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Schnee, Satin und Sinnlichkeit (4-teilige Serie)

Jennie Lucas, Cathy Williams, Susan Crosby, Kate Hewitt

Schnee, Satin und Sinnlichkeit (4-teilige Serie)

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1. KAPITEL

Als Grace Cannon schon glaubte, schlimmer könne ihr Tag nicht mehr werden, spritzte ihr ein vorbeifahrender Rolls-Royce eine Ladung kaltes Wasser aus dem Rinnstein ins Gesicht. Sie kam gerade aus der U-Bahn-Station, eine Tüte mit Spitzenunterwäsche im Wert von mehr als tausend Pfund in der Hand. Das edle Dessous war als Geschenk für die Verlobte ihres Chefs gedacht.

Es war Mitte Dezember und klirrend kalt. Wie ein grauvioletter Schleier lag die Abenddämmerung über der Stadt. Trotz des Regens drängten sich noch zahlreiche Kauflustige auf den Bürgersteigen von Knightsbridge. Der eiskalte Wasserschwall traf Grace so unerwartet, dass sie das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Die Einkaufstüte flog ihr aus der Hand und landete im Dreck. Grace stieß einen Schrei aus und versuchte, ihr Gesicht vor dem unaufhaltsamen Strom vorwärtsstampfender Füße zu schützen.

„Halt, aus dem Weg! Machen Sie gefälligst Platz!“

Der große, dunkelhaarige Fremde, der mit starken Armen die Menge zurückhielt, war ihre Rettung. In seinem edlen schwarzen Kaschmirmantel beugte er sich über ihre am Boden liegende Gestalt.

Das Erste, was ihr auffiel, waren seine faszinierenden silbergrauen Augen, die in scharfem Kontrast zu seinem dunklen Teint standen. Alles an seiner imposanten, breitschultrigen Erscheinung symbolisierte Geld und Macht, von den italienischen Lederschuhen bis zu dem grauen Nadelstreifenanzug, der unter dem offenen schwarzen Mantel hervorsah.

Grace hatte noch nie einen so attraktiven Mann gesehen. Wangenknochen wie gemeißelt, ein kräftiges, entschlossenes Kinn, ein scharf geschnittenes, klassisches Profil. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu seinem schönen, sinnlichen Mund.

Lächelnd reichte er ihr die Hand. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen auf.“

Leicht benommen legte sie ihre Hand in seine, die so viel größer und kräftiger war. Grace war wie elektrisiert, als sich ihre Finger berührten. Das erschreckte sie beinahe noch mehr als das kalte Wasser, das sie abbekommen hatte.

„Danke“, flüsterte sie verwirrt.

Und dann erkannte sie ihn. Ihr stockte der Atem.

Prinz Maxim Rostov.

Sie sah noch einmal genau hin. Jeder Irrtum war ausgeschlossen.

Ihr Retter war Maxim Rostov, der sagenhaft reiche Prinz und bekannteste russische Milliardär in einer Stadt, in der es von Milliardären nur so wimmelte. Ein Mann, der sowohl im Geschäfts- als auch im Privatleben als derart skrupellos galt, dass Graces Chef verglichen mit ihm ein wahrer Heiliger war. Seit er sich vor zwei Monaten von seiner Verlobten getrennt hatte, zeigte er sich den Paparazzi jeden Abend mit einer anderen Frau.

Prinz Maxim Rostov. Der schärfste Rivale und erbittertste Feind ihres Chefs.

Und das war er schon gewesen, bevor ihr Chef sich sowohl Maxim Rostovs Verlobte als auch dessen Pläne, mit einem britischen Großkonzern zu fusionieren, unter den Nagel gerissen hatte.

„Verzeihen Sie bitte.“ Die kühlen grauen Augen des Prinzen musterten sie durchdringend. „Es war mein Wagen, der Sie nass gespritzt hat. Mein Chauffeur hat nicht aufgepasst.“

„Schon gut.“ Grace war sich überdeutlich der warmen, starken Hand bewusst, die noch immer die ihre hielt. Gerade noch war sie halb erfroren gewesen, aber jetzt hatte sie das Gefühl, innerlich zu zerschmelzen. Ihr war nicht nur heiß, sie glühte förmlich.

Höchste Zeit, dass sie ihre Hand wegzog. Sie durfte sich nicht von diesem Mann anfassen lassen, durfte noch nicht einmal mit ihm sprechen. Schließlich befand sie sich nur zwei Häuserblocks entfernt von dem Haus in Knightsbridge, das sie zusammen mit ihrem Chef bewohnte. Alan vertraute ihr voll und ganz. Er würde ihr nie verzeihen, wenn er erfuhr, dass sie sich auf ein Gespräch mit Prinz Maxim eingelassen hatte. Und gerade heute Abend war sie dringend darauf angewiesen, ihren Chef gnädig zu stimmen.

Und doch brachte sie es nicht fertig, ihre Hand aus der des Prinzen zu lösen. Er kam ihr vor wie einer dieser harten, ruchlosen, aber betörend attraktiven Leinwandidole früherer Zeiten. Ein zweiter Rudolph Valentino. Ein Frauenheld und skrupelloser Verführer. Ein dunkler Engel, gesandt, um unschuldige Mädchen ins Verderben zu locken …

Seine starken Finger schlossen sich fester um ihre Hand. Ein wohliges Prickeln durchlief ihren Körper.

„Ich bringe Sie nach Hause.“

„Nein!“, lehnte sie zitternd ab. „Nicht nötig.“

Prinz Maxim zog sie näher und wischte sorgfältig das Wasser von ihrem triefend nassen Ärmel. Sie spürte seine Berührung durch den Wollstoff ihres Mantels hindurch, und schon war die bittere Kälte wieder vergessen. Ihr war, als läge sie nackt in Kalifornien am Strand und der heiße Santa-Ana-Wind striche sanft über sie hinweg.

„Ich bestehe darauf.“

Sie glaubte zu spüren, wie sich zwischen ihren Brüsten winzige Schweißperlchen bildeten. „Nein, das ist wirklich nicht nötig. Ich wohne ganz in der Nähe.“

„Ich möchte es aber“, beharrte er lächelnd, ohne ihre Hand loszulassen.

Ihr Mund war wie ausgetrocknet. Nicht einmal Alan, ihr Chef, in den sie seit zwei Jahren hoffnungslos verliebt war, hatte jemals auch nur annähernd solche Gefühle in ihr ausgelöst wie dieser Mann. Auch nicht, bevor er sich mit einer anderen verlobt und Grace beauftragt hatte, ein Weihnachtsgeschenk für seine Braut zu besorgen.

Das Geschenk!

Erschrocken sah sie sich nach allen Seiten um. Dann entdeckte sie ihre Einkaufstüte, die gerade von einem schwarzen Taxi erfasst wurde. Die lavendelfarbene Schachtel rutschte heraus und geriet unter die Räder des Gegenverkehrs.

„Oh, nein!“

Mit einem Aufschrei riss sich Grace von der Hand des Prinzen los, bereit, sich in das Gewühl von Autos, Doppeldeckerbussen und Taxis zu stürzen. Doch Prinz Maxims starker Arm hielt sie zurück.

„Wollen Sie sich etwa umbringen?“ Sein Englisch war perfekt, mit einem ganz leichten, wohlklingenden Akzent. „Sie werden doch nicht für die Schachtel da Ihr Leben riskieren?“

„In der Schachtel da“, erwiderte sie aufgebracht, „befindet sich das Weihnachtsgeschenk meines Chefs für seine Verlobte. Seidene Unterwäsche aus der Edelboutique Leighton. Ohne sie darf ich ihm nicht unter die Augen treten!“

„Ihr Boss ist es nicht wert, dass Sie sich für ihn in Gefahr bringen.“

„Mein Chef ist Alan Barrington!“, erwiderte sie empört, um dann ängstlich auf seine Reaktion zu warten. Schließlich hatte sie ihm gerade eröffnet, dass sie für seinen Erzfeind arbeitete, seinen schärfsten Konkurrenten in der Gas- und Ölindustrie. Dem Mann, der ihm nicht nur das Geschäft mit der Exemplary Oil Company, einem der führenden britischen Erdölproduzenten, sondern auch die Freundin weggeschnappt hatte, die bildschöne, temperamentvolle Lady Francesca.

Prinz Maxims attraktives Gesicht aber ließ keinerlei Regung erkennen. Darin unterschied er sich grundlegend von ihrem charmanten, immer zum Flirten aufgelegten Chef Alan, der sich in der Regel schon durch seine Mimik oder eine achtlos hingeworfene Bemerkung verriet.

Doch Alans lächelndes Gesicht verblasste in ihrer Erinnerung, als der Prinz ihr Kinn anhob, um ihr in die Augen zu sehen. „Ihr Chef hat dieses Opfer ganz sicher nicht verdient.“

Nervös befeuchtete sie sich die Lippen. „Wünschen Sie jetzt nicht, Sie hätten mich in ein Auto laufen lassen?“, fragte sie kleinlaut.

„Die Vorstellung, Ihrem Boss Probleme zu bereiten, ist zwar äußerst verlockend. Aber ich kann nicht zulassen, dass Sie seinetwegen Ihr Blut vergießen.“ Sanft strich er ihr das Haar aus dem Gesicht. „Nennen Sie mich altmodisch, aber so bin ich.“

Sie konnte sich nicht erklären, weshalb er immer noch so freundlich zu ihr war. Warum beschimpfte er sie nicht und schickte sie zum Teufel? Einem Mann wie ihm fiel es sicher nicht schwer, eine Frau dahin zu locken, wo er sie haben wollte. Und sei es in die Hölle …

Energisch befreite sie sich aus seinem Arm. „Ich wage trotzdem einen Versuch.“

„Dessous kann man ersetzen.“

„Ersetzen, ja?“ Sie lachte zornig. „Aber sicher. In Ihrer Welt sind Dessous von Leighton vermutlich Wegwerfartikel, aber …“

„Ich komme selbstverständlich dafür auf“, sagte er ruhig.

Bei jedem anderen hätte sie dankend zugestimmt, aber nicht bei ihm. Er war der Feind ihres Chefs. Sie durfte seine Hilfe nicht annehmen.

Oder doch?

Wie in Zeitlupe sah sie einen riesigen roten Doppeldeckerbus heranrollen, dessen breite Reifen die lavendelblaue Schachtel in einer öligen Pfütze zerquetschten.

Alan würde toben vor Wut, wenn sie mit seiner um eine stolze Summe erleichterten Kreditkarte, aber mit leeren Händen zurückkam. Leuten, die ihn in Schwierigkeiten brachten, verzieh er nicht. Prinz Maxim hasste er seit Jahren, weil dieser ihm im Geschäftsleben immer wieder in die Quere kam. Als die Aktien der amerikanischen Firma Cali-West-Energy nicht zuletzt deswegen allmählich zu sinken begannen, waren Rufe nach Alans Ablösung als Geschäftsführer laut geworden.

Bis Alan vor sechs Wochen auf einem Wohltätigkeitsball Lady Francesca Danvers kennengelernt und eine stürmische Romanze mit ihr begonnen hatte. Allein diesem Umstand hatte er es zu verdanken, dass er nun die Unterstützung von Lady Francescas Vater genoss, dem Earl of Hainesworth. Dieser wiederum war seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Exemplary Oil Company, eben jenes Konzerns, mit dem Prinz Maxim Rostov eine Fusion anstrebte.

Nun sah es ganz so aus, als würde aus der geplanten russisch-britischen Zusammenarbeit eine amerikanisch-britische werden. Seit Wochen brüstete sich Alan damit, wie er seinen Gegner Prinz Maxim am Ende doch noch geschlagen hatte.

Grace hatte die Prahlerei ihres Chefs gar nicht gefallen. Zumal damit unweigerlich die Schilderung verbunden war, wie Alan die betörende rothaarige Lady Francesca erobert hatte.

Plötzlich kam ihr ein erschreckender Gedanke. Was, wenn Alan über die ruinierten Dessous so wütend war, dass er Schadenersatz verlangte? Wenn er ihren Lohn einbehielt, anstatt ihr den dringend benötigten Vorschuss zu gewähren?

„Lehnen Sie meine Hilfe nicht ab“, sagte Prinz Maxim. „Das wäre stur und dumm von Ihnen.“

„Stur und dumm, so heiße ich mit zweitem Vornamen“, versetzte Grace zornig.

Sie hätte in Los Angeles bleiben und dafür sorgen können, dass die Hypothek ihrer Mutter jeden Monat pünktlich abbezahlt wurde, aber nein. Stur und dumm, wie sie war, hatte sie sich in blinder Liebe an ihren Chef geklammert. Wie erbärmlich, dachte sie angewidert. Gab es keine Selbsthilfegruppen für Frauen, die hoffnungslos in ihren Chef verliebt waren, obwohl der sie für eine Art Roboter ohne Gefühle hielt?

„Stur und dumm, Miss Cannon?“, meinte ihr Gegenüber amüsiert. „Nennt man seine Kinder in den Vereinigten Staaten heute so?“

„Mein zweiter Vorname ist Diana.“ Grace sah ihn scharf an. „Aber das wissen Sie ja vermutlich auch. Woher kennen Sie meinen Nachnamen?“

„Sie sagten, Sie arbeiten für Barrington.“ Er hob eine seiner dunklen Augenbrauen. „Ich werde doch wissen, wie die engste Mitarbeiterin meines Konkurrenten heißt.“

Prinz Maxim Rostov kannte ihren Namen! Ihr wurde ganz warm bei dem Gedanken. Sie kam sich plötzlich sehr wichtig vor.

Und dann lief es ihr eiskalt über den Rücken. Er kannte ihren Namen. Er wusste, für wen sie arbeitete. War diese Begegnung, zwei Häuserblocks von Alans Villa entfernt, wirklich ein Zufall?

Sie war so durcheinander, dass sie beinahe von zwei beleibten, mit Kameras und Einkaufstüten behängten Touristen mit Nikolausmützen auf dem Kopf umgerannt wurde. Doch sie fing sich und sah dem Prinzen fest in die Augen. „Dann verstehen Sie sicher, dass ich keine Gefälligkeiten von Ihnen annehmen kann.“

Prinz Maxim wirkte völlig unbeeindruckt.

„Barrington hat nichts damit zu tun. Ich begleiche nur eine persönliche Schuld bei Ihnen“, erklärte er und lächelte sie so verschwörerisch an, dass sie ein Kribbeln bis in die Zehenspitzen verspürte. „Ich will doch meinen Feinden nichts schuldig bleiben.“

Grace schluckte trocken. „Ich würde mich nicht unbedingt als Ihre Feindin bezeichnen …“

„Dann ist ja alles in Ordnung.“

„Obwohl …“

Wieder ergriff er ihre Hand. Grace hatte gar nicht gewusst, wie erotisch es sein konnte, den warmen Händedruck eines Mannes zu spüren. Nach der jahrelangen vergeblichen Schwärmerei für ihren Chef war diese Berührung das Intimste, das sie je mit einem Mann erlebt hatte. Bis auf …

Ja, bis auf jenen Zwischenfall spätabends nach der Halloween-Party in der Firma. Als der reichlich angeheiterte Alan sie in die Arme genommen und ihr einen schmatzenden Kuss auf die Lippen gedrückt hatte, bevor er auf der Couch im Büro zusammengesackt war.

Dies war peinlicherweise der erste – und bisher einzige – Kuss ihres Lebens gewesen. In der Schule und auf dem College hatte sie ihre Zeit lieber zum Lernen genutzt, als sich mit Jungen zu treffen. Nach dem Tod ihres Vaters, als sie ihr Studium abbrechen musste, war sie ohnehin viel zu traurig für solche Vergnügungen gewesen. Und während der Jahre als Aushilfssekretärin in L. A. hatte sie alle Hände voll zu tun gehabt, ihre trauernde Mutter und ihre jüngeren Brüder über Wasser zu halten.

So kam es, dass sie mit ihren fünfundzwanzig noch Jungfrau war. Eine richtige Schrulle! Und Welten entfernt von der Liga, in der ein Maxim Rostov spielte.

Doch er war schuld an dem Malheur mit den verlorenen Dessous. War es nicht nur fair, ihn für den Schaden aufkommen zu lassen? Zumal ihr andernfalls der Ruin drohte …

Nachdenklich spitzte sie die Lippen. Sie war mehr als versucht, sein Angebot anzunehmen. Er strich sanft mit seinen Fingern über ihren Handrücken, und augenblicklich spürte sie, wie sich die Spitzen ihrer Brüste aufrichteten. Röte überzog ihre Wangen, als sie sah, wie der Blick des Prinzen zu ihrem Mund glitt.

„Es ist kalt“, sagte er. „Mein Wagen wartet.“

„Aber … bei Leighton ist alles sündhaft teuer“, wandte sie hastig ein. „Dagegen sind Hermès und Louis Vuitton die reinsten Billigläden!“

„Ich werde es verkraften“, meinte er trocken und dirigierte sie in Richtung der schwarzen Rolls-Royce-Limousine, die an der Ecke wartete.

Seine warme Hand an ihrem Rücken brachte ihren Widerstand endgültig zum Erliegen. „Aber Alan darf nichts davon erfahren“, flüsterte sie nur, bevor sie kapitulierte.

Prinz Maxim lächelte kaum merklich. „Einverstanden.“

„Danke“, hauchte sie.

„Ich danke Ihnen“, sagte er, ein vergnügtes Funkeln in den Augen. „Die Gesellschaft einer schönen Frau ist mir immer willkommen.“

Damit war der Bann gebrochen. Grace hätte beinahe laut herausgelacht, kaschierte es aber mit einem Hüsteln.

Sie und schön? Das sollte wohl ein Witz sein! Sie wusste, dass sie nichts Besonderes war. Und jetzt, ungeschminkt, im nassen Mantel und einem Kostüm aus dem Secondhand-Laden, das Haar achtlos zum Pferdeschwanz gebunden, musste sie aussehen wie ein begossener Pudel.

Warum also sollte ihr ein schöner Prinz zu Hilfe eilen? Nur weil sein Fahrer zu schnell durch eine Pfütze gefahren war und sie nass gespritzt hatte? Sie fragte sich, ob Prinz Maxim Rostov wirklich nur aus Edelmut und weihnachtlicher Nächstenliebe so nett zu ihr war.

Steckte vielleicht doch etwas anderes dahinter?

Ihr Misstrauen flammte wieder auf. Früher hatte sie von allen nur das Beste angenommen, doch seit sie für Alan arbeitete, wusste sie, wie hinterhältig Menschen sein konnten. Im Geschäft und in der Liebe.

Spekulierte der Prinz darauf, mit ihrer Unterstützung die Fusionsmöglichkeit und seine Verlobte zurückzubekommen?

„Ihnen ist hoffentlich klar, dass ich nicht über Alan oder Geschäftliches mit Ihnen sprechen werde, nur weil Sie mir diesen Gefallen erweisen“, sagte sie.

Er streifte sie mit einem prüfenden Blick. „Glauben Sie, ich sei auf Ihre Hilfe angewiesen?“

„Sind Sie es nicht?“

An der Limousine angekommen, nickte er seinem Chauffeur kurz zu und hielt Grace die Wagentür auf. „Steigen Sie ein.“

Mitten im weihnachtlichen Einkaufstrubel blieb sie stehen und sah unschlüssig auf die offene Tür. War sie gerade dabei, sich auf einen Pakt mit dem Teufel einzulassen?

„Sie haben doch nicht etwa Angst vor mir, Miss Cannon?“, fragte Maxim Rostov spöttisch, als sie sich nicht von der Stelle rührte.

Sie sah in sein schönes, markantes Gesicht. Doch, sie hatte Angst vor ihm. Vor seinem Reichtum, seiner Macht, seiner berühmt-berüchtigten Skrupellosigkeit.

Noch mehr aber vor den Gefühlen, die er in ihr weckte, wann immer er sie berührte. Oder sie ansah.

„Nein“, log sie und schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Angst vor Ihnen.“

„Dann steigen Sie ein.“ Er öffnete die Tür ein Stück weiter.

Ein scharfer Wind blies Grace die nassen Schneeflocken ins Gesicht, die jetzt vom Himmel fielen. Das blonde Haar klebte an ihren Wangen. Doch sie spürte die Kälte nicht. Prinz Maxims dunkler, beschwörender Blick machte jede Gegenwehr zwecklos.

So traf sie denn eine Entscheidung, da ihr eigentlich gar keine andere Wahl blieb, und kletterte auf die Rückbank des Rolls-Royce. Die Tür fiel zu. Grace schrak auf wie eine Schlafwandlerin, die sich plötzlich im Buckingham-Palast wiederfand und nicht wusste, wie sie dort hingekommen war. Hier saß sie nun, in Prinz Maxim Rostovs Limousine. Sie hatte sich mit dem Feind verbündet.

Aber er ist nicht mein Feind, dachte sie verwirrt, als sie ihn um den Wagen herumkommen sah. Er ist Alans Feind. Doch war nicht der Feind eines Freundes automatisch ein Feind? Oder der Feind eines Feindes ein Freund …

Die Tür ging auf, und der bestaussehende, meistgefürchtete Geschäftsmann von ganz London nahm neben ihr auf der ledernen Rückbank Platz. Wieder wurde ihr ganz heiß und zittrig, als er ihr einen langen Blick zuwarf.

„Warum sind Sie eigentlich so nett zu mir?“, fragte sie verlegen.

„Bin ich das?“

„Wenn Sie mich über meinen Chef aushorchen wollen …“

„Es ist Weihnachten. Das Fest der Liebe und der Freude“, verkündete er mit breitem Raubtierlächeln und ließ seine blitzweißen Zähne sehen. „Und ich werde Ihnen Freude bereiten.“ Er wandte sich an seinen Chauffeur. „Davai.“

Leise surrend setzte sich der schwarze Rolls-Royce in Bewegung. So kam es, dass Grace den grauen Alltag, das Gedränge und die bittere Kälte hinter sich ließ und von Prinz Maxim Rostov in seine Welt des Luxus entführt wurde.

2. KAPITEL

Maxim warf einen kurzen Blick auf die junge Frau neben ihm im Wagen, die ihn aus ihren hübschen blauen Augen verwirrt ansah, während sie in Richtung Mayfair fuhren. „Nett“ hatte Grace Cannon ihn genannt. Er wiederholte es in Gedanken, als sei es ein Fremdwort für ihn.

Nett?

Prinz Maxim Rostov hatte seine Machtposition nicht durch Nettsein erlangt.

Sein Urgroßvater war nett gewesen, damals während seines Pariser Exils. Er hatte das Geld mit vollen Händen ausgegeben, als sei er immer noch ein Großfürst mit eigenen Ländereien in Sankt Petersburg. Hatte jeden armen Schlucker beschenkt, der sich in seine Unterkunft verirrte.

Auch sein Großvater war nett gewesen. So nett, dass er das Wenige, das vom Vermögen der Rostovs noch übrig war, in London verprasst hatte, wo er vergeblich auf den Rückzug der Sowjets aus Russland wartete. Und darauf, dass man ihn bat, in sein Heimatland zurückzukehren.

Und sein Vater war nett gewesen. In dem verzweifelten Bemühen, für seine süße, junge amerikanische Ehefrau zu sorgen, hatte er die niedersten Arbeiten verrichtet, ehe er sich, so wie sein Vater vor ihm, mit Wodka zu Tode trank. Und seine Frau mit dem elfjährigen Sohn und der neugeborenen Tochter allein in Philadelphia zurückließ.

Maxim aber … Maxim war nicht nett. Er war egoistisch. Er war skrupellos. Er nahm sich, was er haben wollte. Auf diese Weise hatte er aus dem Nichts heraus ein Milliardenvermögen aufgebaut.

Und jetzt wollte er Grace Cannon.

Eine ganze Stunde hatte er auf sie gewartet. Hatte seinen Chauffeur angewiesen, die Straße auf und ab zu fahren, um die junge Frau abzupassen, wenn sie aus der U-Bahn-Station Knightsbridge kam. Er wusste, dass sie bei Barrington im Souterrain wohnte.

Diese junge amerikanische Sekretärin war der Schlüssel zu allem.

Sie würde ihm helfen, Barrington endgültig zu vernichten. Der Mann war ihm schon lange ein Dorn im Auge, doch diesmal hatte er den Bogen wirklich überspannt. Wie konnte er es wagen, ihm, Maxim Rostov, nicht nur den Geschäftspartner, sondern auch die Freundin auszuspannen?

Wenn Barrington glaubte, sich durch die Verlobung mit Francesca vor dem Ruin retten zu können, dann hatte er sich getäuscht. Er würde weder die Braut noch das Geschäft bekommen. Maxim würde ihn ruinieren. Der Kerl hatte es nicht besser verdient. Und Grace Cannon würde ihn dabei unterstützen, ob sie wollte oder nicht.

Lächelnd wandte er sich ihr wieder zu und deckte ein weiches Kaschmirplaid über ihre fröstelnde Gestalt.

„Danke“, sagte sie mit zittriger Stimme.

„Gern geschehen.“

„Sie sind ganz anders, als ich Sie mir vorgestellt habe“, bemerkte sie leise. „Nicht so, wie die Leute sagen.“

„Was sagen sie denn?“ Lässig den Arm auf der Lehne hinter ihrem Kopf abgestützt, rückte er näher an sie heran. Trotz der wärmenden Decke fing sie noch heftiger an zu zittern.

„Man sagt, Sie seien ein … gewissenloser Playboy. Der die Hälfte seiner Zeit damit verbringt, Konkurrenten zu vernichten, und die andere Hälfte mit der Eroberung von Frauen.“

Er lachte. „Stimmt.“ Er rutschte noch ein Stück näher und sah ihr in die Augen. „Genauso bin ich.“

Als sein Bein das ihre berührte, zuckte sie zurück.

Sie war nervös. Sehr nervös. Und dafür gab es drei mögliche Gründe.

Erstens – sie hatte Angst vor ihm. Doch das war eher unwahrscheinlich, sonst wäre sie gar nicht erst in seinen Wagen gestiegen. Zweitens – sie hatte keine Erfahrung mit Männern. Auch diese Möglichkeit schloss er aus. Keine Fünfundzwanzigjährige war heutzutage noch Jungfrau. Zumal sie nicht nur für Alan Barrington arbeitete, sondern auch mit ihm im selben Haus wohnte. Er hatte sie sicher schon des Öfteren vernascht.

Das ließ nur eine Möglichkeit offen. Sie war reif, von Maxim erobert zu werden.

Er unterzog sie einer ausführlichen Musterung. Sie war keine Frau, die einem Mann auf Anhieb ins Auge fiel. Verglichen mit Francesca, diesem feurigen Paradiesvogel mit dem flammend roten Haar, den langen, rot lackierten Fingernägeln und blutrot geschminkten Lippen, wirkte Grace Cannon eher wie eine graue Maus, unauffällig, plump gekleidet und scheu.

Und doch …

Bei genauerem Hinsehen entpuppte sie sich als weit weniger unscheinbar, als er zunächst angenommen hatte. Er hatte sich von ihrem schlecht sitzenden Mantel und dem nassen Pferdeschwanz täuschen lassen.

Ihr Teint war auch ohne Make-up makellos glatt und zart. Ihre Wimpern und Augenbrauen waren hell, beinahe durchscheinend, was bewies, dass der herrliche Blondton ihres Haares reine Natur und nicht das Werk eines Friseurs war. Sie trug keinen Lippenstift, und ihre Zähne waren nicht künstlich gebleicht wie die eines Filmstars. Und doch hatte sie das wärmste, strahlendste Lächeln, das Maxim je gesehen hatte. Obwohl sie keine spindeldürren Modelmaße besaß, ließen ihre wohlproportionierten Kurven sie in seinen Augen umso begehrenswerter erscheinen.

Erstaunt stellte er fest, dass diese unscheinbare Sekretärin eine Schönheit war.

Eine verkappte Schönheit. Doch die unvorteilhafte Kleidung und die Zottelfrisur konnten nicht verbergen, welch reizvolles Wesen sich darunter verbarg.

Warum versteckte sie ihre Schönheit vor der Welt?

„Was ist los?“, fragte sie mit argwöhnischem Blick.

Ahnte sie, was er mit ihr vorhatte? „Warum?“, fragte er.

„Sie starren mich an.“

„Weil Sie schön sind“, erwiderte er schlicht. „Schön wie die Sonne an einem Wintertag.“

Sie errötete, sog an ihrer vollen rosa Unterlippe und wandte sich ab. Das Kaschmirplaid wie eine Rettungsdecke an ihren fadenscheinigen Mantel gepresst, rückte sie ein Stück von Maxim ab und sah zum Fenster hinaus. Draußen, in einem dichten Schleier von Schneeregen, glitten die Lichter der festlich geschmückten Straßen an ihnen vorbei.

„Reden Sie keinen Unsinn. Ich weiß, dass ich nicht schön bin.“

Sie ist sich wirklich nicht darüber im Klaren, dachte er erstaunt. Sie hat tatsächlich keine Ahnung.

„Doch, Sie sind schön, Grace.“

Als er sie beim Vornamen nannte, fuhr sie zu ihm herum. „Sparen Sie sich die Schmeicheleien, Hoheit.“

Er lächelte milde. „Nennen Sie mich Maxim. Warum sollte ich Ihnen schmeicheln?“

„Sie mögen ja der größte Playboy Londons sein, aber so leichtgläubig bin ich nun auch wieder nicht. Ein paar verlogene Komplimente bringen mich noch lange nicht dazu, Details über die Verhandlungen mit der Exemplary Oil Company auszuplaudern. Alan hat Lord Hainesworths Unterstützung. Sie können nicht mehr gewinnen.“

Sie war nicht nur reizend, sie war auch impulsiv. Er fand sie mit jeder Minute bezaubernder. „Ich habe nicht gelogen.“

„Halten Sie mich nicht für dümmer, als ich bin. Ich weiß, dass ich nicht schön bin. Sie wollen nur, dass ich Alan verrate.“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Aber das tue ich nicht. Lieber sterbe ich.“

„Welche Loyalität“, meinte er spöttisch, musterte sie aber umso neugieriger. War sie etwa in Barrington verliebt?

Wie jämmerlich, dachte er. Eine kleine Sekretärin, die glaubt, ihren Chef zu lieben, und auf die Erwiderung ihrer Gefühle hofft. Dabei hatte er gerade angefangen, sie zu respektieren.

Er fragte sich, ob Geld allein genügen würde, um Grace Cannon dazu zu bewegen, sich von ihrem Geliebten abzuwenden. Oder würde er, Maxim, sie selbst verführen müssen, um sie von Barrington wegzulocken?

Eine Frau zu verführen, die einen anderen liebte, empfand er als reizvolle Herausforderung. Und dass es um seinen Rivalen ging, noch dazu als ausgleichende Gerechtigkeit.

Doch sein Interesse an Grace ging über Rachegelüste und verletztes Ehrgefühl weit hinaus. Denn plötzlich verspürte er den unwiderstehlichen Drang, diese kleine Sekretärin aus ihren unansehnlichen Kleidern zu schälen, um sie in ihrer ganzen Schönheit bewundern zu können. Er wollte sie nackt, in seinem Bett. Wollte spüren, wie sie sich mit ihren weichen Rundungen an ihn schmiegte, wollte ihr süßes Gesicht im ersten Licht der Morgendämmerung vor sich in den Kissen sehen.

Unter seinem eindringlichen Blick färbten sich ihre blassen Wangen rosig wie die Sonne, wenn sie die Nebelschleier über den endlos weiten, schneebedeckten Feldern seines Landguts in Dartmoor durchbrach. Fasziniert sah er zu, wie sie ihre vollen, herzförmigen Lippen mit der Zungenspitze befeuchtete.

Der Anblick erregte ihn.

Er hoffte inständig, dass sie sein Geld zurückwies. Denn dann könnte er sie erobern. Ohne jedes Schuldgefühl. Ohne jede Reue.

„Die Leighton-Boutique ist in der Bond Street“, sagte sie nervös.

Er lächelte. „Mein Fahrer kennt den Weg.“

„Ja, natürlich. Bei Ihren vielen Frauenbekanntschaften sind Sie sicher des Öfteren dort.“ Sie sah wieder aus dem Fenster. „Muss schön sein, keine Geldsorgen zu haben“, sagte sie leise zu sich selbst.

Blitzartig durchzuckte Maxim die Erinnerung an den bitterkalten Winter in dem Jahr, als er vierzehn wurde. Die winzige Wohnung war unbeheizt. Seine Mutter hatte ihren Aushilfsjob verloren. Die dreijährige Daria hatte so gezittert und geweint, dass seine Mutter sie vor Verzweiflung vorübergehend in ein Heim gebracht hatte, wo sie es wenigstens warm hatte. In seinem Bemühen zu helfen hatte er die Schule geschwänzt und auf den Straßen Philadelphias Zeitungen verkauft, bis auf die Haut durchnässt vom Eisregen. Es hatte drei Tage gedauert, bis sein Mantel wieder trocken gewesen war. Drei frostige Wintertage, die seine Haut immer bleicher werden ließen. Drei Tage, in denen eisiger Wind und Schneeregen seine Kleider durchdrangen, bis er vor Kälte mit den Zähnen klapperte.

Drei Tage, während derer er den nassen Mantel vor seiner Mutter versteckt halten musste. Weil er wusste, sie würde ihm sonst ihren eigenen geben und ohne wärmende Überjacke auf die Suche nach Arbeit gehen. Nach irgendeiner Arbeit, egal welcher.

Diese drei Tage hatten ihn die wichtigste Lektion seines Lebens gelehrt.

Der Unterschied zwischen einem guten Leben und gar keinem Leben bestand allein im Geld.

Mit Geld konnte man alles regeln. Alles!

Und Geld verdiente man nicht durchs Nettsein.

„Ein Leben wie im Märchen“, flüsterte die junge Frau, als sie durchs Fenster auf die gut gekleideten Kauflustigen, die teuren Autos, die festlich dekorierten Geschäfte auf der Bond Street blickte. „Wie im Märchen …“

Beim Anblick ihres schönen, wehmütigen Gesichts überkam ihn das dringende Bedürfnis, dieser naiven Träumerin die Wahrheit über seine rastlose Seele zu sagen. Doch er tat es nicht. Sie würde es noch früh genug erfahren.

Grace Cannon würde ihm alles verraten, was er wissen musste. Er würde versuchen, ihr die Informationen abzukaufen. Wenn ihm das nicht gelang, würde er sie verführen.

Nein, ich werde sie auf jeden Fall verführen, beschloss er spontan.

Er würde dieser kleinen Sekretärin eine Romanze bescheren, von der sie nicht zu träumen wagte. Luxus im großen Stil. Er würde verschwenderisch großzügig sein, sie um den Verstand küssen. Wie alle Frauen vor ihr würde auch sie ihm verfallen.

Er würde sie zum Reden bringen.

Er würde sich ihrer bedienen.

Und dann würde er sie fallen lassen.

Kein Mann wurde reich und besiegte seine Feinde, indem er nett war.

3. KAPITEL

Elegante Geschäfte machten Grace immer nervös, und die Leighton-Boutique war der versnobteste Laden auf der ganzen Bond Street.

Sie spürte, wie sie sich verkrampfte, als sie durch die Eingangstür trat, vorbei an grimmig blickenden Sicherheitsleuten, die aussahen wie FBI-Agenten. Die Männer musterten sie so durchdringend, als warteten sie nur darauf, sie beim geringsten Fehler hinauszuwerfen. Als warnendes Beispiel für andere abgebrannte Sekretärinnen, die es wagten, in diese exklusive, abgeschirmte Welt vorzudringen.

Unbehaglich sah sie sich in der vornehmen, ganz in blassem Lavendel gehaltenen Boutique um. Schon bei ihrem ersten Einkauf hier hatte sie Höllenqualen gelitten. Im Auftrag des Mannes, den sie liebte, Dessous für eine andere Frau kaufen zu müssen, und dann auch noch in dieser lächerlich kleinen Größe – wie peinlich! Zumal es sie nur allzu schmerzlich daran erinnerte, dass Alan Lady Francesca den Vorzug gegeben hatte. Kaum war er der schönen, wohlhabenden Aristokratin begegnet, hatte er keinen Gedanken mehr daran verschwendet, dass er einen Abend zuvor noch Grace geküsst hatte.

Es war der erste Kuss ihres Lebens gewesen! Und für Alan so belanglos, dass er ihn einen Tag später schon vergessen hatte.

„Da sind Sie ja wieder!“ Die arrogante junge Verkäuferin taxierte abschätzig Graces schäbigen, durchnässten Mantel und ihre abgewetzten Stiefel. „Wollen Sie noch weitere Einkäufe für Ihren Chef tätigen?“

„Äh, ja, das will ich.“ Grace räusperte sich. „Ich brauche noch ein Dessous, das heißt, noch einmal das gleiche wie eben. Das erste ist mir leider abhanden…“

Noch während sie sprach, sah sie, wie der Blick der Verkäuferin an ihr vorbei zur Tür glitt. Ein weiterer Kunde hatte den Laden betreten.

Grace brauchte sich gar nicht erst umzudrehen, um zu wissen, dass es Maxim war. Sie merkte es an der prickelnden Spannung, die plötzlich im Raum lag. An dem Tausend-Watt-Lächeln, mit dem die Angestellte auf den Besucher zueilte und Grace dabei beinahe umstieß. Um ihn freudig willkommen zu heißen und ihn anzuhimmeln, wie alle Frauen in ganz London es taten.

Alle außer mir, sagte sich Grace energisch. Er war gefährlich, er war attraktiv, er war mächtig. Und er war ihr Feind. Sie war nicht hinter ihm her. Nein, bestimmt nicht.

„Eure Hoheit, Sir! Welche Freude, Sie wieder bei uns begrüßen zu dürfen“, kreischte die Brünette begeistert. „Wir haben zahlreiche neue Modelle auf Lager, die ich Ihnen sehr gern zeigen würde.“

Grace konnte sich denken, was die Verkäuferin Maxim noch viel lieber gezeigt hätte. Unbehaglich kehrte sie den beiden den Rücken zu. Sie war es gewöhnt, behandelt zu werden, als sei sie unsichtbar. Bei der Arbeit, auf der Straße, allein in diesem fremden Land. Unsichtbar. Allein.

Plötzlich fühlte sie eine schwere Hand auf ihrer Schulter.

„Zunächst einmal werden Sie meiner schönen Freundin hier das Modell ersetzen, das sie eben bei Ihnen gekauft hat“, wies Maxim die Verkäuferin an. „Und dann“, er drehte Grace um und sah sie an, „bringen Sie ihr aus Ihrer Kollektion, was immer sie wünscht.“

„Aber natürlich, Eure Hoheit“, stammelte die Angestellte, während sie Grace erstaunt und mit ganz neuem Respekt musterte.

„Es war meine Schuld, dass Sie nass wurden“, wandte sich Maxim mit warmer Stimme an Grace. „Ein unverzeihliches Missgeschick. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, Ihnen neue Sachen zu kaufen.“

Gerade noch hatte sie sich einsam und verloren gefühlt, doch Maxim gelang es, sie mit einem einzigen Blick zu neuem Leben zu erwecken. Hatte ihr mit wenigen Worten zu verstehen gegeben, dass sie durchaus etwas wert war.

„Was immer Sie wollen, Grace“, fügte er hinzu, wobei er ihr sanft über die Wange strich. „Es wird mir eine Ehre sein, Ihnen jeden nur möglichen Wunsch zu erfüllen.“

Sie spürte eine Welle heißen Verlangens in sich aufsteigen. Unwillkürlich schmiegte sie ihr Gesicht in die große, warme Männerhand. Als ihr klar wurde, was sie da tat, wollte sie sich erschrocken zurückziehen, doch ihre Beine waren weich wie Gummi. Genau wie alles andere an ihr. Nur ihre Brüste spannten und sandten Signale heftigsten Begehrens aus.

Jetzt erst wurde ihr bewusst, wie gefährlich der dunkle Prinz wirklich war.

„Vielen Dank, aber das kann ich nicht annehmen“, sagte sie hastig.

Seine Finger glitten an ihrem Hals herab zu ihrem Mantelkragen. „Warum verhüllen Sie sich so, Grace? Warum zeigen Sie der Welt nicht, wie schön Sie sind?“

Fand er sie etwa wirklich attraktiv? War es nicht nur ein leeres Kompliment gewesen? In ihrem Kopf herrschte das reinste Chaos. Solange dieser Mann sie berührte, war sie zu keinem klaren Gedanken fähig. „Nun, ich …“

„Hier, darin würden Sie hinreißend aussehen.“

Er berührte ein bildschönes Nachthemd, präsentiert an einer Schaufensterpuppe ohne Kopf. Es war aus schimmernder Seide, zartrosa wie eine Rosenknospe im Frühling, hatte einen tiefen, spitzenbesetzten Ausschnitt und einen bodenlangen, weich fließenden Rock.

Grace, die normalerweise in T-Shirt und Flanellhose schlief, konnte sich nicht vorstellen, ein so edles Teil im Bett zu tragen. Ihr Blick folgte der kräftigen, sonnengebräunten Männerhand, die gefühlvoll über die hauchzarte Seide strich. Sie kam sich vor, als steckte sie selbst in diesem Nachthemd und spürte durch den dünnen Stoff hindurch seine warmen, streichelnden Finger an ihrer Haut …

Was war nur mit ihr los? Sie war ja schon genauso kopflos wie dieser Torso! Kein Mann hatte sie je im Nachthemd gesehen. Nicht einmal in ihrem Flanellpyjama. Und dabei würde es aller Voraussicht nach auch bleiben.

„Ich lasse mir von fremden Männern keine Nachtwäsche kaufen.“ Energisch entzog sie sich ihm und wandte sich ab.

„Gut, dann eben keine Dessous“, meinte er unbeirrt, sogar eine Spur amüsiert. „Aber einen Mantel. Wie wäre es mit diesem hier?“

Ein neuer Mantel? Zögernd drehte sie sich wieder um. Trotz der Fahrt in der geheizten Limousine fröstelte sie immer noch in ihrem alten, durchnässten Mantel. In Kalifornien hatte sie keinen warmen Wintermantel gebraucht. Ihr jetziger stammte aus einem Londoner Wohlfahrtsladen. Er war billig gewesen, aber nicht wasserdicht. Und er sah grauenhaft aus, auch wenn Grace versuchte, sich nichts daraus zu machen.

„Ich habe Ihren Mantel ruiniert“, hob Maxim hervor, „und trotz Ihres übertriebenen Stolzes müssen Sie doch zugeben, dass es nur meine Pflicht ist, ihn zu ersetzen.“

Er wies auf ein traumhaftes Exemplar aus feiner schwarzer Schurwolle, wadenlang, tailliert und mit breitem Kragen. Ein echter Prinzessinnenmantel. Grace hatte ihn bereits bei ihrem ersten Besuch von Weitem bewundert, aber nicht gewagt, ihn auch nur zu berühren. Erst recht nicht, nachdem sie das Preisschild entdeckt hatte. Zehntausend Pfund. Das ergab, in Dollar umgerechnet …

Ein neues Auto!

Sie schloss kurz die Augen und zwang sich, standhaft zu bleiben.

„Und das sollten Sie auch gleich mitnehmen.“ Er zeigte auf ein elegantes blaugrünes Cocktailkleid aus changierender Seide. „Es passt hervorragend zu Ihren Augen.“

Sehnsüchtig betrachtete sie das wundervolle Kleid, das aussah wie ein Modell aus den Modemagazinen, die es am Kiosk gab. Sie streckte die Hand aus, um den Stoff zu befühlen, hielt inne und drehte stattdessen das Preisschild um. Viertausend Pfund.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Vom Erzrivalen ihres Chefs durfte sie sich nicht einmal einen Cocktail spendieren lassen, geschweige denn ein Cocktailkleid!

Kleider wie dieses waren für strahlend schöne, steinreiche Erbinnen wie Lady Francesca bestimmt. Nicht für mittellose, unscheinbare Sekretärinnen, die in Stiefeln vom Discounter, einer Bluse vom Wühltisch und einem Kostüm aus dem Secondhandladen herumliefen. Seit ihr Vater vor fünf Jahren gestorben war, hatte sie an allen Ecken und Enden gespart, um ihre Familie unterstützen zu können.

Es hatte trotzdem nicht gereicht. Ihre Kehle wurde eng. Sie hätte ihre Mutter niemals alleinlassen dürfen …

„Erlauben Sie mir, Ihnen diese kleine Aufmerksamkeit zu erweisen“, bat ihr Begleiter lächelnd. „Dieses Vergnügen können Sie mir unmöglich abschlagen.“

Natürlich fiel es ihr schwer, ihm etwas abzuschlagen. Egal was.

Aber sie durfte nicht auf sein Angebot eingehen. Sie durfte ihm nicht vertrauen. Und diese luxuriösen Kleider, sosehr sie ihr gefielen, waren nicht für Leute wie sie gemacht. Nichts in dieser Luxusboutique hatte etwas mit dem wahren Leben zu tun.

„Und wo sollte ich die Sachen Ihrer Meinung nach tragen?“, fragte sie spitz. Er sollte auf keinen Fall merken, dass sie beinahe schwach geworden wäre. „Auf dem Weg zum Gemüseladen? Oder wenn ich die Post wegbringe?“

Er lächelte vielsagend. „Ich wüsste einige Gelegenheiten, zu denen Sie so etwas anziehen könnten. Oder auch ausziehen.“

Glühende Hitze stieg in ihr auf. Warum flirtete er mit ihr, als wäre sie eine begehrenswerte Frau, die er verführen wollte?

Es gab nur einen einzigen Grund, weshalb dieser skrupellose, milliardenschwere Prinz ein Interesse an ihr haben konnte: Er wollte sie benutzen, um sich zurückzuholen, was Alan ihm gestohlen hatte.

Sein Geschäft. Seine Braut.

Grace wandte sich demonstrativ ab. Von dem Mann, dem teuren Mantel, dem extravaganten Cocktailkleid. Von allem, was Luxus und Verschwendung bedeutete. Sie würde sich nicht verkaufen. Sie würde Alan nicht verraten.

„Nein.“ Tapfer kämpfte sie die Sehnsucht nach allem nieder, was ihr nie vergönnt sein würde. „Ich gestatte Ihnen, das Geschenk zu ersetzen, mehr nicht.“

Er zuckte die Schultern. „Es ist doch nur Geld, Grace.“

Nur Geld. Wie leicht konnte das jemand sagen, der mehr als genug davon besaß! Nur aus Geldmangel hatte sie ihr Studium abbrechen müssen, als ihr Vater starb. Nur aus Geldmangel musste ihre Mutter um jede Rechnung bangen, seit sie drei Söhne im Teenageralter, die jeden Tag den Kühlschrank leer aßen, allein durchbringen musste. Und nur aus Geldmangel stand ihre Familie jetzt kurz davor, das einzige Zuhause zu verlieren, das sie je gehabt hatte.

„Was haben Sie denn?“ Maxims silbergraue Augen ließen sie nicht los, lockten sie mit süßen Versprechungen und verlorenen Träumen. „Sagen Sie mir, was Sie wollen, Grace. Was wünschen Sie sich? Ein Wort, und es gehört Ihnen.“

„Nur ein paar Ratenzahlungen“, flüsterte sie.

„Wie bitte?“

„Ich … nein, nichts.“ Sie konnte doch Alans Feind nicht um ein Darlehen bitten! Als Gegenleistung würde er von ihr erwarten, dass sie ihren Chef ans Messer lieferte, und dazu war sie nicht bereit. Um keinen Preis der Welt.

Alan wird mir das Geld schon leihen, machte sie sich Mut. Ja, das wird er.

Sie atmete tief durch und sagte, an die Verkäuferin gewandt: „Ich möchte nur das Baby-Doll aus weißer Seide in Größe XS, bitte.“

„Aber gern, sofort.“ Grace sah zu, wie die junge Frau das spitzenbesetzte Dessous vorsichtig in Seidenpapier wickelte und in eine zartlila Schachtel mit dem Leighton-Emblem legte, die sie zusätzlich mit einer weißen Schleife verzierte.

„Höchstens eine von hundert Frauen hätte mein Angebot ausgeschlagen“, ließ sich der russische Prinz hinter ihr vernehmen. „Eine von tausend.“

Grace drehte sich zu ihm um und versuchte zu lächeln. „Sie sind der Rivale meines Chefs. Ich komme mir jetzt schon wie eine Verräterin vor. Ein Geschenk von Ihnen anzunehmen wäre absolut unpassend.“

„Niemand würde davon erfahren.“

„Aber ich wüsste es. Und Sie auch.“

„Ah, ich verstehe.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Eine ehrenwerte Frau.“

Sie schwieg verlegen. Nachdem sie jahrelang das Gefühl gehabt hatte, von niemandem wahrgenommen zu werden, fand sie es äußerst verwirrend, von einem Mann wie ihm so viel Aufmerksamkeit zu erhalten.

Es war, als fiele nach langen dunklen Jahren plötzlich ein Sonnenstrahl auf sie, der sie wärmte und mit seiner Helligkeit blendete.

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die Verkäuferin ihr lächelnd die Tüte reichte. „Frohe Weihnachten, Madam. Bitte besuchen Sie uns bald wieder.“

„Darf ich?“ Maxim nahm ihr die Tüte ab.

Ein Prinz und Gentleman, dachte Grace erstaunt. Solche Höflichkeit war sie gar nicht gewöhnt. Wenn sie mit Alan einkaufen ging, erwartete er selbstverständlich, dass sie die Tüten trug. Er hatte gern die Hände frei. Frauen lieben es doch, Einkäufe nach Hause zu schleppen, pflegte er scherzhaft zu sagen. Aber Alan war schließlich ihr Chef. Maxim dagegen … ja was denn nun? Ihr Feind?

Auf jeden Fall war er anders als alle Männer, die sie je gekannt hatte. Gefährlich. Weil er so attraktiv war? Skrupellos. Weil er ein milliardenschwerer Unternehmer war? Galant. Weil er ein Prinz war?

Warum auch immer, er war genau wie die Kleider von Leighton: nicht für Grace bestimmt. Nicht zu ihrem Leben gehörig. Und doch gelang es ihr kaum, den Blick von ihm abzuwenden. Und sie fragte sich insgeheim, wie es wäre, mit ihm zusammen zu sein.

Er führte sie zu der wartenden Limousine und half ihr beim Einsteigen. Als sie seine Hand an ihrem Arm spürte, durchlief sie wie jedes Mal, wenn er sie berührte, ein wohliger Schauer.

„Finden Sie es nicht merkwürdig, Unterwäsche für Ihre frühere Freundin zu kaufen?“, fragte sie, als der Wagen anfuhr.

Er zuckte mit den Schultern und sah weg. „Vielleicht wird sie eines Tages wieder meine Freundin sein.“

„Aber sie ist mit Alan verlobt.“

Ein Muskel zuckte an seinem Kinn. „Vor zwei Monaten war sie noch mit mir verlobt.“

„Sie glauben doch nicht ernsthaft …“

„Ich möchte jetzt nicht von ihr sprechen.“ Er wandte sich ihr zu und ergriff ihre Hände. „Sprechen wir lieber von Ihnen. Sie müssen sich aufwärmen. Sie zittern immer noch am ganzen Körper“, meinte er lächelnd.

„So?“, hauchte Grace.

„Essen Sie heute mit mir zu Abend.“

Vergeblich versuchte sie, ihr Zittern zu unterdrücken. „Das geht nicht.“

Eine Falte erschien zwischen seinen dunklen Augenbrauen. „Warum nicht?“

„Erstens habe ich keinen Hunger …“ Wie auf Kommando gab ihr Magen ein lautes Knurren von sich. Sie wurde feuerrot vor Verlegenheit. Während der Mittagspause hatte sie die Verlobungsanzeigen für Alans Familie und Freunde verfasst, während ihr Chef zum feierlichen Lunch auf dem Gut seines zukünftigen Schwiegervaters außerhalb von London weilte. „Wenn Alan davon erfährt …“

„Das wird er nicht.“

„Ich kann mir kein teures Abendessen leisten.“

„Es wäre mir eine Ehre, Sie …“

„Nein.“

Er stöhnte gequält. „Sie machen es mir unmöglich, Sie zu verwöhnen.“

„Sie sollen mich nicht verwöhnen.“ Peinlich berührt schlug sie die Augen nieder, als ihr Magen wieder laut und vernehmlich zu knurren begann. „Aber gegen einen kleinen Snack wäre vielleicht nichts einzuwenden. Vorausgesetzt, wir zahlen getrennt.“ Und vorausgesetzt, Alan erfährt nichts davon. „Neben Harrods, nicht weit von uns, gibt es ein kleines Café.“

Maxim zog die Augenbrauen hoch. „Von ‚uns‘?“, fragte er scheinbar arglos. „Wohnen Sie denn mit jemandem zusammen?“

Brennende Röte überzog ihre Wangen. „Ich wohne mit Alan im selben Haus.“

„Verstehe.“ Sein Blick sprach Bände.

„Ich habe kein Verhältnis mit ihm, falls Sie das denken!“, erklärte Grace, aber sie sah ihm an, dass er ihr nicht glaubte. „Ich habe ein eigenes Apartment im Souterrain. Als Alans persönliche Assistentin muss ich ihm jederzeit zur Verfügung stehen. So hoch, wie die Mieten in London sind, bin ich froh, dort wohnen zu können.“

„Wie bequem für Sie beide“, bemerkte er trocken.

„Sie verstehen gar nichts. Es geht alles ganz korrekt zu. Alan zieht mir jeden Monat die Miete vom Gehalt ab.“

Jetzt lachte er laut auf. „Ach, tut er das? Sie stehen ihm rund um die Uhr zur Verfügung, erledigen in Ihrer Freizeit seine Privateinkäufe, und er kassiert Miete, weil Sie bei ihm im Keller wohnen?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Ich verstehe wirklich nicht, weshalb Sie sich so für ihn aufopfern.“

„Ach, vergessen Sie’s.“ Sie lehnte sich zurück und sah mit versteinerter Miene auf den Hyde Park hinaus. „Wenn Sie Alan beleidigen wollen, verzichte ich auf den Snack. Dann können Sie mich zu Hause absetzen.“

„Ich habe ihn nicht beleidigt, ich wundere mich nur über Ihre grenzenlose Loyalität. Sie haben etwas Besseres verdient.“

Etwas Besseres? Erstaunt drehte sie den Kopf und sah ihn an. Auf die Idee wäre sie nie gekommen. Drei Jahre lang hatte sie als schlecht bezahlte Aushilfe in L. A. gearbeitet, bevor sie die Stelle bei Cali-West bekommen hatte. Sie hatte Alan, ihren munteren, attraktiven Chef, der aussah wie der junge Hugh Grant, vom ersten Tag an vergöttert. Sich glücklich geschätzt, überhaupt für ihn arbeiten zu dürfen.

Und nun behauptete dieser Prinz, sie habe etwas Besseres verdient?

„Sind wir in der Nähe des Bistros?“, erkundigte er sich, und Grace bemerkte den fragenden Blick des Chauffeurs im Rückspiegel.

„Gleich da vorn, an der nächsten Ampel“, erwiderte sie mürrisch.

Die weißhaarige alte Dame, der das Café gehörte, schien sich sehr geehrt zu fühlen, als der russische Prinz über ihre Schwelle trat. In der kleinen Gaststube mit der verblichenen Blümchentapete an den Wänden wirkte seine große, imposante und überaus männliche Erscheinung irgendwie fehl am Platz. Grace und er bekamen den besten Tisch in einer Fensternische zugewiesen, mit Blick auf die festlich geschmückten Auslagen von Harrods. Als die Französin lächelnd nach ihren Wünschen fragte, ließ Grace ihrem Begleiter den Vortritt, wie sie es auch bei Alan tat.

Maxim aber sah sie erwartungsvoll an, griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand und fragte: „Was würden Sie mir empfehlen, Grace?“

„Ich … nun ja …“ Verstört blickte sie auf seine kräftige, sonnengebräunte Hand, die warm und fest die ihre umschloss. „Also …“ Unter dem Vorwand, die abgegriffene Speisekarte studieren zu wollen, die sie längst auswendig kannte, löste sie ihre Finger aus seinen. „Die Sandwiches sind ausgezeichnet, aber die Pasteten schmecken auch sehr gut.“ Sie sah zu Madame Charbon auf. „Ich nehme das Übliche.“

„Für mich dasselbe, bitte“, sagte Maxim.

Oui, monsieur.“ Die alte Dame nickte und verschwand.

„Sie wissen doch aber gar nicht, was ich bestellt habe“, meinte Grace verblüfft.

„Ich vertraue Ihnen“, sagte Maxim.

Er vertraut mir. Sie gab sich Mühe, sich nicht allzu geschmeichelt zu fühlen. „Soll ich Ihnen verraten, was Sie bekommen?“

„Nein. Ich liebe Überraschungen.“

Grace normalerweise nicht, aber sie musste zugeben, dass sie allmählich Geschmack daran fand. „Tut mir leid, dass ich auf der Fahrt hierher so grantig war“, meinte sie. „Sie wollten Alan sicher nicht beleidigen.“

„Er hat Glück, dass er Sie hat.“

Betreten senkte sie den Blick. Natürlich hatte auch sie sich schon öfter darüber geärgert, dass Alan sie so schlecht bezahlte. Vor allem in letzter Zeit. Nach achtzehn Monaten als Juniorsekretärin war sie vor einem halben Jahr zu seiner persönlichen Assistentin aufgestiegen, verdiente aber trotz der höheren Anforderungen nicht mehr als vorher. Alan hatte es immer wieder geschafft, sie mit einer Ausrede und einem Lächeln zu vertrösten.

Als er beschlossen hatte, sich um eine Fusion mit der Exemplary Oil Company zu bemühen, hatte er sein Büro im letzten Oktober kurzerhand nach London verlegt. In Los Angeles war das Leben für Grace sehr viel billiger gewesen. Dort hatte sie in ihrem Elternhaus gewohnt und genug Geld gehabt, um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Seit sie in London lebte und Miete zahlen musste, war sie kaum noch in der Lage, ihrer Mutter auch nur hundert Dollar im Monat zu schicken.

Der drohende Verlust ihres Elternhauses war also allein ihre Schuld.

Madame Charbon kehrte mit zwei Tassen dampfend heißem Kakao und knusprigen Croissants zurück, und Grace beschloss, die deprimierenden Gedanken für eine Weile zu vergessen. Sie sorgten nur dafür, dass sie noch mehr Angst, Hilflosigkeit und … ja, auch Zorn empfand.

Alan wird mir helfen, sagte sie sich zum hundertsten Mal an diesem Tag.

„Woran denken Sie?“ Maxim beugte sich zu ihr herüber und sah sie aufmerksam an.

Sie trank einen Schluck Kakao und verbrannte sich prompt die Zunge. „An gar nichts. Das heißt, ich habe mich gerade gefragt, ob Sie jemals mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren sind“, sagte sie schnell.

„Merkwürdige Frage.“

„Sie sind doch Russe, oder?“, fragte sie wehmütig lächelnd. „Als kleines Mädchen habe ich immer davon geträumt, einmal mit diesem Zug zu fahren. Ich finde es faszinierend, dass er sieben Zeitzonen durchquert und von Moskau bis zum Pazifischen Ozean knapp sechstausend Meilen zurücklegt.“

„Da muss ich Sie leider enttäuschen“, erwiderte er. „Ich verbringe nur wenige Monate im Jahr in Moskau, und wenn ich reise oder die Ölfelder im Norden besuche, nehme ich das Flugzeug.“

„Ja, natürlich“, sagte sie seufzend. „Und wo leben Sie während der restlichen Zeit? In London?“

„Ich besitze Häuser auf der ganzen Welt, sechs oder sieben dürften es momentan sein. Und ich halte mich immer dort auf, wo es gerade am besten passt.“

„Sechs oder sieben?“ Grace sah ihn fassungslos an. „Sie wissen nicht einmal, wie viele es genau sind?“

Er zuckte achtlos die Schultern. „So viele, wie ich gerade brauche. Wenn ich von einem genug habe, verkaufe ich es wieder.“ Grace sah gebannt zu, wie er genüsslich die Sahnehaube von der heißen Schokolade naschte. Er trank einen Schluck, biss dann herzhaft in sein Croissant. „Köstlich“, lobte er.

„Freut mich, dass es Ihnen schmeckt. Alan hasst Kakao.“

Maxim warf ihr einen scharfen Blick zu. „Sie sind in ihn verliebt, oder?“

Er hatte sie kalt erwischt.

„Wie bitte?“, flüsterte sie verstört. „In wen?“

„Sie sind seine treue Sklavin, leben in seinem Haus, machen in Ihrer Freizeit Besorgungen für ihn. Und offensichtlich tun Sie das alles nicht für Geld, denn Sie haben keins. Es gibt also nur eine Erklärung für Ihr Verhalten: Sie lieben ihn.“

Grace öffnete den Mund, um zu protestieren, doch plötzlich hatte sie genug von der ständigen Geheimniskrämerei. Sie war es so leid, sich niemandem anvertrauen zu können, niemanden zu haben, auf den sie sich verlassen konnte.

„Ja, ich liebe ihn.“ Müde ließ sie den Kopf in die Hände sinken. „Aber es ist hoffnungslos.“

„Ich weiß.“

Sie sah auf und war überrascht über die Wärme und Anteilnahme in seinem schönen, dunklen Gesicht.

„Nur stehe ich für gewöhnlich auf der anderen Seite“, fuhr er fort. „Egal, ob alt oder jung, meine Sekretärinnen neigen dazu, sich einzureden, sie seien in mich verliebt. Und dann stürmen sie todunglücklich aus meinem Büro. Es ist traurig mit anzusehen. Und es sorgt für Unruhe. Ich hasse es.“

„Ja, ich auch.“ Graces Lachen endete in einem kleinen Seufzer. „Und jetzt ist er mit einer anderen Frau verlobt, und die ist reich und schön und … na ja …“

„Boshaft?“ Maxim sah ihr geradewegs in die Augen. „Grausam und berechnend?“

Sie nickte verlegen. „Ich bin überrascht, das aus Ihrem Mund zu hören. Haben Sie denn Lady Francesca nicht geliebt?“

Ohne auf ihre Frage einzugehen, meinte er: „Das sollten Sie sich nicht gefallen lassen, Grace. Kommen Sie, und arbeiten Sie für mich.“

Zum Glück hatte sie ihren Kakao schon ausgetrunken, sonst hätte sie sich womöglich verschluckt. „Für Sie?“, fragte sie ungläubig.

„Ich könnte noch eine Sekretärin gebrauchen. Kündigen Sie Barrington. Arbeiten Sie für einen Mann, der Sie anständig bezahlt und bei dem Sie es weit bringen werden.“ Er lächelte. „Dass Sie in einen anderen Mann verliebt sind, empfinde ich dabei als Pluspunkt.“

„Auch wenn Ihnen dieser Mann die Verlobte ausgespannt hat?“

Schweigend führte er die Tasse an den Mund und trank.

„Lecker“, sagte er, bevor er Grace eindringlich ansah. „Ich brauche eine Sekretärin, der ich vertrauen kann. Eine kluge Frau, die weiß, was Loyalität bedeutet. Sie werden es nicht bereuen, die Seite gewechselt zu haben, das schwöre ich Ihnen.“

Einen Moment lang war sie ernsthaft versucht, sein Angebot anzunehmen. Sie stellte sich vor, wie es wäre, für Prinz Maxim zu arbeiten anstatt für Alan.

Ja, er war attraktiv, gefährlich und skrupellos. Doch bei ihm wäre sie frei, sich gegen ihn aufzulehnen, ihn zu verlassen, ihm die Meinung zu sagen. Weil sie ihn nicht liebte.

„Ich zahle Ihnen das Doppelte Ihres jetzigen Gehalts.“

Das Doppelte?

Sie überlegte. „Würden Sie mir Vorschuss gewähren?“

Er zögerte keine Sekunde. „Natürlich.“

Es war ein unwiderstehliches Angebot. Das Haus ihrer Mutter wäre gerettet. Alles wäre gerettet.

„Und wo ist der Haken an der Sache?“

„Sie müssten mir helfen, den Vertrag mit der Exemplary Oil Company unter Dach und Fach zu bringen.“

„Und Francesca?“

Er tat ihre Frage mit einem Schulterzucken ab. „Abgemacht?“, hakte er nach und streckte ihr die Hand hin.

Grace schloss die Augen und dachte an all die vielen Male, als Alan sie geneckt und mit ihr geflirtet hatte. Mehr als einmal hatte er sie beschworen, ihn nie zu verlassen. „Ohne Sie wäre ich verloren, Gracie“, hatte er ihr mit seinem schönsten Filmstar-Lächeln versichert. Und wie glücklich war sie darüber gewesen! Sie hatte seine Worte in ihrem Herzen aufbewahrt und gehofft, eines Tages mehr zu sein als nur seine Sekretärin.

Dann war Lady Francesca Danvers aufgetaucht und hatte ihm Geld und Macht in der denkbar schönsten Verpackung dargeboten.

Doch was immer Alan ihr angetan hatte, sie würde ihn nicht hintergehen.

Stur und dumm, dachte sie verdrossen, schüttelte aber den Kopf. „Vielen Dank für das Angebot, aber die Antwort ist nein.“

Maxim zog seine Hand zurück. „Nun gut.“

Er wirkte nicht einmal enttäuscht, im Gegenteil. Er nahm ihre Absage mit der zufriedenen Miene eines Katers entgegen, der gerade eine Schüssel Sahne ausgeleckt hatte.

Grace verzehrte die letzten Krümel ihres Croissants, legte ein paar Münzen auf den Tisch und erhob sich zögernd.

„Vielen Dank für den angenehmen Nachmittag, Prinz Maxim.“

Er sah zu ihr auf. Die unergründliche Tiefe seiner grauen Augen machte Grace schwindelig.

„Nein, ich habe zu danken.“ Er ergriff ihre Hand und küsste ihre Fingerspitzen. Grace erbebte.

Dosvedanya, solnischka mayo. Ich werde Ihren Anblick dort draußen auf der Straße nie vergessen. Ihr Haar schimmerte silberhell im letzten Tageslicht. Sie sahen aus wie ein Engel. Wie die Sonne, so schön.“ Ein Schauer der Erregung durchlief sie, als seine warmen Lippen die Innenfläche ihrer Hand berührten. Von Kopf bis Fuß bebend, stand sie da und wartete, wartete …

„Bis zum nächsten Wiedersehen, Grace.“

Er ließ sie los. Wie in Trance verließ sie das Café und bahnte sich einen Weg durch die Menge, die Einkaufstüte von Leighton so fest an sich gepresst, als hinge ihr Leben davon ab. Noch immer spürte sie Maxims warmen Kuss wie ein Brandmal auf ihrer Haut. Im weihnachtlichen Lichterglanz der Schaufenster betrachtete sie ihre Hand und war verwundert, keine Spuren darauf zu entdecken.

Sie wusste, sie würde ihn nie wiedersehen. Vermutlich war es besser so. Ja, ganz sicher! Und doch …

Wenn Alan sie in Zukunft wieder einmal anschrie, weil sie seine Wünsche nicht vorausahnte, wenn einer ihrer Schecks platzte, wenn sie mit ansehen musste, wie der Mann, den sie liebte, eine andere Frau heiratete, wann immer sie sich hilflos, hoffnungslos und unsichtbar fühlte …

Dann würde sie an diesen märchenhaften Nachmittag zurückdenken. An den schönen Prinzen, der so nett zu ihr gewesen war. Der sie wie eine Prinzessin behandelt hatte.

Während sie durch den stillen, frostigen Winterabend nach Hause eilte, verwandelte sich der Schneeregen in Schnee. Weiche weiße Flocken fielen tanzend vom Himmel herab.

Seit zwei Jahren war sie nun schon ebenso heimlich wie hoffnungslos in Alan verliebt. Doch nie hatte er auch nur annähernd eine so starke Wirkung auf sie ausgeübt wie Maxim Rostov. Alan hatte sie nie zum Zittern gebracht, nie diese glühende Sehnsucht in ihr geweckt. Maxim hatte sie in einer ganz besonderen Weise berührt, die sie nicht verstand.

Doch wie auch immer, es spielte ohnehin keine Rolle mehr.

Ihr Atem bildete eine weiße Wolke in der eisigen Luft, als sie einen tiefen Seufzer ausstieß. Langsam stieg sie die Eingangsstufen des Hauses hinauf, das sie zusammen mit ihrem Chef bewohnte.

Das Märchen war zu Ende.

4. KAPITEL

Alan erwartete sie bereits an der Haustür. Seine blauen Augen funkelten vor Vergnügen. Er war so jungenhaft attraktiv, dass man ihn beinahe als hübsch bezeichnen konnte. Aufgeregt zog er Grace in die Halle.

„Sie kommen gerade recht, Gracie! Ich habe ein Geschenk für Sie.“

Strahlend überreichte er ihr ein Flugticket. Geblendet vom Lichterglanz eines riesigen, kunstvoll geschmückten Weihnachtsbaums, blickte Grace auf das Ticket in ihrer Hand.

„Frohe Weihnachten“, sagte Alan betörend sanft.

Freudig überrascht sah sie ihn an. Wie hatte sie jemals annehmen können, er wolle sie ausnutzen? Dieses Geschenk bewies doch wohl, dass ihm wirklich etwas an ihr lag.

„Danke“, flüsterte sie. „Ich möchte so gern zu Weihnachten nach Hause fahren, aber ich habe nicht genug …“

„Ich weiß, Gracie“, sagte er lächelnd.

„Vielen Dank.“ Sie war zu Tränen gerührt. „Sie wissen, wie viel mir das bedeutet.“

„Am Weihnachtsabend, sobald das Geschäft besiegelt ist, fliegen Sie ins sonnige Kalifornien“, verkündete er, setzte aber theatralisch hinzu: „Obwohl ich gar nicht weiß, wie ich ohne Sie zurechtkommen soll.“

Grace nahm sich ein Herz und fragte: „Alan, darf ich Sie noch um einen großen Gefallen …“

„Oh, nein“, unterbrach er sie stöhnend. „Fangen Sie jetzt bloß nicht wieder von Ihrem Gehalt an. Geht es denn immer nur ums Geld? Ich bin der Geschäftsführer von Cali-West, und Sie sind meine rechte Hand. Reicht Ihnen das nicht als Anerkennung?“, meinte er augenzwinkernd.

Seine rechte Hand, jawohl, aber nicht die Frau in seinen Armen! Grace lächelte schwach. „Sie sagten doch, wir würden Ende des Jahres über eine Gehaltserhöhung oder einen Bonus reden. Ich sitze ganz schön in der Klemme, Alan …“

„Sorry, meine Liebe.“ Er hob bedauernd die Hände. „Das müssen wir leider verschieben, sonst komme ich zu spät zu meiner Verabredung mit Francesca.“

„Aber Alan …“

„Wir reden morgen darüber. Versprochen.“ Er ergriff ihre Hand, doch es prickelte nicht wie bei Maxim. Alans Hand war einfach nur warm und weich. „In der Zwischenzeit möchte ich Sie bitten, etwas für mich zu erledigen. Eine winzige Kleinigkeit“, sagte er treuherzig. „Bitte helfen Sie mir bei meiner Hochzeit.“

„Wie bitte?“

„Francesca findet keinen passenden Termin, also dachte ich, wir verzichten einfach ganz auf die Feierlichkeiten und heiraten heimlich. Und da kommen Sie ins Spiel.“ Er bedachte Grace mit einem strahlenden Lächeln. „Ich möchte am Weihnachtsabend mit Francesca nach Schottland verschwinden. Dort lassen wir uns trauen und fliegen dann weiter in die Flitterwochen nach Barbados. Seien Sie so gut und arrangieren Sie alles.“

Grace musterte ihn schweigend. Ihm war offenbar nicht klar, was er da von ihr verlangte. Wie konnte er nur! Für ihn war der Kuss am Halloween-Abend nichts Besonderes gewesen, für sie aber der lang ersehnte Höhepunkt nach Jahren vergeblichen Hoffens. Vielleicht war der Kuss ja deshalb nicht so berauschend ausgefallen, wie sie es sich erträumt hatte. Nicht halb so berauschend jedenfalls wie der Handkuss, mit dem Prinz Maxim sich vor einer Stunde von ihr verabschiedet hatte.

Entschlossen, den russischen Prinzen aus ihren Gedanken zu verbannen, wandte sie sich wieder Alan zu. „Sind Sie sicher, dass diese Nacht-und-Nebel-Aktion eine gute Idee ist? Vielleicht würde Ihre Braut gern selbst entscheiden, ob …“

„Es ist ein genialer Plan“, unterbrach er sie gereizt.

„Wie Sie meinen.“ Jetzt erst fiel ihr auf, dass sie immer noch die Einkaufstüte von Leighton in der Hand hielt. „Hier, das Geschenk für Ihre Verlobte.“

„Danke.“ Er nahm seinen Mantel von der Garderobe und klemmte sich die Tüte unter den Arm. An der Tür drehte er sich noch einmal um und zwinkerte Grace zu. „Dieses kleine Etwas brauche ich heute Abend, um den Handel perfekt zu machen. Zu Weihnachten bekommt Francesca von mir etwas viel Besseres. Sie kümmern sich um die Reisevorbereitungen, ja?“

Niedergeschlagen schloss Grace die Haustür hinter ihm ab. Es war schlimm genug, ein Geschenk für seine Verlobte kaufen zu müssen. Seine Blitzhochzeit zu planen würde noch tausendmal schlimmer sein.

Sie hatte nicht erwartet, dass es so wehtun würde. Vielleicht weil sie den Nachmittag mit Prinz Maxim verbracht hatte. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte sie die volle Aufmerksamkeit eines Mannes genossen, seine sanften Berührungen, seine zuvorkommende Art. Es hatte etwas in ihr zum Erblühen gebracht. Etwas, das gesehen und berührt werden wollte. Sie hatte sich so gut dabei gefühlt, so lebendig.

Jetzt aber war sie wie betäubt.

Sie ging die Treppe hinunter in ihr Souterrain-Apartment. Leise schloss sie die Tür hinter sich, streifte die nassen Sachen ab und zog ein altes T-Shirt und ihre Schlafanzughose an. Dann wärmte sie die von gestern übrig gebliebenen Reste eines Thai-Menüs in der Mikrowelle auf, holte sich eine Diät-Cola aus dem Kühlschrank und schaltete den Fernsehapparat an. Mit dem Laptop auf dem Schoß ließ sie sich auf die Couch fallen, um Alans Reisebuchungen für den Weihnachtsabend vorzunehmen. Es waren nur noch zwei Wochen bis dahin.

Doch sie konnte sich weder auf die Arbeit noch auf das Fernsehprogramm konzentrieren. Traurig wickelte sie sich in die bunte Steppdecke, die ihre Mutter ihr genäht hatte, als sie noch ein Kind war, und blickte düster vor sich hin.

Er hatte wirklich vor, Lady Francesca Danvers zu heiraten. Diese gerissene, superschlanke, heiß begehrte Tochter aus reichem Hause, die sich jede Eskapade erlauben konnte. Weil sie so schön war, dass die Männer ihr alles verziehen.

Während sie, Grace, eine jämmerliche Versagerin war. Sie konnte ihren Chef nicht einmal dazu bringen, ihr einen Moment lang zuzuhören. Und das, obwohl die Existenz ihrer Familie davon abhing, dass Alan ihr diesen Vorschuss gewährte!

Tränen rollten über ihre Wangen und tropften auf die alte, verblichene Decke. Warum hatte sie erst heute Morgen erfahren, dass das Geld von der Lebensversicherung ihres Vaters aufgebraucht war? Warum hatte ihre Mutter ihr den Ernst der Lage so lange verschwiegen? Und warum konnte sie nicht aufhören, einen Mann zu lieben, der nichts weiter als eine Sekretärin in ihr sah?

Ein lautes Klopfen an der Außentür ihres Apartments riss sie aus ihren Gedanken. Sie rieb sich die Augen, raffte die Decke zusammen und stand auf. Das wird Alan sein, dachte sie. Vermutlich hatte er wieder einmal seinen Schlüssel vergessen und wollte durch ihre Wohnung nach oben gehen. Ihr Puls beschleunigte sich. Diesmal würde er sie anhören müssen. Bitte, Alan, würde sie sagen. Zehntausend Pfund, oder meine Familie verliert ihr Zuhause!

Sie öffnete die Tür nach draußen, in die kalte, verschneite Winternacht. „Alan, ich brauche …“ Ihr Satz endete in einem kleinen Keuchen.

Der große, dunkelhaarige Mann, der vor ihr stand, war definitiv nicht ihr Chef.

Prinz Maxim Rostov, im eleganten Smoking und wehenden schwarzen Mantel, sah düster, gefährlich und – ach! – einfach umwerfend aus. Grace schlug das Herz bis zum Hals.

„Was machen Sie hier?“, fragte sie atemlos.

„Ich habe etwas vergessen.“ Prüfend musterte er ihre geröteten Augen.

„Was denn?“

Sie erhaschte gerade noch einen Blick auf den silbern schimmernden Mond am Himmel, da legte Maxim seine starken Arme um sie und hüllte sie mit seiner wunderbaren Wärme ein. Alles verschwamm vor ihren Augen, als er sanft ihren Kopf zurückbog.

„Das hier“, sagte er.

Und dann küsste er sie.

Zunächst berührte Maxim nur ganz zart ihre Lippen mit den seinen. Grace spürte, wie er die Hände in ihren Nacken schob, ihr durchs Haar strich, dann die Finger langsam an ihrem Rücken hinabgleiten ließ. Seine warmen Lippen liebkosten sie, lockten sie, betörten sie, bis sie von Kopf bis Fuß wie elektrisiert war.

Bereitwillig öffnete sie den Mund, als sein Kuss drängender wurde. Seine Zungenspitze glitt zwischen ihre Lippen, neckte und streichelte sie. Grace begann vor Verlangen am ganzen Körper zu zittern.

Dies war der Kuss, von dem sie ihr Leben lang geträumt hatte. Wie ein Sturmwind wirbelte er alles durcheinander und hob ihre ganze Welt aus den Angeln.

War das ein Traum? Es konnte nur ein Traum sein!

Von Maxims starken Armen gehalten zu werden, während er sie voller Leidenschaft küsste, war schöner als alles, was Grace je erlebt hatte. Gar nicht zu vergleichen mit Alans bierseligem feuchten Kuss vor sechs Wochen.

Alan!

Hier stand sie, in Alans eigenem Haus – und küsste seinen Todfeind!

„Halt“, keuchte sie, Mund an Mund mit Maxim. Bebend löste sie sich von ihm. „Bitte nicht.“

Er strich ihr das blonde Haar aus der Stirn. „Warum denn, Grace? Weil du in Barrington verliebt bist?“

„Nein … ja.“ Lachend schüttelte sie den Kopf, doch in ihren Augen standen die Tränen. „Sie sollten jetzt lieber gehen.“

„Du“, verbesserte er sie lächelnd. „Und du solltest mitkommen.“

Wollte er etwa mit ihr ausgehen? „Ich brauche Ihr … dein Mitleid nicht.“

„Mitleid?“ Seine Augen waren jetzt so dunkel, dass sie in der mondhellen, verschneiten Winternacht beinahe schwarz aussahen. „Man sagt mir nach, ich hätte kein Herz. Das ist die Wahrheit, Grace. Betrachte es als Warnung.“

Und wieder küsste er sie, doch nicht sanft wie beim ersten Mal. Diesmal war sein Kuss so heiß und stürmisch, dass Grace mit geschwollenen Lippen und schmerzlich brennender Sehnsucht zurückblieb, als er von ihr abließ.

„Geh heute Abend mit mir aus“, flüsterte er, den Mund an ihrer Schläfe. „Weise mich nicht ab.“

Obwohl sie nun schon seit mehreren Minuten hier draußen vor der Tür stand, nahm sie die bittere Kälte kaum wahr.

War sie tatsächlich versucht, mit ihm mitzugehen? Sie liebte doch Alan!

Oder etwa nicht?

„Ich falle Alan nicht in den Rücken“, erklärte sie, immer noch völlig aufgelöst. „Um keinen Preis der Welt. Nur weil du mich küsst, werde ich nicht zur Verräterin.“

„Glaubst du, ich würde dich nur deshalb küssen?“ Im silbrigen Schein des Mondes, der zwischen düsteren Wolkenfetzen am Himmel stand, traten Maxims Züge scharf und dunkel hervor. „Du bist eine begehrenswerte Frau, solnischka mayo.

„Solnischka mayo?“

„Meine Sonne“, sagte er leise.

Grace unterdrückte ein Lachen. Ihr Blick glitt zu ihrer Schlafanzughose und dem abgetragenen Sweatshirt. Sie zog die Decke von ihrer Mutter fester um sich. „Bist du blind?“

„Du bist dir deiner Schönheit nicht bewusst.“ Er streichelte ihre Schultern und sah ihr tief in die Augen. „Lass mich dir die Wahrheit zeigen.“

„Wie könnte ich dir vertrauen?“, flüsterte sie. Er war gefährlich. Er war rücksichtslos. Sie wusste, sie durfte sich nicht mit ihm einlassen. Und gerade deshalb fühlte sie sich umso stärker zu ihm hingezogen …

Er beugte sich herab, küsste sie erst auf die eine, dann auf die andere Wange. „Ich gehe nicht ohne dich.“

Seine warmen Lippen an ihrer Haut lösten erneut eine Welle heißen, pochenden Begehrens in ihr aus. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er sie noch einmal küssen würde. In seinen Armen gab es kein Denken mehr, nur noch Fühlen. Sie schloss die Augen, spürte seinen warmen Atem an ihrem Ohr. „Ich … ich kann nicht.“

„Du kannst, und du wirst“, erwiderte er ruhig. „Lass dir von mir zeigen, wie schön das Leben sein kann.“

Damit zog er sich zurück. Sie hätte am liebsten protestiert. Widerstrebend schlug sie die Augen auf und sah ihn an. Er war so viel größer als sie, dass sie sich neben ihm klein und zierlich vorkam. „Nein.“

„Stur und dumm“, wiederholte er lächelnd, während er mit dem Daumen sanft über ihre volle Unterlippe fuhr. „Warum widersetzt du dich mir?“

„Weil …“, seine Liebkosung brachte sie völlig durcheinander, „… weil ich nichts anzuziehen habe.“

Leise lachend schnippte er mit den Fingern. Ein muskelbepackter Bodyguard kam die Treppe herab zu ihrer Eingangstür, stellte zwei flache Kartons ab und verschwand in der Dunkelheit.

Beim Anblick der zartvioletten Schachteln mit dem Leighton-Emblem stieß Grace einen überraschten Laut aus. „Maxim, was hast du getan?“

„Dein Mantel“, sagte er. „Dein Kleid. Ich weiß, dass du beides gern haben wolltest, obwohl du es nicht zugeben konntest.“

Freudige Erregung überkam sie beim Gedanken an den herrlichen schwarzen Mantel und das blaue Seidenkleid, die sie im Geschäft nur von Ferne bewundert hatte. Die Vorstellung, sich in diese edlen Stoffe zu hüllen, ließ ihr Herz höher schlagen.

Er führt mich in Versuchung, sagte eine warnende Stimme in ihr. Er lockt mich ins Verderben.

„Deine Größe habe ich geschätzt, aber zur Sicherheit habe ich noch andere Größen im Wagen. Frauenkleider waren mir schon immer ein Rätsel. Mich interessiert mehr das Aus- als das Anziehen.“

Grace erschauerte. Sehnsüchtig betrachtete sie die beiden lilafarbenen Kartons.

Maxims Finger schlossen sich um ihr Handgelenk.

„Eine faire Warnung, Grace. Ich werde dich heute Nacht verführen“, sagte er ruhig.

Ihre Blicke trafen sich. Sie konnte kaum atmen, so wild klopfte ihr Herz.

„Versuch es“, flüsterte sie. „Ich werde dir widerstehen.“

Er lächelte verheißungsvoll. „Ich kann es kaum erwarten.“

„Und diese teuren Geschenke kann ich nicht annehmen“, setzte sie mit fester Stimme hinzu.

„Sie waren nicht teuer.“

„Ich kenne die Preise. Allein der Mantel kostet zehntausend Pfund!“

„Du bist mir sehr viel mehr wert als das, Grace. Ich würde jeden Preis zahlen, um dich glücklich zu machen.“

Der Hinweis auf seinen unermesslichen Reichtum jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Was für ihn eine Kleinigkeit war, stellte für sie ein Vermögen dar. Diese Summe hätte genügt, die Existenz ihrer Familie zu sichern. Aber nein, wo dachte sie hin? Alans Feind um Hilfe zu bitten wäre einfach schändlich gewesen. Sie mochte ihre Schwächen haben, aber sie war keine Verräterin.

„Alan würde mich feuern, wenn er erführe, dass ich mit dir aus war.“

„Dann arbeitest du eben für mich.“

„Aber …“

„Entweder du ziehst jetzt diese Sachen an, oder du gehst nackt.“ Er musterte sie vielsagend von oben bis unten. „Entscheide dich, sonst tue ich es.“

Er griff nach den Kartons, drängte sich an ihr vorbei und zog Grace mit sich in die Wohnung. Die Tür fiel zu, und sie waren allein.

In dem kleinen Apartment schien die Luft knapp zu werden.

Prinz Maxim Rostov – hier bei ihr zu Hause? Grace bemerkte, wie er den Blick durch den Raum schweifen ließ. Über das schäbige Sofa, die aufgewärmten Reste des Thai-Menüs auf dem Couchtisch, den plärrenden Fernseher, in dem eine peinliche Tanzshow lief, den aufgeklappten Laptop. Ihre Wangen färbten sich rot vor Scham.

Lächelnd wandte er sich ihr zu. „Wir können natürlich auch hier bleiben.“

Hier? Mit ihm? Nein, bloß nicht!

„Ich betrachte das Kleid und den Mantel als Leihgabe“, hörte sie sich wie von Ferne sagen. „Am Ende des Abends bekommst du beides zurück.“

„Ich freue mich jetzt schon darauf.“

Seine dunkel glänzenden Augen zogen Grace unwiderstehlich in ihren Bann. Sie fühlte sich, als läge sie bereits nackt vor ihm auf dem Bett …

Bett? Wer sagte denn, dass sie mit ihm ins Bett gehen würde?

Mit Prinz Maxim Rostov auszugehen war schon riskant genug. Sie setzte alles aufs Spiel, indem sie sich auf sein verlockendes Angebot einließ, aber sie konnte einfach nicht Nein sagen. Sie wollte endlich einmal etwas anderes erleben als immer nur Traurigkeit, Einsamkeit und Angst. All dem wollte sie für eine Weile entfliehen und in eine andere Welt eintauchen.

Mit zitternden Händen nahm sie die Schachteln von ihm entgegen. „Ich bin gleich wieder da.“

„Ich warte.“

Grace war überraschend leicht ums Herz, als sie in ihr kleines Schlafzimmer lief, um sich umzuziehen. Sie bürstete ihr langes blondes Haar, bis es seidig glänzte, und trug einen Hauch Lippenstift auf. Da sie keinen passenden BH für das tief ausgeschnittene Cocktailkleid besaß, ließ sie ihn einfach weg. Leise raschelnd glitt die meerblaue Seide über ihre nackte Haut und schmiegte sich zärtlich um ihre Kurven.

Sie wusste, dass es ein Fehler war.

Es ist doch nur für einen Abend, sagte sie sich. Einen einzigen Abend lang wollte sie all ihre Probleme vergessen und glücklich sein. Und sie würde sich auf keinen Fall von Prinz Maxim verführen lassen.

Beim Anblick ihres Spiegelbilds stockte ihr der Atem. Verschwunden war die verhuschte Sekretärin in ihrem plumpen Mantel. Sie erkannte sich selbst kaum wieder – bis auf die alten silberfarbenen Pumps natürlich, aber andere hatte sie nicht. Doch wer war die strahlende Blondine in diesem wundervollen Kleid?

Die meerblaue Seide passte perfekt zur Farbe ihrer Augen, und der rosenholzfarbene Lippenstift betonte ihren zarten, hellen Teint. Der Schnitt des Kleides war ideal. Er brachte ihre vollen Brüste und ihre schmale Taille raffiniert zur Geltung und verlieh ihr die sexy kurvenreiche Figur eines Pin-up-Girls der fünfziger Jahre.

Konnten ein Kleid und ein wenig Make-up einen Menschen so sehr verändern?

Aber es war natürlich nicht nur das Kleid, das dieses Wunder vollbracht hatte. Es war Maxim. Seine Aufmerksamkeit hatte Grace wie eine Blume erblühen lassen.

Ein einziger Abend mit ihm. Einige wenige Stunden, in denen sie sich schön und begehrenswert fühlen konnte. Mehr wollte sie gar nicht.

Nein, mehr würde nicht passieren. Schließlich liebte sie einen anderen Mann. Das sollte doch wohl genügen, um vor Maxim sicher zu sein. Oder etwa nicht?

Als sie das Schlafzimmer verließ und ihn an der Tür stehen sah, hielt sie abrupt inne. Er wirkte so düster und geheimnisvoll und so überwältigend attraktiv. Ihre Blicke begegneten sich. Grace bekam eine leichte Gänsehaut.

„Ich hoffe, ich habe dich nicht zu lange warten lassen“, sagte sie nervös.

Geschmeidigen Schrittes kam er auf sie zu und musterte sie aus schmalen grauen Augen wie ein Raubtier seine Beute. Langsam ließ er den Blick über das meerblaue Seidenkleid gleiten, das ihre verführerischen Rundungen umschmeichelte, über die baumelnden Silberkreolen an ihren Ohren, ihr schimmerndes blondes Haar, ihre vollen rosigen Lippen.

„Solnischka mayo“, sagte er bewundernd, „du bist es wert, dass man auf dich wartet.“

5. KAPITEL

Während der Chauffeur die Limousine durch die abendlichen Straßen lenkte, blickte Grace immer wieder fasziniert auf den Mann an ihrer Seite. Im Mondlicht, das schräg durch die Fenster in den Wagen fiel, wirkte sein edles Profil wie gemeißelt. Was für ein schöner Mann!

Schön? Ein merkwürdiges Wort für eine so imposante, angsteinflößende Persönlichkeit. Aber er war wirklich schön. Verhängnisvoll schön. Jetzt wandte er ihr das Gesicht zu und sah sie an, einen lodernden Glanz in den dunklen Augen.

Da wusste Grace, dass er nicht gelogen hatte. Er begehrte sie wirklich. Was sie in seinen Augen sah, war weder Mitleid noch Freundlichkeit – es war pures Verlangen.

Hier mit ihm in der dunklen Limousine, in den edlen Kleidern von Leighton, kam sie sich auf wundersame Weise verwandelt vor. Eben noch hatte sie sich elend und unscheinbar gefühlt, jetzt aber kam sie sich vor wie eine Göttin. Sehr sexy, sehr verführerisch. Jeder Blick von Maxim schien ein Feuer in ihr zu entfachen.

Sie wusste, es würde nicht von Dauer sein. Genau wie bei Aschenputtel würde ihr Kleid verschwinden, wenn der Abend vorüber war. Sie wollte die kostbaren Sachen nicht geschenkt haben. Und sie würde Maxim auch nicht gestatten, sie zu verführen.

Aber heute Abend würde sie die Frau sein, die diese Kleider aus ihr machten. Dieser Abend gehörte ihr. Ein Abend voller Magie. Ein Abend, um gesehen zu werden.

Heute Abend war sie die Prinzessin aus dem Märchen.

Die Limousine kam zum Stehen. Maxim stieg aus und öffnete Grace die Tür. Er hielt ihren Arm, während sie den vereisten Bürgersteig einer Straße am Covent Garden entlanggingen, vorbei an zahlreichen Bars und Restaurants. Der wippende Saum des langen schwarzen Mantels reichte ihr bis zu den Knöcheln. Sie spürte Maxims Hand durch den Wollstoff hindurch. Trotz der Kälte war ihr angenehm warm.

„Hier entlang.“ Durch einen Seiteneingang betraten sie ein stilvolles viktorianisches Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich eine schicke Bar befand. Ein prunkvolles Foyer, komplett mit Empfangstresen und Wachdienst, tat sich vor ihnen auf.

„Wohin gehen wir?“, fragte Grace.

„Ich habe die beiden oberen Etagen des Hauses zu einem Penthouse umbauen lassen“, erklärte Maxim lässig.

Grace blieb wie angewurzelt in der marmorgefliesten Halle stehen. „Ich werde den Abend nicht allein mit dir in deiner Wohnung verbringen.“

„Es ist nicht meine Wohnung, sondern die meiner Schwester.“ Unbeirrt schob er sie in den mit einer vergoldeten Gittertür versehenen Aufzug. „Ein bisschen schrill für meinen Geschmack.“

„Warum hast du es dann gekauft?“

Er drückte auf den Aufzugknopf. „Der Scheich von Ramdah dachte, er könnte mir einen Pipeline-Deal abluchsen. Zur Strafe habe ich ihm seine Firma und sein Lieblingsdomizil abgenommen.“

Sein eisiger Ton jagte Grace einen Schauer über den Rücken. „Ziemlich rücksichtslos, findest du nicht?“

„Ich schütze, was mir gehört“, versetzte er grimmig lächelnd.

Oben angekommen, öffnete ihnen auf Maxims Klopfen hin ein beleibter, förmlich gekleideter Butler die Tür. Seine Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Eure Hoheit!“

„Oh!“ Hinter ihm tauchte eine junge Frau mit schwarzem Haar auf. Sie stürmte auf Maxim zu und fiel ihm um den Hals. „Du hier? Ich kann es kaum glauben!“

Maxim drückte sie leicht verlegen an sich, löste sich dann von ihr und sagte: „Ich werde doch die Geburtstagsparty meiner Schwester nicht verpassen.“

„Du Lügner“, erwiderte die junge Frau lachend. „Die letzten beiden hast du auch verpasst! Glaub ja nicht, teure Geschenke wären ein ausreichender Ersatz für deine Anwesenheit. Ich brauche nicht noch ein Aston-Martin-Coupé, ich brauche einen Bruder …“ Ihr Blick fiel auf Grace. „Und wer ist das?“

„Eine Freundin.“

„Erstaunlich! Du bringst doch sonst keine Freundinnen mit …“ Sie musterte Grace neugierig, meinte dann lachend: „Aber ich bin unhöflich. Kommt doch herein!“

Während der Butler ihnen die Mäntel abnahm, richtete die Schwarzhaarige ihre schönen grauen Augen, die denen ihres Bruders so ähnlich waren, erneut auf Grace. „Hallo, ich bin Daria Rostova.“

Natürlich hatte Grace schon von Prinzessin Daria gehört, dem lebenslustigen Partygirl, das ständig zusammen mit seinen illustren Freunden in den Klatschspalten auftauchte. Daria, blass und gertenschlank wie ein Model, trug ein knappes Minikleid aus Silberlamé und eine funkelnde Tiara im glatten schwarzen Haar.

Grace fühlte sich unbehaglich unter ihrem prüfenden Blick. „Tut mir leid, aber ich wusste nicht, dass wir zu einer Geburtstagsparty gehen“, sagte sie verlegen. „Leider habe ich kein Geschenk dabei.“

Da erschien ein herzliches Lächeln auf Darias hübschem Gesicht. „Francesca wäre nicht mal auf die Idee gekommen, mir etwas mitzubringen. Sie sind mir jetzt schon bedeutend sympathischer als diese dürre Ziege in ihrem Nerzmäntelchen …“

„Daria“, warf Maxim warnend ein, was seine Schwester nicht weiter kümmerte.

„Wie heißen Sie?“, wollte sie wissen.

Grace räusperte sich. „Grace Cannon.“

„Nun, Grace, Sie haben mir das schönste Geschenk des Abends mitgebracht“, verkündete Daria mit einem strahlenden Blick auf ihren Bruder. „Jetzt kommt, und begrüßt die anderen Gäste.“

Maxims Schwester führte sie in das großzügige Loft-Apartment mit der riesigen Fensterfront mit Blick auf die ganze St. Martin’s Lane. In der Mitte des Raumes hing ein ultramoderner Leuchter aus Metall mit verschiedenfarbigen Strahlern von der hohen Decke herab. Eingerichtet war die weitläufige Wohnlandschaft in einer wilden Mischung aus Sechziger-Jahre-Retro-Look und avantgardistischem Cartoon-Stil. Graces skeptischer Blick blieb an einem Sessel in der Form einer reifen Erdbeere hängen.

„Hey, alle mal herhören!“, rief Daria fröhlich in die Runde. „Seht mal, wer hier ist! Und er hat sogar eine Freundin mitgebracht. Lasst uns Grace willkommen heißen!“

Grace fühlte sich so wohl wie lange nicht mehr, als sie von allen Seiten herzlich begrüßt wurde. Plötzlich wurde ihr klar, wie sehr es ihr fehlte, unter Freunden zu sein. Seit sie für Alan arbeitete, hatte sie jeden Kontakt zu ihrem früheren Freundeskreis verloren. Sie hatte alles aufgegeben, was ihr lieb war, Familie, Freunde und Hobbys, nur um Alan eine perfekte Sekretärin zu sein. Und das rund um die Uhr.

Jetzt aber …

All die lachenden, gut gelaunten Leute um sie herum erinnerten sie an die unbeschwerten Grillfeste am Strand während ihrer Studentenzeit, damals, als ihr Vater noch lebte. Bevor sie angefangen hatte, für Alan zu arbeiten. Als ihr Leben noch einfach und unkompliziert war. Wehmütig dachte sie daran, wie viel Spaß es gemacht hatte, mit den anderen zu feiern, zu trinken, zu reden und zu lachen.

Der einzige Unterschied war, dass hier nur die Reichen und Schönen versammelt waren. Und dass die Party in einem poppig gestylten, zwei Etagen umfassenden Penthouse stattfand, das einst der wohlgehütete Besitz des Scheichs von Ramdah gewesen war.

„Ich habe doch gesagt, dass Maxim kommt“, meinte Daria triumphierend zu einem der Gäste. „Du schuldest mir zehn Pfund.“

„Die Wette verliere ich gern. Hallo, Maxim! Nett, Sie kennenzulernen, Grace“, sagte der junge Mann grinsend. „Danke, dass ihr meinem Mädchen ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert habt.“

„‚Deinem‘ Mädchen?“ Daria warf ihr langes schwarzes Haar in den Nacken. „Träum weiter, Simon.“

Maxim machte eine unangemessen schroffe Bemerkung in Simons Richtung, was Grace abzumildern versuchte, indem sie schnell fragte: „Sie feiern Ihren fünfundzwanzigsten, Daria?“

„Erinnern Sie mich bloß nicht daran!“ Stöhnend legte Maxims Schwester beide Hände an ihr makellos schönes, glattes Gesicht. „Sieht man es mir etwa an?“

Lachend deutete Grace auf das handgemalte Banner mit der Aufschrift „Herzlichen Glückwunsch zum fünfundzwanzigsten, Daria!“, das an der Wand hing. Es wirkte liebenswert altmodisch in diesem sündhaft teuren, grellbunten, supermodernen Ambiente.

„Ach ja.“ Daria folgte ihrem Blick und seufzte tief. „Ein Vierteljahrhundert, und was habe ich bisher mit meinem Leben angestellt?“

„Ich bin letzten Sonntag auch fünfundzwanzig geworden“, meinte Grace voller Sympathie. „Ich habe mich zu Hause verkrochen und versucht, es zu ignorieren.“

„Im Ernst? Sie haben kein bisschen gefeiert?“

„Mein Chef hat mir einen Gutschein für fünf Mahlzeiten in meinem Lieblingsrestaurant geschenkt“, erzählte Grace.

„Aber es gab keine Party?“ Daria schüttelte fassungslos den Kopf. „Sie können nicht fünfundzwanzig werden, ohne zu feiern! Maxim, sag ihr, dass das nicht geht.“

„Das geht nicht“, wiederholte Maxim, ohne eine Miene zu verziehen.

„Lulu“, rief seine Schwester, „bring mir einen Partyhut! Dann feiern wir eben gemeinsam.“ Sie nahm die mit glitzernden Steinen besetzte Tiara ab und setzte sich stattdessen den bunten Papphut auf, den eine Freundin ihr brachte. „Und die …“, damit drückte sie Grace die Tiara ins blonde Haar, „ist für Sie.“

„Aber nein“, protestierte Grace, als sie das Gewicht des funkelnden Schmuckstücks auf ihrem Kopf spürte. Sie war mit leeren Händen gekommen, und nun sollte sie Maxims Schwester, der glamourösen Prinzessin Daria, auf deren eigener Geburtstagsparty die Schau stehlen? „Das ist sehr großzügig von Ihnen, aber …“

„Ehrlich gesagt steht sie Ihnen viel besser als mir“, flüsterte Daria ihr verschwörerisch zu. „Ein Geschenk meines Bruders und absolut nicht mein Stil.“

„Daria, du hast versprochen, mit mir zu tanzen!“, rief Simon aus der anderen Ecke des Raumes, als dort eine Jazzband zu spielen begann.

„Komme!“ Daria umarmte Grace. „Ich fürchte, ich muss mit ihm tanzen, sonst schmollt er. Aber ich freue mich, dass Sie da sind! Mein Bruder sieht richtig fröhlich aus. Amüsieren Sie sich gut!“

Wieder allein, berührte Grace vorsichtig die Tiara auf ihrem Kopf. War sie am Ende mit echten Diamanten besetzt? Der Gedanke erschreckte sie. Der verschwenderische Reichtum, der sie hier umgab, übertraf alles, was sie je gesehen hatte. Sie kam sich vor wie Alice im Wunderland. In einer Welt, in der das Geld an Bäumen wuchs, die Zweige aus purem Gold und die Beeren und Früchte Diamanten, Rubine und Smaragde waren.

Sie spürte, wie Maxim von hinten an sie herantrat, einen Arm um ihre Taille legte und ihren Nacken küsste. Augenblicklich spannten ihre Brüste unter dem Seidenkleid. Graces Atem ging schneller, jeder klare Gedanke verflüchtigte sich. Maxim schwenkte sie herum und reichte ihr eine von zwei randvollen Sektflöten, die er in der anderen Hand hielt.

Scheu lächelnd nahm sie das Glas entgegen. „Der erste Champagner meines Lebens.“

„Kein schlechter Einstieg, diese Marke“, meinte er lachend.

Vorsichtig trank sie einen Schluck. Die perlende Flüssigkeit kitzelte sie am Gaumen und rann angenehm weich durch ihre Kehle.

Maxim grub die Finger in ihr Haar, bog sanft ihren Kopf zurück und sah ihr tief in die Augen. Grace wusste, er würde sie küssen. Sie konnte nicht mehr denken, nicht mehr atmen … Alles an ihm zog sie unwiderstehlich an. Er faszinierte sie, weckte in ihr den sehnlichen Wunsch, die Frau zu sein, die ihn ebenso betörte wie er sie.

Wann küsst er mich denn endlich, dachte sie bebend vor Erwartung.

Küssen? Schlagartig kam sie zur Besinnung. Die Tiara auf ihrem Kopf musste die Blutzufuhr zu ihrem Gehirn gedrosselt haben!

Sie löste sich von Maxim, schüttete den Rest des exklusiven Champagners wie Wasser in sich hinein und tastete nervös nach dem Reif in ihrem Haar. „Das Ding ist nicht echt, oder? Das sind keine echten Diamanten.“

Gelassen trank auch Maxim einen Schluck, ehe er antwortete: „Diamanten, in Platin gefasst.“

Grace sah ihn entgeistert an. Mit dem Schmuckstück auf ihrem Kopf könnte sie das Haus ihrer Mutter abzahlen! Und das Nachbarhaus noch dazukaufen.

„Und wenn ich es nun kaputt mache? Es ist hoffentlich versichert!“

„Diamanten gehen nicht kaputt.“ Er stellte die beiden Gläser auf das Tablett eines vorbeigehenden Kellners und nahm Grace in die Arme. „Die Tiara steht dir ausgezeichnet. Du solltest sie behalten.“ Er neigte den Kopf, und sein Mund näherte sich ihrem. „Du bist dazu geboren, Diamanten zu tragen, Grace“, raunte er ihr ins Ohr. „Geboren, um bewundert und mit Luxus verwöhnt zu werden.“

Jemand schaltete die hellen Wandlampen aus, und nun tauchten die farbigen Scheinwerfer des modernen Kronleuchters aus gebürstetem Stahl den Raum in gedämpftes, bunt schimmerndes Licht. Schemenhaft nahm Grace die tanzenden Paare wahr, die sich in dieser unwirklichen Atmosphäre lachend und schwatzend zum Takt der Musik bewegten.

Sie fühlte sich wie in eine fantastische, fremde Sphäre versetzt, eine hypermoderne Welt der Kunst, der Jugend, des unbegrenzten Reichtums.

Aber die größte Verlockung für Grace war nicht der verschwenderische Luxus.

Es war Maxim.

„Ich lasse mich nicht verführen“, flüsterte sie, wie um sich selbst Mut zuzusprechen. „Nein, bestimmt nicht.“

Und doch verzehrte sie sich so sehr nach seinem Kuss, dass sie sehnlichst darauf wartete, seinen warmen Mund auf ihrem zu spüren. Leise knisternd rieb sich die geraffte meerblaue Seide ihres Ausschnitts am Revers seines Smokings.

Entschlossen und völlig ungeniert zog Maxim sie vor aller Augen an sich und küsste sie. Küsste sie so innig und leidenschaftlich, dass ihre Lippen und Zungen miteinander zu verschmelzen schienen. Als wollte er Grace einen Stempel aufdrücken, der besagte, sie gehöre ihm allein.

Nein! Mit wild pochendem Herzen lehnte sie sich an seine breite Brust, als er endlich ihren Mund freigab. Sie durfte nicht seine Geliebte werden.

Behutsam rückte er die Tiara zurecht und streichelte Graces langes blondes Haar, das über ihre nackten Schultern fiel. Sie erschauerte unter der sanften Berührung. Dann nahm er zwei volle Gläser Champagner vom Tablett eines Kellners und zog Grace mit sich auf die Tanzfläche.

Während der nächsten zwei Stunden tranken sie Champagner und tanzten, hielten einander in den Armen und wiegten sich sanft im Rhythmus der Musik. Alle Gesetze von Zeit und Raum schienen ihre Gültigkeit verloren zu haben. Grace fühlte sich, als würde sie schweben. Stunden vergingen wie Minuten, Minuten wurden zur Unendlichkeit. Sie tanzte zu der gefühlvollen Mischung aus Jazz und Soul, zu den ergreifenden Klängen des Saxofons, bis Maxim sie in eine verschwiegene Ecke zog, weit weg von den anderen.

Hier, allein mit ihr im Halbdunkel, schob er sie an die Wand und küsste sie. Küsste zärtlich ihre Schläfe, ihr Wange, ihre Halsbeuge, knabberte spielerisch an ihrem Ohrläppchen. Grace war atemlos vor Verlangen. Sie wollte mehr.

Und endlich küsste er sie wieder auf den Mund, so heiß, innig und verführerisch, dass sie alles andere vergaß. Selbst Alan. Und erst recht ihren Vorsatz, ihrem Chef die Treue zu halten.

„Grace“, flüsterte Maxim zwischen zwei Küssen, „es ist Zeit zu gehen.“

„Jetzt schon?“, hauchte sie enttäuscht.

„Es ist nach Mitternacht.“

„Oh.“ Es war genau wie im Märchen von Aschenputtel. Ihre Zeit war abgelaufen. „Ja, ich habe morgen einen langen Tag vor mir“, stimmte sie zu.

„Du musst müde sein.“ Er zog sie so fest an seine breite Brust, dass sie spürte, wie sein Herz schlug. „Ich nehme dich mit in mein Hotel.“

Ihr Puls ging schneller.

„Komm mit mir“, flüsterte er. „Ich kann nicht länger warten. Ich will dich.“

Sie atmete scharf ein, hob den Kopf und sah Maxim an. Und wieder nahmen seine schönen grauen Augen sie gefangen, entführten sie in eine Märchenwelt, in der die Regeln der Vernunft nicht galten. Herausgerissen aus ihrem meist tristen Alltag, war Grace plötzlich eine Prinzessin im Seidenkleid mit Diamanten im Haar, die sich nach einem schönen Prinzen verzehrte. Und dieser Traumprinz lockte sie mit zärtlichem Blick, sich ihren geheimsten Wünschen und Sehnsüchten hinzugeben.

Er sieht so hinreißend gut aus, dachte sie verträumt. Männlich und verwegen wie ein Held aus früheren Zeiten. Ein dunkler Zar aus dem Mittelalter.

„Kannst du gehen“, fragte er, „oder soll ich dich tragen?“

Gehen? Sie hatte weiche Knie, ob vom Champagner oder vor Aufregung, wusste sie selbst nicht. Ihr Blick fiel auf die billigen alten Silberpumps an ihren Füßen, die sie im Ausverkauf in Los Angeles erstanden hatte. Ein ernüchternder Anblick, der den Zauber beinahe zerstörte.

Während er sich von Daria und ihren Gästen verabschiedete, hatte Grace nur Augen für ihn. Maxim wollte sie mit in sein Hotel nehmen. Konnte sie ihm widerstehen?

Wollte sie es überhaupt noch?

Fürsorglich half er ihr in den Mantel und knöpfte ihn zu. Jede seiner Berührungen löste eine kleine Schockwelle in ihr aus.

„Schwörst du“, fragte sie mit bebender Stimme, als sie im Aufzug nach unten fuhren, „dass du mich nicht nur verführen willst, um dich an Alan zu rächen?“

Er legte die Hände auf ihre Schultern und sah sie an. „Ich schwöre es.“

„Bei deiner Ehre?“

Sein Blick schweifte kurz ab. Seine Züge verhärteten sich. „Ja“, erwiderte er knapp.

Grace atmete erleichtert auf. Sie glaubte ihm. Er war ein Prinz, er würde ihr nicht ins Gesicht lügen.

„Aber warum ich?“, fragte sie. „Warum bist du ausgerechnet zu mir so nett?“

„Sag nie wieder, ich sei nett. Du könntest es bereuen.“ Mit zornfunkelndem Blick stürmte er durch das Foyer hinaus auf die Straße und zog sie hinter sich her. „Ich bin egoistisch. Selbstsüchtig. Ich nehme mir, was ich will. Jeder Mann fände dich begehrenswert, Grace. Jeder hätte dich gern in seinem Bett.“

„Alan nicht“, bemerkte sie bitter, obwohl sie es sofort bereute.

„Alan Barrington ist ein Trottel.“ Maxim blieb stehen, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen. „Er hat seine Chance verspielt. Jetzt gehörst du mir.“

Er schob die Hand in ihren Mantelärmel und streichelte sanft ihren nackten Arm. „Grace“, sagte er rau, „lass mich dir zeigen, wie egoistisch ich sein kann.“

6. KAPITEL

Die Wahrheit war in Maxims Augen ein dehnbarer Begriff, dessen großzügige Auslegung ihm geholfen hatte, aus dem Nichts ein Imperium aufzubauen. Als Teenager hatte er Investoren gewonnen, indem er vorgab, bereits welche zu haben. Konkurrenten schlug er aus dem Feld, indem er ihnen vorgaukelte, laufende Verhandlungen seien bereits abgeschlossen. Und oft genug hatte er Waren billig ein- und teuer wieder verkauft, weil er einfach besser informiert war als andere und keine Skrupel hatte, diese Informationen für sich zu behalten.

Er sah es nicht als seine Aufgabe an, anderen die Wahrheit auf einem Silbertablett zu präsentieren, wenn er sich damit selbst schadete. Seine eigenen Interessen hatten immer Vorrang, und er ging davon aus, dass seine Mitmenschen es genauso hielten. Nur ein Dummkopf würde sich blind auf das Wort eines anderen verlassen.

Das galt zumindest im Geschäftsleben. Im Privatleben zu lügen war allerdings auch für ihn neu. Und dann noch auf seine Ehre zu schwören!

Ihm brach der Schweiß aus, als er nur daran dachte. Noch nie hatte er einer Frau ins Gesicht gelogen. Jetzt kam er sich irgendwie schäbig vor.

Sie hat mir keine andere Wahl gelassen, versuchte er sein Gewissen zu beruhigen. Und streng genommen handelte es sich ja nicht um eine Privatangelegenheit, sondern um ein Geschäft.

Oder etwa nicht?

Wenn er Grace die Wahrheit gesagt hätte, wäre alles vorbei gewesen. Dabei war er seinem Ziel schon so nah! Er spürte, wie sie mit jeder Minute nachgiebiger wurde.

Außerdem konnte ihr gar nichts Besseres passieren, als dass er sie von diesem Barrington weglockte. Es lag doch auf der Hand, dass ihr Chef ihre Gefühle missbrauchte, um sie wie eine Sklavin für sich arbeiten zu lassen.

Und sie war sicher kein Unschuldsengel. Nein, dafür küsste sie viel zu gut. Ihre Küsse waren sanft und sinnlich, und doch lag eine unterschwellige, mühsam gezügelte Leidenschaft darin. Sie war dazu geschaffen, einen Mann wild vor Verlangen zu machen. Ihn in den Wahnsinn zu treiben, bis er alles Mögliche sagen oder tun würde, nur um sie besitzen zu dürfen.

Selbst einen falschen Eid auf seine Ehre ablegen.

Er ergriff ihre Hand. „Ich habe meinem Chauffeur den Rest des Abends freigegeben“, meinte er. „Lass uns zu Fuß gehen.“

„Ja“, sagte sie, ohne den Blick von ihm abzuwenden.

Auf dem vereisten, von einer dünnen Schneeschicht bedeckten Bürgersteig kamen ihnen ein paar späte Kneipengänger entgegen. Maxim hakte Grace unter, damit sie nicht ausrutschte oder von einem Betrunkenen angepöbelt wurde, der noch eine schöne Frau für sein Bett suchte.

Grace gehörte ihm.

Ihrer beider Atem vereinte sich in der mondhellen, frostklaren Nacht zu wirbelnden weißen Wölkchen. Langsam wanderten sie die verschneite Straße entlang, die zum südlichen Ende des Trafalgar Squares führte.

Sie ist wunderschön, dachte Maxim bewundernd, als er Grace von der Seite betrachtete. Schön wie ein Engel. Ihr hellblondes Haar, das in weichen Wellen über ihre Schultern fiel, schimmerte im Mondlicht wie gesponnenes Gold. Mit der funkelnden Diamanttiara auf dem Kopf sah sie aus wie eine Prinzessin aus dem Märchen. Obwohl … ein Hauch von Bitterkeit und eiserner Entschlossenheit schien sich unter dem süßen Schmelz ihrer Schönheit zu verbergen. Nein, sie ist kein hilfloses Püppchen, dachte er. Eher eine schöne Walküre aus dem hohen Norden.

Ihre Schultern waren gestrafft, die Hände tief in den Taschen des weit ausgestellten schwarzen Mantels vergraben, der sie wie eine königliche Schleppe umwehte. Und doch hatte sie etwas Zartes, Verletzliches an sich, als sie ihn jetzt ansah.

„Danke, dass ich dich zu der Party begleiten durfte“, sagte sie leise. „Ich hatte beinahe schon vergessen, wie es ist, mit Freunden zusammen zu sein.“

Wieder spürte er etwas, das einem schlechten Gewissen gefährlich nahe kam. Es war unverfroren von ihm gewesen, sie mit zu seiner Schwester zu nehmen. Natürlich hatte er Daria zum Geburtstag gratulieren wollen. Aber er hatte auch gewusst, dass es leichter sein würde, Grace zu erobern, wenn er sie einem Mitglied seiner Familie vorstellte. Weil sie dann glauben würde, sie könnte ihm vertrauen. Schon wieder eine Lüge.

Nur eins war keine Lüge: dass er sie begehrte.

„Und das bist du doch. Oder, Maxim?“, hörte er sie fragen.

„Was bin ich?“

„Mein Freund.“

Bedächtig hob er ihre Hand an die Lippen und küsste ihren Handrücken. „Nein, Grace. Ich bin nicht dein Freund.“

Sie gingen durch eine Seitenstraße, in der sich ein Pub an den nächsten reihte. Trauben junger Leute standen vor den Lokalen, und Fußballfans mit blau-weißen Chelsea-Schals feierten lautstark den Sieg ihrer Mannschaft. Maxim schlug den Weg Richtung Themse ein, vorbei an einem dunklen Park.

„Ich will nicht, dass wir Freunde sind“, sagte er. „Ich will dich in meinem Bett.“

Sein unverblümtes Geständnis in der nächtlichen Einsamkeit ließ Grace überrascht zu ihm aufblicken. Ihr leicht geöffneter Mund lud zum Küssen ein. Maxim wollte sie an sich ziehen, den Geschmack ihrer vollen, weichen Lippen kosten …

Jetzt sofort.

Doch als er stehen blieb, um seinen Wunsch in die Tat umzusetzen, wandte Grace sich ab. Zarte Röte überzog ihre Wangen.

„Hast du in Russland gelernt, so zu flirten?“, fragte sie, lachte kurz auf und ging weiter. „Du bist ziemlich gut darin.“

Seine Prinzessin wollte ihn hinhalten. Nun gut, dann würde er sich eben gedulden. „Ich bin in England aufgewachsen.“

„In London?“

„Ja, auch. Wir sind oft umgezogen. Mein Vater hatte nie lange denselben Job. Wir waren arm. Er ist ziemlich früh gestorben.“

„Das tut mir leid. Mein Vater ist auch tot. Er starb vor fünf Jahren an Krebs.“ Grace schluckte trocken. „Meine Mutter hat sich nie wirklich davon erholt. Sie verlässt selten das Haus. Das ist auch der Grund, weshalb …“ Sie unterbrach sich und blickte beschämt zur Seite.

„Der Grund wofür?“

Heftig blinzelnd wandte sie sich ihm wieder zu. „Entschuldige, ich habe dir Unrecht getan. Ich dachte, du wüsstest nicht, was es heißt, zu kämpfen und zu leiden, weil du doch ein Prinz bist.“

„Ja, ein Prinz“, meinte er voller Sarkasmus. „Entfernter Anwärter auf einen Thron, den es, falls es dir entgangen sein sollte, in Russland seit knapp hundert Jahren nicht mehr gibt.“

„Aber immerhin …“

„Der Prinz von Nichts und Nirgendwo“, fügte er barsch hinzu. „Das Geld ist es, was zählt. Nur das Geld.“

„Ach Maxim.“ Sie schüttelte den Kopf. „Geld ist nicht das Wichtigste im Leben, sondern die Menschen, die du liebst und um die du dich kümmerst.“

„Und dazu braucht man Geld.“

„Nicht unbedingt. Wie deine Schwester schon sagte – sie braucht keine teuren Geschenke, sie braucht dich. Deine Zeit, deine …“

„Ein rührendes Statement“, unterbrach er sie schroff. „Aber meine Schwester ist zu jung, um sich zu erinnern, wie wir damals in Philadelphia beinahe verhungert und erfroren wären. Seitdem habe ich alles dafür getan, um uns abzusichern. Damit nichts und niemand meine Mutter und meine Schwester je wieder gefährden konnte.“

„Du beschützt deine Familie.“ Tränen glitzerten in ihren Augen. Ihre Hände in den Taschen des teuren Designermantels waren zu Fäusten geballt. „Ich hätte in Kalifornien bleiben müssen. Ich hätte meine Mutter nie alleinlassen dürfen.“

Maxim spürte eine plötzliche Enge in seiner Kehle. „Manchmal kann man die Menschen, die man liebt, nicht beschützen, auch wenn man bei ihnen ist. Ich habe mit zwanzig meine erste Million gemacht, aber das Leben meiner Mutter konnte ich nicht retten.“

„Oh, nein“, sagte sie erschüttert. „Was ist passiert?“

„Ein Aneurysma im Gehirn. Sie starb ganz unerwartet. Ich … ich konnte nichts mehr für sie tun.“

Die Worte kamen ihm nur mühsam über die Lippen. Noch nie hatte er mit jemandem über den Tod seiner Mutter gesprochen, nicht einmal mit Daria, die damals neun gewesen war.

Er rechnete damit, dass Grace ihn sofort auf den Widerspruch in seinen eigenen Aussagen hinweisen würde. Weil er doch behauptet hatte, Geld sei alles, was zählt.

Stattdessen hob sie die Hand und legte sie an seine Wange. Es war das erste Mal, dass sie ihn von sich aus berührte.

„Es war nicht deine Schuld“,

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