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Schneetreiben

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses eBook
  3. Über den Herausgeber
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Vorwort
  7. Der rosa Weihnachtsmann
  8. Weihnachten unter Cowboys
  9. Unter dem Christbaum
  10. Die Story von O’Henry
  11. Lumberjack
  12. Weihnachten in Manhattan
  13. An/Aus
  14. WEIHNACHTEN 1979
  15. Eine schwule Weihnachtsgeschichte

Über dieses eBook

Schwule Sex-Geschichten rund ums Fest der Liebe – geiles Treiben unterm Tannenbaum!

Diese Stories sind für alle, die dieses Jahr nicht artig waren. Für alle, die keine Lust auf eine „Stille Nacht“ haben. Aber auch für die, die sich zwischen Konsumterror und Familienstress einfach nur eine kleine Auszeit gönnen wollen – und wie ginge das besser als mit den sexy Weihnachts-Männern in diesem eBook?

Über den Herausgeber

David Laurents ist der Herausgeber zahlreicher Sammlungen schwuler Erotika, darunter ›Schneetreiben‹, ›Geile Typen teilen aus‹ und ›Volles Rohr voraus!‹. Seine Anthologie ›The Badboy Book of Erotic Poetry‹ war für den Lambda Literary Award nominiert. Er lebt in New York City.

Vorwort

Von Lawrence Schimel

Dieses Buch ist für alle bösen Buben, die beim Nikolaus im Schwarzen Buch stehen. Manchmal macht es Spaß, ein böser Bub zu sein, wie die Figuren in Lars Eighners Story erfahren, und das allein kann schon ein Geschenk sein, ob für einen selbst oder für andere.

Weihnachten ist angeblich eine Zeit des Friedens und der Freude, in der man mit seiner Familie und seinen Lieben zusammen ist; die weihnachtliche Realität sieht oft ein bisschen schlimmer aus, da das, was als die Feier der Geburt Christi begann, zu einer Zeit der Völlerei und des Konsums wurde. Man hat keine Chance, dem besessenen Einkaufsrummel zu entrinnen, der über alles hereinbricht: schon im Oktober setzt das Weihnachtsgeschäft ein und damit das Raten und Rätseln, was alle, die man kennt, sich wünschen, gemischt mit Vermutungen darüber, was von ihnen bekommen wird (was darüber entscheidet, wie viel man für sie ausgibt). Selbst wenn man sich nicht auf die Jagd auf Schnäppchen und dem einen perfekten Geschenk begibt (von dem einem das letzte Stück wahrscheinlich vor der Nase weggeschnappt wird), entgeht man dem Einkaufsgedränge nicht überall; die Stimmung ist gereizt; Aggressionen flammen auf; überall, wohin man kommt, stehen langen Schlangen, und die Straßen sind mit Verkehrsstaus und Fußgängern verstopft …

Vielleicht gehst du die Familie zu Hause besuchen, eine Familie, die immer noch Schwierigkeiten mit deiner Sexualität hat, egal wie lange es du ihnen schon gesagt hast. Vielleicht bringst du deinen Lover mit oder gehst mit ihm seine Familie besuchen.

All das hat im Allgemeinen mit einer "Stillen Nacht" wenig zu tun.

Die Geschichten in diesem Buch handeln von Männern, die es irgendwie schaffen, inmitten des Weihnachtsirrsinns einen Augenblick der Ruhe zu finden, Männer zu finden, die ihnen ihre Sehnsüchte erfüllen. Es sind Geschichten, die unterhalten und anregen sollen, Geschichten, die man sich vielleicht ausdenkt, wenn man am Weihnachtsabend im Bett liegt, die vereiste Fensterscheibe betrachtet und ins Land der Träume und der Phantasie hinüberdämmert, Geschichten, die man alleine für sich liest oder zusammen mit einem Lover, um sich von der Kraft der Worte Sinne und Geist anregen zu lassen.

Mögen die zärtlichen, homoerotischen Blicke über unsere Sehnsüchte nach und unsere Frustrationen mit Heim, Familie und einander, das Wunder der Heiligen Nacht und Erinnerungen an die Jugend ein fröhliches, warmes Glühen breiten.

Der rosa Weihnachtsmann

von Leigh W. Rutledge

Eine Woge leuchtend roten Lichts brach über mich herein wie die Explosion einer Bombe, und ein Besoffener rempelte mich an, der mir ›Fröhliche Weihnachten!‹ ins Ohr brüllte. Er taumelte durch die Menge und brüllte anderen Männern ›Fröhliche Weihnachten‹ ins Ohr – wobei er ihnen manchmal zwischen die Beine griff – bis er schließlich neben den Videospielen auf dem Fußboden zusammenklappte. In einer erbärmlichen Reverenz an die Tradition wechselte die Musik zu einer Punk-Rock-Version von ›Jingle Bells‹. Rasch füllte sich die Tanzfläche. Mitten im Lied ließ jemand ein Champagnerglas fallen, und sämtliche Tänzer wichen, weiterhin tanzend, als ganze Gruppe nach einer Seite aus: keiner verpasste auch nur einen Takt.

Ein gutaussehender junger Blonder bewegte sich schleppend auf mich zu. Sein Gesicht war sympathisch, sein Blick ziemlich nichtssagend. »Hallo, du Traummann« sagte er gedehnt, wobei er mit einem Bier in der Hand vor- und zurückschwankte. »Ziemlich voll heut Abend.«

»Wie immer an Heiligabend«, antwortete ich.

Zwei Männer mittleren Alters in voller Ledermontur kamen unter Lachen und Winken und Rufen durch die Eingangstür der Bar.

Der Blonde drehte sich kurz um, um sie zu betrachten, dann wandte er sich wieder mir zu. Er schaute erwartungsvoll, wie ein kleiner Junge, der die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum beäugt. »Darf ich dir ’n Drink spendieren?« fragte er mit aufgekratzt promisker Stimme.

Ich lächelte und schüttelte den Kopf, dann trank ich aus und stellte mein leeres Glas auf dem Tresen ab. Zu Hause wartete etwas weitaus Interessanteres auf mich. Es war wirklich Zeit, aufzubrechen. »Schöne Feiertage«, sagte ich unvermittelt zu ihm. Nur flüchtig registrierte ich seinen enttäuschten Blick.

Draußen war die Stadt von dem nach wie vor fallenden Schnee in eine schwere Decke gehüllt. Der Schnee schien sein eigenes Licht auszustrahlen, wenn er durch die Luft schwebte und die Straße bedeckte. Zuerst waren die Flocken groß wie Ahornblätter gewesen, aber während es immer kälter wurde, waren sie von Stunde zu Stunde kleiner geworden. Mein Auto stand nicht weit entfernt, aber ich ging langsam, genoss das Winterwetter und das kindliche Gefühl gespannter Erwartung in mir.

Ich zog meine Lederjacke enger zusammen und musste an die verschiedenen Männer denken, mit denen ich Heiligabend zusammen verbracht hatte – die schnellen Nummern und die bedächtigen Ficks, die engen Freunde und die Liebhaber. An sie zu denken, verschaffte mir die warme Befriedigung erinnerter Freuden …

Da war der schwedische Geiger in Las Vegas auf dem Weg zu seiner Frau und seinen Kindern gewesen; es hatte ihm Spaß gemacht, mir Bier vom Arsch und den Eiern zu lecken, und später hatte er mir geschrieben, dass er und seine Frau beschlossen hätten, eine langfristige Dreierbeziehung mit einem anderen Mann zu versuchen. Da war der dürre, aber schöne Vegetarier gewesen, dem es Spaß machte, gefesselt und mit einem Pingpongschläger versohlt zu werden. Und der Navy-Kampfpilot aus Florida: wir hatten es unten bei Eisenbahnschienen in seinem VW getrieben, und als es vorbei war, hatte er mir spontan seine Fliegerjacke zu Weihnachten geschenkt, weil sie ›so verdammt scharf‹ an mir aussah. Da war mein erster Lover, Johnny, gewesen – wir verbrachten vier herrliche Weihnachten zusammen, bis er beschloss, einem jugendlichen Bodybuilder, in den er sich verguckt hatte, nach San Francisco nachzuziehen. Und einmal natürlich, einmal war da Vince gewesen …

Ich kam bei meinem Auto an, wischte den Schnee von der Windschutzscheibe und lauschte einem Moment lang dem Klang ferner Weihnachtslieder, die irgendwo da draußen in der Nacht gesungen wurden. Der Himmel war orange-pink, und die Häuser in der Umgebung schienen dichter beieinanderzustehen, intimer verbunden zu sein (als hätte der Schnee irgendwie die Distanzen vergrößert) als bei Tageslicht. Ich stieg ins Auto und machte mich auf den Heimweg.

Ich hatte Vince vor ein paar Jahren an einem anderen verschneiten Heiligabend in der Kneipe kennengelernt. Als ich ihn zum erstenmal sah, lehnte er am Zigarettenautomaten. Er hatte ein dunkles, maskulines Gesicht – nicht eigentlich hübsch, aber trotzdem sexy, mit einem starken Lächeln, das von Zeit zu Zeit aufblitzte und dabei seine Züge aufhellte. Sein blaues Hemd ließ unter dem Stoff die Brustwarzen und die Brustmuskeln erkennen, und am Hals stand es ein paar Knöpfe weit offen. Um seinen Hals hing eine dünne Silberkette, an deren Ende über seiner Brustbehaarung ein kleiner, glitzernder Weihnachtsmann baumelte; von weitem sah er fast aus wie eine Hundemarke.

Es war etwas Merkwürdiges an ihm, ein Ausdruck in seinen Augen, der mich instinktiv zurückschrecken ließ und anscheinend fast alle in der Kneipe von ihm ferngehalten hatte. Von ein paar wenigen Grüßen abgesehen, war während der ganzen Zeit, in der er hier war, niemand auf ihn zugegangen. Ich vermutete, er würde wahrscheinlich bald gehen, aus Langeweile oder weil er dachte, dass die Leute in der Kneipe besonders verklemmt seien. Schließlich jedoch ging ich einfach zu ihm hin und sprach ihn an. Er war einigermaßen freundlich, aber ein wenig misstrauisch. Anfangs erhielt er eine gewisse Distanz aufrecht. Auf meine Fragen antwortete er höflich und liebenswürdig, aber unverbindlich und abwesend, so dass ich mich schließlich fragte, ob er es nicht auf jemand anderen abgesehen hatte. Um elf Uhr schließlich war allerdings alles ganz anders: wir saßen zusammen an einem Tisch, spendierten uns Drinks und lachten herzlich, als er mir von seiner verrückten Kindheit in der Bleeker Street in New York erzählte. Mit vollem Namen hieß er Vincent Christopher Martelli; er war vierunddreißig und sagte mir, er arbeite als Studienberater an einem der hiesigen öffentlichen Colleges.

Um Mitternacht waren all die richtigen Sachen gesagt und all die richtigen Bewegungen gemacht – wir saßen in meinem Auto auf dem Weg zu meiner Wohnung. Vinces warme Hand streichelte meinen Oberschenkel, und er sagte mir, ich erinnerte ihn an einen Jungen, mit dem er es in der Highschool getrieben hatte. »Ich hatte schon Angst, ich würde an Heiligabend alleine sein«, fügte er ruhig hinzu.

In meiner Wohnung ließ sich alles gut an, ohne Anzeichen für bevorstehenden Ärger. Wir tranken ein paar Bier und machten es uns danach auf dem Teppich vor dem Weihnachtsbaum bequem. Vince zog sein Hemd aus und enthüllte einen strammen, schön ausgebildeten Oberkörper mit leicht behaarter Brust. Ich beugte mich zu ihm und fing an, an einer seiner Brustwarzen zu lutschen, dann ließ ich die Zunge zur Achselhöhle wandern. Abwechselnd massierte er meinen Hintern und versetzte ihm leichte Hiebe, wobei er bemerkte, wie klein und jungenhaft er sei. Ich war allerdings leicht enttäuscht, dass sein Schwanz noch nicht steif war.

Nach einigen Minuten packte er mich plötzlich in einem wilden Ausbruch energisch an den Schultern, zog mich auf sich und gab mir mit offenem Mund einen heißen, gierigen Kuss, während er seine Finger hinten in meine Jeans rammte. Seine Finger fingen an, meine glatten Arschbacken auseinanderzuziehen.

Dann, ebenso plötzlich, hörte er auf.

Einen Moment lang passierte gar nichts.

»Vince?«

Er gab keine Antwort. Mit düsterer Miene starrte er an die Decke.

»Vince?«

»Ja?«

»Stimmt was nicht?«

»Nein.«

»Hm?«

»Ach nichts. Mach dir keine Gedanken.«

Er stand vom Boden auf und fummelte an einer Lampe auf einem Beistelltisch herum. Klick! – Das plötzliche harte Licht verdarb die Stimmung.

Aus Gewohnheit ließ ich den Blick über seinen Leib gleiten. Er hatte einen kräftigen, hübschen, auf robuste Art männlichen Körper – einen Anflug von Reife und Erfahrung und Autorität –, der einen Mann in den Dreißigern oder Vierzigern oft atemberaubend sexier wirken lässt als einen Anfangzwanziger.

»Ich kann’s nicht«, sagte er plötzlich.

»Wie bitte?«

»Ich kann’s nicht«, sagte er erneut. Er nahm sein Hemd vom Boden und fing an, es anzuziehen.

»Setz dich hin«, befahl ich ihm.

Er schüttelte den Kopf. »Ich muss gehen.«

»Komm schon, setz dich hin. Lass uns reden.«

»Nein, lieber nicht«, sagte er. »Ich will nicht verstanden werden«, fügte er sarkastisch hinzu.

Er fing an, das Hemd zuzuknöpfen, hörte dann plötzlich auf und stand eine Weile völlig bewegungslos und unentschlossen da. Schließlich sagte er leise und entschuldigend: »Es liegt nicht an dir, wenn dich das beunruhigt. Es ist nur … es braucht ’ne Menge, um mich anzuturnen. Mein Geschmack ist ein bisschen … abgefahren.«

»Wie abgefahren?«

»Spielt keine Rolle«´, sagte er.

»Hör zu, ich würde Heiligabend wirklich gern mit dir verbringen, egal, was es dazu braucht …«

»Es spielt keine Rolle«, wiederholte er nachdrücklich.

»Nein, komm schon, sag’s mir. Ich kann auf fast alles abfahren.«

Er schaute mich zweifelnd an.

»Das behaupten alle«, sagte er schließlich leise. »Aber die meisten hauen ab, wenn sie hören, auf was ich stehe.« Er zögerte und zuckte halb die Achseln. »Ich hab schräge Phantasien. Nichts, was weh tut. Nur … schräg.«

»Wie schräg?«

Er schüttelte den Kopf. Es wurde merkwürdig still. »Ich … ich mag irgendwie … kleine Jungs.«

Ich sagte kein Wort.

»Nicht richtige kleine Jungs«, fügte er hinzu, als sei er besorgt – und sogar ein bisschen verletzt – weil ich ihn nicht sofort beruhigte. »Ich steh nicht auf Kinder. Weder würde, noch könnte ich was mit einem wirklichen kleinen Jungen anfangen. Was ich mag, sind Männer, die … so tun, als wären sie Kinder, als wären sie Jungen. Ich mag Rollenspiele«

»Das ist okay«, sagte ich. »Ich bin mal mit ’nem Kerl heimgegangen, der mich in Windeln wickeln und mir den Hintern versohlen wollte, während ich reinpinkelte.«

»Und, hast du’s gemacht?«

Ich spürte, dass ich rot wurde. »Klar. Wieso nicht?« meinte ich.

Lange Pause.

»Nur die Ruhe, Vince«, sagte ich schließlich. »Sag mir einfach, was du willst.«

Er dachte eine Weile nach, wobei es aussah, als kämpfe er gegen starke innere Hemmungen an. Jeden Moment konnten die Worte stürmisch aus ihm hervorbrechen: er war wie jemand, der auf einem hohen Sprungbrett steht und hofft, sein Körper würde losspringen, ehe sein Verstand die Konsequenzen begreift. »Also …« Er zögerte. »Ich hatte da schon immer so ’ne Phantasie. Ich hab’s nie mit jemandem gemacht. Du magst’s vielleicht nicht.« Er schaute mich eindringlich an, als wolle er mein Gesicht nach einem Zeichen von Interesse, von Aufgeschlossenheit absuchen. »Aber du scheinst dafür irgendwie geeignet zu sein.« Im Gesicht war er leicht rot geworden. »Zumindest passt’s …«

»Schieß los.«

»Manchmal, hab ich mir vorgestellt …«

»Ja?«

»Ich stellte mir vor, ich tu so, als sei ich …«

»Ja?«

»Der Nikolaus«, gestand er mit heiserem Flüstern.

Zuerst lächelte ich nur und antwortete nicht. Dann wurde das Lächeln auf meinen Lippen breiter und verbreitete Wärme in meinen Wangen. Ich versuchte, das Lachen zu unterdrücken – aber schließlich konnte ich einfach nicht mehr an mich halten.

»Du findest es doof«, sagte er.

»Nein«, antwortete ich. »Nicht doof. Ich meine … ich weiß nicht, was ich meine. Es ist nicht gruselig oder ekelhaft oder sowas, wenn dir das Sorgen macht. Genau genommen ist es fast, na ja, perfekt.«

Seine Miene hellte sich ein wenig auf.

»Sag mir, was ich machen soll.«

Ich versuchte, interessiert zu klingen – noch interessierter, als ich es tatsächlich war.

»Also …« Er dachte einen Augenblick nach. »Du bist der kleine Junge, der ins Kaufhaus kommt, um sich auf den Schoß des Nikolaus zu setzen …«

Ich spürte, dass ich wieder lachen musste. Außerdem spürte ich ein vages, unerwartetes Kribbeln im Schwanz.

»… und von da aus machen wir weiter«, sagte er.

»Was brauchen wir dazu?« fragte ich. »Ich meine, willst du irgendwelche Utensilien oder sowas?«

»Na ja, es wär nicht schlecht, wenn ich so ’n paar Nikolausklamotten hätte.«

In den folgenden zwanzig Minuten wühlten wir uns durch sämtliche Schränke und Schubladen auf der Suche nach Kleidern für Vinces Nikolaus. Ich fand eine alte schwarze Hose und ein Paar Schneestiefel; die Hose war zu eng und die Stiefel zu groß, aber das war egal. Für den Schmerbauch des Nikolaus nahm ich ein paar Handtücher. Der Bart war ein Problem, das wir nicht lösen konnten; es würde eben ein dunkler, italienischer Nikolaus mit einem Anflug von Bartstoppeln werden. Das Schwierigste war die rote Jacke. Ich besaß nichts dergleichen. Schließlich stieß ich beim Stöbern in den staubigen Ecken des Schranks auf eine alte rosa Jacke, die ich in der Highschool als Mitglied der Blaskapelle der Schule getragen hatte. Die riesigen goldenen Knöpfe und Epauletten passten ganz gut zu der Phantasie; wenigsten hatten sie was Auffälliges.

Langsam kam aus Fetzen und Stücken alter, schäbiger Klamotten Vinces Nikolaus zustande. Als er eingekleidet war, betrachtete ich ihn eingehend im Licht. Er gab einen interessanten, sogar sexy Nikolaus ab: eigentlich sah er aus wie der Vater von jedem kleinen Jungen, der sich als Nikolaus verkleidet hatte. Besonders seine Augen passten perfekt zu der Rolle: sie funkelten väterlich, voller Heiterkeit und männlicher Wärme und Weisheit.

»Und jetzt?« fragte ich.

»Dreh das Radio an«, sagte er. »Irgend ’ne Weihnachtsmusik wäre gut. Das einzige, was du anhaben musst, ist deine Unterhose.«

Das erste, was ich im Radio fand, war irgendeine Sopranistin, die Bachs ›Vom Himmel hoch‹ herunterknödelte. »Um Himmels Willen, nein«, rief Vince. »Billigmusik. Kaufhausmusik.« Schließlich stellte ich einen Sender ein, der traditionelle mittelprächtige Weihnachtslieder à la Mitch Miller spielte. »Perfekt«, erklärte Vince.

Dann zog ich mich aus bis auf die Unterwäsche. Die Augen des Nikolaus funkelten, als ich mich aus der Jeans schälte. Er schien von meinen Beinen fasziniert zu sein, und plötzlich bemerkte er mit tiefer Stimme, die ein bisschen außer Atem war: »Du hast nicht viele Haare auf dem Körper …«

»Die ganze Familie ist ’ne unbehaarte Bagage«, antwortete ich achselzuckend mit kurzem Lachen. »Ich nehm an, das ist erblich.«

»Ahh …«, sagte er mit wackligem Seufzen. Seine Augen schienen zu brennen.

Ich knipste die Lampe aus. Das einzige Licht im Zimmer kam nun vom Weihnachtsbaum in blinkenden Farben, die sich in Lametta und Baumschmuck spiegelten.

Vince setzte sich in einen Sessel mitten im Zimmer.

Und dann, innerhalb von Sekunden, begann sich in meinem Geist der Raum vor mir zu verwandeln. Urplötzlich waren da Menschenmassen – gehetzte Feiertagskäufer in letzter Minute mit erschöpften und genervten, aber gutmütigen Gesichtern. Leute, die sich alles schnappten, was sie auf den Regalen fanden, nicht mehr wählerisch, nicht mehr darauf bedacht, das passende Geschenk für die passende Person zu finden. Da waren die Geräusche der wild klingelnden Kassen, das Bimmeln von Glöckchen und Leute, die redeten und lachten. Draußen fiel der Schnee, und drinnen war es behaglich warm. Da war das Funkeln und Glitzern der billigen, knalligen Kaufhausdekorationen – Dekorationen, die, obwohl aus Plastik und Dutzendware, trotzdem irgendeine unbestimmte Kraft besaßen, Wohlgefallen und Erwartung zu verbreiten.

Und mittendrin saß der Nikolaus, der ein herzliches »Ho! Ho! Ho!« rief und auf seinen dunklen Schoß klopfte, während er mich ermutigte, näherzukommen. Ich ging auf ihn zu und schwankte innerlich zwischen Zweifel und blindem Vertrauen. (Welche sexuellen Phantasien sind im Grunde genommen nicht leicht absurd und sogar potentiell lächerlich?) Aber dann schaute ich ihn mir an und dachte: Er sieht wirklich ein bisschen aus wie der Nikolaus – rosa, gewiss, und ohne ...

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