetzt auch noch das Futter nehmen, das uns zusteht? Und frisches Stroh brauchen wir auch, verdammt!«

Während sie langsam einschlief, nahm Kim sich vor, das Wort nicht zu vergessen, das Munk zu ihr gesagt hatte. Ja, dieses Wort musste sie unbedingt im Kopf behalten – es war wichtig, vielleicht die Lösung. Immer wieder flüsterte sie es vor sich hin, bis Brunst ihr im Halbschlaf einen Hieb versetzte, und da war das Wort auf einmal weg, und sie sah Lunke vor sich, der sie unverschämt angrinste und versuchte, an ihren Hinterläufen zu riechen.

Kim schreckte auf, weil der Mond ihr in die Augen schien. Das silberne Licht fiel durch die kaputte Scheibe herein. Genau wie in der letzten Nacht, als Munk zu uns gekommen ist, dachte sie und rappelte sich auf, um sich auf die andere Seite zu drehen. Plötzlich entdeckte sie die Gestalt am Gatter. Sie erschrak, aber dann sah sie, dass es Dörthe war, und eine ungeheuere Erleichterung durchlief sie wie ein wohliger Schauer. Dörthe war zurück, sie saß auf einem Pfahl und starrte zu ihnen herab, nein, sie blickte genau auf die Stelle, wo der tote Munk gelegen hatte.

Kim erhob sich und näherte sich Dörthe, bemüht, kein Geräusch zu verursachen.

Dörthe rauchte eine Zigarette, die im Dunkeln aufglomm und wieder dunkler wurde, und dann griff sie mit einer schnellen Bewegung neben sich, und aus einem kleinen Apparat ertönte leise Musik – ein oder zwei Geigen spielten.

Kim blieb auf der Stelle stehen und wagte nicht mehr weiterzugehen. Musik hörte sie selten, und es nahm ihr beinahe den Atem. Es war ein besonderer Moment, so im Mondlicht zu stehen und ganz umhüllt von Tönen zu sein.

»Hallo, kluge Kim«, sagte Dörthe in die Musik hinein, als sie die Augen auf Kim richtete. »Die Goldberg-Variationen von Bach als Kammerkonzert. Das hat Robert zuletzt beim Malen gehört.« Mit einer schnellen Bewegung schaltete sie das Gerät aus und lachte, obwohl sie Tränen in den Augen hatte. »Da sitze ich und rede mit einem Schwein«, sagte sie leise vor sich hin.

Kim hätte am liebsten genickt. Ja, und? Was sollte daran so schlimm sein? Außerdem war es gar nicht das erste Mal. Dörthe hatte ihr schon oft Dinge erzählt. Sie überlegte, sich nach vorne zu beugen und sich an Dörthes Bein zu reiben, wie sie das einmal mit einer gewissen Eifersucht bei einer streunenden Katze gesehen hatte.

»Weißt du, dass ich ihn geliebt habe, Kim?«, sprach Dörthe weiter und zog an ihrer Zigarette. »Irgendwie – na, es war zuletzt alles sehr kompliziert. Ich bin dreißig, und er war fast sechzig, er ist berühmt, und ich … Was bin ich?«

»Ja, was sind Sie denn?«, fragte eine dunkle Stimme von der Tür her.

Dörthe schnellte herum, und Kim versuchte durch die Holzplanken zu spähen, obgleich sie schon an der Stimme erkannt hatte, wer da gekommen war. Kommissar Ebersbach schaltete zum Glück nicht die Neonröhren, sondern die kleine Lampe an, die neben der Tür hing, und kam watschelnd näher. Er trug noch dieselbe Hose und roch nach Rauch und Bier.

»Ach, Sie sind es«, sagte Dörthe offenbar erleichtert. »Sie haben mich erschreckt. Was wollen Sie denn noch? Ich habe doch schon alles im Präsidium gesagt.«

Ebersbach trat neben sie. Sein Gesicht wirkte ganz fahl, und er hatte dicke Tränensäcke unter den Augen.

Er frisst uns, dachte Kim, er frisst Schweine, jeden Tag. Man kann es riechen und sieht es ihm an.

»Wieso hatte Munk Schweine?«, fragte Ebersbach und blickte teilnahmslos über Kim hinweg zu den anderen, die eng aneinander geschmiegt in einer Ecke lagen und schliefen. »Ist er Tierfreund oder Vegetarier? Ich habe noch nie gehört, dass einer sich Schweine hält, so wie andere Pferde oder Hunde.«

»Es war meine Idee«, sagte Dörthe und inhalierte wieder. »Ich bin bei meinem Großvater aufgewachsen – er war Metzger, und ich habe es gehasst, wie sie die toten Schweine herumgetragen haben und wie es da roch, wie nach süßem Leichengift, so ist es mir als Mädchen jedenfalls immer vorgekommen. Ich hatte Alpträume und habe mich jeden Tag schuldig gefühlt, dass ich diese armen Kreaturen nicht retten konnte.«

Ebersbach grunzte kurz auf. Das ist offenbar auch sein Zeichen des Protests, dachte Kim. Unauffällig versuchte sie sich in eine dunkle Ecke zurückzuziehen und aus dem verräterischen Mondlicht zu verschwinden.

»Das Schwein dahinten ist Doktor Pik«, fuhr Dörthe fort. »Ihn habe ich einem Wanderzirkus abgekauft, der hier im Dorf gastierte. Er musste zweimal am Tag in der Manege Kunststückchen vorführen – zählen, sich auf Kommando hinlegen, durch einen Reifen springen, lauter albernes Zeug. Dabei hatte er eine üble Hautkrankheit und kaum noch Borsten am Leib. Man konnte ihm ansehen, dass er furchtbar litt.«

»Aha«, sagte Ebersbach, aber er wirkte nicht sonderlich interessiert. Er zog eine Schachtel Zigaretten hervor und begann ebenfalls zu rauchen.

»Dann kamen Che dazu, er ist ein Husumer Protestschwein – die heißen wirklich so –, und Brunst, ein deutsches Sattelschwein. Beide habe ich dem Metzger hier im Dorf abgekauft, als sie schon mit einem Bein im Schlachthaus standen.« Dörthe lächelte versonnen vor sich hin, während Ebersbach rauchte und stumm nickte. »Die kleine Cecile, ein Minischwein, habe ich in einer Zoohandlung entdeckt. Da hat sie in einem winzigen Verschlag gehockt und vor sich hin gewimmert. Und das hier – das ist die kluge Kim. Sie hat sich zwei Kilometer von hier im Gebüsch versteckt, als auf der Autobahn ein Schweinetransporter verunglückt ist. Ich glaube, sie war das einzige Schwein, das sich bei diesem Unfall in die Freiheit gerettet hat.«

»Wie schön«, sagte Ebersbach gelangweilt und blies den Rauch seiner Zigarette aus. »Ich habe auch ein Herz für Schweine, aber nur wenn sie gut durchgebraten sind und vor mir auf dem Teller liegen – am besten unter einer dicken scharfen Pilzsoße.« Er lachte, und als Dörthe nicht in sein Lachen einfiel, verzog er das Gesicht und schnippte seine Zigarette in den Wassertrog im Pferch, wo sie mit einem Zischen erlosch.

Idiot!, dachte Kim. Hoffentlich würde Haderer morgen neues Wasser bringen. Sonst müssten sie diese Giftbrühe saufen.

»Ich könnte eine ganze Nacht lang über Schweine reden«, sagte Dörthe, die nun ein wenig verärgert klang. »In Ländern wie China werden Schweine als heilige Wesen verehrt, als Krone der Schöpfung sozusagen. Sie sind viel klüger als etwa Hunde oder Affen. Wissen Sie, dass unsere DNA zu über siebenundneunzig Prozent mit der von Schweinen übereinstimmt? Deshalb werden viele medizinische Versuche auch zuerst an Schweinen vorgenommen. Allerdings haben Schweine ein viel intensiveres Liebesleben als Menschen – der Geschlechtsakt bei einem Schwein kann über eine halbe Stunde dauern, beim Menschen sind es, glaube ich, statistisch gesehen nicht mehr als acht Minuten.«

»Was Sie nicht sagen!«, erwiderte Kommissar Ebersbach. Er wandte sich zur Tür und winkte jemanden heran. Kroll löste sich aus dem Schatten. Kim war überrascht – sie hatte ebenso wenig wie Dörthe bemerkt, dass der Gehilfe dort gewartet hatte. »Aber vielleicht nähern wir uns damit dem eigentlichen Thema, obwohl es nichts mit Schweinen zu tun hat. Wir haben Ihr Alibi überprüft. Ich muss Ihnen leider sagen, dass Herr Doktor Michelfelder Sie angeblich überhaupt nicht kennt, geschweige denn bereit ist zu bestätigen, mit Ihnen die letzte Nacht verbracht zu haben … Bedaure sehr, aber wenn Ihre Angaben sich nicht bestätigen lassen, müssen wir davon ausgehen, dass Sie gelogen haben, und das heißt für uns …« Ebersbach sprach den Satz nicht zu Ende.

Kroll trat neben ihn, doch statt etwas zu sagen, grinste er nur vor sich hin. Seine riesigen Augen hinter der dicken Brille wirkten irgendwie dumm, fand Kim.

Dörthe schaute den Kommissar nicht an, sie blickte wieder zu der Stelle, wo der tote Munk gelegen hatte, dann sah sie zu Kim herüber. Kim erwiderte ihren Blick freundlich.

»Klar«, sagte Dörthe, »er will mich nicht kennen – schließlich will er gewählt werden. In einem Monat sind Landtagswahlen, er will Minister werden, am liebsten für Kultur. Da kann er keine Affäre zugeben mit einer Schauspielerin …«

»… die früher mal als Stripperin aufgetreten ist«, warf Kroll ein und grinste wieder, so dass seine kleinen braunen Zähne zu sehen waren.

Dörthe schaute Ebersbach überrascht an. Der Kommissar nickte bedächtig. »Wir haben uns erkundigt. Ist schließlich unser Job – Sie verstehen«, sagte er beinahe mitfühlend. »Außerdem sind da noch ein paar Kleinigkeiten, die nicht unbedingt ein gutes Licht auf Sie werfen. Sie sollen gelegentlich Streit mit Munk gehabt haben, sagt man im Dorf, lautstarken Streit, der auch in Handgreiflichkeiten enden konnte – und auf dem Messer, das in Munks Rücken steckte, haben wir einen klaren, fetten Fingerabdruck gefunden, der eindeutig von Ihnen stammt.«

Dörthe tupfte ihre Zigarette langsam auf einem Holzpfosten aus und steckte den Stumpen dann in ihre Zigarettenschachtel. Sie schwieg ein paar Momente zu lange, fand Kim, die den Blick nicht abwenden konnte. Sie musste doch etwas sagen, sich verteidigen.

»Kann schon sein, dass mein Fingerabdruck auf dem Messer ist«, sagte Dörthe leise in die Stille hinein, die langsam unheimlich geworden war. »Ich wohne hier die meiste Zeit. Wenn das Messer von hier stammt, dann werde ich es wohl mal in der Hand gehalten haben.«

»H

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