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Scarlett

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1. BUCH: IM DUNKELN ALLEIN
    1. 1. KAPITEL
    2. 2. KAPITEL
    3. 3. KAPITEL
    4. 4. KAPITEL
    5. 5. KAPITEL
    6. 6. KAPITEL
    7. 7. KAPITEL
    8. 8. KAPITEL
    9. 9. KAPITEL
  8. 2. BUCH: MIT HOHEM EINSATZ
    1. 10. KAPITEL
    2. 11. KAPITEL
    3. 12. KAPITEL
    4. 13. KAPITEL
    5. 14. KAPITEL
    6. 15. KAPITEL
    7. 16. KAPITEL
    8. 17. KAPITEL
    9. 18. KAPITEL
    10. 19. KAPITEL
    11. 20. KAPITEL
    12. 21. KAPITEL
    13. 22. KAPITEL
    14. 23. KAPITEL
    15. 24. KAPITEL
    16. 25. KAPITEL
    17. 26. KAPITEL
    18. 27. KAPITEL
    19. 28. KAPITEL
    20. 29. KAPITEL
    21. 30. KAPITEL
    22. 31. KAPITEL
    23. 32. KAPITEL
  9. 3. BUCH: EIN NEUES LEBEN
    1. 33. KAPITEL
    2. 34. KAPITEL
    3. 35. KAPITEL
    4. 36. KAPITEL
    5. 37. KAPITEL
    6. 38. KAPITEL
    7. 39. KAPITEL
    8. 40. KAPITEL
    9. 41. KAPITEL
    10. 42. KAPITEL
    11. 43. KAPITEL
    12. 44. KAPITEL
    13. 45. KAPITEL
    14. 46. KAPITEL
  10. 4. BUCH: DER TURM
    1. 47. KAPITEL
    2. 48. KAPITEL
    3. 49. KAPITEL
    4. 50. KAPITEL
    5. 51. KAPITEL
    6. 52. KAPITEL
    7. 53. KAPITEL
    8. 54. KAPITEL
    9. 55. KAPITEL
    10. 56. KAPITEL
    11. 57. KAPITEL
    12. 58. KAPITEL
    13. 59. KAPITEL
    14. 60. KAPITEL
    15. 61. KAPITEL
    16. 62. KAPITEL
    17. 63. KAPITEL
    18. 64. KAPITEL
    19. 65. KAPITEL
    20. 66. KAPITEL
    21. 67. KAPITEL
    22. 68. KAPITEL
    23. 69. KAPITEL
    24. 70. KAPITEL
    25. 71. KAPITEL
    26. 72. KAPITEL
    27. 73. KAPITEL
    28. 74. KAPITEL
    29. 75. KAPITEL
    30. 76. KAPITEL
    31. 77. KAPITEL
    32. 78. KAPITEL
    33. 79. KAPITEL
    34. 80. KAPITEL
    35. 81. KAPITEL
    36. 82. KAPITEL
    37. 83. KAPITEL
    38. 84. KAPITEL
    39. 85. KAPITEL
    40. 86. KAPITEL
    41. 87. KAPITEL
    42. 88. KAPITEL
    43. 89. KAPITEL

Weiterer Titel der Autorin

Virginia

Über dieses Buch

Nach »Vom Winde verweht« findet die größte Liebesgeschichte des Jahrhunderts ihre Fortsetzung.

Der amerikanische Bürgerkrieg ist vorbei und die leidenschaftliche Scarlett O'Hara ganz auf sich allein gestellt. Tara, die Plantage ihrer Familie, wird ihr Zufluchtsort und gibt ihr Geborgenheit. Ihr wird von Tag zu Tag stärker bewusst, wie sehr Rhett ihr fehlt, dass er ihre große Liebe ist. Und sie beschließt, für die Liebe zu kämpfen. Aber kann Scarlett die Fehler der Vergangenheit ungeschehen machen? Kann sie Rhett erneut für sich gewinnen und endlich glücklich werden?

Ein großes, ein bewegendes Meisterwerk.

Über die Autorin

Alexandra Ripley (geb. 8. Januar 1934 in Charleston, South Carolina; gest. 10. Januar 2004 in Richmond, Virginia) veröffentlichte ihren ersten Roman im Jahre 1972. Fortan schrieb sie zumeist Historienromane. Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie mit ihrem Buch Scarlett bekannt, einer Fortsetzung des Romans »Vom Winde verweht« von Margaret Mitchell. Sie war dreimal verheiratet: mit Leonard Ripley, von ihm hatte sie zwei Töchter, mit Thomas Garlock und mit John Graham.

Alexandra Ripley

Scarlett

Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Kersten, Till R. Lohmeyer und Christel Rost

1. BUCH

IM DUNKELN ALLEIN

1. KAPITEL

Bald ist es vorbei, und dann kann ich nach Hause, nach Tara.

Scarlett O’Hara Hamilton Kennedy Butler stand allein, ein paar Schritte von den anderen Trauergästen entfernt, auf Melanie Wilkes’ Beerdigung. Es regnete, und die schwarz gekleideten Männer und Frauen hielten sich schwarze Regenschirme über die Köpfe. Sie stützten sich gegenseitig, die Frauen weinend, und teilten Regenschutz und Kummer.

Scarlett teilte ihren Schirm mit niemandem und auch nicht ihren Kummer. Windstöße peitschten schneidend kalte Regenschnüre unter ihren Schirm, die ihr als Rinnsale den Hals hinabliefen, doch sie merkte es nicht. Sie empfand nichts, der Verlust hatte sie betäubt. Sie würde später trauern, wenn sie den Schmerz ertragen konnte. Sie hielt ihn von sich fern, allen Schmerz, alles Empfinden, alle Gedanken. Außer den Worten, die sich in ihrem Kopf unablässig wiederholten, den Worten, die ihr verhießen, dass der Schmerz, der auf sie wartete, wieder vergehen und sie die Kraft zum Überleben finden würde, bis die Wunde verheilt war.

Bald ist es vorbei, und dann kann ich nach Hause, nach Tara.

»... Erde zu Erde, Asche zu Asche ...«

Die Stimme des Geistlichen durchdrang die Schale ihrer Betäubung, die Worte fanden Gehör. Nein! Scarlett schrie innerlich auf. Nicht Melly. Das ist nicht Mellys Grab, es ist zu groß, sie ist so winzig, sie hat Knochen wie ein Vögelchen. Nein! Sie darf nicht tot sein, sie darf nicht!

Scarletts Kopf wandte sich ruckartig ab, verweigerte sich dem Anblick des offenen Grabes, des schlichten Fichtenholzsarges, der in die Erde hinabgelassen wurde. Im weichen Holz waren kleine Halbkreise zu erkennen, Spuren des Hammers, der die Nägel hineingetrieben hatte, um den Deckel über Melanies sanftem, liebevollem, herzförmigem Gesicht zu schließen.

Nein! Das könnt, das dürft ihr nicht tun, es regnet, ihr könnt sie dort nicht hineinlegen, wo der Regen auf sie fallen wird. Sie friert so leicht, man darf sie nicht im kalten Regen zurücklassen. Ich kann es nicht mit ansehen, ich kann es nicht ertragen, ich will nicht glauben, dass sie nicht mehr ist. Sie liebt mich, sie ist meine Freundin, meine einzige wirkliche Freundin. Melly liebt mich; sie würde mich nicht gerade in diesem Augenblick verlassen, wo ich sie am meisten brauche.

Scarlett sah die Menschen an, die um das Grab standen, und heißer Zorn wallte in ihr auf. Keiner von denen nimmt es so schwer wie ich, keiner von denen hat so viel verloren wie ich. Keiner weiß, wie sehr ich sie liebte. Aber Melly doch wohl? Sie weiß es, ich muss glauben, dass sie es weiß.

Die da werden es niemals glauben. Weder Mrs. Merriwether noch die Meades oder die Whitings oder die Elsings. Schaut sie euch doch nur an, wie sie sich um India Wilkes und Ashley drängen, wie ein Schwarm nasser Krähen in ihrer Trauerkleidung. Na schön, sie trösten Tante Pittypat, wenn auch jeder weiß, dass sie um jede Kleinigkeit Theater macht und sich schon die Augen ausweint, wenn ich auch nur eine Scheibe Toast verbrenne. Nie käme denen in den Sinn, dass ich diejenige sein könnte, die ein bisschen Trost braucht, dass ich Melanie nähergestanden habe als irgend jemand sonst. Die tun so, als gäbe es mich gar nicht. Kein Mensch kümmert sich auch nur im Geringsten um mich. Nicht einmal Ashley. Er wusste, er konnte während der schrecklichen Tage nach Melanies Tod auf mich zählen, als er mich brauchte, um alles zu arrangieren. Alle haben mich da plötzlich gebraucht, selbst India hat mich hilflos angeblökt wie ein Schaf: »Was müssen wir nur wegen der Beerdigung unternehmen, Scarlett? Wegen des Essens für die Trauergäste? Weges des Sargs? Der Sargträger? Der Grabstelle? Der Inschrift auf dem Garbstein? Der Todesanzeige in der Zeitung?« Und jetzt hängen sie sich gegenseitig am Hals und heulen wie die Kinder. Nun, die Genugtuung werde ich ihnen nicht bereiten, dass sie mich hier mutterseelenallein weinen sehen. Ich darf nicht weinen. Nicht hier. Noch nicht. Wenn ich erst einmal anfange, höre ich womöglich niemals mehr auf. Auf Tara kann ich weinen.

Scarlett hob das Kinn und biss die Zähne zusammen, damit sie aufhörten, vor Kälte zu klappern, und um das Würgen in der Kehle zu unterdrücken. Bald ist es vorbei, und dann kann ich nach Hause, nach Tara.

Scarletts Leben war ein Scherbenhaufen, und überall um sie herum hier auf dem Oakland-Friedhof von Atlanta waren einzelne Bruchstücke davon zu finden. Eine hoch aufragende Granitnadel, grauer, mit Regenstreifen bedeckter Stein, erinnerte düster an jene Welt, die für immer dahin war, jene sorglose Welt ihrer Jugend vor dem Krieg – das Confederate Memorial, Symbol des stolzen, schonungslosen Mutes, der den Süden mit leuchtenden Fahnen in die Zerstörung gestürzt hatte. Es stand für zahllose verlorene Menschenleben, die Freude ihrer Kindheit, die Verehrer, die in jenen Tagen um Walzer und Küsse gebettelt hatten, als ihr größtes Problem noch darin bestanden hatte, welches ihrer vielen Ballkleider mit den ausladenden Röcken sie anziehen sollte. Es stand für ihren ersten Ehemann, für Charles Hamilton, Melanies Bruder. Es stand für die Söhne, Brüder und Ehemänner, die Väter all der regennassen Trauergäste auf der kleinen Hügelkuppe, wo Melanie beerdigt wurde.

Da waren andere Gräber, andere Gedenktafeln: Frank Kennedy, Scarletts zweiter Mann; und das kleine, entsetzlich kleine Grab mit dem Grabstein auf dem »Eugenie Victoria Butler« stand und darunter »Bonnie«. Ihr letztes Kind und das meistgeliebte.

Die Lebenden wie die Toten, alle waren sie um sie versammelt, doch Scarlett stand abseits. Halb Atlanta war gekommen, so schien es. Die Menge hatte die Kirche zum Bersten gefüllt und zog sich nun in einem weiten, unregelmäßigen Halbkreis um jenen herben Farbfleck im grauen Regen, das offene Grab, das man aus Georgias rotem Lehmboden für Melanie Wilkes ausgehoben hatte.

In der vordersten Reihe der Trauergäste fanden sich die, die ihr am nächsten gestanden hatten. Weiße und Schwarze, deren Gesichter, mit Ausnahme Scarletts, sämtlich tränenfeucht waren. Onkel Peter, der alte Kutscher, stand mit Dilcey und Cookie im schützenden Dreieck um Beau, Melanies verwirrten kleinen Sohn.

Atlantas ältere Generation war in der traurig dezimierten Zahl vertreten, die überlebt hatte. Die Meades, die Whitings, die Merriwethers, die Elsings, ihre Töchter und Schwiegersöhne, der verkrüppelte Hugh Elsing als einzig noch lebender Sohn, Tante Pittypat Hamilton und Henry Hamilton, ihr Bruder, die im gemeinsamen Kummer um ihre Nichte ihre uralte Fehde vergessen zu haben schienen. Jünger zwar, aber ebenso alt aussehend wie die Übrigen, suchte India Wilkes Schutz in der Gruppe und beobachtete ihren Bruder Ashley aus kummervollen und von Selbstvorwürfen verdüsterten Augen. Er stand allein, wie Scarlett, stand ungeachtet der Schirme barhäuptig im Regen, ohne das nasskalte Wetter auch nur zu bemerken, außerstande, die Endgültigkeit der Worte des Geistlichen und den Anblick des schmalen Sargs, wie er in das schlammige, rote Grab gesenkt wurde, zu begreifen.

Ashley. Groß und dünn und farblos, das blassblonde Haar fast grau, das bleiche, bekümmerte Gesicht so leer wie der Blick seiner blind vor sich hinstarrenden grauen Augen. Er stand straff aufgerichtet, in der Haltung des Salutierenden, ein Relikt jener Jahre als Offizier in der grauen Uniform. Er stand reglos, bar jeglichen Empfindens oder Verstehens.

Ashley. Er war Mittelpunkt und Symbol von Scarletts in die Brüche gegangenem Leben. Aus Liebe zu ihm hatte sie das Glück ausgeschlagen, als sie nur hätte zugreifen müssen. Sie hatte ihrem Ehemann die kalte Schulter gezeigt, keinen Blick für dessen Liebe gehabt, sich ihre Liebe zu ihm nicht eingestanden, da ihr Verlangen nach Ashley stets zwischen ihnen gestanden hatte. Und nun war Rhett fort, vertreten nur durch einen üppigen Blumenschauer aus warmen goldenen Herbsttönen zwischen so vielen anderen. Sie hatte ihre einzige Freundin hintergangen, Melanies unbeugsame Treue und Liebe verachtet. Und jetzt war Melanie nicht mehr da, und selbst Scarletts Liebe zu Ashley war vergangen, denn sie hatte – zu spät – erkannt, dass an die Stelle der Liebe selbst vor langer Zeit schon die Gewohnheit, ihn zu lieben, getreten war.

Sie liebte ihn nicht mehr, und würde es auch nie wieder tun. Doch nun, da sie ihn nicht mehr wollte, gehörte Ashley plötzlich ihr, war Melanies Vermächtnis an sie. Sie hatte Melly versprochen, sich um ihn und um Beau, ihr Kind, zu kümmern.

Ashley war der Grund dafür, dass ihr Leben ein Scherbenhaufen war. Und das Einzige, was ihr von diesem Leben geblieben war.

Scarlett stand abseits und allein. Zwischen ihr und den Menschen von Atlanta herrschte eine kalte, finstere Leere, eine Leere, die einst von Melanie ausgefüllt worden war, die sie vor Isolation und Ächtung bewahrt hatte. Und unter ihrem Regenschirm, dort, wo eigentlich Rhett hätte stehen sollen, um sie mit seinen starken, breiten Schultern und seiner Liebe zu beschützen, war nur der kalte Wind.

In ihn hinein reckte sie das Kinn, missachtete ihn, ohne ihn freilich zu spüren. Ihre Sinne waren völlig auf die Worte konzentriert, aus denen sie ihre Kraft und ihre Hoffnung schöpfte.

Bald ist es vorbei, und dann kann ich nach Hause, nach Tara.

»Sehen Sie sie sich doch an«, flüsterte eine schwarz gekleidete Dame ihrer Begleiterin zu, die den Schirm mit ihr teilte. »Hart wie Granit. Ich habe gehört, die ganze Zeit, als sie sich um die Bestattungsformalitäten gekümmert hat, hat sie nicht eine einzige Träne vergossen. Augen nur fürs Geschäft, das ist typisch für Scarlett. Und kein bisschen Herz.«

»Sie wissen ja, was man so redet«, flüsterte es zurück. »Sie hat ein großes Herz, wenn es um Ashley Wilkes geht. Glauben Sie, dass die beiden wirklich ...«

Die Leute um sie herum brachten sie zwar zum Schweigen, dachten aber nicht anders. Wie jeder es tat.

Das grässliche, hohle Aufschlagen der Erde auf das Holz ließ Scarlett die Fäuste ballen. Am liebsten hätte sie sich die Ohren zugehalten, geschrien, gebrüllt – alles, um nur das schreckliche Geräusch nicht hören zu müssen, als das Grab sich über Melanie schloss. Ihre Zähne gruben sich schmerzlich in ihre Lippe. Sie würde nicht schreien, sie würde es nicht tun.

Der Schrei, der die feierliche Stille schließlich durchbrach, war Ashleys: »Melly ... Melliieee!« Und noch einmal: »Melliieee!« Es war der Schrei einer gequälten Seele voller Einsamkeit und Angst.

Ashley torkelte wie ein mit Blindheit Geschlagener auf das tiefe, schlammige Loch zu, und seine Hände suchten tastend nach dem kleinen, stillen Geschöpf, das seine ganze Stärke gewesen war. Doch da war nichts, das sich greifen ließ, nur die herabströmenden Silberstreifen kalten Regens.

Scarlett sah Dr. Meade, India und Henry Hamilton an. Warum tun die denn nichts? Warum halten sie ihn nicht auf? Man muss ihn doch aufhalten!

»Mellyyyyyy ...!«

Um Gottes willen! Er wird sich gleich den Hals brechen, und die rühren sich nicht und sehen mit offenem Mund zu, wie er schwankend am Rande des Grabs steht.

»Ashley, hör auf!«, schrie sie. »Ashley!« Sie begann zu rennen, rutschte und schlitterte über das nasse Gras. Der Schirm, den sie hatte fallen lassen, fegte, vom Wind getrieben, über den Boden, bis er sich in den aufgehäuften Blumen verfing. Sie packte Ashleys Taille und versuchte, ihn aus der gefährlichen Lage zu ziehen. Er wehrte sich.

»Ashley, lass das!« Scarlett kämpfte gegen seinen energischen Widerstand an. »Melly kann dir jetzt nicht helfen.« Die Stimme war hart, um durch die Umnachtung seines Kummers zu dringen.

Er hielt inne, und die Arme sanken an ihm herab. Er stöhnte leise, und dann sackte sein Körper in Scarletts stützenden Armen zusammen. Ihr Griff drohte sich schon unter seinem Gewicht zu lockern, als Dr. Meade und India Ashleys schlaffe Arme zupackten und ihn zurück auf die Beine stellten.

»Sie können jetzt gehen, Scarlett«, sagte Dr. Meade. »Sie haben schon genug Schaden angerichtet.«

»Aber ich ...« Sie blickte in die Gesichter um sie herum, die sensationslüsternen Augen. Dann wandte sie sich ab und ging durch den Regen davon. Die Menge wich zurück, als könne die Berührung ihrer Röcke sie beschmutzen.

Sie durften nicht wissen, wie sehr Scarlett sich getroffen fühlte, sie würde sich nicht anmerken lassen, dass sie imstande waren, sie zu verletzen. Trotzig hob sie das Kinn und ließ es zu, dass der Regen ihr über Gesicht und Hals lief. Den Rücken gerade, die Schultern straff, bis sie das Tor des Friedhofs erreicht hatte und außer Sicht war. Dann griff sie nach einem der eisernen Stäbe. Ihr war schwindlig vor Erschöpfung, und sie hielt sich nur schwankend auf den Beinen.

Elias, ihr Kutscher, kam zu ihr gelaufen und öffnete seinen Schirm, um ihn ihr über den Kopf zu halten. Scarlett ging zu ihrer Kutsche und übersah die Hand, die sich ihr entgegenstreckte, um ihr hineinzuhelfen. Im plüschbespannten Kutscheninneren sank sie in eine Ecke und zog das wollene Plaid über den Schoß. Sie war ausgekühlt bis auf die Knochen und entsetzt über ihr Verhalten. Wie hatte sie Ashley nur vor allen so blamieren können, wo sie Melanie doch noch vor wenigen Tagen versprochen hatte, sich um ihn zu kümmern und ihn zu beschützen, wie auch Melly es stets getan hatte? Aber was hätte sie denn tun sollen? Zusehen, wie er sich in das Grab stürzte? Sie hatte ihn aufhalten müssen.

Die Kutsche schwankte, als die hohen Räder tief in die schlammigen Lehmfurchen sanken. Um ein Haar wäre Scarlett vom Sitz gefallen. Ihr Ellenbogen schlug gegen den Fensterrahmen, und ein scharfer Schmerz durchfuhr ihren Arm.

Doch es war nur ein körperlicher Schmerz, den konnte sie aushalten. Der aufgeschobene, verzögerte, geleugnete Schmerz war es, den sie nicht ertragen konnte. Noch nicht, hier nicht, nicht, bevor sie nicht ganz allein war. Sie musste nach Tara fahren, unbedingt. Mammy war dort, Mammy würde ihre braunen Arme um sie legen, würde sie festhalten und ihren Kopf an ihrer Brust wiegen, wo sie schon sämtlichen Kummer ihrer Kindheit herausgeschluchzt hatte. Mammy würde sie im Arm halten und in Liebe hüllen, würde ihren Schmerz teilen und ihr so helfen, ihn zu ertragen.

»Beeil dich, Elias«, sagte Scarlett, »beeil dich.«

»Hilf mir aus den nassen Sachen, Pansy«, befahl Scarlett ihrer Dienerin. »Rasch.« Ihr Gesicht war geisterhaft bleich und ließ ihre grünen Augen dunkler aussehen, leuchtender, beängstigender. Das junge schwarze Mädchen war ungeschickt vor Nervosität. »Rasch, habe ich gesagt. Wenn ich deinetwegen den Zug verpasse, zieh ich dir eins übers Fell.«

Das durfte sie nicht, Pansy wusste, dass sie das nicht durfte. Die Tage der Sklaverei waren vorüber, sie war nicht der Besitz von Miss Scarlett, sie konnte sich jederzeit eine andere Stelle suchen. Der verzweifelte, fieberhafte Glanz in Scarletts grünen Augen führte jedoch dazu, dass Pansy an ihrem Wissen zu zweifeln begann. Scarlett sah aus, als sei sie zu allem fähig.

»Pack das schwarze Wolltuch ein, es wird bald kälter werden«, sagte Scarlett. Sie sah zum offenen Kleiderschrank hinüber. Schwarze Wolle, schwarze Seide, schwarze Baumwolle, schwarzer Körper, schwarzer Samt. Sie konnte bis ans Ende ihrer Tage weitertrauern. Noch trauerte sie um Bonnie und jetzt auch um Melanie. Ich sollte mir etwas suchen, was noch schwärzer ist als schwarz, etwas noch Trauervolleres, um mich selbst zu bedauern.

Aber: Ich will darüber jetzt nicht nachdenken, sonst werde ich noch wahnsinnig. Dafür ist Zeit, wenn ich auf Tara bin. Da habe ich die Kraft.

»Mach mich fertig, Pansy. Elias wartet. Und wehe, du vergisst den Trauerflor. Wir sind hier in einem Trauerhaus.«

Die Straßen in Five Points waren das reinste Schlammloch. Fuhrwerke, Kutschen und Einspänner steckten im Morast fest. Ihre Fahrer verfluchten den Regen, die Straßen, die Pferde und die anderen Fahrer, die ihnen den Weg versperrten. Es herrschte großes Geschrei, Peitschen knallten, die Menge lärmte. In Five Points traf man immer auf Scharen von Menschen, eilende, streitende, klagende, lachende Menschen. Five Points brodelte vor Leben, vor Gedränge, vor Energie. Five Points war Atlanta, das Scarlett liebte.

Nicht jedoch heute. Heute war ihr Five Points im Weg, hielt Atlanta sie auf. Ich muss den Zug erreichen, ich sterbe, wenn ich ihn verpasse, ich muss zu Mammy und nach Tara, oder ich breche zusammen. »Elias«, schrie sie gellend, »es ist mir gleichgültig, ob du die Pferde zu Tode peitschst, es ist mir gleichgültig, ob du sämtliche Leute auf der Straße in Grund und Boden fährst. Hauptsache, du schaffst es zur Bahnstation.« Ihre Pferde waren die kräftigsten, ihr Kutscher der tüchtigste, ihre Kutsche die beste, die für Geld zu haben war. Wehe dem, der sie aufhielt. Wehe.

Sie schaffte es pünktlich und hatte sogar noch etwas Zeit.

Lautes Zischen von Dampf war zu hören. Scarlett hielt den Atem an und lauschte auf die erste, schwerfällige Umdrehung der Räder, die bedeutete, dass der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte. Da war sie. Dann noch eine. Und noch eine. Und das Rattern, Rucken des Waggons. Endlich waren sie unterwegs.

Alles würde gut werden. Sie fuhr nach Hause, nach Tara. Sie stellte sich das Haus vor, sonnig und hell, strahlend weiß, die weißen Vorhänge, die in den offenen Fenstern wehten, darunter das schimmernd grüne Laub der Kapjasminsträucher, die mit vollkommenen, wachsweißen Blüten bedeckt waren.

Schwerer, dunkler Regen strömte am Fenster hinab, als der Zug den Bahnhof verließ, doch das machte ihr nichts aus. Auf Tara würde es im Salon ein Feuer mit knisternden Tannenzweigen auf den Holzscheiten geben, die Vorhänge würden zugezogen sein und den Regen, die Dunkelheit und die Welt draußen aussperren. Den Kopf wollte sie an Mammys weiche Brust legen und ihr all die grässlichen Dinge erzählen, die geschehen waren. Danach würde sie wieder imstande sein nachzudenken, sich zu überlegen, was zu tun war ...

Zischender Dampf und quietschende Räder ließen Scarletts Kopf hochschnellen.

War das schon Jonesboro? Sie musste eingedöst sein, kein Wunder, so müde, wie sie war. Sie hatte zwei Nächte nicht schlafen können, trotz des Brandys, mit dem sie versucht hatte, ihre Nerven zu beruhigen. Nein, sie waren erst in Rough and Ready. Noch eine Stunde bis Jonesboro. Wenigstens hatte der Regen aufgehört, es war sogar ein blauer Fleck am Himmel zu sehen. Vielleicht schien ja auf Tara die Sonne. Sie stellte sich die Auffahrt vor, die dunklen Zedern, die sie säumten, dann den weiten grünen Rasen und das geliebte Haus auf der Kuppe des niedrigen Hügels.

Scarlett seufzte schwer. Ihre Schwester war jetzt die Herrin auf Tara. Pah! Heulsuse war der treffendere Ausdruck. Suellen tat nichts als jammern, sie hatte nie etwas anderes getan, seit ihrer Kindheit. Und mittlerweile hatte sie auch Kinder, weinerliche kleine Mädchen, wie sie selbst eins gewesen war.

Scarletts Kinder waren ebenfalls auf Tara. Wade und Ella. Zusammen mit Prissy, dem Kindermädchen, hatte sie sie fortgeschickt, als sie erfahren hatte, dass Melanie sterben musste. Wahrscheinlich hätten sie mit an Melanies Beerdigung teilnehmen sollen. So hatten all die alten Klatschtanten in Atlanta einmal mehr Grund dazu, sich die Mäuler darüber zu zerreissen, was für eine unnatürliche Mutter sie war. Sollten sie doch reden. Sie hätte die schrecklichen Tage und Nächte nach Mellys Tod nicht überstanden, hätte sie sich auch noch um Wade und Ella kümmern müssen.

Wegen alldem wollte sie sich keine Gedanken mehr machen, und fertig. Sie fuhr nach Hause nach Tara und zu Mammy, und sie wollte sich einfach verbieten, über immer noch mehr Dinge nachzugrübeln, die sie nur aufregten. Es gibt doch, weiß Gott, genug, was mich schier verrückt macht, da muss ich mir nicht noch zusätzlich was aufhalsen. Und ich bin so müde ... Der Kopf sank ihr hinab, und die Augen fielen ihr zu.

»Jonesboro, Ma’am«, sagte der Schaffner. Scarlett blinzelte und setzte sich auf.

»Danke.« Sie sah sich im Waggon nach Pansy und ihren Koffern um. Ich zieh’ dem Mädchen das Fell über die Ohren, wenn sie in irgendeinem anderen Waggon herumtrödelt. Herrje, wenn eine Dame doch nicht jedes Mal, wenn sie auch nur einen Fuß vor die Tür setzt, Begleitung haben müsste. Ich käme allein so viel besser zurecht. Da ist sie. »Pansy. Hol die Koffer aus dem Gepäcknetz. Wir sind da.«

Nur noch fünf Meilen bis Tara. Bald bin ich daheim. Daheim!

Will Benteen, Suellens Mann, erwartete sie auf dem Bahnsteig. Es war ein Schock, das Wiedersehen mit Will, die ersten paar Sekunden waren immer ein Schock. Scarlett liebte und respektierte Will aufrichtig. Wenn sie den Bruder hätte haben können, den sie sich immer gewünscht hatte, ihretwegen hätte er genau wie Will sein können. Einmal abgesehen natürlich von seinem Holzbein und dass er ein weißer Habenichts war. Man konnte Will eben nicht mit einem Gentleman verwechseln; er stammte eindeutig aus einfachen Verhältnissen. Doch das vergaß Scarlett, wenn sie ihn nicht sah, und brauchte ebenfalls kaum eine Minute, es zu vergessen, wenn sie ihm gegenüberstand, weil er ein so gütiger, freundlicher Mann war. Selbst Mammy hielt große Stücke auf Will, und Mammy war die gestrengste Richterin der Welt, wenn es darum ging, wer eine Dame oder ein Herr war.

»Will!« Mit seinem unverwechselbaren, schwingenden Gang kam er auf sie zu. Sie warf ihm die Arme um den Hals und umarmte ihn heftig.

»Oh, Will, ich bin so froh, dich zu sehen, dass ich heulen könnte.«

Will ließ sich ihre Umarmung ohne ein Zeichen der Rührung gefallen. »Ich freue mich, dich zu sehen, Scarlett. Es ist lange her.«

»Viel zu lange. Es ist eine Schande. Fast ein Jahr.«

»Eher zwei.«

Scarlett war verwirrt. War es wirklich so lange her? Kein Wunder also, dass ihr Leben in einem so tristen Zustand war. Ihr Zuhause hatte ihr immer neuen Lebensmut und neue Kraft geschenkt, wenn sie welche nötig gehabt hatte. Wie hatte sie nur so lange ohne Tara auskommen können?

Will winkte Pansy und ging auf den Planwagen vor der Bahnstation zu. »Wir beeilen uns besser ein bisschen, wenn wir es vor Anbruch der Dunkelheit schaffen wollen«, sagte er. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass es etwas unbequem wird, Scarlett. Da ich nun schon mal in die Stadt musste, hab ich mir gedacht, ich nehme gleich noch ein paar Vorräte mit.« Der Wagen war voll beladen mit Säcken und Kästen.

»Überhaupt nichts«, sagte Scarlett wahrheitsgemäß. Sie fuhr nach Hause, und alles, was sie hinbrachte, war ihr recht. »Steig auf die Futtersäcke, Pansy.«

Auf der Fahrt nach Tara war sie ebenso schweigsam wie Will, sie sog die altbekannte ländliche Stille in sich ein und erfrischte sich daran. Die Luft war rein gewaschen, und warm lag die Nachmittagssonne auf ihren Schultern. Sie hatte recht daran getan, nach Hause zu fahren. Tara würde ihr die Zuflucht bieten, die sie brauchte, und zusammen mit Mammy würde sie einen Weg finden, ihre in Stücke gebrochene Welt wieder in Ordnung zu bringen. Sie beugte sich vor, als sie in den vertrauten Weg einbogen, ein Lächeln der Vorfreude umspielte ihre Lippen.

Doch als das Haus in Sicht kam, stieß sie einen verzweifelten Schrei aus. »Will, was ist denn das?« Die Stirnseite von Tara war von Ranken bedeckt, hässlichen Schnüren, voller toter Blätter, vier Fenster hatten schiefe Läden, zwei gar keine mehr.

»Nichts ist passiert. Es ist lediglich Sommer, Scarlett. Um das Haus kümmere ich mich im Winter, wenn ich auf den Feldern nicht gebraucht werde. Die Fensterläden da sind in ein paar Wochen an der Reihe. Es ist ja noch nicht einmal Oktober.«

»Ach, Will, warum darf ich dir denn um Himmels willen nicht ein bisschen Geld geben? Dann könntest du dir eine Hilfe leisten. Da gucken ja die Ziegelsteine durch die Tünche. Das sieht wirklich verlottert aus.«

Will blieb geduldig. »Hilfe ist für Geld und gute Worte nicht zu bekommen. Wer Arbeit mag, hat schon genug davon, und wer keine mag, ist mir keine Hilfe. Wir kommen schon zurecht, Big Sam und ich. Wir brauchen dein Geld nicht.«

Scarlett biss sich auf die Lippe und schluckte hinunter, was sie hatte sagen wollen. Oft genug schon hatte sie sich an Wills Stolz die Zähne ausgebissen, und sie wusste, dass er nicht umzustimmen war. Er hatte recht, die Ernte und das Vieh hatten Vorrang. Was sie verlangten, war nicht aufschiebbar, ein neuer Anstrich hingegen wohl. Jetzt kamen die Felder in Sicht, die sich hinter dem Haus erstreckten. Sie waren frei von Unkraut, frisch gepflügt, und ein leichter Geruch zog von dem Dung herüber, der für die nächste Pflanzung aufgebracht worden war. Die rote Erde sah warm und fruchtbar aus, und Scarlett entspannte sich. Das war das Herz von Tara, seine Seele.

»Du hast recht«, sagte sie zu Will.

Die Haustür flog auf, und die Veranda füllte sich mit Menschen. Suellen stand ganz vorn, ihr kleines Kind auf dem Arm über dem geschwollenen Leib, der die Nähte ihres ausgeblichenen Baumwollkleids spannte. Ihr Schultertuch war ihr auf den Arm hinuntergerutscht. Scarlett zwang sich zu einer Fröhlichkeit, die sie nicht empfand. »Mein Gott, Will, bekommt Suellen denn schon wieder ein Baby? Da wirst du wohl noch ein paar Zimmer anbauen müssen.«

Will kicherte. »Wir arbeiten noch immer an einem Jungen.« Er hob die Hand und grüßte seine Frau und seine drei Töchter.

Scarlett winkte ebenfalls und bedauerte, dass sie nicht daran gedacht hatte, den Kindern etwas zum Spielen mitzubringen. Meine Güte, nun seht sie euch bloß an. Suellens Miene war finster. Scarletts Blick schweifte über die Gesichter und suchte nach den schwarzen ... Prissy war da; Wade und Ella versteckten sich hinter ihrem Rock ... und Big Sams Frau Delilah, den Löffel in der Hand, mit dem sie anscheinend gerade noch im Topf gerührt hatte ... und da war auch – wie hieß sie noch? –, ach ja, Lutie, die Kinderfrau von Tara. Aber wo war Mammy? Scarlett rief ihren Kindern zu: »Tag, meine Kleinen, Mutter ist da!« Dann wandte sie sich Will zu und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Wo ist Mammy, Will? Sie ist doch nicht so alt, dass sie mich nicht begrüßen kommen kann.« Angst schnürte ihr die Kehle zusammen.

»Sie liegt krank im Bett, Scarlett.«

Scarlett sprang vom Wagen, noch ehe er ausgerollt war, stolperte, fand das Gleichgewicht wieder und rannte zum Haus hinüber. »Wo ist Mammy?«, fragte sie Suellen, ohne ein Ohr für die Begrüßungsfreude der Kinder.

»Das ist ja eine schöne Begrüßung, Scarlett, aber ich habe auch nichts anderes erwartet. Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, als du Prissy und die Kinder einfach so hergeschickt hast, ohne auch nur ein Wort der Erklärung, wo du doch weißt, dass ich alle Hände voll zu tun habe, und überhaupt?«

Scarlett hob die Hand, sie war nahe daran, ihre Schwester zu schlagen. »Suellen, wenn du mir nicht sofort sagst, wo Mammy ist, fange ich an zu schreien.«

Prissy zog Scarlett am Ärmel. »Ich wissen, wo ist Mammy, Miss Scarlett, ich wissen. Sie mächtig krank, so wir kleine Kammer neben Küche zurechtmachen für sie, die, wo immer Schinken aufhängen, als noch viele Schinken da. Ist schön da, warm, gleich bei Schornstein. Sie schon da, wenn ich kommen, kann nicht sagen, machen alle zusammen Kammer zurecht, doch bring ich Stuhl rein zum Sitzen, wenn sie will aus dem Bett oder kommt Besuch ...«

Prissy redete ins Leere. Scarlett war bereits an der Tür zu Mammys Krankenzimmer und griff Halt suchend nach dem Türrahmen.

Das ... das ... das Etwas da im Bett, das war nicht ihre Mammy. Mammy war eine große Frau, kräftig und üppig, mit warmer, brauner Haut. Es war kaum sechs Monate her, dass Mammy Atlanta verlassen hatte, nicht lange genug, um derart hinfällig zu sein. Das durfte nicht wahr sein. Scarlett konnte es nicht ertragen. Das Wesen da war grauhaarig und eingeschrumpft, rührte sich kaum unter der ausgeblichenen Patchworkdecke, die es bedeckte, und die verschränkten Finger bewegten sich nur schwach über deren Falten. Scarlett überlief es kalt.

Dann hörte sie Mammys Stimme. Dünn und stockend zwar, aber doch Mammys geliebte, liebevolle Stimme. »Nu, Missy, ich dir nicht hundertmal sagen, du nicht einen Fuß aus dem Haus gehen, ohne Haube und einen Sonnenschutz zu tragen ... Und ich sagen und sagen und wieder sagen ...«

»Mammy!« Scarlett sank neben dem Bett auf die Knie. »Mammy, ich bin’s Scarlett. Deine Scarlett. Bitte sei doch nicht krank, Mammy, ich kann es nicht ertragen, nicht du.« Sie legte den Kopf neben die knochige Schulter auf das Bett und weinte hemmungslos wie ein Kind.

Eine federleichte Hand strich ihr über den gesenkten Kopf. »Wein nicht, Kind. Nichts so schlimm, dass sich nicht lässt wieder in Ordnung bringen.«

»Alles«, wimmerte Scarlett, »alles ist schiefgegangen, Mammy.«

»Nun mal pssst, ist doch nur eine Tasse. Und kriegst du sowieso ein neues Teeservice, genauso schönes. Kannst du immer noch deine Teegesellschaft haben, wie dir Mammy versprochen hat.«

Scarlett wich entsetzt zurück. Sie starrte in Mammys Gesicht und sah das Leuchten der Liebe in ihren eingesunkenen Augen, Augen, die sie nicht sahen.

»Nein«, flüsterte sie. Es war zu viel. Erst Melanie, dann Rhett und nun Mammy; alle, die sie liebte, verließen sie. Es war zu grausam. Es durfte nicht wahr sein.

»Mammy«, sagte sie laut, »Mammy, hör mich doch. Ich bin Scarlett.« Sie packte die Kante der Matratze und versuchte sie zu schütteln. »Schau mich an«, schluchzte sie, »mein Gesicht. Du musst mich doch erkennen. Ich bin’s, Scarlett.«

Wills große Hände schlossen sich um ihre Handgelenke. »Tu das lieber nicht«, sagte er. Seine Stimme war sanft, doch sein Griff war eisenhart. »Sie ist glücklich, wenn sie so ist, Scarlett. Sie ist wieder in Savannah und hütet deine Mutter, als sie noch ein kleines Mädchen war. Das waren glückliche Zeiten für sie. Sie war jung, sie war stark und hatte keine Schmerzen. Lass sie, wo sie ist.«

Scarlett versuchte sich loszumachen. »Aber ich will, dass sie mich erkennt, Will. Ich hab ihr nie gesagt, wie viel sie mir bedeutet. Ich muss es ihr sagen.«

»Du bekommst schon noch die Gelegenheit dazu. Sehr oft ist sie anders und erkennt alle. Weiß auch, dass sie sterben muss. So ist es besser für sie. Komm du jetzt mit. Alle warten auf dich. Delilah hat von der Küche aus ein Ohr auf Mammy.«

Scarlett ließ sich von Will auf die Füße helfen. Sie war von Kopf bis Fuß wie betäubt, bis in ihr Innerstes, war unfähig, irgend etwas zu empfinden. Schweigend folgte sie ihm in den Salon. Suellen fing auf der Stelle an, ihr heftige Vorwürfe zu machen und ihr Klagelied dort wieder aufzunehmen, wo sie es unterbrochen hatte, aber Will brachte sie zum Schweigen. »Scarlett hat einen schweren Schlag erlitten, Sue, lass sie in Ruhe.« Er goss Whiskey in ein Glas und drückte es Scarlett in die Hand.

Der Whiskey verfehlte seine Wirkung nicht. Er brannte sich den vertrauten Pfad durch ihren Körper und dämpfte den Schmerz. Sie hielt Will das leere Glas hin, und er goss noch etwas nach.

»Hallo, meine Herzchen«, sagte sie zu ihren Kindern, »kommt und gebt eurer Mutter einen Kuss.« Scarlett hörte ihre eigene Stimme; sie klang, als gehöre sie jemand anderem, doch wenigstens sagte sie das Richtige.

Sie verbrachte alle Zeit, die sie erübrigen konnte, in Mammys Zimmer, an Mammys Seite. Scarlett hatte all ihre Hoffnungen an Mammys tröstende Umarmung gehängt, doch nun waren es ihre starken jungen Arme, die die sterbende alte Frau umfingen. Sie hob die hinfällige Gestalt hoch, um sie zu baden, um ihr die Bettwäsche zu wechseln, um ihr zu helfen, wenn ihr das Atmen gar zu schwerfiel, und um ihr unter gutem Zureden ein paar Löffel Brühe einzuflößen. Sie sang die Schlaflieder, die Mammy ihr so oft vorgesungen hatte, und wenn Mammy im Delirium mit Scarletts Mutter sprach, antwortete Scarlett mit den Worten, die Ellen ihrer Vorstellung nach wohl gewählt hätte.

Manchmal erkannten Mammys tränende Augen sie, und die aufgesprungenen Lippen der alten Frau lächelten beim Anblick ihres Lieblings. Dann schalt ihre zitternde Stimme Scarlett, wie sie sie seit deren Säuglingszeit immer gescholten hatte. »Deine Haare, nicht zum Ansehen sind die, Miss Scarlett, nun gehen und hundert Striche bürsten, wie Mammy dir beigebracht.« – »Kriegst du keinen Verehrer ab, so zerknittertes Kleid, wie du hast. Geh gleich frisch dich anziehen, ehe Leute dich sehen.« Oder: »Siehst bleich wie Gespenst aus, Miss Scarlett. Wohl Puder auf Gesicht legen? Gleich abwaschen, sofort.«

Was immer Mammy befahl, Scarlett versprach zu gehorchen. Kaum hatte sie Zeit, allen Befehlen nachzukommen, ehe Mammy wieder in die Bewusstlosigkeit zurückglitt oder in jene andere Welt, in der Scarlett nicht existierte.

Am Tage und abends beteiligten sich Suellen, Delilah und sogar Will an der Arbeit im Krankenzimmer, und Scarlett konnte zwischendurch einmal eine halbe Stunde Schlaf ergattern, die sie mit angezogenen Knien im Schaukelstuhl verbrachte. Nachts jedoch hielt sie einsam Wache. Sie drehte die Flamme der Petroleumlampe herunter und hielt Mammys trockene Hand. Wenn das Haus und Mammy schliefen, gelang es ihr endlich zu weinen, und die bitterlichen Tränen linderten ihren Schmerz ein wenig.

Einmal, in der kurzen, stillen Stunde vor der Morgendämmerung, wachte Mammy auf. »Wozu denn weinen, Schatz?«, flüsterte sie. »Die alte Mammy ist bereit, will ihre Bürde niederlegen und ausruhen in den Armen des Herrn. Kein Grund so weiterzumachen.« Ihre Hand fügte sich in Scarletts, befreite sich von ihr und strich Scarlett über den gesenkten Kopf. »Still jetzt. Alles halb so schlimm.«

»Entschuldige«, schluchzte Scarlett, »ich kann einfach nicht aufhören zu weinen.«

Mammys gebeugte Finger schoben Scarlett das wirre Haar aus dem Gesicht. »Erzähl alter Mammy, was ihr Lämmchen für Kummer.«

Scarlett blickte in die alten, weisen, liebevollen Augen und verspürte den tiefsten Schmerz, den sie je erfahren hatte. »Ich habe alles falsch gemacht, Mammy. Ich weiß nicht, wie ich so viele Fehler machen konnte. Ich verstehe es nicht.«

»Miss Scarlett, du getan, was du tun musstest. Kann niemand mehr tun als das. Der gütige Gott hat dir ein paar schwere Bürden auferlegt, und du sie getragen. Kein Sinn fragen, warum sie dir auferlegt oder was dich gekostet hat, sie zu tragen. Was geschehen, ist geschehen. Nicht dich ängstigen jetzt.« Mammys schwere Lider schlossen sich über Tränen, die im trüben Licht glitzerten, und ihr mühsamer Atem verlangsamte sich, als der Schlaf sie übermannte.

Wie kann ich mich denn nicht ängstigen? hätte Scarlett am liebsten geschrien. Mein Leben ist ruiniert, und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich brauche Rhett, und er ist weg. Ich brauche dich, und auch du verlässt mich.

Sie hob den Kopf, wischte sich die Tränen mit dem Ärmel vom Gesicht und straffte die schmerzenden Schultern. Die Kohlen im Kanonenofen waren fast ganz verbrannt, und der Eimer war leer. Sie musste ihn wieder füllen, sie musste das Feuer in Gang halten. Das Zimmer begann schon auszukühlen, und Mammy musste warm gehalten werden. Scarlett zog die ausgeblichene, zusammengestückelte Decke über Mammys zerbrechliche Gestalt, dann trat sie mit dem Kohleneimer in die kalte Finsternis hinaus. Sie eilte auf die Kohlenkiste zu und bereute, dass sie sich kein Tuch umgelegt hatte.

Es gab keinen wirklichen Mond, nur die Andeutung einer zunehmenden Sichel, die sich hinter einer Wolke verlor. Die Luft war geschwängert von der Feuchtigkeit der Nacht, und die wenigen Sterne, die nicht hinter Wolken versteckt waren, schienen sehr, sehr weint entfernt und funkelten kalt. Scarlett fröstelte. Die Schwärze um sie herum war formlos, unendlich. Wie blind hastete Scarlett in die Mitte des Hofes, und noch immer vermochte sie die vertrauten Silhouetten von Räucherhaus und Schuppen nicht zu erkennen, die doch ganz in der Nähe sein mussten. In plötzlicher Panik suchte sie nach der weißen Masse des Hauses, die sie gerade verlassen hatte, doch auch das war in der Dunkelheit untergetaucht. Nirgendwo ein Licht. Sie fühlte sich verloren in einer trübsinnigen, stummen Welt; sie hatte sich verlaufen. Nichts rührte sich, nicht einmal ein Blatt, nicht einmal die Feder einer Vogelschwinge. Grauen zerrte an ihren angespannten Nerven, und am liebsten wäre sie gerannt. Doch wohin? Überall nur unheimliche Finsternis.

Scarlett biss die Zähne zusammen. Was war denn das jetzt für ein albernes Benehmen? Ich bin zu Hause, auf Tara, und die dunkle Kälte wird verschwinden, sowie die Sonne aufgeht. Sie zwang sich zu einem Lachen; der schrille, unnatürliche Laut ließ sie zusammenfahren.

Angeblich ist es ja vor der Morgendämmerung immer am dunkelsten, dachte sie. Ich habe eine Art von Koller, weiter nichts. Aber ich darf mich nicht davon überwältigen lassen, dafür fehlt mir die Zeit, der Ofen braucht Nachschub. Sie streckte eine Hand in die Schwärze vor ihren Augen und ging in die Richtung, wo die Kohlenkiste sein musste, neben dem Holzstoß. Eine Vertiefung im Boden ließ sie straucheln, und sie fiel hin. Der Eimer klapperte laut, dann war er weg.

Jedes erschöpfte, verängstigte Atom ihres Körpers schrie ihr zu, aufzugeben, zu bleiben, wo sie war, an den sicheren, unsichtbaren Boden unter sich geschmiegt, bis es Tag wurde und sie sehen konnte. Doch Mammy brauchte Wärme. Und das aufmunternde gelbe Licht hinter dem Quarzfenster des Ofens.

Scarlett stemmte sich langsam auf die Knie und tastete nach dem Kohleneimer. Auf der ganzen Welt hatte es bestimmt noch keine solch pechschwarze Finsternis gegeben. Keine so nasskalte Nachtluft. Ihr Atem ging schnell. Wo war der Eimer? Wo war die Morgendämmerung?

Ihre Finger streiften kaltes Metall. Auf den Knien krabbelte Scarlett darauf zu und umklammerte mit beiden Händen die geriffelte Blechwand der Kohlenschütte. Sie hockte sich auf die Felsen und presste das Metall verzweifelt gegen ihre Brust.

Herrgott, jetzt habe ich völlig die Richtung verloren. Ich weiß nicht einmal, wo das Haus ist, geschweige denn die Kohlenkiste. Ich bin im Dunkeln allein. Sie blickte fieberhaft auf und suchte nach irgendeinem Licht, doch der Himmel war schwarz. Selbst die fernen Sterne waren verschwunden.

Einen Augenblick lang wollte sie nur laut schreien und schreien und schreien, bis drinnen jemand aufwachte, jemand, der eine Lampe anmachen, der kommen, sie finden und ins Haus führen würde.

Ihr Stolz verbot es ihr. Hilflos im eigenen Hof, hinter dem eigenen Haus, nur ein paar Schritte von der Küchentür entfernt! Die Schande würde sie nicht überleben.

Sie klappte sich den Henkel der Kohlenschütte über den Arm und begann, unbeholfen auf Händen und Knien über den dunklen Boden zu kriechen. Früher oder später musste sie auf etwas stoßen, das Haus, den Holzstoß, den Schuppen, den Brunnen und so die Orientierung wiederfinden. Schneller würde es freilich gehen, wenn sie aufstehen und laufen würde. Sie würde sich dann auch nicht so albern vorkommen. Doch womöglich fiel sie wieder hin und verstauchte sich den Knöchel oder sonst irgendetwas. Dann war sie hilflos, bis jemand sie fand. Ganz gleich, was sie eigentlich hätte tun sollen oder nicht, alles war besser, als hilflos und allein dazuliegen und nicht zu wissen, wo sie war.

Wo war denn hier eine Mauer? Irgendwo musste doch eine sein, sie hatte das Gefühl, schon halb bis nach Jonesboro gekrochen zu sein. Panik streifte sie. Wenn diese Finsternis nun niemals aufhörte, wenn sie nun einfach immer nur weiter- und weiterkroch, ohne jemals irgendwo anzukommen?

Hör auf!, befahl sie sich, hör sofort auf! Ihre Kehle machte eigenartige Geräusche.

Sie stand mühsam auf und zwang sich dazu, langsamer zu atmen, zwang ihr Gehirn, das Kommando über ihr jagendes Herz zu übernehmen. Sie war Scarlett O’Hara, sagte sie sich. Sie war auf Tara, und sie kannte jeden Fußbreit dieses Geländes besser als ihre eigene Hand. Was machte es da schon aus, dass sie die Hand vor Augen nicht sehen konnte? Sie wusste doch, was um sie herum war, sie musste es lediglich finden.

Und sie würde aufrecht danach suchen, nicht auf allen vieren wie ein Säugling oder ein Hund. Sie hob das Kinn und straffte die schmalen Schultern. Gott sei Dank hatte sie niemand gesehen, wie sie der Länge nach im Schmutz gelegen hatte und wie sie, weil sie sich fürchtete aufzustehen, verängstigt umhergekrochen war. Nie im Leben hatte sie sich unterkriegen lassen, nicht von der Armee des alten Sherman und auch nicht von den ärgsten Spekulantenmachenschaften. Nichts und niemand vermochte sie unterzukriegen, wenn sie es nicht zuließ. Allein schon die Idee, dass sie sich vor der Dunkelheit fürchten sollte wie irgend so eine feige Heulsuse!

Ich muss schon sagen, ich lasse mich gehen, so sehr man sich überhaupt nur gehen lassen kann, dachte sie angewidert, und die eigene Verachtung wärmte sie. So weit werde ich es nie wieder kommen lassen, ganz gleich, was passiert. Wenn man erst einmal ganz unten angelangt ist, kann es nur wieder aufwärts gehen. Bis hierher habe ich mein Leben verpfuscht, aber ich werde es wieder in Ordnung bringen und mich nicht häuslich in den Scherben einrichten.

Die Kohlenschütte vor sich ausgestreckt, ging Scarlett mit festen Schritten vorwärts, und schon schlug Metall gegen etwas. Sie lachte laut, als sie den beißenden Harzduft von frisch gehacktem Kiefernholz roch. Sie war am Holzstoß, und unmittelbar daneben war die Kohlenkiste. Genau dahin hatte sie gewollt.

Mit einem lauten Geräusch schloss sie die eiserne Ofentür vor den wiederbelebten Flammen, und Mammy begann sich in ihrem Bett zu regen. Scarlett eilte zu ihr hinüber, um sie wieder zuzudecken. Das Zimmer war kalt.

Durch ihren Schmerz hindurch sah Mammy Scarlett blinzelnd an. »Dein Gesicht ist schmutzig und die Hände auch«, rügte sie sie mit schwacher Stimme.

»Ich weiß«, sagte Scarlett, »ich wasche sie sofort.« Und noch ehe die alte Frau wieder einschlief, küsste sie sie auf die Stirn. »Ich liebe dich, Mammy.«

»Nicht nötig zu sagen, was ich schon wissen.« Mammy glitt in den Schlaf und entkam so dem Schmerz.

»Doch, das ist nötig«, erklärte ihr Scarlett. Sie wusste zwar, Mammy konnte sie nicht hören, aber dennoch sprach sie laut, halb zu sich selbst. »Das ist sogar dringend nötig. Ich habe es Melanie nicht gesagt, und ich habe es Rhett nicht gesagt, bis es zu spät war. Ich habe mir nie die Zeit genommen, mir klarzumachen, wie sehr ich sie geliebt habe, und mit dir war es genauso. Wenigstens bei dir will ich den Fehler nicht noch einmal machen.«

Scarlett starrte auf das totenkopfähnliche Gesicht der sterbenden alten Frau nieder. »Ich liebe dich, Mammy«, flüsterte sie. »Was soll bloß aus mir werden, wenn ich dich und deine Liebe nicht mehr habe?«

2. KAPITEL

Prissy streckte den Kopf durch den Türspalt des Krankenzimmers. »Miss Scarlett, Mister Will sagen, ich bei Mammy sitzen, während Sie bisschen frühstücken. Delilah sagen, Sie werden noch ganz erschöpft von vieler Pflege, und sie hat schöne, große Scheibe Schinken mit Soße gemacht für Ihre Grütze.«

»Wo ist die Rinderbrühe für Mammy?«, drängte Scarlett. »Delilah weiß doch, dass sie morgens als Erstes eine warme Brühe bringen soll.«

»Hab ich hier in der Hand.« Prissy stieß mit dem Ellenbogen die Tür auf, ein Tablett vor sich. »Aber Mammy schlafen, Miss Scarlett. Wir sie wachrütteln, damit sie Brühe trinkt?«

»Deck sie einfach zu und stell das Tablett nah an den Ofen. Ich füttere sie, wenn ich zurückkomme.« Scarlett verspürte einen wölfischen Hunger. Der Duft der dampfenden Brühe bewirkte, dass ihr Magen sich zusammenkrampfte.

Sie wusch sich eilig Gesicht und Hände in der Küche. Auch ihr Kleid war schmutzig, doch daran konnte sie jetzt nichts ändern. Sie wollte sich umziehen, wenn sie gegessen hatte.

Will stand gerade vom Tisch auf, als Scarlett das Esszimmer betrat. Farmer durften keine Zeit vertrödeln und schon gar nicht an einem Tag so hell und warm, wie die goldene Sonne des frühen Morgens vor den Fenstern ihn verhieß.

»Darf ich dir helfen, Onkel Will?«, fragte Wade hoffnungsvoll. Er sprang auf und stieß dabei fast seinen Stuhl um. Dann sah er seine Mutter, und seine eifrige Miene schwand. Nun musste er am Tisch sitzen bleiben und seine besten Manieren an den Tag legen, sonst wurde sie böse. Langsam ging er und schob Scarlett den Stuhl hin.

»Was für ein wohlerzogener Junge du doch bist, Wade«, säuselte Suellen. »Guten Morgen, Scarlett, bist du nicht stolz auf deinen jungen Gentleman?«

Scarlett schaute erst Suellen, dann Wade verständnislos an. Du liebe Güte, er war doch einfach nur ein Kind, warum, um alles in der Welt, flötete Suellen dann so? Wie sie sich aufführte, konnte man ja meinen, Wade sei ein Tänzer, mit dem man flirten muss.

Wade ist wirklich ein hübscher Junge, dachte sie überrascht. Außerdem groß für sein Alter, er sah fast wie dreizehn aus und war doch nicht einmal zwölf. Suellen würde das nicht so herrlich finden, müsste sie die Kleider kaufen, aus denen er so rasch herauswuchs.

Du liebe Güte! Was mache ich nur wegen Wades Kleidern? Rhett hat sich doch immer um alles gekümmert, und ich weiß gar nicht, was Jungen tragen, geschweige denn, wo man es am besten kauft. Die Handgelenke ragen ja bereits aus seinen Hemdsärmeln heraus, wahrscheinlich braucht er längst alles eine Nummer größer. Und das auch noch schnell. Die Schule muss bald anfangen. Wenn sie nicht schon angefangen hat, ich weiß nicht einmal, was heute für ein Datum ist.

Scarlett ließ sich auf den Stuhl fallen, den Wade ihr hingeschoben hatte. Sie hoffte, er könne ihr sagen, was sie wissen musste. Doch zuallererst wollte sie frühstücken. Mir läuft dermaßen das Wasser im Mund zusammen, dass ich gleich anfange zu gurgeln. »Danke, Wade Hampton«, sagte sie geistesabwesend. Der Schinken sah genau richtig aus, üppig rosa und saftig mit einem knusprigen braunen Fettrand. Sie ließ die Serviette in ihren Schoß fallen und griff nach Messer und Gabel.

»Mutter?«, fragte Wade vorsichtig.

»Hm?« Scarlett schnitt in den Schinken.

»Darf ich bitte Onkel Will bei der Feldarbeit helfen?«

Scarlett verstieß gegen die oberste Regel der guten Tischmanieren und sprach mit vollem Mund. Der Schinken war köstlich. »Ja, ja, lauf nur.« Ihre Hände waren damit beschäftigt, einen weiteren Bissen abzuschneiden.

»Ich auch«, platzte Ella heraus.

»Ich auch«, echote Suellens Susie.

»Ihr werdet nicht gebraucht«, sagte Wade. »Feldarbeit ist Männersache. Mädchen bleiben im Haus.«

Susie fing an zu weinen.

»Siehst du, was du angerichtet hast!«, sagte Suellen zu Scarlett.

»Ich? Das ist doch nicht mein Kind, das hier so ein Spektakel veranstaltet.« Scarlett versuchte es immer zu vermeiden, sich mit Suellen zu streiten, wenn sie nach Tara kam, aber die lebenslange Gewohnheit war zu stark. Als Babys hatten sie zu streiten begonnen und im Grunde niemals wirklich wieder damit aufgehört.

Ich lasse mir von ihr nicht die erste Mahlzeit seit wer weiß wie langer Zeit verderben, auf die ich Appetit habe, beschloss Scarlett und konzentrierte sich darauf, gleichmäßig Butter unter den schimmernd weißen Berg Grütze auf ihrem Teller zu rühren. Sie hob nicht einmal den Blick, als Wade hinter Will herging und Ellas Geplärr sich mit dem von Susie vereinte.

»Still jetzt, alle beide«, sagte Suellen laut.

Scarlett träufelte Fleischsaft über ihre Grütze, häufte alles auf ein Stück Schinken und spießte das Arrangement mit der Gabel auf.

»Onkel Rhett würde mich lassen«, schluchzte Ella. Ich höre nicht hin, dachte Scarlett, ich verschließe einfach die Ohren und genieße mein Frühstück. Sie schob sich den Schinken mit der Grütze in den Mund.

»Mutter ... Mutter, wann kommt Onkel Rhett nach Tara?« Ellas Stimme schrillte durchdringend. Scarlett hörte die Worte wider ihre Absicht, und der wohlschmeckende Bissen wurde in ihrem Mund zu Sägemehl. Was sollte sie sagen, wie konnte sie Ellas Frage beantworten? Nie. War das die Antwort? Sie konnte es nicht, würde es selbst nicht glauben können. Angewidert sah sie ihre rotgesichtige Tochter an. Ella hatte ihr alles verdorben. Hätte sie mich nicht wenigstens für die Dauer des Frühstücks in Frieden lassen können?

Ella hatte das rötlich braune Haar Frank Kennedys, ihres verstorbenen Vaters. Es stand ihr um das tränenverschmierte Gesicht vom Kopf ab wie verrostete Drahtrollen; ständig entkam es den strammen Zöpfen, die Prissy ihr flocht, sosehr sie es auch mit Wasser anklatschen mochte. Ellas Körper war drahtig, dürr und knochig. Sie war älter als Susie, fast sieben, Susie erst sechseinhalb, doch bereits fast einen halben Kopf größer und um so viel stämmiger, dass sie Ella ungeniert schikanieren konnte.

Kein Wunder, dass Ella froh wäre, wenn Rhett käme, dachte Scarlett. Er hat sie wirklich gern, ganz im Gegensatz zu mir. Sie geht mir ebenso auf die Nerven, wie Frank es getan hat, und ich kann mir so viel Mühe geben, wie ich will, ich kann sie einfach nicht lieben.

»Wann kommt denn Onkel Rhett, Mutter?«, fragte Ella wieder. Scarlett schob ihren Stuhl vom Tisch weg und stand auf.

»Das ist Sache der Erwachsenen«, sagte sie. »Ich gehe nach Mammy sehen.« Jetzt an Rhett zu denken, war ihr unerträglich, sie würde sich später damit beschäftigen, wenn sie nicht mehr so große Sorgen hatte. Es war wichtiger – wesentlich wichtiger –, Mammy dazu zu überreden, ihre Brühe zu essen.

»Nur noch ein Löffelchen, Mammy-Schatz, mach mir die Freude.«

Die alte Frau wandte das Gesicht ab. »Müde«, seufzte sie.

»Ich weiß«, sagte Scarlett, »ich weiß. Dann schlaf nur. Ich werde dich nicht mehr quälen.« Sie blickte auf den fast vollen Napf nieder. Mammy aß mit jedem Tag weniger und weniger.

»Miss Ellen«, rief Mammy schwach.

»Hier bin ich, Mammy«, antwortete Scarlett. Es tat ihr jedes Mal weh, wenn Mammy sie nicht erkannte, wenn sie glaubte, die Hände, die sie so liebevoll pflegten, seien die von Scarletts Mutter. Es sollte mich nicht stören, sagte Scarlett sich jedes Mal. Schließlich ist es immer Mutter gewesen, die sich um die Kranken gekümmert hat, nicht ich. Mutter war gütig zu allen, war ein Engel, eine vollkommene Dame. Ich sollte mich glücklich schätzen, mit ihr verwechselt zu werden. Vermutlich komme ich in die Hölle, weil ich darauf eifersüchtig bin, dass Mammy sie lieber hat ... nur dass ich nicht mehr so recht an die Hölle glaube ... und auch nicht an den Himmel.

»Miss Ellen ...«

»Hier bin ich, Mammy.«

Die uralten Augen öffneten sich halb. »Du bist nicht Miss Ellen.«

»Scarlett bin ich, Mammy, deine Scarlett.«

»Miss Scarlett ... Ich will Mist’ Rhett. Will ihm sagen ...«

Scarlett biss sich auf die Lippen. Ich brauche ihn ja auch, rief sie innerlich. So sehr. Doch er ist weg, Mammy. Ich kann dir nicht geben, was du möchtest.

Sie erkannte, dass Mammy wieder in ihren komaähnlichen Zustand versunken war, und empfand heftige Dankbarkeit. Wenigstens war sie so von ihren Schmerzen befreit. Ihr eigenes Herz schmerzte, als steckten lauter Messer darin. Wie sehr sie Rhett brauchte, besonders jetzt, wo ihr Mammy immer schneller entglitt, dem Tod entgegen. Wäre er doch nur hier bei mir und spürte denselben Kummer wie ich. Denn auch Rhett hat Mammy geliebt und Mammy ihn. Im ganzen Leben habe er sich nicht so anstrengen müssen, um jemanden für sich einzunehmen, hatte Rhett gesagt, und nie habe er so viel Wert auf die Meinung eines Menschen gelegt wie auf Mammys. Er würde zutiefst betrübt sein, wenn er erfuhr, dass sie nicht mehr da war, es würde ihm so leidtun, dass er ihr nicht Lebewohl hatte sagen können ...

Scarletts Kopf hob sich, ihre Augen weiteten sich. Aber natürlich. Was war sie bloß für ein Dummkopf. Sie blickte auf die verhutzelte alte Frau, die klein und federleicht unter der Decke lag. »Oh, Mammy-Schatz, ich danke dir«, hauchte sie. »Ich bin zu dir gekommen, weil ich deine Hilfe brauche, damit du für mich alles wieder in Ordnung bringst, und genau das wirst du auch tun, genau wie du es immer getan hast.«

Sie traf Will im Stall dabei an, wie er gerade sein Pferd striegelte.

»Ach, ich bin froh, dich hier zu finden, Will«, sagte Scarlett. Ihre grünen Augen funkelten, ihre Wangen zeigten eine natürliche Röte statt des Rouges, das sie gewöhnlich auflegte. »Kann ich das Pferd und den Einspänner haben? Ich muss nach Jonesboro. Es sei denn ... du triffst gerade selbst Vorbereitungen, um nach Jonesboro zu fahren?« Sie hielt den Atem an, während sie auf seine Antwort wartete.

Will sah sie ruhig an. Er verstand Scarlett besser, als ihr bewusst war. »Kann ich dort irgendetwas für dich erledigen? Für den Fall, dass ich tatsächlich vorhabe, nach Jonesboro zu fahren, meine ich.«

»Ach, Will, du bist ein lieber, süßer Kerl. Ich würde so viel lieber bei Mammy bleiben, doch ich muss Rhett dringend Bescheid geben, wie es um sie steht. Sie fragt nach ihm, und er hat sie immer so gerngehabt, er würde es sich nie verzeihen, wenn er sie enttäuschen würde.« Sie nestelte an der Mähne des Pferdes herum. »Er ist wegen einer Familienangelegenheit in Charleston, seine Mutter traut sich ohne Rhetts Rat nicht einmal zu atmen.«

Scarlett blickte auf, sah Wills ausdrucksloses Gesicht und wandte den Blick ab. Sie begann, Zöpfe in die Pferdemähne zu flechten, und betrachtete ihr Werk, als sei es von lebenswichtiger Bedeutung. »Wenn du ihm also einfach nur ein Telegramm schicken würdest. Ich gebe dir gleich die Adresse. Und schick es lieber in deinem Namen, Will. Rhett weiß, wie sehr ich Mammy vergöttere. Er könnte annehmen, dass ich übertreibe, was die Schwere ihrer Krankheit betrifft.« Sie hob den Kopf und lächelte strahlend. »Er findet, ich hätte nicht mehr Verstand als ein Maikäfer.«

Will wusste, dass das die dickste Lüge überhaupt war. »Du hast wohl recht«, sagte er langsam. »Rhett sollte kommen, so rasch er kann. Ich reite gleich rüber, ein Pferderücken ist schneller als ein Fuhrwerk.«

Scarletts Hände entspannten sich. »Danke«, sagte sie, »ich habe die Anschrift in der Tasche.«

»Ich bin rechtzeitig zum Mittagessen zurück«, sagte Will. Er hob den Sattel von seinem Bock, und Scarlett war ihm behilflich. Sie fühlte sich voller Tatendrang und war überzeugt, dass Rhett kommen würde. Er konnte in zwei Tagen auf Tara sein, wenn er Charleston verließ, sobald er das Telegramm bekam.

Rhett kam jedoch nicht nach zwei Tagen. Und auch nicht nach drei oder vier oder fünf Tagen. Scarlett hörte auf, auf das Geräusch von Rädern oder Hufschlägen auf der Zufahrt zu horchen. Sie war ganz zermürbt von dem ständigen Gelausche. Und inzwischen gab es ein anderes Geräusch, das ihre Aufmerksamkeit beanspruchte, das grauenerregende Rasseln, mit dem Mammy nach Atem rang. Es schien unmöglich, dass der hinfällige Körper die Kraft aufbringen sollte, derer es bedurfte, um Luft zu holen und wieder auszuatmen. Doch sie schaffte es jedes Mal wieder, und bebend traten die Sehnen an ihrem runzligen Hals hervor.

Suellen teilte sich mit Scarlett in die Krankenwache. »Sie ist ja auch meine Mammy, Scarlett.« Die lebenslangen Eifersüchteleien und Quälereien zwischen ihnen waren vergessen angesichts ihres gemeinsamen Wunsches, der alten schwarzen Frau zu helfen. Überall aus dem Haus holten sie Kopfkissen, um sie aufzusetzen, und hielten den Inhalator ständig am Dampfen. Sie strichen ihr Butter auf die rissigen Lippen, flößten ihr löffelweise Flüssigkeit ein. Nichts jedoch konnte Mammys schweren Kampf erleichtern. Sie sahen sie mitleidig an. »Nicht überanstrengen«, keuchte sie. »Könnt nichts machen.«

Scarlett legte Mammy den Finger auf die Lippen. »Pssst«, bat sie, »bemüh dich nicht zu sprechen. Spar deine Kräfte auf.« Warum, ach warum, haderte sie insgeheim mit Gott, warum konntest Du sie nicht leicht sterben lassen, als sie in der Vergangenheit umherstreifte? Warum musstest Du sie aufwecken und lässt sie so sehr leiden! Ihr ganzes Leben lang war sie gut, hat immer nur an andere Menschen gedacht, nie an sich selbst. Sie hat wirklich Besseres verdient; niemals werde ich wieder das Haupt vor Dir senken. So lange ich lebe.

Laut jedoch las sie Mammy aus der abgegriffenen alten Bibel auf dem Nachttisch neben dem Bett vor. Sie las die Psalmen, und ihrer Stimme waren die Qual und der unfromme Zorn ihres Herzens nicht im Mindesten anzumerken. Wenn es Abend wurde, zündete Suellen die Lampe an und löste Scarlett ab, las, blätterte die dünnen Seiten um und las weiter. Dann kam Scarlett zurück, und schließlich war Suellen wieder da, bis Will sie wegschickte, damit sie sich ein bisschen ausruhen konnte. »Du auch, Scarlett«, sagte er. »Ich setze mich zu Mammy. Ich bin zwar kein großer Leser, aber ich kenne viele Bibelstellen auswendig.«

»Dann sag sie auf. Aber ich gehe nicht weg. Ich kann nicht.« Sie setzte sich auf den Boden und, den erschöpften Rücken an die Wand gelehnt, lauschte sie den entsetzlichen Lauten des Todes.

Als das erste dünne Tageslicht hinter den Fenstern sichtbar wurde, veränderten die Laute sich auf einmal, die einzelnen Atemzüge wurden geräuschvoller, die Stille zwischen ihnen dehnte sich aus. Scarlett stand mühsam auf. Will erhob sich von seinem Stuhl. »Ich hole Suellen«, sagte er.

Scarlett nahm seinen Platz neben dem Bett ein. »Möchtest du, dass ich dir die Hand halte, Mammy? Lass mich deine Hand halten.«

Mammys Stirn zog sich vor Anstrengung zusammen. »So ... müde.«

»Ich weiß, ich weiß. Streng dich durch Reden nicht noch mehr an.«

»Wollte ... warten auf ... Mist’ Rhett.«

Scarlett schluckte. Sie durfte jetzt nicht weinen. »Du musst nicht mehr warten, Mammy. Ruh dich aus. Er konnte nicht kommen.« Sie hörte eilige Schritte in der Küche. »Suellen kommt gleich. Und Mister Will. Wir werden alle hier bei dir sein, meine Beste. Wir lieben dich alle.«

Ein Schatten fiel über das Bett, und Mammy lächelte.

»Sie verlangt nach mir«, sagte Rhett. Scarlett schaute ungläubig zu ihm auf. »Mach Platz«, sagte er sanft. »Lass mich an Mammy heran.«

Scarlett stand und spürte seine Nähe, seine Größe, seine Stärke und seine Männlichkeit, und die Knie wurden ihr weich. Rhett drängte sich an ihr vorbei und kniete neben Mammy nieder.

Er war gekommen. Alles würde wieder gut werden. Scarlett kniete sich neben ihn, ihre Schulter berührte seinen Arm, und mitten in ihrem tiefen Schmerz um Mammy war sie glücklich. Er war gekommen, Rhett war da. Wie dumm war sie gewesen, dass sie die Hoffnung so einfach aufgegeben hatte.

»Ich möchte etwas von Ihnen«, sagte Mammy nun. Ihre Stimme klang kräftig, so, als habe sie sich ihre ganze Kraft für diesen Augenblick aufgehoben. Ihr Atem ging flach und rasch, fast hechelnd.

»Alles, was du willst, Mammy«, sagte Rhett, »ich tue alles, was du willst.«

»Begrabt mich in meinem feinen roten Seidenunterrock, den Sie mir schenken. Sie dafür sorgen. Ich weiß, Lutie hat Auge drauf geworfen.«

Rhett lachte. Scarlett war schockiert. Gelächter am Totenbett. Dann stellte sie fest, dass Mammy ebenfalls lachte, lautlos.

Rhett legte die Hand aufs Herz. »Ich schwöre dir, dass Lutie ihn nicht einmal zu sehen bekommt, Mammy. Ich sorge dafür, dass er mit dir in den Himmel kommt.«

Mammys Hand langte nach ihm und bedeutete ihm, dass er sein Ohr näher an ihre Lippen halten solle. »Sie sich um Miss Scarlett kümmern«, sagte sie. »Sie jemand brauchen, der für sie sorgt. Ich kann nichts mehr tun.«

Scarlett hielt den Atem an.

»Ja, Mammy.«

»Sie schwören es.« Das Kommando war schwach, aber entschlossen.

»Ich schwöre es«, sagte Rhett. Mammy seufzte zufrieden.

Scarlett atmete mit einem Schluchzer aus. »Oh, Mammy-Schatz, danke«, weinte sie, »Mammy ...«

»Sie kann dich nicht hören, Scarlett, sie ist nicht mehr.« Rhetts große Hand strich sanft über Mammys Gesicht und schloss ihr die Augen. »Damit ist eine ganze Welt dahin, eine Epoche zu Ende«, sagte er leise. »Möge sie in Frieden ruhen.«

»Amen«, sagte Will an der Tür.

Rhett richtete sich auf und wandte sich um. »Hallo, Will, hallo, Suellen.«

»Ihr letzter Gedanke galt dir«, rief Suellen, »du bist immer ihr Liebling gewesen.« Sie begann laut zu weinen. Will nahm sie in die Arme, tätschelte ihr den Rücken und ließ seine Frau an seiner Brust vor sich hin jammern.

Scarlett stürzte auf Rhett zu und streckte die Arme nach ihm aus. »Du hast mir so gefehlt«, sagte sie.

Rhett umspannte ihre Handgelenke und drückte ihre Arme nach unten. »Lass das, Scarlett«, sagte er. »Es hat sich nichts geändert.« Seine Stimme war ruhig.

Scarlett war außerstande, sich zurückzuhalten. »Was willst du damit sagen?«, rief sie laut.

Rhett zuckte zusammen. »Zwing mich nicht, es noch einmal zu sagen, Scarlett. Du weißt ganz genau, was ich meine.«

»Ich weiß es nicht. Ich glaube dir nicht. Du kannst mich doch nicht verlassen, nicht wirklich. Nicht, wo ich dich so liebe und so schrecklich brauche. Oh, Rhett, sieh mich nicht so an. Warum nimmst du mich nicht in den Arm und tröstest mich? Du hast es Mammy versprochen.«

Rhett schüttelte den Kopf, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. »Du bist ein solches Kind, Scarlett. Nun kennst du mich all die Jahre und bist, weil du es willst, doch imstande zu vergessen, was du gelernt hast. Es war eine Lüge. Ich habe gelogen, um einer lieben, alten Frau die letzten Augenblicke zu versüßen. Erinnere dich, Kindchen, ich bin ein Schuft und kein Gentleman.«

Er ging zur Tür.

»Geh nicht weg, Rhett, bitte«, schluchzte Scarlett. Dann legte sie sich die Hand auf den Mund, um sich zum Schweigen zu bringen. Nie wieder würde sie Achtung für sich empfinden können, würde sie ihn noch einmal bitten. Ruckartig wandte sie den Kopf ab, außerstande, ihn weggehen zu sehen. Sie bemerkte die freudige Genugtuung in Suellens Blick und das Mitleid in Wills.

»Er kommt schon wieder«, sagte sie und hob stolz den Kopf. »Er kommt immer wieder.« Wenn ich es nur oft genug sage, dachte sie, vielleicht glaube ich es dann sogar. Vielleicht wird es dann sogar wahr.

»Immer«, sagte sie. Sie holte tief Luft. »Wo ist Mammys Unterrock, Suellen? Ich werde dafür sorgen, dass ihr Wunsch erfüllt wird.«

Scarlett wahrte die Fassung, bis die grässliche Aufgabe, Mammys Leichnam zu waschen und einzukleiden, getan war. Als Will jedoch mit dem Sarg kam, begann sie zu zittern. Ohne ein Wort floh sie.

Sie goss sich ein halbes Glas Whiskey aus der Karaffe im Esszimmer ein und trank ihn in drei brennenden Schlucken. Die Wärme durchzog ihren erschöpften Körper, und das Zittern hörte auf.

Ich brauche Luft, dachte sie, ich muss aus diesem Haus, weg von allen. Sie konnte die verängstigten Stimmen der Kinder in der Küche hören. Ihre Haut fühlte sich wund an vor Anspannung. Sie raffte die Röcke und lief los.

Die Morgenluft draußen war frisch und kühl. Scarlett atmete tief und schmeckte die Frische auf der Zunge. Eine leichte Brise fuhr ihr durch das Haar, das an ihrem feuchten Nacken klebte. Wann hatte sie wohl zum letzten Mal ihre hundert Bürstenstriche gemacht? Sie konnte sich nicht erinnern. Mammy würde böse werden. Ach ... sie presste die Fingerknöchel der rechten Hand gegen den Mund, als der Kummer sie im Hals zu würgen begann, und stolperte durch das hohe Gras der Weide hügelabwärts auf die hohen Bäume zu, die den Fluss säumten. Die Fichten mit den hoch aufragenden Wipfeln verströmten einen beißend süßen Duft, sie überschatteten einen dicken, weichen Teppich ausgeblichener Tannennadeln, die über Hunderte von Jahren von den Bäumen gefallen waren. In ihrem Schutz war Scarlett allein, vom Haus aus nicht zu sehen. Erschöpft sank sie auf den gepolsterten Waldboden nieder, setzte sich dann jedoch auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baum. Sie musste nachdenken. Es musste doch eine Möglichkeit geben, ihr Leben aus den Ruinen zu bergen; sie weigerte sich, etwas anderes zu glauben.

Doch konnte sie nicht verhindern, dass ihre Gedanken wild umhersprangen. Sie war so verwirrt, so müde.

Aber sie war auch früher schon so müde gewesen. Müder als jetzt. Als sie sich von Atlanta nach Tara hatte durchschlagen müssen, von Yankees umgeben, hatte sie sich durch ihre Müdigkeit nicht aufhalten lassen. Als sie dann überall in der Gegend auf Nahrungssuche gewesen war, hatte sich auch nicht bloß deshalb aufgegeben, weil sie das bleierne Gewicht ihrer Arme und Beine nicht mehr ertragen konnte. Als sie Baumwolle gepflückt hatte, bis sie wunde Finger hatte, als sie sich selbst vor den Pflug geschirrt hatte wie ein Maultier, als sie ihre ganze Kraft hatte aufbieten müssen, um trotz allem weitermachen zu können – nie hatte sie aufgegeben, nur weil sie müde war. Und sie würde auch jetzt nicht aufgeben. Sie war kein Mensch, der aufgab.

Sie starrte vor sich hin und stemmte sich gegen alle Vorstellungen, die sie peinigten: Melanies Tod ... Mammys Tod ... Rhett, der sie verlassen und gesagt hatte, auch ihre Ehe sei tot.

Das war das Schlimmste. Dass Rhett weggegangen war. Dem musste sie sich unmittelbar stellen. Sie hörte seine Stimme. »Es hat sich nichts geändert.«

Es konnte nicht wahr sein! Doch es war so.

Sie musste einen Weg finden, um ihn zurückzubekommen. Noch immer hatte sie jeden Mann haben können, den sie wollte, und Rhett war schließlich ein Mann wie jeder andere, oder etwa nicht?

Nein, er war nicht wie jeder andere, und eben deshalb wollte sie ihn. Sie erschauderte, plötzlich angsterfüllt. Und wenn sie nun diesmal nicht siegreich blieb? Immer hatte sie die Oberhand behalten, auf die eine oder andere Weise. Irgendwie hatte sie immer bekommen, was sie wollte. Bis jetzt.

Über ihrem Kopf schrie heiser ein Eichelhäher. Scarlett blickte empor, hörte einen zweiten höhnischen Schrei. »Lass mich in Ruhe«, rief sie. Der Vogel flog davon, ein einziges grellblaues Geschwirr.

Sie musste nachdenken, sich erinnern, was Rhett gesagt hatte. Nicht heute morgen oder gestern Abend, oder wann immer Mammy nun gestorben war. Was hatte er gesagt, zu Hause, an dem Abend, als er Atlanta verlassen hatte? Er hatte endlos geredet und alles erklärt. Er war so ruhig, so entsetzlich geduldig gewesen, wie man es nur Menschen gegenüber sein kann, die einem nicht wichtig genug sind, um einen aufzuregen.

Ein halb vergessener Satz schoss ihr durch den Sinn, und sie vergaß ihre Erschöpfung. Sie hatte gefunden, was sie brauchte. Ja, ja, sie erinnerte sich deutlich daran. Rhett hatte ihr die Scheidung angeboten. Und dann, nachdem sie sein Angebot wütend abgelehnt hatte, hatte er es gesagt. Scarlett schloss die Augen und hörte seine Stimme: »Gut, dann komme ich so oft zurück, dass es kein Gerede gibt.« Sie lächelte. Noch hatte sie zwar nicht gewonnen, aber es gab eine Chance, und das reichte fürs Erste aus. Sie stand auf und las sich die Tannennadeln vom Kleid und aus dem Haar. Sie musste ja völlig ramponiert aussehen.

Das tiefe, schlammig gelbe Wasser des Flint River floss träge unter der felsigen Uferböschung dahin, auf der die Fichten standen. Scarlett blickte hinunter und warf eine Handvoll Tannennadeln hinein. In einem Wirbel zogen sie mit der Strömung davon. »Immer weiter«, murmelte sie. »Genau wie ich. Blickt nicht zurück. Was geschehen ist, ist geschehen. Immer weiter.« Sie blinzelte in den klaren Himmel hinauf. Ein Band strahlend weißer Wolken eilte darüber hinweg. Sie schienen vom Wind gebläht. Es wird schon kälter, dachte sie mechanisch. Für die Beerdigung heute Nachmittag ziehe ich besser etwas Warmes an. Sie wandte sich nach Hause. Der grasbewachsene Hang sah steiler aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Aber das machte nichts. Sie musste zusehen, dass sie nach Hause kam und sich zurechtmachte. Sie war es Mammy schuldig, dass sie adrett aussah. Mammy hatte sich immer aufgeregt, wenn sie unordentlich ausgesehen hatte.

3. KAPITEL

Scarlett hielt sich kaum noch auf den Beinen. Sicher war sie irgendwann in ihrem Leben schon einmal so müde gewesen, doch konnte sie sich nicht daran erinnern. Dazu war sie zu müde.

Ich bin die ständigen Beerdigungen leid, ich bin den Tod leid, ich bin es leid, mit ansehen zu müssen, wie mein Leben kaputtgeht, Stück um Stück, und ich ganz allein zurückbleibe.

Der Friedhof von Tara war klein. Mammys Grab wirkte groß, unendlich viel größer als das von Melly, dachte Scarlett zusammenhanglos, aber Mammy war so sehr eingeschrumpft, dass sie wahrscheinlich auch nicht mehr größer war. Sie brauchte kein so großes Grab.

Der Wind hatte etwas Schneidendes, obwohl der Himmel so blau und die Sonne so strahlend waren. Gelb gewordene Blätter tanzten vor ihm über den Friedhof. Der Herbst kommt, wenn er nicht schon da ist, dachte sie. Ich habe den Herbst auf dem Land immer gemocht. Wenn man durch die Wälder reitet, sieht der Boden aus wie goldgesprenkelt, und die Luft schmeckt wie Apfelmost. Wie lange das her ist. Seit Pas Tod hat es auf Tara kein anständiges Reitpferd mehr gegeben.

Sie betrachtete die Grabsteine. Gerald O’Hara, geboren in der Grafschaft Meath in Irland. Ellen Robillard O’Hara, geboren in Savannah, Georgia. Gerald O’Hara Junior ... drei völlig gleiche, winzige Grabsteine: die Brüder, die sie nie gekannt hatte. Zumindest wurde auch Mammy hier beerdigt, neben »Miss Ellen«, ihrer ersten Liebe, und nicht auf dem Sklavenfriedhof. Suellen hat zwar Zeter und Mordio geschrieen, doch den Kampf habe ich gewonnen, kaum dass Will meine Partei ergriff. Wenn Will erst einmal ein Machtwort gesprochen hat, dann bleibt es auch dabei. Ein Jammer nur, dass er dermaßen halsstarrig ist, wenn es darum geht, Geld von mir anzunehmen. Das Haus sieht schrecklich aus.

Und der Friedhof auch, wenn wir schon dabei sind. Unkraut, wohin das Auge blickt, einfach trostlos. Die ganze Beerdigung ist trostlos, Mammy hätte zu viel gekriegt. Dieser schwarze Prediger redet und redet, und dabei möchte ich wetten, er hat sie nicht einmal gekannt. Mammy hätte sich mit dieser Sorte gar nicht erst abgegeben, sie war Katholikin, jeder im Haus der Robillards war das, außer Großvater, und der hatte sowieso nichts zu sagen, nach dem, was Mammy erzählt hat. Wir hätten einen richtigen Priester holen sollen, aber der nächste ist in Atlanta, und das hätte Tage gedauert. Arme Mammy. Und arme Mutter. Auch sie starb und wurde ohne Priester begraben. Pa zwar ebenfalls, aber das hat ihn wahrscheinlich nicht groß gekümmert. Abends, wenn Mutter ihre Andacht hielt, hat er immer vor sich hin gedöst.

Scarlett blickte von dem struppigen Friedhof zur schäbigen Fassade des Hauses hinüber. Bin ich froh, dass Mutter nicht da ist und das mit ansehen muss, dachte sie in einer plötzlichen heftigen Aufwallung von Zorn und Schmerz. Es würde ihr das Herz brechen. Scarlett sah für einen Augenblick die hochgewachsene, anmutige Gestalt ihrer Mutter so deutlich vor sich, als stände sie unter den Trauergästen. Stets tadellos gepflegt, die weißen Hände mit Handarbeiten beschäftigt oder aber behandschuht, wenn sie ausging, um einer ihrer barmherzigen Pflichten nachzukommen, die nötig waren, um den tadellos funktionierenden Oraganismus in Gang zu halten, der Tara unter ihrer Führung gewesen war. Wie sie das alles bloß geschafft hat? Scarlett weinte innerlich. Wie hat sie es bloß geschafft, dass die Welt so herrlich war, so lange es sie gab? Wir waren damals so glücklich. Ganz gleich, was geschah, Mutter brachte es in Ordnung. Wie selig wäre ich, wenn es sie noch gäbe! Ganz fest würde sie mich in den Arm nehmen, und alle Sorgen würden verfliegen. Nein, nein, ich möchte sie gar nicht hierhaben. Es würde sie traurig machen, zu sehen, was aus Tara geworden ist, was aus mir geworden ist. Sie wäre enttäuscht von mir, und das könnte ich nicht ertragen. Alles, nur das nicht. Ich will nicht darüber nachdenken, ich darf es nicht. Ich werde an etwas anderes denken ... Ich bin gespannt, ob Delilah Verstand genug besessen hat, einen kleinen Imbiss vorzubereiten. Suellen käme das sicher nicht in den Sinn; sie ist sowieso zu geizig, um Geld für Erfrischungen auszugeben.

Nicht, dass sie das in große Unkosten stürzen würde – es ist ja kaum jemand da. Der schwarze Prediger sieht allerdings aus, als könne er für zwanzig essen. Wenn er jetzt nicht gleich aufhört mit seinem Gerede von Abrahams Schoß und dem Jordan, fange ich an zu schreien. Die drei dürren Frauen da, die er als Chor bezeichnet, sind die Einzigen, die sich nicht vor Verlegenheit winden. Ein schöner Chor! Tamburine und Spirituals! Mammy sollte etwas Feierliches auf Latein haben und nicht »Jacobs Leiter himmelan«. Herrje, wie schäbig das alles ist! Gut, dass kaum jemand da ist, nur Suellen und Will, die Kinder und die Diener. Wenigstens haben wir Mammy wirklich geliebt, und es geht uns nahe, dass sie nicht mehr da ist. Big Sam hat ganz rote Augen vom Weinen. Und sieh mal, der arme alte Pork weint sich auch fast die Augen aus. Na so was, sein Haar ist ja fast weiß, ich kann ihn mir einfach nicht als alten Mann vorstellen. Dilcey sieht man ihr Alter nicht an, wie alt sie auch sein mag, sie hat sich kein bisschen verändert, seit sie auf Tara ist ...

Scarletts erschöpfter, fahriger Blick wurde auf einmal wieder klar. Was machten Pork und Dilcey hier überhaupt? Sie arbeiten doch schon seit Jahren nicht mehr auf Tara. Nicht, seit Pork Rhetts Diener geworden und Dilcey, Porks Frau, als Beaus Mammy in Melanies Haus gegangen war. Wie kamen die beiden denn jetzt hier nach Tara? Sie konnten doch unmöglich von Mammys Tod erfahren haben. Es sei denn, Rhett hatte es ihnen gesagt.

Scarlett warf einen Blick über die Schulter. War Rhett zurückgekommen? Er war nirgendwo zu sehen. Sobald der Gottesdienst vorbei war, ging sie schnurstracks zu Pork. Sollten Will und Suellen sich um den langatmigen Prediger kümmern.

»Ein trauriger Tag ist das, Miss Scarlett«, Pork strömten immer noch die Tränen über die Wangen.

»Ja, Pork«, sagte sie. Sie durfte ihn nicht drängen, das wusste sie, sonst würde sie nie erfahren, was sie wissen wollte.

Langsam ging Scarlett neben dem alten schwarzen Diener her und lauschte seinen Erinnerungen an »Mist’ Gerald« und Mammy und die alten Zeiten auf Tara. Sie hatte ganz vergessen, dass Pork so lange bei ihrem Vater gewesen war. Er war mit Gerald nach Tara gekommen, als es dort noch nichts gegeben hatte als ein ausgebranntes Gebäude und Felder, die nichts als Gestrüpp waren. Dann musste Pork ja siebzig oder noch älter sein!

Stück für Stück holte sie die Informationen, die sie haben wollte, aus ihm heraus. Rhett war für immer nach Charleston zurückgekehrt. Pork hatte seine gesamte Kleidung eingepackt und zur Bahnstation geschickt, damit sie ihm nachgesandt werden konnte. Es war seine letzte Aufgabe als Rhetts Kammerdiener gewesen, sein Arbeitsleben war damit beendet, und er hatte ein Abschiedsgeld bekommen, das dafür ausreichte, ein eigenes Haus zu kaufen, wo es ihm gefiel. »Und ich kann auch noch für meine Familie sorgen«, sagte Pork stolz. Dilcey würde nie wieder arbeiten müssen, und Prissy hatte jedem Mann, der sie heiraten wollte, etwas mit in die Ehe zu bringen. »Prissy is’ keine Schönheit, Miss Scarlett, und wird nun fünfundzwanzig, aber mit ’ner Erbschaft im Rücken kann sie sich ’nen Ehemann einfangen wie ein junges, hübsches Ding, das kein Geld hat.«

Scarlett lächelte und stimmte Pork darin zu, dass »Mist’ Rhett« ein feiner Gentleman sei. Innerlich wütete sie jedoch. Die Großzügigkeit dieses feinen Gentleman war für sie ein schöner Schlamassel. Wer sollte sich den um Wade und Ella kümmern, wenn Prissy nicht mehr da war? Und, wie zum Teufel, sollte sie es wohl anstellen, ein tüchtiges Kindermädchen für Beau zu finden? Er hatte gerade seine Mutter verloren, und sein Vater war halb verrückt vor Kummer, und nun ging der einzige Mensch im Haus, der halbwegs bei Verstand war, auch noch weg. Am liebsten hätte auch sie sich davongemacht und einfach alles stehen und liegen lassen. Meine Güte! Da bin ich nun nach Tara gekommen, um mich etwas auszuruhen und mein Leben in Ordnung zu bringen, und finde immer nur noch mehr Probleme vor, um die ich mich kümmern muss. Kann ich denn nie ein bisschen Frieden finden?

Will war es, der Scarlett ebenso ruhig wie bestimmt die ersehnte Ruhepause verschaffte. Er schickte sie zu Bett und ordnete an, sie nicht zu stören. Sie schlief fast achtzehn Stunden lang und erwachte mit einer klaren Vorstellung, wo sie anfangen musste.

»Ich hoffe, du hast gut geschlafen«, sagte Suellen, als Scarlett zum Frühstück herunterkam. Ihre Stimme war überfreundlich: »Du musst ja schrecklich müde gewesen sein nach allem, was du durchgemacht hast.« Der Waffenstillstand war mit Mammys Tod zu Ende gegangen.

Scarletts Augen funkelten gefährlich. Sie wusste, Suellen dachte an die schändliche Szene, als sie Rhett angefleht hatte, sie nicht zu verlassen. Doch ihre Worte klangen ebenso süß: »Ich lag noch nicht ganz, da schlief ich auch schon. Die Landluft ist so beruhigend und erholsam.« Du hässliche Kröte, setzte sie innerlich noch hinzu. Das Schlafzimmer, das in ihren Augen noch ihres war, gehörte jetzt Susie, Suellens ältester Tochter, und Scarlett war sich darin vorgekommen wie eine Fremde. Suellen wusste das sehr wohl, davon war Scarlett überzeugt. Aber das war jetzt gleichgültig. Sie musste mit Suellen auskommen, sollte ihr Plan gelingen. Sie lächelte ihrer Schwester zu.

»Was ist denn so komisch, Scarlett? Hab ich einen Fleck auf der Nase oder so was?«

Suellens Stimme ließ Scarlett mit den Zähnen knirschen, aber sie ließ von ihrem Lächeln nicht ab. »Tut mir leid, Sue. Ich habe nur gerade an den albernen Traum gedacht, den ich heute Nacht hatte. Ich habe geträumt, wir seien alle wieder Kinder, und Mammy habe mir mit einer Gerte vom Pfirsichbaum ein paar über die Beine gezogen. Weißt du noch, wie weh die Gerten getan haben?«

Suellen lachte. »Aber sicher. Lutie nimmt sie jetzt für die Mädchen. Ich kann’s selbst fast noch spüren, wenn sie sie braucht.«

Scarlett beobachtete das Gesicht ihrer Schwester. »Es wundert mich nur, dass ich nicht bis zum heutigen Tag eine Million Narben habe«, sagte sie. »Ich war ein so scheußliches kleines Mädchen. Ich weiß gar nicht, wie ihr, du und Carreen, es mit mir ausgehalten habt.« Sie strich sich Butter auf einen Keks, als sei das ihr einziges Anliegen.

Suellen blickte argwöhnisch. »Du hast uns gepiesackt, Scarlett. Und irgendwie hast du es jedes Mal geschafft, dass bei den ganzen Streitereien am Ende immer wir als die Schuldigen dastanden.«

»Ich weiß. Ich war scheußlich. Selbst noch, als wir älter wurden. Beim Baumwollpflücken, als die Yankees alles gestohlen hatten, habe ich dich und Carreen angetrieben wie Maultiere.«

»Du hast uns fast umgebracht. Dabei waren wir noch halbtot vom Typhus, und du hast uns aus dem Bett in die heiße Sonne gezerrt ...« Suellen wurde immer lebhafter und heftiger, je länger sie sich ihren aufgestauten Groll von der Seele redete.

Scarlett nickte ermutigend und ließ dabei kleine Laute bedauernder Anteilnahme hören. Wie gern Suellen doch klagt, dachte sie. Das ist für sie die reine Labsal. Sie wartete, bis Suellen der Stoff auszugehen drohte, ehe sie erneut zu sprechen begann: »Ich komme mir so gemein vor, und ich weiß einfach überhaupt nicht, wie ich die schlimmen Zeiten wiedergutmachen kann, die ihr meinetwegen durchgemacht habt. Ich finde es ziemlich durchtrieben von Will, dass er überhaupt kein Geld von mir annimmt. Schließlich ist es doch für Tara.«

»Dasselbe habe ich ihm auch schon hundertmal gesagt«, sagte Suellen.

Das kann ich mir lebhaft vorstellen, dachte Scarlett. »Männer sind so dickschädelig«, sagte sie, und dann: »Ach, Suellen, mir kommt da eine Idee. Sag doch Ja, es wäre ein solcher Segen für mich. Und Will kann deshalb unmöglich Theater machen. Wie fändest du es, wenn ich Ella und Wade hierließe und dir Geld für ihren Unterhalt schickte? Sie sind so spirrelig vom Stadtleben, und die Landluft würde ihnen ungeheuer guttun.«

»Ich weiß nicht recht, Scarlett. Es wird hier schrecklich eng werden, wenn das Baby erst da ist.« Suellens Miene war gierig, aber noch wachsam.

»Ich weiß«, flötete Scarlett mitfühlend. »Und Wade Hampton futtert außerdem wie ein Ackergaul. Aber es täte ihnen so gut, den armen Stadtpflanzen. Vermutlich wären hundert Dollar im Monat gerade genug, um ihnen die Mäuler zu stopfen und ab und zu ein Paar Schuhe zu kaufen.«

Sie bezweifelte, dass Will es mit seiner harten Arbeit auf Tara im runden Jahr auf hundert Dollar Bargeld brachte. Suellen hatte es die Sprache verschlagen, wie Scarlett befriedigt feststellte. Sie war sich jedoch sicher, dass ihre Schwester sie rechtzeitig wiederfinden würde, um in den Handel einzuwilligen. Nach dem Frühstück schreibe ich einen hübschen, fetten Bankscheck aus, dachte sie. »Das sind die besten Kekse, die ich je gegessen habe«, sagte Scarlett. »Kann ich noch einen haben?«

Sie begann sich wesentlich besser zu fühlen. Sie hatte gut geschlafen, eine Mahlzeit im Leib und die Gewissheit, dass sich jemand um die Kinder kümmert. Sie wusste, sie sollte eigentlich nach Atlanta zurückkehren – sie musste wegen Beau noch etwas unternehmen und auch wegen Ashley, sie hatte es Melanie versprochen. Doch im Moment hatte das Zeit. Sie war nach Tara gekommen, weil sie den ländlichen Frieden und die Ruhe brauchte, und sie war entschlossen, sich davon noch etwas zu Gemüte zu führen, ehe sie abfuhr.

Nach dem Essen ging Suellen in die Küche hinaus. Wahrscheinlich, um sich wegen irgendetwas zu beklagen, dachte Scarlett unerbittlich. Wenn schon. Es gab ihr Gelegenheit, ungestört zu sein ...

Das Haus ist so still. Die Kinder frühstücken offenbar in der Küche, und Will ist natürlich längst aufs Feld hinausgegangen, Wade immer hinter ihm her, genauso wie ganz am Anfang, als Will noch neu auf Tara war. Wade wird hier viel glücklicher sein als in Atlanta, vor allem, wo Rhett nicht mehr da ist – aber genug davon, sonst werde ich noch verrückt. Ich will einfach nur den Frieden und die Stille genießen, deshalb bin ich schließlich hergekommen.

Sie goss sich eine weitere Tasse Kaffee ein, ohne darauf zu achten, dass er nur noch lauwarm war. Das Sonnenlicht, das durch das Fenster hinter ihr in den Raum fiel, beleuchtete das Gemälde über der zerschrammten Anrichte an der Wand gegenüber. Will hatte Großartiges geleistet, als er die Möbel repariert hatte, die von den Yankees zerschlagen worden waren, doch selbst er vermochte die tiefen Kerben nicht zu beseitigen, die sie ihnen mit ihren Säbeln zugefügt hatten. Und auch nicht den Bajonettstich in Großmutter Robillards Porträt.

Welcher Soldat sie auch immer durchbohrt hatte, er musste betrunken gewesen sein, stellte Scarlett sich vor, weil er sowohl das arrogante, höhnische, nur eben angedeutete Lächeln in Großmutters schmalnasigem Gesicht verfehlt hatte als auch die Brüste, die sich über ihrem tief ausgeschnittenen Kleid wölbten. Er hatte ihr lediglich den linken Ohrring weggestochen, und jetzt, wo sie nur noch einen trug, sah sie fast noch interessanter aus.

Ellens Mutter war die einzige Vorfahrin, die Scarlett wirklich interessierte, und es verdross sie, dass niemand ihr je genug über ihre Großmutter hatte erzählen wollen. Sie war dreimal verheiratet gewesen, so viel hatte sie von ihrer Mutter erfahren, jedoch keine weiteren Einzelheiten. Und Mammy hatte sämtliche Erzählungen über das Leben in Savannah stets dann abgebrochen, wenn sie interessant zu werden versprachen. Großmutters wegen waren Duelle ausgetragen worden, und auch die Mode jener Zeit war anstößig gewesen, denn die Damen hatten ihre dünnen Musselinkleider leicht angefeuchtet, damit sie ihnen an den Beinen klebten. Und überall sonst ebenfalls, wenn man nach dem Porträt gehen wollte ...

Ich sollte mich schämen, solche Dinge auch nur zu denken, sagte sich Scarlett. Doch sie drehte sich noch einmal nach dem Porträt um, als sie das Esszimmer verließ. Wie sie wohl wirklich gewesen war?

Der Salon war voller Spuren von Armut und Abnutzung durch eine Familie mit kleinen Kindern. Scarlett erkannte das samtbezogene Sofa kaum wieder, auf dem sie sich in Positur gesetzt hatte, wenn ihr einer ihrer Bewerber den Hof machte. Und außerdem war alles umgestellt worden. Zwar musste sie einräumen, dass Suellen das Recht hatte, das Haus nach ihrem Gutdünken einzurichten, aber es nagte dennoch an ihr. Es war nicht mehr das wirkliche Tara, so, wie es jetzt war.

Ihre Stimmung sank mehr und mehr, als sie von Zimmer zu Zimmer ging. Nichts war wie früher. Jedes Mal, wenn sie nach Hause kam, gab es neue Veränderungen und neue Schäbigkeit. Ach, warum musste Will bloß so störrisch sein! Sämtliche Sessel hätten neue Bezüge gebraucht, die Vorhänge waren praktisch Lumpen, und durch die Teppiche schaute der Fußboden hindurch. Sie konnte neue Sachen für Tara anschaffen, wenn Will es zuließ. Dann würde es ihr nicht mehr so eine Trauer bereiten, dass die Dinge, an die sie sich erinnerte, so erbärmlich heruntergekommen waren.

Es sollte mir gehören! Ich würde mich besser darum kümmern. Pa hat immer gesagt, er würde mir Tara hinterlassen. Doch er hat nie ein Testament gemacht. Typisch Pa, nie hat er an morgen gedacht. Scarletts Miene verfinsterte sich, aber sie konnte ihrem Vater nicht wirklich böse sein. Niemand hatte Gerald O’Hara lange böse sein können; er war wie ein liebenswürdiges, ungezogenes Kind gewesen, selbst noch in seinen Sechzigern.

Diejenige, der ich böse bin – immer noch –, ist Carreen. Kleine Schwester oder nicht, es war nicht recht, was sie getan hat, und ich werde es ihr niemals verzeihen. Niemals. Sie war halsstarrig wie ein Maultier, als sie sich einmal entschlossen hatte, ins Kloster zu gehen, und am Ende habe ich eingewilligt. Doch hat sie mir verschwiegen, dass sie ihren Drittelanteil an Tara als Mitgift vermachen würde.

Sie hätte es mir sagen müssen! Ich hätte das Geld schon irgendwie aufgetrieben. Dann gehörte mir Tara jetzt zu zwei Dritteln. Nicht ganz, wie es eigentlich hätte sein sollen, aber ich hätte doch eindeutig das Recht zu bestimmen. Stattdessen muss ich alles runterschlucken und kann nur zusehen, wie Tara verkommt, muss ertragen, dass Suellen mir Vorschriften macht. Das ist nicht gerecht. Ich bin diejenige, die Tara vor den Yankees und den Spekulanten aus dem Norden gerettet hat. Es gehört mir, ganz egal, was das Gesetz besagt, und irgendwann wird es Wade gehören, dafür werde ich sorgen, was immer ich dafür tun muss.

Scarlett lehnte den Kopf an den rissigen Lederbezug des alten Sofas in dem kleinen Zimmer, von dem aus Ellen O’Hara still und unauffällig die Plantage geleitet hatte. Nach all den Jahren schien immer noch eine Spur des Zitronendufts von Mutters Verbenenwasser im Raum zu hängen. Dies war der Friede, um dessentwillen sie hergekommen war. Und wenn auch vieles verändert und heruntergekommen war, Tara war letztlich doch immer noch Tara, war immer noch ihr Zuhause. Und das Herz der Plantage schlug hier, hier in Ellens Zimmer.

Eine zuknallende Tür störte die Stille.

Scarlett hörte Ella und Susie durch die Diele kommen und sich wegen irgend etwas streiten. Lärm und Streitereien konnte sie jetzt nicht ertragen. Sie eilte nach draußen. Sie wollte sich ohnehin die Felder ansehen. Sie waren alle in gutem Zustand, fruchtbar und rot, so, wie sie sie kannte.

Rasch lief sie über den Rasen mit seinem Unkraut und am Kuhstall vorbei. Sie würde ihre Abneigung gegen Kühe niemals überwinden, und wenn sie hundert Jahre alt würde. Diese gemeinen Viecher mit ihren spitzen Hörnern. Am Rand des ersten Feldes lehnte sie sich über den Zaun und atmete tief den satten Ammoniakgeruch von frisch gepflückter Erde und Mist ein. Komisch, dass Dung in der Stadt so stinkig und schmutzig war, auf dem Lande hingegen das Parfüm des Farmers.

Will ist ein guter Farmer. Er ist das Beste, das Tara je widerfahren ist. Was immer ich auch unternommen hätte, wir hätten es nie geschafft, wenn er auf seinem Weg zurück nach Florida nicht bei uns haltgemacht und sich zum Bleiben entschlossen hätte. Er hat sich in dieses Land verliebt, wie andere Männer sich in eine Frau verlieben. Und dabei ist er nicht einmal Ire! Bis ich Will kennengelernt habe, dachte ich immer, nur ein eingefleischter Ire wie Pa könne sich dermaßen in ein Stück Land vernarren.

Am anderen Ende des Feldes sah Scarlett Wade Will und Big Sam dabei helfen, ein umgefallenes Stück Zaun wiederaufzurichten. Gut für ihn, dass er das alles lernt, dachte sie. Es ist sein Erbe. Sie schaute dem Jungen und den Männern ein paar Minuten bei der Arbeit zu. Es wird Zeit, dass ich wieder ins Haus komme, dachte sie. Ich habe ganz vergessen, den Scheck für Suellen auszuschreiben.

Ihre Unterschrift auf dem Scheck war charakteristisch für Scarlett. Klar und schnörkellos, ohne Gekleckse oder zittrige Linien wie bei zögerlichen Schreibern. Geschäftsmäßig und zielstrebig. Scarlett betrachtete sie einen Augenblick, ehe sie mit dem Löscher darüberging, dann musterte sie sie erneut.

Scarlett O’Hara Butler.

Wenn sie persönliche Briefe oder Einladungen schrieb, folgte Scarlett der neuesten Mode, indem sie jedem Großbuchstaben vertrackte Schnörkel hinzufügte und mit einer ganzen Girlande von Kringeln hinter ihrem Namen schloss. Sie tat es auch jetzt, auf einem Fetzen braunem Packpapier. Dann blickte sie wieder auf den Scheck, den sie gerade unterschrieben hatte. Er war datiert – sie hatte Suellen fragen müssen, was für ein Tag war, und die Antwort hatte sie entsetzt – auf den 11. Oktober 1873. Mehr als drei Wochen waren seit Mellys Tod vergangen. Sie war jetzt zweiundzwanzig Tage auf Tara, seit sie begonnen hatte, sich um Mammy zu kümmern.

Das Datum hatte aber noch andere Bedeutungen. Es war jetzt mehr als sechs Monate her, dass Bonnie tot war. Scarlett konnte das trostlose Schwarz der Volltrauer ablegen, sie konnte Einladungen zu gesellschaftlichen Anlässen annehmen und Leute zu sich einladen. Sie konnte in die Welt zurückkehren.

Ich will nach Atlanta zurück, dachte sie. Ich möchte ein bisschen Heiterkeit. Es hat zu viel Kummer, zu viel Tod gegeben. Ich brauche Leben.

Sie faltete den Scheck für Suellen zusammen. Mir fehlt auch der Laden. Die Kontobücher sind wahrscheinlich in einem fürchterlichen Zustand.

Und Rhett wird nach Atlanta kommen, damit »es kein Gerede gibt«. Ich muss dort sein.

Das einzige Geräusch, das sie im Moment hören konnte, war das langsame Ticken der Standuhr in der Diele hinter der geschlossenen Tür. Die Ruhe, nach der sie sich so sehr gesehnt hatte, machte sie jetzt auf einmal verrückt. Mit einem Ruck stand sie auf.

Ich gebe Suellen den Scheck nach dem Mittagessen, sowie Will wieder aufs Feld hinausgegangen ist. Dann nehme ich den Einspänner und mache den Leuten von Fairhill und Mimosa einen raschen Besuch. Sie würden es mir nie verzeihen, wenn ich nicht vorbeikäme, um ihnen guten Tag zu sagen. Heute Abend packe ich meine Sachen, und morgen früh nehme ich den Zug.

Heim nach Atlanta. Tara ist nicht länger mein Zuhause, sosehr ich es auch liebe. Es ist Zeit, dass ich wieder abfahre.

Der Weg nach Fairhill war holprig und von Unkraut überwachsen. Scarlett erinnerte sich, wie er früher jede Woche gesäubert und dann mit Wasser besprengt worden war, damit es nicht so staubte. Früher einmal, dachte sie traurig, da gab es mindestens zehn Plantagen hier in der Nähe, die man bequem erreichen konnte, und überall herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Nun gibt es nur noch Tara, die Tarletons und die Fontaines. Von den übrigen Anwesen stehen nur noch verbrannte Schornsteine und eingefallene Wände. Ich muss einfach in die Stadt zurück. Hier auf dem Land macht mich alles nur traurig. Das langsame alte Pferd und die Federung des Einspänners waren beinahe so schlimm wie die verwahrloste Straße. Sie dachte an ihre gepolsterte Kutsche und die beiden Braunen und an Elias auf dem Kutschbock. Sie musste zurück nach Atlanta.

Die lärmende Fröhlichkeit in Fairhill riss sie aus ihrer düsteren Stimmung. Wie gewöhnlich hatte Beatrice Tarleton unendliche Geschichten über Pferde zu erzählen, alles andere interessierte sie nicht. Die Ställe, so fiel Scarlett auf, hatten ein neues Dach. Auch das Dach des Wohnhauses war frisch ausgebessert. Jim Tarleton sah mit seinem weißen Haar zwar recht alt aus, doch mitthilfe seines einarmigen Schwiegersohns, Betsys Mann, hatte er eine anständige Baumwollernte eingefahren. Aus den drei anderen Mädchen waren alte Jungfern geworden. »Natürlich sind wir deswegen Tag und Nacht kreuzunglücklich«, sagte Miranda, und alle lachten. Scarlett verstand sie nicht. Die Tarletons konnten eben über alles lachen. Vielleicht hing das irgendwie mit den roten Haaren zusammen.

Der Stich des Neides, den sie verspürte, war ihr nicht neu. Sie hätte schon immer gern zu einer Familie gehört, die so herzlich und zu Neckereien aufgelegt war wie die Tarletons, doch sie unterdrückte diese Regung. Es war treulos ihrer Mutter gegenüber. Sie blieb sehr lange – es war einfach zu lustig bei den Tarletons –, sie würde die Fontaines morgen besuchen müssen. Die Nacht brach bereits an, als sie nach Tara zurückkehrte. Sie konnte Suellens Jüngste wegen irgend etwas plärren hören, noch ehe sie die Tür aufgemacht hatte. Höchste Zeit, dass sie nach Atlanta zurückkehrte.

Doch dann gab es eine Neuigkeit, die sie sofort anderen Sinnes werden ließ. Suellen schnappte gerade das greinende Kind und beruhigte es, als Scarlett in die Tür trat. Trotz ihres zerzausten Haars und des geschwollenen Leibs sah Suellen hübscher aus, als sie als Mädchen je gewesen war.

»O Scarlett«, rief sie. »Es gibt ja so eine Aufregung, das errätst du nie ... Pssst, Schatz, du kriegst ein schönes Knöchelchen mit deinem Abendbrot, und dann kaust du auf dem bösen ollen Zahn so lange herum, bis er rausguckt und dir nicht mehr wehtun kann.«

Wenn ein neuer Zahn eine aufregende Nachricht ist, dann vergeht mir die Lust zum Raten, hätte Scarlett fast gesagt. Doch Suellen kam ihr zuvor. »Tony ist wieder zu Hause!«, rief sie. »Sally Fontaine ist rübergeritten gekommen, um es uns zu sagen, du hast sie nur knapp verpasst. Tony ist wieder da! Kerngesund. Wir fahren morgen Abend zum Essen hin, sowie Will mit den Kühen fertig ist. Ach, ist das nicht herrlich, Scarlett?« Suellens Lächeln war strahlend. »Die Gegend füllt sich langsam wieder.«

Scarlett hätte ihre Schwester beinahe umarmt, eine Regung, die sie im ganzen Leben noch nicht verspürt hatte. Suellen hatte recht. Es war herrlich, dass Tony wieder bei ihnen war. Scarlett hatte befürchtet, dass ihn niemand je wiedersehen würde. Jetzt konnte sie die schreckliche Erinnerung an ihre letzte Begegnung für immer aus ihrem Gedächtnis streichen. Er war so erschöpft und verängstigt gewesen, durchnässt bis auf die Haut und hatte am ganzen Leib gezittert. Wem wäre da nicht kalt gewesen, und wem hätte da nicht die Angst im Nacken gesessen? Die Yankees waren ihm auf den Fersen, und er war um sein Leben gerannt, weil er einen Schwarzen getötet hatte, der Sally belästigt hatte, und dann auch noch den weißen Lump, der den schwarzen Dummkopf dazu angestiftet hatte, sich an eine weiße Frau heranzumachen.

Tony wieder zu Hause! Sie konnte es kaum abwarten bis zum nächsten Nachmittag. Die Gegend begann wirklich wieder zum Leben zu erwachen.

4. KAPITEL

Die fontainesche Plantage hieß Mimosa wegen des Mimosenhains, der das stuckverzierte Haus mit seinem verwaschenen gelben Anstrich umgab. Die flaumigen rosa Blüten waren zu Ende des Sommers zwar abgefallen, aber die farnwedelähnlichen Blätter an den Zweigen waren immer noch saftig grün. Wie Tänzer wiegten sie sich im leichten Wind und warfen bewegte Schattenmuster an die gesprenkelten Wände des butterfarbenen Hauses. Es wirkte warm und gastfreundlich im tiefen, schräg stehenden Sonnenlicht.

Ach, ich hoffe, Tony hat sich nicht allzusehr verändert, dachte Scarlett nervös. Sieben Jahre sind eine so lange Zeit. Ihr Fuß zauderte, als Will sie vom Einspänner herabhob. Wenn Tony nun alt und erschöpft und ... nun ja, vom Leben besiegt aussah wie Ashley! Das würde über ihre Kräfte gehen. Sie folgte Will und Suellen auf dem Weg zur Haustür nur zögernd.

Dann flog die Tür krachend auf, und ihre Besorgnis schwand im Nu. »Wer kommt denn da herangehumpelt, als ginge es in die Kirche? Wisst ihr denn nicht, wie man einen heimkehrenden Helden begrüßt?« Aus Tonys Stimme tönte die Lust zu lachen, ganz genau, wie es früher immer gewesen war, sein Haar und seine Augen waren so schwarz wie eh und je, sein breites Grinsen war genauso freudig und boshaft zugleich.

»Tony!«, rief Scarlett. »Du bist ja noch ganz der Alte!«

»Bist du es, Scarlett? Komm her und gib mir einen Kuss. Du auch, Suellen. Du warst in den guten alten Tagen zwar nicht ganz so großzügig mit den Küssen wie Scarlett, aber Will wird dir, seit ihr verheiratet seid, ja wohl so einiges beigebracht haben. Ich habe jedenfalls die Absicht, jetzt, wo ich wieder daheim bin, jedes weibliche Wesen im Staate Georgia zu küssen, von sechs Jahren an aufwärts.«

Suellen kicherte nervös und sah Will an. Ein leichtes Lächeln in seinem friedlichen Gesicht erteilte ihr die Erlaubnis, aber Tony hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, darauf zu warten ... Er fasste sie bereits um die dick gewordene Taille und drückte ihr einen schmatzenden Kuss auf die Lippen. Sie war rosig vor Verlegenheit und Freude, als er sie wieder losließ. Die blendend aussehenden Fontaine-Brüder hatten Suellen in den Vorkriegsjahren der Schönen und Schönsten wenig Beachtung geschenkt. Will legte ihr einen warmen, beruhigenden Arm um die Schultern.

»Scarlett, Schatz«, rief Tony und breitete die Arme aus. Scarlett trat auf ihn zu und schlang ihm die Arme fest um den Hals.

»Du bist ja ein ganzes Stück gewachsen in Texas«, rief sie. Tony lachte, als er ihre dargebotenen Lippen küsste. Dann hob er sein Hosenbein, um ihnen die Stiefel mit den hohen Absätzen zu zeigen, die er trug. In Texas würden alle ein Stück größer, sagte er, es würde ihn nicht wundern, wenn das da Gesetz wäre.

Alex Fontaine lächelte über Tonys Schulter hinweg. »Ihr werdet mehr über Texas zu hören bekommen, als man von Rechts wegen wissen sollte«, sagte er gedehnt. »Das heißt, falls Tony euch ins Haus lässt. Solche Dinge hat er nämlich vergessen. In Texas leben alle an Lagerfeuern unter dem Sternenzelt statt zwischen Wänden und unter einem Dach.« Alex glühte vor Freude. Er sieht aus, als würde er Tony selbst gern umarmen und küssen, dachte Scarlett, und warum auch nicht? Schließlich waren die beiden ein Herz und eine Seele, als sie noch Jungen waren. Alex muss ihn schrecklich vermisst haben. Plötzlich brannten Tränen in seinen Augen. Tonys mit überschäumender Freude aufgenommene Heimkehr war das erste erfreuliche Ereignis im ganzen County, seit Shermans Truppen Land und Leben seiner Menschen verwüstet hatten. Sie wusste gar nicht, wie sie mit so viel Glückseligkeit fertigwerden sollte.

Alex’ Frau Sally nahm sie bei der Hand, als sie den schäbigen Salon betraten. »Ich weiß genau, wie dir zumute ist, Scarlett«, flüsterte sie. »Wir hatten fast verlernt, wie man sich freut, und bereits heute ist in diesem Haus mehr gelacht worden als in den ganzen letzten zehn Jahren zusammen. Wir wollen feiern, dass die Wände wackeln.« Auch Sally standen die Tränen in den Augen.

Und dann wackelten die Wände. Die Tarletons kamen. »Gott sei Dank, dass an dir noch alles dran ist, mein Junge«, begrüßte Beatrice Tarleton Tony. »Du darfst dir eins von meinen drei Mädchen aussuchen. Ich hab erst ein einziges Enkelkind, und ich werde auch nicht jünger.«

»Ach, Ma!«, stöhnten Hetty, Camilla und Miranda Tarleton im Chor. Dann lachten sie. Die Manie ihrer Mutter, für die Aufzucht von Pferden und Menschen zu sorgen, war im County nur allzu bekannt, als dass sie noch irgendwelche Verlegenheit nötig gehabt hätten. Tony wurde hingegen knallrot.

Scarlett und Sally johlten.

Ehe das Licht verebbte, wollte Beatrice Tarleton unbedingt die Pferde sehen, die Tony aus Texas mitgebracht hatte, und schon tobte der Streit über die Vorzüge von Vollblütern aus dem Osten gegenüber Mustangs aus dem Westen. Endlich baten alle um einen Waffenstillstand. »Und etwas zu trinken«, sagte Alex. »Ich habe zur Feier des Tages sogar richtigen Whiskey aufgetrieben statt des gepanschten Zeugs.«

Scarlett hätte, nicht zum ersten Mal, etwas darum gegeben, als Dame nicht automatisch davon ausgeschlossen zu sein, einen Schluck zu trinken. Sie hätte jetzt gern einen Schluck genommen. Ja, mehr noch, sie hätte lieber mit den Männern gesprochen, als in die andere Zimmerhälfte verbannt zu sein, wo die Frauen sich über Babys und Haushalt unterhielten. Sie hatte die traditionelle Geschlechtertrennung nie verstanden oder gar akzeptiert. Doch so wurde es nun einmal gehandhabt, seit eh und je, und sie fand sich damit ab. Immerhin konnte sie sich damit amüsieren, dass sie die Tarleton-Mädchen beobachtete, die angeblich durchaus nicht dieselben Vorlieben hatten wie ihre Mutter. Wenn Tony doch bloß zu ihnen hinüberblicken würde, statt so völlig in dem aufzugehen, was die Männer gerade besprachen!

»Klein-Joe muss sich doch halb tot darüber gefreut haben, dass sein Onkel wieder zu Hause ist«, sagte Betsy Tarleton gerade zu Sally. Betsy konnte es sich leisten, keine Notiz von den Männern zu nehmen. Ihr dicker, einarmiger Gatte war einer von ihnen.

Sally antwortete darauf mit Einzelheiten über ihren Kleinen, die Scarlett zu Tode langweilten. Sie fragte sich, wann es wohl das Abendessen gebe. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern, denn schließlich waren die Männer Farmer und würden morgen früh bei Tagesanbruch wieder aufstehen müssen. Das bedeutete, dass die Feier frühzeitig beendet sein würde.

Sie hatte recht, was das frühe Abendessen anging – nur noch ein Glas, verkündeten die Männer –, nicht aber, was das frühe Ende des Beisammenseins betraf. Das Vergnügen war zu groß, um es so bald schon enden zu lassen. Tony fesselte sie mit seinen Abenteuern. »Es dauerte kaum eine Woche, da hab ich mich den Texas Rangern angeschlossen«, sagte er und brüllte vor Lachen. »Der Staat stand zwar unter der militärischen Oberhoheit der Yankees, wie alles andere im Süden auch, aber, verflucht noch mal – ich bitte die Damen um Verzeihung –, die Blauröcke da hatten nicht die geringste Ahnung, was sie mit den Indianern anstellen sollten. Die Ranger hatten sie unentwegt bekämpft, und die Ranchbesitzer konnten nur hoffen, dass sie sie auch weiterhin beschützen würden. Was sie auch taten. Ich wusste auf Anhieb, dass ich meine Sorte Leute gefunden hatte, und schloss mich ihnen an. Es war großartig! Keine Uniformen, kein Marschieren mit leerem Magen, wohin es irgendeinem Tölpel von General gerade passt, kein Drill, kein ›Sir‹! Man springt auf sein Pferd, macht sich mit einer Schar Kameraden auf den Weg und sieht zu, wo’s was zu kämpfen gibt.«

Tonys schwarze Augen blitzten vor Begeisterung. Alex’ standen ihnen darin nicht nach. Die Fontaines hatten schon immer Sinn für einen zünftigen Kampf gehabt. Und Disziplin verabscheut.

»Wie sind denn die Indianer?«, fragte eines von den Tarleton-Mädchen. »Martern sie ihre Feinde tatsächlich?«

»Davon reden wir besser nicht«, sagte Tony, und seine lachenden Augen blickten auf einmal düster drein. Dann lächelte er wieder. »Sie sind schlau wie die Füchse, wenn’s ums Kämpfen geht. Die Ranger haben beizeiten die Erfahrung gemacht, dass sie die roten Teufel nur dann besiegen können, wenn sie lernen, alles genauso zu machen wie sie. Tja, die Ranger können einen Menschen oder ein Tier über nackten Fels oder selbst übers Wasser hinweg aufspüren, besser als jeder Jagdhund. Und sich von Kieselsteinen ernähren, ohne mit der Wimper zu zucken. Nichts kann einen Texas Ranger unterkriegen, niemand entkommt ihm.«

»Zeig ihnen doch mal deine sechsschüssigen Revolver, Tony«, drängte Alex.

»Ach was, nicht jetzt. Morgen vielleicht oder übermorgen. Sally wird es nicht gern sehen, wenn ich ihr Löcher in die Wände schieße.«

»Ich habe nicht gesagt, dass du sie erschießen sollst, ich habe gesagt, du sollst ihnen deine Revolver zeigen.« Alex grinste seinen Freunden zu. »Sie haben Griffe aus geschnitztem Elfenbein«, prahlte er, »und wartet nur ab, bis mein kleiner Bruder rübergeritten kommt, um euch zu besuchen, auf seinem alten Westernsattel. An dem ist so viel Silber dran, dass man von dem Gefunkel halb blind wird.«

Scarlett lächelte. Das hätte sie sich eigentlich denken können. Tony und Alex waren schon immer die größten Dandys in ganz North Georgia gewesen. Tony hatte sich offensichtlich nicht im Mindesten verändert. Hohe Absätze an reich verzierten Stiefeln und Silber am Sattel. Sie wäre jede Wette eingegangen, dass seine Taschen bei der Heimkehr ebenso leer gewesen waren wie damals, als er vor dem Henker geflüchtet war. Es war der helle Wahnsinn, sich einen Silbersattel zu leisten, wenn das Haus auf Mimosa dringend ein neues Dach brauchte. Doch bei Tony war das in Ordnung. Es bedeutete, dass er noch der Alte war. Und Alex war so stolz auf ihn, als wäre er mit einer Wagenladung Gold heimgekehrt. Wie sie sie liebte, alle beide! Mochte ihnen auch nichts geblieben sein als eine Farm, deren Boden sie selbst beackern mussten, die Yankees hatten die Fontaines nicht unterkriegen, hatten ihnen nicht einmal eine Schramme zufügen können.

»Herrje, was wären die Jungs nicht gern so herumstolziert, baumlang, und hätten mit dem Hintern Silber poliert«, sagte Beatrice Tarleton. »Ich sehe die Zwillinge vor mir, wie sie sich gar nicht wieder hätten beruhigen können.«

Scarlett verschlug es den Atem. Warum musste Beatrice bloß auf diese Weise alles verderben? Warum einen so glücklichen Augenblick ruinieren, indem sie die anderen daran erinnerte, dass fast alle alten Freunde tot waren?

Aber gar nichts war ruiniert. »Die wären ihre Sattel doch nach ’ner Woche schon losgeworden, Miss Beatrice, das wissen Sie genau«, sagte Alex. »Entweder hätten sie sie beim Pokern verloren oder verhökert, um Champagner zu kaufen, weil es auf irgendeinem Fest nichts mehr zu trinken gab. Wissen Sie noch, wie Brent die Möbel aus seinem Zimmer an der Universität verkauft und allen, die noch nie geraucht hatten, eine Zigarette spendiert hat, ’n Dollar das Stück?«

»Und wie Stuart beim Kartenspielen seinen Anzug verloren hat und sich nur mit einer Wolldecke bekleidet aus der Gesellschaft schleichen musste?«, setzte Tony hinzu.

»Das Beste war, als sie Bodys Gesetzbücher gepfändet haben, gerade als er seine erste Verhandlung beim Bezirksgericht führen sollte«, sagte Jim Tarleton. »Ich dachte, Sie würden ihm bei lebendigem Leibe das Fell über die Ohren ziehen, Beatrice.«

»Das Fell ist ihnen immer wieder nachgewachsen«, sagte Beatrice lächelnd. »Ich hab versucht, ihnen die Beine zu brechen, als sie das Kühlhaus in Brand steckten, aber sie liefen so schnell, dass ich sie nicht zu fassen bekommen habe.«

»Das war, als sie nach Loveboy rübergekommen waren und sich in unserer Scheune versteckt haben«, sagte Sally. »Die Kühe gaben eine ganze Woche lang keine Milch mehr, nachdem die Zwillinge versucht hatten, sich selbst einen Eimervoll zum Trinken zu zapfen.«

Jeder wusste eine Geschichte über die Tarleton-Zwillinge, und diese Geschichten führten wieder zu anderen über deren Freunde und ältere Brüder – Lafe Munroe, Cade und Raiford Calvert, Tom und Boyd Tarleton, Joe Fontaine; all die Jungen, die nie wieder heimgekehrt waren. Die Geschichten waren der gemeinschaftlich gehütete Schatz teurer Erinnerungen, und während sie erzählt wurden, bevölkerten sich die schattenerfüllten Zimmerdecken mit der lächelnden Jugend derer, die zwar tot, aber nun endlich nicht länger einsam und verlassen waren, da man sich ihrer mit liebevollem Lachen statt mit untröstlicher Bitterkeit zu erinnern vermochte.

Und auch die ältere Generation wurde nicht vergessen. Alle, die um den Tisch herum saßen, hatten eine Fülle von Erinnerungen an Old Miss Fontaine, die scharfzüngige, weichherzige Großmutter von Tony und Alex, und an ihre Mutter, Young Miss genannt, bis sie an ihrem sechzigsten Geburtstag gestorben war. Scarlett stellte fest, dass sie sich sogar an dem warmherzigen Gekicher zu beteiligen vermochte, als es um die legendäre Angewohnheit ihres Vaters ging, irische Widerstandslieder zu singen, wenn er, wie er selbst es ausgedrückt hatte, »ein, zwei Gläschen intus« hatte, und dass sie, als von der Güte ihrer Mutter die Rede war, dasitzen konnte, ohne den herzzerreißenden Schmerz zu verspüren, der sie bislang noch immer durchfahren hatte, wenn von Ellen O’Hara die Rede war.

Stunde um Stunde und noch lange, nachdem die Teller geleert waren und vom Kaminfeuer nur noch Holzkohle übrig war, ließen die zwölf Überlebenden all die geliebten Menschen wiederauferstehen, die nicht hatten kommen können, um Tony bei seiner Heimkehr zu begrüßen. Es waren glückliche Stunden, heilsame Stunden. Das trübe, blakende Licht der Petroleumlampe auf der Mitte des Tischs ließ keine der Narben von Shermans Männern in dem rauchgeschwärzten Zimmer mit seinen ausgebesserten Möbeln erkennen. Die Gesichter um den Tisch waren ohne Falten, die Kleider ohne Flicken. Während dieser süßen Augenblicke der Illusion schien Mimosa an einen Ort jenseits von Raum und Zeit verlegt worden zu sein, wo es keinen Schmerz und niemals einen Krieg gegeben hatte.

Vor vielen Jahren hatte Scarlett sich geschworen, niemals zurückzublicken. Es würde nur schmerzen, sich an die glücklichen Vorkriegstage zu erinnern, wo sie doch ihre ganze Kraft und Entschlossenheit brauchte, um zu überleben und ihre Familie zu beschützen. Die gemeinsamen Erinnerungen im Esszimmer von Mimosa aber schwächten sie keineswegs. Sie machten ihr Mut und waren ein Beweis dafür, dass tüchtige Menschen jeden erdenklichen Verlust erleiden und sich dennoch die Fähigkeit zu lieben und zu lachen bewahren konnten. Sie war stolz darauf, zu diesen Menschen zu gehören, sie ihre Freunde nennen zu dürfen, stolz darauf, wie sie waren.

Will ging auf dem Nachhauseweg vor dem Einspänner her, mit einer Pechfackel in der Hand führte er das Pferd. Es war eine dunkle Nacht, und es war sehr spät. Über ihnen leuchteten die Sterne hell an einem wolkenlosen Himmel, so hell, dass die schmale Sichel des Mondes fast durchscheinend bleich wirkte. Das einzige Geräusch war das langsame Klapp, Klapp der Pferdehufe.

Suellen war eingenickt, Scarlett jedoch kämpfte gegen die Müdigkeit an. Sie wollte nicht, dass dieser Abend zu Ende ging, sie wollte, dass seine tröstliche Wärme und sein Glück ewig fortwährten. Wie stark Tony wirkte! Und vor Leben geradezu strotzend, so zufrieden mit seinen ulkigen Stiefeln, mit sich selbst, mit allem. Die Tarleton-Mädchen haben sich aufgeführt wie ein Wurf roter Tabby-Kätzchen, die ein Schüsselchen Sahne entdeckt haben. Ich bin gespannt, welche ihn kriegt. Beatrice Tarleton wird schon dafür sorgen, dass eine von ihnen ihn bekommt.

Ein Nachtvogel in den Bäumen neben der Straße stieß einen Lockruf aus, und Scarlett kicherte in sich hinein.

Sie hatten schon mehr als die halbe Strecke nach Tara zurückgelegt, als ihr aufging, dass sie seit Stunden nicht an Rhett gedacht hatte. Gleich drückten Trübsinn und Zukunftsangst wie Bleigewichte auf sie nieder, und jetzt erst bemerkte sie, dass die Nacht kalt und ihr Körper ausgekühlt waren. Sie zog sich die Stola fest um die Schultern und trieb Will insgeheim zur Eile an.

Ich will über nichts nachdenken, jedenfalls nicht heute abend. Ich will mir den schönen Abend nicht jetzt noch verderben. Beeil dich doch, Will, es ist kalt, und es ist dunkel.

Am nächsten Morgen fuhren Scarlett und Suellen die Kinder im Planwagen nach Mimosa hinüber. In Wades Augen glänzte die Heldenverehrung, als Tony mit seinen sechsschüssigen Revolvern angab. Selbst Scarlett blieb vor Entzücken der Mund offen stehen, als Tony sie beide gleichzeitig um die Finger wirbeln ließ, sie in die Luft warf, wieder auffing und in die Halfter fallen ließ, die ihm tief von einem reich verzierten, silberbeschlagenen Gürtel herabhingen.

»Schießen die auch?«, fragte Wade.

»Ja, Sir, das tun sie. Und wenn du ein bisschen älter bist, bring ich dir bei, wie man damit umgeht.«

»Sie kreisen lässt, so wie du?«

»Na klar. Wozu hat man einen Sechsschüssigen, wenn man nicht zeigt, was er alles kann.« Tony zerwühlte Wade das Haar, eine freundschaftliche Geste unter Männern. »Ich bring dir auch bei, wie man im Westen reitet, Wade Hampton. Ich schätze, du wirst in dieser Gegend der einzige Junge sein, der weiß, wie ein anständiger Sattel auszusehen hat. Aber heute können wir noch nicht anfangen. Mein Bruder will nämlich einen Farmer aus mir machen. Da siehst du mal, jeder lernt immerfort was Neues dazu.«

Tony küsste Suellen und Scarlett rasch auf die Wange, die kleinen Mädchen bekamen einen Kuss oben auf den Kopf gedrückt, und dann verabschiedete er sich. »Alex wartet unten am Bach auf mich. Warum sagt ihr nicht auch Sally eben guten Tag? Ich glaube, sie hängt hinterm Haus Wäsche auf.«

Sally zeigte sich zwar erfreut über ihren Anblick, doch Suellen schlug ihre Einladung aus, noch auf eine Tasse Kaffee zu bleiben. »Ich muss nach Hause, und du bleib auch nur schön bei deiner Wäsche, Sally, wir wollen uns gegenseitig nicht aufhalten. Wir wollten nur nicht einfach vorbeischauen, ohne dir guten Tag zu sagen.« Und sie trieb Scarlett zur Eile an.

»Ich begreife nicht, weshalb du so unfreundlich zu Sally sein musstest, Suellen«, sagte Scarlett auf dem Heimweg. »Die Wäsche hätte doch so lange warten können, bis wir eine Tasse Kaffee getrunken und ein bisschen über gestern Abend geplaudert hätten.«

»Scarlett, du hast ja keine Ahnung von einem Farmhaushalt. Wenn Sally sich mit ihrer Wäsche verspätet, wird sie sich den ganzen Tag auch mit allem anderen verspäten. Wir können uns hier nicht scharenweise Dienstboten halten wie ihr in Atlanta. Wir müssen einen großen Teil der Arbeit selbst erledigen.«

Scarlett empfand den Tonfall ihrer Schwester als beleidigend. »Ich kann genauso gut schon mit dem Nachmittagszug nach Atlanta zurückfahren«, sagte sie verstimmt.

»Das wäre für uns alle eine Erleichterung«, versetzte Suellen. »Du machst zusätzlich Arbeit, und ich brauche das Schlafzimmer für Susie und Ella.«

Scarlett öffnete den Mund, bereit, sich mit ihrer Schwester zu streiten. Dann schloss sie ihn wieder. Sie wollte sowieso lieber heute als morgen nach Atlanta. Wäre Tony nicht gekommen, wäre sie bereits dort. Die Leute in der Stadt würden froh sein, sie wiederzusehen. Sie hatte eine Menge Freunde in Atlanta, die reichlich Zeit für einen Kaffee, eine Partie Whist oder gar eine Gesellschaft hatten. Ihren Kindern zuliebe zwang sie sich zu einem Lächeln und wandte Suellen den Rücken zu.

»Wade Hampton, Ella, Mutter muss heute nach dem Mittagessen nach Atlanta fahren. Ich möchte, dass ihr mir versprecht, artig zu sein und Tante Suellen keinen Kummer zu machen, hm?«

Scarlett wartete auf Protest und Tränen. Doch die Kinder waren viel zu sehr damit beschäftigt, über Tonys blitzende Revolver zu schwatzen, um auf ihre Worte zu achten. Sobald sie wieder auf Tara waren, befahl Scarlett Pansy, ihr den Koffer zu packen. Nun fing Ella doch zu weinen an. »Prissy ist weg, und ich weiß hier keinen, der mir die Zöpfe flechten kann«, schluchzte sie.

Scarlett widerstand dem Drang, dem kleinen Mädchen eine Ohrfeige zu geben. Sie hatte beschlossen abzufahren, und sie würde wahnsinnig werden, so ohne Beschäftigung und ohne irgend jemanden, mit dem sie reden konnte, falls sie doch noch länger bliebe. Und Pansy konnte sie auch nicht zurücklassen, es war ungehörig für eine Dame, allein zu reisen. Was sollte sie bloß machen? Ella würde womöglich Tage brauchen, sich an Lutie zu gewöhnen, die Mammy der kleinen Susie. Und wenn Ella so weitermachte, würde Suellen es sich womöglich doch noch einmal überlegen, ob sie die Kinder auf Tara behalten wollte.

»Also gut«, sagte Scarlett scharf. »Hör sofort mit dem grässlichen Geplärre auf, Ella. Ich lasse dir Pansy bis zum Wochenende hier. Da kann sie Lutie beibringen, wie deine Zöpfe geflochten werden.« Ich muss mich eben in Jonesboro auf dem Bahnhof irgendeiner Frau anschließen, dachte sie. Irgend jemand Respektierliches, zu dem ich mich setzen kann, wird doch wohl nach Atlanta fahren.

Ich nehme den Nachmittagszug, und allein darauf kommt es an. Will kann mich rüberfahren und ist allemal zeitig genug zurück, um seine garstigen alten Kühe zu melken.

Auf halbem Weg nach Jonesboro hörte Scarlett plötzlich auf, gut gelaunt über Tony Fontaines Rückkehr zu schwatzen. Sie schwieg einen Augenblick, dann platzte sie mit dem heraus, was ihr wirklich auf der Seele lag. »Will, wegen Rhett ... Ich meine, dass er so schnell wieder weggefahren ist ... Ich hoffe, Suellen wird das nicht im ganzen County herumerzählen.«

Will sah sie aus seinen blassblauen Augen an. »Nun, Scarlett, das solltest du eigentlich besser wissen. Das eigene Nest beschmutzt man nicht. Ich hab es immer schon bedauert, dass du Suellens gute Seiten nicht sehen willst. Die hat sie nämlich, nur kommen die irgendwie nicht zur Geltung, wenn du in ihrer Nähe bist. Verlass dich auf mein Wort. Was immer du von ihr halten magst, Suellen wird nie mit jemandem über deine privaten Probleme reden. Sie will genauso wenig wie du, dass die Leute sich über die O’Haras das Maul zerreißen.«

Scarlett entspannte sich ein wenig. Sie vertraute Will vollkommen. Sein Wort war zuverlässiger als Geld auf der Bank. Und außerdem war er lebensklug. Nie hatte sie erlebt, dass Will sich einmal geirrt hatte – außer vielleicht in Suellen.

»Du glaubst doch aber auch, dass er wieder zurückkommt, Will?«

Will brauchte nicht zu fragen, wen sie meinte. Er hörte die Angst aus ihren Worten heraus und kaute gemächlich an dem Strohhalm, den er im Mundwinkel hielt, während er entschied, was er antworten sollte. Schließlich sagte er langsam: »Das kann ich nun gerade nicht behaupten, Scarlett, aber ich bin sicher nicht der, der sich da auskennt. Ich hab ihn doch nicht öfter als vier- oder fünfmal im Leben gesehen.«

Ihr war, als hätte er ihr einen Schlag versetzt. Dann betäubte der Jähzorn den Schmerz. »Du begreifst eben einfach überhaupt nichts, Will Benteen! Rhett ist zwar aufgebracht, aber das legt sich schon wieder. Niemals würde er etwas so Gemeines tun und seine Frau einfach in der Patsche sitzen lassen.«

Will nickte. Scarlett konnte es als Zustimmung auslegen, wenn sie wollte. Doch er hatte Rhetts höhnische Selbstbezichtigung nicht vergessen. Er war ein Schuft. Wenn man glauben wollte, was so geredet wurde, war er schon immer einer gewesen und würde wohl auch einer bleiben.

Scarlett starrte auf die vertraute rote Lehmstraße vor ihren Augen. Ihre Miene war verbissen, in ihr wütete es. Rhett würde zurückkommen. Er musste, weil sie es wollte, und sie hatte noch immer bekommen, was sie wollte. Sie musste es sich nur fest vornehmen.

5. KAPITEL

Der Lärm und das Gedränge in Five Points wirkten belebend auf Scarlett. Ebenso wie die Unordnung zu Hause auf ihrem Schreibtisch. Nach den betäubenden Todesfällen brauchte sie Leben und Treiben um sich her. Und sie brauchte Arbeit.

Es gab ganze Stapel von Zeitungen zu lesen, Stöße von täglichen Abrechnungen aus dem Laden unmittelbar im Zentrum von Five Points, der ihr gehörte, Berge von Rechnungen, die zu bezahlen, und Briefe und Zettel, die zu zerreißen und wegzuwerfen waren. Scarlett seufzte vor Wonne und zog sich den Stuhl dicht an den Schreibtisch heran.

Sie prüfte, ob die Tinte im Tintenfass frisch und genügend Federn für ihren Federhalter da waren. Dann zündete sie die Lampe an. Es würde lange dunkel sein, ehe sie damit fertig war; vielleicht würde sie sich sogar das Abendessen auf einem Tablett hereinbringen lassen, während sie arbeitete. Gierig griff sie nach den Kontobüchern des Ladens, als ein großer, rechteckiger Umschlag, der oben auf den Zeitungen lag, ihren Blick auf sich zog. Er war einfach nur an »Scarlett« adressiert, und die Handschrift war die Rhetts.

Den lese ich jetzt nicht, dachte sie spontan, der lenkt mich nur von den Dingen ab, die als Erstes zu erledigen sind. Er beunruhigt mich kein bisschen, ich will ihn einfach nicht sehen. Ich hebe ihn mir auf, beschloss sie, wie ein Dessert, und sie griff sich einen Stoß Abrechnungen.

Sie konnte sich jedoch nicht auf die Zahlen konzentrieren und warf die Blätter schließlich auf den Tisch. Ihre Finger rissen den versiegelten Umschlag auf.

»Du musst mir glauben«, begann Rhetts Brief, »wenn ich Dir mein tiefstes Mitgefühl ausspreche, Mammys Tod ist ein großer Verlust, und ich bin Dir dankbar, dass Du mir rechtzeitig Bescheid gegeben hast, sodass ich sie noch einmal sehen konnte, ehe sie starb.«

Scarlett blickte voller Zorn von den dicken schwarzen Federstrichen auf und sprach laut vor sich hin: »Dankbar, wie schön! So, wie du ihr und mir etwas vorgelogen hast, du Halunke!« Wie gern hätte sie den Brief verbrannt, Rhett die Asche ins Gesicht geworfen und ihn dabei laut beschimpft. Oh, das würde sie ihm schon noch heimzahlen, dass er sie vor Suellen und Will so bloßgestellt hatte. Und wenn sie noch so lange auf diesen Augenblick warten und Vorkehrungen treffen musste, irgendwie würde sie das schon schaffen. Er hatte kein Recht, sie und Mammy so zu behandeln. Mammys letzten Wunsch derart mit Füßen zu treten.

Ich verbrenne ihn auf der Stelle, ich werde ihn nicht einmal zu Ende lesen, ich muss mir nicht noch mehr Lügen aufbinden lassen! Ihre Hand tastete nach den Streichhölzern, doch als sie die Schachtel in der Hand hielt, ließ sie sie gleich wieder fallen. Ich würde sterben vor Neugier, was dringestanden hat, gestand sie sich ein, und schon senkte sie den Kopf, um weiterzulesen.

Sie würde ihr Leben unverändert finden, erklärte Rhett. Die Rechnungen für den Haushalt würden von seinen Anwälten bezahlt werden, eine Anordnung, die er schon vor Jahren getroffen habe, und sämtliche Summen, die per Scheck von Scarletts Bankkonto abgehoben würden, würden automatisch ersetzt werden. Neue Geschäfte, in denen sie ein persönliches Konto eröffnete, solle sie doch über die Zahlungsweise informieren, derer man sich auch in allen anderen Läden, wo sie Kundin war, bereits bediente: Sie sollten ihre Rechnungen direkt an Rhetts Anwälte schicken. Ebenso gut könne sie aber auch alles per Scheck bezahlen, da ihr Bankkonto ja immer wieder aufgefüllt werde.

Scarlett las das alles mit größter Spannung. Alles, was mit Geld zu tun hatte, interessierte sie seit jeher schon, seit dem Tag, als sie von der Union Army gezwungen worden war, die Armut kennenzulernen. Geld bedeutete Sicherheit, davon war sie überzeugt. Das Geld, das sie selbst verdiente, hortete sie, und sie war erneut schockiert, als sie Rhetts schrankenlose Großzügigkeit vor Augen geführt bekam.

Was ist er doch für ein Dummkopf; wenn ich wollte, könnte ich ihn ausplündern bis aufs Hemd. Wahrscheinlich haben auch seine Anwälte schon seit eh und je seine Bücher frisiert.

Dann: Rhett muss ja mächtig reich sein, wenn er Geld ausgeben kann, ohne sich darum zu scheren, wo es bleibt. Ich wusste zwar immer schon, dass er reich ist. Aber so reich! Ich wüsste zu gern, wie viel Geld er hat.

Dann: Er liebt mich immer noch, das ist der Beweis dafür. Kein Mann würde je eine Frau so sehr verwöhnen, wie Rhett mich all die Jahre verwöhnt hat, wenn er sie nicht bis zur Selbstvergessenheit liebte, und er gibt mir auch weiterhin alles, aber auch alles, was ich haben möchte. Er muss immer noch dasselbe für mich empfinden, sonst wäre er zurückhaltender. Ach, ich wusste es doch! Ich wusste es. Er hat das, was er gesagt hat, nicht wirklich gemeint. Er hat mir nur nicht geglaubt, dass ich ihn liebe.

Scarlett hielt Rhetts Brief an die Wange, als wäre es die Hand, die ihn geschrieben hatte. Sie wollte es Rhett beweisen, wollte ihm beweisen, dass sie ihn von ganzem Herzen liebte, und dann würden sie so glücklich sein – die glücklichsten Menschen auf der Welt!

Sie bedeckte den Brief mit Küssen, ehe sie ihn sorgfältig in eine Schublade legte. Dann machte sie sich mit Begeisterung an die Kontobücher. Ihre Kräfte wuchsen, wenn sie sich um ihre Geschäfte kümmern konnte. Als eine Dienerin an die Tür klopfte und schüchtern wegen des Abendessens nachfragte, blickte Scarlett kaum auf. »Bring mir ein Tablett mit irgend etwas«, sagte sie. »Und mach das Feuer im Kamin an.« Es wurde kühl mit Anbruch der Dunkelheit, und sie war hungrig wie ein Wolf.

In jener Nacht schlief sie ungeheuer gut. Der Laden war während ihrer Abwesenheit ordentlich gelaufen, und der leichte Imbiss im Magen tat ihr wohl. Es war gut, wieder zu Hause zu sein, insbesondere wenn man einen solchen Brief von Rhett hatte, der mittlerweile gut verwahrt unter ihrem Kopfkissen lag.

Sie wachte auf und reckte sich wollüstig. Das Geknister von Papier unter ihrem Kissen ließ sie lächeln. Sie läutete nach ihrem Frühstück und fing an, ihren Tag zu planen. Erst einmal zum Laden. Da mussten eine Menge Vorräte zur Neige gehen; Kershaw führte zwar die Bücher recht ordentlich, hatte jedoch ungefähr so viel Verstand wie ein Perlhuhn. Ihm würden selbst Mehl und Zucker ausgehen, ehe er auf die Idee käme, die Fässer aufzufüllen, und wahrscheinlich hatte er nicht einen Tropfen Kerosin oder auch nur ein Stückchen Anmachholz bestellt, obwohl es doch mit jedem Tag kälter wurde.

Die Zeitungen hatte sie abends nicht mehr geschafft, und wenn sie in den Laden ging, konnte sie sich die ganze langweilige Leserei ersparen. Alles, was sich in Atlanta zu wissen lohnte, würde sie von Kershaw und den Gehilfen zu hören bekommen. Wenn es darum ging, Geschichten aufzuschnappen, die gerade im Umlauf waren, gab es nichts Besseres als einen Gemischtwarenladen. Die Leute schwatzten eben gern, während sie darauf warteten, dass ihnen die Ware eingepackt wurde. Meist wusste sie bereits, was auf der Titelseite stand, ehe die Zeitung auch nur gedruckt war; sie konnte den ganzen Stapel auf ihrem Schreibtisch getrost wegwerfen, da ihr sowieso nichts entgehen würde.

Scarletts Lächeln schwand. Nein, das konnte sie nicht. Die Meldung über Melanies Beerdigung musste drinstehen, und die wollte sie sehen.

Melanie ...

Ashley ...

Der Laden würde warten müssen. Sie hatte dringlichere Verpflichtungen.

Was ist bloß in mich gefahren, als ich Melly versprochen habe, mich um Ashley und Beau zu kümmern?

Aber versprochen ist versprochen. Am besten mache ich mich gleich auf den Weg und nehme Pansy mit, damit auch alles seine Richtigkeit hat. Die ganze Stadt muss sich ja das Maul zerreißen nach der Szene auf dem Friedhof; überflüssig, dem Klatsch noch zusätzlich Nahrung zu geben, indem ich Ashley allein besuche. Scarlett eilte über den dicken Teppich zu dem bestickten Klingelzug und riss ungeduldig daran. Wo blieb denn ihr Frühstück?

Aber nein, Pansy war ja noch auf Tara. Sie musste eine ihrer anderen Dienerinnen mitnehmen, dies neue Mädchen, Rebecca, mit der würde es schon gehen. Sie hoffte, Rebecca würde ihr auch mit ihrem Kleid helfen können, ohne sich allzu täppisch anzustellen. Sie hatte es plötzlich eilig damit, loszufahren und den Besuch hinter sich zu bringen.

Als ihr Zweispänner vor Ashleys und Melanies winzigem Häuschen in der Ivy Street vorfuhr, sah Scarlett, dass der Trauerkranz von der Tür verschwunden und sämtliche Fensterläden geschlossen waren.

India, dachte sie sofort. Natürlich. Sie hat Ashley und Beau bei Tante Pittypat untergebracht. Sie kommt sich bestimmt ganz großartig vor.

Ashleys Schwester India war Scarletts unerbittliche Feindin und war es immer schon gewesen. Scarlett biss sich auf die Lippe und dachte über ihre missliche Lage nach. Sie war sich sicher, dass Ashley und Beau zu Tante Pitty gezogen waren, es war das Vernünftigste, was er in seiner Lage tun konnte. Ohne Melanie und wo Dilcey nicht mehr da war, gab es niemanden, der Ashley das Haus führen und seinen Sohn bemuttern konnte. Bei Pittypat hingegen gab es Behaglichkeit, einen ordentlich geführten Haushalt und für den kleinen Jungen die Zuwendung von Frauen, die ihn ihr ganzes Leben lang geliebt hatten.

Zwei alte Jungfern, dachte Scarlett verächtlich. Die sind bereit, alles anzubeten, was Hosen trägt, selbst kurze. Wenn nur India nicht bei Tante Pitty wohnen würde. Mit Pitty selbst würde Scarlett schon fertigwerden. Die furchtsame alte Dame würde sich nicht einmal getrauen, einem Kätzchen zu widersprechen, geschweige denn Scarlett.

Ashleys Schwester hingegen war ein anderer Fall. India würde es geradezu ein Vergnügen sein, sich mit Scarlett anzulegen, mit ihrer kalten, verachtungsvollen Stimme Gemeinheiten zu ihr zu sagen, Scarlett die Tür zu weisen.

Wenn sie bloß Melanie nicht versprochen hätte ... doch sie hatte es nun einmal getan. »Fahr mich zu Miss Pittypat Hamilton«, befahl sie Elias. »Rebecca, du gehst nach Hause. Du kannst zu Fuß gehen.«

Bei Pitty würde es genügend Anstandsdamen geben.

India öffnete auf ihr Klopfen. Sie sah Scarletts elegantes, pelzbesetztes Trauerkostüm, und ein schmales, zufriedenes Lächeln verzog ihre Lippen.

Lächle, so viel du willst, du alte Krähe, dachte Scarlett. Indias Kleid war aus trostloser schwarzer Seide, nicht einmal ein Knopf zierte es. »Ich bin gekommen, um zu hören, wie es Ashley geht«, sagte sie.

»Du bist hier nicht willkommen«, sagte India und schickte sich an, die Tür wieder zuzumachen.

Scarlett drückte dagegen. »India Wilkes, dass du es ja nicht wagst, mir die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Ich habe es Melly versprochen, und ich werde es halten, und wenn ich dich dazu umbringen muss.«

Indias Antwort bestand darin, dass sie sich mit der Schulter gegen die Tür stemmte und dem Druck von Scarletts Händen Widerstand leistete. Das würdelose Gerangel dauerte jedoch nur einen Augenblick. Dann hörte Scarlett Ashleys Stimme.

»Ist das Scarlett, India? Ich möchte sie gern sprechen.«

Die Tür flog auf, und Scarlett marschierte ins Haus. Mit Vergnügen registrierte sie, dass Indias Gesicht ganz rot gefleckt war vor Wut.

Ashley kam näher, um sie zu begrüßen, und Scarletts energischer Schritt wurde zögernd. Er sah entsetzlich krank aus. Dunkle Ringe umgaben seine blassen Augen, und von den Nasenflügeln zogen sich tiefe Falten zum Kinn hinunter. Sein Anzug wirkte zu groß für ihn, die Jacke hing über seiner zusammengesunkenen Gestalt wie gebrochene Flügel an einem schwarzen Vogel.

Scarlett zog es das Herz zusammen. Sie liebte Ashley zwar nicht mehr auf die Weise, wie sie es all die Jahre getan hatte, doch war er immer noch Teil ihres Lebens. Es gab so viele geimeinsame Erinnerungen aus einer so langen Zeit. Sie konnte ihn nicht solche Qualen leiden sehen. »Lieber Ashley«, sagte sie sanft. »Komm doch und setz dich. Du siehst müde aus.«

Sie saßen über eine Stunde auf dem Sofa in Tante Pittys kleinem, überladenem Empfangszimmer. Scarlett sprach nur selten. Sie hörte Ashley zu, der in einem wirren, sprunghaften Zickzackkurs seinen Erinnerungen folgte. Er sprach von der Güte seiner Frau, ihrer Selbstlosigkeit, ihrem Edelmut, ihrer Liebe zu Scarlett, zu Beau und zu ihm. Seine Stimme war leise und ausdruckslos, ausgebleicht von Kummer und Hoffnungslosigkeit. Seine Hand tastete blind nach Scarletts, und er umklammerte sie mit der Kraft eines Verzweifelten, presste ihre Knochen schmerzhaft gegeneinander. Sie biss sich auf die Lippen und ließ ihn gewähren.

India stand im Türbogen, eine dunkle, reglose Zuschauerin.

Endlich verstummte Ashley und warf wie ein Geblendeter hilflos den Kopf hin und her. »Scarlett, ich kann ohne sie nicht weiterleben«, stöhnte er. »Ich kann es nicht.«

Scarlett entzog ihm ihre Hand. Sie musste die Hülle der Hoffnungslosigkeit durchdringen, in der er gefangen saß, oder er würde es nicht überstehen, davon war sie überzeugt. Sie stand auf und beugte sich über ihn. »Hör mir zu, Ashley Wilkes«, sagte sie. »Ich habe auch dir zugehört, während du nichts getan hast, als in deinem Kummer zu wühlen. Jetzt bin ich an der Reihe, und jetzt hörst du dir meinen Kummer an. Meinst du denn, du bist der einzige Mensch, der Melly geliebt hat und von ihr abhängig war? Mir geht es genauso, mehr, als mir bislang klar war, und mehr, als irgend jemandem klar war. Und ich nehme an, das gilt auch noch für viele andere Menschen. Wir dürfen uns nicht in unserem Schmerz vergraben und daran zugrunde gehen. Aber genau das tust du. Und ich schäme mich für dich. Wie sicher auch Melly, falls sie vom Himmel auf uns hinunterblickt. Kannst du dir denn überhaupt vorstellen, was sie durchgemacht hat, als sie Beau bekam? Ich weiß, was sie gelitten hat, und glaube mir, es hätte den stärksten Mann umgebracht, den Gott je geschaffen hat. Jetzt hat er nur noch dich. Willst du Melly das antun? Dass ihr Kind ganz allein ist, praktisch eine Waise, weil sein Vater zu viel Mitleid mit sich selbst hat, um sich um ihn zu kümmern? Willst du ihr das Herz brechen, Ashley Wilkes? Das tust du nämlich gerade.« Sie nahm sein Kinn in die Hand und zwang ihn, sie anzuschauen.

»Du reißt dich jetzt zusammen, hast du mich gehört, Ashley? Du gehst jetzt schnurstracks in die Küche und sagst der Köchin, sie soll dir etwas Warmes zu essen machen. Und dann isst du. Und wenn dir davon schlecht wird, dann isst du eben noch einmal. Und dann suchst du deinen Jungen und nimmst ihn in den Arm und sagst ihm, dass er keine Angst zu haben braucht, weil sein Vater sich schon um ihn kümmert. Und dann tu es auch. Denk einmal an jemand anderen als nur an dich selbst.«

Scarlett wischte sich die Hand am Rock ab, als hätte Ashley sie beschmutzt. Dann schritt sie aus dem Zimmer und schob India dabei aus dem Weg.

Als sie die Tür zur vorderen Veranda öffnete, hörte sie, wie India sagte: »Mein armer, lieber Ashley. Gib einfach nichts auf die grässlichen Dinge, die Scarlett gesagt hat. Sie ist ein Ungeheuer.«

Scarlett blieb stehen und wandte sich um. Sie zog eine Visitenkarte aus der Handtasche und ließ sie auf den Tisch fallen. »Ich lasse dir meine Karte da, Tante Pitty«, rief sie laut, »wo du nun mal solche Angst davor hast, mich leibhaftig zu sehen.«

Sie knallte die Tür hinter sich zu.

»Fahr einfach drauflos, Elias«, wies sie den Kutscher an, »irgendwohin.« Nicht eine Minute länger hätte sie es in diesem Haus ausgehalten. Was sollte sie denn bloß tun? Ob sie zu Ashley durchgedrungen war? Sie war so gemein gewesen ... nun, das musste sie, er ertrank ja in Selbstmitleid – doch ob es was genutzt hatte? Ashley vergötterte seinen Sohn, vielleicht würde er sich Beau zuliebe zusammenreißen. »Vielleicht« war jedoch nicht genug. Er musste es, und sie musste ihn dazu bringen.

»Bring mich in die Kanzlei von Mr. Henry Hamilton«, befahl sie Elias jetzt.

Onkel Henry flößte den meisten Frauen Furcht ein, nicht aber Scarlett. Sie fand es begreiflich, dass jemand zum Weiberfeind wurde, wenn er mit Tante Pittypat im selben Haus aufgewachsen war. Und sie wusste, dass er sie ziemlich gern hatte. Er behauptete, Scarlett sei längst nicht so albern wie die meisten Frauen. Er war ihr Anwalt und wusste, wie gewieft sie in geschäftlicher Hinsicht war.

Als sie sein Büro betrat, ohne erst abzuwarten, dass man sie anmeldete, legte er einen Brief aus der Hand, den er gerade las, und lachte. »Komm nur rein, Scarlett«, sagte er und stand auf. »Du willst wohl dringend jemanden verklagen?«

Sie ging auf und ab und übersah den Stuhl neben seinem Schreibtisch. »Ich würde gern jemanden erschießen, doch ich weiß nicht, ob das was einbrächte. Es stimmt doch, dass Charles mir seinen gesamten Besitz hinterlassen hat?«

»Aber das weißt du doch. Hör auf, so herumzuzappeln, und setz dich. Er hat dir die Speicher in der Nähe der Bahnstation vermacht, die die Yankees niedergebrannt haben. Und er hat dir etwas Farmland außerhalb der Stadt hinterlassen, das bald schon zum Stadtgebiet gehören wird, so rasch, wie Atlanta wächst.«

Scarlett hockte sich auf die Stuhlkante, den Blick starr auf ihn gerichtet. »Und die Hälfte von Tante Pittys Haus in der Peachtree Street«, sagte sie bestimmt, »hat er mir die nicht auch hinterlassen?«

»Mein Gott, Scarlett, erzähl mir nicht, dass du dort einziehen willst?«

»Selbstverständlich nicht. Aber ich will Ashley dort heraushaben. India und Tante Pitty bringen ihn vor lauter Mitgefühl noch ins Grab. Er kann in sein eigenes Haus zurückziehen. Ich werde ihm eine Haushälterin besorgen.«

Henry Hamilton sah sie aus ausdruckslosen Augen prüfend an. »Bist du sicher, dass du ihn deshalb wieder in sein eigenes Haus zurückbringen willst, weil er unter zu viel Mitgefühl zu leiden hat?«

Scarlett warf verächtlich den Kopf in den Nacken. »Heiliger Strohsack, Onkel Henry!«, sagte sie. »Entwickelst du dich auf deine alten Tage noch zur Klatschbase?«

»Nun zeig mir mal nicht gleich die Krallen, junge Dame. Lehn dich auf deinem Stuhl zurück und lass dir ein paar Wahrheiten sagen. Du magst den besten kaufmännischen Verstand haben, dem ich je begegnet bin, doch im Übrigen bist du begriffsstutzig wie ein Dorftrottel.«

Scarlett blickte finster, doch sie tat, wie ihr geheißen.

»Und was nun Ashleys Haus angeht«, sagte der alte Anwalt bedächtig, »so ist es bereits verkauft. Ich habe den Vertrag gestern ausgefertigt.« Er hielt die Hand hoch, um Scarlett zum Schweigen zu bringen, ehe sie überhaupt sprechen konnte. »Ich war es, der ihm geraten hat, zu Tante Pitty zu ziehen und es zu verkaufen. Nicht weil das Haus für ihn voller schmerzlicher Erinnerungen ist, und auch nicht, weil ich mir Sorgen gemacht habe, wer sich um ihn und den Jungen kümmern würde, obwohl das beides nicht ohne Belang ist. Ich habe es ihm geraten, weil er das Geld aus dem Verkauf dazu brauchte, sein Bauholzgeschäft vor dem Ruin zu bewahren.«

»Was willst du damit sagen? Ashley mag zwar keine Ahnung davon haben, wie man Geld macht, aber pleitegehen kann er doch wohl nicht. Wo gebaut wird, wird auch Holz gebraucht.«

»Wenn gebaut wird. Steig mal für eine Minute von deinem hohen Ross und hör mir zu, Scarlett. Ich weiß, du interessierst dich für nichts, was in der Welt geschieht, es sei denn, es hat mit dir zu tun, doch es hat vor zwei, drei Wochen in New York einen großen Finanzskandal gegeben. Ein Spekulant namens Jay Cooke hat sich verkalkuliert und Bankrott gemacht. Er hat seine gesamt Eisenbahngesellschaft mitgerissen, Northern Pacific heißt der Laden, und noch einen Haufen anderer Spekulanten, Burschen, die in seinen Eisenbahngeschäften und andern Unternehmungen mit drinsteckten. Und die wiederum haben eine ganze Reihe anderer Unternehmen mit ruiniert, die nicht mit Cooke zu tun hatten. Und die Burschen, die in diesem Unternehmen steckten, haben noch mehr Unternehmen mit sich gerissen und weitere Burschen mit in den Bankrott gestürzt, genau wie ein Kartenhaus. In New York sprechen sie nur noch von der ›Panik‹, und sie greift bereits um sich. Ich nehme an, sie wird das ganze Land in Mitleidenschaft ziehen, ehe sie zum Stillstand kommt.«

Scarlett war entsetzt. »Was ist denn mit meinem Laden?«, schrie sie. »Und mit meinem Geld? Sind die Banken sicher?«

»Die, bei der du bist, ist es. Ich habe da auch mein Geld, und also habe ich mich vergewissert. Tatsache ist, dass die Geschichte Atlanta nicht zu sehr berühren wird. Wir sind nicht bedeutend genug für irgendwelche großen Geschäfte, und die großen sind es, die zusammenbrechen. Aber überall stehen Geschäfte still. Die Leute trauen sich nicht zu investieren. Das heißt also, auch das Baugewerbe. Und wenn keiner baut, braucht auch keiner Bauholz.«

Scarlett runzelte die Stirn. »Also kann Ashley mit der Sägemühle kein Geld verdienen. Das leuchtet mir ein. Doch wenn niemand investiert, wie konnte er denn dann sein Haus so schnell verkaufen? Ich würde doch denken, wenn es eine Panik gibt, dann sinken zuallererst die Grundstückspreise.«

Onkel Henry grinste. »Wie ein Stein. Du bist und bleibst ein Schlaukopf, Scarlett. Darum habe ich Ashley ja auch gesagt, er solle verkaufen, so lange es noch geht. Atlanta hat von der ›Panik‹ noch nichts zu spüren bekommen, doch sie wird bald da sein. Wir haben jetzt seit acht Jahren einen Boom, und hier leben inzwischen mehr als zwanzigtausend Menschen – doch kein Boom ohne Bares.« Er lachte dröhnend über seinen eigenen Witz.

Scarlett lachte mit ihm, obwohl sie an wirtschaftlichen Zusammenbrüchen nichts komisch zu finden vermochte. Sie wusste aber, dass Männer es gern hatten, wenn man ihre Witze amüsant fand.

Onkel Henrys Gelächter verstummte so abrupt, als hätte jemand einen Hahn zugedreht. »So. Nun ist Ashley also bei seiner Schwester und seiner Tante aus guten, stichhaltigen Gründen und auf meinen Rat hin. Und das passt dir nicht.«

»Nein, Sir, das passt mir überhaupt nicht. Er sieht schrecklich aus, und die beiden verschlimmern seinen Zustand nur. Er gleicht einem lebenden Leichnam. Ich habe ihm gehörig den Kopf gewaschen und versucht, ihn aus seinem Zustand herauszureißen. Angeschrieen habe ich ihn. Doch ich weiß nicht, ob es irgendetwas genützt hat. Und selbst wenn, es würde nicht vorhalten. Nicht, so lange er in diesem Haus ist.«

Sie sah Onkel Henrys skeptische Miene. Die Zornesröte stieg ihr ins Gesicht. »Es ist mir gleichgültig, was du gehört hast oder was du denkst, Onkel Henry. Ich stelle Ashley nicht nach. Ich habe Melanie am Totenbett versprochen, mich um ihn und um Beau zu kümmern. Ich wäre weiß Gott froh, wenn ich es nicht getan hätte, doch so liegen die Dinge nun mal.«

Ihr Ausbruch erfüllte Henry mit Unbehagen. Er mochte keine Gefühlsaufwallungen, schon gar nicht von Frauen. »Wenn du zu heulen anfängst, Scarlett, muss ich dich an die Luft setzen.«

»Ich werde nicht weinen, aber ich bin wütend. Ich muss etwas unternehmen, und du bist mir offensichtlich keine Hilfe.«

Henry Hamilton lehnte sich zurück. Er legte die Fingerspitzen aneinander und ließ die Arme auf seinem ausladenden Bauch ruhen. Es war seine Anwaltshaltung, fast schon die eines Richters.

»Du bist der letzte Mensch, der Ashley jetzt helfen kann, Scarlett. Ich habe dir gesagt, ich werde mit ein paar Wahrheiten aufwarten, und dies ist eine davon. Richtig oder falsch, und ich lege keinen Wert darauf zu wissen, was zutrifft, es hat nun einmal eine Menge Spekulationen gegeben, was dich und Ashley betrifft. Melly hat sich vor dich gestellt, und die meisten Leute sind ihr gefolgt – aus Liebe zu ihr, wohlgemerkt, nicht weil sie dich besonders gernhatten.

India hingegen hat das Schlimmste angenommen und es auch ausgesprochen, und sie hat eine kleine Anhängerschar um sich versammelt. Keine schöne Situation, doch die Leute hatten sich damit abgefunden, wie sie es immer tun. Die Dinge hätten in dieser Weise ewig vor sich hinschaukeln können, selbst noch nach Melanies Tod. Niemand mag wirkliche Brüche und abrupte Veränderungen. Doch du konntest ja nicht schlicht und einfach abfahren. Oh, nein. Du musstest dich selbst noch an Melanies offenem Grab in Szene setzen, musstest deine Arme um Ashley werfen und ihn von seiner toten Frau wegzerren, die für eine Menge Leute fast eine Heilige war.«

Er hob eine Hand. »Ich weiß schon, was du sagen willst, also mach dir gar nicht erst die Mühe, es zu sagen, Scarlett.« Seine Fingerspitzen berührten einander erneut. »Ashley war drauf und dran, sich ins Grab zu stürzen, sich womöglich den Hals zu brechen. Ich war da. Ich habe es gesehen. Darum geht es aber nicht. Da bist du nun so ein schlaues Mädchen, aber von der Welt verstehst du nichts.

Wenn Ashley sich auf den Sarg hinabgestürzt hätte, hätten das alle ›rührend‹ gefunden. Wenn er sich dabei umgebracht hätte, wären alle zwar aufrichtig betrübt gewesen, doch es gibt Regeln für den Umgang mit Kummer. Die Gesellschaft braucht Regeln, Scarlett, um nicht auseinanderzufallen. Du aber hast sämtliche Regeln gebrochen. Du hast in aller Öffentlichkeit eine Szene veranstaltet. Du hast deine Hände auf einen Mann gelegt, der nicht dein Ehemann ist. Öffentlich. Du hast ein Durcheinander heraufbeschworen, das eine Beerdigung unterbrochen hat, eine Zeremonie, deren Regeln jeder kennt. Du hast die Totenfeier einer Heiligen gestört.

Also gibt es in der ganzen Stadt keine Lady mehr, die sich nicht auf Indias Seite gestellt hat. Und wenn christliche Damen erst einmal den Stab über dich gebrochen haben, erhoffst du dir besser keine christliche Barmherzigkeit oder Vergebung. Die stehen ihnen einfach nicht zu Gebote, und die würden sie auch niemand sonst gestatten, schon gar nicht ihrem Mannsvolk. Ihre Männer gehören ihnen ganz, mit Leib und Seele. Deshalb habe ich mich ja auch immer von der fälschlich so bezeichneten ›weiblichen Sanftmut‹ ferngehalten.

Ich wünsche dir alles Gute, Scarlett. Du weißt, ich habe dich immer gemocht. Das ist aber so ungefähr auch alles, was ich dir anbieten kann. Gute Wünsche. Du hast einen Riesenschlamassel angerichtet, und ich weiß nicht, wie du das je wieder in Ordnung bringen willst.«

Der alte Anwalt stand auf. »Lass Ashley, wo er ist. Schon bald wird irgendein Frauchen vorbeikommen und ihn einwickeln. Dann kann die sich um ihn kümmern. Du lässt Pittypats Haus, wie es ist, deine Hälfte inbegriffen. Und hör ja nicht auf, durch mich alle fälligen Rechnungen für Reparaturen und Unterhalt des Hauses zu bezahlen, wie du es immer getan hast. Damit ist deinem Versprechen gegenüber Melanie Genüge getan. Nun komm. Ich bringe dich zum Wagen.«

Scarlett nahm seinen Arm und ging gefügig neben ihm her. Innerlich jedoch kochte sie. Sie hätte es sich auch gleich denken können, dass Onkel Henry ihr keine Hilfe sein würde.

Darüber hinaus musste sie unbedingt herausfinden, ob es stimmte, was er behauptet hatte, ob es eine Finanzkrise gab, vor allem aber, ob ihr Geld sicher angelegt war.

6. KAPITEL

»Panik« hatte Henry Hamilton die Finanzkrise genannt, die an der Wall Street in New York begonnen hatte und sich nun über ganz Atlanta ausbreitete. Scarlett grauste es bei der Vorstellung, dass sie das Geld, das sie verdient und beiseitegelegt hatte, verlieren könnte. Nach ihrem Besuch bei Anwalt Hamilton begab sie sich schnurstracks zu ihrer Bank. Sie bebte innerlich, als sie das Büro des Bankdirektors betrat.

»Ich weiß Ihre Besorgnis zu schätzen, Mrs. Butler«, sagte er, doch Scarlett merkte ihm an, dass er das durchaus nicht tat. Er verübelte ihr, dass sie die Sicherheit der Bank infrage stellte, insbesondere, da er die Leitung innehatte. Je länger er sprach und je beruhigender er klang, desto weniger glaubte Scarlett ihm.

Dann befreite er sie unabsichtlich mit einem Streich von all ihren Ängsten. »Zudem zahlen wir unseren Aktionären diesmal nicht nur die übliche Dividende«, sagte er, »sie ist tatsächlich sogar ein wenig höher ausgefallen als gewöhnlich.« Er betrachtete sie aus den Augenwinkeln. »Ich habe diese Information selbst erst heute Morgen erhalten«, sagte er mit Ärger in der Stimme. »Ich wüsste allerdings zu gern, was Ihren Gatten dazu bewogen hat, vor einem Monat seine Aktienanteile aufzustocken.«

Scarlett hatte das Gefühl, es risse sie vor lauter Erleichterung vom Stuhl. Wenn Rhett Aktien dieser Bank gekauft hatte, dann musste es die sicherste Bank Amerikas sein. Er hatte immer gerade dann Geld gemacht, wenn die Welt in Stücke gegangen war. Sie wusste nicht, woher er über die Lage der Bank Bescheid wusste, doch das war ihr gleichgültig. Es genügte ihr, dass Rhett Vertrauen zu ihr hatte.

»Er hat eben diese süße kleine Kristallkugel«, sagte sie mit einem seligen Lachen, das den Bankdirektor wirklich wütend machte. Sie fühlte sich fast, als sei sie ein wenig betrunken.

Aber doch wiederum nicht so unbeschwert, dass sie vergessen hätte, das gesamte Bargeld in ihrem Schließfach in Gold umzuwechseln. Sie hatte immer noch die elegant bedruckten, wertlosen Konföderationsanleihen vor Augen, auf die ihr Vater gesetzt hatte. Sie hatte überhaupt kein Vertrauen zu Papier.

Als sie die Bank verließ, verharrte sie einen Augenblick auf der Treppe, um die warme Herbstsonne und das pulsierende Leben des Geschäftsviertels zu genießen. Nun sieh dir all die Menschen an, wie sie umherhasten, wie sie es eilig haben, weil es Geld zu verdienen gibt, nicht etwa, weil sie vor irgendetwas Angst haben. Onkel Henry spinnt sich da etwas zusammen, er ist ein alter Trottel. Das hat nun wirklich nichts mit Panik zu tun.

Ihr nächster Besuch galt ihrem Laden. »Kennedy’s Emortium« stand in großen goldenen Lettern quer über die Fassade des Gebäudes geschrieben. Das Geschäft war ihre Erbschaft aus ihrer kurzen Ehe mit Frank Kennedy.

Das Geschäft und Ella und ihr Vergnügen an dem Laden entschädigten sie mehr als reichlich für ihre Enttäuschung über das Kind. Die Schaufensterscheibe war blitzblank, und die Auslage umfasste so ziemlich alles, was man sich denken konnte. Alles von der blitzenden neuen Axt bis zu ebenso blitzenden Nähnadeln. Sie würde allerdings diese Kalikobahnen da herausnehmen müssen. Die würden im Handumdrehen Streifen von der Sonne haben, und dann würde sie den Preis herabsetzen müssen. Scarlett stürmte durch die Eingangstür, bereit, Willie Kershaw, dem Ladenvorsteher, das Fell über die Ohren zu ziehen.

Am Ende gab es jedoch recht wenig zu beanstanden. Der Kaliko in der Auslage hatte während der Verschiffung bereits einen Wasserschaden davongetragen und war im Preis längst herabgesetzt. Der Hersteller hatte sich bereit erklärt, zwei Drittel im Preis herunterzugehen. Kershaw hatte gleich neue Ware nachbestellt, ohne besonders dazu aufgefordert werden zu müssen, und der quadratische, schwere Eisensafe im Hinterzimmer enthielt die säuberlich mit einer Banderole versehenen und genau abgerechneten Stapel von Dollarscheinen und Münzpäckchen, die letzten Tageseinnahmen. »Ich habe die Gehilfen entlohnt, Mrs. Butler«, sagte Kershaw nervös. »Ich hoffe, das ist in Ordnung. Die Quittung findet sich bei den Samstagsbelegen. Die Jungs haben gesagt, sie kämen ohne ihren Wochenlohn nicht über die Runden. Meinen eigenen habe ich noch nicht genommen, doch ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich in der Lage sähen ...«

»Selbstverständlich, Willie«, sagte Scarlett gnädig. »Sobald ich Kassenbestand und Kontobuch verglichen habe.« Kershaw hatte sich wesentlich wackerer geschlagen, als sie angenommen hatte, doch das hieß nicht, dass sie ihm erlauben würde, sie übers Ohr zu hauen. Als das Geld bis auf den Penny abgerechnet war, zählte sie ihm seine zwölf Dollar und fünfundsiebzig Cents Lohn für die vergangenen drei Wochen ab. Sie würde ihm einen zusätzlichen Dollar geben, wenn sie ihm morgen den Lohn für die laufende Woche ausbezahlte. Er verdiente einen Zuschlag dafür, dass er sich so gut gehalten hatte, während sie weg war.

Außerdem hatte sie vor, seine Pflichten zu vermehren. »Willie«, erklärte sie ihm, als sie allein waren, »ich möchte, dass Sie ein Kreditkonto eröffnen.«

Kershaw fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. In diesem Laden war kein einziger Kredit mehr gewährt worden, seit Scarlett die Geschäftsführung übernommen hatte. Aufmerksam lauschte er ihren Anweisungen. Als sie ihn schwören ließ, dass er keiner lebenden Seele davon erzählen würde, legte er die Hand auf sein Herz und tat es. Er würde sich hüten, diesen Eid zu brechen, denn Mrs. Butler würde es in jedem Fall herausbekommen. Er war überzeugt, dass Scarlett auch im Hinterkopf Augen hatte und Gedanken lesen konnte.

Nachdem sie den Laden verlassen hatte, fuhr Scarlett zum Essen nach Hause. Sie wusch sich Gesicht und Hände und machte sich dann an den Zeitungsstapel. Die Meldung über Melanies Beerdigung war, wie sie es erwartet hatte – schließlich hatte sie selbst sie entworfen –, ein Minimum an Worten, aus denen Melanies Name, Geburtsort und das Todesdatum hervorgingen. Der Name einer Dame konnte nur dreimal in die Nachrichtenspalte geraten: bei ihrer Geburt, ihrer Heirat und ihrem Tod. Und niemals durften irgendwelche Einzelheiten beschrieben werden. Scarletts Entwurf hatte allerdings noch enthalten, was sie für eine angemessene Würdigung hielt, nämlich einen Satz darüber, wie tragisch es war, dass Melanie so jung gestorben war und wie sehr ihre Familie und all ihre Freunde in Atlanta sie vermissen würden. Der Satz fehlte. India muss ihn herausgenommen haben, dachte Scarlett ärgerlich. Wenn Ashleys Haushalt doch bloß in den Händen einer anderen Person läge statt in denen Indias, das Leben wäre um so vieles einfacher.

Gleich die nächste Ausgabe der Zeitung bewirkte dann, dass Scarlett vor Angst die Hände feucht wurden. Die nächste und die nächste und immer so weiter – mit wachsender Unruhe schlug sie die Seiten um. »Stell es dorthin«, sagte sie, als die Dienerin das Mittagessen ankündigte. Die Hühnerbrust klebte in erstarrter Soße, als sie sich endlich an den Tisch setzte, doch das war nicht schlimm. Sie war sowieso zu unruhig, um zu essen. Onkel Henry hatte recht gehabt. Es gab eine Panik, und aus gutem Grund. Die Geschäftswelt befand sich in heilloser Aufregung, ja im Zusammenbruch. Der Aktienmarkt in New York war für zehn Tage geschlossen geblieben, von dem Tag an, den die Reporter als »Schwarzen Freitag« bezeichneten, als die Aktienpreise in den Keller gefallen waren, weil alle verkauften und niemand kaufte. In den großen Städten Amerikas schlossen die Banken, weil die Kunden ihr Geld haben wollten, aber nichts mehr da war, war es doch von den Banken in »sicheren« Aktien angelegt worden, die nahezu wertlos geworden waren. Fast täglich mussten Fabriken in den großen Industriegebieten schließen, und Tausende von Arbeitern standen ohne Arbeit und ohne Geld da.

Onkel Henry meint, in Atlanta kann das nicht passieren, sagte sich Scarlett wieder und wieder. Trotzdem musste sie den Impuls unterdrücken, zur Bank zu gehen und ihr Gold aus dem Schließfach nach Hause zu holen. Wenn Rhett nicht Aktien der Bank gekauft hätte, hätte sie es getan.

Sie dachte an das, was sie sich für den Nachmittag vorgenommen hatte, und wünschte sich sehnlich, sie hätte diesen Einfall niemals gehabt, entschied jedoch, dass es sein musste. Auch wenn das Land in Panik lebte. Ja, genau genommen gerade deshalb.

Vielleicht sollte sie vorher ja ein winziges Gläschen Brandy trinken, um ihre scheuernden Magenwände zu beruhigen. Die Karaffe stand in Reichweite auf der Anrichte. Das würde ihre flatternden Nerven wenigstens halbwegs beruhigen ... Nein, man würde es ihrem Atem anmerken, auch wenn sie anschließend Petersilie oder Pfefferminzblätter aß. Sie atmete tief durch und stand vom Tisch auf. »Lauf zum Kutscherhaus hinaus und sag Elias, dass ich ausfahren will«, trug sie der Dienerin auf, die auf ihr Läuten hin hereingekommen war.

Niemand antwortete, als sie an Tante Pittypats Haustür klingelte. Aber Scarlett war sich sicher, dass sich der Spitzenvorhang an einem der Fenster des Empfangszimmers bewegt hatte. Erneut zog sie den Klingelzug. Man hörte die Klingel jenseits der Tür in der Diele und dann gedämpfte Schritte. Scarlett klingelte abermals. Kein Laut, als das Klingeln verebbt war. Sie zählte bis zwanzig. Pferd und Wagen fuhren auf der Straße hinter ihr vorbei.

Wenn mich hier jemand sieht, wie ich ausgesperrt vor der Tür stehe, kann ich ihm nie wieder ins Gesicht schauen, ohne vor Scham zu vergehen, dachte sie. Sie spürte ihre Wangen brennen. Onkel Henry hatte vollkommen recht. Alle waren gegen sie. Ihr Leben lang hatte sie von Leuten gehört, die so skandalbehaftet waren, dass kein anständiger Mensch ihnen mehr die Tür öffnete, doch selbst in ihren wildesten Fantasien wäre sie nicht auf die Idee gekommen, dass es ihr selbst so ergehen könnte. Sie war Scarlett O’Hara, die Tochter von Ellen Robillard, aus der Familie Robillard in Savannah. Ihr konnte so etwas nicht passieren.

Außerdem bin ich hier, um ein gutes Werk zu tun, dachte sie fassungslos und gekränkt. Ihre Augen fühlten sich heiß an, gleich würden die ersten Tränen fließen. Da packte sie, wie so oft, ein Anfall von Wut und Empörung. Verdammt noch mal, dies Haus gehört zur Hälfte dir! Wie konnte man es wagen, die Tür vor ihr verschlossen zu halten? Sie hieb mit der Faust gegen die Tür und rüttelte am Knauf, aber die Tür war sicher verriegelt. »Ich weiß, dass du da drin bist, India Wilkes!«, schrie Scarlett durchs Schlüsselloch. So! Ich hoffe, sie hatte gerade das Ohr daran, um zu lauschen.

»Ich bin gekommen, um mit dir zu reden, India, und ich gehe nicht wieder weg, ehe ich das nicht getan habe. Ich setze mich jetzt hier auf die Treppe, bis du aufmachst oder Ashley mit seinem Schlüssel nach Hause kommt. Du hast die Wahl.«

Scarlett wandte sich um und raffte ihre schleppenden Röcke zusammen. Sie hörte Riegel hinter sich knirschen und das Quietschen der Angeln, kaum hatte sie einen Schritt gemacht.

»Um Himmels willen, komm schon rein«, flüsterte India rau. »Du bringst uns noch bei den Nachbarn ins Gerede.«

Scarlett beäugte India kühl über die Schulter hinweg. »Vielleicht solltest du besser zu mir rauskommen und dich mit mir auf die Treppe setzen, India. Schließlich könnte ein blinder Landstreicher vorbeikommen und dir gegen Kost und Logis die Ehe anbieten.«

Kaum hatte sie das gesagt, hätte sie sich am liebsten die Zunge abgebissen. Sie war nicht hergekommen, um sich mit India zu streiten. Doch Ashleys Schwester war für sie immer schon der berühmte Stein im Schuh gewesen, und die Demütigung, die ihr die verschlossene Tür bereitet hatte, nagte an ihr.

India stieß die Tür wieder zu. Scarlett fuhr herum und stürzte darauf los, um zu verhindern, dass sie ins Schloss fiel. »Ich entschuldige mich«, sagte sie zähneknirschend. Ihr wütender Blick widerstand dem Indias. Endlich trat India zurück.

Wie hätte Rhett das geliebt!, dachte Scarlett plötzlich. In den guten Tagen ihrer Ehe hatte sie ihm immer von ihren Triumphen im Geschäftsleben und in der kleinen Welt der guten Gesellschaft von Atlanta erzählt. Immer wieder hatte er schallend gelacht und Scarlett eine »unerschöpfliche Quelle des Vergnügens« genannt. Vielleicht würde er ja wieder so lachen, wenn sie ihm erzählte, dass India geschnaubt habe wie ein Drache auf dem Rückzug.

»Was willst du?« Indias Stimme war eisig, obwohl sie vor Wut bebte.

»Es ist wirklich furchtbar nett von dir, dass du mich bittest, Platz zu nehmen und einen Tee mit mir zu trinken«, sagte Scarlett und tat so vornehm wie möglich. »Doch ich habe eben zu Mittag gegessen.« Tatsächlich hatte sie jetzt Hunger. Im Eifer des Gefechts hatte sie den Börsenkrach vollkommen vergessen. Sie hoffte, ihr Magen würde nicht anfangen zu knurren, er fühlte sich ganz hohl an.

India bezog vor der Tür des Empfangszimmers Posten. »Tante Pitty hält ihren Mittagsschlaf«, sagte sie.

Sie hat mal wieder ihre »Vapeurs«, wäre wohl der zutreffendere Ausdruck, dachte Scarlett, hütete jedoch ihre Zunge. Sie war nicht wütend auf Pittypat. Außerdem beeilte sie sich besser mit ihrem Anliegen. Sie wollte wieder gegangen sein, ehe Ashley nach Hause kam.

»Ich weiß nicht, ob du dir überhaupt im Klaren bist, India, ich hab es ja bereits angedeutet: Melly hat mir auf dem Totenbett das Versprechen abgenommen, dass ich ein Auge auf Beau und Ashley habe.«

India fuhr zusammen, als hätte sie ein Schuss getroffen.

»Sag besser nichts«, warnte Scarlett sie, »denn was es auch ist, es führt doch zu nichts, wo das nun einmal Mellys letzte Worte waren.«

»Du wirst Ashleys Namen ruinieren, wie du deinen eigenen ruiniert hast. Ich werde nicht zulassen, dass du hier herumlungerst und Schande über uns alle bringst, weil du es auf ihn abgesehen hast.«

»Das Letzte auf Gottes weiter Flur, was ich möchte, India Wilkes, ist, auch nur eine Minute länger in diesem Haus zu verbringen als unbedingt nötig. Ich bin gekommen, um dir mitzuteilen, dass du auf meine Veranlassung hin von jetzt an in meinem Laden alles bekommst, was du brauchst.«

»Die Wilkes nehmen keine Almosen an, Scarlett.«

»Du Schafskopf, ich rede nicht von Almosen. Ich rede von dem, was ich Melanie versprochen habe. Du hast ja keine Ahnung, wie schnell ein Junge in Beaus Alter Hosen abwetzt und aus seinen Schuhen herauswächst. Oder wie viel so etwas kostet. Willst du denn, dass Ashley sich wegen derlei Kleinigkeiten Sorgen machen muss, wo er an einem viel größeren Kummer zu tragen hat? Oder möchtest du, dass Beau zum Gespött der Schule wird?

Ich weiß doch, wie hoch Tante Pittys Einkünfte sind. Ich habe hier schließlich mal gewohnt, du erinnerst dich vielleicht? Es ist gerade genug, um Onkel Peter und den Wagen zu unterhalten, ein bisschen Essen auf den Tisch zu stellen und ihr Riechsalz zu bezahlen. Außerdem gibt es da im Moment eine kleine Börsenpanik, und die Hälfte der Geschäftswelt des Landes geht vor die Hunde. Ashley wird wahrscheinlich weniger Geld einnehmen als je zuvor.

Wenn ich meinen Stolz hinunterschlucken und an eure Haustür klopfen kann wie eine Verrückte, dann kannst du auch deinen hinunterschlucken und das annehmen, was ich euch geben will. Es kommt dir nicht zu, es abzulehnen, denn wenn es sich nur um dich handelte, ich würde dich verhungern lassen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Ich spreche von Beau. Und von Ashley. Und Melly – weil ich ihr versprochen habe, worum sie mich gebeten hat.

›Kümmere dich um Ashley, doch lass es ihn nicht wissen‹, hat sie gesagt. Das kann ich aber nicht, wenn du mir nicht hilfst, India.«

»Woher soll ich denn wissen, was Melanie gesagt hat?«

»Du hast mein Wort, und mein Wort ist Gold wert. Was immer du von mir halten magst, India, nie wirst du jemanden finden, der behauptet, ich hätte ein Versprechen nicht gehalten oder mein Wort gebrochen.«

India zögerte, und Scarlett wusste, sie würde gewinnen. »Du musst ja nicht selbst in den Laden gehen«, sagte sie. »Du kannst ja jemanden mit einer Liste schicken.«

India holte tief Luft. »Nur für Beaus Schulsachen«, sagte sie widerwillig.

Scarlett verkniff sich ein Lächeln. Wenn India erst einmal gemerkt hatte, wie angenehm es war, etwas umsonst zu bekommen, würde sie weit mehr als das einkaufen. Dessen war Scarlett sich sicher.

»Dann verabschiede ich mich jetzt, India. Mr. Kershaw, der Ladenvorsteher, ist der Einzige, der von der Sache weiß, und er wird es auch nicht ausplaudern. Schreib seinen Namen auf deinen Einkaufszettel, dann kümmert er sich um alles.«

Als sie sich wieder in ihrer Kutsche zurücklehnte, ließ Scarletts Magen ein vernehmliches Grummeln hören. Sie lächelte. Gott sei Dank hatte er bis jetzt damit gewartet.

Wieder zu Hause, befahl sie der Köchin, ihr das Mittagessen noch einmal heiß zu machen. Während sie darauf wartete, zu Tisch gerufen zu werden, sah sie die übrigen Seiten der Zeitungen durch und überschlug dabei diejenigen mit den Geschichten über den Börsenkrach. Es gab da eine Spalte, um die sie sich bislang nie gekümmert hatte, die sie jetzt jedoch faszinierte. Sie enthielt Nachrichten und Klatsch aus Charleston, und es hätte ja sein können, dass Rhett, seine Mutter, seine Schwester oder sein Bruder darin erwähnt worden wären.

Was nicht der Fall war, doch hatte sie es eigentlich auch nicht erwartet. Sollte wirklich etwas Aufregendes in Charleston passieren, würde sie es von Rhett selbst erfahren, wenn er das nächste Mal nach Hause kam. Dass sie sich für seine Angehörigen und den Ort interessierte, wo er aufgewachsen war, musste für ihn ein Beweis mehr sein, dass sie ihn liebte. Wieder dachte sie an jenen Satz: »... so oft, dass es kein Gerede gibt.« Wie oft das wohl war?

Scarlett fand in jener Nacht keinen Schlaf. Jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie die breite Eingangstür von Tante Pittys Haus, die verschlossen und verriegelt für sie war. Das war allein India, befand sie. Onkel Henry hatte bestimmt nicht recht mit seiner Behauptung, dass ihr alle Türen von Atlanta verschlossen bleiben würden.

Doch sie hatte ja auch nicht glauben wollen, dass er mit der Börsenpanik recht hatte, um dann feststellen zu müssen, dass es sogar noch schlimmer war, als er angedeutet hatte.

Schlaflosigkeit war ihr nicht unbekannt, und schon vor Jahren hatte sie die Erfahrung gemacht, dass ein, zwei Brandys sie beruhigten und ihr beim Einschlafen halfen. Lautlos schlich sie auf nackten Füßen die Treppe hinunter zur Anrichte im Esszimmer. Die Kristallkaraffe funkelte in allen Regenbogenfarben, als das Licht der Lampe auf sie fiel, die sie in der Hand hielt.

Am nächsten Morgen schlief sie länger als gewöhnlich. Nicht wegen des Brandys, sondern weil sie selbst mit seiner Hilfe bis kurz vor Anbruch der Dämmerung nicht hatte einschlafen können. Sie konnte nicht aufhören, voller Sorge darüber nachzudenken, was Onkel Henry gesagt hatte.

Auf ihrem Weg in den Laden hielt sie vor Mrs. Merriwethers Bäckerei. Die Verkäuferin hinter dem Tresen behandelte sie wie Luft und schien taub gegen ihre Worte zu sein.

Die hat mich behandelt, als sei ich gar nicht vorhanden, sagte sie sich entsetzt. Als sie das Trottoir überquerte, um wieder in die Kutsche zu steigen, erblickte sie Mrs. Elsing und ihre Tochter, die zu Fuß auf sie zukamen. Scarlett blieb stehen, drauf und dran zu lächeln und zu grüßen. Die beiden Elsing-Damen hielten ruckartig inne, als sie Scarlett sahen, wandten sich dann ohne ein Wort oder auch nur einen weiteren Blick ab und gingen davon. Scarlett war einen Augenblick wie gelähmt. Dann eilte sie in ihre Kutsche und verbarg ihr Gesicht in der dämmrigen Ecke ihres gepolsterten Inneren. Einen grauenhaften Augenblick lang hatte sie Angst, sie würde sich übergeben müssen.

Als die Kutsche vor ihrem Laden hielt, blieb Scarlett in ihrer Fluchtburg sitzen. Sie schickte Elias mit den Lohntüten der Verkäufer hinein. Stieg sie aus, traf sie womöglich jemanden, den sie kannte, jemanden, der sie schneiden würde. Die Vorstellung war ihr unerträglich.

India Wilkes musste hinter alldem stecken. Und das, nachdem ich ihr gegenüber so großzügig war! Das wird sie mir büßen. Niemand darf mich so behandeln, ohne dafür zu büßen.

»Zum Holzlager«, befahl sie Elias, als er zurückkehrte. Sie würde es Ashley erzählen. Er würde etwas gegen Indias Gift unternehmen müssen. Ashley würde sich für sie stark machen, er würde India zur Räson bringen und ihre Freundinnen ebenfalls.

Der Mut sank ihr jedoch bereits, als sie das Holzlager sah. Es war übervoll. Stapel um Stapel Fichtenbretter erhoben sich mit ihrem harzig süßen Duft golden in der Herbstsonne. Kein einziges Fuhrwerk war zu sehen und auch kein Lagerarbeiter. Niemand kaufte.

Scarlett hätte am liebsten geheult. Onkel Henry hat zwar behauptet, dass es so sein würde, aber ich habe nie gedacht, dass es so schlimm sein könnte. Wie konnten die Leute nur all das schöne Bauholz nicht haben wollen? Sie atmete tief ein. Der Duft von frisch geschnittenem Holz war für sie das lieblichste Parfüm der Welt. Ach, wie sehr fehlte ihr doch das Bauholzgeschäft, nie würde sie begreifen, wie sie so dumm hatte sein können, auf Rhetts Trick hereinzufallen und es Ashley zu verkaufen. Unter ihrer Leitung wäre es nie so weit gekommen. Sie hätte das Holz schon irgendwie an den Mann gebracht. Panik drohte in der Ferne, doch sie schob sie beiseite. Wenn rundherum auch alles schrecklich war, sie durfte Ashley gegenüber jetzt keinen Wirbel machen. Sie wollte, dass er ihr half.

»Der Hof sieht herrlich aus!«, sagte sie strahlend. »Du lässt die Sägemühle wohl Tag und Nacht laufen, dass du so einen anständigen Vorrat hast, Ashley?«

Er blickte von den Kontobüchern auf seinem Schreibtisch auf, und Scarlett wusste, sämtliche Fröhlichkeit der Welt war an ihm vergeudet. Sein Aussehen hatte sich keinen Deut verbessert, seit sie ihm ins Gewissen geredet hatte.

Ashley stand auf und versuchte zu lächeln. Seine eingefleischte Höflichkeit war stärker als seine Erschöpfung, doch seine Verzweiflung übertraf alles.

Ich kann ihm nicht mit India kommen, befand Scarlett, und mit dem Geschäft ebenso wenig. Er braucht alle Kraft, die er hat, für den nächsten Atemzug. Es ist, als würde er nur noch durch seine Kleider zusammengehalten.

»Scarlett, meine Liebe, wie nett von dir vorbeizuschauen. Willst du nicht Platz nehmen?«

»Nett« war das? Heiliger Strohsack! Ashley gibt ja Artigkeiten von sich wie eine aufgezogene Spieluhr. Nein, das trifft es nicht. Er hört sich eher an, als wisse er gar nicht, was aus seinem Mund herauskommt, ich glaube, das kommt der Wahrheit schon näher. Was kümmert es ihn, dass ich auch noch den letzten Rest meines guten Rufes aufs Spiel setze, indem ich ohne Anstandsdame hier herkomme? Ihn kümmert nichts außer sich selbst – jeder Dummkopf kann das erkennen –, weshalb sollte er sich meinetwegen Gedanken machen? Ich kann mich doch nicht einfach hinsetzen und höflich Konversation machen! Aber was bleibt mir übrig?

»Danke, Ashley«, sagte sie und setzte sich auf den Stuhl, den er ihr hingeschoben hatte. Sie würde sich zwingen, eine Viertelstunde zu bleiben, inhaltslose, lebhafte Bemerkungen über das Wetter zu machen und unterhaltsame Geschichten darüber zu erzählen, wie schön die Zeit auf Tara gewesen war. Von Mammy kann ich nicht gut erzählen, das würde ihn zu sehr aufregen. Von Tonys Heimkehr hingegen schon, das war etwas anderes. Das war eine gute Nachricht. Scarlett fing an zu sprechen.

»Ich war auf Tara ...«

»Warum hast du mich aufgehalten, Scarlett?«, fragte Ashley völlig unvermittelt. Seine Stimme war tonlos, leblos, es stand eine wirkliche Frage dahinter. Scarlett wusste damit nichts anzufangen.

»Warum hast du mich aufgehalten?«, fragte er wieder, und diesmal waren Zorn, bittere Enttäuschung und Schmerz aus seinen Worten zu hören. »Ich wollte in ihr Grab. Irgendein Grab, nicht bloß das von Melanie. Das ist das Einzige, wozu ich noch tauge ... Nein, sag jetzt nichts, Scarlett, was immer du gerade sagen willst. Ich bin von so vielen wohlmeinenden Menschen getröstet und aufgerichtet worden, dass ich das alles schon hundertmal gehört habe. Von dir erwarte ich etwas Besseres als die üblichen Platitüden. Ich wäre dir dankbar, wenn du aussprächst, was du denkst ... dass ich das Holzgeschäft kaputtgehen lasse. Dein Holzgeschäft, in das du dein ganzes Herzblut investiert hast. Ich bin ein elender Versager, Scarlett. Das weißt du. Ich weiß es. Die ganze Welt weiß es. Warum müssen wir denn alle so tun, als sei es nicht so? Mach mir doch Vorwürfe, worauf wartest du noch? Du kannst unmöglich schlimmere Vorwürfe an mich richten als ich selbst, du kannst meine Gefühle gar nicht verletzen – Gott, wie ich diesen Ausdruck hasse! Als hätte ich noch irgendwelche Gefühle, die sich verletzen ließen. Als könnte ich überhaupt noch etwas fühlen.«

Ashley bewegte langsam und schwerfällig den Kopf hin und her. Er war wie ein tödlich verwundetes Tier, das von einem Rudel Raubtiere zur Strecke gebracht wurde. Aus seiner Kehle drang ein einziger, herzzerreißender Schluchzer, und er wandte sich ab. »Verzeih, Scarlett, ich flehe dich an. Ich hatte kein Recht, dich mit meinen Sorgen zu belasten. Jetzt muss ich zu allem auch noch die Schande dieses Ausbruchs auf mich nehmen. Hab Erbarmen, meine Liebe, und lass mich allein. Ich wäre dir dankbar, wenn du jetzt gehen würdest.«

Scarlett flüchtete ohne ein Wort.

Später saß sie an ihrem Schreibtisch, die Unterlagen über ihre sämtlichen Besitztümer säuberlich vor sich aufgestapelt. Es würde schwieriger werden, als sie gedacht hatte, ihr Versprechen zu halten: Kleidung und Haushaltsartikel waren bei Weitem nicht genug.

Ashley selbst würde keinen Finger heben, um wieder auf die Beine zu kommen. Sie allein würde ihn wieder hochbringen müssen, ob er nun dabei mithalf oder nicht. Sie hatte es Melanie versprochen.

Und sie konnte es auch nicht ertragen, das Geschäft, das sie aufgebaut hatte, in den Ruin schlittern zu sehen.

Scarlett machte eine Liste ihrer Aktivposten.

Der Laden, das Gebäude und der Verkauf. Er warf im Monat fast hundert Dollar Reingewinn ab, doch der würde zweifellos um einiges sinken, wenn die »Panik« erst Atlanta erreichte und die Leute kein Geld mehr zum Ausgeben hatten. Sie machte sich eine Notiz, dass sie mehr billige Waren und weniger Luxusartikel wie breites Samtband bestellen musste.

Der Saloon auf ihrem Grundstück in der Nähe des Bahnhofs. Er gehörte ihr eigentlich nicht, sie hatte Grundstück und Gebäude an den Inhaber für dreißig Dollar im Monat verpachtet. Die Leute würden wahrscheinlich mehr trinken denn je, wenn die Zeiten hart wurden, vielleicht sollte sie die Pacht erhöhen. Aber ein paar Dollar mehr im Monat würden nicht ausreichen, um Ashley aus der Patsche zu helfen. Sie brauchte richtiges Geld.

Das Gold in ihrem Schließfach. Sie hatte richtiges Geld, mehr als fünfundzwanzigtausend Dollar in Gold. In den Augen der Leute war sie eine reiche Frau. Aus eigener Kraft. Doch nicht in ihren eigenen Augen. Sie fühlte sich immer noch nicht sicher.

Ich könnte das Geschäft von Ashley zurückkaufen, dachte sie, und einen Augenblick summte ihr Hirn vor Erregung und Einfällen. Dann seufzte sie. Das würde überhaupt nichts lösen. Ashley war ein derartiger Narr, dass er darauf bestehen würde, dafür nur so viel zu nehmen, wie er auch auf dem Markt dafür bekommen würde, und das war nicht eben viel. Außerdem würde er sich, wenn sie das Geschäft mit Erfolg führte, mehr denn je als Versager fühlen. Nein, so gern sie die Hand auch auf das Holzlager und die Sägemühle gelegt hätte, sie musste einen Weg finden, dass Ashley selbst damit Erfolg hatte.

Ich glaube einfach nicht, dass es keinen Markt für Bauholz mehr gibt. Panik hin, Panik her, die Leute müssen doch irgendetwas bauen, und wenn es nur ein Stall für eine Kuh oder ein Pferd ist.

Scarlett blätterte rasch den Stapel Unterlagen durch. Sie hatte eine Idee.

Da war es, das Stück Ackerland, das Charles Hamilton ihr hinterlassen hatte. Farmen brachten so gut wie nichts ein. Was nützen ihr schon ein paar Körbe Mais und ein, zwei Baumwollballen? Mit der Verpachtung verschleuderte man nur guten Boden, es sei denn, man hatte wenigstens tausend Hektar und ein Dutzend tüchtige Farmer. Doch lagen diese hundert Hektar inzwischen unmittelbar am Rand von Atlanta, so rasch war die Stadt gewachsen. Wenn sie einen tüchtigen Bauunternehmer fände – und die mussten doch alle mächtig arbeitshungrig sein –, konnte sie dort hundert Billighäuser hinstellen, vielleicht sogar zweihundert. Alle, die jetzt Geld verloren, würden den Gürtel enger schnallen und kürzer treten müssen. Ihre großen Häuser würden zuallererst den Bach hinuntergehen, und sie würden sich etwas zum Wohnen suchen müssen, das sie sich leisten konnten.

Daran verdiene ich zwar so gut wie nichts, doch verliere ich auch nicht viel. Und ich sorge dafür, dass der Bauunternehmer nur Bauholz von Ashley verwendet und obendrein das Beste, das er hat. Er wird Geld machen – kein Vermögen, aber ein anständiges, solides Einkommen –, und er wird niemals erfahren, woher es stammt. Ich kriege das schon irgendwie hin. Ich brauche weiter nichts als einen Baumeister, der den Mund halten kann. Und der nicht allzu viel stiehlt.

Am nächsten Tag fuhr Scarlett hinaus, um den Farmern die Pacht aufzukündigen.

7. KAPITEL

»Doch, Ma’am, ich bin durchaus hinter Aufträgen her«, sagte Joe Colleton. Der Bauunternehmer war ein kleiner, hagerer Mann in den Vierzigern; er wirkte jedoch wesentlich älter, weil sein dichtes Haar schlohweiß und sein Gesicht von der Arbeit im Freien gebräunt und gegerbt war. Er blickte finster, und die tiefgerunzelten Brauen überschatteten seine dunklen Augen. »Ich brauche zwar Arbeit, aber nicht so dringend, dass ich für Sie arbeiten würde.«

Scarlett war nahe dran, sich auf dem Absatz umzudrehen und wieder zu gehen. Sie musste sich von irgendeinem emporgekommenen weißen Habenichts keine Beleidigungen bieten lassen. Doch sie brauchte Colleton. Er war der einzige grundehrliche Bauunternehmer in Atlanta, das wusste sie aus den Jahren des Booms, während des Wiederaufbaus nach dem Krieg, als sie ihnen allen Bauholz verkauft hatte. Am liebsten hätte sie mit dem Fuß aufgestampft. Es war alles Mellys Fehler. Würde es diese alberne Bedingung nicht geben, Ashley nicht wissen zu lassen, dass sie ihm half, könnte sie jeden anderen Bauunternehmer engagieren, weil sie ihm dann wie ein Habicht auf die Finger schauen und jeden einzelnen Schritt der Bauarbeiten selbst überwachen würde. Wie viel Spaß würde ihr das im Übrigen machen!

Doch es durfte nicht herauskommen, dass sie damit zu tun hatte. Und sie konnte niemandem trauen außer Colleton. Er musste den Auftrag ganz einfach übernehmen, sie musste ihn dazu bringen. Sie legte ihre kleine Hand auf seinen Arm. Sie wirkte sehr zart in ihrem engen Glacéhandschuh. »Mr. Colleton, ich weiß nicht ein noch aus, wenn Sie Nein sagen. Es handelt sich um einen ganz speziellen Auftrag, und ich bin auf Ihre Hilfe angewiesen.« Sie sah ihn flehentlich mit hilfloser Miene an. Zu dumm, dass er nicht größer war als sie. Es war nicht einfach, jemandem, der die eigene Größe hatte, das zerbrechliche kleine Ding vorzuspielen. Trotzdem, oft waren gerade die drahtigen kleinen Draufgänger die besten Beschützer der Frauen. »Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn Sie mich im Stich lassen.«

Colletons Arm wurde steif. »Mrs. Butler, Sie haben mir einmal grünes Holz verkauft, obwohl Sie erklärt hatten, es sei abgelagert. Ich mach kein zweites Mal Geschäfte mit jemandem, der mich betrogen hat.«

»Das muss ein Missverständnis gewesen sein, Mr. Colleton. Da war ich ja selbst noch grün und war gerade erst ins Holzgeschäft eingestiegen. Sie werden doch noch wissen, wie das in den Tagen war. Die Yankees saßen uns jede Minute im Nacken. Ich hatte die ganze Zeit eine tödliche Angst.« Ihre Augen schwammen in ungeweinten Tränen, und ihre nur ganz leicht geschminkten Lippen zitterten. Sie war ein kleines, hilfloses Persönchen. »Mr. Kennedy, mein Mann, wurde getötet, als die Yankees eine Versammlung des Klans hochgehen ließen.«

Colletons direkter, wissender Blick war verwirrend. Seine Augen befanden sich auf einer Höhe mit ihren, und sein Blick war marmorhart. Scarlett nahm ihre Hand von seinem Ärmel. Was sollte sie bloß machen? Sie durfte nicht scheitern, nicht in dieser Sache. Er musste den Auftrag übernehmen.

»Ich habe es meiner liebsten Freundin am Totenbett versprochen, Mr. Colleton.« Die Tränen, die sie vergoss, waren ungeplant. »Mrs. Wilkes hat mich um Hilfe gebeten, und ich bitte jetzt Sie darum.« Sie sprudelte die ganze Geschichte hervor: Wie Melanie Ashley immer beschützt habe ... Ashley zum Geschäftsmann völlig ungeeignet sei ... wie er versucht habe, zu seiner Frau ins Grab zu springen ... Die Stapel von unverkauftem Bauholz ... Die Notwendigkeit, das Ganze geheim zu halten ...

Colleton hob die Hand, um sie zu unterbrechen. »Also gut, Mrs. Butler. Wenn es für Mrs. Wilkes ist, übernehme ich den Auftrag.« Er ließ die Hand sinken und streckte sie ihr entgegen. »Meine Hand darauf. Sie bekommen die bestmöglichen Häuser in der besten Qualität.«

Scarlett schlug ein. »Danke«, sagte sie. Sie hatte das Gefühl, den Sieg ihres Lebens errungen zu haben.

Erst ein paar Stunden später ging ihr auf, dass sie ja gar nicht die Absicht gehabt hatte, von allem das Beste zu verwenden, sondern nur bestes Bauholz. Die elenden Häuser würden sie noch ein Vermögen kosten, und zwar ihr eigenes schwer verdientes Geld. Ohne zu ihrem Ansehen beizutragen. Alle würden ihr nach wie vor die Tür vor der Nase zuschlagen.

Nun ja, nicht alle. Sie kannte jede Menge anderer Leute, und die waren weitaus unterhaltsamer als die altmodischen, alteingesessenen Familien Atlantas.

Scarlett schob die Skizze beiseite, die Joe Colleton auf einer Papiertüte für sie angefertigt hatte, damit sie sich ein Bild machen und ihre Einwilligung dazu geben konnte. Sie würde weitaus interessierter bei der Sache sein, wenn er ihr seinen Kostenvoranschlag präsentierte. Was sollte das schon für eine Rolle spielen, wie die Häuser aussahen oder wo er die Treppe hinbaute?

Sie nahm ihr samtgebundenes Adressbüchlein aus einer Schublade und begann eine Liste aufzustellen. Sie beabsichtigte, eine Gesellschaft zu geben. Eine große mit Musik, Strömen von Champagner und riesigen Mengen des besten, teuersten Essens. Jetzt, wo sie die Volltrauer abgelegt hatte, war es höchste Zeit, ihre Bekannten wissen zu lassen, dass sie wieder eingeladen werden konnte, und der beste Weg, das zu tun, war, selbst mit einer Einladung zu beginnen.

Ihr Blick überflog die Namen der alten Familien Atlantas. Die finden doch alle nur, ich sollte wegen Melly meine Trauer fortsetzen, zwecklos, sie zu bitten. Es besteht kein Grund, dass ich mich in schwarze Seide hülle. Melly war nicht meine Schwester, nur meine Schwägerin, und ich bin mir nicht einmal sicher, dass das zählt, da Charles Hamilton nur mein erster Mann war und nach ihm noch zwei weitere gekommen sind.

Scarlett sackten die Schultern herab. Charles Hamilton tat überhaupt nichts zur Sache und schwarze Seidenkleider ebenso wenig. Sie trauerte völlig aufrichtig um Melanie, und die Trauer drückte ihr aufs Gemüt, war ihr ohne Unterlass schmerzlich bewusst. Sie vermisste die sanftmütige, liebevolle Freundin, die für sie so sehr viel mehr Bedeutung gehabt hatte, als ihr jemals klar geworden war; die Welt war kälter und dunkler ohne Melanie. Und so einsam. Scarlett war erst seit zwei Tagen vom Land zurück, und doch hatte sie in den beiden Nächten so viel Einsamkeit erfahren, dass sich eine tiefe Furcht in ihr eingenistet hatte.

Mit Melanie hätte sie darüber sprechen können, dass Rhett sie verlassen hatte, Melanie war der einzige Mensch, den sie je in einer derart schändlichen Sache hätte ins Vertrauen ziehen können. Außerdem hätte ihr Melly das gesagt, was sie hören wollte. »Selbstverständlich kommt er zurück, Schatz«, hätte sie ihr gesagt, »er liebt dich so sehr.« Das waren ihre Worte gewesen, kurz bevor sie starb: »Sei gut zu Captain Butler, er liebt dich so sehr.«

Schon die Erinnerung an Melanies Worte bewirkte, dass Scarlett sich besser fühlte. Wenn Melly gesagt hatte, dass Rhett sie liebte, dann tat er es auch, und es war nicht nur ihr eigenes Wunschdenken. Scarlett befreite sich aus ihrer düsteren Stimmung und straffte die Schultern. Sie brauchte überhaupt nicht einsam zu sein. Es spielte überhaupt keine Rolle, dass Atlantas alte Garde womöglich nie wieder mit ihr sprechen würde. Sie hatte genügend Freunde. Sieh mal an, die Gästeliste war bereits zwei Seiten lang, und dabei war sie in ihrem Buch erst bei L angelangt.

Die Freunde, die Scarlett einzuladen beabsichtigte, waren die extravaganten und erfolgreichsten jener Spekulanten, die in den Tagen des Wiederaufbaus gleich hordenweise nach Georgia gekommen waren. Sie hatten die Gegend wieder verlassen, als 1871 die Regierung abgesetzt wurde, doch etliche waren geblieben und erfreuten sich nach wie vor ihrer großen Häuser und gewaltigen Vermögen aus der Zeit, als die Leiche der Konföderation gefleddert worden war. Sie fühlten sich nicht verlockt, »nach Hause« zurückzukehren. Ihre Herkunft vergaß man besser.

Rhett hatte sie immer verachtet, von »Abschaum« gesprochen und das Haus verlassen, wenn Scarlett ihre rauschenden Feste gab. Scarlett fand das albern und hatte es ihm auch gesagt: »Reiche Leute sind so viel unterhaltsamer als arme. Sie haben schöne Kleider, größere Kutschen und teureren Schmuck, und sie bewirten einen besser, wenn man sie besucht.«

Doch nichts in irgendeinem der Häuser ihrer Freunde war auch nur annähernd so elegant wie das Büfett auf Scarletts Gesellschaften. Dies, so beschloss sie jetzt, würde der prachtvollste Empfang von allen werden. Unter der Unterschrift »Nicht vergessen« begann sie eine zweite Liste anzulegen, auf der beispielsweise stand, dass sie Eisschwäne für die kalten Gerichte und zehn weitere Kisten Champagner bestellen musste. Und außerdem ein neues Kleid. Sie musste sofort, nachdem sie dem Drucker den Auftrag für die Einladungen erteilt hatte, zu ihrer Schneiderin.

Scarlett legte den Kopf zurück, um die steifen weißen Rüschen der Kappe im Maria-Stuart-Stil zu bewundern. Die Spitze vorn an der Stirn war wirklich sehr kleidsam. Sie betonte den schwarzen Bogen ihrer Brauen und das leuchtende Grün ihrer Augen. Ihr Haar wirkte wie schwarze Seide, wie es sich zu beiden Seiten der Rüschen in Locken über ihre Schultern ergoss. Wer hätte je gedacht, dass Schwarz so schmeichelhaft sein konnte?

Sie wandte sich hin und her und schaute über die Schulter in den Spiegel an einem der Pfeiler. Der Perlenbesatz und die Quasten aus Jet an ihrem Kleid glitzerten auf äußerst befriedigende Weise.

»Normale« Trauer war nicht so scheußlich wie Volltrauer, man hatte doch allerhand Spielraum, wenn man eine derart lilienweiße Haut hatte, die sich in einem tiefen Ausschnitt vorzeigen ließ.

Sie trat an ihren Toilettentisch und betupfte sich Schultern und Hals mit Parfüm. Sie beeilte sich besser, ihre Gäste mussten jeden Augenblick eintreffen. Sie konnte bereits die Musiker unten ihre Instrumente stimmen hören. Ihre Augen weideten sich an dem ungeordneten Haufen weißer Karten zwischen den Haarbürsten und Silberspiegeln. Die Einladungen waren nur so hereingeströmt, als ihre Freunde erfahren hatten, dass sie sich wieder in den gesellschaftlichen Strudel stürzen wollte; das reichte für Wochen über Wochen. Und dann würden wieder neue Einladungen kommen, und sie würde einen weiteren Empfang geben. Vielleicht auch einen Ball während der Weihnachtswochen. Ja, alles würde sich zum Besten entwickeln. Sie war so aufgeregt wie ein Mädchen vor seiner ersten Gesellschaft. Nun ja, das war auch kein Wunder. Schließlich war es sieben Monate her, dass sie zuletzt auf einer gewesen war.

Einmal abgesehen von Tony Fontaines Heimkehr. Die Erinnerung daran ließ sie lächeln. Der gute Tony in seinen Stiefeln mit den hohen Absätzen und mit seinem Silbersattel. Wie hätte sie sich gefreut, wenn er heute Abend auf ihre Gesellschaft gekommen wäre. Den Leuten wären vielleicht die Augen aus dem Kopf gefallen, wenn er seinen Trick mit den wirbelnden sechsschüssigen Revolvern vorgeführt hätte!

Sie musste gehen, die Musiker spielten bereits, es war schon spät.

Scarlett eilte die mit rotem Teppich belegten Stufen hinab und schnüffelte beifällig, als ihr der Duft der Treibhausblumen in die Nase stieg, die in jedem Zimmer riesige Vasen füllten. Ihre Augen funkelten vor Freude, als sie von Zimmer zu Zimmer ging, um zu überprüfen, ob auch alles in Ordnung war. Alles war perfekt. Dem Himmel sei Dank, dass Pansy von Tara zurück war. Sie verstand sich ausgezeichnet darauf, andere Dienstboten zur Pflichterfüllung anzuhalten, viel besser als der neue Butler, den sie für Pork eingestellt hatte. Scarlett nahm sich ein Glas Champagner von dem Tablett, das der neue Mann ihr hinstreckte. Wenigstens war er gut im Servieren, tatsächlich sehr stilvoll, wie er das tat, und Scarlett war sehr daran gelegen, dass die Dinge stilvoll waren.

In diesem Augenblick ging die Türglocke. Sie verblüffte den Diener durch ihr glückstrahlendes Lächeln, dann steuerte sie die Diele an, um ihre Freunde zu begrüßen.

Fast eine Stunde lang riss der Strom der Ankömmlinge nicht ab, und das Haus füllte sich mit lauten Stimmen, dem überwältigenden Duft von Parfüm und Puder, den leuchtenden Farben von Seiden- und Satinkleidern, Rubinen und Saphiren.

Scarlett bewegte sich lächelnd und lachend durch das bunte Gewoge, flirtete lässig mit den Männern und ließ sich die übertriebenen Komplimente der Frauen gefallen. Sie seien so froh, sie wiederzusehen, sie hätten sie so sehr vermisst, niemand gebe so aufregende Gesellschaften wie sie, kein Haus sei so schön, kein Kleid so elegant, kein Haar so glänzend, keine Figur so jugendlich, kein Teint von so vollkommener, milchiger Reinheit.

Ich unterhalte mich bestens. Es ist ein herrliches Fest.

Sie warf einen Blick über die Silberschüsseln und Tabletts auf dem langen, polierten Tisch, wollte sichergehen, dass auch immer nachgefüllt wurde. Riesenmengen Essen, übertriebene Mengen Essen waren wichtig für sie, denn sie hatte nie völlig vergessen können, was es bedeutet hatte, gegen Ende des Krieges so sehr hungern zu müssen. Ihre Freundin Mamie Bart fing ihren Blick auf und lächelte. Ein Rinnsal Buttersauce aus dem halb aufgegessenen Austernpastetchen in ihrer Hand lief Mamie aus dem Mundwinkel auf die Brillantkette, die ihren dicken Hals umschloss. Scarlett wandte dich angewidert ab. Mamie würde demnächst so gewaltig sein wie ein Elefant. Gott sei Dank, ich kann essen, was ich will, und nehme nie ein Pfund zu.

Sie lächelte Harry Connington, dem Mann ihrer Freundin Sylvia, verführerisch zu. »Du musst ein Elixier entdeckt haben, Harry, du siehst zehn Jahre jünger aus als bei unserer letzten Begegnung.« Mit boshaftem Vergnügen beobachtete sie, wie Harry den Bauch einzog. Sein Gesicht wurde erst rot, dann violett, bis er darauf verzichtete, ihn eingezogen zu halten. Scarlett amüsierte sich.

Lautes Gelächter zog jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich, und sie schlenderte auf das Trio von Männern zu, von denen es herüberschallte. Sie hatte sehr viel übrig für Scherze, mochte es sich auch um einen von denen handeln, die Damen angeblich nicht verstanden.

»... also sag ich mir, ›Bill‹, sag ich mir, ›des einen Panik ist des anderen Profit, und ich weiß schon, auf welcher Seite unser guter alter Bill zu finden sein wird ...‹«

Scarlett wollte sich schon abwenden. Sie wollte heute abend ihren Spaß haben, und Gespräche über die Börsenpanik entsprachen nicht gerade ihrer Vorstellung von Spaß. Immerhin, vielleicht gab es ja etwas aufzuschnappen. Sie war zwar, selbst wenn sie schlief, noch dreimal schlauer als Bill Weller an seinem besten Tag, davon war sie überzeugt. Doch wenn er von Profit sprach, dann wollte sie wissen, was er damit meinte. Unauffällig trat sie näher.

»Diese dumpfen Südstaatler, die haben mir von Anfang an Kopfschmerzen gemacht«, gestand Bill. »Es lässt sich nun mal nichts anfangen mit einem Mann, der nicht über die natürliche menschliche Habgier verfügt, und alle ›Verdreifache-dein-Geld-Anleihen‹ und auch die Anteilscheine an Goldminen, mit denen ich sie bombardiert habe, waren schlicht ein Schuss in den Ofen. Die haben härter gearbeitet als je ein Nigger und jeden Penny, den sie verdient haben, für den nächsten Engpass auf die hohe Kante gelegt. Und dann erwies sich, dass viele von ihnen auch schon ’ne Schachtel Anleihen und solche Sachen hatten. Von der Konföderierten-Regierung.« Bills röhrendes Gelächter zog das der beiden anderen nach sich.

Scarlett kochte vor Wut. »Dumpfe Südstaatler« – in der Tat! Ihr eigener, geliebter Pa hatte eine »Schachtel« voller Anleihen der Konföderation besessen. Wie alle anständigen Menschen in Clayton County. Sie versuchte, sich zu entfernen, wurde jedoch durch die Leute hinter ihr daran gehindert, die ebenfalls durch das Gelächter der Gruppe um Bill Weller angezogen worden waren. »Nach einiger Zeit bin ich dann dahintergekommen«, fuhr Weller fort. »Die hatten einfach kein großes Vertrauen in irgendwelches Papier. Und auch sonst in keine von den Sachen, die ich ausprobiert habe. Ich hab’s mit Wunderkuren, Blitzableitern und all den andern todsicheren Verkaufsschlagern versucht, doch nichts hat auch nur einen Funken Erfolg gehabt. Ich sag euch, Jungs, mein Stolz war verletzt.« Er setzte eine Leichenbittermiene auf, dann grinste er wieder breit und ließ drei große goldene Backenzähne sehen.

»Ich brauche euch wohl nicht zu erzählen, dass Lula und ich trotzdem nicht gerade hätten darben müssen, wenn mir nichts eingefallen wäre. In den guten, fetten Tagen, als die Republikaner Georgia in der Hand hatten, hab ich genug aus den Eisenbahnverträgen herausgeholt, die die Jungs mir zugeschanzt hatten, so dass wir selbst dann noch wie die Maden im Speck leben könnten, wenn ich wirklich so dämlich gewesen wäre, mich aufzumachen und die Eisenbahnlinien auch tatsächlich zu bauen. Aber ich bin nun mal gern im Geschäft, und Lula fing in letzter Zeit schon an, nervös zu werden, da ich zu viel im Haus herumlungerte, schließlich hatte ich ja kein Geschäft, um das ich mich hätte kümmern können. Und dann – dem Herrn sei Dank – kommt auf einmal die ›Panik‹, und sämtliche Südstaatler raffen ihre Ersparnisse aus der Bank und stopfen das Geld in ihre Matratzen. Jedes Haus – selbst noch die kleinste Elendshütte – ist eine goldene Gelegenheit, die ich mir einfach nicht entgehen lassen darf.«

»Mann, Bill, hör auf mit dem Gequatsche, was ist das denn nun für ein Einfall? Ich verdurste noch, bis du dir endlich genug auf die eigene Schulter geklopft hast und zur Sache kommst.« Amos Bart unterstrich seine Ungeduld, indem er nachdrücklich ausspuckte und dabei den angepeilten Napf nur knapp verfehlte.

Scarlett war ebenfalls ungeduldig. Ungeduldig wegzukommen.

»Immer mit der Ruhe, Amos, ich komme schon noch hin. Auf welche Weise kommt man an diese Matratzen ran? Ich bin ja nicht gerade ein Erweckungsprediger. Ich sitze lieber hinter meinem Schreibtisch und lasse meine Angestellten den hektischen Teil übernehmen. Als ich also wieder mal in meinem Drehstuhl sitze und aus dem Fenster blicke, da sehe ich einen Trauerzug vorbeikommen. Und da zündet’s bei mir. Es gibt in ganz Georgia kein Dach, unter dem nicht einst ein geliebter Mensch lebte, der nicht mehr ist.«

Scarlett starrte Bill Weller grauenerfüllt an, als er den Betrug schilderte, der seinen Reichtum noch vermehrte. »Die Mütter und Witwen sind am leichtesten zu handhaben, und von denen gibt es mehr als von allen anderen. Sie zucken nicht mit der Wimper, wenn meine Jungs ihnen erzählen, die Konföderierten Veteranen errichteten überall auf den Schlachtfeldern Denkmäler, und leeren ihre Matratze schneller, als man ›Abe Lincoln‹ sagen kann, um dafür zu bezahlen, dass der Name ihres Jungen in Marmor geschnitten wird.« Es war schlimmer, als Scarlett es sich je vorgestellt hatte.

»Du schlauer alter Fuchs, Bill, das ist reinweg genial!«, rief Amos, und die Männer lachten noch lauter als zuvor. Scarlett hatte das Gefühl, dass ihr gleich schlecht wurde. Nicht existente Eisenbahnen und Goldminen hatten sie nie weiter beschäftigt, doch die Mütter und Witwen, die Bill Weller betrog, das waren ihre eigenen Leute. Vielleicht hatte er seine Männer gerade erst zu Beatrice Tarleton, zu Cathleen Calvert, Dimitry Munroe oder sonst irgendeiner Frau in Clayton County geschickt, die einen Sohn, einen Bruder oder den Mann verloren hatte.

Ihre Stimme schnitt wie ein Messer durch das Gelächter. »Das ist die niederträchtigste, schmutzigste Geschichte, die ich im ganzen Leben gehört habe. Sie widern mich an, Bill Weller. Alle widert ihr mich an. Was wisst ihr schon von den Südstaatlern – überhaupt von irgendwelchen anständigen Menschen? Ihr habt im ganzen Leben doch noch keinen anständigen Gedanken gefasst oder irgend etwas Anständiges getan!« Mit ausgestreckten Armen drängte sie durch die völlig fassungslosen Männer und Frauen, die sich um Weller versammelt hatten, und eilte davon, nicht, ohne sich die Hände an den Röcken abzuwischen, um sie von der Berührung mit ihnen zu säubern.

Das Esszimmer und die funkelnden Silberschüsseln voller raffinierter Speisen breiteten sich vor ihr aus. Ekel würgte sie, als sie den Duft der üppigen, schweren Saucen einatmete, der sich mit dem Geruch vollgespiener Spucknäpfe mischte. Sie sah die vom Lampenschein erleuchtete Tafel der Fontaines vor sich, die schlichte Mahlzeit mit eigenem Gemüse. Da gehörte sie hin, das waren ihre Leute, nicht diese vulgären, wertlosen, aufgedonnerten Frauen und Männer.

Scarlett wandte sich um und bot Weller und seinen Freunden die Stirn. »Abschaum!«, schrie sie. »Das seid ihr: Abschaum! Aus meinem Haus, mir aus den Augen, mir wird schlecht bei eurem Anblick!«

Mamie Bart beging den Fehler, sie beruhigen zu wollen. »Ach, lassen Sie doch, Schätzchen ...«, sagte sie und streckte ihr die juwelengeschmückte Hand hin.

Scarlett wich zurück, ehe sie sie berühren konnte. »Gerade du, du fetttriefende Sau.«

»Nicht mit mir«, Mamie Barts Stimme bebte. »Der Teufel soll mich holen, wenn ich mir das gefallen lasse. Selbst wenn Sie mich auf den Knien darum anflehen, Scarlett Butler, würde ich hier nicht bleiben.«

Ein wütendes Gedränge und Getrappel begann, und in weniger als zehn Minuten waren sämtliche Zimmer leer, bis auf die Überreste des Massenaufbruchs. Scarlett bahnte sich ihren Weg zwischen verstreuten Essensresten, Champagnerpfützen, zerbrochenen Tellern und Gläsern, ohne zu Boden zu blicken. Sie musste den Kopf hoch tragen, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte. Sie stellte sich vor, wieder auf Tara zu sein und einen schweren Band der Waverley-Romane auf dem Kopf zu balancieren, und so stieg sie die Treppen hinauf, Rücken tannengerade und das Kinn im perfekten Winkel zu den Schultern.

Wie eine Dame. Wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte. In ihrem Kopf drehte sich alles, und ihre Beine zitterten, doch sie ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Eine Dame ließ sich niemals anmerken, dass sie müde oder erregt war.

»Höchste Zeit, dass sie das getan hat, denen hat sie’s gegeben«, sagte der Hornist. Das Oktett hatte schon auf etlichen von Scarletts Empfängen gespielt.

Einer der Violinisten spuckte treffsicher in einen der Palmkübel. »Nur zu spät, würde ich sagen. Wer bei den Hunden liegt, steht mit Flöhen auf.«

Über ihnen lag Scarlett mit dem Gesicht nach unten auf ihrem seidenen Bett und schluchzte herzzerreißend. Sie hatte sich doch so auf diesen Abend gefreut.

Später an jenem Abend, als das Haus still und dunkel war, ging Scarlett hinunter, um sich einen Schlummertrunk einzuschenken. Alle Spuren des Festes waren bereits beseitigt, sah man von den raffinierten Blumenarrangements und den halb herabgebrannten Kerzen in dem sechsarmigen Kandelaber auf dem nackten Tisch im Esszimmer ab.

Scarlett zündete die Kerzen an und blies ihre Lampe aus. Warum sollte sie wie eine Diebin in fast völliger Finsternis herumschleichen? Es war ihr Haus, ihr Brandy, und sie konnte tun, was ihr gefiel.

Sie wählte ein Glas, trug es mitsamt der Karaffe zum Tisch und setzte sich in den Lehnstuhl am Kopfende. Und auch der Tisch gehörte ihr.

Der Brandy sandte entspannende Wärme durch ihren Körper, und Scarlett seufzte. Gott sei Dank. Noch ein Glas, und diese schreckliche Nervenanspannung müsste eigentlich aufhören. Sie füllte das elegante kleine Likörglas erneut und schüttete den Inhalt mit einem geübten Abknicken des Handgelenks auf einmal hinunter. Nicht so hastig, dachte sie. Ist nicht damenhaft.

Ihr drittes Glas trank sie in kleinen Schlucken. Wie hübsch das Kerzenlicht war, schöne goldene Flammen, die sich auf der polierten Tischplatte spiegelten. Auch das Glas war hübsch. Seine geschliffenen Facetten leuchteten in allen Regenbogenfarben, wenn sie es zwischen den Fingern drehte.

Im Haus war es still wie in einer Gruft. Das Klingen von Glas gegen Glas ließ sie auffahren, als sie sich nachschenkte. Das bewies ja wohl, dass sie ihn brauchte, oder? Sie war immer noch zu überdreht, um zu schlafen.

Die Kerzen brannten herab, die Karaffe leerte sich allmählich, und die Kontrolle, die Scarlett normalerweise über Gedanken und Gedächtnis hatte, lockerte sich. Dies war das Zimmer, in dem alles angefangen hatte. Der Tisch war leer gewesen, nur Kerzen hatten darauf gestanden und das silberne Tablett mit der Brandykaraffe und Gläsern. Rhett war betrunken. Niemals vorher hatte sie ihn betrunken erlebt wie in jener Nacht, er hatte Alkohol immer gut vertragen. Betrunken und grausam war er gewesen. Er hatte grässliche, verletzende Dinge zu ihr gesagt und ihr den Arm umgedreht, sodass sie vor Schmerz laut aufschreien musste.

Und dann ... dann hatte er sie in ihre Zimmer hinaufgetragen und mit Gewalt genommen. Nur ... dass es keiner Gewalt bedurfte. Sie war wie elektrisiert, als er sie anfasste, als er ihre Lippen, ihren Hals und ihren Körper küsste. Sie brannte unter seiner Berührung und schrie nach mehr, und ihr Körper bog sich ihm wieder und wieder verlangend entgegen ...

Es konnte nicht wahr sein. Sie musste das alles geträumt haben, doch wie konnte man solche Dinge träumen, wenn man sich niemals hätte träumen lassen, dass sie überhaupt existierten?

Keine Dame würde jemals solch ungezügeltes Verlangen spüren, wie sie es gespürt hatte, keine Dame würde die Dinge tun, die sie getan hatte. Scarlett versuchte, ihre Gedanken in den dunklen Winkel ihres Kopfes zurückzuscheuchen, in dem sie das Unerträgliche und das Undenkbare aufbewahrte. Doch sie hatte zu viel getrunken.

Es ist aber doch passiert, schrie ihr Herz. Ich habe es nicht erfunden.

Und ihr Kopf, den ihre Mutter mit solcher Gründlichkeit gelehrt hatte, dass Damen keine tierischen Triebe besaßen, konnte das leidenschaftliche Verlangen ihres Körpers nicht zügeln, das berauschende Gefühl jener Unterwerfung noch einmal zu spüren.

Scarletts Hände umspannten ihre schmerzenden Brüste, doch waren es nicht ihre Hände, nach denen ihr Körper sich sehnte. Sie ließ die Arme vor sich auf den Tisch sinken, den Kopf darauffallen, überließ sich den Wogen des Verlangens und des Schmerzes. Mit gebrochener Stimme rief sie in den leeren, stillen, von Kerzenschein erleuchteten Raum hinein: »Rhett, o Rhett, ich brauche dich.«

8. KAPITEL

Der Winter nahte, und Scarlett wurde hektischer mit jedem Tag, der verging. Joe Colleton hatte zwar die Grube für den Keller des ersten Hauses ausgeschachtet, doch wiederholte Regenfälle machten es unmöglich, das Fundament zu gießen. »Mr. Wilkes hört doch die Glocken läuten, wenn ich das Bauholz kaufe, noch ehe ich überhaupt mit der Verschalung anfangen kann«, sagte er vernüftigerweise, und Scarlett wusste, dass er recht hatte. Das machte die Verzögerung jedoch nicht minder nervenaufreibend.

Vielleicht war die ganze Idee mit dem Bauen überhaupt unsinnig. Tag um Tag meldete die Zeitung weitere Katastrophen aus der Geschäftswelt. Es gab Suppenküchen und Warteschlangen von Menschen, die nach Brot anstanden. In Amerikas Großstädten verloren allwöchentlich Tausende von Menschen ihre Arbeit, und Firmen über Firmen machten Bankrott. Warum riskierte sie jetzt bloß ihr Geld, zum allerungünstigsten Zeitpunkt? Warum hatte sie Melly bloß dieses alberne Versprechen gegeben? Wenn doch nur der kalte Regen aufhörte ...

Und die Tage wieder länger würden. Sie konnte sich tagsüber zwar beschäftigen, doch die Dunkelheit schloss sie in ihrem leeren Haus ein und ließ sie mit ihren Gedanken allein. Und sie wollte nicht nachdenken, weil sie ja doch auf nichts eine Antwort fand. Wie war sie bloß in diese üble Lage geraten? Sie hatte doch nie absichtlich etwas getan, um die Leute gegen sich aufzubringen, warum brauchte Rhett bloß so lange, um nach Hause zu kommen? Was konnte sie tun, um ihre Lage zu verbessern? Irgend etwas musste es doch geben, sie konnte doch nicht ewig weiter in diesem großen Haus von Zimmer zu Zimmer wandern, mutterseelenallein.

Sie wäre froh gewesen, wären Wade und Ella nach Hause gekommen, um ihr Gesellschaft zu leisten, aber Suellen hatte geschrieben, dass sie alle unter Quarantäne stünden, während ein Kind nach dem anderen die Windpocken bekam.

Sie hätte den Umgang mit den Barts und deren Freunden wiederaufnehmen können. Es machte nichts, dass sie Mamie eine Sau genannt hatte, die hatte ein sagenhaft dickes Fell. Einer der Gründe, weshalb es Scarlett gefallen hatte, »den Abschaum« zu Freunden zu haben, war, dass sie ihnen gegenüber nie ein Blatt vor den Mund hatte nehmen müssen, da sie ja doch immer wieder ankamen, sosehr sie sie auch beschimpft haben mochte. So tief bin ich immerhin noch nicht gesunken. Gott sei Dank. Ich komme nicht wieder angekrochen, jetzt, wo ich weiß, was für ein gemeines Volk das ist.

Es ist nur, dass es so früh dunkel wird und die Nächte so lang sind und ich nicht richtig schlafen kann. Aber alles wird besser werden, wenn es zu regnen aufhört ... wenn der Winter vorbei ist ... wenn Rhett wieder nach Hause kommt ...

Endlich brachen helle, kalte, sonnige Tage an. Weiße Wolkenfetzen eilten über einen stahlblauen Himmel. Colleton pumpte das Wasser aus der Baugrube, und der scharfe Wind trocknete die rote Lehmerde Georgias, bis sie hart war wie der Backstein. Also bestellte er Zement und Schalholz für das Fundament.

Scarlett stürzte sich mit wahrer Leidenschaft in den Einkauf der Weihnachtsgeschenke. Es war fast so weit. Sie kaufte Puppen für Ella und die Töchter von Suellen. Babypuppen mit weichen Sägemehlkörpern und pummeligen Porzellangesichtern für die beiden Kleineren. Susie und Ella bekamen fast gleich aussehende Puppendamen mit hocheleganten Lederschrankkoffern voller schöner Kleider. Wade war ein Problem. Scarlett wusste nie, was für ihn das Richtige war. Dann fiel ihr Tony Fontaines Versprechen ein, ihm beizubringen, wie man Revolver um die Finger und durch die Luft wirbeln ließ, und sie kaufte Wade ein eigenes Paar und ließ seine Initialen in die mit Elfenbein verzierten Griffe ritzen. Suellen war leicht zu beschenken – das perlenbestickte, seidene Ridikül war zwar zu ausgefallen, um es auf dem Land zu benutzen, doch das goldene Zwanzigdollarstück darin ließ sich überall verwenden. Will war ein hoffnungsloser Fall. Scarlett zerbrach sich endlos den Kopf, bis sie es aufgab und ihm wieder die gleiche Lammfelljacke kaufte, die sie ihm schon im Jahr zuvor geschenkt hatte und im Jahr davor ebenfalls. Es ist doch die gute Absicht, auf die es ankommt, befand sie kurzerhand.

Lange ging sie mit sich zurate, ehe sie beschloss, für Beau kein Geschenk zu kaufen. Sie würde doch nicht verhindern können, dass India es ungeöffnet zurücksandte. Außerdem fehlt es Beau an nichts, dachte sie bitter. Das Konto der Wilkes im Laden wuchs von Woche zu Woche.

Für Rhett kaufte sie einen goldenen Zigarrenabschneider, hatte dann jedoch nicht den Mut, ihn ihm zu schicken. Zum Ausgleich fielen die Geschenke für ihre beiden Tanten in Charleston schöner als gewöhnlich aus. Es war ja möglich, dass sie Rhetts Mutter erzählten, wie aufmerksam sie war, und dass Mrs. Butler es wiederum Rhett erzählen würde.

Ob er mir wohl etwas schickt? Oder etwas bringt? Vielleicht kommt er ja Weihnachten nach Hause, damit es »kein Gerede« gibt.

Allein die Möglichkeit veranlasste Scarlett dazu, sich mit Feuereifer an das Schmücken des Hauses zu machen. Als es eine einzige Laube aus Fichtenzweigen, Stechpalmen und Efeu war, brachte sie den noch verbliebenen Schmuck in den Laden.

»Wir hatten doch schon immer die Rauschgoldgirlande im Schaufenster, Mrs. Butler. Mehr ist nicht nötig«, sagte Willie Kershaw.

»Erzählen Sie mir nicht, was nötig ist und was nicht. Hängen Sie die Girlanden aus Tannengrün um sämtliche Ladentische und den Stechpalmenkranz an die Tür. Ich möchte, dass die Leute weihnachtlich gestimmt sind, dann geben sie mehr für Geschenke aus. Im Übrigen haben wir längst nicht genug hübsche Kleinigkeiten, die sich verschenken lassen. Wo ist denn die große Schachtel mit den Fächern aus Ölpapier?«

»Sie haben mir doch gesagt, sie wegzuräumen. Wir sollten keinen Regalplatz mit Flitterkram verschwenden, wo die Leute Nägel und Waschbretter wollen.«

»Sie Schlafmütze, die Zeiten ändern sich. Holen Sie sie her.«

»Tja, ich weiß eigentlich gar nicht, wohin ich die getan habe. Das ist schon so lange her.«

»Herr im Himmel! Gehen Sie den Mann da drüben bedienen. Ich suche sie selbst.« Scarlett stürmte in den Lagerraum hinter dem eigentlichen Ladenlokal.

Sie stand auf einer Leiter und sah die staubigen Schachteln auf dem obersten Regalbrett durch, als sie die vertrauten Stimmen von Mrs. Merriwether und ihrer Tochter Maybelle hörte.

»Du hast doch gesagt, du würdest nie wieder einen Fuß über die Schwelle von Scarletts Laden setzen.«

»Pssst, sonst hört dich der Verkäufer. Schließlich haben wir die ganze Stadt abgesucht, und es ist keine Elle schwarzer Samt aufzutreiben. Ohne ihn ist mein Kostüm nichts wert. Wer hat je gehört, dass Königin Victoria ein buntes Cape trug?«

Scarlett runzelte die Stirn. Worüber sprachen die denn bloß? Leise stieg sie die Leiter hinunter und ging auf Zehenspitzen zur Wand, um zu lauschen.

»Nein, Ma’am«, hörte sie den Verkäufer sagen. »Samt geht bei uns kaum.«

»Hab ich’s mir doch gedacht. Komm, Maybelle, wir gehen.«

»Wo wir schon mal hier sind, kann ich auch gleich nach den Federn fragen, die ich für meinen Pocahontas brauche«, sagte Maybelle darauf.

»Unsinn. Komm schon. Wir hätten niemals herkommen sollen. Stell dir nur vor, jemand sieht uns.« Mrs. Merriwethers Schritt war schwerfällig, aber eilig. Sie knallte die Ladentür hinter sich zu.

Scarlett stieg wieder auf die Leiter. Ihre Weihnachtsstimmung war verflogen. Jemand verantaltete ein Kostümfest, und sie war nicht eingeladen. Hätte Ashley sich doch den Hals in Melanies Grab brechen sollen! Sie fand die gesuchte Schachtel und warf sie auf den Boden, wo sie aufsprang und in weitem Bogen leuchtend bunte Fächer um sich verstreute.

»Heben Sie die auf und stauben jeden einzeln ab«, befahl sie einem der Männer. »Ich fahre jetzt nach Hause.« Lieber wäre sie gestorben, als vor ihren Angestellten loszuheulen.

Die Zeitung vom selben Tag lag auf dem Sitz ihrer Kutsche. Sie hatte zu viel mit dem Schmücken des Hauses zu tun gehabt, um sie zu lesen. Und sie hatte auch jetzt keine große Lust dazu, doch immerhin würde es ihr helfen, das Gesicht vor neugierigen Gaffern zu ...

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