Logo weiterlesen.de
Fünf Kriminalromane: Rache und Schweigen

Fünf Kriminalromane: Rache und Schweigen

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Fünf Extra Krimis September 2016

Copyright

Der Armbrustmörder

Prolog

1. Kapitel: Berringer, dein Freund und Helfer

2. Kapitel: In den Straßen von Mönchengladbach

3. Kapitel: Im Fadenkreuz

4. Kapitel: M – Eine Stadt sucht einen Mörder

5. Kapitel: Die Nacht des Jägers

6. Kapitel: Es gibt kein Zurück

7. Kapitel: Tote schlafen besser

8. Kapitel: Das Gesicht im Dunkeln

9. Kapitel: Der dritte Mann

10. Kapitel: Das letzte Kapitel

DIE TOTE OHNE NAMEN

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

Chinatown-Juwelen

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

Die nackte Mörderin

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

Fünf Extra Krimis September 2016

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 666 Taschenbuchseiten.

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende fünf Krimis:

Der Armbrustmörder

Die Tote ohne Namen

Chinatown-Juwelen

Die nackte Mörderin

Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Der Armbrustmörder

von Alfred Bekker

Auf dem Korschenbroicher Schützenfest verfehlt das Projektil einer Armbrust nur knapp den Moderator und Event Manager Thomas Marwitz. Privatdetektiv Robert Berringer ermittelt - und stößt sehr bald auf Eckart Krassow. Der hat sowohl die entsprechende Waffe als auch ein Motiv: Er möchte an Marwitz' Stelle die Eröffnungsveranstaltung der Hockey WM in Mönchengladbach moderieren. Doch wenig später wird er tot aufgefunden, und kurz darauf werden zwei weitere Armbrustmorde verübt. Gibt es eine Verbindung zwischen den Opfern? Ein kniffliger Fall für Berringer.

Prolog

Beinahe Mitternacht.

Schatten, die im Licht der spärlichen Beleuchtung dahinhuschten.

Ratten.

Vielleicht ...

Nur in den Büroräumen von EVENT HORIZON, der Event-Agentur von Frank Marwitz, brannte noch Licht. Ansonsten befand sich niemand mehr in dem kastenförmigen dreistöckigen Flachdachbau im Gewerbegebiet Mönchengladbach, in den sich ein paar aufstrebende Selbstständige eingemietet hatten, deren Unternehmen ihre beste Zeit noch vor sich hatten.

Marwitz saß an seinem Schreibtisch und fuhr gerade den Rechner herunter. Er hatte noch einmal den Veranstaltungskalender seiner Homepage überarbeitet. Nun war nichts mehr zu tun. Für diesen Abend hatte selbst ein so hyperdynamischer Jungunternehmer wie er, diese Rampensau des Niederrheins und Conferencier für alle Fälle, bekannt aus Funk, Fernsehen und lokalem Käseblatt, genug getan.

Der Flachbildschirm wurde dunkel. Marwitz stand auf. Sein Haar war gegelt, sah aber aus, als wäre es verschwitzt. Er war Mitte vierzig, fand aber, dass er wie Mitte dreißig aussah, und hatte ein Lebensgefühl, das er für das eines Fünfundzwanzigjährigen hielt.

Allerdings waren die allgewaltigen Unterhaltungschefs in den TV-Sendern in diesem Punkt anderer Meinung gewesen. Seine größten Erfolge war eine Nebenrolle in einer Vorabend-Soap und ein Moderatorenjob in einem Shopping-Sender gewesen. Aber der erste dieser beiden einzigen überregionalen Erfolge lag schon etwa zehn Jahre zurück, und der zweite hatte gerade sein unweigerliches Ende gefunden, weil der Shopping-Sender, für den er Trimmgeräte und Billig-Laptops angepriesen hatte, in Konkurs gegangen war.

So war Marwitz in gewisser Weise ein Opfer der allgemeinen Finanz- und Wirtschaftskrise geworden. Zumindest sagte er sich das, denn diese Version war leichter mit seinem Ego zu vereinbaren als die, dass seine Moderation möglicherweise einfach an der Zielgruppe vorbeigegangen war.

Genau das hatte man ihm bei einer Reihe von Castings gesagt, die er zwischenzeitlich hinter sich hatte.

Marwitz fragte sich nicht zum ersten Mal, wieso er das eigentlich mitmachte. Er moderierte Veranstaltungen mit mehreren tausend Gästen und half manchmal sogar als Stadionsprecher der Borussia aus – was nach dem Wiederaufstieg in die Bundesliga ja auch richtig Spaß machen konnte. Er brachte ganze Hallen zum Kochen und verwandelte halbtote Rentner in ekstatische, enthemmte Partygänger. Er machte manchmal selbst Butterfahrten und den Tanztee für Senioren zu einem unvergesslichen Bühnenereignis und lief zur Hochform auf, wenn bei der Abschlussfeier einer vierten Grundschulklasse zwar weder der Bär noch Eltern oder Lehrer, aber immerhin die Kinder tobten.

Aber für das Fernsehen schien er einfach nicht gut genug zu sein. Seine Karriere war in dieser Königsdisziplin des Showbiz schon am Ende gewesen, bevor sie richtig angefangen hatte.

Marwitz nahm ein Kaugummi aus der Tasche seines ausgebeulten Kordjacketts. Er hatte an diesem Tag seit dem spärlichen Frühstück, das aus einem angegessenen Schokoriegel von gestern bestanden hatte, noch nichts zu sich genommen. Es war einfach keine Zeit gewesen. Das Korschenbroicher Schützenfest stand zu Pfingsten vor der Tür, und da musste einiges organisiert werden, was gar nicht so leicht gewesen war. Vor allem war es schwierig gewesen, eine leistungsfähige PA-Anlage zu organisieren, die in der Lage war, ein Festzelt ausreichend zu beschallen.

Marwitz hatte den Job in Korschenbroich kurzfristig annehmen müssen, da ein Kollege ausgefallen war, und zu Pfingsten war so ziemlich jede funktionsfähige PA-Anlage im Land irgendwo im Einsatz. Ob nun beim Tanz in den Mai, einer Ü-30-Party oder beim Gemeindefest einer Pfarrgemeinde, alles was auch nur entfernt nach einem Lautsprecher aussah, wurde gebraucht, und Marwitz war einfach zu spät dran gewesen. Aber er hatte gute Kontakte und es schließlich doch noch auf die Reihe gekriegt.

Es fehlte nur noch eine Sache zu seinem Glück, und die raubte ihm den letzten Nerv.

Marwitz ging zur Fensterfront und drückte die Stirn gegen die Scheibe. Das gab zwar einen Schweißfleck, aber so konnte er hinaus in die Dunkelheit sehen, ohne nur sein eigenes Spiegelbild anzustarren, während er den Kaugummi weiterhin mit nervös mahlenden Kiefern bearbeitete.

Es ging um die Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle an der Hohenzollernstraße in zwei Tagen ...

Alles war perfekt organisiert gewesen. Eine Art überdimensionaler Kindergeburtstag für die Teenager der Achtziger, deren Musik durch den Tod von Michael Jackson eine unerwartete Renaissance erlebte. Ausgerechnet da war Marwitz das fest eingeplante Michael-Jackson-Double abgesprungen und hatte den Termin einfach gecancelled.

Angeblich, weil er eine Zerrung hatte.

„Opa-walk mit Krücke statt Moonwalk“, hatte er am Telefon gejammert. „Das will doch keiner sehen.“

Aber Marwitz hatte aus gut unterrichteten Quellen erfahren, dass diese Jackson-Doublette stattdessen ein Engagement in einer Disco in Moers angenommen hatte.

Für die doppelte Gage.

Der Tod eines Popstars konnte zwar die Party-Szene bisweilen gehörig anheizen, aber er verdarb leider sowohl die Preise als auch die Moral der Lookalikes. Es war immer dasselbe. Den Kerl zu verklagen half Marwitz nichts. In zwei Tagen musste ein Jackson-Double in der Kaiser-Friedrich-Halle auf der Bühne stehen, sonst war er erledigt. Der Act war groß angekündigt und überall plakatiert.

Und tatsächlich hatte der Event-Manager es geschafft, einen der wenigen Jackson-Doppelgänger zu finden, die gegenwärtig noch frei waren.

Und der hatte auch versprochen, noch an diesem Abend bei ihm vorbeizuschauen.

Aber er war bisher nicht aufgetaucht, und unter der Handynummer meldete sich nur die Mailbox.

Du schaffst es noch, dass ich wegen dir wieder anfange zu rauchen!, ging es Marwitz erbost durch den Kopf. Fünf Minuten gebe ich dir noch, und wehe du kannst dann den Moonwalk nicht so perfekt wie der King of Pop zu seinen besten Zeiten!

Ein Wagen fuhr auf den Parklatz vor dem Gebäude. Ein Mann stieg aus. Er war groß und schlank, mehr konnte Marwitz von ihm nicht erkennen, denn er war nur für einen kurzen Moment als Schattenriss zu sehen, dann verschluckte ihn die Dunkelheit.

Wenig später klingelte es an der Tür. Marwitz öffnete.

„Tag. Kann ich reinkommen?“

„Wenn Sie Michael Jackson sind.“

„Bin ich. Sie sind Marwitz, oder? Ich habe Sie in der Zeitung gesehen. ›Bunter Nachmittag für Senioren war ein voller Erfolg‹ oder so ähnlich. Stimmt‘s?“ Nichts, worauf ich stolz bin!, dachte Marwitz. „Kommen Sie rein!“, forderte er barsch. Die Tür fiel zu. Marwitz musterte das Jackson-Double von oben bis unten.

„Sie sehen Jacko überhaupt nicht ähnlich.“

„Mit Maske und Perücke schon. Sie werden mich nicht von ihm unterscheiden können.“

„Na ja ...“

„Krieg ich 'nen Vorschuss?“

„Jetzt?“

„Ich will fünfhundert Eier, gleich auf die Kralle, sonst trete ich nicht auf. Klar?“

„Nun mal langsam!“

„Scheiße, wenn ich gewusst hätte, dass Sie es doch nicht ernst meinen, wäre ich gar nicht erst hier rausgefahren.“

„Wo wohnen Sie denn?“

„Giesenkirchen. Ich habe da als Kellner im Los Morenos gearbeitet, aber die Gebrüder Moreno haben ihr Restaurant dichtgemacht, und nun stehe ich auf der Straße. Deshalb bin ich etwas knapp bei Kasse.“

„Wann sind Sie das letzte Mal aufgetreten?“, fragte Marwitz.

„Ist schon ein paar Jahre her. Nachdem dieser Kinderschänder-Prozess gegen Jacko angefangen hat, wollte plötzlich niemand mehr Jackson-Doubles. War 'ne ziemliche Scheiße für mich, ich hatte mir gerade erst neue Klamotten für Auftritte gekauft, und die sind ja nicht billig ...“

„Singen Sie mal 'nen Ton“, sagte Marwitz. „Irgendwas. ›Billy Jean‹ oder ›Dirty Diana‹ – was Ihnen so einfällt.“

„Oh, hatte ich das nicht gesagt? Ich singe nicht. Ich tanze nur und bewege den Mund.“

Marwitz atmete tief durch. Er singt nicht, er sieht Jackson nicht ähnlich, aber er will 500 Euro im Voraus! Na großartig!, durchfuhr es den Event-Manager, und dabei fühlte er, wie eine blutrote Welle in ihm aufstieg, die zur einen Hälfte aus Wut und zur anderen aus blanker Verzweiflung bestand.

„Aber ein paar Schritte Moonwalk werde ich doch jetzt wohl zu sehen bekommen.“ Marwitz hatte Mühe, das geschäftsmäßige Moderatoren-Lächeln, das bei ihm ansonsten von ganz allein und bei Bedarf auch zu jeder Tages- und Nachtzeit anzuspringen pflegte, nicht wie ein Zähnefletschen aussehen zu lassen.

„Null problemo!“, sagte der falsche Jacko. Er ahmte ein paar Tanzschritte seines großen Meisters nach, und seine Füße glitten dabei einigermaßen gelenkig über den Boden.

„Immerhin – der Griff in den Schritt war stilecht“, sagte Marwitz. „An dem Rest sollten Sie noch arbeiten.“

„Ich hab die falschen Schuhe an. Aber wenn ich verkleidet bin, kommt das gut!“

„Das will ich hoffen, sonst bin ich der Erste, der anfängt, Sie mit faulen Eiern zu bewerfen.“

„Was ist mit den Fünfhundert? Ich hab mehrere Angebote und muss Ihres nicht annehmen. Da laufen noch ein paar andere Partys, die ...“

„Ja, ja, schon gut.“

Marwitz ging zum Schreibtisch, öffnete eine Schublade und holte eine kleine Geldkassette hervor. Sie war nicht abgeschlossen, den Schlüssel hatte er verbummelt.

Größere Summen bewahrte er im Büro sowieso nicht auf, aber 500 Euro bekam er zusammen.

In diesem Moment zerplatzte die Scheibe. Ein Geschoss schlug durchs Fenster und traf den Flachbildschirm des Computers. Wie die Scheibe wurde auch der einfach durchschlagen, dann riss etwas Marwitz die Geldkassette aus der Hand, die zur gegenüberliegenden Seite des Raums geschleudert wurde. Fünf- und Zehn-Euro-Scheine flogen durch die Luft und sanken nieder.

Marwitz hatte sich zu Boden geworfen. Draußen war ein lauter Knall zu hören, und auch die anderen Fenster von Marwitz’ Büro zerbarsten. Der Event-Manager spürte selbst am Boden liegend noch die Hitzewelle der Explosion, die von draußen hereinfegte.

„Scheiße, mein Auto!“, rief der falsche Jacko.

Währenddessen knatterten draußen mehrere Motorräder, deren Fahrer anschließend – so hörte es sich an – einen Blitzstart hinlegten und davonbrausten.

Verdammt!, dachte Marwitz. Hört das denn niemals auf?

1. Kapitel: Berringer, dein Freund und Helfer

Ein klickendes Geräusch.

Der Geruch von Benzin.

Dann – Feuer!

Gelbrot, heiß ...

Wie die Hölle ...

Aus der einzelnen Flamme eines Feuerzeugs ein Flammenmeer ...

Darin: zwei Gesichter hinter den Scheiben einer Limousine.

Bettina ...

Alexander ...

Seine Frau und sein Kind, die Mienen im Schrecken erstarrt wie die Fratzen von Gargoyles.

Gefroren in der Zeit – und doch versengt im glutheißen Höllenfeuer.

Ich kann es verhindern!, dachte Berringer. Diesmal kann ich es vielleicht verhindern!

Der Gedanke hatte sich noch nicht einmal zur Gänze in seinem Kopf gebildet, als sein Körper längst handelte. Er wirbelte herum, fasste den hoch gewachsenen Mann mit dem Dreitagebart am Handgelenk und an der Schulter und drückte ihn grob gegen die Wand.

Der Kerl schrie auf und ließ das Feuerzeug fallen, und Berringer löste seine Finger vom Handgelenk des Mannes und presste ihm den Unterarm gegen die Kehle.

„Hör auf, Berry!“, rief eine schrille Stimme, die ihn vage an etwas erinnerte. An jemanden. An ein anderes Leben, das nie hätte Wirklichkeit werden dürfen.

Jemand fasste ihn an den Schultern. Er wandte den Kopf, blickte in ein Gesicht, das ihm bekannt vorkam. Ein Frauengesicht. Fein geschnitten, die Augen weit aufgerissen. Die Frisur hatte Stil, die Ohrringe nicht. Sie klimperten. Über dieses Klimpern hatte sich Berringer schon oft geärgert, aber jetzt rettete es ihn, denn es holte ihn augenblicklich zurück. Zurück ins Hier und Jetzt.

„Willst du unseren Klienten abmurksen, oder was soll der Mist?“, fauchte die Frauenstimme. Sie klang schrill und hoch und war genau richtig, um durch den Panzer aus Watte zu dringen, der Berringer im Moment zu umgeben schien und alle seine Empfindungen und Sinneseindrücke extrem dämpfte.

Er spürte plötzlich wieder den Schweiß auf seiner Stirn. Sein Herz schlug wie ein Hammerwerk. Er hatte einen Puls eines zum Tode Verurteilten, kurz bevor man ihn auf dem Elektrischen Stuhl festschnallte.

„Vanessa ...“, murmelte er.

Seine Stimme klang heiser und entsetzlich schwach. Und dieselbe Schwäche machte sich plötzlich auch in seinen Armen und Beinen breit. Seine Knie begannen zu zittern.

„Na, endlich merkst du es, Berry. Jetzt lass den Kerl los. Zwing mich nicht dazu, dir eins überzubraten. Du kannst von Glück sagen, dass die ›Zehntausend legalen Steuertricks‹ von Konz nicht an ihrem Platz im Regal stehen, warum auch immer.“ Berringer atmete tief durch. Vanessa Karrenbrock, Mitte zwanzig, BWL-Langzeitstudentin ohne den Ehrgeiz, den man Studierenden dieses Fachs für gewöhnlich nachsagte, arbeitete stundenweise in Berringers Detektivbüro, und Berringer fragte sich manchmal, ob das Chaos in seinen Ermittlungen, für das ihr loses Mundwerk stets sorgte, durch die Ordnung aufgewogen wurde, die sie in seine Buchhaltung und Steuerunterlagen brachte.

Aber so sehr Berringer die Erkenntnis auch widerstrebte – in diesem kritischen Moment hatte sie auf ihre rustikal-schrille Art sogar etwas Ordnung in sein zertrümmertes Seelenleben gebracht. Zumindest für den Augenblick.

Berringer wandte den Blick dem völlig verängstigten Dreitagebartträger zu, dessen Nasenflügel vor Angst bebten. Berringer ließ ihn los, strich sein Jackett glatt und trat einen Schritt zurück.

Bei dem Dreitagebartmann übernahm Vanessa das Glattstreichen des Jacketts. „Er hat’s nicht so gemeint“, versicherte sie – Worte, die etwa die gleiche Überzeugungskraft hatten, als wenn ein Lude seinen Mastiff spazieren führte und jedem Passanten versicherte: „Der macht nix. Der will nur spielen.“ Endlich kam der Mann, der vor diesem Ereignis zumindest potenziell als „Klient“ der Detektei Berringer anzusehen gewesen war, zu Atem, während er sich mit einer unbewussten fahrigen Geste erst einmal selbst die Gelfrisur nachhaltig ruinierte, woraufhin ihm die Haare zu Berge standen. „Der Typ ist ja nicht ganz richtig im Kopf! Ich frage mich, wie so ein Psycho frei herumlaufen kann!“

„Sag, dass es dir leid tut, Berry“, forderte Vanessa auf ihre unnachahmliche nachdrückliche Art und Weise. „Fix!“

Berringer schluckte. Allmählich begriff er, was er angerichtet hatte. Er bückte sich, um die Sonnenbrille aufzuheben, die bei dem Handgemenge zu Boden gefallen war.

Ein Billigmodell, das teuer aussehen sollte, erkannte Berringer gleich. Er reichte sie dem Mann. „Es war wirklich nicht meine Absicht, Sie zu erschrecken. Sie müssen verstehen, ich ...“

„Klar, jemand versucht mich umzubringen, vor meinem Büro fliegt ein Wagen in die Luft, die Polizei hilft mir nicht, und der Typ, auf den ich meine letzte Hoffnung setze, nimmt mich in den Schwitzkasten und erwürgt mich fast. Aber ich kann das natürlich alles verstehen und sehe das ganz easy!“

Er schielte zu dem Feuerzeug, das noch am Boden lag.

Berringer hatte es eigentlich genau wie die Brille aufheben wollen, aber er konnte es einfach nicht. Er fühlt sich wie gelähmt.

Nein, du darfst nicht wieder abdriften!, versuchte er sich selbst zurechtzuweisen und mental an die Kandare zu nehmen. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Deine Frau und dein Kind sind tot, und du lebst jetzt!, versuchte er sich selbst auf dem Pfad der Realität zu halten – einem sehr schmalen Pfad. Nimm das Feuerzeug! Überwinde dich! Setz dich dem Trigger aus und erfahre, dass er dich nicht mehr beherrscht!

Aber es ging nicht. Wie zur Salzsäule erstarrt stand Berringer da.

Der Kerl mit der selbst ruinierten Gelfrisur wagte es ebenfalls nicht, sich zu rühren, geschweige denn, das Feuerzeug selbst aufzuheben, denn dazu hätte er dem in seinen Augen völlig unberechenbaren Berringer zu nahe kommen müssen.

Vanessa erfasste die Situation. Seufzend schob sie Berringer noch ein Stück weiter zurück, sodass sich der Abstand zwischen den beiden Männern noch vergrößerte, und bückte sich nach dem Feuerzeug.

Anschließend versuchte sie, ihr Lächeln charmant aussehen zu lassen, als sie das Feuerzeug seinem Eigentümer zurückgab.

„Danke“, murmelte der Mann. „Ich mach mich dann besser vom Acker. Irgendwie bin ich hier anscheinend fehl am Platz.“

„Bleiben Sie“, sagte Berringer. „Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Sie mir gerade so beiläufig entgegengeschleudert haben, dann sind Sie hier sogar genau richtig.“

„Ach ja?“

„Es gibt nur wenige, die Ihnen helfen können. Viele werden das von sich behaupten, aber das sind Kaufhausdetektive und Leute, die nur Ihr Geld wollen, denen Ihre Sicherheit aber vollkommen gleich ist.“

„Ich hatte gerade nicht den Eindruck, dass sie Ihnen was bedeutet.“

„Fangen wir von vorn an. Ich heiße Berringer, und das ist meine Hilfskraft Vanessa Karrenbrock, die Ihnen die Rechnung schreiben wird, wenn wir für Sie tätig werden. Ich bin ehemaliger Polizeihauptkommissar und kenne mich aus. Außerdem habe ich noch einen guten Draht zu den Kollegen und komme so an Informationen heran, die nicht so einfach zugänglich sind.“

„Das war's also. Ein Zwei-Mann-Betrieb. Ich habe gehört, dass amerikanische Detekteien oft mehr als ein Dutzend Mitarbeiter haben, und selbst hier in Deutschland ...“

„Wir haben noch einen dritten Mann“, warf Vanessa ein - wobei sie ihrer Formulierung nach dann ebenfalls ein Mann sein musste, aber die Herausstellung ihrer weiblichen Identität schien ihr wohl im Moment von zweitrangiger Bedeutung.

„Herr Mark Lange ist ein hoch qualifizierter Mitarbeiter aus der Sicherheitsbranche, den wir glücklicherweise abwerben konnten. Tja, Sie sehen, gute Leute sind überall rar. Das ist bei Ihnen wahrscheinlich genauso. Ich ... äh, ich meine ... das schätze ich mal, obwohl ich noch nicht weiß, wer Sie sind und was Sie so machen.“

„Frank Marwitz, Event-Agentur EVENT HORIZON“, stellte er sich vor, und die Geschäftsmäßigkeit, mit der er dies tat, verriet, dass er diesen Halbsatz wahrscheinlich jeden Tag fünfzig Mal am Telefon aufsagte.

„Setzen wir uns“, schlug Berringer vor. „Kaffee ist leider alle, aber mich würde Ihr Problem interessieren.“

Marwitz schien noch nicht so recht entschieden zu haben, ob er dem Braten nun trauen sollte oder ob nicht doch sein ursprünglicher Entschluss, die Detektei fluchtartig wieder zu verlassen, die bessere Idee war.

Berringer ging zum Tisch und setzte sich auf einen der einfachen Stühle. Abgesehen von einer Computeranlage und allem Telekommunikationszubehör, was man in einer Detektei so brauchte, war die Einrichtung eher spärlich. Es gab in diesem etwas heruntergekommen wirkenden Büro im Düsseldorfer Stadtteil Bilk nur das Allernötigste – dafür aber einen großartigen Ausblick auf die uralte, langsam verblassende Blümchentapete, deren unmerkliche Verwandlung vom schrillen Hippie-Design zum zarten Aquarell wohl Jahrzehnte in Anspruch genommen hatte.

Das Telefon klingelte.

Berringer ging ran. Es war Mark Lange, der von Vanessa so hoch gepriesene, hoch qualifizierte dritte Mann der Detektei. In Wahrheit war er ein arbeitslos gewordener Angestellter des Sicherheitsunternehmens Delos, das vor ein paar Jahren in die Insolvenz gegangen war, weil einige leitende Mitarbeiter die Kundengelder von Banken und Versicherungen, die sie eigentlich von A nach B transportieren und dabei bewachen sollten, in die eigene Tasche gesteckt hatten. Das Ganze hatte nach dem berühmten Schneeballprinzip funktioniert, und folgerichtig war diese Blase irgendwann geplatzt. Die Verantwortlichen saßen nun im Knast und die Mitarbeiter auf der Straße, wobei dieses Schicksal alle gleichmäßig unbarmherzig getroffen hatte, die Ehrlichen wie die Halunken.

Mark war im Grunde ein armer Hund und keineswegs ein hochkarätiger Sicherheitsfachmann. Er hatte vor seinem Engagement bei Delos nur eine kurze Umschulung hinter sich gebracht, die aus ihm einen Wachmann hatte machen sollen.

Berringer wusste aus seiner Zeit bei der Düsseldorfer Polizei, wie erbärmlich der Ausbildungsstand dieser Sicherheitsfirmen häufig war. Das qualitativ Hochwertigste an diesen Security Guards, die auch zur Bewachung von Werksanlagen oder als Sicherheitsdienst in Bürohäusern eingesetzt wurden, war oft schon die respekteinflößende Fantasie-Uniform, mit deren martialischer Pseudoautorität sich die Obdachlosen aus den noblen Passagen herausmobben ließen.

„Brauchst du mich heute?“, fragte Mark. „Ich hab da einen lukrativen Schwarzarbeit-Job. Möbelschleppen bei einem Firmenumzug. Da könnt ich mir 'n paar Euro dazuverdienen, damit endlich mal mein Konto wieder im Plus ist.“

„In Ordnung“, sagte Berringer.

„Aber wenn bei dir irgendwas anliegt, dann hat das natürlich Vorrang.“

„Ich hab hier gerade einen Klienten. Du beurteilst die Lage am besten vor Ort und entscheidest dann nach Lage der Dinge“, sagte Berringer in einem Tonfall, der an Ernsthaftigkeit und Bedeutungsschwere kaum zu überbieten war.

„Irgendwie redest du heute komisch“, fand Mark.

„Ist schon in Ordnung.“

„Na ja, wie auch immer. Danke, dass du mir keine Knüppel zwischen die Beine wirfst und mich Geld verdienen lässt. Mein Kühlschrank und mein Bankkonto werden es dir danken.“

„Wiedersehen und alles Gute“, sagte Berringer und beendete das Gespräch. Dann fuhr er – an Vanessa gewandt, in Wahrheit aber mehr an Marwitz gerichtet – fort: „Auf Mark werden wir im Moment verzichten müssen. Die Observation zieht sich noch etwas hin. Aber er ist zuversichtlich, dass wir die Angelegenheit heute noch zum Abschluss bringen können.“

„Wunderbar!“, sagte Vanessa etwas zu übertrieben, als dass es wirklich überzeugend gewesen wäre. Doch Marwitz war dennoch beeindruckt. Vielleicht war auch seine Furcht vor dem, weswegen er die Detektei aufgesucht hatte, größer als die Angst davor, von Berringer noch einmal in den Würgegriff genommen zu werden.

Zögernd setzte auch er sich. „Ihr Laden scheint gut zu laufen. Offenbar behandeln Sie nicht alle Ihre Klienten so grob wie mich.“

„Ich kann mich gern noch dreimal entschuldigen, wenn Sie wollen“, erwiderte Berringer knurrig. Die Situation hatte ihn mindestens genauso mitgenommen wie das „Opfer“ seiner Attacke. „Aber es wird Ihnen wahrscheinlich kaum ein Trost sein, wenn ich Ihnen den Grund dafür erkläre, weshalb ich mich Ihnen gegenüber – wie soll ich sagen? – etwas merkwürdig benommen habe.“

„Das ist reichlich untertrieben“, erwiderte Marwitz. „Ich betrete Ihr Büro und denk mir nichts Böses, da fällt der Herr des Hauses mich an, als ob ich ein Einbrecher oder was weiß ich wäre! Ich habe Ihnen weder etwas getan, noch Sie provoziert oder beleidigt. Ja, genau genommen hatte ich ja noch nicht einmal die Möglichkeit, überhaupt ein Wort zu sagen, da haben Sie mich schon angegriffen!“ Er betastete seinen Hals, insbesondere die Gegend um den Adamsapfel. „Glauben Sie mir, wenn ich nicht so verzweifelt wäre, ich wäre schon weg. Davon abgesehen ...“ Er räusperte sich. „Ein Bekannter hat Sie mir empfohlen, den Sie offenbar nicht so traktiert haben.“

„Darf ich fragen, wer dieser Bekannte ist?“

„Frank Meier. Besser bekannt als Paul Pauke.“

Berringer nickte. „Ja, da klingelt’s bei mir.“

Frank Meier trat unter dem Namen Paul Pauke als Partysänger in den Clubs von Mallorca auf und hatte unter den Nachstellungen einer Stalkerin gelitten, bis Berringer dem ein Ende gesetzt hatte.

Marwitz wurde etwas lockerer. „Ich war es ja, der Paul Pauke dazu überredet hat, auch in Deutschland aufzutreten. Schließlich gibt es genügend Leute, die ihre Urlaubserinnerungen von der Sonneninsel in der Heimat gern wieder auffrischen lassen, und wo immer wir zusammen aufgetreten sind, sind wir auch hervorragend angekommen. Und ... nun, wenn Sie nicht gewesen wären, würde diese Spinnerin Paul noch immer belästigen. Aber Sie haben genug Beweise sammeln können, um sie schließlich juristisch an den Eiern zu kriegen und ...“ Marwitz stockte. Offenbar war ihm die Absurdität seines Sprachbilds selbst aufgefallen. „Also, Sie wissen schon, was ich meine.“

„Klar“, sagte Berringer.

„Wussten Sie, dass Paul Pauke wegen dieser Verrückten schon fast so weit war, die Auftritte in Deutschland abzublasen?“

Berringer nickte. „Ja, das hat er mir gesagt, und ich habe ihm damals erklärt, dass ihm das sehr wahrscheinlich nichts nützen würde, weil dieser Täter-Typ notfalls auch den letzten Cent dafür ausgibt, dem Opfer zu folgen. Oder in diesem Fall Dauerurlaub auf Mallorca zu machen.“

„Nun, jedenfalls hat mir Paul Pauke so ziemlich alles erzählt, was Sie für ihn getan haben, und ich bin natürlich froh, dass er weitermacht und ich ihn weiterhin als Party-Act in hiesigen Discos einsetzen kann. Na ja, daher wusste ich auch, dass Sie bei der Polizei waren und auf Ihrem Gebiet wirklich gut sind. Mein Problem ist ja so ähnlich wie das von Pauke. Nur, dass diese Stalkerin nicht versucht hat ihn umzubringen.“ Während Marwitz redete, hatte er wieder sein Feuerzeug hervorgezogen und spielte damit herum. Wie ein Taschenspieler ließ er es durch die Finger wandern, bis es ihm zu Boden fiel. Dabei bewegte sich der Mund des Event-Managers unablässig, er machte nicht einmal eine Komma-Pause, auch nicht, als er sich nach vorn beugte, um das Feuerzeug wieder vom Boden aufzunehmen, woraufhin er anfing, damit herumzuklicken.

Berringer spürte, wie sich wieder Schweiß auf seiner Stirn bildete. „Hören Sie auf damit!“, unterbrach er Marwitz so barsch, dass sich dagegen jeder Unteroffizier morgens auf dem Kasernenhof wie ein säuselnder Sozialpädagoge ausnahm.

„Wie ...?“, fragte Marwitz.

„Tun Sie besser, was er sagt“, bat Vanessa und verdrehte genervt die Augen.

Marwitz blickte auf sein Feuerzeug, runzelte die Stirn und steckte es ein. „Seitdem man versucht, mich umzubringen, rauche ich wieder, obwohl ich es seit meinem Engagement beim Shopping-Sender drangegeben hatte, weil es die Haut ruiniert. Aber dass Sie so ein militanter Nichtraucher sind, Herr Berringer ...“

„Der Reihe nach“, unterbrach ihn Berringer. „Wenn Sie schon wissen, dass ich bei der Polizei war, dann sollten Sie auch wissen, warum ich den Dienst dort geschmissen hab. Vor ein paar Jahren ermittelte ich gegen das organisierte Verbrechen, und diese Schweinehunde haben sich an meiner Familie vergriffen. Meine Frau und mein Kind wurden in unserem Wagen in die Luft gesprengt. Ich habe mit angesehen, wie sie darin verbrannten. Ob die Gangster dachten, dass ich auch drin sitze, weiß ich nicht. Jedenfalls ...“

Als er stockte, führte Vanessa den Satz für ihn zu Ende: „... leidet er seitdem unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.“

„Ich habe davon gehört“, erklärte Marwitz, und er sagte es in einem fast mitleidigen Tonfall. Genau deswegen erzählte Berringer normalerweise niemandem etwas davon.

Aber in diesem Fall ließ es sich nicht vermeiden. Schließlich hatte Marwitz ein Recht darauf zu erfahren, weshalb Berringer scheinbar grundlos auf ihn losgegangen war.

„Ich konnte nicht länger bei der Polizei bleiben. Es ging einfach nicht“, sagte Berringer, „und deswegen habe ich damals den Dienst quittiert.“

„Ich verstehe. Wie bei den Afghanistan-Soldaten, die erlebt haben, wie ihre Kameraden in die Luft gesprengt wurden.“

„So ähnlich“, bestätigte Berringer. „Als Sie plötzlich mit dem Feuerzeug herumspielten, hat es in mir ausgesetzt. Normalerweise habe ich das im Griff. Diesmal war’s leider nicht so. Ich kann nur nochmals versichern, wie leid mir das tut – aber ich kann Ihnen nicht garantieren, dass es nicht wieder geschieht, wenn Sie hier unbedingt den Feuerteufel spielen wollen. Wenn Sie jetzt denken, dass ich vielleicht doch nicht der Richtige wäre, um Ihr Problem zu lösen, dann hätte ich Verständnis dafür und Sie sollten sich jemand anderen suchen.“ Marwitz zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie sagen, Sie haben das im Griff ...“ Er warf einen Blick auf das Feuerzeug in seiner Hand und ließ es dann schnell in seiner Hosentasche verschwinden. „Paul Pauke haben Sie ja auch helfen können.“

„Gut, dann wird Ihnen Vanessa mal unsere aktuelle Preisliste raussuchen, damit Sie wissen, was finanziell auf Sie zukommt, wenn ich für Sie tätig werde.“

„Geld ist kein Problem“, behauptete Marwitz.

Vanessa hatte inzwischen ein Exemplar der Preisliste aus einer Schublade hervorgeholt und gab sie Marwitz, dessen Augenbrauen sich zunächst etwas zusammenzogen, dann aber nickte er. „Okay.“

„Nun erzählen Sie mal, worum es geht“, forderte Berringer.

Marwitz atmete tief durch und bewegte nun nervös den großen Zeh, der sich durch das weiche Leder seines spitz zulaufenden Schuhs drückte. Auch der Schuh bewegte sich ein wenig, und das erzeugte ein nerviges leises Geräusch.

Der Mann ist vollkommen fertig, dachte Berringer, der allmählich wieder eine Antenne für seine Umgebung bekam. Eigentlich waren die genaue Beobachtungsgabe und die instinktsichere Interpretation von Kleinigkeiten in Mimik, Gestik, Körpersprache und Tonfall eine seiner Stärken. Er konnte Personen sehr schnell und sehr sicher einschätzen, und gerade seit er als privater Ermittler tätig war und ihm der erkennungsdienstliche Apparat der Düsseldorfer Polizei nicht mehr zur Verfügung stand (auf jeden Fall nicht mehr in gleicher Weise wie früher), war er auf diese Fähigkeit mehr denn je angewiesen.

Allerdings gab es gewisse Momente, in denen sie vollkommen aussetzten. Und einer dieser Momente war gewesen, als er Marwitz angegriffen hatte. Dann war er ein Gefangener der Vergangenheit und seine Gedanken nur auf diesen einen Augenblick konzentriert, an dem sich für ihn alles verändert hatte. Nichts war so geblieben, wie es war. Es gab ein Leben davor und eines danach, und beide hatten nicht allzu viel miteinander zu tun.

Konzentrier dich auf das Hier und Jetzt!, ermahnte er sich. Laut der Anzeige an deinem Rechner ist es 12 Uhr 29. Du sitzt in deinem Büro im Stadtteil Bilk einem Klienten gegenüber, der sich trotz der abschreckenden Geschichten, die du über dich selbst kundgetan hast, noch von dir helfen lassen will, was wohl nur bedeuteten kann, dass ihm niemand anderes helfen kann oder will.

Die Vergegenwärtigung der Realität anhand von fassbaren Details war eine Strategie, die von Psychologen empfohlen wurde, um ein Trauma unter Kontrolle zu halten. Es sollte verhindern, dass ein Geruch, ein Geräusch, ein Lichtreflex oder irgendetwas anderes sonst als Trigger wirkte und man wieder anfallartig in den Moment versetzt wurde, in dem das traumatisierende Ereignis stattgefunden hatte. Ganz verhindern ließ es sich nicht. Der Körper hatte sein eigenes Gedächtnis, so hatte man es Berringer erklärt. Ein Gedächtnis, das sich vom Gehirn wenig vorschreiben ließ und in der Lage war, sich an eine Raumtemperatur bis auf ein Zehntel Grad genau zu erinnern – um damit einen Anfall auszulösen.

„Also“, begann Marwitz, „gestern Abend war ich in meinem Büro und habe auf so einen Blödmann gewartet, der heute bei der großen Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle von Mönchengladbach als Michael-Jackson-Double einspringen soll.“

„Wieso Blödmann?“, fragte Berringer.

„Der Typ kann nichts und wollte gleich Geld im Voraus. Aber ich hab keine Wahl, als ihn zu nehmen, weil mich sein Vorgänger ziemlich kurzfristig sitzen gelassen hat. Seit der King of Pop tot ist, können sich seine Lookalikes und Imitatoren vor Auftrittsangeboten kaum retten, und das macht die Sache für jemanden wie mich leider nicht leichter. Aber egal. Es war schon Mitternacht, und der Typ kam und kam nicht. Dann taucht er schließlich doch noch auf, und es stellt sich heraus, dass er nicht singen kann, Michael Jackson so ähnlich sieht wie eine Salatgurke einer Karotte und auch den Moonwalk kaum hinkriegt. Na ja“, Marwitz verzog das Gesicht zu einem säuerlichen Grinsen, „er kann ja vielleicht mit Mundschutz auftreten, dann fällt die nicht vorhandene Ähnlichkeit nicht so auf, und wenn er beim Playback die Lippen nicht synchron bewegt, kriegt das auch keiner mit. Und jetzt, da alle Welt um Jacko trauert, erhält er dafür wahrscheinlich trotzdem Applaus. Mit hoher Stimme ›I love you‹ ins Mikro hauchen, wird ja wohl nicht so schwer sein ...“

„Was passierte an dem Abend?“, versuchte Berringer das Gespräch wieder auf den Kern der Sache zu bringen. Er konnte sich inzwischen lebhaft vorstellen, wie Marwitz als Plaudertasche vom Dienst nacheinander einen Kindergeburtstag, einen Seniorennachmittag, eine Karnevalssitzung und eine Ü-30-Party über die Bühne brachte und vielleicht noch zwischendurch eine Amateur-Modenschau für ein Kaufhaus moderierte.

„Ich wollte dem Jacko-Double gerade fünfhundert Euro geben, hab meine Geldkassette aus der Schublade geholt, da gibt es plötzlich einen Knall. Eins der Bürofenster zerspringt, und ein Stahlbolzen zischt an mir vorbei und haut mit einer Wucht in die Wand rein – ich sag Ihnen, so was haben auch Sie noch nicht erlebt. Tja, und im nächsten Moment fliegt der Wagen des Jackson-Doubles in die Luft, und man hört laut und deutlich, wie ein paar Motorräder davonbrausen.“ Als er erwähnte, dass das Auto des Lookalikes explodiert war, zuckte Berringer merklich zusammen. Das Feuer ... Die verzerrten Gesichter seiner Frau und seines Sohnes in den Flammen ... Berringer riss sich am Riemen und fragte: „Und dann?“

„Na, was und dann? Das war‘s im Wesentlichen. Ich hab die Feuerwehr und die Polizei gerufen und kann jetzt nur beten, dass der falsche Jackson heute Abend auch auftaucht. Ich hätte mir ja schon längst selbst den Moonwalk beigebracht, wenn ich nicht seit meinem Skiunfall im letzten Jahr Probleme mit dem Knie hätte. Die fünfhundert Euro hat er jedenfalls mitgenommen, aber nachdem sein Wagen ausgebrannt ist, hat er ja vielleicht einen so großen Bedarf an Geld, dass er heute Abend wirklich auftritt.“

„Name und Adresse des Jacko-Doubles“, forderte Berringer.

„Arno Schwekendiek. Adresse, Telefonnummer und so weiter hab ich hier aufgeschrieben.“ Er kramte einen Zettel aus der Jacketttasche hervor und schob ihn Berringer über den Tisch. „Aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was Sie von dem Kerl wollen.“

„Er ist ein wichtiger Zeuge, und da sein Auto bei diesem Anschlag in die Luft gesprengt wurde, könnte es sein, dass er das eigentliche Ziel der Attacke war und nicht Sie.“

„Nein, das glaub ich nicht“, widersprach Marwitz. „Sehen Sie, seit Wochen werde ich immer wieder von einer Rockergang bedroht. Die haben Veranstaltungen gesprengt, bei denen ich moderiert hab. Das Fest der Landjugend in Knickelsdorf zum Beispiel. Da haben die mit ihren Maschinen einen Riesen-Tumult veranstaltet.“

„Und da Sie vergangene Nacht Motorräder gehört haben, glauben Sie, dass diese Bande dahintersteckt?“

„Genau! MEAN DEVVILS nennen die sich. DEVVILS mit Doppel-V. Die sind in der ganzen Gegend berüchtigt.“

„Hat sich die Polizei die Typen nicht vorgenommen nach der Sache in Knickelsdorf?“, fragte Berringer.

„Nun, da laufen ein paar Verfahren, aber die Typen waren maskiert, und es ist wohl nicht so leicht, da Einzelnen was nachzuweisen. Und ich fürchte, dass wird jetzt wieder so sein.“

„Und weshalb meinen Sie, haben es die Burschen auf Sie abgesehen?“ Marwitz zuckte mit den Schultern. „Ich habe bisher immer gedacht, dass mir da jemand von der Konkurrenz richtig schaden will. Mich aus dem Job drängen oder so.

Verstehen Sie? Wenn sich herumspricht, dass es bei Veranstaltungen, bei denen ich auftrete, stets zu Krawallen kommt, engagiert mich niemand mehr.“

„Ich nehme an, die Polizei war am Tatort und hat sich alles angesehen“, vermutete Berringer.

„In Knickelsdorf?“

„Nein, bei dem Anschlag letzte Nacht.“

„Ja, sicher. Aber einen richtig kompetenten Eindruck haben die mir nicht gemacht.

Ich habe denen gesagt: Was soll denn noch passieren, damit Sie endlich ein paar von der Bande festnehmen? Aber dieser rothaarige Typ meinte nur, dass ich ganz beruhigt sein könnte, sie würden ihre Arbeit schon machen. Na großartig! Ich darf gar nicht an heute Abend denken ...“

„Wieso?“

„Na, die Ü-30-Party in der Kaiser-Friedrich-Halle. Können Sie da nicht mit Ihren Leuten hinkommen?“

„Und Sie beschützen?“

„Vielleicht fällt Ihnen ja was auf. Wenn da heute Abend was passiert, dann ...“

„Was dann?“

Marwitz sah Berringer an und schluckte. „Dann bin ich draußen, verstehen Sie?“ Die Augen des Event-Managers flackerten unruhig. „Jetzt steht das Schützenfest in Korschenbroich an und dann das große internationale Feldhockey-Turnier, wo ich den Stadionsprecher machen werde und natürlich durch das Vorprogramm moderiere. Das ist ein Riesending! Ich weiß nicht, ob Sie’s wissen, aber der Hockeypark in Mönchengladbach ist das größte Feldhockey-Stadion Europas und ...“

„Ich verfolge eigentlich mehr das Schicksal der Borussia“, unterbrach Berringer, um Marwitz‘ Abschweifungen zu stoppen.

„Was ich sagen wollte, ist: Es gab da im Vorfeld einen sehr starken Konkurrenzkampf“, erklärte Marwitz, „und ich habe bei beiden Veranstaltungen die Sache für mich entschieden. Ich habe einfach überzeugt. Gutes Konzept, gute Probemoderation, ein rundes Paket eben. Aber es gab da noch jemand anderen, und den hat das sehr gewurmt: Eckart Krassow, meinen lokalen Konkurrenten. Wir machen so ziemlich das Gleiche, nur ist er in jeder Hinsicht etwas schlechter als ich. Schlechter bei der Moderation und schlechter im Preis ...“

Berringer runzelte die Stirn. „Und Sie glauben, dass dieser Krassow etwas mit dem Anschlag auf Sie zu tun hat? Ist der etwa nach Feierabend Rocker und fährt mit den MEAN DEVVILS auf 'ner Harley durch die Gladbacher City?“

„Nein, natürlich nicht. Aber erstens könnte es doch sein, dass die MEAN DEVVILS von Krassow bezahlt werden, um mich aus dem Markt zu drängen ...“

„Das glauben Sie wirklich?“

„... und zweitens ist Krassow Armbrust-Schütze in einem Verein.“

„Ich glaube, das müssen Sie mir erklären.“

„Na, der Stahlbolzen, der mich fast umgenietet hätte! Das war ein Armbrustbolzen! Das hat die Polizei herausgefunden. Wussten Sie, dass diese Dinger, wenn sie aus einer heutigen Hightech-Armbrust abgeschossen werden, sogar Panzerplatten durchschlagen können? Die Durchschlagskraft ist höher als bei den meisten Schusswaffen, und – jetzt kommt‘s! – sie zählen zwar als Schusswaffen, aber sie unterliegen nicht den dafür eigentlich infrage kommenden Gesetzen. Niemand braucht sich irgendwo anzumelden oder muss einen Waffenschein beantragen, wenn er so ein Ding erwirbt. Und wenn man wirklich auf Nummer sicher gehen will, geht man in die Schweiz, da zählen Armbrüste noch nicht mal als Waffe, und es gibt überhaupt keine Beschränkungen beim Erwerb, beim Verkauf, beim Besitz und so weiter.“

Klar, ist ja auch das Land von Wilhelm Tell, dachte Berringer, enthielt sich aber eines Kommentars auf Marwitz‘ gesammeltes Google-Wissen, das dieser sich offenbar auf die Schnelle angeeignet hatte, um sich schlau zu machen.

„Na, dann geben Sie mir sicherheitshalber auch die Adresse Ihres Konkurrenten“, sagte Berringer stattdessen. Er drehte den Zettel um, auf dem schon die Daten des Jacko-Doubels standen, und holte einen Kugelschreiber aus der Jackettinnentasche.

„Eckart Krassow hat sein Büro in der Landgrabenstraße. Nummer habe ich vergessen. Aber er hat 'ne Homepage, da steht alles drauf. Übrigens, soweit ich gehört habe, wäre es nicht das erste Mal, dass die MEAN DEVVILS solche Aufträge ausführen. Allerdings haben sie das bisher eher für das Rotlichtmilieu, Drogenhändler oder Inkasso-Büros getan. Nur will Ihr ehemaliger Kollege meinen diesbezüglichen Hinweisen nicht nachgehen. Den hat das gar nicht interessiert, diesen Ignoranten. Stattdessen wollte er dafür sorgen, dass bei mir jetzt häufiger Streifenwagen vorbeifahren, aber das glaube ich ihm nicht. Wäre ohnehin auch Blödsinn, weil ich ja ständig auf Achse bin. Ja, aber so ist das: Da wird man mit dem Tod bedroht und bekommt noch nicht mal anständigen Personenschutz! Das sind eben Beamte. Die haben ja ihre Sicherheit von der Wiege bis zur Bahre, und was für Sorgen ein Selbstständiger wie ich so hat, das können die sich nicht mal ansatzweise vorstellen. Ich sage Ihnen, schon unser Steuersystem und die Pensionen ...“

Nein, bitte nicht!, dachte Berringer. Nicht diese Leier! „Sie sagten, mein Ex-Kollege war rothaarig. Hieß der zufällig Anderson?“

„Ja, so hieß er.“

„Sie haben Glück.“

„Als ich mit diesem Kerl zu tun hatte, hatte ich den Eindruck nicht gerade. Das ist ja einer der Gründe, warum ich zu Ihnen gekommen bin.“

„Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson, früher Kripo Düsseldorf, jetzt Kripo Mönchengladbach“, murmelte Berringer. „Ich kenne ihn gut. Wir waren zusammen in der Ausbildung, und Sie sollten wirklich nicht zu schlecht über ihn denken.“

„Wieso?“

„Als ich Paul Paukes Stalkerin überführt hab, brauchte ich ein paar Informationen, an die ich ohne Anderson nicht herangekommen wäre.“

„Na ja ...“, gab sich Marwitz nun etwas kleinlaut. „Ich will ja nichts gesagt haben. Und ganz bestimmt will ich Ihren ehemaligen Kollegen nicht schlechter reden, als er ist ...“

Berringer lächelte kühl. „Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen, Herr Marwitz.“

„Aber Sie müssen auch mich verstehen. Ich bin mit den Nerven ziemlich am Ende.

Tja, und heute Abend muss ich natürlich wieder megagut drauf sein, wenn die ergrauten Achtzigerjahre-Teenies abfeiern wollen und so tun, als wäre die Zeit an ihnen vorbeigegangen und nur sie selbst jung und geil geblieben.“ Da passt du doch ganz gut dazwischen!, dachte Berringer.

„Klingt nach einem wirklich harten Job“, sagte er laut und mit einigermaßen überzeugend geheucheltem Mitleid.

„Kann ich heute Abend mit Ihnen und Ihrer Truppe rechnen?“, vergewisserte sich Marwitz.

„Ja, Sie können sich auf uns verlassen“, versprach Berringer. „Hundertprozentig.“

„Ich rede mit dem Veranstalter, damit man Sie hereinlässt.“

Wäre ja noch schöner, wenn ich für diesen Mist noch bezahlen müsste!, dachte Berringer. Alle Formen des organisierten Frohsinns waren ihm verhasst, und das hatte ausnahmsweise nichts mit seinem Trauma zu tun, sondern lag in seiner tiefsten Natur begründet. Das hatte er feststellen müssen, als es ihn vor Jahren aus dem heimatlichen, komplett frohsinnsfreien, von muffigen Sturköpfen dominierten Münsterland in das karnevalsverrückte Düsseldorf verschlagen hatte.

Marwitz wandte sich an Vanessa. „Ich werde sogar versuchen, Sonderkarten für Sie aufzutreiben. Für den Backstagebereich und so.“ Er schenkte Vanessa ein öliges Lächeln, und zu Berringers Entsetzen schien Marwitz damit bei ihr sogar zu punkten.

Jedenfalls kicherte sie.

Bevor die Situation noch peinlicher werden konnte, meldete sich Marwitz’ Handy, indem es in reichlich scheppernden Akkorden den Triumphmarsch aus Aida schmetterte.

Viel Schein, wenig Sein, dachte Berringer. Aber unglücklicherweise schien sich genau diese besondere Angeber-Spezies bestens zu vermehren.

„Marwitz, Agentur Event Horizon – Motto: Wir machen alles möglich, aber Wunder dauern fünf Minuten länger. Was kann ich für Sie tun?“ Berringer überlegte, wie oft Marwitz diesen Spruch wohl schon heruntergerattert hatte, um ihn in dieser exorbitanten Geschwindigkeit fehlerfrei und immer noch deutlich akzentuiert über die Lippen zu bringen. Da zeigt sich der wahre Profi, dachte Berringer.

Marwitz schien das größte Schnellsprechtalent seit Dieter Thomas Heck zu sein, doch der Fluch der späten Geburt hatte dafür gesorgt, dass seine Zeit schon vorbei gewesen war, bevor er seine Karriere hatte starten können. Der Mantel der Geschichte hatte diesen Moderatorentyp gestreift und war an ihm vorbeigegangen, und nun mussten Männer wie Frank Marwitz auf Ü-30-Partys grölende Massen unterhalten anstatt eine Samstagabendshow im ZDF zu moderieren.

Marwitz sagte ein paar Mal knapp, zackig und ganz gegen seine ansonsten ausschweifende Diktion „Ja!“ und beendete dann das Gespräch. Dann stand er auf und sah gewichtig auf seine Armbanduhr, die zwar aussah wie eine Rolex, aber nur ein preiswertes Imitat war, wie Berringer auf den ersten Blick erkannte. In der Zeit, als er noch mit einer Polizeimarke gegen das organisierte Verbrechen gekämpft hatte, hatte er unzählige solcher Fälschungen sichergestellt. Sie wurden von kriminellen Banden über die EU-Grenzen geschleust und dann für einen Bruchteil des Preises angeboten, den ein Originalprodukt kostete.

„Ich muss leider weg. Ich habe wider Erwarten jemanden gefunden, der mir eine PA-Anlage liefern kann.“

„Wie ...?“, fragte Berringer.

„PA – Public Adress. Eine Anlage zur Beschallung einer öffentlichen Veranstaltung – also mit genügend Leistung.“

Marwitz hatte Berringer gründlich missverstanden. Berringer wusste durchaus, was eine PA-Anlage war. Er wunderte sich nur, dass sie Marwitz plötzlich wichtiger war als seine Sicherheit. Jedenfalls schien er auf einmal keinerlei Furcht mehr davor zu haben, dass man noch einen weiteren Anschlag auf ihn verüben könnte.

„Wir sehen uns also heute Abend in der Kaiser-Friedrich-Halle“, sagte Marwitz und eilte schon Richtung Tür.

„Wann fängt die Party denn an?“, fragte Berringer schnell.

„Um acht. Aber ich bin schon um sieben da, und es wäre schön ...“ Den Rest bekam Berringer nicht mehr mit.

„Seltsamer Typ“, sagte Berringer, als der Event-Manager weg war.

„Ich fand ihn nett“, meinte Vanessa.

„Na ja ...“ Berringer bemühte sich, nicht mit den Augen zu rollen.

Als nächstes versuchte er Mark Lange anzurufen, um ihm zu sagen, dass er ihn am Abend unbedingt brauche. Aber Mark war nicht erreichbar. „Hat bestimmt das Handy abgestellt, damit ich ihn nicht belästige“, brummte Berringer.

„Schreib ihm doch 'ne SMS“, schlug Vanessa vor.

Berringer seufzte. „Bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, knurrte er. Er hoffte nur, dass sich Mark die Nachricht auch rechtzeitig ansah. „Mit dir rechne ich natürlich auch ganz fest“, fügte er an Vanessa gerichtet hinzu.

„Kein Problem.“

Na, da hat der Charme des Möchtegern-Medienstars aber volle Wirkung gezeigt!, ging es Berringer durch den Kopf, denn ansonsten brachte Vanessa ganz obligatorisch ein paar Widerworte vor, wenn er eine Aufgabe für sie hatte.

Die nächste Nummer, die Berringer wählte, gehörte Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson. Sie war im Adressbuch der Telefonanlage gespeichert.

„Kann ich gleich mal vorbeikommen?“, fragte der Detektiv. „Wie, was heißt hier: Es ist im Moment gerade schlecht? Die Sache ist sehr wichtig, und eine Hand wäscht die andere, das weißt du doch.“

Berringer lauschte der Antwort, sagte dann „Ja, ja – schon gut“ und legte auf.

„Na, meiden dich jetzt schon alte Freunde, Berry?“, fragte Vanessa spitz.

„Nein, das nicht. Allerdings muss ich in einer halben Stunde in Gladbach sein. Thomas muss in die Drachenhöhle.“

Vanessa runzelte die Stirn. „Ist dein Kommissar-Kumpel nicht ein bisschen zu alt für Fantasy-Rollenspiele?“

„Drachenhöhle wird im Gladbacher Polizeipräsidium das Büro der Staatsanwaltschaft genannt, insbesondere das von Frau Dr. Müller-Steffenhagen. Und bei der soll der arme Thomas in 'ner Stunde antanzen.“

„Klingt ja richtig gruselig“, neckte Vanessa.

„Ja, da bin ich richtig froh, mit dem ganzen Laden nichts mehr zu tun zu haben“, seufzte Berringer.

2. Kapitel: In den Straßen von Mönchengladbach

Die Treppe zu Berringers Büro im vierten Stock mehrmals täglich hoch- und dann wieder auf Erdgeschossniveau hinabzusteigen, war gegenwärtig der einzige Sport, den er betrieb – vom Denksport mal abgesehen, den sein Job manchmal mit sich brachte.

Angeblich war Bilk der Stadtteil mit den meisten Frauen und der höchsten Geburtenrate in ganz Düsseldorf; nirgends in der Landeshauptstadt gab es mehr Kinder. In den vielen Kneipen wurde aber trotzdem Alt und nicht Malzbier ausgeschenkt. Eingefleischte Lokalpatrioten behaupteten sogar, dass man in der Bilker Lorettostraße viel besser shoppen könnte als auf der Kö.

Berringer allerdings nahm eher an, dass Leute, die so etwas von sich gaben, einfach nur schon zu lange nicht mehr aus Bilk herausgekommen waren, vielleicht weil sie den ganzen Tag über einen Kinderwagen vor sich herschoben. So toll dieser Stadtteil mit seinen schmucken Altbauten, den kleinen Straßen und den vielen Bäumen auch war, in Bilk zu wohnen hätte sich Berringer nicht vorstellen können. Sein privates Domizil lag im Düsseldorfer Hafen, fünfzehn Gehminuten entfernt, und war ein Hausboot, für das er noch immer keinen richtigen Namen gefunden hatte. So hieß der umgebaute Frachter einfach DIE NAMENLOSE.

Auch bis zu seinem Wagen musste Berringer an diesem Tag fast eine Viertelstunde gehen, nur in die andere Richtung. Parkplätze waren in Bilk so knapp wie überall in der Landeshauptstadt. Die legalen Parkplätze waren sogar noch knapper und die, für man nichts bezahlen musste, eigentlich immer besetzt.

Aber für Berringer hatte das sein Gutes. Manchmal wachte er morgens auf, und es schien keinen Grund zu geben, das Bett zu verlassen. Doch bevor man sich der Depression ergab, riss einen der Gedanke aus den Federn, dass man vielleicht keinen Parkplatz mehr bekam, wenn man sich nicht sputete, und in Berringers Job konnte es mitunter ziemlich wichtig sein, den Wagen in unmittelbarer Nähe des Büros zu haben.

So angenehm ein Spaziergang durch das malerische Bilk bei gutem Wetter auch sein mochte, manchmal musste es eben einfach sehr schnell gehen. Und dies war so ein Moment.

Berringer ging mit großen Schritten durch die Straßen und zog schließlich das Longjackett aus, weil er ins Schwitzen geriet. Schließlich fand er die Stelle wieder, wo er den Wagen, einen Opel, geparkt hatte. Er war neu, denn der fahrbare Untersatz, den er bis vor zwei Monaten noch benutzt hatte, hatte den Geist aufgegeben.

Berringer stieg ein.

MEAN DEVVILS mit Doppel-V ... Er versuchte sich daran zu erinnern, ob er schon irgendwann mal etwas von dieser Rockergruppe gehört hatte. Etwas, das ihn weiterbringen konnte. Aber ihm fiel nichts ein. Außer ein paar Zeitungsartikeln, an die er sich vage erinnerte und in denen es um die üblichen Randale gegangen war: Schlägereien, einen Türsteherkrieg, Drogen ... Aber das hatte alles in Mönchengladbach stattgefunden, also schon fast im Ausland.

Bestimmt konnte ihm Thomas Anderson weiterhelfen.

Berringer warf das Jackett auf den Beifahrersitz. Von Düsseldorf-Bilk bis Gladbach war es eine knappe halbe Stunde. Berringer stellte fest, dass er sein Navi vergessen hatte, fand das aber nicht weiter schlimm. Erstens war es noch nicht lange her, dass er zuletzt dem Polizeipräsidium von Mönchengladbach einen Besuch abgestattet hatte, und zweitens hatte Berringer als Ex-Polizist einen exzellenten und gut trainierten Orientierungssinn, und so traute er sich zu, die Theodor-Heuss-Straße in Mönchengladbach im Schlaf zu finden. Das Polizeipräsidium war ein so großer Gebäudekomplex, dass man ihn kaum übersehen konnte.

Während er damals Paul Pauke vor den Nachstellungen dieser verrückten Stalkerin beschützt hatte, war er mehrmals die Woche in Thomas Andersons Büro gewesen. So oft, dass er dem Herrn Kriminalhauptkommissar damit wohl schon ziemlich auf die Nerven gegangen war, Freundschaft hin oder her.

Und jetzt bin ich leider gezwungen, Thomas schon wieder auf den Wecker zu fallen, dachte Berringer. Kein Wunder, dass Anderson alles andere als erfreut geklungen hatte, als er Berringers Stimme am Telefon vernommen hatte.

Er fuhr auf die Kopernikusstraße und gelangte schließlich zum Düsseldorfer Südring, wo sich der Verkehr bereits auf verdächtige Weise verlangsamte. Stau? Baustelle?

Berringer rechnete jeden Moment damit, dass bei den Fahrzeugen vor ihm die Warnblinkanlagen angingen.

Der Aggregatzustand des Verkehrs veränderte sich von fließend in zähflüssig.

Berringer trommelte mit den Fingern nervös auf dem Lenkrad herum. Wenn das so weiterging, würde Anderson bereits in der staatsanwaltschaftlichen Drachenhöhle hocken, wenn er die Theodor-Heuss-Straße in Mönchengladbach erreichte. Anders als in Märchen und Fantasy-Romanen bestimmten dort allerdings die Drachen die Regeln, nicht die aufrechten Recken, die für Recht und Gerechtigkeit eintraten.

Berringer erinnerte sich noch gut daran. Von diesen Büros war mitunter ein enormer Ermittlungsdruck ausgegangen, was bisweilen dafür gesorgt hatte, dass letztendlich niemand mit dem Ergebnis der jeweiligen Untersuchung hatte zufrieden sein können.

Insbesondere geschah das immer dann, wenn ein Fall Aufsehen in der Öffentlichkeit erregte. Dann schrien Medien und Politik jedes Mal auf, wenn nicht umgehend Erfolge präsentiert wurden, und dadurch reagierten alle Beteiligten wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen und taten in erste Linie das, was öffentlichkeitswirksam nach entschlossenem Handeln aussah, aber nicht das, was wirklich zur Lösung des Falls beitrug. So mancher Massen-Gentest gehörte in diese Rubrik und war in Wahrheit eher ein Akt der Verzweiflung als Teil überlegter Ermittlungstaktik.

Manchmal brauchte man eben Geduld, um zu Ergebnissen zu kommen. Jeder Jäger, der tagelang auf dem Hochsitz zubrachte, wusste das, aber diese Tugend vertrug sich irgendwie nicht mit der Kurzatmigkeit der Medien.

Wie geduldig man mitunter sein musste, hatte Berringer am eigenen Leib erfahren, und das auf sehr schmerzhafte Weise. Der Tod seiner Familie war auch nach Jahren noch immer nicht vollständig aufgeklärt, und es war fraglich, ob das überhaupt jemals geschehen würde. Zwar saß ein Mann wegen dieses Verbrechens im Gefängnis, aber der Killer war bestenfalls ein Werkzeug gewesen, und man hätte ihn genauso gut zusammen mit anderen Tatwaffen in der Asservatenkammer aufbewahren können, hätte das nicht gegen die Menschenwürde verstoßen. Wer diesen Mann beauftragt und damals aus dem Hintergrund die Fäden gezogen hatte, war bislang unbekannt.

Es gab nur einen nom de guerre, einen Kampfnamen.

Die Eminenz!

Anscheinend spielte diese Eminenz eine gewichtige Rolle in der organisierten Kriminalität des Niederrheins, und so hatte Berringer damals gegen dieses Phantom ermittelt. Vielleicht war er dem unbekannten Paten dabei näher gekommen, als er geahnt hatte. So nahe, dass man ihn als Gefahr eingestuft hatte – als jemanden, der kaltgestellt werden musste.

Und obwohl die Autobombe aufgrund nie wirklich geklärter Umstände nicht ihn, sondern seine Familie getötet hatte, hatte die andere Seite damit ihr Ziel erreicht.

Vorerst zumindest.

Denn auch wenn sich Berringer in dieser Sache zunächst geschlagen geben musste, so war er doch entschlossen, irgendwann Licht ins Dunkel zu bringen. Irgendwann, das hatte er sich fest vorgenommen, würde er alle Teile des Puzzles zusammengefügt haben. Irgendwann würde vielleicht auch der eingebuchtete Killer sein Schweigen brechen.

Irgendwann ...

Sie sollten aufhören, in der Vergangenheit zu leben!

Er hatte den markigen Satz eines dieser Psychologen noch im Ohr, bei denen er in Behandlung gewesen war. Berringer mochte dem noch nicht einmal widersprechen.

Manchmal wiederholte er diesen Satz sogar leise, sprach ihn vor sich hin wie ein Mantra, wenn er innerlich abzudriften drohte und Gefahr lief, den Anforderungen im Hier und Jetzt nicht mehr gerecht zu werden. Sein Verstand sagte ihm, dass der Doc recht hatte, aber da war etwas anderes, viel Stärkeres in ihm, das seine Gedanken trotzdem immer wieder rückwärts richtete.

Er konnte nichts dagegen tun. Und oft wollte er es auch gar nicht.

Der Verkehr quälte sich langsam an einem Lastwagen vorbei, dem wohl ein Reifen geplatzt war. Jedenfalls hing der Geruch von angeschmortem Gummi in der Luft und gelangte über die Belüftung des Opel auch in Berringers Nase.

Der Lastwagen war offenbar die Ursache für den zähfließenden Verkehr gewesen, denn danach ging es schneller voran. Auf dem Südring nahm Berringer die Ausfahrt zur A57 und trat dann das Gaspedal voll durch, in der Hoffnung, dass er nicht von den Ex-Kollegen der Autobahnpolizei gestoppt wurde.

Er nahm die Route über die A52 Richtung Mönchengladbach. Drei Baustellen ließen ihn beinahe jeden Zukunftsglauben begraben, noch pünktlich beim Polizeipräsidium anzukommen.

Durch die veränderte Verkehrsführung im Baustellenbereich verpasste Berringer dann beinahe noch die Abfahrt Nord. Vielleicht war auch der Umstand Schuld, dass er sich nicht richtig auf die Fahrt konzentrierte. Ein Detail aus Frank Marwitz’ Bericht schwirrte ihm immer wieder im Kopf herum.

MEAN DEVVILS – mit Doppel-V ...

Berringer war sich plötzlich sicher, schon einmal in einem anderen Zusammenhang das Wort DEVVIL mit Doppel-V gesehen zu haben. Es lag schon länger zurück, in jenem so fern erscheinenden Abschnitt seines Lebens, in dem noch alles in Ordnung gewesen war.

Vor seinem inneren Auge tauchte ein grobschlächtiges Gesicht auf, das ihm jedoch nur nebulös in Erinnerung geblieben war, obwohl er eigentlich darauf trainiert war, sich Gesichter zu merken. Aber offenbar war dieses nicht wichtig genug gewesen, und so hatten es diese Züge nicht in den permanent abrufbaren Bereich des Langzeitgedächtnisses geschafft.

Dafür war da dieses Detail, das sich dort aus irgendeinem Grund festgesetzt hatte und nun wieder aus der Versenkung auftauchte, in der es einige Jahre lang geschlummert hatte.

DEVVILISH – mit zwei V! Ein Tattoo, das am Halsansatz aus dem Muskelshirt eines Türstehers geschaut hatte. Die einzelnen Buchstaben waren in altdeutscher Frakturschrift gewesen.

Und auf einmal fiel Berringer auch wieder ein, bei welcher Gelegenheit er das Tattoo gesehen hatte.

Es war bei einer Razzia gewesen, an der er vor Jahren teilgenommen hatte. Der Türsteher mit dem Tattoo am Halsansatz hatte ein ziemlich verdutztes Gesicht gemacht, als ihm die Dienstmarke der Kripo unter die Nase gehalten wurde.

Wahrscheinlich waren seine Personalien von Kollegen aufgenommen worden; an den Namen des Burschen erinnerte sich Berringer jedenfalls nicht mehr. Aber an den Namen der Diskothek. Und daran, dass die Razzia ein Reinfall gewesen war.

BLUE LIGHT ...

Ein Glitzerschuppen, der über ein paar Strohmänner unter der Kontrolle des organisierten Verbrechens gestanden und der Geldwäsche sowie als Drogenumschlagsplatz gedient hatte. Berringer und seine Kollegen hatten gehofft, eine Spur zu finden, die sie der Eminenz ein Stück näher hätte bringen können. Die Düsseldorfer Kripo hatte Insidertipps gehabt, aber die andere Seite hatte von der geplanten Razzia Wind bekommen. Jedenfalls war am entsprechenden Abend noch nicht einmal ein Joint gefunden worden.

Devvilish ... Mean Devvils ...

Das doppelte V bei beiden Wörtern stellte nun wirklich keine besonders augenfällige Verbindung zwischen beiden Sachverhalten dar.

Dennoch ...

Glaubst du an Zufälle?, fragte sich Berringer.

Er wusste, dass er dieser Spur folgen würde. Geduldig und ohne eine Ahnung zu haben, wohin sie ihn führen würde.

Gut möglich, dass er damit wieder mal nur nach einem Strohhalm griff, um den Mord an seiner Familie aufklären zu können ...

Mit Mühe und Not und einem Tritt in die Eisen, der einen dicht auffahrenden Mercedes-Fahrer zu der allgemein unter der Bezeichnung „Einen Vogel zeigen“ bekannten Geste verleitete, zog Berringer den Opel auf die Abbiegerspur nach Viersen. Er sah auf die Uhr. Er brauchte schon eine grüne Welle, um es noch mit einer einigermaßen vertretbaren Verspätung zum Präsidium zu schaffen.

An der nächsten Gabelung hielt er sich rechts und folgte den Schildern, die nach Mönchengladbach wiesen. Wo auch immer das sein mag, dachte Berringer leicht amüsiert. Im Grunde war Mönchengladbach eine Gruppe von Kleinstädten und Dörfern, um welche die allmächtigen Herren der Gebietsreform irgendwann einmal einen Kreis gezogen hatten, um dann zu verkünden: Es werde eine Stadt! Und es ward eine Stadt. Mit einem Lokalpatriotismus, der zumindest solange gehalten hatte, wie die Borussia den Bayern die Meisterschaft hatte wegschnappen können. Aber das war in den seligen Siebzigern gewesen, und die waren lange vorbei.

Berringer folgte der Kaldenkirchener Straße und wurde von ein paar Motorrädern überholt, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre Überholmanöver durchführten und die anderen Verkehrsteilnehmer offenbar als Slalomstangen in einem Biker-Rallye-Park ansahen. In solchen Augenblicken hätte Berringer am liebsten die rote Kelle rausgehalten oder die Leuchtanzeige mit der Aufschrift BITTE FOLGEN! eingeschaltet, um wenigstens ein paar dieser Verrückten die Leviten zu lesen.

Nein, du bist kein Polizist mehr!, musste er sich dann jedes Mal eindringlich selbst erinnern. Seine Befugnisse waren nicht größer als die jedes anderen Bürgers. Er konnte Nummernschilder aufschreiben und Anzeige erstatten, mehr nicht.

Nun ja, der Nutzen all der Appelle an die Vernunft war bei solchen Typen ohnehin kaum messbar.

Dieses Mal achtete Berringer besonders auf die Embleme und Schriftzüge auf den Jacken und den Maschinen der Biker. Einer von den Kerlen fuhr sogar provozierend lange neben ihm her und zeigte ihm den Stinkefinger, anstatt seinen Überholvorgang zügig abzuschließen.

An diesem Tag wurde das bisschen, das von Berringers psychischer Stabilität geblieben war, auf eine harte Probe gestellt.

Bei keinem der Rocker war ein DEVVIL mit zwei V auszumachen, auch nicht in irgendwelchen Abwandlungen oder Kombinationen. Stattdessen registrierte er jede Menge Totenköpfe und ein paar Mal die Aufschrift EAGLES OF TERROR. War wohl die Konkurrenz der MEAN DEVVILS.

Die Motoren heulten auf, und auch der Stinkefinger-Zeiger brauste davon, mit einer Geschwindigkeit, dass es den überwiegend altersschwachen Fahrzeugen der Einsatzwagenflotte des Landes NRW wohl schwer gefallen wäre, die Verfolgung aufzunehmen. Der Spuk war so schnell vorbei, wie er begonnen hatte.

Komische Schreckensvögel, dachte Berringer.

Noch bevor er den Bismarckplatz erreichte, meldete sich sein Handy. Er nahm das Gespräch über die Freisprechanlage entgegen.

„Herbolzheimer, Hafenverwaltung“, stellte sich eine schleppend sprechende Frauenstimme vor. „Spreche ich mit Herrn Robert Berringer?“

„Ja.“

„Sie sind der Eigner eines Boots, das die Bezeichnung NAMENLOSE trägt?“

„Richtig.“

„Im Bereich des Liegeplatzes, den Sie zurzeit haben, müssen Ausbesserungsarbeiten an der Kaimauer durchgeführt werden. Dazu ist es nötig, dass Ihr Boot an einen anderen Liegeplatz verlegt wird.“

Der Gedanke, dass die NAMENLOSE an einem anderen Platz festmachen sollte, gefiel Berringer nicht. Er konnte nicht genau sagen, weshalb eigentlich. War es nicht völlig normal, dass Boote ab und zu mal ihren Liegeplatz änderten?

Aber in diesem Fall war das etwas anderes. Seitdem Berringer die NAMENLOSE

besaß und als seinen Wohnsitz nutzte, hatte sie ihren Liegeplatz nicht mehr gewechselt.

„Ich habe nirgends Schäden an der Kaimauer bemerkt“, sagte der Detektiv.

„Wir führen die Arbeiten ja auch durch, bevor sichtbare Schäden auftreten“, erläuterte ihm die Stimme am anderen Ende der Verbindung. „Im Übrigen sind Sie bereits schriftlich auf die anstehenden Maßnahmen hingewiesen worden.“ Berringer konnte sich nicht erinnern, einen entsprechenden Bescheid erhalten zu haben. „Tut mir leid, Ihre Post hat mich nicht erreicht.“

„Wie dem auch sei, Sie müssen bis morgen mit der ... äh, mit der NAMENLOSEN den jetzigen Liegeplatz verlassen haben.“

„Ich habe die Gebühren im Voraus bezahlt!“, empörte sich Berringer.

„Dafür ist Ihnen ja auch für die Zeit der Baumaßnahmen ein Ersatzliegeplatz zugewiesen worden. Nummer ... Einen Moment!“

„Mailen Sie mir die Nummer zu“, bat Berringer. „Dann weiß ich zumindest, wo es hingeht.“ Er gab seine E-Mail-Adresse durch.

„Ich rufe Sie eigentlich nur an, weil ich mich vergewissern wollte, dass Sie Ihren Liegeplatz tatsächlich freigemacht haben, damit die Arbeiten wie geplant beginnen können.“

„Ja“, knurrte Berringer wenig begeistert.

„Vorsorglich weise ich Sie darauf hin, dass man Sie in Regress nehmen kann, falls durch ...“

„Ist schon klar“, schnitt Berringer ihr das Wort ab.

Nachdem er das Gespräch beendet hatte, rief er in der Detektei an. Vanessa war am Apparat.

„Ruf Werner van Leye an. Seine Nummer steht in unserem Adressverzeichnis. Sag ihm, meine NAMENLOSE muss bis morgen auf einen anderen Liegeplatz verlegt werden, dessen Nummer gleich per E-Mail durchgegeben wird.“ Werner van Leye war ein ehemaliger Binnenschiffer, der sich zu seiner Frührente hier und da etwas schwarz dazuverdiente. Er war es gewesen, der die NAMENLOSE überhaupt an ihren Liegeplatz manövriert hatte. Schließlich hatte Berringer zwar manche Qualifikation, aber eine Fahrberechtigung für Binnenschiffe gehörte nicht dazu. Noch schwerer wog, dass er sich zu einem solchen Manöver gar nicht in der Lage sah. Bevor er also selbst sein Kapitänsglück versuchte, war es besser, dass sich jemand darum kümmerte, der die nötige Erfahrung hatte. Schließlich wollte Berringer nicht, dass am Ende nicht nur Ausbesserungsarbeiten an der Kaimauer, sondern auch noch an seinem Boot durchgeführt werden mussten.

„Ich kann dir jetzt keine Einzelheiten erklären“, sagte Berringer zu Vanessa. Aber wie sich herausstellte, war das auch gar nicht nötig.

„Ach, du meinst wegen der Ausbesserungsarbeiten des Hafenamts“, hörte er ihre helle Stimme ganz beiläufig daherflöten.

Für einen Moment glaubte er, sich verhört zu haben, und war sprachlos. Dann brach es aus ihm hervor: „Du weißt davon?“

„Ich habe dir den Brief mehrfach vor die Nase gehalten, aber du hast die Sache wohl irgendwie nicht zur Kenntnis genommen. Na ja, das ist ein Weilchen her. Ich dachte, du hättest das längst geregelt.“

„Tja, das habe ich dann offensichtlich nicht“, murmelte Berringer.

„Ich kümmere mich darum.“

„Danke.“

Vanessa beendete das Gespräch.

Berringer nahm mechanisch die Südeinfahrt des Mönchengladbacher Polizeipräsidiums an der Ecke Theodor-Heuss-Straße/Webschulstraße. So kam man auf dem schnellsten Weg zum Besucherparkplatz, und außerdem war das Gebäude nicht weit, in dem sich das Kommissariat 11 befand, dem Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson angehörte.

Berringer ließ sich vom Pförtner durchwinken, der ihn kannte und wusste, dass sich Berringer zurechtfand. Nach links ging es auf den Besucherparkplatz, der an eine Grünfläche mit Teich angrenzte. Die Gebäude waren von A bis P durchnummeriert, woran man allein schon ermessen konnte, welche Ausmaße die Anlage hatte.

Berringer konnte sich immer nur wundern, dass diese Ansammlung von beschaulichen Dörfern, die sich Mönchengladbach nannte und, seit die Borussia nicht mehr am Bökelberg spielte, ihr „Zentrum der Herzen“ verloren hatte, ein so großes Polizeipräsidium brauchte. Lokalpatrioten aus Rheydt, die sich noch lange gegen die Eingemeindung im Jahre 1975 gewehrt hatten, sahen darin wahrscheinlich noch immer eine geballte Demonstration der kommunalen Zentralmacht.

Aber vielleicht war der Grund für die bauliche Zurschaustellung polizeilicher Stärke auch der, dass die Gegend gar nicht so besinnlich war, wie sie Berringer bei der ersten Durchfahrt erschien. Die Nähe zur holländischen Grenze brachte es natürlich mit sich, dass die Drogenfahnder immer gut zu tun hatten. Trotz europäischer Union und Schengener Abkommen, trotz des gemeinsamen Wirtschaftsraumes, gemeinsamer Verteidigung und des Euros als gemeinsame Währung – die unterschiedliche gesetzliche Behandlung sogenannter weicher Drogen in den Niederlanden und dem Rest der Welt sorgte dafür, dass diese Grenze auf absehbare Zeit mehr bleiben würde als nur eine Verwaltungsgrenze.

Berringer eilte im Laufschritt zum Gebäude, das sich entlang der Theodor-Heuss-Straße wie ein lang gezogener Schlauch erstreckte. Unglücklicherweise war das Kriminalkommissariat im Westteil untergebracht, was bedeutete, dass Berringer einen längeren Weg hatte.

Er stürmte durch den Eingang, nachdem man ihm dort geöffnet hatte. Jetzt nur nicht ungeduldig oder gar aggressiv-erregt wirken, dachte Berringer. Sonst bestand die Gefahr, dass man ihn nicht weiter vorließ.

„Zu wem wollen Sie denn?“, fragte eine Frau in einem Glaskasten.

„Kriminalhauptkommissar Thomas Anderson. Wir haben einen Termin.“

„Davon ist mir nichts bekannt.“

„Rufen Sie doch bitte kurz durch.“

„Ja, aber ...“

„Bitte, es ist dringend.“

Der größte Fehler, den Berringer in so einer Situation machen konnte, war zu erwähnen, dass er Privatdetektiv war. Irgendwie wurde er dann immer als unlautere Konkurrenz angesehen, als etwas, das es eigentlich gar nicht geben durfte.

Schließlich war die Bekämpfung des Verbrechens eine staatliche Aufgabe, da hatte sich die Privatwirtschaft rauszuhalten. So oder so ähnlich lautete die in Hallen wie dieser weit verbreitete Ansicht. Kaufhausdetektive, Nachtwächter und Personenschützer – das war noch statthaft. Aber um den Rest – wenn’s denn nicht gerade um Ehebruch ging – kümmerte sich bitte schön die Staatsmacht selbst.

Früher hatte Berringer diese schlechte Meinung über Privatdetektive und alles, was sich sonst noch im sogenannten Security-Business tummelte, durchaus geteilt. Die Tatsache, dass man keine Ausbildung, sondern nur einen Gewerbeschein brauchte, um sich „Privater Ermittler“ nennen zu dürfen, trug sicher nicht zum guten Ruf der Branche bei.

Abgesehen davon war jeder Private, der in der Sicherheitsbranche tätig war, eine stille Anklage gegen die Unzulänglichkeit von Justiz und Polizei.

„Herr Anderson erwartet Sie“, sagte die Frau im Glaskasten schließlich, nachdem sie aufgelegt hatte.

„Danke“, knurrte Berringer, was eigentlich mehr wie „Na endlich“ klang.

„Sie sollen sich beeilen!“

„Witzbold!“

„Was meinten Sie?“

„Nichts.“

Berringer nahm immer drei Stufen auf einmal. Auf diese Weise war er schneller, als wenn er auf den Lift gewartet hätte.

Augenblicke später stand er vor Andersons Büro und klopfte.

„Herein!“

Berringer trat ein.

Thomas Anderson stand hinter seinem Schreibtisch. Er trug sein Jackett, den mittleren Knopf zugeknöpft, den Schlips hochgezogen und eine Mappe unter dem Arm. Das alles zusammengenommen konnte eigentlich nur bedeuten, dass er bereits auf dem Sprung war. Fertig zum Kampf in der Drachenhöhle.

Er sah auf die Uhr. Eine Geste, die man nur auf eine Weise verstehen konnte: als Vorwurf.

„Berry, du bist spät.“

„Tut mir leid.“

„Ich hatte dir doch gesagt, was gleich für mich ansteht.“

„Und ich sagte, dass es mir leid tut. Der verdammte Verkehr, du weißt schon. Sieht aus, als soll buchstäblich jeder Autobahnkilometer in und um Mönchengladbach verbreitert, ausgebessert oder aus anderen Gründen neu geteert werden.“

„Vorwiegend sind das wohl andere Gründe“, sagte Anderson. „Das Konjunkturprogramm der Bundesregierung zeigt Wirkung. Die Gelder müssen von den Kommunen noch rechtzeitig ausgegeben werden, und da wird jetzt asphaltiert, was das Zeug hält. Für unsere Kollegen von der Verkehrspolizei ist das natürlich mit erheblicher Mehrarbeit verbunden. Die Unfallzahlen sind gerade in den Baustellenbereichen alarmierend gestiegen.“

„Kann ich mir denken.“

„Aber nun zur Sache, Berry. Meine Zeit ist knapp, und ich hoffe, du kommst mir mit etwas wirklich Wichtigem“

„Frank Marwitz war bei mir.“

„Dieser Wichtigtuer vom Dienst? Die Rampensau von Mönchengladbach? Keine Party ohne die dummen Sprüche von Frank Marwitz. Na ja, ich kann mir schon denken, was er wollte.“

„So?“

Anderson legte die Mappe auf den Tisch. Eins zu null für mich, dachte Berringer, denn das bedeutete, dass sich Anderson ein wenig Zeit nehmen würde. Und das Dunkelrot, das sein Gesicht plötzlich angenommen hatte, deutete auf einen Zustand hin, den man neudeutsch als „emotionale Betroffenheit“ bezeichnete. Kein Zweifel, der Fall Marwitz hatte Anderson ziemlich auf die Palme gebracht, und Berringer wollte unbedingt wissen, warum.

„Der Kerl weiß alles besser“, erklärte Anderson dann auch gleich ungefragt, „gibt uns aber keine vernünftigen Hinweise und denkt, die ganze Welt drehe sich nur um ihn.

Und zu allem Überfluss erzählt er uns dann auch noch, wie wir unseren Job zu machen hätten. Da kann einem wirklich der Kragen platzen.“

„Verstehe“, murmelte Berringer.

„Nein, das verstehst du nicht, Berry. Du bist schon zu lange draußen, um dich daran noch richtig erinnern zu können.“

„Jedenfalls hat Herr Marwitz mich beauftragt, ihm zu helfen.“ Anderson winkte ab. „Nichts für ungut, aber ich denke, er schmeißt sein Geld zum Fenster raus.“

„Na ja, da es nicht unser Geld ist, sollte uns beide das nicht weiter interessieren.“ Anderson zuckte mit den Schultern. „Komm du mir nicht auch noch auf die Tour.

Mein Bedarf an dummen Sprüchen ist auf Jahre hinaus gedeckt, seit ich diesen eingebildeten Blödmann kennengelernt habe.“

„Aber wir sind uns doch einig darüber, dass auch einen Blödmann niemand mit einem Armbrustbolzen abschießen darf, oder?“

Anderson atmete tief durch. Er strich sich übers Gesicht, das die dunkelrote Färbung einfach nicht verlieren wollte. Sie passte auch zu gut zu den zahllosen Sommersprossen und zu Andersons schütterem rötlichem Haar. Seit Neuestem trug er auch ein kleines Ziegenbärtchen, das ihm Berringers Meinung nach allerdings nicht stand.

Auf Berringers letzte Bemerkung ging Anderson nicht weiter ein. Stattdessen sagte er in gedämpftem, fast vertraulichem Tonfall: „Hör zu, dieser Anschlag auf Frank Marwitz gehört zu einer Serie vergleichbarer Taten. Immer wurden Hightech-Armbrüste eingesetzt. Nie starb jemand, es gab immer nur Sachschaden. Hast du nichts darüber gelesen? Der irre Armbrustschütze – Wurde er durch die alten Edgar-Wallace-Filme inspiriert?“

„Ich bin sehr beschäftigt. Diese Meldungen müssen an mir vorbeigegangen sein.“ Die Welt war schlecht, das wusste Berringer auch ohne die Lektüre bunter Sensationsblätter oder entsprechender Sendungen im Privatfernsehen, die das Publikum offenbar davon überzeugen wollten, dass Perverse und Kriminelle längst die Weltherrschaft errungen hatten.

„Na ja, du bist ja sozusagen auch raus aus dem Geschäft“, räumte Anderson ein. „Es hat sich manches geändert, seit wir zusammen in Düsseldorf unterwegs waren.“ O nein, jetzt kein Gequatsche über die Vergangenheit!, ging es Berringer durch de Kopf. Die sentimentalen Kollektiverinnerungen an irgendeine vermeintlich gute alte Zeit fielen Berringer schwer, seit seine Familie in einem Feuerball ums Leben gekommen war. Es schien so, als wäre sein gesamtes Leben vor diesem Augenblick mit verbrannt. Er mied deswegen Klassentreffen oder Einladungen alter Freunde.

Manche nahmen ihm das übel – vor allem dann, wenn er diese Kontakte trotzdem beruflich zu nutzen versuchte.

„Marwitz hat den Verdacht geäußert, dass eine Rockergang hinter dem Anschlag steckt, die es wohl schon länger auf ihn abgesehen hat“, sagte Berringer. „MEAN

DEVVILS mit Doppel-V in der Mitte. Die haben wohl schon mehrere Veranstaltungen gesprengt, die von Marwitz moderiert wurden.“ Anderson nickte. „Und angeblich soll sein Konkurrent, ein gewisser Eckart Krassow, die Brüder dazu angestiftet haben. Hat er dir also auch diesen Mist erzählt.“

„Wieso ist das Mist?“

„Na ja, das ist vielleicht etwas hart gesagt. Aber dieser Marwitz nervt mich einfach.

Tut so, als würden wir unseren Job nicht machen.“

„Er hat einfach Angst. Und ehrlich gesagt, kann ich das auch verstehen. Wenn dir so ein Bolzen um die Ohren fliegt, würde dich das wahrscheinlich auch nicht kalt lassen.“

Anderson fixierte ihn auf einmal aus blitzenden Augen. „Glaubst du, wir machen unsere Hausaufgaben nicht?“

Berringer wollte keinen Streit, deshalb gab er erst gar keine Antwort, sondern sagte:

„Du hast eine Serie vergleichbarer Taten erwähnt ...“

„Mit Marwitz ein rundes Dutzend Fälle“, bestätigte Anderson. „Wir vermuten Mutproben unter Rockern. Wer aufgenommen werden will, muss vorher etwas möglichst Verrücktes, Gefährliches, Aufsehenerregendes tun. Etwas, das ihn an die Gruppe bindet. Warum also nicht mit einer Armbrust auf jemanden schießen? Aber eben nur knapp daneben. Man zeigt, wozu man in der Lage ist, aber zieht es nicht bis zur letzten tödlichen Konsequenz durch. Dennoch verbreitet das Angst und Schrecken. Und diese Brüder freuen sich dann, wenn sie groß in der Zeitung stehen.“ Anderson deutete auf ein Boulevardblättchen, das gefaltet auf seinem Schreibtisch lag. „Mönchengladbach: der Wilde Westen Deutschlands – Armbrust-Cowboys schlagen wieder zu!“, stand da über einem schwarz umrandeten Artikel, der aus zwei sehr kurzen Spalten und einem Foto samt dazugehöriger Bildunterschrift bestand.

Das Bild zeigte einen Mann in Lederkleidung, der einen Stinkefinger in die Kamera hielt (was Berringer an den Rocker erinnerte, der ihm selbigen auf der Herfahrt gezeigt hatte). Das Gesicht war unkenntlich gemacht, was dem Ganzen wohl einen pseudodokumentarischen Charakter geben sollte. Berringer glaubte eher, dass das Foto gestellt war. Vielleicht sogar eine Montage. Im Hintergrund war jedenfalls das malerisch-biedere Panorama der Innenstadt zu sehen.

„Dann ist ein Zusammenhang mit diesen MEAN DEVVILS doch gar nicht weit hergeholt“, äußerte er.

„Natürlich nicht“, schnaubte Anderson verärgert. „Sie sind sogar unsere Hauptverdächtigen bei den Armbrust-Attentaten. Denn wir wissen, dass einige ihrer Mitglieder in der Vergangenheit Armbrüste besessen haben. Nur glaube ich nicht, dass dieser Krassow etwas damit zu tun.“

„Wieso nicht? Ist er nicht Armbrustschütze im Verein?“

„Das ist er. Wir haben seine Waffen sichergestellt und die verwendeten Projektile verglichen. Der offizielle Bericht vom BKA ist noch nicht da, dennoch hat Krassow nichts mit den Anschlägen zu tun.“

„Was macht euch so sicher?“

„Wir haben natürlich Krassows Alibi überprüft. Er war zu der Zeit, als der Anschlag auf diesen Schwätzer verübt wurde, in Köln. Da gibt es so einen TV-Sender, bei dem man anrufen kann, um sich die Karten legen und die Sterne deuten zu lassen. Hast du bestimmt schon mal gesehen.“

„Nö“, sagte Berringer.

„Egal. Jedenfalls ruft da ein überwiegend weibliches, esoterisch angehauchtes Publikum an und will wissen, ob sie sich scheiden lassen oder den Job aufgeben sollen und so weiter.“

„So was macht dieser Krassow?“, wunderte sich Berringer.

Anderson zuckte mit den Schultern. „Offenbar erhofft er sich davon die große TV-Karriere.“

Immerhin das hatten Marwitz und Krassow wohl gemeinsam, ging es Berringer durch den Kopf, auch wenn sie als Wettbewerber auf einem eng umkämpften Markt wie Feuer und Wasser waren: Beide Männer trieb der Gedanke, zu etwas Besonderem geboren zu sein, beide hielten sich für Publikumsmagneten. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt, dachte Berringer.

„Jedenfalls hat der Sender bestätigt, dass Krassow während der fraglichen Zeit im Sender war“, fuhr Anderson fort. „Seine Armbrüste habe wir trotzdem erst mal konfisziert. Die dazugehörigen Bolzen natürlich auch.“ Anderson schüttelte den Kopf. „Das ganze Zeug ist noch im Labor.“

„Armbrüste?“, wiederholte Berringer. „Er hat gleich mehrere?“

„Er scheint diesem Sport sehr zugetan.“

„Und wieso schließt ihr gleich aus, dass er die MEAN DEVVILS beauftragt hat?“

„Weil es keine Anhaltspunkte dafür gibt. Es ist auch nicht richtig, dass wir das ausschließen, wir halten es nur für sehr unwahrscheinlich. Die Kontobewegungen sind überprüft worden, und auch da deutet nichts darauf hin, dass Marwitz‘ Theorie stimmt.“

„Angeheuerte Schlägertrupps werden ja auch für gewöhnlich bar bezahlt“, meinte Berringer.

„Weiß ich, Berry“, sagte Anderson. „Ich mach den Job auch nicht erst seit gestern.

Das entscheidende Argument ist, dass die MEAN DEVVILS nachweislich auch eine Veranstaltung gesprengt haben, auf der Krassow den großen Zampano gegeben hat.

Ist zwar schon ein paar Jahre her, aber in diesem Fall haben wir das sogar amtlich, denn mehrere Mitglieder der Bande sind damals angeklagt und sogar verurteilt worden.“

„Was wisst ihr über die MEAN DEVVILS?“

„Die kommen aus der Türsteher-Szene. Ihr Geld verdienen sie mutmaßlich mit Drogenhandel, Schutzgelderpressung und ähnlichem. Leider kommt es nur selten vor, dass es gegen einen von ihnen zu einem Verfahren kommt. Und jetzt muss ich los.

Tut mir leid, Berry.“

„Hör mal, ich brauche eine Liste der bisherigen Opfer. Und außerdem ...“

„Berry!“

„Bitte!“

Anderson seufzte. Dann legte er die Mappe, die er unter dem Arm trug, noch einmal auf den Tisch, öffnete sie und nahm einen Computerausdruck heraus, den er offenbar für sein Treffen in der Drachenhöhle vorbereitetet hatte. „Ich kopier dir das. Und wenn dir irgendeine Gemeinsamkeit zwischen den bisherigen Opfern auffallen sollte, dann wäre es sehr nett, du würdest mich das wissen lassen.“

„Na klar.“

Anderson ging zum Kopierer. Berringer warf einen Blick in die Mappe und sah ein Foto, das unverkennbar bei einer erkennungsdienstlichen Behandlung aufgenommen worden war: ein Mann im Muskelshirt, am Oberarm ein Tattoo, das ein Hakenkreuz zeigte und irgendwie verwischt wirkte. Offenbar war mal versucht worden, es zu entfernen, aber ein Tattoo war eben letztlich nichts anderes als eine Narbe, und die blieb.

Vor allem aber fiel Berringer der tätowierte Fraktur-Schriftzug am Hals des Burschen auf: DEVVILISH – wie damals.

Plötzlich glaubte er auch, sich wieder an das Gesicht auf dem Foto zu erinnern.

Das ist er!, durchfuhr es ihn. Der Typ aus dem BLUE LIGHT in Düsseldorf!

Anderson kehrte zurück und gab Berringer die Kopie der Liste. „Die Nummern in der letzten Spalte bezeichnen den jeweils verwendeten Bolzentyp.“

„Danke.“

Anderson bemerkte Berringers stieren Blick. „Das ist der Boss der MEAN

DEVVILS. Artur König – nennt sich selbst gern King Arthur.“

„Den kenne ich. Der war Türsteher im BLUE LIGHT in Düsseldorf. Warst du nicht damals bei der Razzia dabei?“

„Ich kann mich weiß Gott nicht an jede Razzia erinnern, an der ich mal teilgenommen hab.“ Dann aber nickte Anderson und meinte: „Aber was du sagst, könnte stimmen. Artur König hat tatsächlich bis vor ein paar Jahren in Düsseldorf gewohnt. Nachdem er dann eine Haftstrafe wegen Körperverletzung absitzen musste, ist er nach Mönchengladbach gezogen und hat seinen eigenen Laden aufgemacht.“

„Ach, wärst du doch in Düsseldorf geblieben“, murmelte Berringer in sich gekehrt.

„Wie?“

„Nur so ein Schlager.“

Die Mappe klappte zu, Anderson klemmte sie sich unter den Arm und schob Berringer freundschaftlich, aber bestimmt aus dem Raum. „Los, raus hier. Ich darf dich nicht allein in meinem Büro lassen.“

„Damit ich nicht in euren wertvollen Fahndungsunterlagen herumschnüffle?“

„Nein, damit mich nachher niemand anscheißt, weil ich die Vorschriften nicht eingehalten hab.“

„Ach so.“

„Mach‘s gut, Berry. Und wehe, ich hör nichts von dir. Eine Hand wäscht die andere, hast du am Telefon gesagt. Nun, das ist eine wechselseitige Beziehung und kein ...“ Er stockte.

„Und kein was? “

„Vampirismus. Einer saugt den anderen aus.“

„Das musst du mir als lebendem Toten schon nachsehen“, brummte Berringer so düster, dass Anderson es vorzog, darauf nichts zu erwidern.

Wenig später fand sich Berringer im Freien wieder und schlenderte zurück zum Besucherparkplatz. Ein blauer Polizeiwagen kam ihm entgegen. Einer der ersten blauen Einsatzwagen in ganz NRW, wo bisher immer noch die grünen Polizeifahrzeuge über die Straßen rollten.

Berringer hatte darüber gelesen. Er bekam nämlich immer noch das Mitteilungsblatt der Polizeigewerkschaft, und manchmal konnte er es einfach nicht lassen, es durchzublättern, auch wenn er sich hinterher meist elend fühlte.

Er erreichte seinen Opel, setzte sich hinters Steuer und warf einen Blick auf die Liste, die Anderson ihm kopiert hatte. Es handelte sich eigentlich mehr um eine Tabelle.

Darin waren jeweils der Name des Opfers, die Adresse sowie Datum und Uhrzeit des Vorfalls verzeichnet. Außerdem gab es zwei Spalten, eine für Sach- und eine für Personenschäden sowie eine Spalte mit den verwendeten Bolzen. Es fiel gleich ins Auge, dass die bisherigen Anschläge mit zwei verschiedenen Bolzentypen durchgeführt worden waren. Insgesamt neunmal war jener Geschosstyp benutzt worden, der auch bei Marwitz verwendet worden war, bei den übrigen drei Fällen stand in der letzten Spalte eine andere Kombination aus Buchstaben und Zahlen als Typbezeichnung des Projektils.

Ich werde mich wohl mal darüber schlau machen müssen, was genau das bedeutet, ging es Berringer durch den Kopf. Die Namen sagten ihm – außer der von Marwitz –

nichts. Aber auch das musste ja nicht so bleiben.

Berringer sah auf die Uhr.

Mal sehen, ob so ein Tausendsassa wie Krassow im Moment vielleicht zu Hause ist, überlegte er.

3. Kapitel: Im Fadenkreuz

Du legst den Bolzen ein und spannst jene Waffe, die einst als unritterlich galt und deren Einsatz gegen Christen verpönt war. Doch daran hielt sich schon damals niemand, und in der heutigen Welt spielt der Glaube keine Rolle mehr.

Du justierst das Zielfernrohr, siehst durch das Fadenkreuz. Das ist der Moment, in dem du ganz ruhig wirst, obwohl sich jede Faser deines Körpers in Anspannung und jede Windung deines Gehirns in einem aktiven Zustand befindet.

In einem einzigen Moment ist eine Ewigkeit enthalten. Dein ganzes Leben und vor allem jener Augenblick, mit dem alles anders wurde. Lange hast du gedacht, du könntest einfach alles mit einer Tünche aus bunten Farben und gezwungener Fröhlichkeit überkleistern. Du hast gedacht, dass du Schuld vergessen könntest, denn du hast nicht damit gerechnet, dass sie dich nie verlassen wird, sondern dir wie ein Schatten folgt.

Der Moment höchster Konzentration ist da. Ein Moment, der kühlen Kopf und kaltes Blut erfordert. Du weißt, dass du nun an nichts anderes denken darfst und dass die Waffe es dir nicht verzeihen wird, wenn du dich doch ablenken lässt. In der Ruhe liegt die Kraft.

Die Kraft, die du jetzt brauchst.

Was du nun tun wirst, hättest du schon lange tun müssen, vielleicht wäre dann alles anders gekommen.

Vielleicht ...

Nein, du weißt, dass dieser Gedanke dich nicht weiterbringt.

Nur wenn der Pfeil der Rache endlich auf sein Ziel trifft, findest du deinen Frieden.

Dann drückst du ab.

Der Bolzen schlägt ein.

Gut so, denkst du, und siehst dir das Resultat an.

Genau ins Schwarze.

Hundert Punkte.

Aber damit sie dir vom Konto deiner Schuld getilgt werden, wird es nicht reichen, auf Scheiben zu schießen.

Ein Kleinlaster fuhr auf den Hof des Gebäudes, in dem die Agentur EVENT HORIZON untergebracht war. Ein Glaser hatte bereits neue Scheiben eingesetzt, doch es kündigten sich weitere Probleme an, vor allem hinsichtlich der Frage, wer für den Schaden aufkam. Die Gebäudeversicherung machte Zicken, und so hielt sich der Vermieter zunächst einmal an Marwitz.

Dabei war die Sache eigentlich klar. Die Gewalteinwirkung auf die Scheibe war von außen erfolgt, daran ließen auch die Ermittlungsergebnisse der Polizei keinen Zweifel. Und das bedeutete, dass der Vermieter beziehungsweise seine Versicherung dafür haften musste, wenn sich der eigentliche Verursacher nicht feststellen ließ.

Aber bei der Versicherung wollte man das nur für die Scheibe gelten lassen, die der Armbrustbolzen durchschlagen hatte. Doch auch die anderen Fenster waren zu Bruch gegangen, und dafür war die Explosion des Wagens unmittelbar vor dem Büro verantwortlich.

Wahrscheinlich würde es in nächster Zeit noch einiges an Papierkrieg geben.

Marwitz seufzte, war aber erleichtert, als er den Kleinlaster sah. SPEDITION HANDBROICH stand auf der Plane. Das war die ersehnte PA-Anlage, die er für seinen Auftritt auf dem Korschenbroicher Schützenfest brauchte. Die Vermittlung der Anlage gehörte nämlich in diesem Fall – anders als bei der Ü-30-Party am Abend –

zu den vereinbarten und schon bezahlten Dienstleistungen, zu denen er sich verpflichtet hatte.

Ansonsten war er bei der Frage in wessen Mikrofon er hineinsäuselte, nicht wählerisch. Hauptsache, er war laut genug zu hören und musste sich nicht die Seele aus dem Leib schreien. Die war immerhin sein Kapital. Und diesem Kapital gönnte er keine Pause, schließlich sollte es ja arbeiten. Also musste er entsprechend schonend damit umgehen.

Ein paar Tricks, die er sich überwiegend bei Sängern abgeschaut hatte, gab es da schon. Marwitz nahm ein Mentholbonbon aus einer Tüte, die in der Seitentasche seines Jacketts steckte. Die Kehle immer feucht halten, aber nicht mit Alkohol. Das war eine Devise, die sich durchaus bewährt hatte.

Ein dicker Mann stieg aus dem Lastwagen. Dick und riesig. Er war fast zwei Meter groß und sah auf Marwitz herab wie auf einen kleinen Jungen.

„Ist doch noch ein bisschen später geworden. Da war ein Unfall in Rheydt, und zwar genau dort, wo ich herfahren musste. Du kennst die Ecke. Da ...“

„Ist ja nicht weiter tragisch, Harry“, schnitt ihm Marwitz das Wort ab. Nach Harry Handbroichs aufregenden Abenteuern im Straßenverkehr stand ihm im Moment einfach nicht der Sinn.

Harry – eigentlich Harald – Handbroichs Aufmerksamkeit wurde im Augenblick ohnehin abgelenkt. Er sah zur Straße, wo ein Streifenwagen sehr langsam entlangfuhr. Zwei Beamte saßen darin, ein Mann und eine Frau. Der Mann saß am Steuer, die Frau ließ die Seitenscheibe nach unten und nickte Marwitz zu.

Der Event-Manager erwiderte flüchtig den Gruß. Eine Geste, die so viel wie „Alles in Ordnung“ signalisierte. Aber wenn wirklich etwas passierte, dann waren die Uniformträger – da war sich Marwitz sicher – sowieso gerade ganz woanders. Durch die verstärkten Polizeistreifen fühlte er sich jedenfalls keinen Deut sicherer, zumal ihm die nicht im Mindesten helfen konnten, wenn er unterwegs war, und das war bei ihm nun mal sehr häufig der Fall.

„Hast du irgendwelche Schwierigkeiten?“, fragte Harry Handbroich, während er die Ladeklappe des Lastwagens öffnete.

„Wieso?“

„Na, wegen der Bullen.“ Harry hatte die Zeit zwischen seinem zwanzigsten und dreißigsten Geburtstag in verschiedenen Bauwagen und besetzten Häusern in Berlin-Kreuzberg zugebracht, wohin es ihn auf der Flucht vor dem Wehrdienst verschlagen hatte. Schließlich aber war er dann doch noch bürgerlich geworden und in seine Heimatstadt Mönchengladbach zurückgekehrt, wo er mit Mitte fünfzig die elterliche Spedition übernommen hatte. Aber Polizisten waren für ihn trotzdem immer noch Bullen.

„Lass uns auspacken“, wich Marwitz der Frage aus.

Der Streifenwagen blieb am Straßenrand stehen, der Fahrer stellte sogar den Motor ab. Präsenz zeigen. Darauf lief es wohl hinaus. Die Beifahrerin telefonierte.

Marwitz und Harry wuchteten den ersten der großen PA-Lautsprecher aus dem Lastwagen. Die Stimmung auf dem Korschenbroicher Schützenfest war damit für dieses Jahr gerettet.

„Hast du keine Sackkarre oder so was?“, fragte Harry.

In diesem Moment gab es einen dumpfen Knall. Etwas krachte mit ungeheurer Wucht durch den Lautsprecher hindurch, sprengte noch den Putz von der Gebäudewand und prallte dann einen Meter zurück auf den Asphalt.

Ein Armbrustbolzen!

Die PA-Lautsprecherbox war nicht mehr zu gebrauchen. Ein armdickes Loch klaffte in der Lautsprechermembran.

„Hey, was ist das denn?“, rief Harry Handbroich verdutzt und absolut verwirrt. Seine Zeiten als Streetfighter im Berliner Häuserkampf waren schon zu lange her, als dass er diese Situation hätte gelassen nehmen können.

Marwitz starrte zum Dach der Lagerhalle auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo gerade eine Gestalt aufsprang. Sie war nur als Schattenriss zu erkennen, hielt aber etwas in der Hand, das wie eine Armbrust aussah.

Die beiden Polizisten hatten den Schützen offenbar auch gesehen, denn der Beamte am Steuer startete sofort den Motor.

Marwitz rannte über die Straße.

„Bleiben Sie, wo Sie sind, Marwitz!“, rief ihm die Beamtin zu. Sie war noch ziemlich jung, aber in ihrer Stimme lag eine Autorität, die Marwitz tatsächlich stoppte. Nach Atem ringend stand er da, während der Streifenwagen auf das Firmengelände auf der anderen Straßenseite fuhr.

Mit quietschenden Reifen stoppte das Fahrzeug. Die beiden Beamten sprangen heraus, und die Frau zog ihre Waffe. Ihr Kollege rief zuerst über Funk Verstärkung, dann nahm er ebenfalls die Dienstwaffe aus dem Holster.

Sie gingen vorsichtig voran. Jeder nahm sich eine Seite der Lagerhalle vor. Das vordere Tor war verriegelt. Gearbeitet wurde hier zurzeit nicht. Die Firma, der das Lagerhaus gehörte, war ein Zulieferer im Anlagenbau, und wegen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise hatte sie derzeit den Betrieb einstellen müssen.

Auf der anderen Seite des Gebäudes trafen sich die beiden Polizisten wieder. Von der Gestalt auf dem Dach war nirgends etwas zu sehen.

„Glaubst du an Zauberei?“, fragte die Beamtin.

„Seit dem letzten Kindergartenjahr eigentlich nicht mehr“, antwortete ihr Kollege.

„Es gibt hier nirgends eine Leiter oder dergleichen. Von außen kann er nicht auf das Dach geklettert sein.“

„Dann ist er von innen dorthin gelangt.“

Der Polizist ging etwa zehn Meter zu einer Personaltür. Das Schloss war aufgebrochen worden. „Er muss noch da drinnen sein!“

„Sollen wir rein?“

„Warten wir auf Verstärkung. Weg kann er nicht.“

„Auch wieder wahr.“

„Mann, du hast Nerven“, sagte Harry Handbroich, der sich erst mal eine Selbstgedrehte genehmigte.

Marwitz nahm deutlich den süßlichen Marihuana-Geruch wahr. Manche Gewohnheiten ließen sich offenbar nur schwer ablegen, und Harry schien der festen Überzeugung, dass die Polizei im Augenblick Wichtigeres zu tun hatte, als sich um einen einzelnen friedlichen Haschischkonsumenten zu kümmern.

Harry schüttelte den Kopf. „Da macht dich ein Irrer fast alle, und du hast nichts anderes im Kopf als dein Geschäft!“ Harry konnte es kaum fassen, dass Frank Marwitz zum Handy gegriffen hatte, noch während die Polizisten auf dem gegenüberliegenden Grundstück nach dem Armbrustschützen suchten.

Doch Marwitz brauchte einfach eine funktionierende PA-Anlage zum Korschenbroicher Schützenfest. Wenn er das nicht auf die Reihe brachte, war der Auftrag weg und er konnte sich in Korschenbroich und Umgebung nie wieder blicken lassen.

Mit dem kaputten Lautsprecher war die von Harry gelieferte Anlage jedenfalls nicht mehr zu gebrauchen. Er brauchte eine neue oder zumindest einen passenden Ersatzlautsprecher. Also telefonierte er, was das Zeug hielt, um die Sache doch noch zu retten.

Minuten vergingen, während derer sich Harry Handbroich unter dem Einfluss seines

„Sticks“ wieder etwas beruhigte. Er starrte die ganze Zeit über zum Lagerhaus, aber dort tat sich nichts Auffälliges.

In der Ferne waren Martinshörner zu hören, deren Jaulen immer mehr anschwoll.

Wenig später bogen die ersten Einsatzfahrzeuge um die Ecke.

Die Polizeiwagen fuhren auf das Firmengelände. Ein gutes Dutzend Beamte in kugelsicheren Westen sprang heraus.

„So was gibt’s sonst nur im Kino“, meinte Harry Handbroich und zog an seinem Stick. „Aber wir haben einen schlechten Platz. Wenn ich bei der Borussia so wenig sehen könnte, würde ich mein Geld zurückverlangen.“ Die Polizisten drangen ins Innere der Halle vor, deren Personaltür wenig fachmännisch aufgebrochen worden war. Dreimal war der Armbrustschütze zuvor per Megafon aufgefordert worden, das Gebäude mit erhobenen Händen zu verlassen.

Aber der Kerl – vorausgesetzt, es handelte sich tatsächlich um einen Mann – schien gar nicht daran zu denken, sich zu ergeben.

Licht fiel durch die hohen Fenster der Halle. Die Maschinen waren verhüllt und sahen aus, als hätte Christo sie zum Bestandteil einer seiner Kunstaktionen gemacht.

Es dauerte nicht lange, und die gesamte Halle war bis auf den letzten Winkel durchsucht. Von dem Armbrustschützen gab es keine Spur. Man stieß auf einen Gullydeckel. Am Staub war zu sehen, dass er erst vor Kurzem geöffnet worden war.

Einer der Beamten deutete darauf und fragte: „Kann man auf diesem Weg von hier entkommen?“

„Wenn man nicht allzu geruchsempfindlich ist – sicher!“, meinte ein anderer Ordnungshüter. „Jedenfalls dürfte der Typ über alle Berge sein – oder wie immer man das auch ausdrücken will, wenn sich jemand unterirdisch ... äh, abseilt.“ Ein paar seiner Kollegen schmunzelten über die Wortspielerei. Dann wurde der Gully geöffnet. Eisensprossen führten hinab in die Tiefe.

„Möchte wissen, was die hier produziert haben, dass sie darauf eingerichtet sind, so große Wassermengen in der Halle abfließen zu lassen“, wunderte sich ein Polizist mit grauem Haar.

An einer der Sprossen, die hinabführten, war ein Zettel befestigt. Einer der Beamten kniete sich hin und holte den Zettel heraus.

PECH GEHABT!, stand in großen Fraktur-Buchstaben darauf.

Was auch immer man davon halten mochte – die hastige Arbeit eines Schmierfinks waren diese komplizierten Zeichen nicht. Da hatte sich jemand Mühe gegeben.

Berringer fuhr zum Stadtteil Westend, wo Eckart Krassow seine Geschäftsräume in der Leibnitzstraße unterhielt.

Das Büro war geöffnet, die Einrichtung schlicht und zweckmäßig. An den Wänden hingen Plakate von Veranstaltungen, auf denen Eckart Krassow in irgendeiner Funktion aufgetreten war. Außerdem gab es ein paar vergrößerte Screenshots, die ihn als Astro-Talker im TV zeigten, versehen mit dem Hinweis, dass man seine Sendung auch als Live-Stream über Internet verfolgen konnte, und mit den Zeiten, zu denen Krassow höchstselbst auf der Mattscheibe zu bewundern war.

Offenbar sah er das als professionelle Eigenwerbung an, während es dem Sender wohl gleichgültig war, wer da in den Leben der Anrufer herumpfuschte und mit der Autorität angeblich kosmischer Mächte dafür sorgte, dass Jobs und Partner gewechselt wurden, weil sie nicht für den Anrufer „bestimmt“ waren.

Eine Frau saß hinter einem Schreibtisch mit Computer. Sie war Mitte zwanzig, hatte gelocktes Haar, trug Jeans und T-Shirt und hatte für Frisur und Make-up erkennbar viel Aufwand betrieben. Vielleicht sah sie wegen der dicken Schichten Schminke einfach auch nur älter aus und war in Wahrheit gerade erst mit der Schule fertig. Die Fingernägel waren so lang, dass sie die Bedienung einer Computertastatur erheblich erschwerten – wie vermutlich fast alles andere auch, was in irgendeiner Form mit Arbeit zu tun hatte.

Außer Apfelsinenschälen, dachte Berringer. Wahrscheinlich war sie eine Vierhundert-Euro-Kraft oder eine Ein-Euro-Jobberin oder eine Praktikantin, wobei Berringer Letzteres schon fast ausschloss. Praktikanten präsentierten in der Regel nicht vorsätzlich äußere Hinweise auf ihre Arbeitsunfähigkeit.

EVENT-AGENTUR KRASSOW – WIR MACHEN DIE GRÖSSTEN EVENTS, stand auf einem der Plakate. Die junge Frau, die Berringer mit einem wenig professionellen Nicken begrüßte, bezog den Slogan offenbar in erster Linie auf ihre eigene Erscheinung.

„Ja?“, fragte sie und offenbarte dabei, dass sie ein Kaugummi im Mund hatte.

„Mein Name ist Berringer. Ich hätte gern Herrn Krassow gesprochen.“

„Is weg“, sagte sie, und Berringer dachte: Jetzt fehlt nur noch, dass sie eine Blase macht.

„Ja, das habe ich mir nach einem kurzen Rundblick durch Ihr Büro auch schon gedacht. Aber ich muss ihn wirklich sehr dringend sprechen. Vielleicht ...“

„Was iss’n?“

„Das muss ich ihm schon selbst sagen. Wann ist er denn wieder hier im Büro?“

„Weiß nich.“ Sie kaute jetzt ganz ungeniert. „Sind Sie der Typ aus Korschenbroich?“

„Wieso?“

„Wieso stellen Sie mir 'ne Frage, wenn ich Sie was frag?“ Berringer atmete tief durch. Kein Wunder, dass Krassows Agentur noch schlechter lief als die von Marwitz, bei so einer Marketing-Granate im Büro.

Die junge Frau verschränke die Arme vor der Brust. Man brauchte kein Experte für Körpersprache zu sein, um zu begreifen, dass sie das Gespräch im Wesentlichen für beendet hielt.

Berringer hatte genug. Seine Augen wurden schmal, und er fixierte sie mit seinem Blick. Dann sagte er: „Hören Sie gut zu! Ich ermittle, weil auf den größten Konkurrenten von Herrn Krassow mit einer Armbrust geschossen wurde – und zufällig ist bekannt, dass Herr Krassow nicht nur liebend gern das Korschenbroicher Schützenfest und internationale Hockey-Turnier moderieren würde, sondern auch noch passionierter Armbrustschütze ist! Ich muss ihm dringend ein paar Fragen stellen, und es wäre auch in seinem Interesse, wenn ich ihn umgehend erreichen könnte!“

Die junge Frau machte große Augen. „Polizei?“

„Wo ist Herr Krassow? Kann ich ihn vielleicht zu Hause erreichen?“

„Moment.“ Sie ging zum Telefon, betätigte eine Kurzwahltaste mit dem Fingergelenk, um ihre Nägel zu schonen, und schmatzte dabei hektisch auf ihrem Kaugummi herum.

„Papa?&

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Schweigen und Rache - Fünf Kriminalromane" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen