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Schwingen der Hoffnung

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Neuntes Kapitel
  17. Zehntes Kapitel
  18. Elftes Kapitel
  19. Zwölftes Kapitel
  20. Dreizehntes Kapitel
  21. Vierzehntes Kapitel
  22. Fünfzehntes Kapitel
  23. Sechzehntes Kapitel
  24. Siebzehntes Kapitel
  25. Achtzehntes Kapitel
  26. Neunzehntes Kapitel
  27. Zwanzigstes Kapitel
  28. Einundzwanzigstes Kapitel
  29. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  30. Dreiundzwanzigstes Kapitel

Weitere Titel der Autorin:

In der Ferne blüht die Hoffnung

Liebe im Herzen

Serenade im Mondschein

Wiedersehen in Dorset

Über dieses Buch

London 1940: Als ihr Haus bei einem Bombenangriff auf London zerstört wird, ist Miranda Beddoes gezwungen, bei ihren Großeltern an der Küste von Dorset Zuflucht zu suchen. Da ihre Eltern beide ihre Pflicht für König und Land erfüllen, sehnt sich Miranda danach, dasselbe zu tun. Sie tritt der Women’s Auxiliary Air Force bei und kämpft dafür, den Krieg für Großbritannien zu gewinnen.

Trotz ihres Vorsatzes, sich ganz auf ihre Arbeit zu konzentrieren, kann sich Miranda nicht gegen den Charme des Kampffliegers Gil Maddern wehren. Leider ist er jedoch nicht nur äußerst charismatisch, sondern auch für seine Leichtsinnigkeit und Leidenschaft fürs Fliegen bekannt. Als eine Schlacht am Himmel über ihnen tobt erfährt die junge Frau, dass Gils Flugzeug getroffen wurde. Nun ist es der Zusammenhalt der Frauen, der Miranda am Leben hält, während sie gebannt auf Neuigkeiten wartet …

Über die Autorin

Lily Baxter wuchs in London auf und begann ihre Karriere in dem Bereich Werbung und TV.

Mittlerweile lebt sie mit Ihrer Familie in Dorset und ist Autorin zahlreicher Romane.

Lily Baxter

SCHWINGEN
DER

HOFFNUNG

Aus dem Englischen von Isabell Lorenz

 

Für Janet und John

East London, Sommer 1940

Erstes Kapitel

Das schrille Heulen des Fliegeralarms zerriss die friedliche Stimmung über East London. Bisher war es ein herrlicher Sommertag in der grünen Vorstadt gewesen. Miranda war auf dem Heimweg von der Sekretärinnenschule und kam gerade an dem einzelnen Baum auf der Gemeindewiese vorbei, der angeblich vor vielen Jahren von einem Blitz getroffen worden war. Er reckte kahle Äste dem wolkenlosen Himmel entgegen. Sie zögerte, blieb stehen und fragte sich, ob es wieder ein Fehlalarm sei. Doch dann hörte sie über sich schon dröhnendes Motorengeräusch. Sie schirmte die Augen vor der Sonne ab und erkannte ein einzelnes Flugzeug, das immer näher kam. Es flog so niedrig, dass es aussah, als streifte es die Hausdächer der Straße, in der Miranda wohnte. Zuerst hielt sie es für ein Flugzeug der Royal Air Force, das zu einem der nahegelegenen Landeplätze zurückkehrte, aber gleich darauf detonierte eine Fliegerbombe. Die Schockwelle erschütterte den Boden unter Mirandas Füßen, und eine riesige Wolke aus Rauch und Staub stieg auf. Jetzt folgte Donnerschlag auf Donnerschlag, der Widerhall schien sich zwischen den massiven Stämmen der Ulmen und Eichen zu fangen, die die Häuserzeile von der Gemeindewiese trennten. Nachdem das feindliche Flugzeug seinen Schaden angerichtet hatte, drehte es ab, schoss hinauf in den unschuldig blauen Himmel und verschwand Richtung Osten.

Mirandas Blick folgte dem Bomber. Alles kam ihr ganz unwirklich vor. Ein Albtraum, gewiss, das musste es sein! Jeden Moment würde sie aufwachen, weil ihre Mutter sie schüttelte und ihr sagte, sie müsse aufstehen, weil sie sich sonst verspäten und den Bus zur Schule verpassen würde. Sie spürte, dass der Boden unter ihren Füßen aufhörte zu beben, und das Geräusch von einstürzendem Mauerwerk verklang. Die Welt ringsherum war auf einmal totenstill. Sogar die Vögel hatten aufgehört zu singen. Dann wurde die Stille, atemlos geworden, erneut zerrissen, Menschen schrien und riefen um Hilfe. So schnell es Mirandas hohe Absätze zuließen, rannte sie über das unebene Gras bis zu dem Trampelpfad, der durch ein Dickicht von Weißdornsträuchern zur Linden Avenue und nach Hause führte.

Nichts hätte sie auf den Anblick vorbereiten können, der sie erwartete, als sie aus dem kühlen Schatten in Hitze und erstickenden Ziegelstaub trat. Mehrere Häuser waren von den deutschen Bomben getroffen und vollkommen zerstört worden, und die, die noch standen, waren schwer beschädigt. Miranda schlug die Hand vor den Mund, um den entsetzten Schrei zu unterdrücken, als sie feststellte, dass auch ihr Elternhaus nicht verschont geblieben war. Wie eine Schlafwandlerin bahnte sie sich ihren Weg zwischen den schockierten Nachbarn hindurch, die aus den Luftschutzräumen herausgekommen waren und die Schäden begutachteten. Die Sirene heulte Entwarnung, aber dieses Mal blieb die Erleichterung, die sonst folgte, aus.

»Gehen Sie nicht da rein, Kindchen.« Mr. Walker, einer der örtlichen Luftschutzwarte, hielt sie am Arm fest, als sie die Gartenpforte öffnen wollte. »Das Dach ist weg, und jeden Moment wird, was noch steht, in sich zusammenstürzen.«

Miranda blickte ihn verwirrt an. »Aber ich wohne hier.«

Er klopfte ihr auf die Schulter. »Jetzt nicht mehr, Kindchen.« Er runzelte die Stirn. »War jemand zu Hause?«

»Nein. Mein Vater ist bei der Armee, und Maman arbeitet in London.«

»Ach, richtig«, antwortete er mit wissendem Lächeln. »Meine bessere Hälfte hat mir von ihr erzählt. Die Französin, stimmt’s? Arbeitet als Sekretärin im Kriegsministerium.«

»Ja, stimmt. Und ich muss jetzt hineingehen und sie anrufen. Sie muss doch erfahren, was passiert ist. Oje, wie schrecklich, wie soll ich ihr das nur beibringen!«

Er atmete scharf durch die Zähne ein und schüttelte den Kopf. »Ich habe klare Anweisungen, Miss. Ich muss Sie zu einer Notunterkunft bringen, wo sich die Damen vom Women’s Voluntary Service um Sie kümmern. Eine schöne Tasse Tee, dann geht’s Ihnen schon besser. Sie sind durcheinander nach dem Schock.« Er fasste sie an den Schultern und drehte sie zu einer Frau mittleren Alters um, die die Uniform und das Abzeichen des WVS trug. »Bringen Sie die junge Dame bitte zum Schutzraum, Mrs. Jenkins?« Er senkte die Stimme. « Ein Schock, wie's aussieht.«

Mrs. Jenkins legte einen Arm um Miranda und lächelte freundlich. »Na, kommen Sie, Kindchen. Wir kümmern uns um Sie.«

Miranda machte sich unwillig von ihr los. »Vielen Dank, aber ich stehe nicht unter Schock, ganz sicher nicht! Im Gegenteil, ich habe eine Stinkwut auf den Kerl, der seine Bomben auf unser Haus abgeworfen hat! Und ich möchte jetzt hineingehen und meine Mutter anrufen. Sie muss es erfahren.«

»Natürlich muss sie das. Aber wir müssen uns an die vorgeschriebenen Abläufe halten. Sie können Ihre Mutter vom Gemeindesaal aus anrufen, wo wir unsere Notunterkunft eingerichtet haben.« Mrs. Jenkins strahlte sie an. Doch der Blick aus kurzsichtigen blauen Augen hatte etwas unbestreitbar Stählernes, und der entschlossene Zug um den Mund verriet, dass sie sich nicht umstimmen ließe.

Widerstand wäre also zwecklos. Miranda ließ sich wie ein Kind zum Gemeindesaal führen, wo ihr eine weitere Frau Tee, heiß und süß, und einen Keks dazu reichte. Einige ihrer Nachbarn saßen bereits an kleinen Tischen, tranken Tee, rauchten Zigaretten und redeten mit gedämpfter Stimme. Colonel Bullwinkle kam mit seiner Bulldogge an der Leine hereinmarschiert. »Ich binde Buller nicht dort draußen an, Madam!«, polterte er sogleich los. »Ich habe mich nicht damals durch diesen Weltkrieg gekämpft, um mir jetzt von übereifrigen Wichtigtuern sagen zu lassen, dass ich meinen Hund nicht mit in den Gemeindesaal bringen darf!«

»Aber, Colonel, Tiere sind hier nicht erlaubt. Wenn ich jetzt für Sie eine Ausnahme mache, wollen demnächst alle mit ihren Haustieren herein.«

»Papperlapapp. Buller ist wohlerzogener als jedes Kind. Wir sind gerade dem Tod um Haaresbreite entgangen – vielen Dank an diese verdammten Deutschen! –, und jetzt möchte ich eine Tasse Tee und eine Schale Wasser für meinen Hund, das ist doch wohl nicht zu viel verlangt, oder?«

Die Frau an der Tür warf Mrs. Jenkins einen flehenden Blick zu. Diese ließ Miranda stehen und eilte zu ihrer Kollegin, um den aufgebrachten Herrn zu beschwichtigen. Miranda kannte Colonel Bullwinkle, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Sie wusste, wer diesen Kampf gewinnen würde, und es waren sicher nicht die Damen vom WVS. Sie nutzte die Chance, um durch den Seiteneingang hinauszuschlüpfen, und machte sich auf den Heimweg. Mr. Walker war vollauf damit beschäftigt, die Familie Fowler mit ihren sieben ungezogenen Kindern aus ihrem Haus zu treiben. Das Haus der Fowlers war zwar unversehrt geblieben, stand aber direkt neben dem von Dr. Herriot, das dem Erdboden gleichgemacht worden war. Zum Glück waren Dr. Herriot und seine Frau gerade in den Ferien. Das wusste Miranda, weil sie den Schlüssel für die Hintertür bekommen hatte, damit sie Mrs. Herriots Sammelsurium an Zimmerpflanzen gießen konnte. Nicht mehr nötig jetzt, dachte Miranda traurig.

Sie öffnete die Gartenpforte und lief über den plattierten Weg. Kurz blickte sie zum Schornstein hinauf, der einsam aus dem klaffenden Loch aufragte, das einmal das Dach gewesen war. Sie betrat das Haus und schloss die Tür hinter sich. Abgesehen von der dicken Schicht aus Staub und Schutt, die alles bedeckte, war das Erdgeschoss vom Schlimmsten verschont geblieben. Sie nahm den Telefonhörer ab und war überrascht, dass der Apparat immer noch funktionierte. Sie bat die Vermittlung, mit dem Büro ihrer Mutter verbunden zu werden. Bis jetzt war sie ruhig gewesen und hatte alles um sich herum wie aus der Ferne wahrgenommen, doch jetzt, wo sie die melodiöse Stimme ihrer Mutter hörte, ihren charmanten französischen Akzent, den sie nie ganz abgelegt hatte, schossen Miranda die Tränen in die Augen. »Maman, ich weiß nicht, wie ich es dir beibringen soll, aber unser Haus wurde getroffen und liegt in Trümmern. Du musst sofort nach Hause kommen.«

»Oh, mon Dieu! Wo bist du, Miranda?«

»Ich bin zu Hause, aber wir haben kein Dach mehr, und alles ist schrecklich durcheinander. Ich weiß nicht, was ich machen soll.«

»Raus aus dem Haus, sofort, Kind! Das hört sich nicht sicher an.«

»Aber alle unsere Sachen sind hier.«

»Ich komme nach Hause. Ich komme so schnell wie möglich. Geh zu einem der Nachbarn, und warte dort auf mich. Der Colonel nimmt dich bestimmt auf.«

»Sein Haus gibt es auch nicht mehr. Und das der Herriots ist auch nur noch ein Trümmerhaufen.«

»Merde!«

Ein hysterisches Lachen stieg in Miranda auf. Wenn ihre Mutter ins Französische verfiel, war das ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Gefühle sie überwältigten, aber auch dann fluchte sie nur selten. »Ist schon in Ordnung, Maman. Ich gehe zu Miss Sharkey. Sie kann sicher ein wenig Gesellschaft gebrauchen.«

»Ich komme, so schnell ich kann. Bitte verlass sofort das Haus, Miranda.«

»Ja. Keine Sorge.« Miranda legte den Hörer wieder auf, aber anstatt sich an die Anweisung ihrer Mutter zu halten, stieg sie langsam und vorsichtig die Treppe hinauf. Sie wollte nicht, dass das Haus über ihrem Kopf zusammenbräche, aber sie würde es nicht verlassen, ohne zumindest ein wenig Kleidung zum Wechseln zu retten.

Sie erreichte das Obergeschoss ohne Zwischenfall, aber es war seltsam, aufzublicken und dort, wo früher die Zimmerdecke gewesen war, nichts als blauen Himmel und ein paar bauschige weiße Wolken zu sehen. Sie betrat ihr Zimmer und keuchte auf. Bett und Fußboden waren übersät von Trümmern, geborstenen Mauer- und Dachziegeln, alles von einer dicken Schicht Putz überzogen. Doch zu ihrer Überraschung und Freude war der Kleiderschrank neben dem Kaminsims unversehrt. Sie hob zwei Koffer herunter, wischte mit der behandschuhten Hand die dicke Schicht Staub ab und seufzte erleichtert, weil die Koffer nur verbeult, aber nicht ernsthaft beschädigt waren. Sie öffnete die Schranktür und fing an, Kleidungsstücke von den Bügeln zu reißen. Sie stopfte sie in die Koffer, warf Schuhe auf Kleider, Taschen und Hüte. Ihre Unterwäsche befand sich in der untersten Schublade des altmodischen Möbelstücks aus der Zeit von König Edward VII., und sie schnappte sich einen Armvoll Unterhemden, Höschen und Mieder. Während sie packte, brachen Dachziegel und Trümmerteile von dem schmalen Stück Dach ab, das noch am Schornstein hing. Sie befürchtete das Schlimmste, schlug die Koffer zu und hastete zurück zur Treppe. Doch sie zögerte und überlegte, ob sie es riskieren sollte, im Zimmer ihrer Mutter nach irgendetwas zu schauen, das sie retten könnte. Sie hörte unheilvolles Ächzen und Knacken aus dem Mauerwerk, aber sie war entschlossen, irgendetwas für ihre Mutter zu retten. Sie stellte die Koffer ab und ging über den Flur zum Schlafzimmer ihrer Eltern. Doch ein heruntergestürzter Dachbalken versperrte den Eingang, und ein Teil der Außenmauer war über dem Bett zusammengebrochen. Miranda spürte plötzlich Bewegung im Boden, langte hinein ins Zimmer und schnappte sich das Foto ihres Vaters, das auf der Kommode direkt neben der Tür stand. Sie stopfte es in die Tasche und war eben am oberen Treppenabsatz angekommen, als mit dumpfem Grollen mehrere Kaminaufsätze in das Zimmer krachten, das sie gerade erst verlassen hatte. Mit den schweren Koffern hastete sie die Treppe hinunter und schaffte es gerade aus der Tür, bevor der Schornstein unter Donnern und Rumpeln in einer Lawine aus Ziegeln und Zement in ihr früheres Zimmer stürzte.

Sie stellte die Koffer ab und drehte sich langsam zu der Ruine des Hauses um, das seit dem Kindergarten ihr Zuhause gewesen war. An die Zeit davor, als sie in einer Familienunterkunft auf einem Stützpunkt im Ausland gelebt hatten, hatte sie nur noch vage Erinnerungen. Aber hier hatte sie ihre prägenden Jahre verbracht, und es fühlte sich an, als wäre ihr ein Teil ihres Lebens durch eine einzige grausame Tat entrissen worden. Sie hob eine Hand, um sich etwas dunklen Staub von der Nasenspitze zu wischen, und bemerkte, dass ihre weißen Handschuhe schmutzig waren und an mehreren Stellen sogar Risse hatten. Maman bestand darauf, dass junge Damen stets Handschuhe zu tragen hätten, wenn sie ausgingen, und ihre waren jetzt ruiniert. Verglichen mit dem Verlust ihres Hauses war es eine Kleinigkeit, aber es fühlte sich an wie das Ende der Welt. Tränen liefen Miranda über die Wangen, und sie ließ sich auf einen der Koffer sinken und verbarg das Gesicht in den Händen.

Jemand tippte ihr auf die Schulter. Miranda hob den Kopf und blickte in Miss Sharkeys besorgtes Gesicht. »Deine Mutter hat mich angerufen, Liebes. Sie möchte, dass du zu mir nach Hause kommst und dort auf sie wartest.«

Miranda sah sie ausdruckslos an. »Es ist alles weg, Miss Sharkey, sehen Sie nur: Alles, was wir hatten, ist weg.«

Miss Sharkey half ihr auf die Füße. »Nicht alles, Miranda. Du lebst noch und bist wohlauf, und deine Mutter ist auf dem Heimweg. Hab und Gut lässt sich ersetzen, Liebes. Was Menschen angeht, sieht es ganz anders aus.«

Miranda schniefte und wischte sich mit der Hand über die Augen. »Da haben Sie wohl recht.«

»Ja, das habe ich, und jetzt komm. Wir setzen den Kessel auf und trinken eine schöne Tasse Tee.«

»Danke, Miss Sharkey.« Miranda musste sich zusammenreißen, um nicht hysterisch aufzulachen. Warum dachten die Leute eigentlich immer, eine Tasse Tee brächte alles wieder in Ordnung? Sie nahm ihre Koffer auf und folgte Miss Sharkey, die drei Häuser weiter wohnte, die Straße hinunter.

»Vielen Dank, eine Tasse Tee wäre reizend.« Jeanne Beddoes lächelte und wartete, bis die hilfsbereite Nachbarin das Wohnzimmer verlassen hatte. »Auch nach all den Jahren kann ich mich nicht an die Engländer und ihre Vorliebe für Tee gewöhnen.« Sie setzte sich neben Miranda auf das Sofa und tätschelte ihr die Hand. »Geht es dir gut, Chérie?«

»Jetzt ja, Maman. Aber vorhin habe ich keine gute Figur gemacht und geweint wie ein kleines Mädchen.«

»Du bist doch immer noch mein kleines Mädchen, Chérie. Daran ändert auch nichts, dass du schon neunzehn und fast erwachsen bist.«

Irgendetwas in der Stimme ihrer Mutter ließ Miranda aufschrecken. »Du verschweigst mir irgendetwas. Was?«

Jeanne griff in ihre Handtasche und zog ein silbernes Etui hervor. Sie öffnete es und nahm eine Zigarette heraus. »Das hat mir dein Vater zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt«, erklärte sie mit einem wehmütigen Ausdruck in ihren dunklen Augen. »Du warst damals noch ein Baby, nicht ganz ein Jahr alt.«

»Maman, wenn du mir etwas zu sagen hast, tu das bitte, bevor Miss Sharkey mit dem Tee zurückkommt!«

Jeanne wühlte in ihrer Tasche nach ihrem Feuerzeug und zündete sich die Zigarette an. »Ausgerechnet heute«, murmelte sie vor sich hin. »Dieser elende Deutsche muss seine Bombe ausgerechnet dann abwerfen, wenn ich dir etwas Wichtiges zu sagen habe.«

»Dann raus damit, Maman, spann mich nicht länger auf die Folter!«

Jeanne starrte auf die schwelende Spitze ihrer Zigarette und wich Mirandas Blick aus. »Ich muss fort, Chérie. Weil ich Französin bin. Ich bin als Teilnehmerin für einen Lehrgang ausgewählt worden. Das Ganze ist streng geheim, also kann ich dir nicht mehr darüber sagen.«

»Aber du bist doch bloß Sekretärin. Was musst du denn für deine Arbeit noch lernen?«

»Es geht um viel mehr. Mein Vorgesetzter ist dabei, eine streng geheime Organisation aufzubauen, und ich soll eine seiner ersten Agentinnen werden. Mehr darf ich dir nicht sagen.«

Miranda starrte sie verblüfft an. »Sie brauchen dich, weil du Französisch sprichst?«

»Genau.«

»Du wirst Spionin, ehrlich?«

Jeanne legte einen Finger auf die Lippen. »Du darfst mit niemandem darüber sprechen. Auch nicht mit deinen Großeltern. Man weiß nie, wer zuhört.«

»Mit den Großeltern? Was soll das denn jetzt heißen, Maman?«

»Nachdem du mir heute am Telefon von dem Bombentreffer erzählt hast, habe ich sofort Großvater Beddoes angerufen.« Jeanne stand auf, zog ein letztes Mal an ihrer Zigarette und warf sie aus dem offenen Fenster auf den unregelmäßig gepflasterten Weg. Langsam wandte sie sich ihrer Tochter zu. »Mein Lehrgang beginnt schon morgen, und da es das Haus nicht mehr gibt, wirst du wohl zu deinen Großeltern nach Dorset ziehen müssen.«

»London verlassen? Aber das Schuljahr ist doch noch gar nicht zu Ende! Ich habe meine Stenografieprüfung noch nicht abgelegt, und dabei habe ich so fleißig dafür geübt, egal, wie grässlich ich es finde!«

»Es tut mir leid, Miranda. Bedank dich bei der deutschen Luftwaffe, aber wir haben keine Wahl. Wenigstens weiß ich, dass du bei Granny und Grandpa in Sicherheit und gut versorgt sein wirst. Dein Papa würde es auch wollen.« Ihre Stimme erstarb, und plötzlich schimmerten Tränen in ihren Augen. »Ich tue das für ihn und für dich, Chérie. Ich will dich nicht verlassen, aber wir müssen alles tun, was wir können, um diesen schrecklichen Krieg zu beenden und unsere Lieben nach Hause zu holen.«

Miranda stand auf. »Ich habe versucht, in dein Zimmer zu gelangen, Maman. Ich wollte etwas für dich retten, aber das hier war das Einzige, was ich bergen konnte.« Sie griff in ihre Tasche und zog das Foto ihres Vaters heraus. »Er sieht so gut aus in seiner Uniform.«

Jeannes Lippen zitterten, als sie nach dem Rahmen griff, und ihre Augen glänzten vor unvergossenen Tränen. »Mein tapferes Mädchen! Vielen Dank, aber ich kann es nicht mitnehmen.« Sie drückte einen Kuss auf das Foto und gab es Miranda zurück. »Bewahre es für mich auf. Eines Tages werden wir alle wieder zusammen sein, aber jetzt noch nicht.«

»Ach, Maman!« Miranda schlang die Arme um ihre Mutter. »Ich weiß nicht, was ich ohne dich machen soll!«

»Du wirst wunderbar zurechtkommen, ma chère, ganz sicher.«

Sie hielten einander im Arm und weinten gemeinsam, doch sie fuhren auseinander, als Miss Sharkey mit dem Teetablett hereinplatzte.

Jeanne drehte sich um und setzte ein Lächeln auf. »Wie freundlich von Ihnen, Edith. Es tut mir so leid, dass wir Ihnen solche Umstände machen.«

Miss Sharkey strahlte sie an und stellte das Tablett auf einen Tisch am Fenster. »Sie sind mir mehr als herzlich willkommen, Jeanne. Und wenn Sie beide hier übernachten möchten, dann lüfte ich die Betten in den Gästezimmern. Ich habe so selten Besuch, ein wenig Gesellschaft wäre eine schöne Abwechslung.« Sie blickte zu der überladenen Chiffonier-Kommode, über der ein verblasstes Foto an der Wand hing. Ein junger Mann schaute ernst aus dem vergoldeten Rahmen, er hielt seine Schirmmütze in der Hand und hatte ein Offiziersstöckchen unter den Arm geklemmt. »Die Dinge sähen anders aus, wenn Lionel nicht damals in der Dritten Flandernschlacht gefallen wäre. Und nun herrscht schon wieder Krieg. Es ist so traurig.« Sie setzte sich und goss Tee in zierliche Porzellantassen. »Was werden Sie jetzt tun?«

Jeanne warf Miranda einen warnenden Blick zu. »Ich gehe auf eine Fortbildung, und Miranda verbringt den Sommer bei ihren Großeltern in Dorset.«

Miranda sagte nichts. Sie liebte ihre Großeltern, aber sie wollte London auf keinen Fall verlassen und den Rest des Krieges auf dem Land verbringen. Wenn Maman tapfer etwas zu den Kriegsanstrengungen beitragen konnte, dann könnte sie das vielleicht auch. Eines war sicher: Sie würde sich nicht damit zufriedengeben, den ganzen Tag lang faul am Strand zu liegen. Es musste etwas geben, das sie für König und Vaterland tun könnte.

Als Miranda aus dem Zug stieg, bemerkte sie, dass der Krieg seine tödlichen Tentakel noch weiter ausgestreckt hatte, als ihr bewusst gewesen war. Obwohl ihre Mutter davon überzeugt war, dass Weymouth ein viel sicherer Ort sei als London, waren die hübschen Gästehäuser, die in akkuraten Reihen an den Bahnhof angrenzten, hinter Sandsäcken verschanzt, und ihre Fenster abgeklebt, um bei einem Bombentreffer herumfliegende Glassplitter zu vermeiden. Die Kindheitserinnerungen an lange, heiße Sommer, goldenen Sand, sanft ans Ufer schwappende Wellen, Puppentheater und Eisverkäufer verblassten zusehends, während ihre Mitreisenden an ihr vorbei auf die Absperrungen zueilten, ihre Fahrkarten fest in der Hand und die Schachteln mit den Gasmasken über der Schulter.

Der Zug war voller Männer und Frauen in Uniform gewesen, und der Zigarettenrauch hing noch immer in Mirandas Kleidern und Haaren. Sie hatte eine Ausgabe der Times gelesen, die jemand beim Aussteigen in Bournemouth auf dem Sitz hatte liegen lassen, und plötzlich war der Krieg in Europa unangenehm nahe gerückt. Die Nachricht, dass die deutschen Truppen durch Frankreich marschiert waren, um die Kanalinseln zu besetzen, und dass die Wehrmacht nur noch einen Katzensprung von England entfernt war, ließ die Bedrohung einer Invasion erschreckend real erscheinen.

Miranda blickte den Bahnsteig entlang, aber nirgendwo war ein Gepäckträger zu sehen, der ihr mit ihren schweren Koffern hätte helfen können. Als sie schließlich die Bahnhofshalle erreichte, war diese voller bleicher Frauen, die sich mit müden und quengeligen Kindern abplagten. Einen entsetzlichen Augenblick lang glaubte Miranda, die Deutschen seien an der Küste gelandet und die Stadt werde evakuiert. Aber dann schnappte sie einige Gesprächsfetzen auf und erkannte, dass es sich um Evakuierte von den Kanalinseln handelte. Ihr wurde noch einmal deutlich vor Augen geführt, was Krieg den Menschen antun konnte, und ihr fiel auf, was für ein Glück sie doch hatte, weil sie auf dem Weg zu ihren Großeltern war, die sie herzlich willkommen heißen würden.

Sie verließ den Bahnhof, aber das Auto ihres Großvaters war nirgendwo zu sehen, und am Taxistand warteten keine Droschken. Sie stellte ihre Koffer ab und fragte sich, ob Granny und Grandpa sie vielleicht vergessen hätten. Es war gut möglich, dass sie sich in Mirandas Ankunftszeit geirrt hätten, denn Granny war schrecklich zerstreut, und bestimmt würden sie jeden Augenblick hier auftauchen und sich tausendmal entschuldigen. Miranda beschloss, noch eine Weile zu warten, bevor sie eine Telefonzelle suchen würde. Sie zog ihren Strohhut noch etwas tiefer ins Gesicht, um ihre Augen vor dem hellen Sonnenlicht abzuschirmen, und übte sich in Geduld.

Die Menge verlief sich, und noch immer war keine Spur von dem alten Bentley zu sehen, den Grandpa George fast genauso sehr liebte wie seine Frau. Granny hatte sich nie die Mühe gemacht, Fahrstunden zu nehmen. Aber selbst, wenn sie gewollt hätte, bezweifelte Miranda, dass Grandpa seiner Gattin erlaubt hätte, sich hinter das Steuer seines kostbaren Wagens zu setzen. Miranda wartete noch eine Weile, doch langsam wurde sie unruhig. Wenn Onkel Jack zu Hause gewesen wäre, dann hätte er sie in seinem schwarz-gelben Sportwagen namens Chloe abholen können. Aber er hatte mit der Familientradition gebrochen und sich nicht der Armee, sondern der Royal Air Force angeschlossen. Bisher hatte Miranda noch nicht darüber nachgedacht, aber ohne Jack im Haus wäre es sicher schrecklich langweilig, und er hätte sie niemals hier allein stehen lassen wie bestellt und nicht abgeholt, wortwörtlich zu nehmen. Nun, da ihr Haus in Trümmern lag und ihre Eltern beide auf ihre Weise den Deutschen in diesem Krieg die Stirn boten, ging Miranda auf, dass sie genauso ein Flüchtling war wie die armen Bewohner der Kanalinseln.

Plötzlich und unerwartet überkam sie eine Woge von Heimweh, und Miranda musste sich über die Augen wischen, um die verräterischen Tränen zu beseitigen. Sie schniefte und suchte in ihrer Tasche nach einem Taschentuch, doch sie musste mit einem resignierten Seufzen feststellen, dass die alle unter den Ruinen des Hauses Linden Avenue 27 verschüttet waren. Es war lächerlich: An Weihnachten würde sie zwanzig. Sie war alt genug, um zu heiraten, auch wenn sie offiziell noch als minderjährig galt, und doch stand sie hier und heulte wie ein Baby.

»Was ist los mit dir, Herzchen?«, fragte eine fröhliche Stimme.

Miranda drehte sich um und sah ein dürres Mädchen ungefähr in ihrem Alter. »Nichts. Ich habe etwas ins Auge bekommen.«

Das Mädchen zog ein schmuddeliges Taschentuch aus ihrer Rocktasche und reichte es Miranda. »Oje, tja, kenn ich. Tut ganz schön weh, was?«

Miranda wollte nicht undankbar erscheinen, also nahm sie das Tuch und tupfte sich damit über die Wangen. »Danke.« Sie warf einen Blick auf die abgetragene Kleidung des Mädchens und ihren ramponierten Kartonkoffer. »Holt dich jemand ab?«

»Ich weiß nicht. Eigentlich sollte jemand kommen, aber so wie es aussieht, bin ich auch vergessen worden.« Sie klopfte Miranda auf die Schulter. »Ich bin Rita Platt aus Stepney. Und du?«

»Miranda Beddoes. Ich komme auch aus London, aber ich verbringe den Sommer hier bei meinen Großeltern.«

»Ich soll bei irgendeiner alten Schachtel wohnen, die ich kaum kenne, und das alles nur wegen diesem verdammten Hitler.« Ritas graue Augen füllten sich mit Tränen, und ihre Unterlippe zitterte. »Mum und ich, wir waren immer allein, bis sie krank wurde. Ein Blinddarmdurchbruch, haben sie gesagt. Aber ich glaube, die Munitionsfabrik ist schuld. Ich wette, die haben sie da mit ihren Chemikalien vergiftet. Jedenfalls hat sie es nicht mehr lange gemacht, und meine Grandma ist plemplem. Die haben sie ins Irrenhaus in der Barley Lane gesteckt, und jetzt bin ich ganz allein.«

»Oje, wie schrecklich. Das tut mir leid.« Miranda trat von einem Fuß auf den anderen und wusste nicht recht, was sie sagen sollte. »Hast du keine anderen Verwandten, bei denen du wohnen kannst?«

Rita warf den Kopf zurück und lachte, aber es war kein fröhliches Lachen. »Ich hab niemanden, Herzchen. Außer dieser alten Schachtel, für die meine Mum früher geputzt hat, bevor sie aus London in dieses schreckliche Kaff hier gezogen ist. Ich wollte ja in unserer Wohnung bleiben und meine Arbeit in der Fish-and-Chips-Bude behalten, aber der Vermieter hat mich rausgeworfen. Hat gesagt, ich wär minderjährig und dürfte nicht allein mieten.«

»Weißt du denn, wo du hinmusst?«

»Irgendjemand sollte mich abholen. Vielleicht hat die Alte ihre Meinung geändert und möchte doch keine Umstände.«

»Oder sie ist aufgehalten worden. Mich sollte mein Großvater abholen, und er ist auch noch nicht da.«

Rita verzog das Gesicht. »Na, ich steh hier jedenfalls nicht den ganzen Tag dumm rum. Ich suche mir einen Polizisten, dann sollen die mich im Streifenwagen zu dem alten Besen bringen. Außer, die hat vielleicht ins Gras gebissen. Das wäre dann wieder mein typisches Glück.«

Miranda vergaß ihr Selbstmitleid. Rita war in einer noch größeren Misere als sie. Sie legte ihr eine Hand auf die knochige Schulter. »Warum kommst du nicht mit zu mir? Grandpa ist Magistrat. Er ist Friedensrichter«, fügte sie hinzu, als sie Ritas verständnislosen Blick bemerkte. »Er wird wissen, was zu tun ist. Vielleicht kennt er sogar die Dame, die dich aufnehmen soll. Er kennt so gut wie jeden hier in der Stadt.«

»Sicher nicht so schwer.« Rita blickte sich mit einem zynischen Grinsen um. »Möwen und Sand, mehr gibt’s hier nicht. Sobald ich genug Geld gespart habe, fahre ich zurück nach London.«

»Wirklich?« Miranda blickte sie überrascht an. »Aber du kannst nicht viel älter sein als ich. Wie willst du allein zurechtkommen?«

»Ich bin neunzehn, und ich bin vor vier Jahren von der Schule abgegangen. Ich war’s leid, dass die meinen Kopf mit lauter nutzlosem Zeug vollstopfen wollten. Ich werde Pin-up-Girl, und meine Fotos sind dann in allen Zeitschriften zu sehen. Genau das habe ich vor, sonst nichts.«

Miranda sah sie nachdenklich an. Rita war auf eine offensichtliche Weise hübsch, aber sie hatte eine Figur wie ein Bügelbrett. »Ich glaube, wir sollten zu Fuß gehen«, schlug sie vor, um das Thema zu wechseln. »Es sind nur zwei oder drei Meilen.«

»Was? So weit kann ich nicht laufen. Nicht mit diesem schweren Koffer, das geht nicht.«

Miranda hatte gar nicht an ihr schweres Gepäck gedacht und fand, dass Rita recht hätte. Verzweifelt blickte sie sich um und entdeckte ein bekanntes Gesicht. Tommy Toop hatte als Kind hin und wieder Botengänge für ihre Großmutter erledigt, noch öfter jedoch hatte er sich vor ihrem Großvater vor dem Friedensgericht wiedergefunden. Er musste jetzt mindestens zwanzig sein, aber er wirkte immer noch wie ein grüner Junge mit einem Kopf, viel zu groß für seinen Körper, und großen, abstehenden Ohren. Er hatte sie immer fasziniert, was vor allem daran lag, dass sie nichts mit ihm zu tun haben durfte. Die Toops waren berüchtigt, weil sie stets Unruhe stifteten und Ärger machten. Der Vater war Trinker, und er und seine beiden ältesten Söhne verbrachten mehr Zeit im Gefängnis als außerhalb. Die arme Mrs. Toop, ein geknechtetes Mäuschen von einer Frau, schrubbte sich als Putzfrau und Tellerwäscherin im örtlichen Pub die Finger wund. Tommy kam zweifellos ganz nach seinem Vater, aber er besaß einen klapprig wirkenden Handkarren und bot offensichtlich seine Dienste an. Immer mehr Zeit verstrich, und Miranda war inzwischen davon überzeugt, dass ihre Großeltern sie vergessen hatten. Die Entscheidung war einfach. Sie hob die Hand und winkte. »Tommy! Tommy Toop, hier drüben!«

Zweites Kapitel

Ungefähr auf der Hälfte der Uferstraße sprang eines der ungleichen Wagenräder von der Achse. Es rollte schnurstracks in den mit Wasser gefüllten Graben, mit dem die Salzwiesen trockengelegt wurden. Miranda hatte mittlerweile schmerzhafte Blasen an den Fersen und obendrein Kopfschmerzen. Die Sonne brannte aus dem wolkenlosen Himmel auf sie herab, und sie nahm den Strohhut ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. »Ich habe mir gleich gedacht, dass dieses klapprige Gefährt keine drei Koffer aushält«, sagte sie, während sie sich mit einem entnervten Seufzen den Hut wieder auf den Kopf setzte.

»Was hast du für verflixte zwei Pence denn erwartet?« Mit einem finsteren Seitenblick ließ sich Tommy auf den Grünstreifen fallen.

»Steh auf, du Faulpelz!« Rita stieß ihn mit der Schuhspitze an. »Bring das Rad wieder an, und dann weiter! Ich kriege schon Sommersprossen auf der Nase, und das ist nicht gut für meine Karriere.«

Tommy zuckte mit den Schultern. »Ich kann’s nicht wieder anbringen. Hab kein Werkzeug.« Trotz seiner Sonnenbräune wirkte er blass, und er sah so aus, als könnte der kleinste Windstoß ihn umwehen. Plötzlich tat er Miranda leid. Sie sah Rita missbilligend an und schüttelte den Kopf. »Treten nützt da auch nichts.« Sie beugte sich zu Tommy hinunter und klopfte ihm auf die Schulter. »Na, komm, Tommy. Wir sind schon fast da. Du kannst doch jetzt nicht aufgeben.«

»Ich werde hier ganz knusprig gebraten«, beschwerte sich Rita. »Meine Nase wird jede Sekunde röter und röter.«

Miranda riss sich den Strohhut vom Kopf und drückte ihn Rita in die Hand. »Hier, setz den auf und hör auf zu jammern! Eine große Hilfe bist du nicht gerade.« Sie schirmte die Augen mit der Hand ab und blinzelte in die Ferne, wo sich die Straße vor ihnen in einer gerade Linie erstreckte wie ein Bleistiftstrich in einem Kindermalbuch. Mit den Salzwiesen und dem Schilf zu ihrer Linken und dem Meer auf der anderen Seite der Uferbefestigung befanden sie sich in einem Niemandsland aus Staub und Hitze. In die frische, salzige Seeluft mischte sich der Geruch von verrottenden Pflanzen und warmem Schlick, der aus den Salzwiesen aufstieg. Das alles war Miranda auf schmerzliche Weise vertraut. Doch die Verteidigungsanlagen aus Gerüsten und Stacheldraht, die es unmöglich machten, über die Mauer zu klettern oder an ihr entlangzulaufen und die Aussicht auf die Bucht zu genießen, waren ein Schock für sie. Die einzigen Geräusche, die sie hörte, waren die klagenden Schreie der Möwen, die über ihnen kreisten, und die Wellen, die sanft an den Kieseln am Ufer leckten.

»Ihr habt meinen Karren kaputt gemacht«, beschwerte sich Tommy, während er mühsam wieder auf die Beine kam. »Ich hätte sechs Pence verlangen sollen für den Ärger, den ihr mir macht.«

»Ach, halt den Mund, du Nichtsnutz!« Rita blickte die menschenleere Straße auf und ab und verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. »Gibt es in diesem gottverlassenen Nest keine Busse? Uns hat noch gar nichts überholt, seit wir auf dem Weg nach Nirgendwo sind.«

»Das Benzin ist rationiert«, erklärte Miranda streng. »Das müsstest du doch wissen, Rita.«

»Oh, Verzeihung, Miss, da habe ich wohl in der Schule nicht aufgepasst. Wo ich herkomme, können wir uns kein Auto leisten.«

Miranda sah ein, dass es keinen Sinn hatte, mit ihren beiden Begleitern zu streiten. »Ich gehe zu Elzevir Shipways Haus. Vielleicht kann er uns auf seinem Wagen mitnehmen.«

»Wer ist denn das?« Rita legte den Kopf schief wie ein neugieriges Rotkehlchen. »So einen dämlichen Namen habe ich ja noch nie gehört!«

»Nicht nötig, ihn zu belästigen.« Tommy sprang auf. »Ich reparier das Rad.« Er kraxelte die Böschung hinunter in den Graben, wo er in dem knietiefen, modrigen Wasser herumplanschte, bis er gefunden hatte, was er suchte. Er stieg wieder hinauf und grummelte die ganze Zeit vor sich hin, während er versuchte, das Rad anzubringen, indem er mit einem kleinen Stein darauf einhämmerte.

»So wird das nichts!« Rita schubste ihn beiseite und verpasste dem Rad einen Tritt.

»He, mach das nicht!«, protestierte Tommy.

»Hat doch funktioniert, oder nicht?« Grinsend trat Rita einen Schritt zurück. Das Rad blieb auf der Nabe, wie um ihre Worte zu bestätigen.

»Das hält nie im Leben«, brummte Tommy und warf den Stein zurück in das schlammige Wasser.

Miranda beschloss, dass Kommando zu übernehmen. Sie kam sich schon vor wie eine Lehrerin, die sich mit ein paar zankenden Kindern herumschlagen musste. »Das wissen wir nicht, solange wir es nicht ausprobieren«, erklärte sie streng. »Außerdem kannst du uns nicht hier sitzen lassen, Tommy. Ich habe dich dafür bezahlt, uns nach Highcliffe House zu bringen, und so hat's dann auch zu sein!«

Er packte den Griff und hob ihn an, doch kaum hatte er den Karren ein paar Meter geschoben, wackelte das Rad und fiel wieder ab. Das Gepäck rutschte auf den Boden, und Rita kreischte erbost auf, als die rostigen Schlösser ihres Koffers aufsprangen und sich der Inhalt auf der Straße verteilte.

»Verdammter Mist!«, rief sie, während sie herumkrabbelte und ihre Siebensachen wieder einsammelte. »Hilf uns mal, du Dummkopf!«

Tommys Gesicht wurde noch röter, als es ohnehin schon war, und er warf ihr einen finsteren Blick zu. »Halt du bloß den Mund!«

Er erinnerte Miranda so sehr an einen wütenden Kobold, dass sie sich das Lachen verkneifen musste. Viel hätte nicht gefehlt, und sie hätte haltlos losgekichert, aber sie bekam sich wieder unter Kontrolle. Ihr war heiß, sie hatte Durst, und am liebsten wäre sie einfach weitergegangen und hätte die beiden Streithähne sich selbst überlassen. Aber sie konnte wohl kaum ihre beiden Koffer einfach mitten auf der Straße liegen lassen, und sie waren viel zu schwer, um sie weit zu tragen. »Es hat keinen Zweck. Ich werde Elzevir um Hilfe bitten müssen.« Sie deutete auf ein Häuschen, das allein am Rand der Marsch stand: ein baufälliges einstöckiges Gebäude mit zwei großen Schornsteinen, die wie Hasenohren von beiden Seiten des Wellblechdaches abstanden. Elzevir Shipways Hauptaufgabe war es, zweimal täglich die Schleusentore zu öffnen, um das Wasser aus den Salzwiesen abzulassen. Sein mageres Einkommen besserte er mit allerlei Gelegenheitsarbeiten und dem Verkauf von Feuerholz auf. Er wohnte mit seiner Schwester Annie zusammen, einer alten Jungfer, die als Haushaltshilfe auf Highcliffe House arbeitete, seit Miranda zurückdenken konnte.

»Ohne mich!«, verkündete Tommy ärgerlich. »Mit dem alten Elzevir will ich nichts zu tun haben. ›Evil-Eye‹ nennen den hier alle.« Er drehte seinen Karren am Griff herum und schob ihn zurück in Richtung Stadt, wobei er ihn vorsichtig auf drei Rädern balancierte.

Rita stopfte die letzte Socke zurück in den Koffer, schloss den Deckel und setzte sich darauf. »Was hat er denn?«

»Er hat Angst vor Elzevir. Vor Jahren haben er und die anderen Jungs aus dem Ort ihn beleidigt und ihm mit Steinen die Fensterscheiben eingeworfen. Ich konnte vom Garten meiner Großeltern aus hören, wie er sie angebrüllt hat, und wenn er einen von ihnen erwischte, gab es was hinter die Ohren. Er ist ein riesiger Kerl, und ich würde mich jedenfalls nicht mit ihm anlegen. Andererseits ist seine Kraft genau das, was wir jetzt brauchen. Ich schaue mal, ob er zu Hause ist. Du wartest hier.«

»Was soll ich auch sonst machen?«, erwiderte Rita düster. »Die verdammten Schlösser sind hin.«

Miranda runzelte die Stirn. »Ähm, wenn du meine Großeltern kennenlernst, solltest du vielleicht mehr auf deine Ausdrucksweise achten. Sie sind ein wenig altmodisch, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Hochnäsig meinst du wohl.« Rita verzog das Gesicht. »Keine Sorge, Herzchen. Wenn ich will, kann ich mich wie eine Dame benehmen.«

Darauf wusste Miranda keine Antwort, also machte sie sich auf den Weg zu Elzevir Shipways Haus. Der Weg, der mit Großvaters Auto keine zehn Minuten gedauert hätte, wurde zum beschwerlichen Fußmarsch, und als sie an die Tür klopfte und keine Antwort erhielt, überkam sie Verzweiflung. Sie kehrte zu Rita zurück, die immer noch auf ihrem Koffer saß.

»Er ist nicht da«, berichtete Miranda ihr. »Also müssen wir wohl laufen. Von hier ist es nur noch ungefähr eine halbe Meile.«

Rita sah sie mitleidig an. »Und wie soll ich deiner Meinung nach den hier tragen? Er geht nicht zu, und ich habe nichts, womit ich ihn zubinden könnte. Wir müssen auf einen Bus warten.«

»Ich weiß nicht mal, ob zurzeit überhaupt Busse auf dieser Strecke fahren. Wir müssen unser Gepäck hier stehen lassen und später jemanden schicken, um es zu holen.«

»Was?« Ritas Stimme überschlug sich vor Empörung. »Damit irgendein Gauner vorbeikommt und alles klaut? Das ist alles, was ich noch habe auf der Welt!«

»Das klaut bestimmt niemand.« Miranda bemühte sich, ruhig zu klingen. »Wenn wir die Koffer schön auf dem Grünstreifen aufstapeln, kann mein Großvater sie nachher abholen.«

»Ich rühr mich nicht vom Fleck. Du bist vielleicht so vertrauensselig, aber ich nicht. Ich bleibe hier so lange sitzen, bis mich jemand rettet.«

Miranda wollte gerade erwidern, dass sie dann möglicherweise sehr lange warten müsste, als wie durch ein Wunder aus Richtung Stadt das Motorengeräusch eines Autos zu hören war. Miranda sprang auf die Straße und winkte hektisch, während der Wagen mit beängstigender Geschwindigkeit heranraste. Mit quietschenden Bremsen und in einer Staubwolke, die nach heißem Gummi roch, kam das Auto zum Stehen.

Ein junger Mann in der Uniform der Royal Air Force sprang vom Fahrersitz, das Gesicht kreidebleich. »Himmel noch eins, was denken Sie sich denn? Hier mitten auf der Straße herumzuhüpfen wie ein kopfloses Huhn? Sie hätten überfahren werden können!«

Rita sprang auf. »Nur die Ruhe, Meister! Immerhin sind Sie ja gefahren wie ein Henker.«

Er blickte von einer zur anderen, und plötzlich wich sein ärgerlicher Gesichtsausdruck einem Lächeln. »Nicht zu leugnen, stimmt.« Sein Blick blieb an Miranda hängen und wurde wieder ernst. »Geht es Ihnen gut? Sie werden mir doch nicht in Ohnmacht fallen?«

Miranda schüttelte den Kopf. Ihr war ein wenig übel und schwindelig, aber das würde sie nicht zugeben, und auch nicht, dass ihre Aktion gerade sehr leichtsinnig gewesen war. »Es geht mir gut, danke. Aber wir brauchen Hilfe.«

Er blickte auf den beschädigten Koffer und auf Mirandas leicht zerbeulte, aber teure Lederkoffer hinab und nickte. »Das sehe ich. Wohin soll es denn gehen, die Damen?«

Miranda deutete auf den Hügel am anderen Ende der Straße. »Highcliffe House. Es ist nicht sehr weit, aber mit den Koffern schaffen wir das nicht.«

»Das ist doch das Haus von Major Beddoes, richtig?«, sagte er mit einem Stirnrunzeln.

»Ja. Das ist mein Großvater.« Miranda bemerkte, wie sich die Haltung des Offiziers ein wenig veränderte, aber ihr Großvater trat mit seiner recht unverblümten Art häufig Leuten auf die Füße. Sie erwiderte seinen Blick, hob entschlossen das Kinn und streckte die Hand aus. »Miranda Beddoes, freut mich sehr.«

»Raif Carstairs, angenehm.« Er schien seine ablehnende Haltung aufzugeben und schüttelte ihr die Hand mit dem Anflug eines Lächelns. »Ich kann Sie mitnehmen, wenn es Ihnen nicht zu eng wird.«

»Meine Mum hat mir strengstens verboten, mit fremden Männern mitzufahren«, erwiderte Rita kokett und grinste.

Er schlug die Hacken zusammen und salutierte. »Flight Lieutenant Raif Carstairs, angenehm.«

Mit einem noch breiteren Grinsen ergriff Rita seine Hand und schwang sie auf und ab wie einen Pumpenschwengel. »Rita Platt, sehr erfreut, Sie kennenzulernen. Vielen Dank für das Angebot, Mister.«

Ohne auf eine zweite Aufforderung zu warten, kletterte sie auf den Beifahrersitz. »Spring rein, Miranda. Hier ist Platz für uns beide, wir sind doch schlank.«

Miranda zögerte. »Aber da ist kein Platz mehr für unser Gepäck.«

»Das lassen wir in Shipways Garten stehen«, erklärte Raif entschieden. »Dort ist es sicher. Niemand wird sich trauen, etwas von ihm zu stehlen.« Er brachte die Koffer einen nach dem anderen in dem kleinen Vorgarten hinter einem ziemlich heruntergekommenen Lattenzaun in Sicherheit.

»Dieser Evil-Eye-Kerl scheint mir ja einer zu sein.« Rita klopfte auf den Sitz neben sich. »Na los, Miranda. Worauf wartest du? Soll sich doch der Märchenprinz um das Gepäck kümmern. Wir beide reisen stilvoll.«

Miranda zögerte. Einerseits wollte sie so schnell wie möglich bei ihren Großeltern ankommen, andererseits war es ihr unangenehm, sich neben Rita in das Auto zu quetschen. Flight Lieutenant Raif Carstairs musste sie für zwei alberne Schulmädchen halten. Es war gelinde gesagt demütigend, und sie wollte gar nicht daran denken, was Grandpa George sagen würde, wenn er erführe, dass sie Leib und Leben riskiert hatte, um das heranrasende Auto anzuhalten.

»Er ist in Ordnung«, meinte Rita und reckte den Hals, um Raif besser sehen zu können. »Meinst du, er geht mal mit mir aus?«

Miranda spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Ihr war nicht entgangen, dass Raif Carstairs in seiner schicken blauen Uniform, schlank und athletisch wie er war, eine ziemlich schneidige Figur machte. Er war recht gut aussehend, auch wenn sie ihn nicht hübsch genannt hätte, aber er wusste offenkundig zu beeindrucken. Sie quetschte sich neben Rita auf den Sitz. »Er würde dich kein zweites Mal angucken, Rita Platt.«

»Wollen wir wetten?«, erwiderte Rita mit einem gespielten amerikanischen Akzent.

»Rück mal rüber, bitte.« Miranda stupste sie vorsichtig in die Seite. »Der Türgriff drückt mich.«

»Aber gern. Dann habe ich eine Ausrede, um mich an den hübschen Kerl zu kuscheln.«

Miranda antwortete nicht. Die ganze Fahrt über war sie sehr still und schämte sich schrecklich, während sie versuchte, Ritas Flirtversuche nicht zu beachten. Zum Glück war es eine sehr kurze Fahrt. Raif ließ sie am Tor aussteigen und fuhr mit einem fröhlichen Winken davon.

Rita bemerkte Mirandas skeptischen Blick und kicherte amüsiert. »Wenn es zwölf schlägt, bleibt dein Gesicht so stehen!« Sie hielt inne und umklammerte mit einem gequälten Blick den Torpfosten. »Oh, verdammt, ich brauche dringend ein Klo, oder ich mach mich nass.«

Miranda öffnete das Gartentor und wünschte sich, sie hätte sich Rita Platts nicht erbarmt. Sie deutete auf eines der Nebengebäude hinter dem Haus. »Die Gärtnertoilette ist die mit der blauen Tür. Wenn du fertig bist, warte dort auf mich, ich hole dich ab.«

Rita rannte den Pfad aus rissigen roten Backsteinen entlang, als wäre der Teufel hinter ihr her. Miranda folgte ihr etwas langsamer. Als sie aus dem Schatten des überhängenden Goldregens und der Tamariske heraustrat, entdeckte sie ihre Großmutter, die in einem Blumenbeet kniete und Unkraut jätete. Sie rannte auf sie zu. »Granny! Hallo, hier bin ich!«

Mühsam kam Maggie Beddoes auf die Beine und versuchte, ihren Rock aus den Dornen eines Rosenbusches zu befreien. »Miranda, mein Mädchen! Wir haben dich erst morgen erwartet.«

»Maman hat Grandpa gesagt, dass ich heute mit dem Elf-Uhr-Fünfundvierzig-Zug ankomme. Freitag, der Einundzwanzigste.«

»Nun, Liebes, eben. Morgen ist der Einundzwanzigste. Oder nicht?« Maggie sah sie entsetzt an. »Oh, sapperlot! Ich glaube, ich habe mit der falschen Brille auf den Kalender geschaut. Oder vielleicht habe ich vergessen, den Monat umzublättern. Das passiert mir öfter.« Sie ließ das Tuch fallen, das sie in der Hand gehalten hatte, und umarmte Miranda.

Lachend wandte sich Miranda ab, als die Gartenschere in Maggies Schürzentasche sie aufzuspießen drohte. »Das macht nichts. Jetzt bin ich ja da. Es gibt nur ein kleines Problem mit meinem Gepäck. Tommy Toops Karren hat ein Rad verloren, und ich musste meine Koffer im Vorgarten der Shipways lassen.«

»Ach, mein armes Mädchen, das tut mir so leid! Was hast du bloß gedacht, als niemand da war, um dich vom Bahnhof abzuholen? Und du musst schrecklich erschöpft sein nach dem langen Weg in dieser Hitze!«

»Ein netter junger Mann von der Air Force hat uns mitgenommen.«

»Mitgenommen? Du bist bei einem fremden Mann ins Auto gestiegen? Oh mein Gott, das ist alles meine Schuld!«

»Nein, wirklich, er hat sich sehr höflich vorgestellt. Er hat gesagt, sein Name sei Raif Carstairs.«

Maggie zog missbilligend die Augenbrauen zusammen. »Du hättest anrufen sollen, dann hätten wir dich abgeholt. Fahr niemals mit Fremden mit!«

Miranda sah ihre Großmutter erstaunt an. Normalerweise war sie recht unbekümmert, aber jetzt schien sie wirklich besorgt. »Aber, Granny, er hat sich zu benehmen gewusst, ein sicher ganz und gar anständiger Mensch, glaub mir.«

»Wenn schon! Er hätte ein Spion sein können. Oder einer von Hitlers fünfter Kolonne. Abgesehen davon haben wir mit dieser Familie nichts zu schaffen.« Maggie wischte sich die Hände an der Schürze ab und hinterließ zwei schmutzige Streifen auf dem groben Stoff. »Und was Tommy angeht, der elende Junge wird eines Tages noch im Gefängnis landen, genau wie sein Vater. Oder er macht ein Vermögen und kauft hier alles auf. Seine Mutter tut mir jedenfalls leid. Die Arme versucht alles, um die Familie auf dem Pfad der Tugend zu halten.« Sie nahm Mirandas Hand. »Komm rein und trink ein Glas von meiner hausgemachten Limonade. Ich habe auch Kuchen gebacken.«

Miranda lächelte. Sie erinnerte sich nur zu gut an die kulinarischen Genüsse aus der Hand ihrer Großmutter. Sie waren unvergesslich – und zwar nicht im positiven Sinne. Granny war eine miserable Köchin, aber niemand wagte, es ihr zu sagen, und so hatte sich Miranda schon von klein auf in der Kunst, höflich zu lügen, geübt. »Das wäre wunderbar, Granny. Aber was wird aus dem Gepäck?«

»Keine Sorge, mein Schatz, das soll Annie holen. Sie ist stark wie ein Ochse, genau wie ihr Bruder, aber Gott sei Dank ist ihre Ausdrucksweise nicht ganz so bildreich.« Sie hob das Handtuch wieder auf und zog Miranda durch das Gewirr von Rosensträuchern und wucherndem Brombeergestrüpp hinter sich her, wobei sie ihre Gartenschere schwang wie ein Forscher, der sich mit einer Machete seinen Weg durch den Dschungel bahnte.

Als sie aus dem Dickicht traten und Highcliffe ins Blickfeld kam, überkam Miranda Zuneigung zu diesem exzentrischen Beispiel neogotischer Architektur. Eigentlich war das Haus hässlich. Daran änderten weder die Veranda, die verschnörkeltes schmiedeeisernes Geländer einfasste, noch die quadratischen Erkerfenster etwas, auch nicht, dass ein Turm mit kegelförmigem Dach über einem Ausguck es krönte, obwohl dieser umlaufende Balkon eine herrliche Aussicht bot. Das Haus sah gerade wegen dieses Turms stets so aus, als wollte es sich von der Klippe stürzen, um vor seiner eigenen Hässlichkeit zu fliehen. Miranda wusste natürlich, dass das eine optische Täuschung war. Obwohl ein Teil der Felsen während eines schrecklichen Wintersturms im späten neunzehnten Jahrhundert, kurz nachdem das Haus errichtet worden war, abgebrochen und ins Meer gestürzt war, war immer noch genug Land übrig, sodass das Haus auch noch die nächsten hundert Jahre sicher auf seinem Platz auf den Klippen stehen würde. Zumindest hatte ihr Großvater ihr das in beruhigendem Tonfall versichert. Als kleines Kind hatte sie oft Albträume gehabt, in denen die Wände ihres Zimmers plötzlich verschwanden und sie mit ihrem Bettgestell aus Messing über die Wellen flog. Zum Glück war sie immer aufgewacht, bevor das Bett auf dem Wasser aufschlagen war.

Maggie ließ ihre Hand los und eilte voraus, doch bei den Nebengebäuden blieb sie mit einem erschreckten Aufschrei stehen: Rita kam laut kreischend aus der Gärtnertoilette gestürzt. Sie war blass und zitterte, aber ihre Augen blitzten wütend.

Sie marschierte auf Maggie zu und hielt drohend einen Finger in die Höhe. »Was ist das hier für ein Ort, Missis? Sie haben Ratten auf Ihrem Klo, die sind so groß wie Tiger!«

Maggie richtete sich erbost zu ihren vollen eins zweiundsechzig auf. »Zigeuner!«, rief sie und zeigte auf Rita. »George!« Ihre Stimme schraubte sich zu einem Kreischen empor. »Zigeuner! Sie sind schon wieder hinter unseren Hühnern her! Komm schnell!«

»Nein, Granny«, berichtigte Miranda ruhig, »Rita ist keine Zigeunerin, und sie hat nicht vor, deine Hühner zu stehlen, und auch sonst nichts.«

»Sie sieht aus wie eine Zigeunerin. Ich habe schon ein paar meiner besten Legehennen an diese Vagabunden verloren, die hier in der Nähe lagern.« Maggie beäugte Rita misstrauisch. »Wer ist das, und was macht diese Person hier?«

Rita stemmte die Fäuste in die Hüften. »Passen Sie besser mal auf, was Sie so sagen, Missis. Ich bin keine Landstreicherin oder so was. Ich bin aus London evakuiert worden, und jetzt bin ich hier in einem Irrenhaus voller Kanalratten gelandet.« Sie kreischte laut auf, als eine graue Katze an ihr vorbeischoss.

Miranda bückte sich und nahm das Tier auf den Arm. »Ist das die Ratte, Rita?«

»Weiß nicht. Kann sein«, schmollte Rita. »Hab nur zwei riesige, glühende Augen in der Dunkelheit gesehen. Und es war pelzig.«

»Das ist Dickens, und er sieht ja wohl nicht aus wie eine Ratte.« Maggie nahm Miranda den Kater ab und glättete sein zerzaustes Fell. »Das ist ein reinrassiger blauer Britisch Kurzhaar. Du musst das arme Dingelchen erschreckt haben.« Sie setzte ihn zurück auf den Boden, und er stolzierte mit einem beleidigten Zucken seiner Schwanzspitze davon.

»Nichts passiert.« Miranda seufzte erleichtert. »Er kommt sicher darüber hinweg.«

»Nichts passiert?!« Rita sah ungläubig von einer zur anderen. »Ich wäre da drinnen fast gestorben! Ihr seid ja alle verrückt. Ich wünschte, ich wäre in London geblieben. Auch wenn ich da das Risiko eingehe, in die Luft gejagt zu werden!«

»Du bist also evakuiert worden.« Maggie musterte sie von oben bis unten, und ihr Blick wurde milder. »Das tut mir leid, Kleines, aber warum bist du hier? Bist du sicher, dass du dich nicht in der Adresse geirrt hast?«

»Ich habe Rita mit hierhergebracht, Granny«, erklärte Miranda eilig. »Sie sollte bei einer Dame in Weymouth untergebracht werden, die Ritas verstorbene Mutter gekannt hat, aber am Bahnhof war niemand, um sie abzuholen. Ganz wie bei mir.«

»Dann komm mal besser rein, Rita. Wir rufen die Dame an und finden heraus, was schiefgelaufen ist.« Mit einem entnervten Seufzen strich sich Maggie eine silberne Haarsträhne hinters Ohr. »Nun, die Evakuierungen lassen organisatorisch wirklich zu wünschen übrig. Aber es ist schließlich Krieg, da ist alles anders – außer diesen elenden Zigeunern! Ich sollte mir wirklich einen Wachhund für meine Hühner anschaffen. Wo wir schon mal dabei sind, ich sollte nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Miranda, kümmere du dich um deine Freundin.« Sie verschwand um die Hausecke.

»Na komm, lass uns hineingehen«, sagte Miranda mit einem entschuldigenden Lächeln. »Ich würde mich gern ein wenig frisch machen, und du bestimmt auch.«

»Ist deine Großmutter immer so? Ich meine, sie wirkt ein bisschen ...« Rita zögerte und biss sich auf die Lippe. »Du weißt schon.«

»Sie ist ein Schatz, wenn man sie näher kennt, aber sie hat etwas gegen Zigeuner, seit ihr ein paar ihrer Hühner abhandengekommen sind. Grandpa glaubt zwar, der Fuchs hätte sie geholt, aber in der Nähe hatten Zigeuner ihr Lager, und offensichtlich werden sie immer für alles verantwortlich gemacht, was passiert.«

»Nur weil ich so aussehe wie eine von denen, bin ich noch lange nicht kriminell«, schmollte Rita. »Ihr habt damit kein Problem, mit euren riesigen Häusern und schicken Autos, aber manche Menschen leben eben in der wirklichen Welt. Meine Mum hat sich krummgearbeitet, um mich anständig großzuziehen.«

»Was ist mit deinem Vater?«

»Hab ich nie kennengelernt. Er hat sich auf und davon gemacht, kaum dass meine Mutter ihm gesagt hat, dass sie ein Kind kriegt. Ihre Familie hat sie rausgeschmissen und nie wieder ein Wort mit ihr geredet. Meine Großmutter hat irgendwann eingelenkt, aber die war ja auch verrückt.«

»Das muss ja schrecklich für deine Mutter gewesen sein.« Miranda führte Rita über einen schmalen, von süßlich duftenden Büschen gesäumten Pfad aus dem Garten. Bienen summten fröhlich, während sie Blütenstaub sammelten, und Heckenbraunellen schnellten aus den Blättern hervor wie aus einer Kuckucksuhr. Nichts schien sich hier an diesem zeitlosen Ort verändert zu haben, und Miranda konnte kaum glauben, dass der Krieg bis zu diesem friedlichen Hafen voller glücklicher Kindheitserinnerungen vorgedrungen sein sollte. Im Schatten war es kühl, aber die Hitze traf sie mit voller Wucht, als sie auf den Weg aus Mosaikpflaster hinter dem Haus trat. Eine weite Rasenfläche erstreckte sich bis zur Klippe; von der Klippe hatte man einen atemberaubenden Blick über die Bucht. Das Meer war türkisblau und verdunkelte sich zum Horizont hin zu einem tiefen Violettblau, doch der Anblick von Stacheldraht und Panzersperren am Strand unter ihnen erinnerten Miranda wieder an die Angst vor einer Invasion und den Konflikt, der jenseits des Kanals wütete.

»Los, komm schon, steh hier nicht rum«, verlangte Rita ungeduldig. »Du bist jetzt vielleicht zu Hause, aber ich weiß immer noch nicht, wo ich heute Nacht schlafen soll.«

»Mach dir keine Sorgen, es wird bestimmt alles gut.« Miranda blieb auf der Türschwelle stehen. Ritas Geschichte hatte sie tiefer berührt, als sie sich hatte vorstellen können. »Es muss eine schreckliche Zeit für deine Mutter gewesen sein. Wie hat sie das nur hinbekommen?«

»Eine alleinstehende Tante hat sie aufgenommen. Die hat auch auf mich aufgepasst, wenn Mum arbeiten ist. Aber dann ist Tante Doreen gestorben, und wir waren wieder allein. Und jetzt gibt es nur noch mich.«

Miranda hatte plötzlich einen Kloß im Hals und schluckte schwer. Rita hatte es im Leben sicher nicht leicht gehabt, und jetzt war sie ganz allein auf der Welt. Miranda wandte sich ab, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte, ohne banal oder gönnerhaft dabei zu klingen. »Komm rein, Rita, machen wir uns wieder hübsch.«

»Ich werd Pin-up-Girl, ganz sicher«, erklärte Rita, als sie ihr über die Schwelle folgte. »Und dann zeige ich allen, wozu Rita Platt fähig ist!«

»Ganz bestimmt.« Miranda betrat das Wohnzimmer, in dem es verglichen mit der sengenden Hitze draußen herrlich kühl war. Der Duft aus den Vasen voller Rosen, Wicken und Flieder vermischte sich mit dem vorherrschenden Geruch von Lavendel und Bohnerwachs. »Pass auf, auf den Teppichen rutscht man leicht aus«, warnte sie Rita, während sie vorsichtig auf einen verblichenen Perserteppich trat. »Annie bohnert den Boden, bis er so glatt ist wie Glas. Ich habe schon gesehen, wie Leute über die Dielen geschlittert und heftig auf ihren vier Buchstaben gelandet sind.«

Rita sah sich in der wilden Mischung von Möbeln um: abgenutzte, mit Chintzstoff abgedeckte Sofas, Stühle aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert, indische Tische mit Einlegearbeiten und Bücherregale, die sich unter den verschiedensten und offensichtlich oft gelesenen Bänden bogen. An den Wänden hingen Ölgemälde und Aquarellbilder, und auf jeder freien Fläche standen gerahmte Familienfotos und die unterschiedlichsten Hinstellerchen: Japanische Elfenbeinschnitzereien und dicke Buddhas mit fröhlichen Gesichtern wetteiferten mit Figuren aus Meißner Porzellan und beeindruckenden afrikanischen Skulpturen um die besten Plätze.

»Hier sieht's ja aus wie in einem verdammten Museum«, brummte Rita.

»Die Familie war viel auf Reisen. Mein Großvater war Arzt bei der Armee, und sie haben eine Weile in Indien gelebt und in Kenia. Aber wir sollten uns beeilen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich bekomme gerade Hunger.«

»Ich könnte einen ganzen Ochsen verdrücken, verdammt noch eins«, verkündete Rita. Als sie Mirandas tadelnden Blick bemerkte, zuckte sie mit den Schultern. »'tschuldigung. Ich versuche, vor den alten Leutchen nicht zu fluchen.«

»Ich würde sogar in meinem Alter was hinter die Ohren bekommen, wenn ich solche Ausdrücke benutzen würde.« Miranda öffnete die Wohnzimmertür und führte Rita durch einen Irrgarten aus Fluren bis zur Eingangshalle auf der Vorderseite des Hauses. Sie blinzelte, bis sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten. Das einzige natürliche Licht fiel durch ein buntes Glasfenster oberhalb der gewundenen Treppe herein und zauberte ein kaleidoskopartiges Muster auf die buntgemusterten Bodenfliesen in antikisierendem Enkaustikstil. Da Miranda praktisch alle Schulferien auf Highcliffe verbracht hatte, hatte sie sich nie über das leicht bizarre Aussehen des alten Hauses gewundert. Doch nun, da sie es durch die Augen einer Außenstehenden sah, fiel ihr auf, dass es gelinde gesagt ungewöhnlich war. Sie führte Rita zur Garderobe. »Hier drinnen gibt es keine Katzen – oder Ratten«, erklärte sie grinsend. »Ziehen wir uns um, und dann essen wir.« Sie hoffte, dass Annie den Großteil des Kochens übernommen hätte. Es wäre zu peinlich, wenn sie eines von Grannys Spezialgerichten vorgesetzt bekämen, Kutteln mit Zwiebeln zum Beispiel, oder Leber, die so lange gebraten worden war, dass sie zäh wie Schuhsohle war und nach Eisenspänen schmeckte.

Als sie in die Küche traten, wurden sie beinahe von einem heißen Luftstoß und dem Geruch nach verbranntem Essen umgeworfen. Annie Shipway, eine knochige Frau von überdurchschnittlicher Größe, stand mit einer geblümten Schürze bekleidet am Spülbecken. Sie steckte bis zu den Ellenbogen im heißen Wasser und wusch Spitzengardinen. Der Geruch nach Sunlight-Seife, Ammoniak und verbranntem Fett war überwältigend. Maggie kam durch die Hintertür hereingestürzt und blieb mitten im Raum stehen. Hilflos sah sie die Pfanne auf dem Herd an, von der schwarzer Rauch aufstieg. »Sie haben den Schinken anbrennen lassen, Sie unnützes Weib!«, schimpfte sie. »Das war eine ganze Wochenration Fleisch! Jetzt müssen wir jeden Tag Fisch essen, und Sie wissen genau, dass der Major dafür nicht zu haben ist!«

Annie warf einen Blick über die Schulter. »Dann nehmen Sie doch die Pfanne vom Herd. Sehen Sie nicht, dass ich zu tun hab? Ich kann nicht alles auf einmal machen. Sie haben gesagt: Waschen Sie die Gardinen. Nicht: Passen Sie auf den Herd auf.«

»Jetzt stellen Sie sich auch noch an! Die Vorhänge mussten dringend gewaschen werden.« Maggie ging vorsichtig zum Herd und wickelte ihre Schürze um den Griff der Pfanne. Als sie sie am ausgestreckten Arm hinaus in den Garten trug, zog sie eine dichte Rauchwolke hinter sich her. Einen Augenblick später kehrte sie mit einem schicksalsergebenen Lächeln zurück. »Tja. Na ja. Wenigstens legen die Hennen gut. Ich habe gerade nach ihnen geschaut. Alle da und wohlauf. Außerdem müssten wir noch jede Menge Kartoffeln haben, wenn dein Großvater die nicht alle für seine albernen Experimente verbraucht hat.«

Miranda tauschte einen verblüfften Blick mit Rita, aber bevor sie ihre Großmutter nach der Art dieser Experimente fragen konnte, hatte Maggie schon einen neuen Kurs eingeschlagen: »Annie, meine Liebe, wären Sie so nett, die Koffer der Mädchen zu holen? Sie mussten sie in Ihrem Vorgarten deponieren, weil dieser Toop-Bengel sie im Stich gelassen hat.«

»Ich habe nur zwei Hände, Mrs. B. Ich geh, sobald ich die Wäsche aufgehängt hab, und das mache ich jetzt. Außer Sie möchten, dass ich erst noch den Kamin kehre oder aufs Dach steige und ein paar Dachpfannen ersetze.«

»Nein, meine Liebe. Das wäre alles fürs Erste«, erwiderte Maggie ruhig. »Ich mache den Mädchen etwas zu essen und zu trinken, und dann finden wir heraus, wo Rita untergebracht wird. Der Major kennt bestimmt die Dame, die sie aufnehmen soll. Er kennt so gut wie jeden hier im Ort.«

»Jeden, der schon mal ein Verbrechen begangen hat.« Annie warf die Gardinen in einen Weidenkorb. »Ich gehe nachschauen, ob Elzevir zu Hause ist. Nicht mal ich kann drei Koffer auf einmal schleppen. Sie behandeln mich vielleicht wie Ihren Packesel, Mrs. B, aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich dran erinnern, dass ich auch nur eine Frau bin wie Sie.«

»Ach, los, verschwinden Sie schon! Tun Sie doch, was Sie wollen, Annie. Das tun Sie ja sowieso.« Offensichtlich ungerührt vom respektlosen Verhalten ihrer Hausangestellten, scheuchte Maggie sie aus der Küche.

Grummelnd trug Annie die Wäsche nach draußen und hinterließ eine nasse Spur, wo das Wasser zwischen den locker geflochtenen Weidenruten heraustropfte.

»Sie wird immer schlimmer«, bemerkte Miranda streng. »Du solltest nicht zulassen, dass sie so mit dir redet, Granny.«

Maggie lachte und zuckte die Achseln. »Ach, sie ist in Ordnung. Ich achte gar nicht auf Annie Shipway. Wir kennen uns jetzt schon eine Ewigkeit. Aber heute, ehrlich gesagt, war sie die Freundlichkeit in Person. Du solltest sie mal erleben, wenn sie schlechte Laune hat. Wie auch immer, jetzt mache ich euch erst mal ein Sandwich oder so. Ihr habt bestimmt Hunger.« Sie ging in die Vorratskammer, und Miranda hörte, wie sie scheinbar wahllos Dinge herumrückte.

»Verrückt sind die hier, allesamt vollkommen verrückt«, murmelte Rita vor sich hin.

Miranda legte warnend einen Finger auf die Lippen. »Pssst, sie kann dich hören.«

Mit einer großen Porzellankanne und einem Teller voller Kekse kam Maggie aus der Vorratskammer und stellte ihre Funde auf den Tisch. »Meine hausgemachte Limonade und die Rock Cakes, die ich heute Morgen gebacken habe«, verkündete sie stolz. »Ich habe ordentlich Trockenfrüchte zugegeben, damit sie trotz der geringen Mengen Zucker und Eier wie richtiges Gebäck schmecken. Den Teufel soll dieser Krieg holen! Ach, Miranda, Liebes, kannst du uns bitte ein paar Gläser suchen? Ich kann mir nie merken, wo Annie sie hinstellt. Ich könnte sogar schwören, dass sie ständig alles umräumt auf den Regalbrettern, nur um mich zu verwirren und mir klarzumachen, dass das hier ihr Revier ist und nicht meins.«

Miranda wusste genau, wo die Gläser waren. Seit sie zurückdenken konnte, standen sie auf dem gleichen Regal, aber das war für ihre Großmutter nichts, was sich an Einzelheiten zu merken lohnend schien. Wenn es um Haushaltsangelegenheiten ging, war Granny mit den Gedanken stets irgendwo anders. Miranda schenkte die Limonade ein und reichte Rita ein Glas, bevor sie selbst einen ersten Schluck nahm. Die Limonade schmeckte köstlich, doch es war allgemein bekannt, dass Maggie für ihre hausgemachte Limonade nichts weiter tat, als Eiffel-Tower-Lemonade-Pulver mit heißem Wasser aufzugießen und umzurühren. Dafür brauchte man kein kulinarisches Genie zu sein, aber das Ergebnis war köstlich und erfrischend. Die Rock Cakes hingegen würden alles andere als schmecken und wahrscheinlich, so hoch aufgetürmt sie wären, jedem, der sie versuchte, wie Steine im Magen liegen.

»Bedien dich.« Maggie hielt Rita den Teller hin. »Nicht so bescheiden.«

Rita nahm einen Keks. »Danke«, sagte sie und beäugte ihn misstrauisch. Miranda wollte ihre Großmutter nicht enttäuschen, also biss sie von ihrem Keks ab und lächelte Rita ermutigend zu, während sie kaute und das staubtrockene Gebäck herunterschluckte.

»Kochen ist ja nicht gerade meine Stärke«, erklärte Maggie bescheiden. »Aber alle lieben meine Rock Cakes. Mit der Rationierung ist es nicht so einfach, aber irgendwie kriegen wir es schon hin. Das Stück Schinken war leider der letzte Rest vom armen Percy. Ich glaube, ich bringe es nicht über mich, noch einmal ein Schwein zu halten. Es ist zu schrecklich, wenn man das arme Ding zum Schlachter bringen muss. Ich hatte das mürrische Kerlchen richtig lieb gewonnen.«

Rita verschluckte sich und griff nach der Limonade.

»Willst du keinen, Granny?« Miranda reichte ihrer Großmutter den Teller. Sie wusste genau, dass Maggie ablehnen würde, aber sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie ein wenig aufzuziehen.

»Nein, danke, ich habe überhaupt keinen Hunger.« Maggie legte den Kopf schief und lauschte auf das Geräusch schwerer Schritte draußen vor der Hintertür. »Das ist sicher dein Großvater, Miranda. Egal was passiert, sprich ihn nicht auf Dünkirchen an.«

»Warum nicht?«

»Er erholt sich noch, mein Schatz. Er war so dumm zu vergessen, dass er kein junger Mann mehr ist, und musste Colonel Winterton unbedingt auf seinem Motorkreuzer begleiten.

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